Gefangene der Dunkelheit - Lucy Blue - E-Book
Beschreibung

Begierde und Rache, Hass und Leidenschaft …Auf dem Schlachtfeld hat der normannische Krieger Tristan DuMaine dem Tod schon oft die Stirn geboten. Nun treibt ihn die Suche nach Ruhe in sein Gutshaus im Grenzland. Doch Rebellen überfallen ihn und zwingen ihn zur Heirat mit der schönen, rachsüchtigen Siobhan Lebuin, deren Vater von Normannen ermordet wurde. Als Siobhan Tristan zu töten versucht, rettet ihn der Vampir Simon – mit einem Biss. Tristan schwört Rache. Doch die Leidenschaft, die Siobhan in ihm weckt, treibt die beiden in ein tödliches Spiel …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:472


Lucy Blue

Gefangene

der Dunkelheit

Roman

Aus dem Englischen

von Karin König

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Bound in Darkness 02. The Devil’s Knight« bei Pocket Books, New York.

1. AuflageDeutsche Erstausgabe Februar 2012 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.Copyright © der Originalausgabe 2006 by Jayel Wylie All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition published by arrangement with the original publisher, Pocket Books, a division of Simon & Schuster, Inc., New YorkCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: bürosüd°, MünchenUmschlagmotiv: bürosüd°, MünchenRedaktion: Bernd StratthausES · Herstellung: samSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-06156-2

www.blanvalet.de

Buch

Auf den Schlachtfeldern des normannischen Englands hat Tristan DuMaine, Graf und Bruder des Königs Henry II., dem Tod zahllose Male ins Auge gesehen. Nun zieht er sich in sein Gutshaus im Grenzland zurück – doch die Ruhe währt nicht lange. Eine Räuberbande zwingt ihn in eine Scheinehe mit der schönen Siobhan Lebuin. In tiefem Hass stehen die beiden während der Hochzeitszeremonie nebeneinander und schwören jeder für sich, den anderen umzubringen. Als Siobhans Gefährten sich nach der Hochzeit auf Tristan stürzen und ihn verblutend im Wald zurücklassen, rettet ihn der Vampir Simon – mit einem Biss. Tristan schwört Rache. Doch seine unersättliche Blutlust entfacht eine dunkle Leidenschaft zwischen ihm und Siobhan. Immer tiefer verwickeln sich die beiden in ein tödliches Spiel voll heimlicher Begierde …

Autorin

Lucy Blue lebt in Chester, South Carolina. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin arbeitet sie als Assistentin für einen Staatsanwalt in den Bereichen Drogen- und Jugendkriminalität. Wenn sie nicht gerade arbeitet, näht sie gerne, malt und kocht. Sie ist Single, ist aber davon überzeugt, ihre wahre Liebe noch zu treffen.

Außerdem von Lucy Blue bei Blanvalet lieferbar:Gefährtin der Finsternis (37562)

Für Blue, der dieser Held besser gefällt

Prolog

Siobhan kletterte durch das Dornengestrüpp am Fuß des Hügels, während ihr der normannische Ritter dicht auf den Fersen war. »Du solltest hoffen, dass ich dich niemals erwische, Kleine«, rief er und hackte sich mit seinem Schwert den Weg durch Ranken und Gestrüpp frei. »Du wirst mich noch anflehen, dich zu töten.«

Siobhan wünschte, sie wäre bereits tot. Sie wünschte sich, dass ihr Kopf statt dem ihres Vaters beim ersten Angriffsstoß abgeschlagen worden wäre. Die Männer des normannischen Königs hatten sich dieses Mal nicht einmal die Mühe gemacht, eine königliche Proklamation vorzuschieben. Sie waren ohne jegliche Vorwarnung mitten in der Nacht in das Dorf ihres Vaters gestürmt und hatten die Holzhäuser in Brand gesetzt. Sie und ihre Mutter waren gerade noch rechtzeitig aus ihrem brennenden Gutshaus geflohen, um auf der engen Straße den Kopf ihres Vaters von den Schultern fallen und in den Rinnstein rollen zu sehen, wobei sich sein zorniges Gesicht noch immer bewegte. Auch wenn Siobhan diese Nacht irgendwie überleben und eine alte Frau von hundert Jahren werden sollte, würde sie diesen Anblick niemals vergessen – wie seine Augen geblinzelt hatten und sein Mund sich noch bewegt hatte, als wollte er sie alle verfluchen.

Aber sie durfte jetzt nicht innehalten und darüber nachdenken. Sie sank auf die Knie und kroch unter einen Busch, wobei die Dornen ihren Rücken blutig kratzten, während sie sich zur kahlen Vorderseite des Druidenhügels hindurchschlug. Sie hätte niemals gedacht, dass sie so weit laufen müsste. Sie hatte angenommen, der normannische Ritter würde die Verfolgung aufgeben, wenn sie das Dickicht der Wälder erreichte, wohin ihr sein Pferd nicht folgen konnte. Aber dieses Glück war ihr nicht beschieden gewesen.

»Ich werde dich erwischen, Kleine!«, rief er drohend hinter ihr her und war nun schon ein Stück näher gekommen. Sie kauerte im Gestrüpp und hoffte, er hätte ihre Spur verloren, aber seine Stimme kam immer noch näher. »Wohin willst du jetzt gehen?«

Sie richtete sich am Felsen auf, und ein langer Dorn ritzte ihre Wange. Der steile Hang war vollkommen überwachsen und bildete einen natürlichen Schutz für den uralten Turm auf dessen Spitze. Als der König seine erste Proklamation erließ, hatte ihre Mutter ihr behagliches Gutshaus gegen den engen Steinturm eintauschen wollen. »Den Druidenturm können wir ewig verteidigen«, sagte sie. Aber ihr Vater ließ sich nicht dazu bewegen. Der alte König hatte seinem Vater diese Ländereien im Vertrag mit den Sachsen überlassen und ihn somit zu einem adligen Lord gemacht, gleichrangig mit dem normannischen Bastard, durch den der neue König ihn ersetzen wollte. Er hatte eine formelle Protestschrift eingereicht, in der ihm eigenen wunderschönen Handschrift, und darauf insistiert, dass die Sache damit erledigt sei. Aber vielleicht konnte der junge König Heinrich nicht lesen.

»Komm hierher zurück«, rief der Ritter, der sie verfolgte. Er blieb beim dichtesten Dornengestrüpp stehen. »Komm zurück, und ich werde dir nichts tun.«

Siobhan blickte zurück und schnaubte – hielt er sie für dumm? Sie hatte gesehen, was seine Kumpanen ihrer Mutter angetan hatten, bevor ihr Hauptmann ihr die Gnade erwiesen hatte, ihr die Kehle durchzuschneiden. Sie wusste, was dieser Mann für sie geplant hatte. Sie war vielleicht erst elf Jahre alt, aber sie war nicht töricht. Sie wandte sich wieder dem Hang zu und suchte nach einer Aufstiegsmöglichkeit.

»Kleines Miststück«, hörte sie ihn ächzen, während er sich durch das Dornengestrüpp kämpfte, und ihr Herz schlug in panischer Angst schneller. Was würde Sean jetzt tun?, dachte sie und kickte ihre Schuhe fort. Wäre ihr älterer Bruder da gewesen, dann wäre, davon war sie überzeugt, keines dieser schrecklichen Dinge geschehen. Er hätte ihren Vater dazu gebracht, entweder davonzulaufen oder eine Verteidigung aufzubauen, die aus mehr als nur adligem Recht und Stolz bestand. Aber Sean war weit fort und versuchte sich selbst als Ritter zu bewähren.

»Komm hier herunter, du kleines Äffchen«, sagte der Normanne hinter ihr mit hämischem Lachen. Er war jetzt sehr nahe. »Wo willst du hin?« Er hatte natürlich recht. Die Felswand vor ihr war zu hoch und zu steil. Sie würde niemals die Kraft haben, ganz bis nach oben zu gelangen. Selbst wenn sie es schaffte, hoch genug zu klettern, um sich ihm zu entziehen, würde er nur warten müssen, dass sie wieder herabkäme oder -fiele. Aber sie konnte nicht einfach aufgeben und sich von ihm erwischen lassen.

Sie sah im Fels einen oder zwei Fuß über sich rechts von ihrer Hand etwas glänzen, vielleicht ein Stück Quarz, und bewegte sich darauf zu, nur um ein Ziel zu haben. Als sie hinabblickte, sah sie den Ritter aus dem Gestrüpp hervorbrechen und die Felswand unmittelbar unter ihr berühren, während er die Dornensträucher verfluchte. Sie wandte den Blick ab, wollte sich nicht ablenken lassen.

Ihre Hand schloss sich um den Quarz im Fels, und die vermeintlich feste Klippe um den Stein herum gab nach wie Sand. Der Stein war überhaupt kein Stein. Es war Metall, ein Griff. Sie stützte sich mit ihrer anderen Hand und den Füßen ab, zerrte an ihm und zog ihn aus dem Fels. Es war ein im Mondlicht dumpf schimmerndes Schwert, kaum halb so lang wie das ihres Vaters, aber perfekt für sie.

