Gefallene Federn - Alice Nietgen - E-Book

Gefallene Federn E-Book

Alice Nietgen

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Beschreibung

Ausgerechnet am Markttag wird im beschaulichen Dorf Eibenheim der elfische Barde Scarlok der Grüne auf der Bühne vor seinem Publikum ermordet. Während die Paladina Arienna Federfall noch über die Hintergründe nachdenkt, bricht ein Unbekannter in Scarloks Herbergszimmer ein. Als dann noch die Wagen der reisenden Gaukler, mit denen Scarlok durch die Lande reist, in Flammen aufgehen, steht für Arienna schnell fest, dass hinter der Tat mehr steckt als nur ein düpierter Fürst. Ein Brief aus dem Besitz Scarloks weist gar auf Zusammenhänge zur elfischen Kirche hin, mit der Arienna eng verbunden ist. Gemeinsam mit zwei Veteraninnen des vergangenen Elfenkriegs, der Zentaurin Fiorella Donnerhuf und der Satyra Norska Feuerblut, sowie der satyrischen Heilerin Kassandra Albtraumkind nimmt sie die beschwerliche Reise in die Hauptstadt Silberfall auf sich - und findet sich schon bald in einem Abenteuer wieder, in dem alte Freundschaften und neue Bündnisse auf eine harte Probe gestellt werden und über das Schicksal des ganzen Reiches entscheiden könnten ...

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Seitenzahl: 612

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Für Barbara und Conny

und all meine Musen.

"Singe mir, Muse, die Taten des viel gewanderten Helden,

Welcher so weit geirrt nach der heiligen Troja Zerstörung,

Vieler Menschen Städte gesehen und Sitte gelernt hat."

- Homer, „He Odysseia“

Die Schriften lehren, dass die Göttin Devana all ihre Kreaturen gleichermaßen liebt: Elfen, Satyre und Zentauren, Feen, Tiere und Pflanzen und ihre Boten, die Angelisken. Über alle Maßen jedoch liebte sie eine ganz besondere Angeliske. Sie hielt diese ihre liebste Botin dicht an ihrer Seite, und nur sie durfte der Einen Göttin nahe sein, sie umsorgen, ihr des Morgens beim Ankleiden helfen, während des Tages an ihrer Seite stehen und des Nachts an ihrem Bette wachen.

Dass Devana eines ihrer Geschöpfe gegenüber allen anderen bevorzugte und ihr mehr Liebe schenkte, erzeugte Neid und Missgunst unter ihren übrigen Kindern. Die Angeliske wurde gemieden und geschnitten, und sie war sehr einsam. Doch sie ließ sich nichts anmerken, denn auch sie liebte ihre Schöpferin über alle Maßen und brachte es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen.

Sie gewahrten nicht, dass die anderen Geschöpfe sich zusammenschlossen und eine gar grausame Intrige ausheckten, die Angeliske nicht, und auch nicht die Eine Göttin. Doch eines Tages fand Devana ihre liebste Angeliske erschlagen im eigenen Blute vor. Die Kinder ihrer Schöpfung, die sie so geliebt hatte, hatten sich zusammengeschlossen und ihr genommen, was ihr am allerliebsten war.

Sieben Tage und sieben Nächte betrauerte Devana ihre verlorene Tochter. Sie strich ihr durch die güldenen Haare und über die ebenmäßig weißen Federn ihrer gewaltigen Schwingen und vergoss viele Tränen, weil die Schmerzen ihr das Herz zu zerreißen drohten.

Am achten Tage jedoch erhob sich die Eine Göttin, bettete ihre liebste Angeliske in einen Sarg aus feinstem Elfenbein und übergab sie den Flammen, auf dass ihre Spirië Frieden finden möge. Nur eine Feder aus den Schwingen, eine Locke ihres goldenen Haares und eine kleine Menge ihres Blutes behielt die Eine Göttin zu ihrem Andenken. Aus der Feder ließ sie von ihrem besten Künstler eine Schreibfeder fertigen, aus den Haaren erschuf der kunstfertigste Goldschmied des Reiches Zierrat und aus dem Blute gewann ihr bester Alchimist eine prächtige dunkelblaue Tinte. Dann bat Devana den Todesvogel Pandur um Splitter der Spirië und fügte diese der Feder und der Tinte hinzu.

Als die Feder und die Tinte fertiggestellt waren, ließ sie sich ein Blatt des feinsten Pergamentes bringen und stellte den Artefakten eine Frage: „Wer hat umgebracht, die mir am liebsten von all meinen Kindern war?“

Die Feder antwortete: „Ihr wart es, geliebte Göttin. Denn Ihr habt den Neid geschaffen und so den Hass in die Schöpfung gebracht.“

Da schleuderte Devana die Feder und die Tinte auf Myrrah hinab und weinte viele Nächte um die, die ihr am liebsten gewesen, aber auch um ihre Schöpfung, die sie durch ihre Liebe verdorben hatte.

Das Artefakt jedoch, geschaffen aus dem geschundenen Leib der Angeliske, ist heute noch als die Drei Schwestern der Wahrheit bekannt, und jedem, der reinen Herzens ist, beantworten sie alle Fragen wahrheitsgemäß.

Sommer in Eibenheim.

Güldenes Sonnenlicht bricht sich in den Fensterscheiben meines Schlafgemachs und zaubert funkelnde Lichtspiele auf die gegenüberliegende Wand. Staub tanzt wie Feenglitzer durch das Zimmer und die hellen Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Luft ist warm und riecht köstlich, nach dem frisch gebackenen Brot der nahen Backstube, gemähtem Gras und den Blumenbeeten, die Devanas Tempel und mein Wohnhaus umgeben. Leise dringen die Geräusche des erwachenden Dorfes an mein Ohr. Ich möchte nicht aufstehen, zu gemütlich ist das Lager, zu anheimelnd die Umgebung. Doch mein Pflichtbewusstsein zwingt mich, die dünne Leinendecke zurückzuschlagen und mit der Morgenwäsche zu beginnen.

Ana Godinglans, meine Schülerin, hat bereits Wasser vom Brunnen heraufgebracht und in den Waschzuber gefüllt. Trotz der hochsommerlichen Witterung ist es eiskalt und kristallklar. Ich werfe einen Blick in meinen Spiegel, dann binde ich meine blonden Haare mit einem Seidenband zurück und greife nach der Seife, einem der wenigen Luxusgüter, die ich aus Silberfall importieren lassen.

Als ich noch in Silberfall zur Akademie ging, hätte ich mir niemals träumen lassen, dereinst in einem kleinen Dorf zu leben und daran auch noch Wohlgefallen zu finden. Die Hauptstadt des Elfenreiches lässt sich nur schwerlich vergleichen mit der beschaulichen Ruhe eines Dorfes, dessen größtes gesellschaftliches Ereignis der zweiwöchentlich stattfindende Markt ist.

Doch nach dem Krieg, der die Völker Myrrahs so furchtbar entzweit hatte, begonnen und verloren von meinem eigenen Volke, sehnte ich mich nach Ruhe. So kam ich nach Eibenheim, idyllisch gelegen an der Hulda, begrenzt im Osten durch sanfte Hügelketten mit saftigen Weiden, die einen der zahllosen südlichen Ausläufer der Wolkenstürmerzinnen darstellen, und im Westen durch den Bognerforst, in dem mehrheitlich die dem Dorf seinen Namen gebenden Eiben wachsen.

Ganz freiwillig verschlug es mich indes nicht hierher. Eibenheim war vor dem Krieg eine rein satyrische Siedlung, die sich während der letzten Tage des Konfliktes einem steten Strom elfischer Flüchtlinge gegenüber sah. Obgleich die Elfen während dieser Tage unglaubliches Leid über die anderen Völker gebracht hatten, wurden die Flüchtenden herzlich aufgenommen. Als in Silberfall der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, kehrten die meisten Familien in ihre Heimat zurück. Die verbliebenen Elfen arbeiteten hart, um sich ihren Platz in der Dorfgemeinschaft zu sichern.

Zu diesen zählte auch ich, denn ich war in den Wirren der letzten Kriegstage von meiner Einheit abgeschnitten und in einem kleinen Scharmützel mit einer satyrischen Bauernmiliz schwer verwundet worden. Zu jener Zeit kursierten bereits Gerüchte darüber, dass die Ewige Kaiserin die Waffenruhe und Kapitulation befohlen hatte. Die Bauern schafften mich zur nächsten Siedlung: Eibenheim. Dort pflegte mich die Heilerin Kassandra Albtraumkind gesund.

Seit diesem Tage, der nun bereits fünf Jahresläufe zurückliegt, lebe ich in Eibenheim und kümmere mich um das spirituelle Wohl der elfischen Bevölkerung. Ich habe mit ihnen und mit den Satyren den Tempel zu Ehren unserer Göttin Devana errichtet, finanziert nur durch Spenden der Elfen. Ich habe mir das Vertrauen der Satyre erarbeitet, und schließlich wählten mich die Einwohner Eibenheims in den Dorfrat, wo ich nun an der Seite des Bürgermeisters Cedrik Schwarzbart für die Einhaltung von Recht und Gesetz Sorge trage. Dem alten Miesepeter gefällt es indes überhaupt nicht, dass er seine Macht mit einem anderen teilen soll - und darüber hinaus noch ausgerechnet mit einer Elfe, die der Göttin dient. Um unserer Rivalität keine unnötige Nahrung zu bieten, gehe ich ihm üblicherweise aus dem Wege, solange es die Regierungsgeschäfte nicht notwendig machen, sich mit ihm auseinanderzusetzen.

Die Körperpflege ist beendet, und Ana nimmt mein Nachtgewand entgegen, um es mit der restlichen schmutzigen Wäsche zu säubern.

„Wünscht Ihr ein Frühstück, Herrin?“, erkundigt sie sich.

