Gefährliches Verlangen - Anna Zaires - E-Book
Beschreibung

In Gefährliches Verlangen, dem zweiten Buch der Krinar Chroniken, beginnen Mia und Korum ihr neues gemeinsames Leben in Lenkarda, der größten Siedlung der Krinar auf der Erde. Für Mia eröffnet sich eine völlig andere Welt mit ihren eigenen Gesetzen, politischen Machtkämpfen und Ritualen. Sie muss sich nicht nur an eine fremde, hochtechnologische Umgebung anpassen, sondern auch ihre neue, untergeordnete Rolle als Korums Charl in der krinarischen Gesellschaft akzeptieren. Während Mia und Korum versuchen, ihre Beziehung und diese neue Lebenssituation in den Griff zu bekommen, werden sie allerdings von ihrer Vergangenheit eingeholt und ein mysteriöser Feind taucht auf, der nicht nur ihre Beziehung zerstören, sondern auch Korums Leben auslöschen will.

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Seitenzahl:504

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Gefährliches Verlangen

Buch 2 der Krinar Chroniken

Anna Zaires

Aus dem Amerikanischen

von Grit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Copyright

Alle in diesem Roman vorkommenden Personen, Schauplätze, Ereignisse und Handlungen sind vom Autoren frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen oder Ereignissen sind rein zufällig.

Copyright © 2012 Anna Zaires

http://www.annazaires.com/deutsch.html

Alle Rechte vorbehalten

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

http://www.mozaikallc.com

Lektorin: Kerstin Frashier

e–ISBN: 9781631420016

ISBN: 9781631420023

Widmung

Ich möchte Gefährliches Verlangen meiner Familie widmen, ganz besonders meinem Ehemann, dessen unendliche Geduld und großartige Unterstützung dieses Buch erst möglich gemacht haben. (Danke mein Schatz, dass du auf mein eigenes Verlangen eingehst und so ein wundervoller Partner und Mitarbeiter bei der Entstehung dieses Werkes bist!) Wie schon bei Gefährliche Begegnungen sind die Entwicklung des Handlungsstrangs, die wissenschaftlichen Elemente und die Überarbeitung zum größten Teil sein Verdienst.

Ich möchte außerdem dem Rest meiner Familie dafür danken, dass er so großartig ist und immer an mich glaubt. Ganz besonders dankbar bin ich meiner Nichte — der einzigen anderen Person die ich kenne, die Liebesromane liebt — dafür, dass sie mein erstes Buch gelesen hat und mir danach gesagt hat, wie GROSSARTIG sie es fand.

Ich möchte mich auch wieder ganz herzlich bei meinen Freundinnen T und L dafür bedanken, dass sie meine Beta- und Korrekturleser sind. Ihr Mädchen seid die Besten! Ein ganz besonderes Dankeschön geht außerdem an C. L. aus Berlin, die mich sehr spontan beim Korrekturlesen der deutschen Version unterstützt hat.

Prolog

Der Krinar starrte auf das Bild vor sich und seine Hände waren zu Fäusten geballt.

Das dreidimensionale Hologramm zeigte Korum und die Wächter, wie sie sich der Hütte am Strand näherten. Einer der Wächter hob seinen Arm und die Hütte zerbarst mit so einer Gewalt, dass überall kleine Holzstücke umherflogen. Das zerbrechliche, von Menschen errichtete Gebäude hatte den Nanodruckwaffen, die alle Wächter bei sich trugen, nichts entgegen zu setzen.

Der Krinar hob seine Hand und das Bild verlagerte sich, als der fliegende Aufnahmeapparat sich der Ruine näherte, um ihm einen besseren Blick auf das Geschehen zu liefern. Er machte sich keine Sorgen darüber, dass der Apparat entdeckt werden könnte; er war kleiner als eine Mücke und Korum hatte ihn persönlich entwickelt.

Nein, das Gerät war perfekt für dieses Vorhaben.

Als es über der Hütte schwebte, konnte der Krinar das Drama beobachten, das sich in den durch die Explosion freigelegten Kellerräumen abspielte. Die Wächter sprangen nach unten hinein, während Korum sorgfältig die oberirdischen Überreste der Hütte zu inspizieren schien.

Natürlich, dachte der Krinar, sein Erzfeind würde gründlich sein. Korum würde sicher gehen wollen, dass nichts und niemand dem Ort des Geschehens entkam.

