Beschreibung

Privatdetektivin Jule Flemming soll ermitteln, wer der Tochter des Bürgermeisteranwärters die Vergewaltigungsdroge GHB ins Getränkt gemischt hat. Doch sie stößt auf eine Mauer des Schweigens. Wer verbirgt was? Nichts scheint zu sein, wie es ist, und Jule wird selbst Opfer eines feigen Anschlages. Was verbirgt der Kriminalkommissar Mark Heilig? Dann verschwindet der Hauptverdächtige. Und plötzlich nimmt alles an Fahrt auf, aber in eine ganz andere Richtung …

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Katrin Rodeit

Gefährlicher

Rausch

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

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www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung / E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung einer Vektorgrafik von: © lakalla – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4430-2

Vorbemerkung

Die Geschichte sowie die handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Übereinstimmung mit realen Personen ist zufällig und nicht gewollt. Die erwähnten Schauplätze in Ulm gibt es wirklich. Lediglich der Jazz-Keller sowie das Jungle sind meiner Fantasie entsprungen.

Prolog

Er war dabei, ein Verbrechen zu begehen. Verdammt!

Auf Zehenspitzen huschte er über den in nächtlicher Dunkelheit liegenden Parkplatz. Was passierte, wenn sie ihn erwischten?

Ihm wurde kalt, als er an die Typen dachte, und er versuchte, den Gedanken beiseitezuschieben. Noch einmal wandte er den Kopf in alle Richtungen, ballte die Fäuste und kämpfte gegen die Gänsehaut und seinen flauen Magen an. Sosehr er sich bemühte, es gelang nicht.

Mit zitternden Fingern löste er die Seile. Ihm war klar, dass es falsch war. Er hätte anders handeln müssen. Und er wusste, wie. Es wäre so einfach gewesen, das Richtige zu tun.

Er kletterte auf den Lkw und zog die schwere Plane ein Stück zur Seite. Gerade so, dass er hindurchschlüpfen konnte. Erst jetzt wagte er es, die Taschenlampe aus der hinteren Hosentasche zu ziehen. Er deckte den Lichtschein mit der Hand ab und ließ nur einen winzigen Spalt.

Er sah den Zurrgurt nicht und stolperte, fing sich aber im letzten Moment. Das Adrenalin rauschte durch seine Blutbahn, jede Faser seines Körpers drängte zur Umkehr.

Noch einmal holte er Luft, dann richtete er sich auf und zwang den Strahl der Leuchte nach hinten auf den Boden. Dort musste das Versteck sein. Endlich am Ziel, hebelte er den Deckel mit einem Schraubenzieher auf.

Das Geräusch war nicht laut, trotzdem dröhnte es in seinen Ohren, und sein Herz setzte einen Schlag aus. Er wusste, dass er tot war, wenn sie ihn erwischten.

Jetzt oder nie. Junge, reiß dich zusammen, verdammt!

Seine Hände gehorchten ihm nicht, und er konnte den Deckel kaum zur Seite klappen. Einen Moment starrte er auf den Beutel, der in dem Hohlraum verborgen lag, und sein Atem beschleunigte sich. Das Plastik verhüllte den Inhalt nur unzureichend, die weißen Tabletten, wie viele mochten es sein?, waren deutlich zu erkennen. Langsam, fast ehrfürchtig nahm er die Tüte heraus und öffnete sie, um die gepresste Versuchung durch seine Finger gleiten zu lassen.

Dann zuckte er zusammen. Was war das? Es hatte sich angehört wie ein Knacken. War dort draußen jemand? War er entdeckt worden?

Hastig stopfte er zwei Handvoll von den Tabletten in seine Jackentaschen und löschte das Licht der Taschenlampe. Geschmeidig wie eine Katze versuchte er, zurückzugehen, und hatte doch das Gefühl, zu trampeln wie ein Elefant. Er zwang sich, die Plane zur Seite zu schieben. Die Angst fraß ihn beinahe auf.

Niemand war zu sehen. Hatte ihm seine Fantasie einen Streich gespielt?

Rasch schlüpfte er durch den entstandenen Spalt und ließ sich auf den Boden gleiten, zog die Kapuze seines Pullis tief ins Gesicht und verschwand im Gebüsch neben dem Parkplatz.

Erst jetzt wagte er durchzuatmen. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, das sich in ein zufriedenes Grinsen wandelte, als er den Inhalt seiner Jackentasche befühlte. Er hatte es geschafft! Er war in Sicherheit. Auch wenn er wusste, dass es abgrundtief falsch war.

Montag

In dem unscheinbaren Mietshaus in Blaustein roch es nach Zwiebeln. Zweifellos kochte die türkische Mama in der ersten Etage für ihre vier Kinder und den Mann das Mittagessen. Ich schluckte und beschleunigte meinen Schritt in den dritten Stock. Der Geruch auf leeren Magen war kaum auszuhalten.

Erleichtert atmete ich auf, als ich das Büro betrat. Am Empfang saß Anna Jost und tippte auf der Tastatur ihres Computers. Ohne den Kopf zu bewegen, hob sie die Augen über den Rand ihrer Brille, die sie an einer altmodischen Kette um den Hals trug.

»Was machst du denn hier? Ich dachte, du hast Urlaub.« Sie hatte eine erotisch rauchige Stimme. Zigarren und alter Whiskey. Sie hätte perfekt in den Jazz-Keller gepasst. Gut gelaunt wie jeden Morgen thronte sie mit roter Löwenmähne hinter dem Schreibtisch und erinnerte an das mondäne Aussehen einer stilvoll alternden Sophia Loren.

»Wo ist Bernd?«, fragte ich, eine Spur mürrischer, als ich beabsichtigt hatte, weil ich nicht einsehen wollte, dass mein Urlaub ein so jähes Ende gefunden hatte.

»Schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Steckt mitten in einem Fall von Industriespionage.« Sie warf mir einen seltsamen Blick zu. Eine Mischung aus Mitleid und Du-kannst-sowieso-nichts-ändern. Und etwas anderem, das ich nicht deuten konnte. Mir wurde flau im Magen. »Geh rein, Werner telefoniert. Der Kaffee ist auch gleich fertig.«

Ich seufzte, stiefelte in mein Büro und setzte mich an den leeren Schreibtisch. Die Situation hatte etwas Surreales. Der Bildschirm des Rechners hatte beleidigt die Augen geschlossen, und auch das Telefon gab keinen Ton der Begrüßung von sich. Vielleicht sollte ich nach Hause gehen.