»Ich habe dich!« Der Ritter ergriff ihren Knöchel und riss sie so abrupt von der Wand herab, dass sie hinfiel, sich beide Knie und die Nase zerschrammte und sich das Handgelenk verstauchte. Aber das Schwert ließ sie nicht los.

»Bist du nicht eine kleine Hübsche?« Er hatte irgendwo im Gestrüpp seinen kübelförmigen Helm abgenommen, sein Gesicht glänzte vor Schweiß und wirkte im Mondlicht wie ein runder, weißer Käse. »Das war eine Jagd.« Er ragte über ihr auf, als sie sich aufrichtete. Eine Faust an die Wand neben ihrem Kopf gestützt, machte er sich bereits an seiner Hose zu schaffen. »Du solltest besser lernen, wie man sich benimmt.«

Sie stieß das Schwert fest aufwärts in seinen Bauch und umklammerte das Heft mit beiden Händen. Hätte er ein Kettenhemd getragen, hätte sie ihm nur einen Kratzer zufügen können – sie war nicht sehr kräftig. Aber es war eine heiße Nacht, und der Kampf war nicht sehr heftig gewesen. Der Ritter hatte seine schwere Rüstung in seinem Zelt zurückgelassen. Die Klinge drang unmittelbar in seine Eingeweide.

Er umklammerte mit einer Hand ihre Kehle, und Siobhan war sich einen Moment lang sicher, dass sie gemeinsam sterben würden. Sie drehte das Schwert, während Farbpunkte vor ihren Augen tanzten, und sein Blick trübte sich. Seine Finger lösten sich, sie wand sich frei und trat beiseite, als er zu Boden stürzte.

»Mord«, flüsterte sie und umklammerte ihre Waffe noch immer. Sie hielt sie hoch und sah das Blut des Normannen auf der matt silbernen Klinge scharlachrot schimmern. »Ich habe einen Mord begangen.« Ein kaltes Zittern schüttelte sie, trotz der warmen Sommernacht, aber sie lächelte. Sie steckte die Klinge in ihren Gürtel und bückte sich dann, um ihre Schuhe zu suchen.

1

Tristan saß auf den Zinnen seines erst zur Hälfte fertiggestellten Schlosses und hielt seine Tochter im Arm. »Waren das böse Männer, Papa?«, fragte Clare und deutete auf die Trophäen, die auf dem Torhaus unmittelbar unter ihnen aufgespießt waren.

»Ja.« Er zog an einem ihrer Zöpfe und drehte ihren Kopf zu sich. »Sehr böse Männer.« Er umarmte sie und küsste sie auf die Stirn. »Darum mussten sie sterben.« Sie war mit ihren fünf Jahren viel zu jung, um die brutale Politik von Heinrichs England zu verstehen oder Zeugin ihrer Auswirkungen zu sein. In Wahrheit waren fünf Jahre ein zu junges Alter, um überhaupt in dieser Wildnis zu leben. Aber der Vater der Kleinen hatte in beiden Fällen keine Wahl.

»Gibt es noch mehr böse Männer in den Wäldern?«, fragte sie und legte eine Hand an seine Wange.

»Ja.« Das war das Problem. Gleichgültig wie viele dieser Briganten er erwischen und bestrafen konnte, schienen immer noch mehr aufzutauchen. Und nun hatte Heinrich bis auf fünf alle Ritter Tristans und mehr als die Hälfte seiner Soldaten abgezogen, um einen Streit in der Bretagne beizulegen – Tristan war der Verpflichtung, sein neues Heim zu verlassen und selbst zu kämpfen, nur durch Bitten und das Versprechen entronnen, im nächsten Krieg ein Heer zu führen. »Aber unser Schloss ist fast fertiggestellt.« Er blickte zu ihr hinab und lächelte. »Das wird die bösen Männer fernhalten.« Vorausgesetzt, er konnte es überhaupt fertigstellen, dachte er und blickte auf den dunkler werdenden Wald hinab. Er hatte bereits jeden Penny seines kargen Erbes ausgegeben. Wenn er nicht bald begänne, von den Dorfbewohnern Steuern zu erheben, würden er und sein Haushalt einschließlich der kleinen Clare verhungern. Aber unter den Bauern in diesem gottverlassenen Grenzland machten sich bereits erste Anzeichen eines Aufruhrs breit. Wenn ihm vor Erhebung einer Steuer nicht irgendwie der Beweis gelang, dass er sie beschützen konnte, würden sie sich alle auf die Seite der Briganten schlagen, und er würde wie seine Vorgänger scheitern, gleichgültig wie viele von ihnen er tötete. Und nun konnte er auch kein Heer mehr zu seiner Verteidigung aufbringen. Er unterdrückte ein Seufzen und presste seine Tochter fest an sich. Sein Cousin, der König, war entschlossen, hier an der Grenze zu Schottland eine der Befriedung dienende Festung zu errichten, und Tristan hatte gerne den Titel Lord DuMaine angenommen, um ihm zu helfen. Aber sie hatten beide nicht erwartet, dass es so schwer werden oder so lange dauern würde.

»Sind alle Menschen böse, Papa?«, fragte Clare und klang zum ersten Mal während ihrer Unterhaltung besorgt. Sie hatte viele Freunde unter den Kindern der Bauern, die hier ansässig waren, und sie mochte ihr Kindermädchen Emma sehr, die selbst ein einheimisches Bauernmädchen war.

»Natürlich nicht.« Auf dem Außenhof unter ihnen zahlte sein Baumeister Silas von Massum seinen Handwerkern gerade ihre Löhne aus. »Die meisten Menschen sind gut.« Drei Zimmerleute und zwei Steinmetzmeister waren ermordet worden, seit die Arbeit am Schloss begonnen hatte. Ihnen waren im Schlaf die Kehlen durchgeschnitten worden. »Aber sie haben Angst vor den bösen Männern in den Wäldern«, sagte er. »Besonders vor einem Mann, Sean Lebuin, ihrem Anführer.« Eine Frau würde gewiss sagen, er solle einem Kind nicht solche Dinge erzählen und dem Schwarzen Mann keinen Namen geben. Sicherlich hätte sie auch etwas dagegen, dem Kind zu erlauben, die Trophäen der gerechten Hinrichtungen anzuschauen. Aber er wollte, dass seine Clare die Wahrheit kannte, dass sie auf jedes Übel der Welt vorbereitet war, und wusste, dass er sie stets beschützen würde. »Alle guten Menschen haben Angst vor ihm«, erklärte er ihr und streichelte ihr Haar. »Jedes Mal, wenn König Heinrich zu ihrem Schutz einen Ritter schickt, versucht Sean Lebuin, ihn zu töten.«

»Oh, nein!« Sie sprang von seinem Schoß. »Wird er dich auch töten?«

»Nein.« Er legte ihr die Hand auf die Wange und lächelte. »Er wird mich nicht töten.« Niemanden in seinem Leben hatte es jemals so sehr gekümmert, ob er lebte oder starb. Vielleicht war das der einzige Grund, warum er dieses Kind so sehr liebte, die seltsame Zuneigung, die sie ihrerseits ihm entgegenbrachte. »Ich verspreche dir, dass er das nicht tun wird.«

Silas wandte sich einen Moment von seinem Gehilfen ab und sah die junge Emma, das Kindermädchen von Lord Tristans Tochter, offensichtlich besorgt hinter sich stehen. »Was ist los, meine Liebe?«, fragte er mit freundlichem Lächeln.

»Meister Silas … Ihr … ich danke Euch«, stotterte sie. »Ihr wart stets so freundlich.«

»Tatsächlich?«, fragte er verwirrt, während er seine Notizen beendete. Nach zwanzig Jahren als Steinmetzmeister und einem Dutzend nach seinen Anweisungen gebauten englischen Schlössern war er schließlich ein alter Mann geworden, zumindest in den Augen der anderen. Hübsche Mädchen missverstanden sein Schäkern nun als Freundlichkeit. Er rollte die Schriftrolle zusammen und steckte sie in den Geldschrank. »Was ist los?«

»Nichts, wirklich.« Sie klang ernsthaft verstört, und er sah sie überrascht an. Aber dann lächelte sie. »Ich habe nur … es ist an der Zeit, die Kleine zu Bett zu bringen.«

»Ah, ich verstehe«, sagte er und nickte. »Ihr habt Angst, Lord Tristan zu stören.« Er schaute zu den Zinnen hinauf, von wo aus der Lord dieses neuen Schlosses seinen Besitz überblicken konnte, und lächelte. Er hatte einigen der mächtigsten Männer Englands gedient, einschließlich König Heinrich selbst, aber Tristan DuMaine machte auch ihn ein wenig nervös. »Kommt, ich werde mit Euch gehen.«

Die kleine Clare lief zu ihrem Kindermädchen, sobald sie die beiden sah. »Emma!«, rief sie und umarmte sie, als das Mädchen sie hochhob.

