Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Geflutet - Gewaltige Explosionen erschüttern die Antarktis. Riesige Eisflächen lösen sich. Die Welt ist in Aufruhr. Landstriche verschwinden, Menschen verlieren ihre Heimat. Die Journalistin Mia Harding versucht den Hintergründen dieser Katastrophe auf die Spur zu kommen. Was Mia Harding und Michael Crack mit Hilfe der autonomen Hackergruppe Destiny entdecken, lässt sie erstarren, besser sie hätten sich niemals damit beschäftigt. Es beginnt die Jagd auf Leben und Tod. „Geflutet“ – Der Kampf um Ressourcen und Macht ist ein hochaktueller, actionreicher Thriller, in dem aktuelle weltpolitische Entwicklungen frappierend und gnadenlos aufgedeckt werden. ****************** Topaktuelles Thema das zeigt wie wichtig eine freie Presse für unsere Gesellschaft ist. Die Journalistin Mia Harting steht für investigativen Journalismus ohne Angst. Diese fiktive Story zeigt uns allen wie wichtig Widerstand und wie überflüssig Alternativlosigkeit ist. Wer wird in Zukunft die Macht haben. Das in Geflutet beschriebene Szenario reisst den Leser(-in) in einen Strudel der Gefühle und zeigt neue Aspekte auf, die leider in unserer heutigen Zeit wegen fehlender Differenzierung und fehlendem Mut sehr oft verschwiegen werden.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 351
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
canim-verlag
1. Auflage, 2015
© Canim Verlag, Nürnberg
www.canim-verlag.de
ISBN 978-3-942790-09-3
Alle Rechte einschließlich aller Inhalte sind urheberrechtlich geschützt.
Alle Rechte vorbehalten.
Danke an alle Partner, ohne deren Unterstützung dieses Buch nicht möglich gewesen wäre.
Umschlag:
Umschlaggestaltung: Vivian TAN Ai Hua, München
Grafiken: Copyright isoga, lassedesignen / fotolia.com
Lektorat und Redaktion:
Susanne Jauss, www.jauss-lektorat.de
M.C. Conradt
Geflutet
Thriller
canim-verlag
Über den Autor
M.C. Conradt wurde in den Sechzigerjahren im konservativen Bayern geboren und soll sich nach einem abgebrochenen Studium mit allerlei Jobs durchgeschlagen haben. In seiner freien Zeit spielt er Gitarre, fährt Motorrad, reist in ferne Länder und schreibt. Heute lebt er immer noch im schönsten Teil Bayerns, den er sich vorstellen kann.
Für meine Familie
1
Neumayer IV, deutsche Antarktisstation, Ekström-Schelfeis, Atka-Bucht, nordöstliches Weddell-Meer, zu einer beliebigen Zeit am Anfang des 21. Jahrhunderts
Alles ging seinen gewohnten, routinierten Gang. Die Wissenschaftler der Station waren wie immer mit der Analyse der Eisschichten beschäftigt und versuchten, den Geheimnissen, die das ewige Eis in sich barg, auf die Spur zu kommen. Seit Monaten war das Team bereits auf der Station, es wurde Zeit, dass es bald wieder nach Hause ging.
Unter den Mitarbeitern machte sich langsam Frust breit. Trotz intensivster Anstrengungen hatten sie noch nicht herausfinden können, warum sich das Klima so explosionsartig und schnell veränderte, und keine der Proben, die sie aus dem Eis zogen, gab ihnen irgendeinen Anhaltspunkt.
Frank war als Einziger seines Teams auf der Station zurückgeblieben, die anderen befanden sich bereits seit Tagen im Außeneinsatz. Wie so oft, wenn er alleine war, träumte er von zu Hause, deshalb bemerkte er nicht, dass das Satellitentelefon der Station läutete. In Gedanken beamte er sich auf das Weinfest in seinem Heimatort Schriesheim in der Nähe von Heidelberg, Arm in Arm mit seiner bildhübschen Freundin. Sechs Monate waren eine lange Zeit, das hatte er unterschätzt, als er sich für den Einsatz verpflichtete. Damals hatte er gedacht, dass er in der Stille des ewigen Eises wieder zur inneren Ruhe finden würde. Er hatte genug von dieser hektischen Welt, in der sich alles nur ums Geld drehte. Seine Freunde waren nur mit sich selbst beschäftigt, keiner hatte mehr Zeit für Vergnügen oder einfach nur für interessante Gespräche, sie waren Gefangene ihres komplett durchorganisierten Tagesablaufs.
Als sich seine Frau von ihm getrennt hatte, war Frank in eine schwere Depression gefallen und hatte alles hinschmeißen wollen – bis er diesen grummeligen, graubärtigen Typen kennenlernte. Nach dem siebten Schoppen Wein stand dieser plötzlich neben ihm am Tresen. Sie fanden schnell in ein Gespräch, in dessen Verlauf Frank aus einer Alkohollaune heraus das Angebot des Typen annahm, als Techniker in die Antarktis zu gehen. Er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, als er am nächsten Morgen mit einem schrecklichen Brummschädel aufwachte. Erst nach einer ausgiebigen kalten Dusche wurde ihm die Tragweite seiner Entscheidung bewusst. Was für einen Schwachsinn hatte er nur da wieder verbrochen? Er ließ sich das Ganze noch einmal durch den Kopf gehen, kam dann aber zu dem Entschluss, dass er nichts zu verlieren hatte und seine Lage sich nur verbessern konnte, wenn er sich für einige Zeit aus seinem bisherigen Leben verabschiedete.
Drei Monate später befand er sich mit einem Polarschiff auf dem Weg ins ewige Eis. Zu allem Überfluss hatte er zwischenzeitlich eine neue Liebe kennengelernt, doch da Frank ein geradliniger, korrekter Mensch war, konnte auch das nicht an seiner Entscheidung rütteln. Er wollte es jetzt durchziehen, und wenn es tatsächlich eine tiefe, innige Verbindung zwischen ihnen beiden gab, würde sie die Zeit der Trennung aushalten müssen.
Noch immer kreischte das Satellitentelefon neben Frank auf dem Schreibtisch. Der Klingelton im schrecklichen, monotonen Zwei-Bit-Modus trällerte Bruce Springsteens Born in the USA. Frank schrak auf und griff rasch zum Hörer.
»Wurde ja langsam Zeit, Frank. Hast du geschlafen?«, drang die Stimme des verantwortlichen Expeditionsleiters an sein Ohr, begleitet von einem lauten Knacken. Irgendetwas schien die Satellitenverbindung erheblich zu stören. »Wir haben einen Verdacht, dass sich unter euch die Erde extrem bewegt. Es gibt riesige Messabweichungen, daher könnte es sich um kein typisches Erdbeben handeln. Wie schaut es bei euch mit den Werten aus?«
»Bisher keine Auffälligkeiten. Ich überprüfe noch mal alles und melde mich sofort, wenn ich etwas Ungewöhnliches feststelle«, antwortete Frank, legte auf und rieb sich erst einmal die Augen. Dann ging er hinüber zum Seismografen. Als er einen Blick darauf warf, stockte ihm der Atem. Die Messwerte waren alles andere als normal, die Zeiger schlugen in schockartigen Zyklen aus. Was geschah hier nur?