Ich starrte eine Weile auf die Schreibtischunterlage, in deren Mitte der gewellte Rand einer Kaffeetasse mit braunen Spuren prangte. Gerade als ich aufstehen wollte, polterte mein Chef zur Tür herein, in der Hand zwei dampfende Tassen, von denen er mir eine reichte.

»Morgen, Jule. Hast ja doch hergefunden.«

Ich schnaubte. Dass ich schon wach gewesen war, als er mich angerufen hatte, brauchte ich ihm nicht auf die Nase binden.

»Geht es dir gut?« Für einen langen Moment sah er mich an, in den Augen väterliche Wärme. Ich schluckte und sah auf den Boden.

»Passt schon.« Meine Stimme hörte sich rau an.

»Ich hätte dich nicht angerufen, wenn es nicht wichtig gewesen wäre.«

Als ich nicht antwortete, sprach er weiter.

»Wir haben einen neuen Klienten: Harald Becker. Er wartet im Besprechungszimmer.«

Ich zuckte mit den Schultern. Wenn er der Grund war, dass ich um die Uhrzeit hier sein musste, mochte ich ihn jetzt schon nicht.

»Du kennst Harald Becker nicht?« In Werners Blick spiegelten sich Entsetzen und Fassungslosigkeit. »Komm mit, ich erkläre es dir später.«

Ich folgte ihm, die Kaffeetasse in der Hand, und gab mir gar nicht erst Mühe, ihn einzuholen. Eine beachtliche Leistung bei seiner Leibesfülle!

»Die Sache ist ein wenig delikat«, sagte er und blickte zu mir zurück. Bevor er erklären konnte, was er meinte, hatten wir das Besprechungszimmer erreicht, und er betrat vor mir den kleinen, hellen Raum mit den bunten Drucken an der Wand und der Topfpflanze in der Ecke.

Mit auf dem Rücken verschränkten Händen stand mitten im Zimmer ein Mann und sah nach draußen. Er musste uns längst gehört haben, drehte sich aber erst um, als Werner die Tür schloss. Die beiden schüttelten sich die Hand.

»Jule Flemming«, stellte Werner mich mit breitem Lächeln vor. »Meine beste Privatdetektivin.«

Er hatte nur eine.

Ich ging auf Becker zu und streckte ihm die Hand entgegen, obwohl sich alles in mir sträubte. Er sah mich nicht einmal an.

»Was soll sie hier?« Seine Stimme war leise und von unterdrückter Abneigung, die Stirn gerunzelt. Er sah an mir vorbei.

»Sie wird Ihnen in Ihrem Fall behilflich sein.«

Im Raum konnte man eine Stecknadel fallen hören. Und ich kam mir vor wie ein unsichtbares Gespenst.

»Sind Sie verrückt? Ich arbeite nicht mit Frauen.«

»Das passt mir ausgezeichnet«, schaltete ich mich ein und steckte die Hand in die Hosentasche, weil ich nicht wusste, wohin damit. »Ich arbeite auch nicht mit arroganten Schnöseln.«

Ich drehte mich um und ging zur Tür, würde mich nicht weiter beleidigen lassen. Nicht während meines Urlaubs. Werner stand mit offenem Mund und Augen so groß wie Untertassen im Raum, blickte von mir zu Becker und zurück.

Werner streifte ein anklagender Blick. »Sehen Sie, das meine ich. Sie sind unzuverlässig, zickig und eingebildet. Und man kann sich nicht auf sie verlassen.«

Sagte ein Typ, der sich die Brauen zupfte und dessen Kosmetikaverbrauch meinen weit überstieg.

Im Türrahmen blieb ich stehen und drehte mich langsam um.

»Was glauben Sie, wer Sie sind?« Ich erhielt keine Antwort. Weder von Werner noch von Becker. Dafür hatte ich jetzt die ungeteilte Aufmerksamkeit von beiden. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Mein Chef, groß an Statur und von beeindruckender Körperfülle, blickte mich an, als habe er ein UFO gesehen. Becker, ein durchtrainierter, etwas kleinerer Mann in teurem Zwirn, hatte sich leicht nach vorn gebeugt, die Fäuste in die Hüften gestemmt und betrachtete mich, mit zusammengekniffenen Augen.

Er begann zu lachen. Immer lauter und mit einem Anflug von Hysterie. »Sie hat keine Ahnung, wer ich bin«, sagte er an Werner gewandt und schüttelte den Kopf. »Nicht wahr? Sie weiß es nicht!«

»Ist mir ehrlich gesagt auch wurscht.«

»Sie fragt niemand.«

»Können wir uns bitte für einen Moment beruhigen?« Werner hatte seine Sprache wiedergefunden.

»Ich verlange Chefbehandlung. Das hat jetzt nichts mit Ihnen zu tun.« Er wedelte mit der Hand in meine Richtung, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen.

Umso besser, dann war ich raus aus der Nummer, und Werner durfte sich mit diesem fleischgewordenen Macho allein herumschlagen. Ich beneidete ihn nicht. Da mich niemand mehr brauchte, verließ ich den Raum und schloss die Tür hinter mir.

Ich war schon fast im Büro, als Werner mich einholte und an der Schulter packte. »Komm sofort zurück!« Er sprach leise, und ich wusste, was das bedeutete.

»Er wünscht Betreuung durch den Chef persönlich. Bestimmt ist sein Fall ungewöhnlich.« Ich biss die Zähne zusammen, hielt seinem Blick stand. »Außerdem möchte er nicht mit Frauen zusammenarbeiten. Was soll ich also hier? Ich habe Urlaub.«

Er deutete mit dem ausgestreckten Daumen hinter sich, und ich maulte vor mich hin, als er sich umdrehte und zurückging. Das Gemecker war eher pro forma. Er wusste es, ich sowieso.

»Das ist Jule Flemming«, wiederholte Werner die Vorstellung, und diesmal sah Becker mich wenigstens an. Die Hand reichte er mir nicht, und ich war versucht, ihm die Zunge herauszustrecken. »Sie wird sich um Ihren Fall kümmern.«

Da war das letzte Wort noch nicht gesprochen.

»Setzen wir uns«, verlangte Werner und schob uns wie zwei bockige Kinder in die Sitzecke.