»Mylord«, sagte Silas, nickte, als sich der Ritter erhob, und war wie immer von der schieren Größe des Mannes beeindruckt. Viele der französischstämmigen Adligen waren nach englischen Maßstäben groß, aber DuMaine war zudem breit und so muskelbepackt wie irgendeiner von Silas’ Steinmetzen. Das dunkle Haar trug er etwas länger und von der Sonne ausgebleicht und, passend zu seiner unkultivierten Erscheinung, wesentlich weniger akkurat geschnitten, als es derzeit unter Adligen Mode war. Seine blaugrünen Augen hatten die beunruhigende Tendenz, unmittelbar die Seele jedes Menschen zu durchdringen, der das Pech hatte, seinem Blick ausgesetzt zu sein. Kein Wunder, dass die arme, kleine Emma Angst vor ihm hatte. »Mistress Emma sorgt sich darum, dass Lady Clare ihre Schlafenszeit versäumen könnte«, erklärte er und zwinkerte dem Kindermädchen zu.

»Wir haben uns die bösen Menschen angesehen«, erklärte die Kleine und deutete zum Torhaus und dem grausigen Bild, das sich dem Betrachter dort bot.

»Tatsächlich«, sagte Silas und bemühte sich, einen Schauder zu unterdrücken. Er hegte keinesfalls eine Abneigung gegen seinen derzeitigen Herrn. Aber er fand, dass Lord Tristans Befähigung als Vater ein wenig zu wünschen übrig ließ.

»Dann nehmt sie mit«, sagte Tristan, sah den älteren Mann ungeduldig an und runzelte dabei die Stirn, während er sein Kind noch einmal einen kurzen Moment in die Arme nahm. Er mochte Silas sehr und bewunderte ihn für sein Wissen. Aber seine Empfindlichkeit konnte ziemlich lästig sein. »Geh gleich zu Bett«, sagte er zu Clare und gab ihr einen Kuss.

»Nein, Papa«, korrigierte sie. »Zuerst die Gebete.«

Er lächelte. »Ja, gut, wie du möchtest.« Er übergab sie Emma. »Zuerst die Gebete, dann schlafen.«

Das Mädchen schien sein Lächeln einen Moment erwidern zu wollen, konnte sich aber nicht recht dazu überwinden. »Ja, Mylord.«

Silas beobachtete Tristan, wie er ihnen nachsah, erkannte, dass er nicht der Einzige war, der Emmas hinreißenden Charme zu schätzen wusste, und lächelte. »Lady Clare ist recht hübsch, Mylord«, bemerkte er, als sie fort waren. »Kommt sie nach ihrer Mutter?«

Tristan belohnte diese Spöttelei mit einem Lächeln. »Das muss sie wohl«, antwortete er. »Obwohl ich mich, ehrlich gesagt, nicht erinnere.«

»Wer war sie?«, fragte Silas fasziniert. Er hatte dieselbe Frage während der Monate, die sie bisher auf Schloss DuMaine verbracht hatten, schon vielen von Tristans Leuten gestellt, aber niemand von ihnen wollte auch nur ein Wort über die Privatangelegenheiten seines Herrn äußern.

Der junge Ritter schien von dieser Frage weder überrascht noch beleidigt, sondern einfach nur nicht sonderlich an ihr interessiert zu sein. »Ein Niemand«, antwortete er achselzuckend und lehnte sich gegen die Steinmauer. »Irgendeine Frau … die verwitwete Schwester eines unbedeutenden Barons.« Er runzelte die Stirn, als durchforste er seine Erinnerung. »Ich glaube, sie hieß Amelia. Oder Alice.« Er zuckte erneut die Achseln und tat das Problem damit ab. »Vielleicht war es auch Anne.«

»Mylord!«, schalt Silas ernsthaft betroffen. »Ihr erinnert Euch wirklich nicht?«

»Ich erinnere mich wirklich nicht.« Der alte Gelehrte sah so missbilligend drein, dass Tristan unwillkürlich lächeln musste. »Ich bin ihr auf meinem Weg zu einem Feldzug im Hause ihres Bruders begegnet«, erklärte er. »Als ich zurückkehrte, hieß es, sie sei bei der Geburt meines Kindes Clare gestorben, und der Baron schien die Unannehmlichkeit, ein weiteres Maul füttern zu müssen, nicht gut aufzunehmen. Also nahm ich sie mit mir.«

»Habt Ihr überhaupt um die Mutter getrauert?«, fragte Silas. »Habt Ihr ihren Verlust bedauert?«

»Sie hat mir nie so sehr gehört, dass ich sie hätte verlieren können«, antwortete Tristan. »Hätte sie überlebt, hätte ich sie wahrscheinlich zu meiner Frau gemacht, aber dem war nicht so.« Silas’ Tadel ärgerte ihn allmählich. »Sie war nur eine Frau, Silas.«

»Ja, Mylord. Das war sie.« Der Baumeister konnte erkennen, dass sein adliger Auftraggeber bei diesem Thema rasch die Geduld verlor, aber er konnte nicht widerstehen, ihm einen weiteren Stich zu versetzen. »Eure Clare wird auch eine Frau werden. Ich hoffe, kein Mann wagt es jemals, ihren Namen zu vergessen.«

Tristan öffnete den Mund zu einer Erwiderung und hielt dann inne, als seine Aufmerksamkeit von einem jähen Feuerschein in den Wäldern abgelenkt wurde. »En garde!«, rief einer der Wächter von seinem Posten auf dem Torhaus, als ein brennender Pfeil über die Mauer sirrte.

»Silas, runter!« Tristan stieß den älteren Mann flach auf das Pflaster, als ein Hagel brennender Geschosse unmittelbar über ihre Köpfe hinwegsegelte. Die hölzerne Palisade, die noch immer den unfertigen Teil der Außenmauer schützte, stand im Handumdrehen in Flammen, ebenso wie das Strohdach des Stalles. Tristan sprang mit dem schlimmsten Fluch auf den Lippen, der ihm einfiel, auf und lief auf die Treppe zu.

»Schützt das Haus!«, rief er in das chaotische Gewimmel seiner Leute hinein. »Durchnässt das Dach – und bringt meine Tochter zum Turm auf den Turmhügel!«

»Ja, Mylord«, antwortete sein Hauptmann und gehorchte auf der Stelle.

»Mylord!«, rief sein Knappe Richard, der mit Tristans Pferd Daimon am Zügel auf ihn zulief. »Wollt Ihr hinausreiten?«

»Natürlich nicht«, antwortete Tristan ungeduldig und nahm dem Jungen die Zügel ab, als sich das Pferd vor Zorn und Angst aufbäumte. »Die Tore werden sie fernhalten, ob mit oder ohne Feuer.«

»Nein, Mylord«, erwiderte Richard, dessen Gesicht unter Rußflecken aschfahl wirkte. »Die Tore wurden durchbrochen.«

»Unmöglich.« Die vorderen Verteidigungen waren aus festem Stein, und die Tore bestanden aus Eiche mit dicken Eisenbändern. Selbst mit schwerem Gerät ausgerüstete Belagerer hätten nicht so schnell durchbrechen können, und noch viel weniger eine Horde von Briganten, die nur mit Speeren und Steinen bewaffnet waren.

»Wir wurden verraten«, sagte sein Knappe, und seine jugendliche Stimme überschlug sich vor Angst. »Die Bauern … beim ersten Pfeil griffen sie das Torhaus von innen an.«

»Die Bauern?«, fragte Tristan, und seine Verärgerung wurde zu jähem Zorn. Er versuchte, diese Menschen zu verteidigen, sie zu beschützen und ihr Leben leichter und sicherer zu machen. Warum sollten sie ihn verraten? »Lebuin«, murrte er und schwang sich in den Sattel. Er zog sein Schwert und galoppierte auf die Tore zu.

Der Kampf hätte rasch vorbei sein sollen. Die Normannen hatten niemals Verrat von innen erwartet, und Seans Briganten waren ihnen zahlenmäßig mindestens zwei zu eins überlegen. Aber DuMaines Ruf als Krieger war wohlbegründet. Es gelang ihm, seine noch verbliebenen Ritter aufsitzen zu lassen, bevor die Ställe einstürzten und die übrigen Pferde von den Briganten freigelassen wurden. Es war eine kleine, aber kämpferische berittene Streitmacht, die sich durch die Schurken hindurchschlug wie Schnitter durch Weizen, wobei ihr Dienstherr stets voranritt. Wenn sie die hölzerne Brücke zum Turmhügel des Schlosses überquerten und sie hinter sich verbrannten, bevor die Briganten sie erreichten, könnten sie die Festung noch immer halten, denn die Angreifer würden durch den tiefen Graben um den Turmhügel herum in Schach gehalten.

Siobhan nahm erneut die Haltung der Bogenschützin ein, zielte sorgfältig und schoss einem der Reiter unmittelbar durch die Kehle, als er sein Schwert gegen Evan, den engsten Freund ihres Bruders, erhob. Der normannische Ritter fiel rückwärts, und Blut spritzte von seinen Lippen. Evan wandte sich um und sah sie an.