Die Keiths — der Krinar hatte angefangen sie in Gedanken selber so zu nennen — gerieten in Panik und Rafor griff dummerweise einen der Wächter an. Ein unüberlegter Schritt von ihm, dachte der Krinar leidenschaftslos, als er dabei zusah, wie der unsichtbare Protektionsschild, der die Wächter umschloss, den Angriff abwehrte. Jetzt zuckte der schwarzhaarige Krinar unkontrolliert auf dem Boden, da sein Nervensystem von dem Kontakt mit dem tödlichen Schild durchgeschmort war. Ein Mensch wäre sofort gestorben.

Die Wächter ließen ihn nicht lange leiden. Auf den Befehl ihres Anführers hin, machte einer der Wächter Rafor schnell mit der in seinen Fingern eingelassenen Betäubungswaffe bewusstlos.

Die anderen Keiths waren intelligent genug, um Rafors Schicksal zu vermeiden und standen einfach bewegungslos da, als ihnen die silbernen Strafringe für Kriminelle um den Hals gelegt wurden. Sie sahen verärgert und trotzig aus, aber es gab nichts, was sie tun konnten. Jetzt waren sie Gefangene und der Rat würde über ihre Verbrechen richten.

Nach einigen Minuten sprang Korum auch in die Kellerräume und der Krinar konnte sehen, dass sein Feind wütend war. Er hatte gewusst, dass er das sein würde. Die Keiths waren so gut wie verloren; Korum würde keine Gnade zeigen.

Mit einem Seufzer schaltete der Krinar die Darstellung aus. Er würde sich später alles noch einmal genauer anschauen. Jetzt musste er einen anderen Weg finden, um Korum zu neutralisieren und seinen eigentlichen Plan in die Tat umzusetzen.

Die Zukunft der Erde hing davon ab.

1. Kapitel

»Herzlich Willkommen zu Hause mein Schatz«, sagte Korum leise als die grüne Landschaft Lenkardas unter ihnen erschien und sie genauso sanft landeten, wie sie gestartet waren.

Mit klopfendem Herzen erhob sich Mia von dem Stuhl, der ihren Körper so angenehm umschlossen hatte. Korum war schon auf den Beinen und streckte seine Hand zu ihr aus. Sie zögerte einen Moment, griff dann aber nach ihr und krallte sich mit einem Zangengriff daran fest. Der Liebhaber, den sie die letzten Monate als ihren Feind angesehen hatte, war jetzt das Einzige, das ihr in diesem fremden Land einen Halt gab.

Sie verließen das Flugzeug und gingen ein paar Schritte, bevor Korum anhielt. Er drehte sich zu dem Objekt um, führte eine kleine Bewegung mit seiner freien Hand aus und plötzlich begann die Luft rund um die Gondel zu flimmern und Mia hörte wieder das summende Geräusch der Nanomaschinen, die arbeiteten.

»Baust du noch etwas anderes?«, fragte sie ihn überrascht.

Er schüttelte lächelnd seinen Kopf. »Nein, ich demontiere.«

Und während Mia dabei zusah, schälten sich elfenbeinfarbene Schichten des Materials von der Oberfläche des Schiffs ab und lösten sich vor ihren Augen auf. Innerhalb einer Minute war das Schiff komplett verschwunden, alle seine Komponenten waren wieder in die individuellen Atome zersetzt, die sie vor der Kreation der Gondel in New York gewesen waren.

Trotz des ganzen Stress und ihrer Abgeschlagenheit war Mia ganz fasziniert von diesem Wunder, das sie gerade beobachtet hatte. Das Fluggerät, das sie gerade Tausende von Kilometern transportiert hatte, war gerade innerhalb weniger Minuten vollständig aufgelöst worden, so als hätte es nie existiert.

»Warum hast du das gemacht?«, fragte sie Korum. »Warum hast du es demontiert?«

»Weil es momentan keinen Grund dafür gibt, dass es existiert und Platz beansprucht«, erklärte er. »Ich kann es ja einfach wieder herstellen, wann immer wir es brauchen.«

Stimmt, das konnte er. Mia hatte es ja vor ein paar Minuten mit ihren eigenen Augen auf dem Dach seines Appartements in Manhattan gesehen. Und jetzt hatte er wieder alles rückgängig gemacht. Die Gondel, die sie hierher transportiert hatte, existierte nicht mehr.

Als ihr die volle Tragweite dieser Tatsache bewusst wurde, stieg ihre Herzfrequenz wieder an und sie hatte plötzlich Schwierigkeiten zu atmen.

Eine Panikwelle rollte über sie hinweg.