Noch immer hatte ich keinen Schimmer, wer Becker war. Mich interessierte, was Werner ihm gesagt hatte, dass er sich nun mit mir an einen Tisch setzte. Rauswerfen wie mich konnte er seinen Klienten nicht.

Mein Chef beugte sich vor. »Herrn Beckers Tochter ist in einer Diskothek eine Droge ins Getränk gekippt worden. Er möchte wissen, wer das war und warum das geschehen ist.«

Zum ersten Mal blickte ich ihn wirklich an und hoffte auf Erleuchtung. Sie blieb aus, mein Eindruck änderte sich nicht. Er war nicht unattraktiv. Das Problem war nur, dass er es wusste und beim Unterstreichen übertrieb. Zu viel Gel, zu viel Sonnenbank, zu viel Creme. Die Liste ließ sich beliebig fortsetzen.

Ich seufzte in mich hinein. »Was war es?«

Ein verständnisloser Blick traf mich. »Was war was?«

»Die Drogen, mit denen man Ihre Tochter außer Gefecht gesetzt hat. Ich nehme an, es waren Drogen?«

Schwer von Begriff war er auch.

»Woher soll ich das wissen?«

»Weil Sie bei der Polizei waren? Anzeige erstattet haben? Weil Ihre Tochter ärztlich untersucht wurde? Weil ihr Blut abgenommen worden ist?« Ich hob eine Augenbraue.

Am Tisch herrschte Schweigen. Werners Blick klebte an der Wand, wanderte zur Decke. Becker stierte geradeaus auf die Tischplatte.

Ich hob die andere Augenbraue. »Sie sind nicht bei der Polizei gewesen.«

Jetzt sah er auf, schwieg eine Weile. »Das kann ich nicht brauchen. Nicht in meiner Position.«

Er brannte darauf, mich bloßzustellen, das konnte ich deutlich sehen.

»Es mag sein, dass Sie mich nicht kennen. Aber als angehender Bürgermeister habe ich es nicht gern, wenn das Privatleben meiner Familie in der Öffentlichkeit breitgetreten wird. Außerdem kann ich mir negative Publicity nicht leisten. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Presse Wind davon bekommen hätte.«

Er war Lokalpolitiker? War das alles? Ich war enttäuscht.

»Wie geht es Ihrer Tochter?«

Er wedelte mit der Hand. »Laura ist nichts weiter geschehen. Trotzdem will ich wissen, wer das war. Vielleicht hat es mit dem Wahlkampf zu tun.«

War es zu fassen? Seine übergroße Liebe zu Frauen machte vor der eigenen Familie nicht Halt.

Ich quetschte ihn noch ein bisschen aus, und er gab widerwillig Antwort. Werner musste stolz auf uns sein. Alles, was ich für wichtig hielt, notierte ich. Das Interview war schnell beendet, Becker taugte nicht als Informationsquelle.

Schließlich verabschiedete ich mich, überließ die beiden dem Smalltalk und machte, dass ich hinauskam. Was für ein beschissener Tag! Ich hätte es ahnen müssen, als ich heute Morgen aus dem Bett geklingelt worden war …

… Wie zähflüssige Melasse hatte sich mein Gehirn angefühlt. Es war spät gewesen gestern. Als ich sah, wer vor der Tür stand, seufzte ich, schob den Riegel zurück und öffnete.

»Guten Morgen, Leon!«

»Morgen, Jule«, posaunte er fröhlich. »Hast du noch geschlafen?«

Ja. Bis vor zwei Minuten. Süß und selig.

Strahlend marschierte er an mir vorbei in die Küche und ließ sich auf einen der beiden Stühle plumpsen. Ein erwartungsvoller Blick aus dunklen Augen traf mein Herz. Es wurde weich wie Butter, und ich räusperte mich.

Leon wohnte mit seiner Mutter Barbara einen Stock unter mir, und ich schuldete ihm Geld. Dreizehn Euro und zweiundneunzig Cent.

Im Schränkchen über dem Herd kramte ich nach den Mini-Schokoküssen und stellte den Karton auf den Tisch, dann setzte ich die Kaffeemaschine in Gang. Bevor ich keinen Kaffee hatte, konnte ich nicht denken.

»Ist der Polizist nicht da?«, fragte Leon undeutlich an einem weißen Schaumkuss vorbei und ließ die Augen mit der Kinder eigenen Neugier durch den Raum schweifen.

Autsch. Ich schluckte beim Gedanken an Mark und verdrängte das warme Gefühl, das sich ungefragt in meinem Bauch breitmachte.

Endlich war der Kaffee fertig, und ich trank wie eine Süchtige. Erleichtert stellte ich fest, dass mein Hirn die Arbeitsleistung mit normaler Geschwindigkeit aufnahm, während Leon sich einen Schokokuss nach dem anderen in den Mund stopfte. Ich war froh, dass er nicht weiter auf meiner Beziehung zu Mark herumhackte. Wobei Beziehung ein sehr dehnbarer Begriff ist, und die zwischen uns erst einmal definiert werden müsste.

Etwas, über das ich mir im Urlaub Klarheit hatte verschaffen wollen. Es war beim Versuch geblieben. Wie so vieles. Beispielsweise ob ich den Beruf wechseln oder mich zur Adoption freigeben sollte.

»Ich möchte auch Privatdetektiv werden«, riss Leon mich aus meinen Gedanken und strahlte mich mit glänzenden Kinderaugen an.

Ich schluckte den Kaffee zu schnell, und er hinterließ eine brennende Spur in meinem Hals, ehe er ein Loch in den Magen ätzte. Erneut hustete ich.

»Möchtest du nicht etwas anderes werden? Raumfahrer zum Beispiel? Oder Lokführer? Oder vielleicht Polizist?« Marks Gesicht drängte sich vor mein inneres Auge. »Nein, besser nicht.«

»Ich finde dich einfach cool!«

Gepaart mit dem glücklichen Funkeln in seinem Gesicht waren die Worte Balsam für meine Seele, und ich schluckte an dem Kloß in meinem Hals.

Das Klingeln des Telefons unterbrach uns, und ich war froh, dass eine weitere Diskussion über Leons Berufswünsche ausgebremst war.