Ich schüttele den Kopf. „Ich werde bei Edelîn Donnerhuf frühstücken, Ana. Wenn du die Hausarbeit erledigt hast, darfst du dich zurückziehen zu deinen Studien. Ich werde den ganzen Tag auf dem Markt zu tun haben.“

„Ja, Herrin.“ Ana verbeugt sich, das Nachtgewand über dem Arm und die Waschschüssel mit dem schmutzigen Wasser in der Hand. Dann verlässt sie mein Schlafgemach.

Meine Gewänder muss ich, den Regeln des Ordens folgend, alleine anziehen. Mein Körper ist der Herrin Devana geweiht, und nicht einmal ein anderer Elf wie Ana darf seiner ansichtig werden. Lediglich zum Anlegen der schweren Kampfrüstung ist es gestattet, sich von einer Gewandemagd oder einem Gewandeburschen helfen zu lassen.

Das Gewand der Paladine Devanas besteht zunächst aus weißen Beinkleidern und für Frauen aus einem weißen Mieder, welches über dem Brustkorb geschnürt wird. Darüber tragen wir eine helle Tunika, einen wattierten Brustpanzer und einen Wappenrock, der das Wappen Devanas zeigt. In Friedenszeiten beschränkt sich das schwere Rüstzeug der Paladine auf silberne Beinschienen, und auch die Ellbogen werden durch Armschienen geschützt. Gegen den Schmutz auf den Straßen trage ich zumeist weiche Lederstiefel. Zuletzt lege ich den schmalen Ledergürtel mit dem kleinen Geldkätzchen um und befestige daran mein schlankes Langschwert, das reich mit goldenen Einlegearbeiten verziert ist.

Aus einer Schublade meines Schreibtisches entnehme ich eine kleine Schatulle, deren Vorhängeschloss ich mit einem Schlüssel entriegele, welchen ich an einem Band um den Hals trage. In der Schatulle befindet sich neben einigen Erinnerungsstücken an meine Heimat auch meine Barschaft, gezahlt vom Konzil der Göttin in Silberfall, welches dem Rat der Hohepriester untersteht. Eine Handvoll Ivorini verstaue ich in meiner Geldkatze, wo die Elfenbein-Münzen klackend aneinanderstoßen.

Die Schatulle wandert zurück in ihr Fach, dann erhebe ich mich, befreie meine Haare von dem Seidenband und verlasse mein Schlafgemach. Die Tür drücke ich einfach ins Schloss; niemand in Eibenheim würde es wagen, ausgerechnet die Paladina auszurauben. Behände steige ich die Stufen hinab und trete durch die Eingangstür hinaus in den schmalen Blumengarten, der sich um mein Haus spannt und von Ana liebevoll gepflegt wird.

Selbst zu dieser Stunde herrscht bereits geschäftiges Treiben auf den Straßen. Es ist der Vortag zum Markt-Wochenende, und schon jetzt füllen sich die Straßen mit den Fuhrwerken von Händlern und allerlei gaukelndem Volk, das aus den umliegenden Ländereien nach Eibenheim reist, um seine Waren feilzubieten und die Bevölkerung durch Schauspiel, Tanz und Gesang zu unterhalten. Die Markt-Wochenenden sind mir die liebste Zeit, erinnern sie mich doch an die belebten Straßen der Reichshauptstadt. Ich schließe die Augen und nehme die Geräusche und Gerüche in mich auf, während mir die Sonne warm das Gesicht bescheint. Beinahe ist es wie einst in der Akademie, wenn meine damalige beste Freundin Gwelen und ich uns aus dem Unterricht des alten Bereon Bleichensand schlichen und auf dem Balkon der Akademie aneinandergeschmiegt dem Treiben in Silberfalls Straßenschluchten zusahen.

Auf dem Weg zu Edelîn Fiorella Donnerhufens Gasthaus werde ich immer wieder gegrüßt und in kurze Gespräche verwickelt. Es ist Teil meiner Aufgabe: Ich erkundige mich hier nach dem Wohlergehen eines alten Familienmitgliedes, segne da den Bauch einer schwangeren Satyra und werfe dort den Ball einiger spielender Kinder wieder zurück. Es wärmt mein Herz, dass ich hier in Eibenheim erleben darf, wie die Kinder von Elfen und Satyren miteinander im Straßenstaub tollen. Hoffentlich wird es den zukünftigen Generationen vergönnt sein, in Frieden aufzuwachsen, nachdem ihre Eltern und Großeltern unter all dem Unglück des zurückliegenden Krieges zu leiden hatten.

Fiorellas Gasthaus trägt den überaus passenden Namen „Den Gefallenen Helden“. Sie selber ist eine Veteranin des zurückliegenden Krieges, eine Scharfschützin aus dem Schoße des Zentauren-Volkes, die einzige ihres Geblütes in der Stadt. Um sie und ihre Freundin, die Satyra Norska Feuerblut, ranken sich unzählige Legenden, denn die beiden waren ein unzertrennliches Gespann. Es wundert kaum, dass auch Norska nach Eibenheim kam und hier eine Schmiede eröffnete, nachdem sie zuvor viele Jahre durch Myrrah gewandert war und ihr Handwerk nur bei den besten Schmieden des Kontinentes erlernte, ihre Studien nur vorübergehend vom Kriege unterbrochen.

Die Sänge, welche über beide kursieren, ziehen natürlich allerlei neugieriges Volk nach Eibenheim. Besonders an den Markt-Wochenenden kommen zahllose Fremde im Gefolge der Händler und Gaukler in unsere Gemeinde, um den Heldinnen des Krieges nahe sein zu können. Während Fiorella derlei Heldenverehrung mit stoischer Ruhe über sich ergehen lässt und auch nicht vergisst, die eine oder andere Geschichte aus dem Krieg in klingende Münze umzuwandeln, war Norska schon häufiger in Prügeleien verwickelt, vermittels derer sie sich allzu aufdringlicher Verehrer zu erwehren suchte. Man muss die bedauernswerten Toren, die sich mit ihr anlegen, ob ihres Mutes - oder ihrer Dummheit - bewundern, denn Norska ist mit hochaufragenden zwei Schritt Körpermaß für eine Satyra überdurchschnittlich groß und eingedenk ihrer Profession auch ausgesprochen kräftig.

Ich schließe die Tür in den Schankraum hinter mir und blicke mich in der Stube um. Es ist leer; nur zwei Satyre sitzen etwas abseits an einem der Tische und genehmigen sich ein spätes Mahl. Ich kenne sie vom Sehen, sie sind Händler aus den westlichen Provinzen, jenseits der Goldenen Schärpe. Die beiden bemerken mich nicht, sondern laben sich an starkem Bier, dunklem Brot und kräftigem Bauernschinken.

Die Zentaurin blickt von dem Buch auf, als sie meiner gewahr wird, nimmt ihre langstielige Pfeife aus dem Mund und lächelt. Ich trete zu ihr an den Tresen und nehme auf einem der Hocker Platz.

„Devana zum Gruße, Edelîn Fiorella“, grüße ich sie.

„Fendithion ar do bealaí, Edelîn Arienna“, erwidert sie auf zentaurisch. „Frühstück wie immer zum Marktabend?“

„Sehr wohl.“ Ich löse meine Klinge vom Gürtel und hänge sie an einen der Haken, die zu diesem Zwecke überall in die Stützbalken der Gaststube eingeschlagen sind. „Es ist ein wundervoller Morgen. Bei diesem Wetter werden die Händler gute Geschäfte machen. Und Ihr ebenfalls.“

„Zweifelsfrei.“ Die Zentaurin reicht mir einen irdenen Becher, aus dem der kräftige Duft frisch gebrühten Tees strömt. „Der Markt wird heuer jedoch auch allerlei Gesindel in die Stadt ziehen. Am yn dda.“

„Danke.“ Ich nippe an dem heißen Sud, während Fiorella sich abwendet, um mir das Mahl zu bereiten. „Habt Ihr etwa Gerüchte gehört, dass Diebesvolk in der Stadt ist?“

Die Zentaurin stellt einen hölzernen Teller mit Brot, Käse und einem Klecks frisch bereiteter Butter auf den Tresen und lächelt. „Ihr könnt ja einmal Edelîn Norska fragen, was diese zum Thema Cigenye zu sagen hat. Aber wenn ich Euch einen Rat geben darf -“ Sie beugt sich vor. „Haltet dabei sicherheitshalber drei Schritt Abstand.“

„Sie ist nicht gut auf das Reisende Volk zu sprechen.“ Ich sage stumm ein Dankgebet, dann ziehe ich meinen Dolch aus seiner Scheide und schneide damit eine Scheibe von dem kräftigen Brot ab.

„Welcher Satyr wäre schon gut auf die Cigenye zu sprechen? Für sie sind das clanlose Gesellen.“ Fiorella zuckt mit den Schultern. „Entschuldigt mich einen Augenblick. Ich muss Euren Salat in der Küche bereiten.“

Ich nicke in Gedanken, während die Zentaurin durch eine Tür in der Küche des Gasthofs verschwindet. Üblicherweise ist dies das Refugium der Elfe Aruna Blätterkleid, die gemeinsam mit dem Satyr Joriel Blitzgeschwind in der Schankstube und dem Gasthaus aushilft, aber zu dieser frühen Stunde bedarf Fiorella ihrer Hilfe noch nicht. Wenn am Nachmittag und am Abend jedoch die Händler und das reisende Volk im „Gefallene Helden“ einkehren, werden sie alle Hände voll zu tun haben.

Ich leere den Becher in meiner Hand, wobei ich darauf Acht gebe, dass nichts vom Bodensatz in meinen Mund gelangt, dann bestreiche ich die Brotscheibe mit einer hauchzarten Schicht der weißen Butter und schneide eine ähnlich dünne Scheibe vom Käselaib ab, um mit dieser meine Brotzeit zu vervollkommnen. Fiorella bemisst die Mahlzeiten eher großzügig, da viele ihrer Gäste hart arbeiten und ein dementsprechend deftiges Mahl erwarten. Ich selber bevorzuge mein Frühstück so karg wie möglich, lehrt doch Devana, dass ein vollgefressener Bauch weniger wachsam ist als ein mit Maß genährter.