Abermals griff er zum Telefon, um seine Kameraden zu warnen, die sich mehr als zwei Kilometer von der Station entfernt aufhielten. Er musste sie unbedingt in die Station zurückholen, denn es bestand höchste Gefahr, dass sie neue Bruchstellen im Eis, die durch die Erschütterungen ausgelöst wurden, übersahen. Höchste Zeit also, um zu handeln.
Allerdings hatte er keine Ahnung, ob das überhaupt etwas bringen würde. Nach dem, was er auf dem Seismografen gesehen hatte, konnte es sich nur um ein gewaltiges, lange andauerndes Erdbeben handeln. Dabei nahm die Stärke der Ausschläge des Seismografen kontinuierlich zu, was für ein Erdbeben äußerst ungewöhnlich war. Normalerweise war der erste Erdstoß der heftigste, dem Nachbeben von geringerer Stärke folgten. Hier jedoch hatte alles mit Stufe 5 begonnen, und zuletzt wurde schon ein Wert von 6,5 auf der nach oben offenen Richterskala angezeigt. Und nichts deutete darauf hin, dass es schon vorbei war.
Was war nur mit dieser beschissenen Satellitenverbindung? Mit zitternden Fingern drückte Frank immer und immer wieder die Wahlwiederholung, doch er konnte sein Team nicht erreichen. Er begann zu schwitzen. So viele Dinge hatten sie trainiert, waren geschult worden, doch auf eine solche Stresssituation war er nicht vorbereitet.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ertönte endlich ein Freizeichen, und Frank atmete tief durch. Jetzt konnte er die Jungs warnen, vielleicht war auch ihnen etwas Merkwürdiges aufgefallen. Währenddessen wurden die Erschütterungen immer stärker und brachten mittlerweile bereits den Stationscontainer ins Wanken.
Verdammt noch mal, warum gingen die nicht ran? Geistesabwesend und von Adrenalin durchflutet blickte Frank durch das vereiste Außenfenster. Dann sah er ihn kommen. Wie von Geisterhand fiel ihm der Hörer aus der Hand. Er starrte mit weit geöffnetem Mund auf den riesigen Feuerball, der sich in atemberaubender Geschwindigkeit auf die Polarstation zubewegte. Es blieb ihm keine Sekunde mehr, irgendetwas zu tun. Fasziniert, regungslos, verbrannt und schon bald …
Als der Feuerball auf den Container traf, hüllte sich die ewige Nacht um Frank.
Thomas Sharpe, der Präsident der UN-Klimabehörde IPCC, saß hinter seinem bulligen Ahornschreibtisch und prüfte noch einmal den aktuellen Abschlussbericht. Dabei schlich sich ein diabolisches Lächeln auf sein Gesicht. Alles lief nach Plan. Die Katastrophe in der Antarktis hatte ihnen hervorragende Dienste erwiesen. Was geschehen war, sollte ausreichen, um ihre Ziele unumkehrbar zu fixieren. Seine Auftraggeber würden mit ihm zufrieden sein.
Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken. Ohne auf das Display zu blicken, drückte er die Freisprechtaste und meldete sich mit einem kurzen, freudigen »Sharpe«.
»Hallo Mr. Sharpe, hier ist Mia Harding. Wie geht es Ihnen?«
Schon wieder diese aufdringliche Journalistin. Genervt blickte Thomas von seinen Unterlagen auf und verfluchte sich selbst, dass er nicht auf die Nummer geachtet hatte, bevor er das Gespräch annahm. »Was kann ich für Sie tun, Ms. Harding?« Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und versuchte dennoch, so viel gespielte Freundlichkeit wie möglich in seine Worte zu legen. »Sie wissen doch, wie gerne ich Ihre bezaubernde Stimme höre.«
»Das freut mich. Aber im Ernst, mir kommt in Ihrem Abschlussprotokoll einiges nicht schlüssig vor. Außerdem ist mir eine etwas seltsame Notiz aufgefallen, über die ich mich gerne mit Ihnen unterhalten würde. Dort steht, dass die CO2-Messwerte alles andere als nachvollziehbar seien. Ich vermute, dass sich in Ihre Berechnungen ein gravierender Fehler eingeschlichen hat, und Sie wollen doch sicher nicht, dass dies in der Presse erwähnt wird, oder?«
»Ms. Harding, dieser Bericht hat über zweitausend Seiten, und ich habe bisher nicht mal das Inhaltsverzeichnis gelesen. Schicken Sie mir doch bitte eine Mail mit den angeblich fehlerhaften Passagen, ich werde sie sofort überprüfen lassen und Sie dann informieren.«
»Okay, das werde ich tun. Nur noch eine letzte Frage: Können Sie mit dem Kürzel JK etwas anfangen?«
Thomas runzelte die Stirn und bemühte sich, die Tonlage seiner Stimme nicht zu verändern. »Nein, das kann ich nicht, zumindest nicht spontan. In welchem Zusammenhang steht denn dieses Kürzel? Hat es etwas mit unserem Abschlussbericht zu tun?«
»Ja, es taucht an einigen Stellen im Bericht auf. Vielleicht wissen Sie ja, wer sich dahinter verbirgt. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir Näheres dazu sagen könnten.«
»Das mache ich gerne. Schicken Sie mir doch bitte zusätzlich die Querverweise, damit ich erkennen kann, an welchen Stellen ich suchen soll. Sobald ich etwas herausgefunden habe, werde ich mich bei Ihnen melden. Wenn Sie es aber besonders eilig haben, könnten wir uns doch auf einen Drink treffen, vielleicht fällt es mir dann noch schneller ein. Ansonsten melde ich mich bei Ihnen.« Er lächelte verschmitzt, dann beendete er ohne ein weiteres Wort das Gespräch und blickte genervt zur Decke. Gab diese lästige Journalistin denn niemals Ruhe?
Natürlich wusste er, wer sich hinter dem Kürzel JK verbarg.
Seit Tagen arbeitete John Kleese nun an seinem Bericht zum Klimawandel. Nachdem das Abschlussprotokoll des IPCC erschienen war, hatte er sich wie ein kleiner Junge gefreut, denn es war ihm gelungen, einige seiner Formulierungen unbemerkt darin unterzubringen. Doch in seinen Augen gab es eindeutig zu viele Fakten, die in dem Bericht nicht hinreichend berücksichtigt wurden. Nirgendwo wurde darauf eingegangen, welche Ursache hinter dem schlagartigen Abschmelzen eines über zwei Kilometer dicken Eispanzers in der Antarktis stecken könnte. In den offiziellen Erklärungen hieß es nur, dass dies ein Phänomen der Natur gewesen sei. Diese Meinung hatte sich in den Medien und bei der Politik eingebrannt – für John völlig unverständlich, denn die offiziell bekannten Berichte aus den Forschungsstationen in der Antarktis sagten etwas ganz anderes. Dennoch waren sämtliche Nachforschungen eingestellt worden.