Sie befand sich jetzt mittel- und hilflos in Costa Rica, in der Hauptsiedlung der Krinar — und war völlig abhängig von Korum. Er hatte das Schiff kreiert, das sie hierhergebracht hatte, und jetzt hatte er es gerade wieder aufgelöst. Falls es einen anderen Weg raus aus Lenkarda gab, dann wüsste Mia nicht welchen.

Was, wenn er sie angelogen hatte? Was, wenn sie ihre Familie nie wieder sehen würde?

Sie musste genauso verängstigt ausgesehen haben, wie sie sich fühlte, denn Korum drückte liebevoll ihre Hand. Seine Hand zu spüren war seltsam beruhigend. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er sanft. »Es wird alles gut werden, versprochen.«

Mia konzentrierte sich darauf, tief durchzuatmen und versuchte dadurch, ihre aufsteigende Panik zurückzudrängen. Sie hatte keine andere Wahl, als ihm jetzt zu vertrauen. Selbst als sie noch in New York gewesen waren, hatte er alles mit ihr machen können, was er wollte. Es gab keinen Grund für ihn, ihr Sachen zu versprechen, von denen er nicht vorhatte, sie zu halten.

Und trotzdem nagte eine irrationale Angst in ihr und steuerte das ihrige zu dem sowieso schon unappetitlichen Gefühlsgebräu hinzu, das in ihr kochte. Das Wissen darüber, dass Korum sie die ganze Zeit lang manipuliert hatte und sie dazu benutzt hatte, den Widerstand zu zerstören, fraß sich wie Säure durch ihren Magen und verbrannte sie von innen heraus. Alles, was er getan hatte, alles, was er gesagt hatte — war Teil seines Planes gewesen. Während sie der Gedanke gequält hatte, ihn auszuspionieren, hatte er wahrscheinlich heimlich über ihre armseligen Versuche ihn auszutricksen gelacht. Schließlich wollte sie ja damit der Sache helfen, von der er von Anfang an gewusst hatte, dass sie scheitern würde.

Sie fühlte sich jetzt im Nachhinein wie ein Idiot, weil sie einfach alles hingenommen hatte, was der Widerstand ihr erzählte. Zu jener Zeit hatte es viel Sinn gemacht; sie hatte sich so edel dabei gefühlt, ihrer Rasse gegen die Eindringlinge, die ihren Planeten übernommen hatten, zu helfen. Aber stattdessen hatte sie unwissentlich einer kleinen Gruppe von Krinar geholfen, die die Macht auf der Erde an sich reißen wollten.

Warum hatte sie nicht inne gehalten, um erst einmal die ganze Situation zu analysieren?

Korum hatte ihr erzählt, dass die ganze Widerstandsbewegung falsch gewesen war, völlig fehlgeleitet in ihrem Ziel. Und Mia hatte nicht anders gekonnt, als ihm zu glauben.

Die Krinar hatten die Freiheitskämpfer, die ihre Siedlungen angegriffen hatten, nicht umgebracht — und allein diese Tatsache hatte ihr eine Menge über die Krinar und ihre Einstellung zu den Menschen gezeigt. Wenn die Krinar wirklich solche Monster gewesen wären, wie der Widerstand es immer dargestellt hatte, dann hätte keiner der Kämpfer überlebt.

Aber trotzdem vertraute sie Korum nicht hundertprozentig, was seine Definition eines Charl betraf. Als John über seine verschleppte Schwester gesprochen hatte, war zu viel Schmerz in seiner Stimme gewesen, um alles das, was er erzählt hatte, als eine Lüge abzutun. Und die Art und Weise, wie Korum sich ihr gegenüber verhielt, passte auch besser zu Johns Erklärung, als zu Korums. Ihr Liebhaber hatte abgestritten, dass die Krinar Menschen als Lustsklaven hielten, hatte ihr aber trotzdem in allem was ihre Beziehung betraf, kaum eine Wahl gelassen. Er wollte sie und deshalb war ihr Leben eben nicht mehr ihr eigenes. Sie war einfach mitgerissen worden und in seinem Tribeca Penthouse gelandet — und jetzt war sie hier, in der Siedlung der Krinar in Costa Rica und folgte ihm zu einem ihr unbekannten Ort.