Fiorella liegt mit ihrem Einwand nicht allzu weit abseits der Wahrheit. Tatsächlich bringt das Markt-Wochenende auch immer einen Schwung ehrloser Gesellen mit sich, die lange Finger machen oder Betrug, Falschmünzerei, Hehlerei, Händel und allerlei Untugenden mehr zu begehen planen. Alle zwei Wochen hat die Gerichtsbarkeit in Eibenheim gut zu tun, und so manch einem kleinen Gauner widerfährt kurzer Prozess, ehe er sich am Schandpranger dem Beschuss durch fauliges Gemüse ausgesetzt sieht. Aber letztendlich sind es überwiegend genau dies: Kleine Gaunereien.

Und die Cigenye, nun... Sie mögen reisendes Volk sein, clanlose Gesellen aber sind sie nicht, ehren sie doch die Familie und ihre Traditionen. Viele von ihnen sind Gaukler oder Akrobaten, Musikanten oder Tänzer, aber die Cigenye bringen auch exzellente Handwerker hervor, deren Goldschmiedekunst, Schneidergeschick oder Glasbläserei ihresgleichen in ganz Myrrah sucht. Zwar gibt es auch unter ihnen schwarze Schafe, die auf einen schnellen Ivorini hoffen, doch auffällig oft in Gaunereien verwickelt, das sind sie nun wahrlich nicht.

Darüber hinaus ist das Markt-Wochenende zwar eines der bedeutenderen Ereignisse der Region, aber letztendlich kennt man sich untereinander bereits. Bei den Händlern kommt es eher selten vor, dass sich ein neues Gesicht hierher verirrt. Stattdessen wird man zwangsläufig in die Familien eingeführt, lernt den Ehepartner und die Kinder kennen, sieht diese heranwachsen, langsam reifen und das Geschäft der Eltern übernehmen.

Auch beim Bunten Volk gibt es solche, die immer wieder zum Markt kommen. Eibenheim ist ein willkommener Rastplatz auf den Handelsstraßen, die die südlichen Provinzen mit ihren exotischen Städten und reichen Plantagen mit der nördlichen Reichsstraße und den Wolkenstürmerzinnen verbinden, und wenn die Geschäfte gut laufen, dann lässt das Volk für eine gute Darbietung auch schon einmal die eine oder andere Münze springen. Kurz gesagt: Fremde fallen auf.

„Rwy'n dod eich brecwast chi.“

Der Satz auf Zentaurim reißt mich aus meinen Gedanken. Fiorella ist unbemerkt von mir aus der Küche zurückgekehrt und stellt nun eine hölzerne Schale neben meinen Teller. In dieser befindet sich ein farbenprächtiger Salat, bei dessen Anblick mir das Wasser im Munde zusammenläuft. Das Brot ist für sich schon ein Genuss, doch der Salat, der fraglos vor wenigen Augenblicken noch in Fiorellas Garten die Sonne genossen hat, ist eine Sünde. Grün-schimmernder Escariol, saftige Gurken, kräftig-orangefarbene Mohrrüben, prachtvoll rubinrote Tomaten, purpurne Zwiebeln und in hauchzarte Scheiben geschnittene schneeweiße Radieschen stellen jedes Erntefest in den Schatten. Dazu reicht die Zentaurin eine kleine Karaffe mit einer Vinaigrette aus Schwarzessig, Olivenöl und Kräutern, die zweifelsfrei aus Kassandras Garten stammen.

„Ihr verwöhnt mich zu sehr“, sagte ich und nehme schnell den letzten Bissen von meinem Brot, um mich der frischen Pracht hingeben zu können.

„Iwo.“ Mit einem lausbübischen Schmunzeln reicht mir die Zentaurin eine Zinngabel und gießt, sobald ich das Besteck entgegengenommen habe, frischen Tee in das Tongefäß. Auch für sich selber füllt sie nun einen Becher mit der dampfenden Flüssigkeit.

„Um zu dem Problem möglicher Gaunereien während des Markt-Wochenendes zurückzukehren, Edelîn Fiorella“, hebe ich an, während ich die Gabel mit dem Salat zum Mund führe, „Ihr seid mir auf meine Frage ausgewichen. Ihr wisst so gut wie ich, dass die Cigenye besser sind als ihr Ruf. Wenn wir in den kommenden Tagen Ärger durch Taugenichtse zu erwarten haben, möchte ich mich darauf gerne vorbereiten können.“

„Es gehen Gerüchte um, dass Scarlok der Grüne sich die Ehre zu geben gedenkt.“

„Der elfische Barde?“ Ich ziehe eine Augenbraue nach oben.

„Richtig.“ Fiorella nimmt einen Schluck aus ihrem Becher, dann fährt sie fort: „Scarlok zieht immer allerlei Schaulustige an, die sich seine Sänge und Fyttes anhören möchten. Das Weibsvolk liegt ihm üblicherweise zu Füßen.“

„Unverständlich, wenn Ihr mich fragt.“

Fiorella lacht amüsiert. „Ihr seid nicht unbedingt der Maßstab, was den Geschmack elfischer Frauen betrifft, Edelîn Arienna, oder Frauen ganz allgemein. Wie dem auch sei, Scarlok der Grüne wird ohne Zweifel eine gewaltige Versammlung provozieren. Ganz Eibenheim wird auf den Hufen sein. Ich kann mir gut vorstellen, dass zwielichtige Gestalten diese Gelegenheit ausnutzen werden.“

„Ob Cedrik davon weiß?“, sinniere ich.

„Der alte Schwarzbart?“ Erneut ein Lachen. „Ich will es mal bezweifeln. Unser Dorfvorstand würde niemals einem Elfen eine Bühne geben. Nein, Scarlok nimmt sich zumeist seine Bühne selber. Der fragt nicht um Erlaubnis.“

„Ich werde trotzdem mit Hêrre Schwarzbart reden müssen, fürchte ich.“ Ich seufze. „Die Herrin ist mein Zeuge, ich hätte lieber Zahnwürmer.“ Ich blicke die Zentaurin an. „Kann ich auf Euch zählen, wenn es denn wirklich zu einem Aufruhr kommt?“

„Ich werde gut zu tun haben, sollte Scarlok wirklich in Eibenheim auftauchen. Viele Fremde werden in der Stadt nach Obdach suchen. Wenn es aber zum schlimmsten kommt, sendet nach mir, und ich werde an Eurer Seite stehen.“ Fiorella legt den Finger an die Nase. „Ihr könntet Edelîn Norska fragen. Sie wird sich gewiss nicht für den Minnesang des Grünen erwärmen, und ihre Schmiede ist um die Abendstunde sicher schon geschlossen.“

Ich nicke. „Ein guter Vorschlag. Und ich bin froh, dass Ihr mir Eure Hilfe nicht versagt, obgleich Ihr Verantwortung für das ‚Gefallene Helden‘ habt. Das weiß ich zu schätzen.“ Ich leere den Becher und greife nach meiner Geldkatz. „Nun gut, ich sollte aufbrechen, damit ich meine Nachforschungen durchführen kann, ehe es Zeit wird, den Markt zu inspizieren. Zwei Ivorini, wie jeden Morgen, Edelîn Fiorella?“

„Ich dachte, ich könnte Euch vielleicht um einen Gefallen bitten“, entgegnet die Zentaurin. „Wenn Ihr ohnehin Edelîn Norska in der Schmiede besucht, könntet Ihr vielleicht einen kleinen Abstecher zu Edelîn Kassandras Kate machen und für mich Kräuter einkaufen? Ich weiß, dies gehört nicht unbedingt zu Euren Aufgaben, aber Aruna und Joriel kommen erst am Nachmittag, und mir sind einige Gewürze ausgegangen, die ich für den Mittagstisch benötige.“

Ich überlege kurz, ehe ich nicke. „Ich wollte ihr ohnedies einen Besuch abstatten, damit sie einen Blick auf die Narben werfen kann. Ich hatte zwar vor, dies erst nach dem Markt zu tun, aber nun kann ich es auch genauso gut vorziehen.“

„Ihr seid mir eine große Hilfe.“ Sie reicht mir ein Bündel aus Pergament, in dem Elfenbeinmünzen klackend zusammenstoßen. „Die Liste befindet sich auf der Innenseite. Die Ivorini sollten ausreichend sein.“

„Wenn das Geld nicht ausreicht, verbleiben noch die zwei Münzen, die ich nun spare“, scherze ich. Ernster fahre ich fort: „Ich werde Euch die Kräuter vorbeibringen, ehe ich zu Hêrre Schwarzbart gehe und den Markt inspiziere.“ Ich erhebe mich und verstaue Fiorellas Beutelchen in meiner Geldkatze. Dann greife ich nach meiner Klinge und gürte sie wieder. „Gehabt Euch wohl.“

„Fendith, Paladina Arienna“, erwidert Fiorella.

Norskas Schmiede gehört zu den wenigen Gebäuden, die sich außerhalb der Stadtgrenzen und auf der anderen Seite der Hulda befinden. Außer der Schmiedin hat nur noch Kassandra ihr Landhaus jenseits des Flusses. Die restlichen Bauten sind Köhlerhütten, in denen Holzkohle verschwelt wird, und die Krypta des Pandur-Angers.

Für Norska hat die Wahl rein praktische Gründe. Das Wasser der Hulda bietet einen wirksamen Feuerschutz und dient dazu, die Schmiedestücke zu kühlen und den Schmiedehammer sowie den Blasebalg anzutreiben. An Tagen wie diesen kommt es nicht selten vor, dass die Satyra sich in ihren Pausen einfach bar jeglichen Schamgefühls in den Fluss legt, um sich abzukühlen. Ich kann kaum ermessen, wie erbarmungslos die Hitze der Schmiede-Esse in dem Steinhaus sein kann. Ich weiß, dass Norska so wie ich selber aus einer Region kommt, in der die Temperaturen auch im Sommer nur selten so weit steigen, dass man ohne Umhang hinaus kann. Für mich ist das sommerliche Wetter in meiner Rüstung unangenehm - für Norska muss es unerträglich sein.