John hatte das keine Ruhe gelassen. Seit Wochen hatte er versucht, einen Termin beim Chef des IPCC zu bekommen, doch es hatte keine freien Termine für ihn gegeben, und niemand hatte Interesse gezeigt, sich seine Sicht der Dinge anzuhören. Wohl oder übel musste er sich daraufhin mit einem kleinen Husarenstreich Gehör verschaffen, was ihm überraschenderweise auch gelungen war.
Das Resultat lag nun vor ihm – gut versteckt im Abschlussbericht des IPCC. Das würde Thomas Sharpe nicht gefallen.
Thomas hatte keine Lust, sich mit John Kleese zu beschäftigen, doch es blieb ihm nichts anderes übrig. Er musste herausfinden, wo Aussagen dieses unbelehrbaren Wissenschaftlers im aktuellen Bericht vorkamen – und vor allem warum. Womöglich wurde er ja zu leichtsinnig. Bisher hatte er es immer zu verhindern gewusst, dass irgendwelche Thesen dieses Querdenkers in einem offiziellen Bericht auftauchten. Was er nun fand, sah auf den ersten Blick harmlos aus. In Zukunft würde er trotzdem noch vorsichtiger sein müssen.
Sein Blick schweifte zum Fenster seines Büros im vierzigsten Stock des IPCC-Gebäudes, hinaus auf die Skyline Manhattans. New York, die boomende Mega-city des neuen Jahrtausends, hatte alle wirtschaftlichen Katastrophen unbeschadet überstanden. Der Blick auf das neue One World Trade Center brachte Thomas’ Gefühle in Wallung. Alles war wieder wie früher, nur neuer, schöner und besser. In New York bekam man alles, was das Herz begehrte. Hier war der Mittelpunkt der Intellektuellen, der Künstlerszene und der internationalen Finanzwelt. In New York traf sich die Elite der Welt. Die Veränderungen des Klimas und ihre Auswirkungen in der Dritten Welt interessierten diese Klasse nicht – trotz der Nachrichten über weltweite Naturkatastrophen, Kriege, Verelendung und Völkermord.
Thomas war stolz auf das, was er geleistet hatte, seit er sich an der Spitze des IPCC befand. Er hatte es fertiggebracht, dass niemand in der Bevölkerung an den Ursachen dieser Katastrophen zweifelte. Die Leute waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihren gewohnten Lebensstandard zu wahren.
So konnte es für ihn weitergehen.
Bei der Durchsicht der IPCC-Dokumente war John auf den Bericht der deutschen Antarktisstation gestoßen. Dort hatte ein Wissenschaftler namens Claus Liebel entdeckt, dass sich zwei riesige Eisformationen von der Größe Alabamas fast zeitgleich im Süden und Norden der Antarktis gelöst hatten und auf die offene See drifteten. Wenn man diesen Aufzeichnungen Glauben schenken konnte, handelte es sich dabei um eine Eisfläche von 400.000 Quadratkilometern. Und eine Eisbewegung solchen Ausmaßes sollte von niemandem entdeckt worden sein? Zumindest konnte sich John an keine diesbezügliche Meldung erinnern. Auch fand er keine Hinweise in seiner Datenbank, was mehr als ungewöhnlich war. Es mussten doch wenigstens Satellitenbilder vorhanden sein.
John verließ das langweilige Meeting. Niemand beachtete ihn. Zurück in seinem Büro warf er den Rechner an und suchte die Datenbanken des UN-GOV Servers. Mit wenigen Klicks fand er die Ordner mit den Satellitenaufzeichnungen der letzten Jahre. Er öffnete den Viewer, um eine Simulation zu beginnen, und gab die exakten Koordinaten und den Zeitraum vom 10. bis 24. Dezember ein. Der Computer begann mit der Bearbeitung des ausgewählten Zeitraumes, die zu erwartende Rechnerzeit war mit zwei Minuten und zwölf Sekunden denkbar kurz. Als ein schriller Ton das Ende der Berechnung signalisierte, startete er die Videodatei, um sich die errechneten Sequenzen anzusehen.
An den ersten Tagen war nichts Ungewöhnliches zu erkennen. Die gewohnt wunderschöne, ruhige Landschaft in Weiß und Blau bot sich ihm dar wie gemalt. John liebte den Anblick des blauen Ozeans und die Verschiedenartigkeit des Eises in all seinen Facetten. Dieser Kontrast hatte es ihm angetan und brachte ihn zum Träumen, bis er plötzlich aufschrak und auf seinen Monitor starrte. Was hier passierte, konnte er sich nicht erklären. Er klickte auf den Stopp-Button, schob den Regler des Players um ein paar Sequenzen nach hinten und bewegte den Film Frame für Frame wieder nach vorne. Jede Sekunde des Materials stand für den Zeitraum einer Stunde, und diese war abermals in vierundzwanzig Frames untergliedert, sodass er sich Schritt für Schritt bis zum 17. Dezember um 6.55 Uhr frühmorgens navigieren konnte. Er erkannte sofort, wie sich die beiden riesigen Eisflächen zeitgleich sowohl im Süden als auch im Norden vom Muttereis lösten und sich wie an einer Schnur gezogen von ihrem Ausgangspunkt wegbewegten. John saß mit offenem Mund vor seinem Monitor und bewegte den Player Frame um Frame hin und her. Nein, das war keine Fata Morgana. Die beiden Eisflächen, tausende Kilometer voneinander entfernt, bewegten sich wie von Zauberhand geleitet in die unendlichen Weiten des Ozeans.
Was geschah hier nur? Und warum war dies niemandem aufgefallen? Eine Abspaltung solch riesiger Eisflächen hätten die zuständigen Stellen doch bemerken müssen. Hatte hier jemand seine Finger im Spiel – und wenn ja, wer? Wie besessen klickte er den Film immer und immer wieder Frame für Frame weiter, vor und zurück. Die Satellitenbilder existierten, und niemand sollte sich mit diesem Phänomen beschäftigt haben?
Er markierte die betroffenen Frames über einen Zeitraum von achtundvierzig Stunden und schickte diese über seinen Printserver an den Farbdrucker. Zwanzig Minuten später hielt er die Ausdrucke in der Hand und breitete sie vor sich auf dem Besprechungstisch aus. Konzentriert sah er sich den Ablauf noch einmal an. Dann setzte er sich und starrte ins Leere. War das hier etwa der Auslöser der Klimakatastrophe? Hatte hier jemand etwas zu verbergen? John wusste, dass er sich seinen nächsten Schritt nun gut überlegen musste – er durfte sich keinen Fehler leisten. Wen konnte er ins Vertrauen ziehen?