So sehr sie sich vor der Antwort auf ihre Frage fürchtete, sie musste es einfach wissen. »Ist Dana hier?«, fragte Mia vorsichtig, da sie ihn nicht wütend machen wollte. »Johns Schwester? John hat gesagt, dass sie in Lenkarda sei ...«

»Nein«, sagte Korum und warf ihr dabei einen unleserlichen Blick zu. »John war von den Keiths — ich nehme an mit voller Absicht — falsch informiert worden.«

»Sie ist kein Charl?«

»Nein, Mia, sie war niemals ein wirklicher Charl. Sie war das, was du einen Xeno nennen würdest — ein Mensch der von allem besessen ist, das mit den Krinar zusammenhängt. Ihre Familie hat das nie gewusst. Als sie Litmir in Mexiko getroffen hat, hat sie ihn angebettelt mit ihm mitgehen zu dürfen und er hat eingewilligt, sie eine Zeit lang mitzunehmen. Das Letzte, das ich von ihr gehört habe ist, dass sie jemand anderen hat, der sie mit nach Krina nehmen wollte. Ich gehe davon aus, dass sie dort sehr glücklich sein wird, wenn man ihre Vorlieben bedenkt. Und der Grund dafür, dass sie ihre Familie verlassen hat, ohne ihr auch nur ein Wort davon zu sagen, hat wahrscheinlich etwas mit ihrem Vater zu tun.«

»Ihrem Vater?«

»Dana und John hatten keine sehr glückliche Kindheit«, sagte Korum und Mia spürte, wie seine Hand ihren Griff verstärkte. »Ihr Vater ist jemand, der schon vor langer Zeit hätte unschädlich gemacht werden müssen. Den Informationen nach, die wir über deinen Kontakt zum Widerstand gesammelt haben, lebt Johns Vater einen bestimmten Fetisch aus, der sehr junge Kinder beinhaltet—«

»Er ist pädophil?«, fragte Mia leise und die Galle kam ihr bei dem Gedanken daran hoch.

Korum nickte. »Genau das. Ich glaube, seine Kinder waren die ersten, die seine Zuneigung zu spüren bekamen.«

Ihre Übelkeit bekämpfend und voller Mitleid mit John und Dana sah Mia weg. Wenn das stimmte, dann konnte niemand Dana einen Vorwurf daraus machen, dass sie weggehen wollte, um alles das, was mit ihrem alten Leben zu tun hatte, hinter sich zu lassen. Obwohl Mias eigene Familie normal und liebevoll war, hatte sie letzten Sommer im Zuge ihres Praktikums mit Opfern häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauchs zu tun gehabt. Sie wusste, welche Narben das auf den Kinderseelen zurückließ. Einige dieser Kinder würden sich, wenn sie erst einmal älter wären, Alkohol oder Drogen zuwenden, um ihren Schmerz zu betäuben. Dana hatte sich offensichtlich dem Sex mit den Krinar zugewandt.

Natürlich nur, wenn Korum sie in dieser ganzen Angelegenheit nicht anlog.

Während sie darüber nachdachte, kam sie zu dem Entschluss, dass er das wahrscheinlich nicht tat. Warum sollte er? Es war ja schließlich nicht so, als könnte sie mit ihm Schluss machen, selbst dann nicht, wenn sie herausfand, dass Dana dort gegen ihren Willen festgehalten wurde.

»Und was ist mit John?«, fragte sie. »Ist er in Ordnung? Und Leslie?«

»Ich nehme es an«, sagte er mit deutlich kühlerer Stimme. »Keiner der beiden wurde bis jetzt festgenommen.«

Erleichtert beschloss Mia, es dabei zu belassen. Sie hatte die Vermutung, dass mit Korum über den Widerstand zu sprechen nicht das cleverste war, was sie in ihrer Situation gerade machen konnte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihre Umgebung.

»Wohin gehen wir?«, fragte sie und sah sich um. Sie liefen gerade durch etwas, das wie ein unberührter Wald aussah. Kleine Äste und Zweige knackten unter ihren Füßen, und sie konnte überall Naturlaute hören — Vögel, verschiedene Arten summender Insekten, raschelnde Blätter. Sie hatte keine Ahnung, was er für den Rest des Tages geplant hatte, aber sie wollte einfach nur noch ihren Kopf unter eine Decke stecken und so einige Stunden lang unauffindbar verharren. Die Ereignisse des Morgens und die daraus resultierenden Gefühlsausbrüche hatten sie komplett ausgelaugt und sie brauchte dringend eine Auszeit, um alles das verarbeiten zu können, was passiert war.