Schon von der Brücke kann ich sehen, dass dicke, graue Rauchwolken aus dem Schornstein der Schmiede quellen, und je näher ich dem Gebäude komme, umso deutlicher kann ich hören, wie Norskas Schmiedehammer auf ein Werkstück klirrt. Das Wasserrad steht still, was bedeutet, dass Norska an dem Stücke selber Hand anlegt. Die Tür des flachen Hauses steht sperrangelweit offen, ebenso wie der Laden, der die gesamte Fassade des Gebäudes bildet. Trotzdem ist das Licht im Inneren dämmrig; nur schemenhaft zeichnet sich Norskas hünenhafte Gestalt im Widerschein des Schmiedefeuers ab. Sie überragt die meisten Mitglieder ihres Volkes um nahezu zwei Köpfe und ist kräftig gebaut, mit akzentuierten Muskeln unter wettergegerbter Haut. Schwarze Haare und dunkelbraunes Fell geben ihr ein wildes Aussehen, und die Augenklappe, die ihr linkes Auge verdeckt, trägt ihrer Vergangenheit als Kriegerin Rechnung.

Als ich die Schmiedin erreiche, schlägt sie mit einem gewaltigen Hammer auf ein rotglühendes Stück Eisen ein. Durch pure Muskelkraft faltet sie den langen Metallstreifen, bis er zu einem einzelnen Block verschmolzen ist, dann kommt dieser zurück in das Feuer, wird wieder flach geschlagen und erneut gefaltet. Norska hat sich diese Methode in Immerfrost angeeignet, und sie verwendet für die Herstellung dieses Stahls nur bestes Eisenerz und feinste Steinkohle aus den Zinnen. Das gefaltete Metall wird zu Klingen für Werkzeuge und Schwerter verarbeitet, die in ganz Myrrah für ihre exzellenten Eigenschaften berühmt sind.

Auch die Klinge meines eigenen schlanken Schwertes ist aus diesem Stahl hergestellt, zusätzlich ist dem Material aber noch ein weiteres Erz beigemengt, dessen genauen Ursprung Norska geheim hält. Das Schwert ist nicht zuletzt aufgrund seiner Einlegearbeiten aus Feengold nahezu unbezahlbar. Wäre ich nicht Paladina, hätte ich eine solche Waffe niemals besitzen können, und nur im äußersten Notfall würde ich die Klinge gegen einen Feind richten. Sie ist ein Zeichen meines Ranges und meiner Freundschaft mit der Schmiedin, kein tumbes Werkzeug zum Blutvergießen.

Ich warte abseits der Esse, dass Norska mich bemerkt. Als sie meiner Anwesenheit gewahr wird, nickt sie mir kurz zu, dann widmet sie sich wieder dem Stahl auf ihrem Amboss. Sie ist bis auf ein kurzes Röckchen aus Baumwolle und ihre Schürze aus grobem Leder unbekleidet, und der Schweiß rinnt ihr über die gebräunten muskulösen Arme. Mit gleichmäßigen Schlägen verschweißt sie die einzelnen Metallschichten, bis die Funken stieben.

Es dauert vielleicht eine halbe Stunde, dann hält Norska den Metallstreifen ein letztes Mal ins Feuer und wirft ihn abschließend in einen Eimer mit Wasser. Es zischt, und der aufwallende Dampf lässt die Temperaturen in der Nähe des Feuers sicher noch einige Grade ansteigen. Den gewaltigen Hammer stellt die Schmiedin auf den Amboss, dann greift sie nach einem großen Tonkrug und nimmt einen tiefen Schluck.

„Paladina Federfall“, sagt sie schließlich und stellt den Krug auf einer Werkbank ab. Ihre Stimme ist dunkel und grollend, wie die erste Vorahnung von einem Sommergewitter. „Was führt Euch zu mir? Wie kann ich Euch zu Diensten sein?“

„Edelîn Feuerblut, ich hoffe, ich habe Euch nicht gestört“, sage ich. „Das Werkstück scheint Eure gesamte Aufmerksamkeit zu beanspruchen.“

„Dwly.“ Norska winkt ab. „Ich probiere nur die Eigenschaften einiger neuer Erze aus, die die Satyre in Tiefgruben und Eisenbingen gefunden haben. Hier.“ Sie wirft mir einen Klumpen Erz zu, und ich fange ihn geschickt auf. „Federleicht ist das Zeug, doch taugt es nicht, daraus Waffen zu schmieden. Die Verhüttung ist so schwierig, dass eine Klinge daraus teurer wäre als eine gleichartige aus purem Feengold und bestenfalls genauso widerstandsfähig im ständigen Einsatz.“

„Vielleicht könntet Ihr Schmuck daraus schmieden, wenn es so teuer in der Verarbeitung ist“, sage ich und drehe den Erzklumpen hin und her.

„Sicher.“ Norska nickt und grinst dazu belustigt. „Der Träger eines solchen Schmuckstücks müsste sich aber damit abfinden, dass keine Macht auf Myrrah dieses píosa o sothach zum Glänzen bringen kann.“ Sie lehnt sich zurück und stützt die Ellbogen auf ihre Werkbank auf, sodass sich ihre Brüste unter der Schürze abzeichnen. „Und nun sprecht, Paladina.“

„Ich benötige Eure Hilfe während des Markt-Wochenendes“, sage ich.

„Ich werde wenig Zeit haben, fürchte ich“, erwidert die Satyra und deutet mit dem Daumen zu einer Kiste, in der sich Werkzeuge stapeln. „Die da verkaufen sich nicht von selber.“ Sie schlägt die Beine übereinander und greift erneut nach dem Wasserkrug. „Was ist mit Edelîn Fiorella?“

Ich schüttele den Kopf. „Dasselbe wie mit Euch. Sie wird im Gasthaus alle Hände voll zu tun haben, Aruna und Joriel zum Trotze. Sie hat mir geraten, mit Euch zu sprechen, Edelîn Norska. Ich bedarf Eurer Hilfe aller Voraussicht nach erst, wenn die Marktstände bereits geschlossen haben.“

Norska setzt den Krug ab. „Es geht um Scarlok den Grünen, richtig?“

Ich werfe die Arme in die Luft. „Wieso weiß jeder in dieser Stadt über den Barden Bescheid außer mir?“

„Vielleicht weil Ihr nicht unbedingt der Maßstab für den -“, hebt Norska an, aber ich schneide ihr mit einer Handbewegung das Wort ab. Sie grinst. „Ich verstehe. Und Ihr könnt auf mich zählen. Sobald ich meinen Stand geschlossen habe, stehe ich Euch zur Verfügung.“

„Vielen Dank.“ Ich senke den Kopf. „Ihr seid mir eine große Hilfe.“

„Glaubt Ihr denn, dass es zu Schwierigkeiten kommen wird?“

„Das kann ich nicht sagen.“ Ich lasse mich auf einen Holzblock fallen, der Norska als Hocker dient, wenn sie in der Nähe des Fensters an feiner Mechanik arbeitet. „Ich kann nicht ausschließen, dass jemand das Durcheinander um Scarlok den Grünen nutzen wird, um lange Finger zu machen.“ Ich streiche mir nachdenklich mit dem Daumen über das Kinn. „Es werden viele Fremde in der Stadt sein. Selbst wenn Ihr mir helft, werden wir unsere Augen unmöglich überall haben können.“

„Cedrik sollte Euch vielleicht die Miliz zur Seite stellen“, schlägt Norska vor. Ich antworte mit einem gequälten Seufzer. Die Schmiedin stößt sich von ihrer Werkbank ab, tritt zu mir und legt mir die Hand auf die Schulter. „Überlegt einmal, Paladina. Ihr bittet Cedrik darum, Satyre gegen einen Elfen ins Feld führen zu dürfen, auf den zumindest der weibliche Anteil der Bevölkerung eher zu hören gewillt ist als auf unseren Dorfältesten. Sein Stolz und dieses Dilemma werden ihn zerreißen. Aber er wird Euch die Miliz an die Seite stellen, dessen bin ich sicher.“

Ich lache leise. „Edelîn Norska, Ihr seid ein Genie. Ein böses und gerissenes Genie.“

„Ich habe meine lichten Momente, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf.“ Sie tritt zurück. „Macht Euch keine Sorgen, Edelîn Arienna. Ich werde an Eurer Seite stehen, wenn dieser eitle Gecke der holden Weiblichkeit den Kopf verdreht mit seinem Geklimper. Und Edelîn Donnerhuf wird ebenfalls bei uns sein, überlasst das nur mir.“

„Ich danke Euch.“ Ich erhebe mich und lege den Erzklumpen auf die Werkbank. „Entschuldigt mich, ich muss noch zu Edelîn Albtraumkind. Und danach muss ich mich mit Hêrre Schwarzbart auseinandersetzen. Ich sehe Euch morgen auf dem Markt.“

„Fendith, Edelîn Arienna, und viel Glück mit dem alten Sauertopf!“

Ich deute eine kleine Verbeugung an, dann trete ich zurück in den Sonnenschein. Im Vergleich zur Hitze in der Schmiede ist die sommerliche Luft beinahe kühl. Ich lege die Hand auf den Knauf meines Schwertes und atme tief ein, ehe ich meinen Weg fortsetze.