»Flemming?«

»Ach Gottchen, Jule, wie schön, dass du wieder da bist!«

»Lou, …«

»Ja, ich bin’s«, antwortete er fröhlich kieksend. »Hast du dich gut erholt? Was macht die Stimme?«

»Ist meine Stimme alles, was dich interessiert?«

»Nein, natürlich nicht. Alles wieder okay?« Wärme tropfte an mein Ohr wie das Klingeln von Glöckchen auf Vinyl, und ich merkte, wie wohl mir das tat. Es ging nichts über gute Freunde.

»Alles in Ordnung.« Zumindest hoffte ich das.

»Oh, das ist prima. Fein, fein! Ich habe da nämlich einen kleinen Anschlag auf dich vor.«

Jemand zog die Nadel über die Scheibe, das Glöckchenklingeln verstummte mit einem unschönen Kratzen.

»Ich plane ein Sommerfest im Jazz-Keller. Nur für Stammgäste und engste Freunde. Und du darfst da natürlich nicht fehlen. Ich dachte mir, du könntest vielleicht das eine oder andere Lied singen? Ich meine, wenn deine Stimme wieder okay ist.«

Das wusste ich selbst nicht.

Ohne etwas zu versprechen, willigte ich ein, in den nächsten Tagen vorbeizukommen. Zugeben würde ich es nicht, aber es schmeichelte meinem Ego, dass er mich als Gesangs-Act einplante.

Als ich auflegte, begann es sofort wieder zu läuten. Mit einem Seufzen nahm ich den Hörer auf. Es war, als wäre ich nie weg gewesen.

»Ich brauche dich hier.«

»Dir auch einen schönen guten Morgen«, antwortete ich meinem Chef. »Und nur für’s Protokoll: Ich bin erst seit gestern zurück und habe heute noch Urlaub.«

»Ist mir egal, du musst herkommen. Bernd steckt bis über beide Ohren in Arbeit, und ich habe einen dringenden Fall.«

»Dann gib ihn Anna.« Als ich den Mund zuklappte, wusste ich, dass ich den Bogen überspannt hatte. Ich seufzte. »Okay, ich bin auf dem Weg.«

»Das will ich dir auch geraten haben.« Werner Simons Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Weil ich die Anzeichen kannte, legte ich schnell auf.

Wenig später war ich geduscht und angezogen in der Küche zurück. Den Kampf mit den Haaren hatte ich aufgegeben, bevor er begonnen hatte. Sie taten ohnehin, was sie wollten. Ich hatte die halblangen Locken in einen Pferde­schwanz gezwängt, aus dem sich die ersten Kringel schon wieder selbstständig machten.

Mein Lederbeutel lag auf dem Schuhschränkchen am Eingang, und ich griff danach, während ich Leon zur Tür hinausschob.

Als Aquarius aus der Tasche dudelte, hielt ich den Atem an. Dem fühlte ich mich heute Morgen nicht gewachsen. Ich gab mir alle Mühe, es zu ignorieren, und lauschte kurze Zeit später der wohltuenden Stille.

»Und das mit deinem Berufswunsch überlegst du dir lieber noch einmal«, hatte ich vorgeschlagen, als wir uns verabschiedeten, und Leon hatte einen Flunsch gezogen.

Der Urlaub war vorbei. Endgültig.

Nun fügte ich mich in mein Schicksal und fuhr vom Büro direkt nach Böfingen, einem Ortsteil von Ulm, weil ich ahnte, was mir blühte, wenn ich Werners Befehl nicht nachkam. Im Grunde war er ein gutmütiger Mensch, aber er würde mich ohne zu zögern auf die Straße setzen, wenn ich die Arbeit verweigerte.

Als wäre ich heute Morgen nicht leidgeprüft genug, ertönte vom Beifahrersitz wieder Aquarius aus meiner Handtasche. Ein Seufzen stieg meine Kehle hinauf, es hatte keinen Zweck. Ich fuhr auf den Parkplatz eines Supermarktes und kramte mein Handy hervor. Förmlich meldete ich mich.

»Aber Kind, du weißt doch, wer hier ist«, klang die vorwurfsvolle Stimme meiner Mutter aus dem Hörer. »Wie geht es dir? Wie war der Urlaub?«

Ich holte nicht einmal Luft.

»Mir ist schon wieder etwas Seltsames passiert«, verkündete sie auch gleich, und ich schloss die Augen. Beim letzten Mal hatte sie Kontakt zu einer Toten gehabt. Zu meiner Leiche. Bitte. Nicht schon wieder.

Doch diesmal handelte es sich nur um eine Ausstellung für ihre Bilder, die ein Gönner organisieren wollte. Meine Mutter malte, und eine Vernissage war ein kleiner Erfolg, denn sie konnte sich damit kaum über Wasser halten. Ich hütete mich, das laut zu sagen, und gratulierte. Die Einladung, mir die Gemälde vorher anzusehen, lehnte ich ab und schob einen neuen Fall vor. Eine Teilnahme an der Ausstellung hielt ich mir offen.

»Du machst aber doch nicht wieder so etwas Gefährliches? Ich konnte nächtelang nicht mehr schlafen nach dem letzten Mal.«

Tatsächlich. Ich hatte heute noch Probleme.

Meine Mutter hasste meinen Beruf. Ihr wäre nicht in den Sinn gekommen auszusprechen, dass ich Privatdetektivin war.

»Mutter, das war eine Ausnahme.«

»Wenn du meinst.« Sie klang wenig überzeugt. Das tat mir gut. Hatte sie sich früher jemals Gedanken um mich gemacht?

Ich versprach mit gekreuzten Fingern, bald auf eine Tasse Tee bei ihr vorbeizukommen, und verschob die Überlegung, mich zur Adoption freizugeben, auf später.

Im Moment hatte ich andere Sorgen. Eine davon hieß Laura Becker, für die ich schon jetzt Mitleid empfand.

Wenig später erreichte ich in Böfingen den Lettenwald. Wenn die letzten Hinweise auf eine Großbaustelle verschwunden waren, wäre es hier schön zu wohnen. Im Moment war an allen Grundstücken noch etwas zu tun. Hier musste noch eine Einfahrt gepflastert, da der Vorgarten angelegt, anderswo der Garten bepflanzt oder eine Terrasse gemauert werden.

Trotzig zeugten Topfpflanzen hinter Fenstern davon, dass die Bewohner es sich im Inneren bereits gemütlich gemacht hatten.