Seinen ersten Gedanken verwarf er sofort wieder. Thomas Sharpe, der Präsident des IPCC, dieser smarte, karrieregeile Typ, war sicherlich nicht vertrauenswürdig, sonst hätte er John schon längst einen Termin für ein Gespräch gewährt. Er hätte natürlich alle Mittel zur Verfügung, um diesem Mysterium auf die Spur zu kommen, doch John zweifelte an Sharpes Loyalität. Dieses Szenario musste der Führungsspitze des IPCC doch bekannt sein. Verschwieg sie es womöglich absichtlich?
John überlegte weiter. Der Einzige, der ihm spontan einfiel, war sein alter Weggefährte und Freund Professor Michael Crack. Doch dieser war schon mehr als zwei Jahre verschwunden, seit ihrem letzten gemeinsamen Abend hatte er nichts mehr von ihm gehört. Michael war damals untergetaucht, und zwar genau so, wie er es John prophezeit hatte. Als sie sich in einem schon etwas alkoholbenebelten Zustand voneinander verabschiedet hatten, sagte Michael nur: »Mach dir keine Sorgen, John. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du mich finden.« Das war das Letzte, an das sich John erinnern konnte. Michael war dann verschwunden, ohne sich noch einmal umzudrehen. John spürte jetzt dieselbe tiefe Unruhe in sich, die Michael damals ausgestrahlt hatte. Michael hatte ihm etwas verschwiegen, dessen war er sich sicher. Er hatte Michael damals die Zeit geben wollen, selbst zu entscheiden, ob und wann er sein Geheimnis mit ihm teilen wollte. Doch dazu war es nicht mehr gekommen. John bereute es bis zum heutigen Tag, dass er sich nicht aufgerafft hatte, Michael darauf anzusprechen. Doch dieser wusste sicher, was er tat, und John musste es akzeptieren.
Michael hatte sich in den letzten Jahren häufig den Unmut der politischen und wirtschaftlichen Elite des Landes zugezogen. Bis zu seinem Verschwinden war er ein viel gefragter Experte in Sachen Klimakatastrophe und ihre weltweiten Folgen gewesen. Dann wurde er ihnen allerdings zu unbequem, und sie begannen, mit hinterhältigen Kampagnen Michael als unglaubwürdig und als ewig gestrigen Wissenschaftler an den Pranger zu stellen. Dies führte dann sehr schnell dazu, dass er bei sämtlichen Talkshows als Experte ausgeladen wurde.
Bereits zu dieser Zeit hatte es einflussreiche Bereiche in der Wirtschaft und Politik gegeben, denen viel daran gelegen war, so weit wie möglich ausschließlich ihre eigenen Überzeugungen unter das Volk zu bringen. Dadurch wurden sie zu Meinungsführern in der Debatte um den CO2-Ausstoß, der als die Hauptursache für die Klimakatastrophe ausgemacht wurde. Ihre Statements wurden mit immer radikaleren Szenarien ausgeschmückt, um die Bevölkerung in ihre Richtung zu führen, für die es in ihren Augen keine Alternative gab. Die Saat war ausgesät und wurde gepflegt. Michaels Meinung passte nicht in dieses System.
John war sich nun sicher, dass Michael sein Mann war. Als einziges Bindeglied zu Michael war ihm dessen damalige Handynummer geblieben, und spontan beschloss John, ihn einfach anzurufen. Er suchte die Nummer in seinen Kontakten und drückte sogleich auf das grüne Telefonhörersymbol seines neuen iPhones. Ohne Verzögerung ertönte das Freizeichen. Erst schöpfte John freudig Hoffnung, doch unmittelbar nach dem ersten Klingelton schaltete sich die Mailbox ein, und eine automatische Ansage forderte John auf, eine Nachricht zu hinterlassen.
»Hallo Michael, ich bin es. John, John Kleese. Ich hoffe, dass dies noch deine Nummer ist. Du hast mich hoffentlich nicht vergessen. Ich brauche dringend deinen Rat und deine Hilfe. Solltest du diese Nachricht abhören, melde dich bitte. Es ist dringend!«
Jetzt konnte er nur noch hoffen, dass Michael die Mailbox noch abhörte. Er stellte sein Handy wieder auf lautlos und ging zurück ins Meeting.
Als er den Meetingraum wieder betrat, präsentierten seine Kollegen noch immer die aktuellsten Statistiken, die jedoch die Wissenschaftler des IPCC keinen Schritt weiterbrachten. John war sich sicher, dass seine Kollegen überhaupt keine Anstrengungen unternahmen, etwas Sinnvolles zu beschließen, mit dem sie die Katastrophe aufhalten konnten. In den Nachrichtensendungen wurde die Bevölkerung mit immer destruktiveren und frustrierenderen Nachrichten und Meldungen überhäuft. Die Politiker ließen stets die gleichen Statements vom Stapel. All das genügte, um die Angst der Bevölkerung stetig zu befeuern. Als zusätzlichen Bonus erhöhten sich dadurch natürlich auch die Forschungsbudgets. Je mehr John darüber nachdachte, desto tiefer wurde die Resignation, die sich ihn ihm breitmachte. Seine Kollegen unternahmen nichts, außer pausenlos zu reden, aber auch er selbst kam mit seinen Nachforschungen nicht weiter. Es war zum Verzweifeln.
»Mr. Kleese, dürfte ich Sie nach Ihrer Meinung zu der aktuellen Debatte fragen?« Eine Kollegin sprach ihn von hinten an, und er schreckte aus seinen alptraumhaften Gedanken auf. Von der langatmigen Debatte hatte er so gut wie nichts mitbekommen – wieso sollte er auch?
»Oh, verzeihen Sie bitte«, stammelte er und lächelte sie an, »ich glaube, ich habe die Debatte nicht konzentriert verfolgt. Ich war mit meinen Gedanken etwas abwesend. Aber jetzt bin ich ganz Ohr.«
»Kein Problem. Wir diskutieren gerade darüber, ob es Sinn macht, einen Abwehrgürtel aus Parabolspiegeln im Weltall zu installieren, um die Sonnenstrahlung und ihre Auswirkungen auf die Erde zu reduzieren und damit den Klimawandel zu stoppen.«
Sie überlegten tatsächlich, im Weltall einen Schutzwall aus Spiegeln aufzubauen, ohne die Konsequenzen für das Klima auf der Erde zu kennen?
Langsam stand er von seinem Platz auf, nahm seine Mappe unter den Arm und blickte der jungen Kollegin fest in die Augen. »Es tut mir leid. Solange die Auswirkungen einer derartigen Installation nicht vollständig berechnet sind und mögliche Konsequenzen für das Klima nicht ausgeschlossen werden können, bin ich schlicht und einfach dagegen!« Er nickte ihr kurz zu, drehte sich um und verließ den Saal.