War Norskas Schmiede ein flaches Gebäude aus massiven Granitsteinen und mit einem Dach aus dunklem Schiefer, dessen Wohnbereich sich in einem kleinen Anbau befindet, so geht Kassandras Landhaus beinahe als Villa durch. Zwei Stockwerke hat es, mit einem Fundament aus Granit und einem Ständerwerk aus dunkler Eiche, und das Dach ist mit Reet gedeckt. Efeu und wilder Wein ranken sich an der Außenwand empor, und links der finstren Eingangspforte mit ihren mysteriösen Schnitzereien und Beschlägen aus patinierter Bronze steht inmitten eines farbenfrohen Blumenbeetes eine Gartenbank.

An das Haus angegliedert ist ein Turm von vierzehn Schritt Höhe, in dessen gläserner Kanzel sich ein astronomisches Observatorium befindet. Das dort installierte Fernblickrohr hat Kassandra für teure Ivorini importiert, ein beeindruckendes Ding aus funkelndem Messing und mit hoher Präzision geschliffenen Linsen aus Quarz - aber das Geheimnis, wer das wertvolle Instrument für sie gebaut hat, hütet die Medica eifersüchtiger als ein Eichhörnchen seinen Nussvorrat.

Ich trete an die Tür und greife den Ring des Türklopfers, der in ein Löwenmaul eingehängt ist. Schwer fällt der Metallreif auf das Türblatt, als ich dreimal klopfe, und das Hallen der dumpfen Schläge ist auch durch das finstre Holz zu hören. Dann trete ich zurück und warte, dass Kassandras Schülerin Dariella Veilchenblick mir die Tür öffnet. Dass die Medica die junge Satyra bei sich aufgenommen hat, war für die Bewohner Eibenheims durchaus eine Überraschung, denn Kassandra hält nicht viel von Gesellschaft und zieht es vor, für sich alleine zu sein. Auch darum steht ihr Landhaus außerhalb der Stadtgrenzen und jenseits der Hulda.

Als Kassandra nach Eibenheim kam, war sie ihrem eigenen Bekunden nach schon viele Jahre auf der Reise durch die entlegensten Regionen Myrrahs, um neue Pflanzen, Tiere und Mineralien zu erforschen, die sie in ihren heilenden Tinkturen verwenden kann. Fragt man die älteren der Einwohner, so berichten sie ziemlich einhellig, dass die Medica seinerzeit gehetzt wirkte, beinahe als sei sie auf der Flucht und werde gejagt. Ihre Kleidung sei in Unordnung und ihr Körper mit Kratzern und Schrunden übersät gewesen. Zunächst habe man sie nur gepflegt und gehofft, sie möge ihre Reise bald fortsetzen, zumal man ihr Gepäck und ihre Andenken an ihre Reisen für ein schlechtes Omen, für Dämonenzeugs gar hielt.

Dann jedoch sei es bei einer hochschwangeren Satyra zu Komplikationen während der Geburt gekommen, und letztendlich sei es nur Edelîn Kassandra Albtraumkind zu verdanken, dass Mutter und Kind überlebten. Man gewährte ihr Obdach, so sie dem Dorf als Medica zur Verfügung stehe, und kurz vor dem Ausbruch des Krieges zog sie in das Landhaus, das sie noch jetzt bewohnt. Kassandra war ein Glücksgriff für Eibenheim, eine unschätzbare Hilfe, als der Strom der Flüchtlinge immer stärker wurde und zunehmend auch Verwundete und Erkrankte unter ihnen waren. Die Medica arbeitete bis zur Erschöpfung in jener Zeit, und heute ist sie ein geachtetes Mitglied der Gesellschaft. Zu gerne möchte Cedrik Schwarzbart sie für den Stadtrat gewinnen, doch derlei weltlichem Getue ist sie völlig abhold. Für sie zählt neben dem Wohlergehen ihrer Patienten nur ihr Frieden, damit sie in Ruhe ihre Forschungen fortführen kann.

Dariella öffnet mir die Tür. Sie trägt einen Kranz aus Blumen in ihren nussbraunen Haaren und ein dünnes Leinenhemdchen mit Blütenstickereien, das von ihrem jugendlichen Körper mehr entblößt als zu verdecken. Mit großen, tiefvioletten Augen mustert sie mich.

„Ah“, entfährt es mir etwas überraschter als beabsichtigt. „Devana zum Gruße, Edelîn Veilchenblick. Ich hoffe, ich habe Euch und Edelîn Albtraumkind nicht gestört.“

„Fendith, Paladina Federfall“, erwidert das Mädchen den Gruß. „Was führt Euch zu meiner Herrin?“

Ich greife in meinen Ranzen und überreiche ihr das Bündel, das Fiorella mir gegeben hat. „Edelîn Donnerhuf bat mich, diese Kräuter und Früchte zu besorgen. Bei der Gelegenheit würde ich Meisterin Kassandra gerne einen Blick auf meine Narben werfen lassen, wenn es nicht zu viele Umstände bereitet.“

Dariella nimmt den Pergamentbeutel entgegen und lächelt warm. „Die Herrin ist im Garten. Kommt. Ich bringe Euch zu ihr.“

Sie tritt zur Seite, und ich beeile mich, ins Innere zu schlüpfen. Der Korridor, in dem wir uns befinden, ist dämmrig und kühl, eine willkommene Abwechslung nach der Hitze des Sommertages. Der Flur führt an einer Stiege vorbei und endet an der Hintertür, die in den weitläufigen Garten der Medica hinausweist. Eine Reihe Türen zweigt von diesem Raum ab, tiefer in das Landhaus. Der Geruch von Kräutern und Gewürzen hängt in der Luft und darunter, kaum wahrnehmbar in der Kühle, ein Duft, der mir nur allzu vertraut ist. Kassandra verbrennt in ihrem Haus Olibanum, das getrocknete Harz des Boswelia-Baumes. Vertraut ist mir der Duft, weil es auch in den Tempeln Devanas gesegnet und dann als Weihrauch verbrannt wird. Das Harz ist nicht günstig und muss aus den Südländern nahe der Knochenbleicherwüste eingeführt werden. Es wirkt jedoch beruhigend auf Körper und Geist - kein Wunder also, dass die Medica es zum Einsatz bringt.

Nach der bedrückenden Atmosphäre im Haus wirkt der weitläufige Garten nur umso einladender. Zwischen alten Obstbäumen und dichten Sträuchern hat die Medica mithilfe ihrer Schülerin Beete angelegt, in denen allerlei Kräuter, Gewürze und Gemüsesorten wachsen. Sanft schwingt sich das Grundstück einen flachen Hügel hinauf und endet dort in einem kleinen, dichten Wäldchen. Eine hohe Hecke fasst das Grundstück ein und bildet einen Schutz gegen Wind und allzu neugierige Blicke.

Dariella führt mich zu einer Gartenbank, die auf einer mit Kies ausgestreuten Terrasse hinter einem stabilen Holztisch steht. Auf der Bank sitzt die Medica und liest in einem Buch. Die Sonne bringt ihre kupferfarbenen Locken zum Blitzen. Sie trägt ein freizügiges grünes Kleid, das ihr Brustbein und ihre Schulterpartien betont, sowie eine weiße Schürze. In einer ledernen Scheide, die am Schürzenband befestigt ist, steckt ein kleines Messerchen.

„Herrin Kassandra, Paladina Federfall wünscht Euch zu sprechen“, kündigt Dariella mich an.

„Edelîn Arienna.“ Kassandra legt das Buch zur Seite. „Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches?“

„Edelîn Fiorella bat mich, einige Kräuter für sie zu besorgen.“ Ich deute mit einer leichten Verbeugung auf das Bündel in Dariellas Hand. „Ich dachte, ich nutze die Gelegenheit, Euch einen Blick auf die Narben werfen zu lassen.“

Kassandra legt ein Lesebändchen in die Seiten ihres Buches und lässt dieses in der großen Tasche ihrer Schürze verschwinden. Dann erhebt sie sich. „Bereiten sie Euch Probleme, Edelîn Arienna?“ Ich schüttele den Kopf. „Nun, dann lasst uns hineingehen, und ich sehe mir die Sache einmal an. Dariella, du bereitest derweil die Bestellung für die Paladina vor.“

„Ja, Herrin.“

Die Medica bedeutet mir mit einer Handbewegung, ihr zu folgen, und betritt ihr Landhaus. Ich trotte hintendrein, zurück in die schwere Kälte, die beinahe beklemmend wirkt durch Kassandras sonderbar wortkarge Art, die bei ihr mit einer unheimlich magnetischen Ausstrahlung einher geht. Auf unserem Weg zu ihrem Untersuchungszimmer bietet sie mir einen guten Blick auf die Schulterpartie ihres Rückens. Zwischen ihren geschwungenen Schulterblättern tanzt die dunkle Silhouette zweier mit schwarzer Farbe unter die Haut gestochener Flügel. Das Hautbild ist mir zuvor niemals aufgefallen; üblicherweise verbirgt die Medica es vor den Blicken ihrer Besucher. Erneut fürchte ich, ich habe sie und Dariella gestört bei... was auch immer die beiden umgetrieben hat. Andererseits kenne ich Kassandra, und wäre ihr mein Besuch ungelegen gekommen, hätte sie mich, nachdem es sich bei mir nicht um einen Notfall handelt, kurz angebunden abgewiesen. In dieser Hinsicht hat sie es nicht nötig, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Das Untersuchungszimmer liegt im Dunkeln, die Läden vor den hohen Fenstern sind verschlossen. Kassandra betritt den Raum mit einer Sicherheit, als sei er hell erleuchtet, und verschwindet in der Finsternis, die nur von wenigen durch die Lamellen der Läden eindringende Sonnenstrahlen durchschnitten wird. Etwas knackt, dann leuchten mehrere Canhwyllbren auf. Die schlanken Glaskörper der Leuchten enthalten trapezoedrisch geschliffene Gleiris-Kristalle, die den Raum in ein warmes Licht tauchen.

„Kommt herein und macht Euch frei“, befiehlt die Medica, nimmt aus einer kleinen Schatulle, die auf ihrem Sekretär liegt, einen Zwicker und klemmt ihn sich auf die Nase.