Das Haus der Beckers war das einzig fertige. Nirgends lag ein Krümel Erde, der da nicht hingehörte, und die weiße Außenfassade strahlte hell wie die Sonne.

Ein Hauch von Spießigkeit umgab mich. Ich überlegte, ob ich tauschen wollte, kam aber zu keinem Ergebnis. Stattdessen läutete ich, und ein melodischer Ton hallte im Inneren wider. Wenige Sekunden später öffnete ein junges Mädchen in Jogginghosen.

Ich stellte mich vor, was sie mit schief gelegtem Kopf und spöttischem Blick quittierte. »So, Sie sind also die Privatdetektivin. Weiß mein Papa, dass Sie hier sind?«

Zweifellos Laura Becker. Sie hatte die gleichen Gesichtszüge wie ihr Vater, sie waren nur feiner geschnitten. Ich nickte, sie schüttelte den Kopf.

»Hat er wirklich mit Ihnen geredet?«

Was sollte ich sagen? »Können wir reingehen?«

Ich folgte ihr durch den Flur in ein lichtdurchflutetes, hell eingerichtetes Wohnzimmer. Hier hätte ich gern getauscht. Vor allem den Flachbildfernseher, den ich in einer solchen Größe noch in keinem Privathaushalt gesehen hatte, gegen meine alte Röhre.

Laura ließ sich auf dem einladend aussehenden Sofa nieder, und ich setzte mich ihr gegenüber in einen Sessel. Sie zog die Füße hoch, verschanzte sich hinter ihren Knien und musterte mich aus dunklen Augen.

»Also«, eröffnete sie das Gespräch und strich sich das lange, schwarze Haar zurück. »Ich rede mit Ihnen, weil mein Vater das will. Auch wenn es mich noch immer wundert, dass Sie hier sind. Er hält nicht viel von Frauen.«

Das war mir bekannt.

»Nur wegen ihm. Sonst aus keinem Grund. Mir ist nichts passiert, und ich möchte einfach nicht mehr über die Geschichte reden.« Sie klappte ihren Mund zu und sah nicht aus, als würde sie ihn bald wieder öffnen.

»Hey, was dir geschehen ist, ist nicht okay«, sagte ich, nachdem ich mich von der ersten Überraschung erholt hatte. »Das ist ein Verbrechen, und der oder die Täter müssen geschnappt werden. Sonst schlagen sie wieder zu, und dann passiert wirklich etwas. Komm schon, gib dir einen Ruck«, fügte ich hinzu und legte so viel Enthusiasmus in die Stimme wie ein Verkäufer, der seine Ladenhüter anpries.

Sie ließ mich schmoren. Ich sah nicht auf die Uhr, aber ich hätte gewettet, dass es länger als eine Minute dauerte, ehe sie ein Geräusch von sich gab. Sie seufzte. Laut und mit einem Augenrollen. Eine Reaktion, immerhin. Ich zog mein Ringbuch und den Kugelschreiber aus der Tasche und beugte mich nach vorn.

»Komm schon, vorher wirst du mich sowieso nicht los.« Ich versuchte zu lachen.

Laura sah mich nur an. Dann seufzte sie wieder vernehmlich und strich sich eine Strähne hinter das Ohr. »Sie brauchen gar nicht so verständnisvoll tun. Sie sind nicht meine Freundin.«

Jetzt hatte ich die Faxen dicke. »Name?«

»Laura Becker«, antwortete sie mürrisch hinter ihren Knien hervornuschelnd. Immerhin.

»Alter?«

»17.«

»Okay, dann erzähl mal von dem ominösen Abend.«

»Wir waren im Jungle …«

»Wer ist wir?«

Sie sah zur Decke. »Fabian und ich und ein paar aus der Klasse.«

»Wer ist Fabian?«

»Gott, Sie müssen aber auch wirklich alles wissen.«

»Klar, ich muss ein Verbrechen aufklären. Also?«

Die Antwort ließ auf sich warten. »Fabian Weiner, er ist mein Freund.«

Sie gab mir die Anschrift, ehe ich weiter nachhakte.

»Und was ist dann geschehen?«

»Keine Ahnung«, antwortete sie und blickte zur Seite. »Irgendjemand muss mir etwas in die Cola gekippt haben.« Sie zupfte Fusseln von ihrer Jogginghose und sah mich nicht an.

»Wie hast du das gemerkt?«

»Ich habe überhaupt nichts mehr gemerkt. Ich war weggetreten. Fabian hat mich nach Hause gebracht. Dummerweise sind wir dort meinem Vater in die Arme gelaufen.«

»Er hat also gesehen, was los war?«

»Ich habe ihm im Flur vor die Füße gekotzt.«

Ich schluckte. »Und keiner von beiden ist auf die Idee gekommen, dich ins Krankenhaus zu bringen?«

»Offensichtlich nicht.«

Trotz ihrer pampigen Art wurde ich das Gefühl von Mitleid nicht los, auch wenn es allmählich in den Hintergrund gedrängt wurde.

»Und sonst?«

Sie zog einen Schmollmund. Erst jetzt sah sie mich wieder an. »Kann mich an nichts erinnern.«

»Du hast nicht zufällig ein bisschen zu tief ins Glas geguckt?«, fragte ich mit gerunzelter Stirn, erntete aber nur einen spöttischen Gesichtsausdruck.

»Und Sie glauben, weil ich zu viel gesoffen habe und meinem Vater in den Flur kotze, erfinde ich eine Geschichte von einer Droge?«

Das kam meiner Vorstellung recht nahe.

»Sicher nicht, das habe ich nicht nötig. Außerdem wird Fabian bezeugen, dass ich nur Cola getrunken habe, keinen Alkohol. Der Barkeeper vermutlich auch.«

Dem würde ich nachgehen. »Könnte es sein, dass Fabian dir etwas ins Glas gekippt hat?«

Einen Augenblick sah sie mich mit großen Augen an, dann bahnte sich ein Laut ihre Kehle hinauf, der zunächst grollend klang und dann in ein silberhelles Lachen überging. Sie schüttelte den Kopf, dass die Haare flogen, und schlug sich auf die Schenkel. »Wäre traurig, wenn mein Freund mir Drogen geben müsste, um mit mir in die Kiste zu steigen, oder?«, japste sie.