»Zu meinem Haus«, antwortete Korum und drehte sich dabei zu ihr um. Und wieder zeigte sich ein leichtes Lächeln auf seinem Gesicht. »Es ist nicht weit zu Fuß von hier. Und sobald wir da sind, wirst du dich entspannen und ein wenig ausruhen können.«

Mia warf ihm einen misstrauischen Blick zu. Seine Antwort war erschreckend nah an dem gewesen, was sie gerade gedacht hatte. »Kannst du meine Gedanken lesen?«, fragte sie völlig entsetzt von dieser Vorstellung.

Er grinste und sein Grübchen an der linken Wange kam zum Vorschein. »Das wäre schön — aber nein. Ich kenne dich bloß jetzt schon gut genug um zu merken, wann du erschöpft bist.«

Erleichtert nickte Mia und konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, als sie durch den Wald liefen. Trotz allem reichte ein Lächeln von ihm, um ihren Körper mit warmen Gefühlen zu durchfluten.

Du bist ein Idiot, Mia.

Wie konnte sie immer noch so für ihn empfinden, nach allem, was sie seinetwegen hatte durchmachen müssen, nachdem er sie so manipuliert hatte? Was für ein Mensch war sie nur, sich in einen Außerirdischen zu verlieben, der ihr ganzes Leben bestimmte.

Sie war von sich selbst angeekelt, konnte aber trotzdem nichts dagegen tun. Wenn er so lächelte, konnte sie vor lauter Glück über die Tatsache, gerade mit ihm zusammen zu sein, fast alles vergessen, was mit ihr und um sie herum passierte. Unter der ganzen Verbitterung war sie heilfroh, dass der Widerstand keinen Erfolg gehabt hatte.

Ihre Gedanken wanderten zu dem zurück, was er vorhin gesagt hatte ... als er ihr gestanden hatte, Gefühle für sie entwickelt zu haben. Er hatte auch zugegeben, dass er das nicht vorgehabt hatte, und Mia erkannte, dass es richtig von ihr gewesen war, ihn zu fürchten und sich gegen ihn zu wehren — er hatte sie anfangs wirklich als sein Spielzeug, als seinen kleinen menschlichen Zeitvertreib angesehen, den er nach Belieben benutzen und entsorgen konnte. Natürlich war Gefühle empfinden noch weit von einer Liebeserklärung entfernt, aber trotzdem war es mehr, als sie jemals von ihm erwartet hätte. Wie Balsam auf einer eitrigen Wunde, schafften es seine Worte, dass sie sich ein klitzekleines bisschen besser fühlte, gaben ihr die Hoffnung, dass vielleicht doch wieder alles in Ordnung kommen würde und er vielleicht sogar seine Versprechen hielt und sie ihre Familie bald wiedersehen konnte –

Ein matschiges Gefühl unter ihrem Fuß riss sie aus ihren Gedanken. Überrascht schaute Mia nach unten und sah, dass sie auf ein großes, gepanzertes Insekt getreten war. »Ihhh!«

»Was ist los?«, fragte Korum überrascht.

»Ich bin gerade auf etwas getreten«, erklärte Mia ihm angeekelt, während sie versuchte, sich ihren Turnschuh am nächstbesten Grasbüschel zu säubern.

Er sah belustigt aus. »Sag jetzt nicht ... Hast du Angst vor Insekten?«

»Ich würde es nicht direkt als Angst bezeichnen«, sagte Mia vorsichtig. »Es ist eher so, dass ich sie unglaublich widerlich finde.«

Er lachte. »Warum? Sie sind doch nur eine andere Art lebende Kreaturen, genauso wie du und ich.«

Mia zuckte mit den Schultern und entschied sich dagegen, es ihm zu erklären. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie es überhaupt selbst verstand. Stattdessen betrachtete sie lieber eingehender ihre Umgebung. Obwohl sie in Florida aufgewachsen war, fühlte sie sich in der tropischen Natur in ihrer ursprünglichen Form nicht wirklich wohl. Sie bevorzugte definitiv ordentlich gepflasterte Wege in wunderschön gestalteten Parks, wo sie mit möglichst wenig Kontakt zu Insekten auf einer Bank sitzen und die frische Luft genießen konnte.

»Habt ihr keine Straßen oder Gehwege?«, fragte sie Korum fassungslos, als sie gerade über etwas sprang, das aussah wie ein Ameisenbau.