»Danke!«, rief er grinsend und winkte. Dann zog er den sterbenden Ritter zu Boden und nahm sich dessen Pferd.

Tristan riss Daimon gerade rechtzeitig herum, um seinen Hauptmann stürzen zu sehen. Der Bogenschütze, der ihn getötet hatte, war noch ein Junge und noch dazu spindeldürr, aber er hatte anscheinend tödliche Absichten. Er trug das Grün und Schwarz, das ihn als einen von Lebuins Leuten, zweifellos jemandes Knappe, kennzeichnete. Ein weiterer Brigant, der nun auf dem Pferd des gefallenen Hauptmanns ritt, hielt auf Tristan zu, der sich ihm mit erhobenem Breitschwert in den Weg stellte, aber mit der anderen Hand den Dolch aus seinem Gürtel zog und ihn auf den Jungen schleuderte.

Siobhan spürte die Klinge durch ihre Schulter dringen, taumelte und keuchte vor Schreck. Blut quoll aus der Wunde, während ihr Arm kalt wurde und der Bogen ihrem Griff entglitt.

»Siobhan!« Sean lief auf sie zu und schlug auf dem Weg einem der normannischen Fußsoldaten mit seinem Schwertheft den Schädel ein. Er fing Siobhan auf, als sie fiel, und ließ seine Waffen fallen, um sie festzuhalten.

»Es geht mir gut«, versicherte sie ihm und schloss eine Faust um das Dolchheft. Der Ritter des Teufels hatte ihr Herz verfehlt, aber ihr Arm war praktisch nutzlos geworden.

»Es geht dir gut«, stimmte Sean ihr mit zitterndem, leisem Lachen zu und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Dann legte er seine Hand über ihre beiden, riss den Dolch aus ihrem Fleisch und hielt sie fest, als sie schrie.

Sie fühlte sich einen Moment benommen, und die Welt drehte sich, aber sie fiel nicht in Ohnmacht. »Geh, Sean, beeil dich«, befahl sie und schob ihren Bruder von sich. »Ich komme zurecht.«

Tristan erledigte den Briganten, der ihn zu einem Zweikampf hatte herausfordern wollen, so mühelos, dass es fast lachhaft war. Wer auch immer er war, er konnte jedenfalls gut genug reiten und zu Fuß vermutlich auch gut genug kämpfen. Aber es überstieg seine Fähigkeiten offensichtlich, beides gleichzeitig zu tun. Tristan brach ihm mit einem einzigen Streich den linken Arm, während er sich tief über Daimons Hals beugte, um der schweren Pike in der Rechten seines Gegners auszuweichen, die dieser unbeholfen schwang. Als der Schurke vor Schmerz fluchte und die Zügel fallen ließ, schwang sich Tristan herum und trat ihm unmittelbar gegen die Brust. Der Brigant rutschte im Sattel seitwärts und verlor auch die letzte Kontrolle über sein Pferd. Tristan traf ihn nun ernstlich und spaltete ihm mit dem Schwert den Schädel.

»Evan!«, hörte er eine Frau schreien, wandte sich um und sah den kleinen Bogenschützen, den er hatte töten wollen, auf seinen – nein, ihren – Füßen stehen. Sie starrte ihn offen entsetzt an, und der Mann neben ihr wandte sich um und sah ihn ebenfalls an. Sean Lebuin. Der Anführer der Schurken sah seinen Mann unter Tristans Schwert fallen, und sein blau bemaltes Gesicht verzog sich vor Zorn. Er trat zu seinem Pferd, einer reinweißen Stute mit struppiger Silbermähne, und sprang kampfbereit in den Sattel.

»Sean, warte!«, rief Siobhan, hob das Schwert ihres Bruders auf, lief los und reichte es ihm, wobei ihr eigener Schmerz vergessen war. DuMaine hatte Evan niedergemetzelt, als wäre der ein Kind, das auf einem Pony Ritter spielte. Sie hatten bei ihren Bestrebungen zur Befreiung ihres Volkes gegen viele adlige Ritter gekämpft, aber sie hatte noch niemals in ihrem Leben einen Mann gesehen, der sich so schnell bewegte oder sein Pferd so geschickt manövrierte. Nicht einmal Sean selbst. »Stell dich ihm nicht alleine«, rief sie über den Lärm hinweg, aber ihr Bruder hörte nicht zu. Er nahm das Schwert, trieb sein Pferd an und stürzte sich ins Getümmel. »Sean!« Sie sah, dass DuMaine lächelte – ein wahrer Teufel, hinter dem die Flammen der Palisaden aufloderten. Er hatte überhaupt keine Angst.

»Mylady!« Jemand ergriff ihren verletzten Arm und bemühte sich, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, und sie wandte sich ungeduldig um. »Mylady, helft mir, bitte.« Die Frau war ungefähr in ihrem Alter, war wie eine Bäuerin gekleidet, und ihr Gesicht schien Siobhan vage vertraut. Sie hatte sie schon früher gesehen, wahrscheinlich in einem der Dörfer, in denen die Briganten Zuflucht gefunden hatten. Sie hielt ein Kind in den Armen, ein kleines, blondes Mädchen in einem rosafarbenen Seidengewand. »Lady Clare ist noch klein«, sagte die Frau. »Bitte, Ihr müsst mir helfen, sie zu beschützen.«

»Lady Clare?« Sie umfasste unsanft das Kinn der Kleinen und drehte ihr Gesicht dem Licht zu. Sie hatte grüne mandelförmige Augen, die Siobhan ernst und ängstlich beobachteten, aber sie gab keinen Laut von sich. »Dies ist Tristan DuMaines Kind?« Sie blickte zum Kampf zurück, und das Herz schlug ihr plötzlich bis zum Hals. Beide Pferde waren auf die Hinterbeine gestiegen und traten nun mit den Hufen aufeinander ein. Blut aus einer klaffenden Stirnwunde lief Sean bereits das Gesicht hinab.

»Ja, Mylady«, antwortete die Bäuerin. »Aber sie ist unschuldig.«

Siobhan wandte sich ihnen wieder panisch zu und sah, dass das Kind sie noch immer beobachtete. Tristan DuMaines einziges Kind. »Kommt«, sagte sie und streckte die Arme aus. »Gebt sie mir.«

Zum ersten Mal, seit Tristan erkannt hatte, dass seine Tore durchbrochen worden waren, empfand er wieder Hoffnung. Wenn er Lebuin im Einzelkampf töten könnte, würden sich seine Gefolgsleute gewiss ergeben. Und er stand sehr kurz davor, genau das zu schaffen. Der Rebellenführer hatte geschickter gekämpft, als Tristan es jemals von ihm erwartet hätte, aber der Tod seines Gefährten hatte ihn vor Zorn blind gemacht, noch bevor ihm durch einen Schlag von Tristans Schwert Blut über die Augen lief.

Tristan lenkte Daimon neben die Stute des Briganten und stach erneut auf ihn ein. Lebuin gelang es, sich zu drehen und dem schlimmsten Schlag auszuweichen, aber er verlor die Balance im Sattel. Wesentlich geschickter, als sein Mitstreiter gewesen war, verlagerte er sein Gewicht und rollte sich auf dem Boden ab, anstatt zu stürzen, wobei er das Pferd als Schutz zwischen sich und Tristan brachte. Aber nun war er erledigt. Daimon trat nach ihm und stieß ihn flach aufs Gesicht, und Tristan sprang aus dem Sattel und hielt ihn auf dem Boden fest.

»Törichter Bastard«, knurrte er, packte den Briganten an den Haaren und riss seinen Kopf zurück, um ihn vom Hals abzutrennen und seine eigenen Kümmernisse so für immer zu beenden.

»DuMaine!« Es war erneut die Stimme der Frau, dieses widernatürlichen Geschöpfs, das einen seiner fünf kostbaren Ritter mit einem einzigen Pfeil getötet hatte. Als er aufblickte, sah er sie auf sich zukommen, erstarrte und fühlte sein Blut in den Adern gefrieren. Sie hielt Clare in ihren Armen und drückte einen Dolch an die Kehle seiner Kleinen.

»Lasst ihn los!« Siobhans Herz hämmerte ebenso vor Scham wie vor Angst. Sie war vielleicht eine Brigantin, aber es lag nicht in ihrer Natur, ein unschuldiges Kind zu töten. »Lasst ihn los, oder sie stirbt!« Was ist, wenn es ihn nicht kümmert?, dachte sie, und ihre Gedanken rasten wild. Was ist, wenn sich das mangelnde Empfindungsvermögen, das er den Leuten gegenüber gezeigt hatte, die er gefangen genommen und versklavt hatte, sogar auf sein eigen Fleisch und Blut erstreckte? Sie wollte zu ihrer eigenen Beruhigung Sean ansehen, aber sie wagte es nicht, aus Angst, die Nerven zu verlieren. Sie zwang sich stattdessen, unmittelbar in DuMaines kalte, grüne Augen zu blicken.