»Sonst noch etwas?«

Sie stand ruckartig auf und lief zum Fenster. »Ich habe Ihnen doch schon gesagt, dass ich mich an nichts erinnern kann. Ich bin ins Bett gefallen und erst spät am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Mehr weiß ich nicht, außer dass mir den ganzen Tag speiübel war. Tun Sie doch einfach Ihre Arbeit und lassen mich in Ruhe. Das ganze Thema geht mir auf die Nerven. Meine Eltern lassen mich seither nicht mehr weggehen. Können Sie sich vorstellen, wie ätzend das ist?«

Ungefähr. Konnte sie sich vorstellen, wie nervig es war, aus einem renitenten Teenager Informationen herauszubekommen?

»Was sagt eigentlich deine Mutter zu dem Thema?« Es musste doch eine geben. Sie hatte von Eltern gesprochen.

»Ach die …«, Laura machte eine wegwerfende Handbewegung und neigte den Kopf zur Seite.

Klasse Eltern waren das!

Entschlossen ging sie zur Tür. »Jetzt ist es wohl an der Zeit, dass Sie gehen und Ihre Arbeit tun.«

Ich schluckte, stand aber auf, klaubte meine Sachen zusammen und verstaute sie in meiner Tasche. Auf ihrer Höhe blieb ich stehen.

»Jetzt hör mir mal gut zu …«, sagte ich leise und sah sie an.

Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Was?«, fragte sie und zog das Wort in die Länge. »Verschwinden Sie. Und lassen Sie mich in Ruhe.«

Ich hielt ihrem Blick stand. »Sonst?«

»Lasse ich Sie über die Klinge springen. Ein Ton zu Papi, dass Sie Scheiße bauen, und Sie sind raus.«

Sie sagte das so liebenswürdig, als würde sie mich zu einer Party einladen.

Ich kochte vor Zorn, als sie die Tür mit einem Knall hinter mir ins Schloss schlug, kaum, dass ich über die Schwelle getreten war.

Zuhause fühlte ich mich noch immer wie ein HB-Männchen kurz vor dem Platzen. Ich warf die Tür hinter mir ins Schloss und ging in die Küche, um eine Pizza in den Ofen zu schieben. Dann startete ich den Computer, um mehr über K.-o.-Tropfen zu erfahren. Dank des köstlichen Fertig-Pizza-Dufts, der bald durch den Raum zog, beruhigte ich mich.

Diese kleine Hexe! Nur weil Papa den dicken Geldbeutel schwang und angehender Bürgermeister war. Durfte sie das? Die Antwort war ebenso einfach wie frustrierend: Wenn ich den Fall ablehnte, hatte ich ein Problem mit Werner. Er würde nicht lange fackeln. Verdammt, was sollte ich tun? Auch die Antwort auf diese Frage war logisch: Zähneknirschend meinen Job machen und den Rest hinunterschlucken. Aber wenn ich mit der Göre aneinandergeriet, rannte sie zu Papa, der wiederum zu Werner ging. Mit dem gleichen Ergebnis.

Ich konnte es drehen und wenden, wie ich wollte: Was ich tat, ich würde verlieren. Ausgebremst von einem Möchtegern-Lokalpolitiker und seiner Tochter. Ich seufzte.

Die Wartezeit auf mein Essen schlug ich tot, indem ich mich über Art und Auswirkung der verschiedenen Drogen informierte.

Die Tropfen wurden überwiegend in Diskotheken in Drinks gekippt. Entweder, um die Opfer auszurauben, oder um Frauen willenlos zu machen und sie zu vergewaltigen. Die bekannteste war dem Namen nach Gamma-Hydroxybuttersäure, kurz GHB genannt. Die Betäubungsmittel wirkten euphorisierend, enthemmend und konnten die Betroffenen in entsprechender Dosierung in eine Art komatösen Schlaf versetzen. Nicht selten wurde den Opfern übel, und sie erinnerten sich am nächsten Tag an nichts.

Widerlich! Hoffentlich bekam ich das Zeug nie verabreicht.

Ich musste davon ausgehen, dass es etwas Ähnliches wie GHB gewesen war, weil ich einen Ansatzpunkt brauchte. Eine Blutprobe war nach so langer Zeit nicht mehr möglich, Becker sei Dank. Wer kam auf die Idee, Laura das Zeug ins Glas zu kippen? Und warum? Um sie zu vergewaltigen? Sie war ein hübsches Mädchen. Liiert mit Fabian Weiner. Hatte das Begehrlichkeiten geweckt? Gab es einen Nebenbuhler? Oder sollte sie ausgeraubt werden? Unwahrscheinlich. Ihr Vater war zwar kein Bettler, aber ein Teenie auf Discobesuch hatte sicher nicht so viel Bares bei sich, dass es sich lohnte, ihn auszurauben.

Lag ich falsch? Mit gerunzelter Stirn saß ich über den Computer gebeugt und versuchte, die Gedanken zu sortieren, die wie lose Fäden in meinem Hirn waberten.

Das passte alles nicht zusammen. Oder war Laura ein Zufallsopfer gewesen? Zur falschen Zeit am falschen Ort?

Bisher hatte ich nicht gehört, dass in Ulm eine Vergewaltigungsdroge aufgetaucht war. Allerdings erfuhr die Bevölkerung auch nicht alles, um laufende Ermittlungen nicht zu gefährden.

Vielleicht sollte ich …

Lou platzte denkbar ungelegen telefonisch in meine Überlegungen.

»Bitte, Jule. Wir wollten doch miteinander über das Sommerfest reden.« Die Stimme kurz vor dem Überschnappen.

»Wenn ich Zeit habe, habe ich gesagt. Du hättest auch sagen können, dass du mich sehen möchtest. Weil du mich vermisst.«

»Aber Kindchen, ich vermisse dich doch.«

Klar, ich dich auch.

»Wann kommst du?«

»Lou!«

»Entschuldigung. Wir können ja einfach ein Gläschen zusammen trinken. Und reden gar nicht darüber. Besser?«

Ich machte eine Pause, während der er hoffentlich an den Fingernägeln kaute und von einem Fuß auf den anderen trat.

