Gegen den Wind - Sean Thomas Russell - E-Book
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Gegen den Wind E-Book

Sean Thomas Russell

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Beschreibung

Captain Charles Hayden setzt die Segel für ein letztes großes Abenteuer.

England, 1794. Charles Hayden, Captain der Royal Navy, muss sich erneut dem Erzfeind Frankreich stellen. Diesmal führt sein Weg ihn und die Crew der Themis weit fort von der Heimat England: nach Barbados. Dort erhält er vom Admiral Caldwell den Befehl, den französischen Handel in der Karibik zu stören - ein heikler Auftrag, der Hayden mehr kosten wird als je zuvor ...

"Exzellente Wiederbelebung des Seefahrer-Genres nach Hornblower und Master & Commander." CARSTEN JAEHNER, CHEFREDAKTEUR VON HISTO-COUCH.DE

Die spannenden Seefahrerromane um Lieutenant Charles Hayden für alle Fans von Frank Adam, Patrick O'Brian, C.S. Forester und Julian Stockwin:

Band 1: Unter feindlicher Flagge
Band 2: Die letzte Eskorte
Band 3: Zu feindlichen Ufern
Band 4: Gegen den Wind

eBooks von beTHRILLED - mörderisch gute Unterhaltung.

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Seitenzahl: 757

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

Cover

Weitere Titel des Autors

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Kapitel fünfundzwanzig

Kapitel sechsundzwanzig

Kapitel siebenundzwanzig

Kapitel achtundzwanzig

Kapitel neunundzwanzig

Kapitel dreißig

Kapitel einunddreißig

Kapitel zweiunddreißig

Kapitel dreiunddreißig

Kapitel vierunddreißig

Glossar der nautischen Begriffe

WEITERE TITELDES AUTORS

Charles-Hayden-Reihe:

1: Unter feindlicher Flagge

2: Die letzte Eskorte

3: Zu feindlichen Ufern

4: Gegen den Wind

ÜBERDIESES BUCH

Captain Charles Hayden setzt die Segel für ein letztes großes Abenteuer.

England, 1794. Charles Hayden, Captain der Royal Navy, muss sich erneut dem Erzfeind Frankreich stellen. Diesmal führt sein Weg ihn und die Crew der Themis weit fort von der Heimat England: nach Barbados. Dort erhält er vom Admiral Caldwell den Befehl, den französischen Handel in der Karibik zu stören – ein heikler Auftrag, der Hayden mehr kosten wird als je zuvor …

eBooks von beTHRILLED – mörderisch gute Unterhaltung.

ÜBERDEN AUTOR

Sean Thomas Russell wurde 1952 im kanadischen Toronto geboren und ist mit Herz und Seele Autor, Segel- und Geschichts-Fan. Er lebt mit seiner Familie auf Vancouver Island, nur zwei Minuten von der Küste entfernt.

Sean Thomas Russell

GEGEN DENWIND

Aus dem amerikanischen Englisch vonDr. Holger Hanowell

beTHRILLED

Digitale Neuausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2014 by Sean Thomas Russell

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Until the Sea Shall Give Up Her Dead«

Originalverlag: Michael Joseph, an imprint of Penguin Books

Published in agreement with the author, c/o BAROR INTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2015/2021 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Rainer Delfs

Lektorat/Projektmanagement: Judith Mandt

Covergestaltung: Thomas Krämer

Titelillustation: USS Constitution and HMS Java (colour litho)

© Private Collection/Peter Newark Pictures/The Bridgeman Art Library

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7517-2169-1

be-ebooks.de

lesejury.de

KAPITELEINS

In Begleitung des Arztes ging Lady Hattingale die Stufen der großen Treppe hinab, blieb zwischendurch stehen, neigte den Kopf leicht und lauschte den Worten des Mediziners, ehe sie die nächsten drei Stufen nahm. Am Fuße der Treppe wartete bereits der Butler, ein Abbild der Diskretion und Zurückhaltung. Als der Arzt und die edle Dame das Foyer betraten, wisperte der Butler ein paar Worte, woraufhin sowohl der Arzt als auch die Dame ihre Aufmerksamkeit Charles Hayden schenkten, der etwa zehn Schritte entfernt wartete.

»Kapitän Hayden«, grüßte die Dame und kam auf ihn zu.