Während Kassandra ihre Instrumente sowie Pergament und Federkiel für die Untersuchung vorbereitet, lege ich mein Rüstzeug ab. Wappenrock, Brünne und Unterrock wandern auf ein Triclinium, und schließlich stehe ich in meinen Beinkleidern und meinem Mieder in der Kälte des Zimmers. Gänsehaut beginnt sich auf meinen Armen zu bilden.

„Paladina, das Mieder“, sagt Kassandra mit tadelndem Unterton, ohne sich umzudrehen. Ertappt tasten meine Finger nach der Schnürung und lösen den Knoten. Derweil hat die Medica eine Argandlampe entzündet und wendet sich mir zu. „Lasst sehen.“

Natürlich stellt der Besuch beim Medicus eine Ausnahme von der Regel dar, dass niemand den Körper eines Paladins entblößt sehen oder ihm beim Ankleiden behilflich sein darf, ganz zu schweigen davon, ihn zu berühren. Unangenehm ist mir die Untersuchung aber dennoch. Zwar wahrt Kassandra dieselbe Distanz wie schon in den fünf Jahren zuvor, dennoch kann ich nicht verhindern, dass ich leicht zittere, als sie sich vornüberbeugt und mit den Fingerkuppen über meine versehrte Haut streicht. Für mich hat diese Berührung etwas unglaublich intimes an sich, und dass die Medica bei jeder Bewegung einen selbst für mich, die ich Enthaltsamkeit gewohnt bin, anziehenden Duft nach Veilchen, taufeuchtem Moos und Zitronengras verströmt, macht es mir nicht einfacher.

Drei Narben geben Zeugnis ab davon, wie nahe ich in jenen letzten Kriegstagen dem Tode war, wie zart das Band gewesen ist, das meine Spirië noch an meinen sterbenden Körper fesselte, anstatt sie auf Pandurs Schwingen ins Totenreich einziehen zu lassen. Zwei von ihnen haben die Form vierstrahliger Sterne, die beinahe in der Falte meiner linken Brust verschwinden. Sie stammen von Armbrustbolzen, die, von einer altersschwachen Armbrust abgefeuert und durch meine Rüstung abgelenkt, mein Herz nur um einen Hauch verfehlten. Die dritte Narbe zieht sich horizontal in Höhe meines Hüftknochens über die gesamte rechte Taille. Ein gnädiger Landjunker wollte meinen Qualen mit einem Speer ein Ende bereiten, aber die Steinspitze rutschte an meiner Brünne ab und schnitt tief in mein Fleisch. Ich verlor große Mengen Blut und hatte bereits meinen Frieden mit Devana gemacht, doch die Eine Göttin sandte mir Rettung in Form der Medica.

„Die Narben sehen gut aus, meiner Meinung nach“, sage ich, um die Anspannung in mir etwas zu lösen.

„Das sollten sie wohl“, entgegnet Kassandra. „Die Verwundungen liegen fünf Jahre zurück.“ Sie presst ihre Knöchel gegen den Rippenbogen zwischen den beiden Stern-Narben. „Schmerzt das?“

„Nein.“ Ich schüttele den Kopf.

„Dann braucht Ihr nicht mehr zu mir zu kommen. Die Wunden sind ausgeheilt.“ Sie richtet sich auf, und ihre Augen funkeln rot im Schein der Gleiris-Kristalle. „Ihr könnt Euch wieder ankleiden und mir derweil erklären, was der tatsächliche Grund Eures Besuches ist.“

Während sie mit dem Federkiel die Ergebnisse ihrer Untersuchung niederschreibt, beeile ich mich, mein Mieder wieder zu schnüren und meine Blöße zu bedecken. Dass Kassandra meinen Vorwand, die Narben von ihr beschauen zu lassen, durchschaut hat, wundert mich wenig; es ist schwer, der Medica etwas vorzuenthalten. Also frage ich: „Werdet Ihr zum Markt kommen?“

Die Medica brummt etwas unverständliches, dann richtet sie sich auf und legt mit einem Seufzer den Kopf in den Nacken. „Ja, Dariella und ich werden einen Stand haben, an dem wir Gewürze, Kräuter und allerlei Tand für das abergläubische Volk verkaufen werden. Das Reetdach bedarf dringend einer Reparatur. Es wäre nicht klug, sich diese Gelegenheit entgehen zu lassen, wenn Scarlok der Grüne so viele Fremde anzieht.“

Für einen Augenblick bin ich sprachlos, dass sich die Ankunft des Barden selbst zu Kassandra herumgesprochen hat, die sonst keinen Ivorini auf den Klatsch im Dorf gibt. Glücklicherweise klopft es in diesem Moment an der Tür, und Dariella tritt ein, am Arm einen Weidenkorb, in dem sich zweifelsfrei Fiorellas Bestellung befindet. Dadurch nimmt sie mir die Peinlichkeit, die einzige zu sein, die nichts von der Ankunft des Barden wusste. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Cedrik Schwarzbart mir diese Information bewusst vorenthalten hat; er weiß sehr wohl, dass ich in solchen Dingen ein wenig weltfremd bin. Dafür wird er sich eine gehörige Rüge von mir einfangen, wenn ich ihn später am Tage besuche.

Um den Ärger zu besiegen, nehme ich Dariella das Weidenkörbchen ab und überfliege den Inhalt. Alle Kräuter sind in weißes Papier eingeschlagen und sorgfältig mit Kohlestift beschriftet, und die Früchte befinden sich in kleinen Schilfkörbchen.

„Vielen Dank. Haben die Münzen in Edelîn Donnerhufens Beutelchen ausgereicht?“

„Das haben sie, Paladina Federfall.“

Ich verabschiede mich von den beiden Satyra und kehre durch das vordere Portal auf die Straße zurück. Als Dariella die Tür hinter mir ins Schloss fallen lässt, habe ich für einen kurzen Moment den Eindruck, die sonst so distanzierte Medica habe ihr den Arm um die Taille gelegt. Ich schelte mich für meine Neugierde und trete vor das Anwesen.

Kurz verweile ich und schließe die Augen, um das Summen der Bienen und das übermütige Gurgeln der Hulda auf mich wirken zu lassen. Von Norskas Schmiede schallt fröhliches Pfeifen herüber, immer wieder übertönt von dem scharfen Schlagen von Metall auf Metall. Ich atme tief durch, nehme die Ruhe in mich auf. Ich werde sie brauchen, denn sobald ich Fiorella ihre Bestellung gebracht habe, wird es Zeit, sich endlich mit dem Dorfältesten auseinanderzusetzen. Er wird mir einiges erklären müssen.

Mit einem grimmigen Gesichtsausdruck öffne ich meine Augen und wende mich entschlossenen Schrittes dem Huldator zu, um nach Eibenheim zurückzukehren.

Streng genommen ist Cedrik Schwarzbart eine tragische Gestalt. Er gehört zu den ältesten Bewohnern Eibenheims und ist fest in den Traditionen der satyrischen Siedler verwurzelt. Er war als Feinschneider tätig, bis ihm bei einem Unfall zwei Finger abgerissen wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits maßgeblich daran mitgewirkt, Eibenheim zu jenem bedeutenden Handelsposten aufzubauen, der die Stadt heute ist. Einst nicht mehr als ein Gasthaus an der Kreuzung dreier viel genutzter Handelsstraßen ist die Stadt heute nicht zuletzt dank unseres Dorfältesten ein wichtiger Marktplatz für die Region. Bei aller Nachrede muss man hoch anerkennen, dass für eine solche Entwicklung, die sich fast vollständig über die Spanne eines kurzen Satyrenleben erstreckt, eiserner Willen und große Zielstrebigkeit vonnöten sind.

Dass Cedrik heute verbittert ist, liegt an den vielen Schicksalsschlägen, die er in den vergangenen zehn Jahren zu verwinden hatte. Die Frau starb ihm an der blutigen Rotze, die beiden Söhne im Krieg gegen die Elfen. Ich kann nicht ermessen, wie schmerzvoll es für ihn sein muss, einer Stadt vorzustehen, die ausgerechnet Flüchtlingen meines Volkes, das so viel Leid und Elend über seine Familie und die Familien ungezählter Wesen gebracht hat, Obdach und Arbeit bietet. Und nun ist er gezwungen, seine Macht, seinen letzten noch verbliebenen Lebenssinn, mit mir zu teilen, dem verhassten Fußläufer.

Dennoch: Er hat mir eine wichtige Information vorenthalten, die ich benötige, um die Ordnung und Sicherheit in Eibenheim aufrecht zu erhalten, wie es meine vom Volk bestimmte Aufgabe ist. Scarloks Besuch in der Stadt ist mehr als unser beständiger Streit darüber, ob Devanas Tempel die Satyre verdirbt - ohnedies eine unhaltbare Anschuldigung, da ich jedweder Proselytenmacherei abhold bin. Es handelt sich um einen Vorfall, der meinen Aufgabenbereich berührt, und dafür muss Cedrik sich verantworten.

Der Ratssaal der Stadt ist in dem Gebäude untergebracht, das Cedriks Familie einst als Werkstatt diente. Immer noch finden sich in einem Schuppen im Hinterhof alte rostige Nähmaschinen und Tuchballen, die nach und nach von den Mäusen zerfressen und mittlerweile wertlos geworden sind. Verkaufsraum und Werkstatt dienen heute dem Rat als Ort für seine Versammlungen, die einmal im Monat stattfinden. Bei diesen Zusammenkünften geht es meist hoch her, und sie sind nach dem Markt eines der wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse in Eibenheim.