»Okay. Ich komme vorbei.« Er war mein Freund, ich wollte ihn nicht enttäuschen. Außerdem freute ich mich über sein Angebot. Aber das brauchte ich ihm nicht auf die Nase zu binden. »Wenn ich Zeit habe. Ich stecke bis über beide Ohren in einem neuen Fall.«

»Schlimm?«

»Ziemlich.«

Er räusperte sich. »Hast du mit dem Kommissar wieder zu tun?«

Ich schloss die Augen, weil ich wusste, wen er meinte. Lou hatte sich in Mark verguckt, auch wenn der ihm zugesetzt hatte. So abwegig das war, Mark hatte Lou für einen Frauenmörder gehalten.

»Nein«, antwortete ich fest und schlug die Augen wieder auf. Und ich hoffe, dass das so bleibt, fügte ich in Gedanken hinzu.

Wollte ich das?

»Wann kommst du?«

»Lou! Wenn ich Zeit habe, habe ich gesagt!« Ich legte auf.

Trotzig zerteilte ich die Pizza in acht Stücke und aß sie im Stehen, während ich mich an den Strand von Mallorca zurückwünschte. Dort war vieles einfacher gewesen. Zum Beispiel gab es keine Beckers.

Mark drängte sich vor mein inneres Auge, und ich verfluchte Lou, während die Überlegungen für ein seltsames Flackern in mir sorgten. Jahrelang hatte ich Mark nicht gesehen. Dann tauchte er über Nacht in meinem Leben auf und stellte es auf den Kopf. Ein hormongesteuerter Teufel, der Teil meines eigenen Ichs war, hatte mich in seine Arme und uns zusammen in mein Bett getrieben.

Beim Gedanken an die gemeinsame Nacht wurde mir warm im Bauch. Meine auf Mark bezogenen Gefühle machten sich seltsamerweise immer in meinem Bauch breit. Als bekäme er urplötzlich Fieber.

Dann war er durch die Tür und damit aus meinem Leben verschwunden. So plötzlich, wie er aufgetaucht war. Einfach so. Seither hatte er sich nicht mehr gemeldet, und ich hatte ihn nicht angerufen. Stattdessen war ich wie ein pubertierender Teenager nach Mallorca geflohen, um meine Wunden zu lecken.

Es ärgerte mich, dass er solch seltsame Gefühle in mir wachrief. Ich hatte mir einmal geschworen, dass das nie wieder passieren würde. Und jetzt?

Ich wusste keine Antwort auf diese Frage. Auch auf die nicht. War heute überhaupt etwas normal?

Ich sah mich in der Küche um. Das Chaos regierte in Form meiner nicht gespülten Kaffeetasse vom Frühstück und dem Pizzateller, nebst allerlei Kleinigkeiten, die keinen Platz zu haben schienen. Im Schlafzimmer wartete der Koffer, und nach zwei Wochen Abwesenheit wäre ein Spaziergang mit dem Staubsauger angebracht gewesen.

Ich schnappte meine Tasche und trat hinaus in die sommerliche Wärme. Zeit zum Arbeiten!

Das Gefühl eines Déjà-vus beschlich mich, als ich in Wiblingen im Neubaugebiet vor dem Haus der Familie Weiner hielt, und ich stöhnte innerlich auf. Zähneknirschend drückte ich den Klingelknopf. Die Frau, die öffnete, war schwer zu schätzen. Um die fünfzig vielleicht. Sie trug eine Kittelschürze. Die Haushälterin?

Sie stellte sich als Fabian Weiners Mutter vor und schickte mich nach Laichingen auf die Schwäbische Alb, wo der Sprössling derzeit anzutreffen sei.

Ich verbarg meine Überraschung und kurvte kurze Zeit später auf der Landstraße über die Alb, passierte kleine Dörfer und Bauernhöfe und erfreute mich am gelben Raps, der in voller Blüte stand. Mit gemischten Gefühlen fuhr ich eine halbe Stunde später auf den Hof der Spedition Weiner und wusste vor lauter Lastwagen und Sattelzugmaschinen nicht wohin. Unfassbar, wie groß die Dinger waren, wenn man direkt vor ihnen stand. Augenblicklich bekam ich Mitleid mit meinem rostigen Golf. Wie ein Marienkäfer neben einem Elefanten. Rot und leuchtend. Aber trotzig.

Das einzige Gebäude auf dem Gelände war ein mausgrauer Container. Das Verwaltungsgebäude? Zumindest standen dort Pkws vor der Tür. Wenn ich mich auch scheute, mein Fahrzeug danebenzustellen. Am Ende landete es in der Schrottpresse der Recyclingfirma auf dem Nachbargelände.

Ich stieg aus und schloss ab, ehe ich mich umsah und auf den Eingang des Containers zuging. Mein Auto würde überleben. Genau wie ich.

Ein Mann trat aus der Tür.

»Kann ich Ihnen helfen?« Den Kopf schief gelegt, die rechte Augenbraue nach oben gezogen, ein spöttisches Funkeln in den Augen.

»Ich bin auf der Suche nach Herrn Weiner.«

»Das sind hier alle.« Blaue Augen so klar wie Eiskristalle musterten mich. »Kommen Sie mit, ich bringe Sie zu ihm.« Er drehte sich um und gönnte mir einen Blick auf seine knackige Rückseite in engen Jeans. Ich musste mich zusammenreißen, um nicht mit der Zunge zu schnalzen.

»Weiner junior«, schob ich nach, ehe ich mich gemächlich in Bewegung setzte.

Er blieb stehen und wandte sich langsam um. Fältchen mühsam unterdrücken Lachens hatten sich um seine Augen gebildet, sein Blick sprach Bände.

»Junior?«, fragte er und zog das Wort in die Länge.

Ich nickte.

»Also, Fabian Weiner?«

»Ist das so ungewöhnlich?«, fragte ich rotzig zurück.

Trotz seines offensichtlichen Spotts wirkte sein Lächeln warm. »Keineswegs. Es kommen jeden Tag ein Haufen Leute, die alle nur nach ihm fragen. Der Weg ist der gleiche.« Er ging zur Tür und öffnete sie. »Was ist? Kommen Sie mit?«, fragte er und machte eine einladende Handbewegung ins Innere.

Wo sollte ich auch hin? Außerdem garantierte mir das einen weiteren unbemerkten Blick auf seine Kehrseite.

Ich folgte ihm in den Container, der innen geräumiger war, als es von außen den Anschein gehabt hatte. Die Einrichtung war spartanisch, und es wurde bereits ordentlich warm. Im Hochsommer wollte ich hier nicht arbeiten.