Hayden verbeugte sich. »Lady Hattingale.«

»Dies ist Doktor Goodwin, unser Leibarzt.«

»Sir.«

»Sie sind gekommen, um sich nach Lord Arthurs Befinden zu erkundigen«, sagte sie – es war nicht als Frage formuliert.

»Und um ihn zu sprechen, wenn das gestattet wäre.«

Lady Hattingale warf einen Blick auf den Arzt, der dieser Bitte mit äußerst ernster Miene lauschte.

»Ich denke, es würde nicht allzu sehr schaden«, räumte der Doktor ein. »Aber nicht länger als zehn Minuten, wenn ich bitten darf. Und schneiden Sie keine Themen an, die ihm Sorge bereiten.«

»Ist er denn noch so schwach?«, fragte Hayden.

»Er hat viel Blut verloren. Es erstaunt mich nach wie vor, dass er überlebt hat. Aber junge Männer stecken eben voller Überraschungen.«

»Und wie steht es um seinen Arm?«

»Wir werden sehen. Ich bin zuversichtlich, dass er ihn behalten wird, aber ob er ihn wieder richtig bewegen kann, bleibt fraglich.«

»Ich danke Ihnen, Doktor Goodwin«, sagte Hayden, »für alles, was Sie getan haben.«

Der Mediziner nickte leicht. »Wer ist noch gleich Ihr Schiffsarzt?«

»Obadiah Griffiths.«

»Grüßen Sie ihn von mir und versichern Sie ihn meiner Hochachtung. Ich glaube nicht, dass Lord Arthur noch leben würde, wenn Dr. Griffiths nicht rechtzeitig alle erforderlichen Maßnahmen eingeleitet hätte.«

»Das werde ich gern ausrichten«, erwiderte Hayden.

Lady Hattingale begleitete den Arzt zur Tür, während der Butler vor Hayden die Treppe hinaufging, um ihn zu Lord Arthur zu bringen. Hayden betrat einen großen, sonnendurchfluteten Raum, in dem Wickham unter einer Fülle weißer Decken lag. Der Midshipman strahlte über das ganze Gesicht, als er seinen Kommandanten erblickte.

»Kapitän Hayden, Sir …«

»Wie ich sehe, hat man Ihnen eine gemütliche kleine Kajüte zugeteilt, Wickham. Sie müssen längst zum Admiral aufgestiegen sein, bei dieser Pracht.« Hayden setzte sich auf einen Stuhl, der neben dem Bett stand. »Sie sehen noch sehr blass aus. Fischbäuche sind nicht halb so bleich wie Sie.«

»Man sagte mir, dass ich die Hälfte meines Blutes auf dem Deck unseres Schiffes vergossen habe, Sir.«

»Ja, einer muss immer hinter euch Segelreffern herwischen.«

Ein Lächeln kam in Wickhams Gesicht.

»Hatten Sie Gelegenheit, mit Doktor Goodwin zu sprechen, Sir? Hat er schon gesagt, wann ich wieder aufstehen darf?«

»Nein, hat er nicht. Er meinte nur, dass Sie sich allmählich erholen und in etwa zwei Wochen wieder auf den Beinen sein werden.«

»Das wird meine Mutter freuen! Sie müssen wissen, dass sie schon arg enttäuscht war, als ich mich nicht als das musikalische Wunderkind erwies, das sie sich erhofft hat.«

»Sehen Sie, wenigstens ein Vorteil – eine zufriedene Frau Mutter.«

Beide schwiegen eine Weile.

»Haben wir viele Männer verloren, Sir?«

»Wir hatten Verluste zu beklagen, ja. Aber alle aus der alten Crew der Themis haben es unbeschadet überstanden, Sie ausgenommen, Wickham. Habe ich Ihnen nie gesagt, dass man sich einer Musketenkugel nicht in den Weg stellt?«

»Doch, haben Sie, Sir, aber in der ganzen Aufregung habe ich vergessen, mich an Ihren Ratschlag zu halten.«

»Ein Grund mehr, auf Ihre älteren Vorgesetzten zu hören, denn ich bin schon vierundzwanzig, Sie aber erst sechzehn.«

Erneut senkte sich Schweigen herab.