Er lächelte sie nachsichtig an. »Nein. Wir mögen unser Umfeld so natürlich und unverändert wie es nur geht.«

Mia rümpfte ihre Nase und mochte diesen Gedanken überhaupt nicht. Ihre Turnschuhe waren schon komplett mit Schlamm überzogen und sie war dankbar dafür, dass die offizielle Regensaison in Costa Rica noch nicht begonnen hatte. Ansonsten würde sie sich jetzt wohl durch Sumpfland kämpfen, schoss es Mia durch den Kopf. In Anbetracht des hochfortschrittlichen Standards der krinarischen Technologie fand sie es komisch, dass sie unter solchen primitiven Bedingungen leben wollten.

Eine Minute später betraten sie eine weitere Lichtung, diesmal allerdings eine sehr viel größere. In ihrer Mitte stand ein cremefarbenes Gebäude. Es hatte die Form eines gestreckten Würfels mit abgerundeten Ecken und besaß weder Fenster noch Türen — oder andere sichtbare Öffnungen.

»Ist das dein Haus?«

Mia hatte solche Gebäude wie dieses heute Morgen in der dreidimensionalen Karte in Korums Arbeitszimmer gesehen. Sie hatten auf sie aus der Entfernung eigenartig und ungewohnt gewirkt, und dieser Eindruck verstärkte sich jetzt, als sie es ganz aus der Nähe betrachtete. Es sah einfach so unglaublich fremdartig aus, so anders als alles andere, das sie bis jetzt in ihrem ganzen Leben gesehen hatte.

Korum nickte und führte sie zum Gebäude. »Ja, das ist mein zu Hause — und jetzt ist es auch deines.«

Mia schluckte nervös, als ihre Angst durch seine letzte Aussage verstärkt wurde. Warum sagte er das immer wieder? Dachte er wirklich, sie würde für immer hier leben? Er hatte ihr versprochen, sie zurück nach New York zu bringen, damit sie ihr letztes Jahr an der Uni beenden konnte, und Mia klammerte sich verzweifelt an diesem Gedanken fest, als sie auf die hellen Wände des Hauses starrte, die vor ihr schimmerten.

Als sie sich näherten, löste sich die Wand vor ihnen auf einmal auf und es entstand eine Öffnung, die groß genug war, um sie eintreten zu lassen.

Überrascht atmete Mia hörbar ein und Korum lächelte über ihre Reaktion. »Mach dir keine Sorgen«, sagte er. »Das ist ein intelligentes Gebäude. Es sieht deine Bedürfnisse voraus und erschafft Durchgänge, wo welche benötigt werden. Das ist nichts, vor dem du Angst haben müsstest.«

»Macht es das für jeden oder nur für dich?«, fragte Mia und hielt vor der Öffnung an. Sie wusste, dass ihr Zögern, hineinzugehen, nicht logisch war. Wenn Korum vorhaben sollte, sie gefangen zu halten, dann konnte sie sowieso nichts dagegen machen — sie befand sich ja schon in einer außerirdischen Kolonie aus der sie keine Fluchtmöglichkeiten hatte. Und trotzdem brachte sie es nicht fertig, freiwillig ihr neues zu Hause zu betreten, ohne dass sie sich sicher war, es auch wieder ungehindert verlassen zu können.

Korum, der ihre Bedenken zu erahnen schien, warf ihr einen aufmunternden Blick zu. »Das wird es auch für dich tun. Du kannst wann immer du möchtest das Haus betreten oder verlassen, auch wenn es für dich das Beste sein könnte, die ersten Wochen in meiner Nähe zu bleiben ... zumindest bis du dich an unsere Art zu leben gewöhnt hast und ich die Möglichkeit hatte, dich den anderen vorzustellen.«

Mia atmete erleichtert aus und schaute zu ihm hoch. »Danke«, sagte sie leise und ein Teil ihrer Panik verschwand.

Vielleicht würde es ja doch nicht so schlimm sein, vorübergehend hier zu leben. Wenn er sie wirklich am Ende des Sommers zurück nach New York bringen würde, wäre die Zeit in Lenkarda einfach nur ein mehrmonatiger Aufenthalt an einem unglaublichen Ort, den sich nur wenige Menschen überhaupt vorstellen konnten, und dann auch noch zusammen mit dem außergewöhnlichen Geschöpf, in das sie sich verliebt hatte.

Da sie sich jetzt ein wenig mit der Situation angefreundet hatte, trat Mia durch die Öffnung und betrat zum ersten Mal in ihrem Leben ein krinarisches Wohnhaus.

* * *

Das, was sie dort sah, hatte sie bestimmt nicht erwartet.