Die Videoaufnahmen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er musste alles noch einmal genauer überprüfen. Hatte er vielleicht etwas Wichtiges übersehen?
Die Dokumente aus der deutschen Forschungsstation, die ihm Claus Liebel zur Verfügung gestellt hatte, waren mit deutscher Gründlichkeit erstellt und bearbeitet worden. Die Messungen waren zweifellos korrekt. Bereits vorher hatten die Wissenschaftler bei ihren Kontrollen der Eisbeschaffenheit und der Temperatur größere Anomalitäten festgestellt. Dann waren im November plötzlich diese massiven Temperaturveränderungen aufgetreten. Am Anfang waren es nur vereinzelte größere Abweichungen gewesen, doch die Unregelmäßigkeiten häuften sich von Tag zu Tag. Die Werte der Bodenstationen X und X5 sowie Y und Y76 kollabierten innerhalb einer Woche. Niemand fand dafür eine wissenschaftlich logische und nachvollziehbare Begründung. Eine gemeinsame Strategie über eine koordinierte Vorgehensweise konnte nicht gefunden werden. Deshalb diskutierten die Wissenschaftler kontrovers über alle möglichen Ursachen wie Erdbeben, heiße Quellen, die im Erdinneren aufbrachen, oder gar eine Explosion, da in dem betroffenen Zeitraum erhöhte magnetische Schwingungen sämtliche Geräte lahmgelegt hatten. Alles wurde analysiert, und es vergingen wiederum vier Wochen, in denen sich die Messwerte langsam wieder ihren normalen Ausgangswerten annäherten. Daher etablierte sich die von allen akzeptierte Meinung, dass vermutlich atmosphärische Störungen oder erhöhte Sonnenresonanzen der Auslöser für die Unregelmäßigkeiten gewesen waren. Außerdem trat nach und nach bei den Forschern ein Gewöhnungseffekt ein. Das Ganze wurde vergessen und verdrängt, um die eigenen Kompetenzen nicht anzweifeln zu müssen.
Danach passierte auf der Station lange Zeit nichts Ungewöhnliches – bis zu diesem Unglück im Dezember. Angeblich war die Station zu diesem Zeitpunkt nur mit einer Person besetzt, die anderen sechs Crewmitglieder hielten sich bereits seit mehr als einer Woche mit ihren Schneemobilen zu wissenschaftlichen Tests und Messungen außerhalb der Station auf. Es waren ihre letzten Aufgaben, zwei Wochen später sollten sie abgelöst werden.
Claus Liebel hatte die digitalen Protokolle der Crew und des damals verantwortlichen Funkers sorgfältig ausgewertet. Der Kontakt zur Heimatstation in Deutschland musste schlagartig abgerissen sein. Die Deutschen hatten vergeblich versucht, ihre Station zu erreichen. Es gab kein Lebenszeichen, weder von dem Mitarbeiter, der in der Station Bereitschaft hatte, noch von den Teammitgliedern im Außeneinsatz. Die Heimatstation hatte daraufhin sofort die Hunderte von Kilometern entfernte amerikanische Station angefunkt, doch ein Kontakt war erst nach über einer Woche zustande gekommen. Zu diesem Zeitpunkt standen in der Region keine Flugzeuge zur Verfügung, mit denen man sich kurzfristig einen Überblick über die Lage hätte verschaffen können. Die Amerikaner positionierten zwar einen Satelliten über der Station, um exakte Bilder zu erhalten, doch es dauerte ebenfalls über eine Woche, bis die ersten Aufnahmen bei den Deutschen ankamen.
Was das Material zeigte, war verheerend. Von der Station fehlte jede Spur.
Was war damals geschehen?
Wenn man Claus Liebels Bericht Glauben schenken konnte, dann hatte die Katastrophe bereits vor drei Jahren irgendwo im ewigen Eis begonnen. Doch wodurch war sie ausgelöst worden?
John war nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen. Ständig blickte er auf die weiß getünchte Wand in seinem Büro, das äußerst spartanisch eingerichtet war. Außer seinem Notebook und einem schwarzen Schreibtisch mit dem vorsintflutlichen Bürostuhl aus dem 20. Jahrhundert befand sich nichts im Raum – das musste reichen. Mit zitternden Händen griff er nach seinem Kaffeebecher, doch dieser war wieder einmal leer. Mehr als die zwanzig Tassen Kaffee, die er ohnehin schon am Tag trank, durfte er sich keinesfalls zumuten. Zum Glück hatte er bereits vor sechs Monaten mit dem Rauchen aufgehört – wenigstens ein Risikofaktor weniger, denn Kaffee und Zigaretten ohne ausreichende Bewegung und ohne eine ausgewogene Ernährung würden zwangsläufig zum totalen Zusammenbruch führen.
Doch es half nichts. Die Katastrophenmeldungen, die er täglich erhielt, nahmen immer noch zu, und er hatte bisher keine Lösung gefunden, wie diese verheerende Entwicklung gestoppt werden könnte. Durch Claus Liebels Bericht keimte zum ersten Mal ein wenig Hoffnung in ihm auf, der Lösung einen Schritt näher gekommen zu sein. Nun musste er unbedingt Michael erreichen. Er war der Einzige, dem er in dieser Situation vertrauen konnte.
Schon länger hegte John dieses beängstigende Gefühl in sich, dass kriminelle Machenschaften hinter dem ungewöhnlichen Temperaturanstieg stecken könnten, und sein Gefühl und sein Instinkt trogen ihn in der Regel nie. Dass der IPCC zu den einflussreichsten Kräften gehörte und nur von den westlichen Regierungen unterstützt wurde, war ihm bewusst – seit er die Entscheidungen der internen Boards gesehen hatte. Die Kommunikationsstrategie, die Thomas Sharpe seit seiner Berufung zum Präsidenten einschlug, war ein untrügliches Zeichen, dass sich in der weltweiten Klimapolitik ein Strategiewechsel anbahnte.