»Wie ich hörte, soll es eine ehrenvolle Auszeichnung geben, Sir.«

»Das erzählt man sich, ja. Alle Kommandanten, die Lord Howe für würdig erachtete, in den Berichten an die Admiralität Erwähnung zu finden, erhalten eine Medaille für ihre Verdienste in der Seeschlacht des ersten Juni.«

»Dann muss er Ihren Namen auch genannt haben, Sir!«

»Wie durch ein Wunder, in der Tat. Ich hätte nicht gedacht, dass der Admiral überhaupt meinen Namen kennt. Allerdings erwähnte er einige Kommandanten nicht, die sich gewiss übergangen fühlen werden. Daher fürchte ich, dass dieser Bericht an die Admiralität für viel Verdruss sorgen wird.«

Wickham nickte, da dies nichts Neues war. Admiräle hatten immer ihre Günstlinge. »Haben Sie schon Neuigkeiten, Sir? Gibt es bereits Einsatzbefehle für uns?«

»Ja, ich habe Einsatzbefehle erhalten, doch Sie werden sich Ruhe gönnen und sich erholen.«

Wickham nickte wieder und drehte den Kopf zur Seite. Er blinzelte. »Wie lautet der Auftrag der Raisonnable, Sir, wenn ich als Landratte fragen darf?«

»Sie sind keine Landratte, Wickham, sondern nur vorübergehend an Land. Mit der nächsten Springtide werden auch Sie wieder Wasser unter dem Kiel haben. Ich bin nicht mehr Kommandant der Raisonnable, sondern befehlige nun ein neues Schiff. Übrigens eine Fregatte, die Ihnen sehr vertraut sein dürfte. Ihr Name ist Themis – wie Sie ja wissen, eine Fregatte mit dunklem Charakter.«

»Die Themis, Sir?«

»In der Tat, und man schickt uns mit einem Konvoi in die Ostsee. Die meisten Ihrer alten Kameraden werden wieder mit an Bord sein.«

»Sir, das ist ja großartig. Wann legen wir ab? Vielleicht erhole ich mich so schnell, dass ich gemeinsam mit Ihnen in See stechen kann.«

»Wir werden noch in dieser Woche ablegen, aber ich erwarte, dass Sie sich schonen und wieder ganz zu Kräften kommen. Wenn alles gut läuft, sind Sie bei unserer Rückkehr so weit hergestellt, dass Sie wieder Ihren Dienst versehen können. Mr Stephens ließ mich wissen, dass wir höchstwahrscheinlich zu den Westindischen Inseln beordert werden, sobald die Hurrikan-Saison vorüber ist.«

»Also dann im November, Sir?«

»Wohl nicht vor Dezember, denke ich. Somit haben Sie ausreichend Zeit, um sich vollständig zu erholen und wieder Ihren Posten an Bord zu übernehmen.«

»Ich werde mich bemühen, meinen Arm bis dahin wieder bewegungstauglich zu machen, Sir.«

»Das freut mich zu hören. Die Unterkunft der Midshipmen ist eine Kinderstube geworden. Überall Kinder, die nicht wissen, wo hinten und vorne ist. Und damit meine ich die Jungen selbst und nicht das Schiff. Ich brauche Sie, Wickham, damit Sie den Jungen beibringen, wie man sich als Offiziersanwärter in der Navy Ihrer Majestät zu verhalten hat.«

Wickham grinste. »Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal an Bord kam, Sir, in meiner neuen Uniform, mit blinkenden Knöpfen und schneeweißen Breeches.«

»Ja, auch ich entsinne mich meines ersten Tages. Das dürfte jedem so gehen. Ich weiß noch, dass ich kaum etwas von den Dingen begriff, die um mich herum geschahen.«

»Bei mir war es ähnlich, Sir. Und dann kam ein junger Leutnant an Bord und brachte uns bei, was es bedeutet, im Dienst zu sein.«

»Sie kennen ja diese Leutnants. Schneidige, nassforsche junge Männer, die alles zu wissen glauben.«

»Ich möchte selbst eines Tages Leutnant sein, Sir.«

»Als stellvertretender Leutnant haben Sie sich bereits einen Namen gemacht, Wickham. Und Sie waren keineswegs nassforsch oder besserwisserisch. Ich sollte Sie für eine Theatergesellschaft empfehlen, Sie waren wirklich überzeugend.«

Bei diesen Worten stieg dem jungen Lord Arthur fast ein wenig Farbe in die Wangen. Er schien nach einer geeigneten Antwort zu suchen.