Mia hatte sich mental auf eine ganz andersartige und High-Tech dominierte Inneneinrichtung eingestellt — mit schwebenden Stühlen zum Beispiel, so ähnlich wie in dem Flugobjekt, das sie hierhergebracht hatte. Stattdessen sah der Raum exakt so aus, wie Korums Penthouse in New York. Es gab sogar das weiche, cremefarbene Sofa und Mia errötete, als sie sich daran erinnerte, was erst vor kurzem darauf passiert war. Das Einzige, was anders war, waren die Wände; sie schienen aus dem gleichen durchsichtigen Material gemacht zu sein wie das Schiff und sie blickte auf die grünen Pflanzen, die außerhalb des Hauses wuchsen, anstatt auf den Hudson.

»Du hast hier die gleichen Möbel?«, fragte sie überrascht und ließ seine Hand los, um einen Schritt nach vorn zu gehen und das alles aus der Nähe zu betrachten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Möbelhäuser die Siedlungen der Krinar belieferten — andererseits konnte Korum mit der Nanotechnologie wahrscheinlich alles herbeizaubern, was er wollte.

»Eigentlich nicht«, sagte Korum und lächelte sie an. »Das habe ich erst vor deiner Ankunft so eingerichtet. Ich dachte, es würde dir die Eingewöhnung vielleicht einfacher machen, wenn du dich in den ersten Wochen in einer vertrauten Umgebung entspannen könntest. Sobald du dich hier wohler fühlst, kann ich dir zeigen, wie ich eigentlich eingerichtet bin.«

Mia blinzelte ihn an. »Du hast das extra so für mich arrangiert? Wann?«

Selbst mit der schnellen Fabrikationstechnologie — oder wie auch immer Korum diese Verfahren nannte, das es ihm ermöglichte, Sachen aus nichts herzustellen — brauchte er wahrscheinlich einige Zeit, um das alles vorzubereiten. Wann hatte er bei allem, was heute passiert war, überhaupt die Gelegenheit gehabt, darüber nachzudenken? Sie versuchte, sich vorzustellen, wie er das Sofa erschuf und gleichzeitig die Keiths festnahm, und musste fast laut auflachen.

»Vor einiger Zeit«, antwortete Korum schwammig und zuckte leicht mit den Schultern.

Mia runzelte ihre Stirn. »Also ... nicht heute?« Aus irgendeinem Grund war für sie der Zeitpunkt dieser Geste wichtig.

»Nein, nicht heute.«

Mia starrte ihn an. »Du hast das Ganze schon seit einiger Zeit geplant? Mich hier zu haben, meine ich?«

»Natürlich«, gab er ohne Zögern zu. »Ich plane alles.«

Mia atmete tief durch. »Und wenn ich nicht wegen des Widerstands in Gefahr gewesen wäre? Hättest du mich dann trotzdem hier her gebracht?«

Er sah sie mit einem unleserlichen Gesichtsausdruck an. »Ist das wirklich wichtig?«, fragte er sanft.

Es war wichtig für sie, aber Mia hatte keine Lust, diese Diskussion gerade jetzt zu führen. Also zuckte sie nur mit den Schultern, sah weg und schaute sich im Zimmer um. Es war irgendwie beruhigend, an einem Ort zu sein, der zumindest vertraut aussah, und sie musste zugeben, dass es wirklich sehr aufmerksam von ihm gewesen war, das zu machen — für sie eine menschliche Umgebung in seinem Haus zu schaffen.

»Hast du Hunger?«, fragte Korum und sah sie lächelnd an.

Ihr etwas zu essen zuzubereiten war eine seiner Lieblingstätigkeiten; er hatte ihr ja sogar heute Morgen etwas zu essen gegeben, als sie Angst davor gehabt hatte, dass er sie umbringen würde, weil sie dem Widerstand geholfen hatte. Das war eine der Sachen, die ihre Gefühle für ihn so zwiespältig machten, wie überhaupt ihre ganze Beziehung. Trotz seiner Arroganz konnte er unglaublich fürsorglich und aufmerksam sein. Es machte Mia verrückt, dass er sich nie wirklich wie der Bösewicht benahm, als den sie ihn sich immer vorgestellt hatte.

Sie schüttelte ihren Kopf. »Nein danke. Ich bin immer noch voll von den Sandwiches von vorhin.« Und das war sie auch. Alles was sie wollte, war sich hinzulegen und zu versuchen, ihrem Kopf eine Auszeit einzuräumen.