»Teufelin«, sagte Tristan leise und empfand Übelkeit. Er konnte nun erkennen, dass die Frau, die über ihnen stand, auch unter der auffälligen blauen Farbe wunderschön war. Sie hatte große strahlend blaue Augen und pechschwarzes Haar, das im Feuerschein glänzte, obwohl es zerzaust war. Aber sie war eine Teufelin, eine Bestie in Frauengestalt. Welche wahre Frau mit sanftem Herzen konnte das Leben eines Kindes bedrohen?

»Lasst meinen Bruder los«, befahl sie, und ihre Stimme klang wie Eis. Sie presste ihren Dolch fester an Clares Kehle, und das kleine Mädchen keuchte und atmete mühsam durch die Nase ein. Ihre Augen waren vor Angst geweitet. »Ich werde Euch nicht noch einmal auffordern.«

Siobhan war sich einen langen, schrecklichen Moment sicher, dass er es darauf ankommen lassen würde. Dann erhob er sich langsam, ließ Sean los und ließ sein Breitschwert fallen.

Sean sprang auf und hielt seine Schwertspitze an die Kehle des Normannen. »Sagt Euren Männern, dass sie sich ergeben sollen«, befahl er.

»Lasst zuerst mein Kind los«, antwortete DuMaine, der Siobhan noch immer ansah. Sie war erst ein Mal einem solch unbändigen Zorn begegnet – als Sean das Herz des Mannes herausschnitt, der ihren Vater umgebracht hatte.

»Dem Kind wird nichts geschehen«, sagte Sean ungeduldig. »Das schwöre ich.«

»Nicht Ihr«, erwiderte DuMaine. »Sie.« Sein Kinn war so fest angespannt, dass ein Muskel an seiner Wange zuckte. Er sah gut aus, wie Siobhan jäh erkannte, auf eine Art, wie sie es noch nie bei einem Mann gesehen hatte. Aber der Hass in seinen Augen war unverkennbar. »Ich will, dass sie es schwört.«

»Ich schwöre es«, antwortete sie. Einer ihrer Leute trat vor, um DuMaine die Hände auf dem Rücken zu fesseln, und als er keinen Widerstand leistete, ließ sie den Dolch fallen. »Sie ist in Sicherheit.«

Tristan nickte, während er beobachtete, wie sie Clare wieder in Emmas Arme gab. War das Kindermädchen an dem Plan beteiligt gewesen? Hassten sie ihn alle so sehr? »Papa!«, schrie Clare, als sie erkannte, dass Emma sie fortbringen wollte. »Die bösen Männer!« Sie begann zum ersten Mal zu weinen. »Die bösen Männer!« Sie schluchzte noch immer, während sie sich entfernten.

»Genug!«, rief Tristan. Es war ein Aufschrei, der seinen Kummer bewältigen sollte, und jene wenigen Männer, die noch immer gegen die Briganten kämpften, um zu ihm zu gelangen, ließen ihre Schwerter fallen. Seine Ritter gehorchten. Adlige, die von Gesindel gefangen genommen, durch die Schwäche ihres Dienstherrn betrogen worden waren. Tristan wandte seinen Blick schließlich von der bösen Schönheit vor sich ab und sagte zu Lebuin: »Das Schloss gehört Euch.«

2

Siobhan stürmte über die hölzerne Brücke zum Turmhügel und drängte sich an den Soldaten vorbei, die sich vor der Tür des Turms herumdrückten. »Sean!«, rief sie und polterte die Stufen hinab.

Ihr Bruder stand mitten in der weiten Halle. »Sean«, wiederholte sie und lief in seine Arme.

»Da bist du ja«, sagte Sean halb lachend, während er sie an sich drückte. »Wie steht’s mit der südlichen Mauer?«

»Eingestürzt«, antwortete sie. »Einige der Männer schneiden gerade Holz, um sie wieder aufzubauen.« Sie zog sich zurück und sah ihn an. Blut rann noch immer von seiner Stirn, aber er lächelte. »Geht es dir gut?«

»Natürlich.« Sie berührte die klaffende Wunde und zeigte ihm das Blut. »Es ist nichts«, versicherte er ihr. Er zog sanft an ihren Haaren. »Was ist mit deiner Schulter?«

»Weniger als nichts.« Ein dünner, bärtiger Mann mit einer Samtkappe saß zur einen Seite auf einem Stuhl. Er wurde von zweien ihrer Männer bewacht, als wäre er gefährlich. »Wer ist das?«, fragte sie.

»Silas von Massum«, antwortete Sean. Der Mann sah sie an, als wären ihr Hörner gewachsen, und sie erwiderte seinen Blick stirnrunzelnd. »Er ist derjenige, der dir dieses wunderschöne Schloss gebaut hat.«

»Nicht für mich«, murmelte sie. Die Augen des Fremden weiteten sich einen Moment, und sie errötete und wandte sich ab.

»Du magst Lord Tristan nicht?«, neckte Sean.

»Nein«, antwortete sie und lächelte über seinen Tonfall. »Ich halte ihn für einen mordenden Bastard.«

Ein weiterer Trupp kam die Treppe herunter und führte das Kindermädchen, das Clare noch immer in den Armen hielt, vom Hof herein. »Der böse Mann!«, schrie das Kind und deutete auf Sean. »Es ist Sean Lebuin!«

Siobhan sah ihren Bruder erbleichen und sein Lächeln augenblicklich verschwinden. »Sei still«, befahl er der Kleinen schroff. »Du, Mädchen, sorg dafür, dass sie den Mund hält.«

»Verzeiht ihr, Mylady«, stotterte das Kindermädchen. »Sie ist noch ein Kind.«

Der Mann, den Sean Silas genannt hatte, erhob sich. »Bring sie zu mir«, befahl er und sah Siobhan missbilligend an. »Komm, Emma.«

Das Bauernmädchen blickte zu ihm hinüber und dann wieder zu Siobhan. »Geh nur«, sagte Siobhan zu ihr und fühlte sich töricht. Warum sollte dieses Mädchen sie fürchten? Waren sie nicht gekommen, um sie zu befreien, aus Mitleid?

»Meister Silas«, rief das Mädchen und eilte in die Arme des alten Mannes. »Es tut mir so leid … das hätte ich niemals gedacht.«

»Still jetzt«, tröstete er sie. »Alles wird gut.« Das Kind beobachtete Siobhan über ihre Schulter hinweg mit wilden, grünen Augen. »Ich verspreche es dir, Kleine.« Der alte Mann nahm das Kind an sich und umarmte es, und nach einem Moment schlang auch die Kleine ihre kleinen Arme um seinen Hals.

»Ja, um Gottes willen.« Sehr zu Siobhans Bestürzung war Gaston mit seiner letzten Patrouille hereingekommen. Der Untergebene des Barons von Callard war zum Schatten ihres Bruders geworden, ein dunkler Fleck, der ihm folgte, wo auch immer er hinging. Die Waffen und Pferde, die er für den Angriff von seinem Herrn mitgebracht hatte, waren, wie sie vermutete, nur allzu willkommen gewesen. Aber der Mann selbst hätte gerne den Blattern zum Opfer fallen dürfen, ohne dass sie um ihn getrauert hätte. »Soll der alte Mann das Gör behalten.« Er lachte und trat zu Emma, die zwischen Sean und den Gefangenen stand. »Dieses hübsche Ding hat etwas Besseres zu tun.« Er griff nach dem Kindermädchen und vergrub eine Hand in ihrem Haar.

Alle Anspannung der Nacht schien in Siobhan wie ein Zweig zu brechen. »Lasst sie in Ruhe«, befahl sie und schlug ihm mit einer Hand hart ins Gesicht, während sie mit der anderen ihren Dolch zog. Er wandte sich ihr zornig zu, und sie deutete mit der Klinge auf seine Leistengegend. »Vorsicht, Sir Bulle«, sagte sie und lächelte ihm mit tödlicher Drohung zu. »Sonst werde ich Euch auf der Stelle zu einem Ochsen machen.«

»Was erlaubt Ihr Euch?«, erwiderte er, die Augen vor Zorn zu Schlitzen verengt.

»Sie hat recht, Gaston.« Sean trat zwischen den verärgerten Höfling und Emma und legte eine Hand auf Siobhans Schulter. »Dieses Mädchen ist eine von uns, ein Kind dieses Landes. Sie darf nicht missbraucht werden.« Gaston wich langsam zurück. Siobhan und er blickten sich noch immer in die Augen. Sie zog eine Augenbraue hoch und steckte ihren Dolch wieder ein, während sich Emma hinter den alten Mann zurückzog. »Geht und findet den Ordensbruder«, befahl Sean Gaston. »Die Kapelle brennt noch immer. Er muss sich im Gutshaus versteckt halten.«

Gaston nahm nicht gerne Befehle entgegen, nicht einmal von Sean, wie Siobhan bemerkte, aber er wagte auch nicht, sich ihm zu widersetzen. »Wie Ihr wünscht«, antwortete er und zwang sich zu einem Lächeln. Er zwinkerte Emma noch einmal zu, bevor er sich umwandte und ging.