»Ich habe die neuesten Gazetten gelesen«, sagte er schließlich, »mit einer Hand.« Er rang sich ein Lächeln ab. »Denken Sie, dass Robespierre diesen Sommer überleben wird?«

»Das vermag ich nicht zu beurteilen«, erwiderte Hayden und spürte, dass ihm eine Ahnung aufs Gemüt drückte. Denn seit Monaten hatte er nichts mehr von seinen Verwandten in Frankreich gehört. »Der Wohlfahrtsausschuss schickt die Menschen reihenweise zur Guillotine, zumeist ohne Gerichtsverfahren. Es reicht schon eine unbegründete Anschuldigung, um einen Menschen zum Tode zu verdammen. Das sind wahrlich schreckliche Zeiten, wenn man Franzose ist. Es muss eine Gegenbewegung einsetzen. Die Vernunft muss wieder die Oberhand gewinnen.«

Die Tür öffnete sich, und Lady Hattingale betrat das Zimmer. Hayden erhob sich sogleich.

»Bleiben Sie sitzen, Kapitän Hayden«, sprach sie. »Sehen Sie mich lediglich als Krankenschwester.«

»Ihre Fürsorge hat wahre Wunder bewirkt«, sagte Hayden anerkennend. »Dieser Midshipman hier ist auf dem Weg der Besserung.«

»Ja, er schlägt sich tapfer, aber mein Beitrag beschränkt sich im Wesentlichen darauf, ihn zur Ruhe zu zwingen. Leider versucht er allzu oft, sich meinen Anweisungen zu widersetzen. Vielleicht könnten Sie ihn ja dazu anhalten, im Bett zu bleiben, bis der Doktor ihm erlaubt, wieder aufzustehen, Kapitän.«

»Mr Wickham, hiermit befehle ich Ihnen, sich auszuruhen, bis diese gute Krankenschwester und der Arzt Ihnen gestatten, das Bett zu verlassen. Sie werden sämtliche Anweisungen der eben erwähnten Personen bis ins Kleinste befolgen. Haben Sie verstanden, was ich Ihnen soeben gesagt habe?«

Wickham nickte unterwürfig. »Aye, Sir. Ich werde mein Bestes tun, um ein besserer Invalide zu sein – aber das liegt meinem Naturell fern.«

»Das mag sein«, räumte Hayden ein. »Aber glauben Sie mir, Sie werden Ihren Dienst umso schneller versehen können, wenn Sie sich in Geduld üben. Davon bin ich überzeugt.«

»Ist es schon drei Uhr?«, erkundigte sich Lady Hattingale erstaunt, als die Uhr auf dem Kaminsims schlug. »Sehen Sie, wie rasch die Zeit verfliegt, Lord Arthur? Sie werden bald wieder auf den Beinen sein.«

Hayden fasste dies als untrüglichen Hinweis auf und erhob sich.

»Ich muss Ihnen Lebewohl sagen, Lady Hattingale. Und haben Sie Dank für alles, was Sie für Lord Arthur getan haben. Wir sind alle der festen Überzeugung, dass er es eines Tages bis zum Admiral bringen wird, falls er sich nicht entschließt, Premierminister zu werden.«

»Oh, ich denke, als Admiral wird er sich besser machen«, antwortete sie und erhob sich ebenfalls. »Ich bringe Sie zur Tür, Kapitän.« Zu Wickham gewandt, sagte sie neckend: »Sie haben Ihre Befehle erhalten, Lord Arthur. Gönnen Sie sich Ruhe. Ich bringe Ihnen noch etwas zu lesen.«

Zum Abschied nickte Hayden Wickham zu, der sich mit der unversehrten Hand an den imaginären Hut tippte.

»Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, Sir. Grüßen Sie die anderen von mir.«

»Niemand hat Sie vergessen. Ihre Kameraden erkundigen sich fast stündlich nach Ihrem Befinden. Wir werden in wenigen Wochen von unserem Konvoi zurück sein. Dann schaue ich wieder bei Ihnen vorbei. Alles Gute.«

Wickham nickte. Offenbar war er so ergriffen, dass ihm die Worte fehlten.