»Okay«, sagte Korum. »Du kannst dich ja hier ein wenig ausruhen. Ich muss für eine Stunde oder so weg. Denkst du, du kommst hier alleine zurecht?«

Mia nickte. »Hast du irgendwo ein Bett?«, fragte sie.

»Natürlich. Komm mit.«

Mia folgte Korum den bekannten Flur zum Schlafzimmer hinunter, welches identisch mit dem in Tribeca war. Das Badezimmer befand sich auch an dem gewohnten Ort, fiel ihr auf.

»Also sind das hier alles Sachen, von denen ich weiß, wie ich sie benutzen muss?«, fragte sie.

»Ja, so ziemlich«, sagte er und streckte seine Hand aus, um ihr kurz über die Wange zu streichen. Seine Finger fühlten sich auf ihrer Haut heiß an. »Das Bett ist wahrscheinlich bequemer als du es gewohnt bist, weil es die gleiche intelligente Technologie benutzt, wie der Stuhl im Schiff und die Wände dieses Hauses. Ich habe mir gedacht, dass dich das nicht stören würde. Hab keine Angst, wenn es sich deinem Körper anpasst, okay?«

Trotz der Anspannung, die auf ihre Schläfen drückte, lächelte Mia bei der Erinnerung daran, wie bequem der Sitz im Flugzeug gewesen war. »Okay, hört sich gut an. Ich freue mich darauf, es auszuprobieren.«

»Ich bin mir sicher, dass du es genießen wirst.« Seine Augen leuchteten mit einem unbekannten Gefühl. »Schlaf ein wenig wenn du möchtest, ich bin auch gleich wieder zurück.«

Er beugte sich zu ihr herunter, gab ihr einen keuschen Kuss auf die Stirn und ging hinaus, während sie alleine in einem intelligenten Haus in einer Siedlung von Außerirdischen zurückblieb.

* * *

Weniger als zwei Kilometer entfernt sah der Krinar dabei zu, wie sein Erzfeind mit seinem Charl ankam.

Die zärtliche Art und Weise, in der Korum ihre Hand hielt und sie zu seinem Haus führte, unterschied sich so stark von seinem eigentlichen Charakter, dass der Krinar fast lachen musste. Das war eine interessante Entwicklung, dieses menschliche Mädchen. Würde das etwas ändern? Irgendwie glaubte er nicht daran.

Sein Feind würde nicht von seinem Kurs abgebracht werden, schon gar nicht von einem kleinen Menschen.

Nein, es gab nur einen Weg, die menschliche Rasse zu retten.

Und er war der einzige, der das tun konnte.

2. Kapitel

Mia wachte in völliger Dunkelheit auf.

Sie lag einen Moment lang einfach nur da und versuchte herauszufinden, wie spät es wohl war. Sie fühlte sich unglaublich ausgeruht, jeder Muskel ihres Körpers war entspannt und ihr Kopf war völlig frei. Sie wusste sofort, dass sie sich in Korums Haus in Lenkarda befand und in seinem intelligenten Bett lag. Sie streckte sich gähnend aus und fragte sich, wie Korum es ausgehalten hatte, in New York auf einer normalen menschlichen Matratze zu schlafen. Sie konnte sich nicht vorstellen für den Rest ihres Lebens jemals wieder auf etwas anderem schlafen zu wollen.

Die Laken waren um ihren Körper gewickelt und streichelten ihre Haut mit einer leichten und sinnlichen Berührung. Ihr war weder warm noch kalt und das Kissen hatte sich genau richtig um ihren Kopf und ihren Hals gelegt. Die Anspannung, die sie vor dem Schlafen gespürt hatte, war wie weggeblasen.

Sie hatte nicht vor gehabt einzuschlafen, aber das Ausruhen hatte für ihre geistige Verfassung Wunder gewirkt. Nachdem Korum gegangen war hatte sie sich geduscht und war dann ins Bett geklettert, um sich ein paar Minuten auszuruhen. Sobald sie darin gewesen war, hatten sich die Decken um sie herum bewegt, um sie in einen zarten Kokon einzuwickeln und sie konnte die leichten Vibrationen unter den angespanntesten Teilen ihres Körpers spüren. Es fühlte sich an, als würden sanfte Finger die Knoten in ihrem Rücken und ihrem Nacken wegmassieren. Sie erinnerte sich daran, wie sehr sie dieses Gefühl genossen hatte und dann musste sie auch schon eingeschlafen sein, denn von dem Moment an konnte sie sich an nichts mehr erinnern.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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