»Bastard«, knurrte Siobhan und hörte den alten Mann leise etwas Ähnliches murmeln.

»Das weißt du nicht«, scherzte Sean und zerzauste ihr Haar.

»Ich denke schon«, erwiderte sie. »Je eher wir ihn loswerden desto besser.«

Bevor Sean antworten konnte, kam Michael, ein weiterer seiner zuverlässigsten Männer, herein. Er hatte Evan nahegestanden, dem Mann, den DuMaine getötet hatte, und war wahrscheinlich vor Kummer tief betrübt. Aber ihm war nichts anzumerken. »Die Ritter werden im Hof festgehalten«, sagte er und blickte zu den Gefangenen. »Sie alle.« DuMaine eingeschlossen, schienen seine Augen zu sagen.

»Sehr gut«, erwiderte Sean und nickte. »Meister Silas, wir werden uns morgen früh weiter unterhalten.« Er wandte sich den wartenden Wachen zu. »Bringt sie nach oben, zur Rückseite des Turms.« Sein Blick begegnete dem des alten Mannes. »Und haltet das Kind von den Fenstern fern.«

Der alte Mann wurde blass, aber er nickte. »Ja … das werde ich.« Er ging auf die Treppe zu, das Kind hielt er noch immer in den Armen.

»Nein!«, forderte die Kleine und wehrte sich jäh. »Meister, wo ist mein Papa? Ich will meinen Papa sehen.«

Siobhan wollte plötzlich nichts mehr, als dass diese Nacht vorüber wäre, damit sie wieder in den Wald zurückgehen und einen kühlen, sicheren Platz finden könnte, um sich dort unter den Sternen hinzulegen. Dabei hatten sie mit dem, was sie tun wollten, kaum begonnen. Das Kind begann zu weinen, und auch Siobhans Augen füllten sich trotz ihrer Entschlossenheit mit Tränen. Sie erinnerte sich deutlich an diesen Schmerz. Sie wusste einfach, wie sich die Kleine fühlte. Aber sie durfte sich nicht hinstellen und mit ihr weinen, sie konnte sich dieses Mitgefühl nicht leisten. Sie wandte sich um, als das Kind weggeführt wurde.

»Komm«, sagte Sean und legte einen Arm um ihre Schultern, während die Wachen die Gefangenen nach oben geleiteten. Das Kind beobachtete sie noch immer und hatte Tränen auf den Wangen. »Komm mit mir.«

Er führte sie aus dem Turm hinaus und über die Brücke in den Hof. Tristan DuMaine war in dessen Mitte an Händen und Füßen an ein hölzernes Gerüst gefesselt und hatte einen dicken Knebel im Mund. Aber er wirkte dennoch überwältigend und so kraftvoll, wie sie es noch nie bei einem Mann gesehen hatte. Er musste in aufrechter Haltung einen vollen Kopf größer sein als Sean, und seine Arme wirkten dick und unglaublich muskulös, während er an seinen Fesseln zerrte. Seine vier verbliebenen Ritter wurden vor ihren und Seans Augen aus einem Schuppen geführt und in einer Reihe angekettet. Ihnen folgte ein erst zwölf- oder dreizehnjähriger Junge. »Wer ist das?«, fragte sie ihren Bruder.

»DuMaines Knappe«, antwortete Sean mit grimmiger Miene. »Ich habe ihn praktisch angefleht, uns die Treue zu schwören, aber er weigerte sich.« Der Junge stolperte und prallte gegen den Ritter vor ihm, und DuMaine stieß durch seinen Knebel hindurch einen Schrei aus, der ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Michael eilte vorwärts und half dem Jungen wieder auf.

»Was werdet ihr mit ihm tun?«, fragte Siobhan. DuMaine war wieder still, aber er beobachtete sie. Seine grünen Augen durchbohrten sie. »Sean?« Sie bemerkte plötzlich, dass ein großer Holzblock aufgestellt worden war, während ein weiterer von Seans Rebellen mit einer Axt in der Hand über den Hof kam. »Sean, nein … nicht der Junge.« Sie wandte sich wieder DuMaine zu und zog ihren Bruder mit sich. »Bitte …«

»Siobhan, wir haben keine andere Wahl.« Seans Griff um ihren Arm war fast schmerzhaft, und der Ausdruck auf seinem Gesicht zeigte, dass er sich ebenso entsetzlich fühlte wie sie, wenn nicht schlimmer. »Die einfachen Soldaten, die den Kampf überlebt haben, werden verschont – wir erkaufen uns ihre Ergebenheit durch Gnade. Aber diesen Rittern können wir nichts anbieten. Wenn wir sie am Leben lassen, werden sie zu ihrem König gehen …«

»Ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Aber der Junge …«

»Der Junge ist schwer verwundet.« Er schaute über ihre Schulter zu den Gefangenen, und auch sie blickte zurück. Michael stützte den Jungen noch immer, hatte einen Arm um seine Schultern gelegt und sprach ihm eindringlich ins Ohr, aber der Junge schüttelte nur den Kopf. »Er würde die Nacht nicht überleben, selbst wenn wir ihn verschonten«, sagte Sean.

»Was würde es dann schaden?«, fragte sie. Sie legte eine Hand an seine Brust. »Sean, bitte. Er ist noch ein Kind.«

Er lächelte grimmig. »Wie du es warst, als unser Vater starb«, antwortete er. »Hat man dich verschont, meine Liebe?«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Nicht wirklich«, räumte sie ein. »Aber lass uns besser sein als unsere Feinde.«

Er schloss resigniert die Augen, doch sein Lächeln wurde für einen Moment etwas breiter. »Wie Ihr wünscht, Mylady.« Er zog sie an sich und küsste ihre Stirn. »Du bist deines Vaters Tochter.« Er trat vor, wobei er noch immer ihre Hand festhielt. »Lasst den Jungen frei!«, befahl er. »Lady Siobhan wünscht ihn zu verschonen.«

Ein weiterer Mann trat zu Michael, um die Fesseln des Jungen zu lösen. »Nein«, protestierte der Knappe und wollte sich wehren, aber er hatte offensichtlich kaum noch Kraft. »Ich will nicht …« Er machte eine Bewegung, als wollte er Michael angreifen, und brach dann in seinen Armen zusammen.

»Möge der Herrgott Euch segnen, Mylady«, sagte einer der übrigen Ritter und sank auf die Knie. Aber Tristan DuMaine sah sie noch immer finster und zorniger denn je an. »Seid für Eure Gnade gesegnet.«

»Spart Euch Euren Segen, normannischer Hund«, antwortete sie mit kalter Stimme. »Ihr habt keine Gnade von mir zu erwarten.« Sean hatte recht. Ließe man diese Männer entkommen, so würden sie zu ihrem König laufen wie Kinder, die ein Sturm ängstigt. Alle ihre und Seans großen Pläne wären verwirkt. Alle ihre Freunde wären umsonst gestorben. Sie zwang sich, an ihre Cousins zu denken, deren Köpfe auf DuMaines Steinmauer aufgespießt waren, und an Evan, der durch DuMaines Schwert vor ihren Augen getötet worden war. »Ihr macht mich krank«, sagte sie zu dem auf Knien liegenden Mann, aber ihr Blick ruhte auf DuMaine. »Ich werde nicht zusehen, wie Ihr sterbt.« Sie wandte sich ab.

»Geh hinein und bereite dich vor«, sagte Sean so leise zu ihr, dass nur sie es hören konnte, während Michael und die Übrigen den Jungen zum Gutshaus trugen. »Wir kommen bald nach.«

»Heinrich wird dafür sorgen, dass eurem Herrn am Strang das Genick gebrochen wird und ihr Übrigen an seine Hunde verfüttert werdet!«, hörte sie einen der Ritter rufen, als sie den Hof verließ. Vielleicht war es derjenige, der sie für ihre Gnade gesegnet hatte, dachte sie lächelnd. Aber er war dennoch ein verlogener Normanne. Der Ordensbruder stand im Eingang, und sie atmete tief ein. Es wartete noch eine weitere Prüfung auf sie, bevor diese Nacht vorüber war.

Tristans Gedanken überschlugen sich, während er, noch immer gefesselt und geknebelt, in die große Halle gezerrt wurde. Lebuin hatte seine vier Ritter wegen »Verrats an England und dem Willen Gottes« mit der Axt töten lassen, als wäre er König, Bischof und Richter zugleich. Der erste Ritter hatte seinen letzten Atemzug dazu verwandt, die Gefangenenwärter zu verfluchen und die Rache der Krone zu beschwören, aber die Übrigen waren wie in Trance zu dem Block gestolpert, wobei sie die ganze Zeit Tristan anschauten. Sie waren ihm von Frankreich bis hierher gefolgt. Viele hatten vor ihm schon seinem Vater gedient. Und nun wurden sie für ihre Treue abgeschlachtet wie Vieh. Jetzt schaute er zu Lebuin, der auf dem Podest in der Halle stand, die noch vor wenigen Stunden ihm gehört hatte. Du wirst sterben, dachte er und stellte es sich im Geiste vor. Dein Kopf wird den Krähen zum Fraß vorgeworfen werden.