Zu diesem Zeitpunkt mutete die Entwicklung der Finanzmärkte wie eine kurzfristige Spekulationsblase, ausgelöst durch die Gier der jungen Investmentbanker, die in den westlichen Kaderschmieden ausgebildet wurden. Für sie, die kaum praktische Erfahrung besaßen, war der Finanzzirkus eine Spielwiese, auf der sie sich tummeln konnten, und dies unter der Obhut der führenden Wirtschaftsmanager, deren einziges Ziel es war, den Shareholder Value zu optimieren. Der Erfolg brachte ihnen noch mehr Aktienoptionen – und Boni, Boni und nochmals Boni. Rücksicht auf die gesellschaftlichen und gesamtwirtschaftlichen Folgen nahm niemand. Trotz des darauffolgenden Finanzkollapses veränderte sich nichts. Die Bürger waren in diesem Spiel nur Randfiguren, die letztendlich die Zeche zahlen mussten. Es dauerte nur kurze Zeit, bis die nächste Finanzkrise vor der Tür stand – diesmal waren die Staatsanleihen und Schulden in Europa der Auslöser. Anfangs war nur Griechenland betroffen, das über seine Verhältnisse gelebt hatte, doch in der Folge fielen die Länder Europas wie Dominosteine: erst Portugal, dann Irland, Italien und Spanien und zum Schluss Deutschland, das die größten Lasten zu tragen hatte und am Ende nicht mehr in der Lage war, sich selbst zu retten. Das Projekt Europa war gescheitert. Die Spekulanten hatten alles dafür getan, um die Inflation anzutreiben. Durch ihre Kreditpolitik wurden Millionen von Menschen in die Armut gejagt. Was interessierten diese infernalische Kaste die Konsequenzen ihres Handelns und die dadurch steigende Armut, die mittlerweile über hundert Länder auf der Welt im Griff hatte?
Diese Länder hatten keine Chance, sich für die Zukunft zu wappnen. Ihre Rohstoffressourcen wurden ihnen von den Predigern des Kapitalismus zu Niedrigstpreisen entrissen. Anders ausgedrückt: Eine kleine Schicht, die in diesen Ländern an der Macht war, wurde durch Korruption immer reicher, der Rest der Bevölkerung war zum Untergang verurteilt.
Die Inflation mündete in eine Hyperinflation, und die Vermögen der Bürger schmolzen dahin. Weltweit zockten die Finanzspekulanten auf den Tod des Euros, der nicht lange auf sich warten ließ. Europa und seine Bürger waren finanziell am Ende, und in Deutschland wurde die Neu-Mark eingeführt. Es wurde Zeit für einen Neuanfang, bei dem die Deutschen eine wichtige Rolle spielten. Zum Glück mussten sie keine Häuser und Fabriken wiederaufbauen wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Aus der anfangs gefühlten Niederlage stiegen sie wie Phönix aus der Asche auf und führten die Länder Europas wieder in eine schuldenfreie, prosperierende Zukunft, in der das Ziel war, nicht mehr Geld auszugeben, als man einnahm. Zeitgleich zu dieser Entwicklung begann die Klimakatastrophe, der Millionen zum Opfer fielen.
Welche Rolle spielte dabei der IPCC? Trotz jahrelanger intensiver Recherche hatte John noch keine Antwort auf diese Frage, noch keine Beweise gefunden. Hoffentlich würde sich Michael melden. Gab es einen Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Polarstation und dem Temperaturanstieg? Anfangs war sogar in einigen Medien darüber berichtet worden. Doch da die Industrienationen innerhalb kürzester Zeit immer schneller an die riesigen Rohstoffreserven in der Antarktis gelangten, konzentrierte sich dort alles auf den Wettlauf um die Claims. Die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Argentinien und den Russen sowie zwischen Australien und China waren schnell beendet. Als Gewinner gingen die USA, China und Russland daraus hervor – sie teilten die Antarktis unter sich auf. Der Einfluss Europas in den Polarregionen war dagegen gleich null, obwohl Dänemark Anspruch auf Grönland erhoben hatte. Die Europäer waren sich seit Jahren uneinig gewesen und militärisch nicht in der Lage, mit Nachdruck eigene Ansprüche zu erheben. Sie mussten sich den drei führenden Weltmächten beugen und sich in die Obhut der Amerikaner begeben, ob es ihnen passte oder nicht.
Es war eine dramatische Niederlage der Europäer, allein schon wenn man bedachte, dass deren wirtschaftliche Macht bis zu diesem Zeitpunkt um ein Vielfaches größer gewesen war als die der Amerikaner, die nach der Subprime-Krise einen erheblichen Teil ihrer Binnenkaufkraft eingebüßt hatten. Die Reichen alleine konnten die Nachfrage im Binnenhandel nicht befriedigen – ganz im Gegenteil, denn die Mittelschicht als Antriebsmotor der amerikanischen Wirtschaft war weggebrochen. Zu diesem Zeitpunkt wurde zum ersten Mal ein Afroamerikaner Präsident. Er war unberechenbarer als sein Vorgänger und griff noch härter und konsequenter durch, als es sich viele bei seiner Kandidatur vorstellen konnten. Innerhalb kürzester Zeit hatten die Eliten das politische Establishment Washingtons unter Kontrolle gebracht, dann wurde der nationale Notstand ausgerufen. Von diesem Zeitpunkt an zog sich Amerika für Monate komplett von der globalen wirtschaftlichen Entwicklung zurück und teilte die Bevölkerung in zwei Gruppen ein: die Nützlichen und die weniger Nützlichen. In der Folge wurden in den Ebenen des Mittleren Westens riesige Abschiebelager gebaut. Dorthin wurden die Ärmsten der Armen deportiert, um auf niedrigstem Niveau versorgt zu werden. Sie leisteten so gut wie keinen Widerstand. Die wohlhabenden Kreise unterstützten die Regierung. Die Armen, vor allem Schwarze aus dem Süden und Millionen von der Industrie freigesetzte Tagelöhner – die amerikanische Automobilindustrie war zu diesem Zeitpunkt auf dem globalen Markt schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig –, fügten sich ihrem Schicksal. Dem sahen die Europäer nur fassungslos zu und waren zu keiner Reaktion in der Lage. Diese Phase nutzte der amerikanische Präsident, um alle nationalen Kräfte auf die Verteidigung und den Ausbau des Militärs zu bündeln.
Durch das totale Informationsverbot und die Zensur fielen die menschenunwürdigen Deportationen, die sich zu dieser Zeit abspielten, kaum auf. Die intellektuelle Klasse war aus der öffentlichen Meinung verschwunden. Es herrschten Verhältnisse, die mit dem Ausbau der staatlichen Kontrolle unter Hitler bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu vergleichen waren. Das bisherige demokratische Staatsgebilde und dessen Verteidigung war nach Meinung der Eliten in den USA nicht mehr sinnvoll, es ging hier um einfache, unverzichtbare, schmerzhafte Einschnitte vor allem für die armen Schichten in der Bevölkerung, um die zukünftige Vormachtstellung des Landes ausbauen zu können.
All diese Maßnahmen brachten den Vereinigten Staaten wieder den Status der führenden Weltmacht ein. Sie konzentrierten sich auf ihre eigenen Stärken, fokussierten ihre Wissenschaftselite auf nationale Projekte – und das alles auf Kosten der Verlierer. Die Welt war zu diesem Zeitpunkt mit sich selbst und den exorbitanten Engpässen in der Energie- und Rohstoffversorgung beschäftigt.
In Gedanken versunken nahm John wie aus weiter Ferne das Summen seines Mobiltelefons wahr, das ihm den Eingang einer SMS ankündigte.