Obwohl die Eingangstür immer offen steht - es handelt sich bei Cedriks Haus immerhin gleichzeitig um das Ratshaus der Stadt -, trete ich nicht ein. Stattdessen ziehe ich mehrmals kräftig an dem dreieckigen Griff der Schelle und bringe dadurch in Hêrre Schwarzbartens Wohnung eine am Ende einer Stange befestigte Glocke dazu, meine Anwesenheit vermittels Sturmgeläut zu verkünden. Es dauert denn auch nicht lange, und im ersten Stockwerk öffnet sich ein Fenster. Ein puterrotes Mondgesicht erscheint, eingerahmt von einem Kranz platingrauer Locken. Die Satyra - es handelt sich um Cedriks Haushälterin Novela Schmackenbret - hat ihre Ohren flach angelegt, und Zorn zeichnet sich auf ihren Gesichtszügen ab. Als sie meiner ansichtig wird, hellen sich ihre Züge jedoch auf.

„Paladina Federfall!“, ruft sie mit dem ihr ureigenen Organ in die Gasse hinab. Stimme und Lautstärke alleine wären ausreichend, um die Mauern Silberfalls zum Einsturz zu bringen. „Wollt Ihr zu Oheim Schwarzbart?“

„Devana zum Gruße, Novela! Wenn unser Dorfältester einige Minuten seiner gewisslich knapp bemessenen Zeit erübrigen könnte, würde ich in der Tat gerne ein kurzes Gespräch mit ihm führen!“

„Kommt doch herein! Ich schicke Cedrik nach unten und gebe ihm auch Tee und Gebäck mit!“ Sie wendet sich ab und brüllt in die Stube: „Cedrik! Cedrik Schwarzbart! Paladina Federfall steht unten und will mit Euch reden!“

Das Fenster schlägt zu und schneidet so ab, welch geharnischte Diskussion nun auch immer zwischen ihr und dem Dorfältesten entbrennen mag. Die gute Novela! Stets resolut führt sie den Haushalt und erledigt auch mitunter Regierungsgeschäfte, wenn Cedrik zu viel um die Ohren hat, natürlich nicht, ohne sich darüber lautstark und wortreich zu beklagen. Manchmal möchte ich meinen, dass Cedrik sie nur hält, weil sie ihn an sein eigenes Weib erinnert.

Ich erklimme die wenigen Stufen und betrete das Haus. Im Inneren ist es kühl und dunkel, und Vogelgezwitscher tönt durch die geöffneten Fenster, die in den Hinterhof hinausweisen. Über meinem Kopf rumort es; scheinbar sträubt Cedrik sich noch dagegen, dem Befehlston seiner Haushälterin Folge zu leisten. Vermutlich setzt er ihr gerade auf seine gewohnt charmante Weise auseinander, dass er sie dafür bezahlt, sich um solch Lappalien wie Tee und Gebäck zu kümmern, aber wie ich Novela kenne, wird sie sich dessen nicht annehmen.

Ich nutze die Zeit, das Licht im Ratssaal einzuschalten. Der Reihe nach gehe ich die zentaurischen Canhwyllbren an den Wänden ab und betätige den Mechanismus, der die beiden Gleiris-Kristalle zusammendrückt und so die Lumineszenz im Inneren in Gang bringt. Im Ratssaal sind sie weiß, weil sie aus einer anderen Region der Schimmernden Kavernen stammen als jene, die bei Kassandra zum Einsatz kommen.

Eine Tür schlägt, dann kann ich Cedriks Hufe auf den Stiegen hören. Schließlich betritt der Dorfälteste durch einen hinter einem Vorhang verborgenen Durchgang den Ratssaal, auf den Armen ein Tablett mit irdenen Bechern, aus denen es nach Kräutern duftet, und einem silbernen Tellerchen, auf dem Novela mehrere ihrer berühmten Küchlein arrangiert hat. Unsanft stellt er das Tablett auf den Ratstisch, sodass der Tee überfließt.

„Hier“, brummt er dazu mürrisch.

„Devana mit Euch, Hêrre Schwarzbart“, sage ich.

„Ja ja.“ Cedrik winkt ab. „Fasst Euch kurz, ich habe zu tun.“

Ich nehme an der langen Tafel Platz und deute auf den mir gegenüber stehenden Lehnstuhl. Der Dorfälteste knurrt etwas unverständliches, das sich verdächtig nach einem unflätigen satyrischen Fluch anhört, zieht das Sitzmöbel zurück und lässt sich auf das Polster fallen.

„Cedrik, warum habt Ihr mir nicht gesagt, dass Scarlok der Grüne nach Eibenheim kommt?“, beginne ich das Gespräch.

„Seit wann gebt Ihr Euch mit Weibergewäsch ab, Paladina?“ Cedrik greift nach dem ihm näherstehenden Becher und nimmt einen Schluck von dem Tee. Ich tue es ihm gleich.

„Weibergewäsch interessiert mich durchaus, wenn es bedeutet, dass ich die Garde aufstocken und zu erhöhter Wachsamkeit treiben muss“, sage ich nach einer kurzen Pause. „Scarlok ist eine Berühmtheit und wird viel Volk anziehen, wenn er tatsächlich hierher kommt.“

„Alleine das Gerücht wird dafür sorgen, dass wir ein gutes Geschäft machen werden an diesem Wochenende, Paladina. Vielleicht können wir endlich das Noda-Tor fertigstellen oder gar eine Bücherei für die Schule kaufen. Wäre das nicht in Eurem Sinne? Bildung, leicht verfügbar für alle?“

Das Noda-Tor ist eines der Prestige-Bauwerke, mit denen Cedrik versucht, unserem beschaulichen Ort den Hauch von Großstadt zu geben. Gemeinsam mit dem Hulda-Tor und dem Schafs-Tor soll es einmal die Zugänge zur Stadt sichern. Unsinnig ist das insofern, weil Eibenheim nicht einmal über eine Stadtmauer oder Palisade verfügt, geschweige denn über ein stehendes Heer, mit dem Mauer und Tore besetzt werden könnten. Die städtische Miliz verdient diesen Namen kaum; es handelt sich dabei überwiegend um junge Burschen und Mägde, die eine Waffe halten können, ohne sich an ihr zu verletzen. Und auch diese Miliz wird zur Erntezeit aufgehoben, wenn jede Hand zur Arbeit auf den Feldern gebraucht wird.

Ich schiebe Cedriks Einwand, insbesondere sein sehr verlockendes Angebot, eine Bücherei für das Schulhaus zu bauen, mit einer resoluten Handbewegung zur Seite. „Vergesst für einen Augenblick die Einnahmen, Hêrre Schwarzbart. Scarlok wird nicht nur Volk anziehen, bei dem die Ivorini locker sitzen, sondern auch zwielichtiges Gesindel. Wie soll ich Gaunereien verhindern, wenn ich keine Möglichkeit habe, mich darauf vorzubereiten.“

Cedrik zieht einen Mundwinkel nach oben und beißt in eines der Gebäckstücke. Krümel verheddern sich in seinem Bart. Seine Kiefer mahlen, und er lässt sich Zeit, ehe er den Bissen herunterschluckt und mich aus seinen hellgrauen Augen mustert. „Wollt Ihr andeuten, dass Ihr nicht in der Lage seid, für die Sicherheit Eibenheims während des Markttages zu sorgen? Ich hoffe, ich muss nicht annehmen, dass Ihr Eurer Aufgabe nicht mehr gewachsen seid. Es täte mir in der Seele weh, Euch ersetzen zu müssen, durch einen Satyren gar.“

Daher also weht der Wind. Cedrik will mich in Verruf bringen, um mich aus dem Stadtrat zu entfernen. Wut kocht in mir hoch und zwingt mich, ein Gebetsmantra zu sprechen, ehe ich dem Dorfältesten antworten kann. „Die Frage, Hêrre Schwarzbart, ist wohl eher, ob ich mir Eurer uneingeschränkten Unterstützung gewiss sein kann. Ich kann mich um Scarlok und die Sicherheit des Marktes kümmern, doch Ihr müsst mir freie Hand geben. Wenn ich Stände verlegen oder eine Bühne für Scarlok bauen lassen will, lasst Ihr mich das tun. Wenn ich die Miliz brauche, gebt Ihr mir die Miliz. Wenn ich den Markt beenden will, wird der Markt beendet.“ Ich beuge mich vor, und meine Augen verengen sich zu Schlitzen. „Das sind die Bedingungen. Anderenfalls verlasse ich Eibenheim und komme erst in der neuen Woche zurück.“

Cedrik muss schlucken. Dann beugt er sich ebenfalls vor, die Fäuste auf dem Tisch. „Ihr wollt die Miliz gegen diesen Elfenbarden einsetzen?“

„So es notwendig sein sollte, Hêrre Schwarzbart.“

„Dann sei es.“ Er nickt und tut gewichtig. Dann hält er mir seine Hand hin, damit ich einschlage und so die Abmachung besiegele. „Ich stimme zu.“

Schah und Mada, wie man im Zentaurim sagt, ein gutes Spiel, verdient gewonnen - ich war nicht von ungefähr schon auf der Akademie eine gefürchtete Taktikerin. „Ihr werdet es nicht bereuen“, sage ich, ohne eine Miene zu verziehen, was mir zugegeben sehr schwer fällt. Obwohl mein Glauben mir verbietet, Schadenfreude zu empfinden, kann ich nicht verhehlen, dass ich über den Ausgang unseres Gespräches nur allzu erfreut bin.

„Wäre das dann alles, Edelîn?“, fragt Cedrik schroff.