Es hatte sich eine recht umfangreiche Menge von Briganten und Bauern versammelt, und er hielt verzweifelt nach Clare Ausschau. Aber sein Kind war glücklicherweise nirgendwo zu sehen. Der Ordensbruder stand neben der offenen Feuerstelle und erweckte den Eindruck, als hätte er lieber an den Toren der Hölle gestanden. Als Tristan auf ihn zu gezerrt wurde, sah er ihm einen Moment lang mitfühlend in die Augen.

»Vertrau auf Gott, Sean.« Eine Frau hinter ihm lachte. »Er ist noch immer geknebelt?« Siobhan, das Rebellenmädchen, kam die Treppe herab. Sie trug nun ein offensichtlich teures, aber ziemlich zerknittertes Gewand aus dunkelblauer Seide, und ihr Haar hing ihr lose um die Schultern.

»Es schien das Beste zu sein, Mylady«, antwortete Lebuin und betrachtete sie mit sichtlichem Wohlgefallen von oben bis unten, als sie zu ihm herankam. Tristan begegnete dem Blick der Frau mit purer Verachtung, und sie zog ihre fein geschwungenen Augenbrauen hoch.

»Oh, ja?«, sagte sie noch immer belustigt. Die blaue Farbe und der Ruß waren von ihrem Gesicht entfernt, sodass makellose, porzellanartige Haut sichtbar wurde. »Was hat er gesagt?«

»Mylord, dies ist höchst unkorrekt«, protestierte der Ordensbruder an Lebuin gewandt. Der junge Priester hatte Tristan und seine Herrschaft nie besonders geschätzt. Als Tristan den Befehl gegeben hatte, dass die Bauern innerhalb der Schlossmauern bleiben sollten, hatte Bruder Thomas formell Beschwerde eingelegt und sogar gedroht, seinen Posten zu räumen. Aber er konnte gewiss nicht mit diesen Rebellen im Bunde stehen. »Ich will damit sagen, dass er nicht heiraten kann, wenn er nicht sprechen kann.«

»Natürlich kann er das«, antwortete Lebuin. »Aber nicht das, was er sagt, zählt, Bruder Thomas, sondern nur das, was er seinem König schreibt.«

Tristan war einen Moment so schockiert, dass er nicht recht glauben konnte, was er da gehört hatte. Heiraten? Sie wollten ihn mit diesem Geschöpf verheiraten? Er begann sich zu wehren, schleuderte einen der Männer, die ihn festhielten, mit einem heftigen Stoß des Ellenbogens beiseite und stieß einem anderen mit dem Kopf gegen die Brust, sodass er in die Knie ging. Drei weitere eilten nach vorn, um ihn zu überwältigen, einschließlich Lebuin selbst, der ihm mit einer Faust aufs Kinn hieb, sodass er Sterne sah. Er taumelte, fiel fast hin und hörte ein leises, schnaubendes Lachen. Als sich seine Sicht langsam wieder klärte, sah er, dass Siobhan sie beobachtete, ihr hübscher Mund war zu einem bösen Lächeln verzogen. Sie hatte um Richards Leben gefleht, dachte er. Aber sie hatte Clare bedroht. Wo war Clare jetzt?

»Ja, aber … wie soll er schreiben, Mylord?«, wagte der Ordensbruder zu fragen.

»Er hat bereits geschrieben«, sagte Siobhan und nahm eine Schriftrolle aus der Tasche ihres geborgten Gewandes. Sie hatte diese Farce satt, bevor sie auch nur begonnen hatte – alles daran war lächerlich. Sie hatte kein richtiges Gewand mehr getragen, seit sie ein zwölfjähriges Mädchen war, und damals war es einfaches Leinen gewesen, nicht solcher Firlefanz, und die Schuhe, die dazugehörten, mussten für ein Kind oder eine Elfe gemacht worden sein, so klein waren sie. Ich hätte meine Stiefel tragen sollen, dachte sie, während sie die gerunzelte Stirn ihres widerwilligen Bräutigams betrachtete, als Sean und die Übrigen ihn neben sie zerrten.

Sie musste zugeben, dass Seans Plan einen gewissen Sinn machte. Wenn König Heinrich glaubte, sein Cousin habe durch eine Heirat Frieden mit den Rebellen geschlossen, würde er nicht sofort weitere Truppen senden, selbst wenn dieser Cousin kaum Tage nach seiner Hochzeit bei einem außergewöhnlichen Unfall stürbe. Wenn es nach ihr ginge, würden zu dem Zeitpunkt, an dem man die Wahrheit entdeckte, das Schloss ausgelöscht und die Bauern übergesiedelt sein, und die Rebellen selbst wären schon lange fort. Sie wünschte nur, sie hätte in dieser Geschichte eine andere Rolle spielen können.

»Wir brauchen nur sein Siegel«, sagte sie abschließend zu dem Ordensbruder, während sie die Schriftrolle übergab. Sie hatte DuMaines Handschrift nun schon seit Wochen geübt, hatte Briefe kopiert, welche die Rebellen auf dem Weg nach London abgefangen hatten. Sie wusste, dass die Ähnlichkeit vollkommen war.

»Gütiger Himmel«, murmelte der Ordensbruder und wischte sich über die Stirn. Er war als Sachse geboren, der einzige Sohn eines freien Bauern, der von den Normannen auf seinem ererbten Grund ausgehungert und so in den Kirchendienst getrieben worden war. Als Sean ihn um seine Hilfe dabei gebeten hatte, DuMaine und seine Ritter zu vertreiben, hatte er widerwillig zugestimmt. Aber sie bezweifelte, dass er hiermit gerechnet hatte.

»Denkt an die Leute, Bruder«, drängte Sean.

»Ja«, antwortete der Ordensbruder und nickte, aber sein Blick war zu Boden gerichtet.

»Es scheint mir dennoch hart, ihn weiterhin geknebelt zu lassen«, sagte Siobhan und wandte sich wieder dem normannischen Lord zu, dessen Größe sie aus dieser Nähe erneut in Schrecken versetzte – er ragte über ihr auf, als wäre sie ein Kind. Seine grünen Augen verengten sich, als er ihrem Blick begegnete, und sie verspürte ein Schaudern. Was musste er denken? »Es heißt, er sehe sehr gut aus.« Als ihr ihr Publikum wieder einfiel, strich sie ihm mit einer Geste spöttischer Zärtlichkeit mit einer Hand über die Wange. »Ich möchte sein Gesicht sehen.« Sie dachte an ihren Vater, der vor seinem Haus wie ein Hund getötet, und an ihre Mutter, die geschändet und niedergemetzelt worden war, als sie dem Blick dieses Normannen begegnete. Lass ihn reden, dachte sie. Lass ihn dem guten Ordensbruder erneut zeigen, was er ist.

Tristan zuckte vor ihrer Berührung zurück, während die Briganten lachten und johlten und einige von ihnen ermutigende Kommentare riefen. Er hörte vertraute Stimmen in der Menge, die Bauern, die zu beschützen sein Cousin ihm aufgetragen hatte. Wie konnten sie ihn so sehr gehasst haben, ohne dass er davon wusste? Er suchte erneut nach Clare und betete im Stillen, dass diese Wilden zumindest ihr diese Gräuel ersparen würden, während Lebuin ihn zurück zu seiner Braut zerrte.

»Was auch immer du wünschst, kleine Schwester«, sagte der Anführer der Briganten. Schwester?, dachte Tristan überrascht. Er hatte gedacht, das Mädchen wäre die Geliebte des Briganten, irgendein gewöhnliches Mädchen, das er auf seinen Reisen aufgelesen und für seine Zwecke zur Rebellin gemacht hatte. Aber sie war allem Anschein nach seine Schwester, eine Lady von zumindest etwas adligem Blut. Seine Betroffenheit musste sich in seinen Augen spiegeln, denn Lebuin lächelte und zwinkerte dem Mädchen zu. »Nimm ihm den Knebel ab, Gaston.«

Siobhan sah zu, wie der Knebel entfernt wurde, und wartete darauf, dass DuMaine Flüche ausstoßen würde, wie sein Ritter es getan hatte. Aber er tat es nicht. »Vielen Dank, Mylady«, sagte er leise und mit so bitterem Sarkasmus, dass sie ihn fast schmecken konnte. Ohne den Knebel sah er sogar noch besser aus, mit kräftigen, wohlgestalteten Zügen und einem sinnlich geschwungenen Mund. Aber er verhielt sich nicht wie ein Liebender, und seine Gefühle waren unmissverständlich, als er sie von oben bis unten musterte. »Wie geht es Eurer Schulter?«

»Gut genug«, antwortete sie süßlich lächelnd. »Ihr zielt nicht allzu gut.«

»Zu schade«, antwortete er und erwiderte ihr Lächeln.