Das Gebäude war in mehrere Büros unterteilt, und am Ende des Flures hatten wir mein Ziel erreicht. Der Typ mit der knackigen Rückseite klopfte an die Tür und öffnete, um mich als »Besuch« anzukündigen. Nur seine Stimme verriet, wie grotesk er die Situation fand.

Hinter dem Schreibtisch erhob sich ein junger Mann, der, im Gegensatz zu meinem Helfer, die Hemdsärmel nicht nach oben gerollt hatte. Statt der Jeans trug er eine Stoffhose. Mit einem strahlenden Lächeln kam er auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen.

»Fabian Weiner, was kann ich für Sie tun?«

»Jule Flemming.« Ich schüttelte seine Hand und versuchte gleichzeitig, ihm meine Karte zu geben. Sie fiel zu Boden, und ehe ich mich entschuldigen, geschweige denn mich bücken konnte, hatte ich sie wieder in der Hand. Überreicht mit einem weiteren spöttischen Blick aus hochgezogenen Brauen. Gleich darauf verabschiedete sich Fabian Weiners Mitarbeiter und verließ das Büro. Schade.

»Nun, Frau Flemming, was kann ich für Sie tun?«, fragte Weiner junior noch einmal und verschwand hinter seinem Schreibtisch, ehe er auf den Besucherstuhl davor deutete. »Nehmen Sie bitte Platz. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten?« Er wartete, bis ich mich gesetzt hatte, ehe er sich auf dem ledernen Bürostuhl niederließ. Auf mein Nicken hin nahm er den Telefonhörer in die Hand, um mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, zwei Tassen Kaffee zu ordern.

Wo war ich jetzt gelandet?

Der Kaffee kam zusammen mit einem Teller Gebäck, und ich bediente mich. Eine Offenbarung das Getränk, die Kekse ein süßer Leckerbissen. Ich lehnte mich zurück und musste mich zwingen, nicht gleich noch einmal zuzugreifen. Manchmal hatte der Job auch angenehme Seiten.

»Es geht um Ihre Freundin, Laura Becker«, begann ich und beobachtete ihn. Nicht einen Moment kam mir in den Sinn, ihn zu duzen, wie ich das zuvor bei Laura getan hatte. Er sah mich nur an. Mit gerunzelter Stirn und gefalteten Händen.

»Sie haben sie kürzlich nachts nach Hause gebracht. Laura und ihr Vater vermuten, dass man ihr Drogen ins Getränk gekippt hat.«

»Das ist richtig. Ihr ging es nicht gut, und da hielt ich es für besser, sie zu ihren Eltern zu bringen.«

»Wie schlimm war es?«

Er wiegte den Kopf und griff nach einem Kugelschreiber, den er in den Händen drehte. »Sehr schlimm, würde ich sagen. Sie war völlig weggetreten, und ihr war übel. Ich glaube nicht, dass sie sich an etwas erinnern kann aus dieser Nacht.«

»Und Sie vermuten auch, dass man ihr etwas in den Drink gekippt hat?«, hakte ich nach und nahm mir einen weiteren Keks. »Könnte es sein, dass sie zu viel getrunken hat?«

Er tippte mit dem Kugelschreiber auf die Unterlage, legte ihn weg und lehnte sich zurück. Den Mund zu einem Lächeln verzogen. Nicht unfreundlich, eher nachsichtig, und ich runzelte die Stirn.

»Nie im Leben, sie hat keinen Tropfen Alkohol getrunken. Zitronenlimonade vielleicht. Und Cola, sonst nichts.«

Er war sich seiner Sache verdammt sicher.

»Wie kommt es, dass ein Mädchen in ihrem Alter keinen Alkohol trinkt?«

Er zuckte mit den Schultern. »Es gibt Menschen, denen schmeckt er einfach nicht. Es gibt auch Menschen, die keinen Kaffee trinken.«

Das konnte ich mir nicht vorstellen. »Ist keiner von Ihnen auf die Idee gekommen, Laura ins Krankenhaus zu bringen?«

Wieder nur ein Schulterzucken. Mit erhobenen Händen diesmal. »Ich hätte es für angemessen gehalten. Aber die Entscheidung hat Herr Becker getroffen, und er hat sofort abgelehnt, als ich das vorgeschlagen habe. Und wenn Sie ihn kennengelernt haben, wissen Sie sicherlich, dass man ihm nicht widerspricht.«

Klar, der Patriarch. Verdammt, wer war er? Nichts weiter als ein Lokalpolitiker. Gab ihm das das Recht, über die Welt zu bestimmen?

»Dann vermuten Sie auch Drogen?«

Er nickte und holte Luft, blickte dann über meine Schulter hinweg zur Tür. Ich drehte mich um. Sein Mitarbeiter war unbemerkt eingetreten, in der Hand ein Klemmbrett und einen Stift. Von dem spöttischen Lächeln war nichts mehr zu sehen.

»Fabian, kommst du bitte? Wir sollten das hier dringend zusammen durchgehen.«

Weiner junior nickte. »Bin gleich fertig.«

Ich erhaschte einen weiteren Blick auf einen knackigen Po, als der lässige Typ nach draußen auf den Flur trat und die Tür hinter sich ins Schloss zog.

Mit erhobenen Armen stand Weiner junior auf und grinste mich an. Jetzt, endlich, sah er aus wie ein knapp 20-jähriger Schüler.

»Ich bin zwar der Sohn vom Chef, aber ich bin hier nur die Aushilfe. Ferienjob.«

Für einen Praktikanten spielte er seine Rolle als Sohn überzeugend. Ich trank meinen Kaffee aus, obwohl die Tasse noch zur Hälfte voll war. Ich hatte das Gefühl, dass das Gespräch zu Ende war. Und den Kaffee stehen zu lassen, wäre eine Schande gewesen. Auch ein Stück mit Schokolade überzogenes Gebäck mit Mandeln angelte ich noch vom Teller.

»Mein Vater meint, dass ich den Betrieb von unten kennenlernen muss. Die gebratenen Tauben fliegen einem nicht in den Mund, sagt er immer. Leider.« Jetzt zog er eine Grimasse. »Ich soll sogar auf den Lkw. Frank Kempf teilt die Fahrer ein. Deswegen muss ich Sie auch verlassen.«

So, so, er hieß Frank Kempf, der Knackpopo. Und warum interessierte mich das? Heilung von Mark Heilig?