„Ich denke schon.“ Ich erhebe mich und streiche meinen Wappenrock glatt. „Werdet Ihr dem Markt auch beiwohnen, Hêrre Schwarzbart?“

„Um nichts in der Welt werde ich versäumen, wie Ihr mit Scarlok fertig werdet, Paladina Federfall. Fendith.“ Er stellt seinen Becher auf das Tablett und wendet sich ab, ohne mich auch noch eines Blickes zu würdigen. Schon während er durch den Vorhang tritt, brüllt er: „Novela! Räumt die Unordnung im Ratssaal auf, und dann kümmert Euch um das Mittagsmahl! Muss man denn in diesem Dorf alles selber machen?“

Ich lächele stillvergnügt in mich hinein und verlasse das Ratshaus. Der Tag ist bereits gut voran geschritten, und das bedeutet, für mich steht als nächstes der Besuch auf dem Marktplatz an, wo die Händler gewiss schon mit dem Aufbau ihrer Stände beschäftigt sind. Die alteingesessenen unter ihnen kennen ihre Plätze und stehen an jedem Markt-Wochenende an derselben Stelle, doch wann immer sich neue Gesichter oder Krämer auf der Durchreise dem Markt anschließen wollen, muss für diese ein Platz gefunden werden, an dem sie ihre Händel treiben können. Außerdem obliegt es mir, die Einhaltung der Brandschutzregeln und des Wägerechts zu prüfen. Wer mit zweierlei Maß arbeitet oder seine Waage manipuliert, hat empfindliche Strafen zu befürchten. Die Teilnahme am Markt kann ein derart Ertappter in jedem Fall in den Wind schreiben.

Wie ich es erwartet habe, herrscht auf dem Marktplatz und in den drei hier zusammenlaufenden Straßen bereits geschäftiges Treiben. Wagen werden verschoben, Stände gebaut und kleinere Stallungen errichtet und mit Stroh ausgestreut. Rufe und das Geräusch von Werkzeugen tönen, von den angrenzenden Gebäuden zurückgeworfen, über den Platz. Kleine Kinder toben zwischen den halbfertigen Ständen und den Wagen herum, Wäsche flattert auf provisorisch gespannten Leinen im sanften Sommerwind. Es herrscht ausgelassene Stimmung, verspricht doch das warme Wetter und die Anwesenheit des Barden, dass sich ein gutes Geschäft machen lässt.

Mit der Hand auf dem Schwertknauf flaniere ich durch die Gassen und grüße die Händler, die alle zwei Wochen mit ihren Waren in Eibenheim sind. Eine Satyra, die in einem riesigen Kessel Eintopf für die hart arbeitenden Handlanger kocht, reicht mir eine Schüssel des würzigen Suds und einen Kanten frischen Brotes. Ich danke ihr und Devana für die Gabe und esse das Gericht aus Rüben, Reis und scharfen Gewürzen, während ich nach Dester Sirupfell Ausschau halte. Der Satyr ist verantwortlich dafür, die geeichten Wägesteine und Maßstäbe zu verwahren.

Ich finde ihn im Gespräch mit einer jungen Satyra, die, wie ich weiß, die Tochter eines Imkers aus dem nördlich gelegenen Immenthal ist. Mit einem zu einem amüsierten Lächeln hochgezogenen Mundwinkel beobachte ich aus der Ferne, wie Dester das Mädchen umgarnt und bemüht ist, Eindruck bei ihr zu schinden. Noch bin ich mit dem Eintopf beschäftigt, also kann ich ihm genauso gut seinen Spaß gönnen, auch wenn ich den Eindruck habe, dass die Satyra von seinen Zuwendungen eher belustigt ist, als dass sie sich ernstlich für ihn interessiert.

Schnell beende ich mein Mahl und wische die Schale mit dem Brot aus. Das Geschirr werde ich später bei der Satyra vorbeibringen, nun muss ich zunächst des Imkers Tochter vor meinem übereifrigen und liebestollen Helfer erretten. Gemessenen Schrittes überquere ich den Platz und schlage, am Stand des Imkers angekommen, mit der flachen Hand mehrfach auf ein Holzfass, auf das ein zoologisch wenig versierter Künstler eine Biene gepinselt hat.

„Hier seid Ihr also, Dester!“, sage ich dazu. „Ich habe Euch bereits überall gesucht.“

Dester wird feuerrot im Gesicht. „Paladina!“, stottert er. „Verzeiht, aber ich konnte Euch nicht... Ich dachte... Ich dachte, ich beginne schon einmal mit der Arbeit, solange Ihr nicht zugegen seid.“

„Löblich, Junge“, sage ich und nicke mit ernstem Gesicht. „Und?“

„Wie?“ Der Bursche wirkt ernsthaft verwirrt, fängt sich aber schnell. „Oh, natürlich. Edelîn Tausendsüß hier wollte mir gerade die Gewichte ihres Vaters bringen.“

„Daran zweifele ich keinen Augenblick.“ Ich werfe dem Mädchen einen Seitenblick zu, die sich nun abwendet und in den Wagen steigt, um die Wägesteine zu holen. Ich komme nicht umhin, zu bemerken, dass sie schwer an sich halten muss, nicht leise zu kichern. Als sie außer Hörweite ist, wende ich mich meinem Gehilfen zu. „Ich hoffe, Ihr vernachlässigt über der Brautschau nicht Eure Pflichten, Dester.“

Er wird knallrot. „Ich weiß nicht, wovon Ihr redet, Paladina.“

Ich lache leise. „Ich war nicht immer eine Geweihte Devanas, Junge. Ist zwar schon eine Weile her, aber ich bin auch umworben worden.“ Mein Gesichtsausdruck wird ernst. „Was Ihr später tut, ist Eure Sache. Aber jetzt sind wir hier, um zu arbeiten, vergesst das nicht. Es werden viele Fremde in der Stadt sein; wir müssen dieses mal besonders sorgfältig arbeiten.“

Dester nickt. „Jawohl, Paladina. Ihr habt recht. Ich werde Euch nicht enttäuschen.“

„Dessen bin ich mir sicher, Dester.“

Es ist spät geworden, als ich endlich nach Hause zurückkehre. Ana hat im Obergeschoss die Canhwyllbren entzündet, und die Fenster erstrahlen in goldenem Schimmer. Es ist zwar noch hell, aber die Sonne neigt sich bereits dem Horizont entgegen, und die Luft ist merklich kühler geworden. Im Nordosten geht bereits Gwaed, der rote Mond Myrrahs, über den Wäldern auf. Ihm dichtauf wird zu dieser Jahreszeit Myrrahs weißer Mond Sneachta folgen. Die zentaurischen Worte, nach denen die Monde benannt sind, bedeuten Blut und Schnee, und es waren zentaurische Astronomen, denen es zuerst gelang, einen Kalender um den Tanz der beiden Himmelskörper zu errechnen, auf dem heute noch die Zeitrechnung in großen Teilen des Kontinentes basiert.

Ich trete durch die Tür meines Hauses, die wie immer unverschlossen ist. Der Duft frisch gebrühten Tees und in Honig gerösteter Nüsse hängt in der Luft. Leise kann ich meine Schülerin im Studierzimmer im oberen Stockwerk singen hören. Obwohl der Raum mit den hohen Bücherregalen, dem Schreibpult und der Schiefertafel sich an mein Schlafgemach angliedert, hat Ana die ausdrückliche Erlaubnis, sich auch in meiner Abwesenheit dort aufzuhalten. Ansonsten betritt sie meine Gemächer nur, um den Boden zu fegen und die typischen Aufgaben einer Elevin zu verrichten.

„Ana, ich bin daheim“, rufe ich, und sofort verstummt der Gesang. Dann taucht der Kopf meiner Schülerin am oberen Ende der Stiege auf.

„Ihr seid zurückgekehrt, Herrin!“, sagt sie. „Wünscht Ihr, dass ich Euch das Bad bereite?“

„Nein, lass nur“, erwidere ich. „Ich wollte dich nicht stören bei deinen Studien.“ Ich deute in Richtung der Küche. „Hast du noch Tee auf dem Ofen?“

„Tee und Nüsse sind noch heiß.“ Das Mädchen nickt. „Ich werde hier oben Ordnung schaffen, damit Ihr Euch zur Ruhe betten könnt.“

„Ich danke dir, Ana. Waren deine Studien von Erfolg gekrönt?“

„Ich habe mein Pensum für den Tag erfüllt, Herrin.“

„Dann kannst du dich zur Ruhe betten, wenn du magst. Vor uns liegt ein anstrengendes Wochenende. Ich muss mich mit Scarlok dem Grünen auseinandersetzen, fürchte ich.“

Ana kichert stillvergnügt. „Ich hatte mich schon gewundert, dass Ihr Euch überhaupt keine Gedanken über ihn macht. Es sah Euch nicht ähnlich, so gelassen zu reagieren.“

„Mich wundert vielmehr, dass ein jeder über Scarloks Besuch Kenntnis hatte mit Ausnahme von mir.“ Ich werde von einem Gähnen übermannt. „Ich muss mich wirklich für die Nacht vorbereiten. Schlaf gut, Ana.“

„Euch auch eine ruhige Nacht, Herrin.“

Ana verschwindet in dem Zimmer, das ich ihr zugeteilt habe. Einen Augenblick stehe ich noch unschlüssig am Fuße der Treppen, dann begebe ich mich in die Küche, um mein Abendmahl zu mir zu nehmen.

Tatsächlich steht auf dem Ofen, in dem die Holzscheite immer noch glimmen, eine Kanne mit heißem Tee, und daneben, in einer gusseisernen Pfanne, locken die kandierten Nüsse mit ihrem gar köstlichen Duft. Ich gieße mir Tee in einen Becher und nehme auch von den Leckereien. Während ich so mein Abendmahl zu mir nehme, gehe ich im Geiste noch einmal die Erlebnisse des zurückliegenden Tages durch. Ich bin mir sicher, dass ich alles gut vorbereitet habe und dass der morgige Tag ohne größere Schwierigkeiten verlaufen wird. Auch Scarlok der Grüne wird mich nicht daran hindern, meine Pflicht zu tun, und ich werde dafür Sorge tragen, dass der Markt so sicher abläuft wie in all den Monden zuvor.

Nachdem ich mich gestärkt habe, spüle ich das schmutzige Geschirr in dem Waschzuber der Küche ab und räume es fort. Mit einem Tuch wische ich über den Tisch und beseitige die wenigen Krümel, die mein Mahl auf dem Boden hinterlassen hat. Ana selber führt ein strenges Regiment der Sauberkeit in diesem Hause, und sie färbt auf mich ab.