Mit jedem Buchstaben der SMS, den er in sich einsog, wurde Johns Erleichterung größer. Michael war am Leben, und seine Nachricht war kurz und eindeutig. Er schlug ein Treffen im East Village vor. Dort hatten sie sich in ihrer Studentenzeit sehr oft getroffen, um ungestört zu reden. Sie hatten sich über ihre Träume ausgetauscht, über die Gegenwart und das Leben, ihre persönlichen Sorgen und Nöte, über gesellschaftliche Veränderungen und natürlich auch über die Frauen philosophiert.
Nur sie beide kannten den Ort, den Michael vorgeschlagen hatte. Die kleine Pizzeria in der Nähe des Tompkins Square Park war ideal, um sich zurückzuziehen. Anders als in Little Italy verkehrten hier nur Menschen, die in der unmittelbaren Nachbarschaft wohnten: Padrones und dicke italienische Mamas, die den Zenit ihres Lebens schon lange überschritten hatten und in deren warmen Gesichtszügen die tiefen Falten Geschichten aus ihrem mühsamen Leben erzählten. Es herrschte stets ein süditalienischer Lärmpegel, und John und Michael hatten sich dabei wie in Neapel gefühlt. Der Sing-Sang des italienischen Akzents hatte ihnen die perfekte Hintergrundmelodie geboten, um sich zu entspannen.
An all das konnte sich John noch gut erinnern, doch jetzt musste er gegen die Anspannung und die Nervosität ankämpfen, die sich in seinem Inneren breitmachten. Dass Michael diesen Ort als Treffpunkt gewählt hatte, bedeutete nichts anderes, als dass er sehr vorsichtig war. Irgendetwas stimmte nicht.
In New York hatte für Millionen von Menschen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die heutige Zeit ein neues Leben begonnen. Menschen ohne Perspektive emigrierten über Jahrzehnte aus Europa, unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen wurden sie nach New York verschifft, um hier ihr Glück zu finden. Vielen war es auch gelungen, doch heute war die Situation eine völlig andere. Täglich gab es Horrornachrichten über getötete Flüchtlinge – Klimaflüchtlinge aus der ganzen Welt, die versuchten, die Bucht von New York zu entern. Doch die Polizei und die Nationalgarde schufen eine tödliche Sicherheit. Die Klimaflüchtlinge hatten keine Chance, in New York oder einem anderen Ort an der amerikanischen Küste an Land zu kommen. Amerika war abgeschottet wie ein Hochsicherheitstrakt.
Wenn er solche Meldungen hörte, fiel John oft der Film Klapperschlange aus den Achtzigerjahren ein. Darin hatte John Carpenter aus New York ein riesiges Gefängnis gebaut mit Sperrmauern, Zäunen und Wachtürmen, wie es sie an der früheren innerdeutschen Grenze gegeben hatte. Im Film waren die Verbrecher innerhalb von New York eingesperrt, ohne eine Chance, sich zu befreien, und in der Stadt herrschte eine eigene kriminelle Hierarchie. Nun war die Situation ähnlich, nur mit vertauschten Parametern. Diesmal befanden sich die Guten in New York und taten alles, um keinen in ihre prosperierende Zone hereinzulassen. Menschenrechte waren seit Jahren kein Thema mehr, es ging lediglich um die Verteidigung der verbliebenen Ressourcen. Flüchtlinge spielten dabei keine Rolle – es herrschte das Zeitalter der Gnadenlosigkeit.
Flugplätze waren ausschließlich zu Treffpunkten der Eliten geworden. Nur noch verantwortliche Politiker und hohe Beamte, die für staatliche Organisationen arbeiteten, Wissenschaftler mit Sonderausweisen und Regierungsmitglieder der Ersten Welt durften reisen – frei reisen! Der Rest der Menschheit lebte lokal – sofern er dazu noch in der Lage war – oder war auf der Flucht, nicht nur in den USA, sondern überall. In Afrika entbehrten ganze Länder ihrer Lebensgrundlage und wurden regelrecht entvölkert. Die Menschen wurden durch die Überflutung vertrieben, verhungerten in den verdorrten Anbauflächen oder fielen im Kampf. Es war die Zeit der Gesetzlosen, der Stärkeren – eine elende Zeit.
Begonnen hatte alles mit dieser riesigen Flutwelle, die – wie John jetzt wusste – unmittelbar im Anschluss an die Katastrophe in der Antarktis ausgelöst worden war. All die Jahre hatte er keinen Zusammenhang finden können zwischen der Klimaerwärmung, der Flutwelle und den Naturkatastrophen, die sich in immer kürzeren Abständen über die ganze Erde ausbreiteten. Nachdem er jedoch die Satellitenaufnahmen gesehen und Claus Liebels Berichte ausgewertet hatte, konnte er sich durchaus vorstellen, dass die Abspaltung der riesigen Eisflächen eine Flutwelle ausgelöst hatte, die sich über alle Weltmeere ausgebreitet und vor allem in den ungesicherten Küstenregionen zu einem enormen Exitus der Bevölkerung geführt hatte.
Seit Jahren war er mit seinen Recherchen nicht weitergekommen. Wichtige Quellen waren entweder verschwunden oder einfach als topsecret und zur geheimen Regierungssache deklariert, und da endete seine Kompetenz. Immer wieder stieß er auf massivste Widerstände – nicht einmal in seiner eigenen Behörde hatte er eine Chance, an Informationen zu kommen. Seit dieser Sharpe Präsident des IPCC war, gab es eine äußerst restriktive Informationspolitik. John versuchte schon seit Monaten, sich über die seismische Aktivität der Erde in der Antarktis zu informieren, um herauszufinden, ob es einen Zusammenhang zu der Temperaturerhöhung und den Wetterkatastrophen gab, doch er wurde immer wieder vertröstet. Er war keinen Schritt weitergekommen, und das Verhalten der Verantwortlichen bestätigte indirekt seine Vermutungen. Er war sich mittlerweile sicher, dass massiv an der Vertuschung wichtiger Fakten gearbeitet wurde. Vielleicht konnte ihm Michael weiterhelfen, herauszufinden, wer hinter der Katastrophe steckte.
Rasch kopierte John alle Dokumente, die er von Claus Liebel erhalten hatte, zusammen mit seinen eigenen Forschungsergebnissen auf sein Tablet. Vielleicht wusste Michael mehr oder war sogar in die Entwicklung involviert. Soweit er sich erinnern konnte, war Michael fast zeitgleich mit dem Beben verschwunden, das, wie er jetzt wusste, in der Antarktis die Abspaltung der Eisflächen ausgelöst hatte. Jetzt ärgerte er sich, dass er sich darüber nicht schon früher Gedanken gemacht hatte.
Claus Liebel saß mit seinen Mitarbeitern in der Geophysischen Anstalt in Kiel zusammen. Wie schon seit Monaten diskutierten sie über den Anstieg des Meeresspiegels und dessen Folgen.