»Wirklich?« Sie trat näher und betrachtete ihn mit derselben Anmaßung, die er ihr gegenüber gezeigt hatte. »Wolltet Ihr mich weinen sehen?«

Tristan wandte sich um, während sie um ihn herumging. »Ich hätte tatsächlich nichts dagegen gehabt.« Lebuin folgte dem Mädchen, wie Tristan bemerkte, mit eifersüchtigem Blick, wobei ihr seine Wachen Platz machten. »Ihr seid immerhin eine Frau«, sagte er über die Schulter hinweg und begegnete ihrem Blick, als sie ihm erneut gegenüberstand. »Ich sollte hoffen, dass Ihr auch das Herz einer Frau habt.«

»Das habe ich tatsächlich, Mylord.« Sie dachte an die auf den Toren zur Schau gestellten Trophäen dieses Bastards, an das Blutbad, das seine Vorgänger angerichtet hatten. »Ich habe vor langer Zeit um Eure Verbrechen geweint.« Sie blickte in sein hübsches Gesicht, das selbst in der Niederlage noch überheblich wirkte. »Ich habe um meine Cousins geweint, die Ihr getötet habt.« Sie hatte ihn nur verhöhnen wollen, aber als sie die Worte aussprach, stieg Zorn in ihr auf, so mächtig, dass sie vergaß, welche Farce sie mit diesem Zerrbild einer Hochzeit veranstalten sollte. »Und um meinen Vater, den rechtmäßigen Herrn dieser Ländereien, der von dem König, auf dessen Schutz er vertraute, wie ein Hund getötet wurde. Er ist des Kummers wert, meint Ihr nicht?« Er zuckte nicht einmal zurück, wie sie erkannte. Er empfand nichts für die Menschen dieses Landes, für ihr Volk. »Aber um Euch? Nein, Mylord.« Sie trat von ihm zurück, bevor sie so blindwütig werden und ihn selbst töten würde – ungeachtet Seans hübscher Pläne. »Um Euch werde ich niemals weinen.«

Tristans Blut gefror, als er die Inbrunst in den Augen der Rebellin sah. »Wenn Ihr meine Briefe und mein Siegel habt, solltet Ihr mich jetzt töten.« Er sah sie erneut von oben bis unten an und verzog höhnisch die Lippen. »Ich würde es als Gnade aufnehmen.«

Sie spürte zu ihrer Überraschung, wie sich ihre Wangen dunkel röteten. »Tatsächlich, Mylord?«, fragte sie. Sie nahm den Dolch aus ihrem Gürtel und führte dessen Spitze an seinem Kinn entlang. »Ich könnte Eurem Wunsch vermutlich entsprechen.« Er zeigte noch immer kein Zeichen von Angst. Wie konnte sie ihn einschüchtern? Wenn er dem Tod so tapfer gegenübertrat, was würde ihn dann zusammenzucken lassen? Was wäre in der Lage gewesen, sie zu brechen, wenn sie in seiner Situation wäre? »Aber habt Vertrauen, DuMaine, ich finde, Ihr seid ein guter Preis.« Sie führte die Klinge an seiner Unterlippe entlang, während sie sich an die Begierde erinnerte, die sie einst in den Augen eines normannischen Soldaten gesehen hatte. »Ich denke nicht, dass ich schon ganz mit Euch fertig bin.«

»Das reicht.« Der Ordensbruder unterbrach sie mit puterrotem Gesicht. »Steckt Eure Klinge weg, Mylady.« Er wandte sich zu Sean um. »Sonst werde ich nicht fortfahren.«

»Wie Ihr wünscht, Bruder Thomas.« Sie steckte den Dolch ein, wobei sie DuMaine noch immer nahe genug war, um seinen Atem zu spüren. »Wir sollten unbedingt zum Ende kommen.«

Tristan blickte auf sie hinab, stand so nahe, dass er ihre Wärme spüren konnte. »Lady Siobhan, wollt Ihr diesen Mann zu Eurem Ehemann nehmen?«, fragte der Ordensbruder und nestelte an seinem Buch herum.

»Oh, ja«, antwortete sie. Sie blickte mit so lieblichem Lächeln zu Tristan auf, dass das Verlangen, ihr mit bloßen Händen den Hals umzudrehen, seinen Geist wie ein Fieber überkam. Wo ist mein Kind?, wollte er sie fragen. Was habt Ihr mit ihr gemacht? »Bis dass der Tod uns scheidet.«

»Werdet Ihr ihn lieben?«, fuhr der Ordensbruder fort, während die Menge kicherte.

»Zumindest ein Mal, mit großem Elan«, antwortete sie und wiederholte damit die Drohung, die sie schon zuvor angedeutet hatte. Tristan lächelte kalt. Keine Chance, dachte er.

Der Ordensbruder räusperte sich. »Werdet Ihr ihn ehren?«, fragte er.

»Absolut, Bruder.« Sie legte ihre Hand auf Tristans Brust, und ihr Lächeln wich einem Stirnrunzeln. »Ich werde jeden Sonntag auf sein Grab pinkeln.«

Die Menge brüllte erneut vor Lachen, aber Siobhan zitterte innerlich. Sie täuschte zum zweiten Mal an diesem Abend etwas vor, spielte für diesen Mann eine Rolle, für diesen Normannen, den sie töten würden. Was er wohl dachte? Sie konnte sein Herz unter ihrer Handfläche schlagen spüren, das nicht vor Angst raste, sondern nur kraftvoll schlug – das Herz eines Löwen. »Gott wird Euch für Eure Unverfrorenheit gewiss nicht segnen, Mylady«, sagte der Ordensbruder gerade, und seine Stimme klang weit weg, während das Blut in ihren Ohren rauschte. »Antwortet wahrheitsgemäß, als fürchtetet Ihr Gott. Werdet Ihr Eurem Ehemann gehorchen?«

»Nicht ein Mal.« Nun lächelte sie nicht mehr, und auch niemand sonst lachte. Sie fürchtete Gott. Sie fürchtete seinen Zorn aufgrund dessen, was sie an diesem Abend tat. Aber nicht DuMaine. Sie wollte diesen Normannen nicht fürchten, wollte keinen Moment zulassen, dass er glaubte, sie hätte Angst vor ihm. Sie sah ihn an, und ihre Blicke trafen sich. »Aber Ihr könnt so tun, als hätte ich ja gesagt.«

Der Ordensbruder hielt inne und atmete tief ein. »Das werde ich auch.«

Er wandte sich an Tristan. »Und nun Ihr, Mylord.« Sein Gesicht wurde angesichts Tristans Miene blass. »Ihr … wollt Ihr … ah, nun.« Er schaute zu Sean Lebuin. »Vielleicht solltet Ihr die Schwüre für ihn leisten.«

»Nein.« Tristan sprach erneut ruhig, aber die Drohung in seinem Tonfall war bis in jeden Winkel des Raumes spürbar. »Ich werde meinen Schwur leisten. Nur einen.« Die Männer, die ihn hielten, festigten ihren Griff, aber er brauchte nicht näher heranzugehen. Seine Braut konnte ihn auch so gut hören. »Ihr sagt, dass Ihr mich töten werdet, Liebste, und die Chancen dafür stehen wohl recht gut.« Das Mädchen wich nicht vor ihm zurück, und auch ihre Miene blieb unverändert, aber er sah ihre Wangen erbleichen. »Aber Ihr sollt Folgendes wissen, Mylady: Ich werde Euch den gleichen Dienst erweisen.« Keuchen wurde rund um die Halle hörbar. »Ich werde nicht in diesem Grab sein, auf das Ihr pinkeln wollt. Ich werde aus der Hölle selbst zurückkehren, um Euch für all Eure geliebten Verfehlungen zu bestrafen.« Sie öffnete den Mund, als wollte sie etwas erwidern, aber er sprach weiter. »Ich werde Euch töten, Liebste«, schloss er. »Das ist mein Ehegelübde für Euch.«

Siobhan zitterte am ganzen Leib, immer stärker, während er fortfuhr, und selbst Sean wirkte blass. Närrin, schalt sie sich innerlich. Diese Drohung war nicht schlimmer, als sie hätte erwarten sollen, nicht überzeugender als die Flüche, die sie von seinesgleichen im Kampf Hunderte Male zuvor gehört hatte. Sie sollte lachen, erkannte sie. Aber die anderen Männer hatten verängstigt oder zornig geklungen. Sie hatten gewusst, dass sie den Wind verfluchten. Tristan DuMaine glaubte jedes Wort, das er sagte. »Narr«, zischte sie ihm laut zu, und ihr frischgebackener Ehemann lächelte ein wissendes, bitteres Lächeln, das sie für ihre Zweifel an seinem Versprechen verspottete.

»Kommt zum Ende, Bruder«, sagte Sean, der nicht mehr lachte. »Erklärt sie zu Mann und Frau.«