Die neuen Linien der deutschen Küsten, die sich das Meer einverleibt hatte, waren vorerst sicher. Dennoch war der größte Teil der deutschen Nord- und Ostseeinseln wie Sylt und Usedom komplett im Meer verschwunden oder weggespült worden, und die nutzbare Fläche von Rügen hatte sich drastisch verringert, wozu in den vergangenen drei Jahren die Stürme mit Hurrikanstärke maßgeblich beigetragen hatten. Es war einfach wahnsinnig und wissenschaftlich absolut nicht nachvollziehbar.
Trotz dieser schmerzhaften Verluste war Deutschland mit seinen finanziellen Mitteln noch in der Lage, die neu entstandenen Küstenlinien abzusichern – zumindest bis zu einem Anstieg des Meeresspiegels auf sieben Meter. Für die Lieblingsinseln der deutschen Bussi-Bussi-Gesellschaftundweite Teile der fruchtbaren Küstenregionen war es jedoch zu spät. In der Kürze der Zeit, in der sich das Klima veränderte, hatte keine reelle Chance bestanden, die Inseln zu schützen. Da konnten auch die finanziellen und wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Landes wie Deutschland nicht helfen. Sylt war verschwunden. Bitter. Jetzt ging es darum, dass bei einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels in der bisherigen Geschwindigkeit die Stadt Hamburg nicht mehr zu halten sein würde. Unfassbar!
Da fielen Claus die große Sturmflut in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein und die Anstrengungen, die der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt unternommen hatte, um die Folgen der Sturmflut in Grenzen zu halten. Doch dieses Mal war es nicht eine Sturmflut, es war der ständig steigende Meeresspiegel, der mittlerweile fast drei Meter über seinem normalen Niveau lag und in den nächsten Monaten, ja Jahren noch schneller nach oben preschen würde. Bis heute lagen weder zuverlässige wissenschaftliche Vorausberechnungen noch vernünftige meteorologische Aufzeichnungen aus der Vergangenheit vor. Wenn die Stärke der Stürme weiter zunahm, könnte Hamburg durchaus in den nächsten Monaten geflutet werden, was sich noch dramatischer und zerstörerischer auswirken würde als seinerzeit der Hurrikan Katrina in New Orleans.
Die Ursache dieser globalen Katastrophe ließ sich nicht exakt feststellen, und dementsprechend konnten auch keine passenden Maßnahmen ergriffen werden. Das war das Dilemma, in dem die Wissenschaftler steckten. Claus Liebel war mit seinem Latein am Ende. Sein starrer Blick versank in der Präsentation auf dem Beamer, mit der der Institutsleiter mühsam versuchte, die Arbeit der letzten Monate zusammenzufassen.
Auf einmal schrak Claus auf und war hellwach. Was hatte sein Chef gerade gesagt? Er gehe von einem unnatürlichen Beben im Bereich der Antarktis aus?
»Es gab einen Erdstoß«, hörte er die Stimme des Institutsleiters, »der aufgrund der seismografischen Berechnungen keine normale Ursache gehabt haben dürfte. Dadurch wurde der Aufbau der geologischen Gesteinsschichten durcheinandergewirbelt. Nach Meinung aller Kollegen, die an der Untersuchung mitgewirkt haben, ist dies nicht auf ein atypisches Erdbeben zurückzuführen. Das können wir jetzt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, nachdem wir die exakte Position des Epizentrums neu festgelegt haben.«
Claus hakte sofort nach, und seine Stimme überschlug sich fast dabei: »Wie kommen Sie darauf? Haben Sie dafür Beweise?«
»An der Stelle in der Antarktis, wo wir das Epizentrum festmachen konnten, treffen keine der uns bekannten kontinentalen Erdplatten aufeinander. Die Antarktis liegt mit ihrer gesamten Fläche auf der Antarktischen Platte, und in keiner Statistik gab es bislang ein Erdbeben dieser Größenordnung ohne einen direkten Kontakt zwischen zwei Kontinentalplatten.«
»Und warum ist dies niemandem früher aufgefallen?«, fragte Claus, und gab sich in Gedanken gleich selbst die Antwort: Wahrscheinlich waren die verantwortlichen Stellen nicht mit der entsprechenden Sorgfalt am Werke gewesen.
»Wir haben keine Erklärung, warum die Wissenschaftler diesem Phänomen nicht auf den Grund gegangen sind«, bekannte der Institutsleiter, »es sei denn, es gab irgendwelche Stellen, die das bewusst verhindert haben. Was wir bis zum jetzigen Zeitpunkt völlig ausschließen können, ist der Aufschlag eines Meteoriten oder einer vergleichbaren Masse aus dem Weltall. Wir haben alle Satellitenbilder und die Wärmebildaufnahmen über der Antarktis zum damaligen Zeitpunkt ausgewertet – nichts.«
»Und zu welchem Ergebnis kommen Sie? Was vermuten Sie, wodurch diese Erschütterung ausgelöst wurde?« Claus’ Pulsschlag hatte sich mittlerweile in den oberen Bereich eines Marathonläufers auf den letzten Kilometern beschleunigt, und sein Blutdruck hätte wahrscheinlich ein Ei zum Platzen bringen können.
»Vermutlich gab es eine oder mehrere Explosionen unter der Antarktis. Dass es sich dabei um einen Zufall handelt, sehen wir als unwahrscheinlich an – so viel Zufall gibt es nicht. Ich wage es kaum auszusprechen, aber nachdem wir alle uns vorliegenden Quellen überprüft haben, müssen wir vermuten, dass hier ein wenig nachgeholfen wurde!«
Nach diesen Worten konnte man eine Stecknadel im Raum fallen hören, und jetzt wurde Claus klar, warum diese Veranstaltung nur mit dem engsten Stab durchgeführt wurde und in dem einzigen abhörsicheren Raum im Institut stattfand. Es war auch kein Vertreter der Bundesregierung anwesend – neben Claus nur die beiden verantwortlichen Mitarbeiter des Geoinstituts.
Claus war es schließlich, der sich als Erster wieder fasste. »Wie wollen wir nun vorgehen?«, überlegte er laut. »Und wem können wir überhaupt vertrauen? Sollten sich Ihre Vermutungen bestätigen, könnten wir etwas entdeckt haben, was bestimmten einflussreichen Kreisen nicht gerade gefallen würde. Es könnte also sehr gefährlich werden.«
»Ich bin mir nicht sicher. Wir haben eine sehr konkrete Vermutung, für die uns jedoch noch keine hundertprozentigen Beweise vorliegen. Fakt ist, dass diese Erschütterungen die betreffenden Eisflächen in zwei sterbende Teile zerlegt haben – wie durch ein aus feinstem Stahl geschmiedetes Samuraischwert. Daraufhin wurden die abgetrennten Eisflächen auf dramatische Weise in den Untergang geschickt.«