Hayden und Lady Hattingale traten hinaus auf den Korridor und gingen zur Treppe. Die Dame war sehr groß und mochte an die fünfzig Jahre sein, doch das Alter sah man ihr nicht an. Ihre Kleidung zeugte von einer schlichten Eleganz. Lady Hattingale trug keinen Schmuck, nicht einmal einen Ring. Nach Haydens Dafürhalten schien sie eine praktisch veranlagte, selbstbewusste Frau zu sein – genau die Sorte Frau, die man sich wünschte, um den vom Unglück verfolgten Midshipman wieder gesund zu pflegen.

»Er sieht ausgesprochen dünn aus«, bemerkte Hayden.

»Ja, um ein Haar hätte er das nicht überlebt«, erwiderte die Dame und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ich danke Gott, dass der Junge auf dem Weg der Besserung ist, und hoffe, sein Zustand möge sich nicht plötzlich verschlechtern. Seine Eltern werden in Kürze hier eintreffen.«

»Ich hatte erwartet, die Herrschaften hier zu treffen.«

»Sie machen Besuche im Norden, aber ich bin sicher, dass sie sich sofort auf den Weg gemacht haben, als die Nachricht sie ereilte.«

»Ich bedaure, dass ich Lord Westmoor nicht sprechen konnte. Er war mir stets ein guter Freund und erwies sich als Gönner für mein Schiff.«

»Und das wird er nicht bereuen, glauben Sie mir«, sagte sie und lächelte. »Lord Arthur verehrt den Boden, auf dem Sie wandeln – oder sollte ich besser sagen, das Deck?«

»Das mag sein, obwohl ich mir nicht so sicher bin, dass sein Herr Vater das genauso sehen wird.«

»Machen Sie sich keine Gedanken, Kapitän. Lord Westmoor ist der Auffassung, dass Sie einen großen und guten Einfluss auf seinen Sohn haben.«

»Ich frage mich nur, ob seine Lordschaft das auch dann noch so sehen wird, wenn er erfährt, wie schwer sein Sohn verwundet ist.«

»Das bringt das Streben nach Ehre wohl mit sich«, stellte Lady Hattingale klug fest. »Lord Westmoor wird das verstehen.«

Sie erreichten den unteren Treppenabsatz und das elegante Eingangsportal.

Hayden blieb stehen. »Haben Sie nochmals vielen Dank, Lady Hattingale, für alles, was Sie für Lord Arthur getan haben.«

»Ich kenne ihn seit dem Tag, als seine Mutter ihn zur Welt brachte, Kapitän Hayden. Ich hätte nicht tatenlos zusehen können und wünschte trotzdem, ich könnte noch mehr für ihn tun.«

Hayden verließ das stattliche Haus und trat zu dem Burschen, der sich derweil um das gemietete Pferd gekümmert hatte. Nach Portsmouth war es nur ein kurzer Ritt, aber die ganze Zeit über war Hayden von düsteren Gedanken bedrückt und durchlebte widerstreitende Gefühle, sodass er sich kaum im Sattel zu halten vermochte. Alle Midshipmen an Bord waren sozusagen seine Mündel. Besorgte Eltern hatten ihm ihre Söhne anvertraut und in seine Obhut gegeben. Die Wahrheit lautete jedoch, dass er nicht für die Sicherheit der Jungen garantieren konnte. Zwar sah er sich in der Lage, aus den verheißungsvollen Burschen gute Seeoffiziere zu machen, aber ständig würden sie tödlichen Gefahren ausgesetzt sein. Wieder einmal wurde ihm bewusst, dass Wickham so etwas wie ein Schützling für ihn geworden war, ein Protegé – in dem jungen Mann sah er eher einen nahen Verwandten als einen Offiziersanwärter. Natürlich fühlte Hayden sich bei der Vorstellung geschmeichelt, Teil einer ehrbaren Familie zu sein – stammte er doch aus sehr viel einfacheren Verhältnissen. Aber Musketenkugeln machten nun einmal keinen Unterschied, wenn es ans Blutvergießen ging – vergossen wurde sowohl das Blut der gewöhnlichen Seeleute als auch das »blaue Blut« des Adels. Im Krieg waren alle Männer den gleichen Gefahren ausgesetzt. Das war die harsche Wahrheit im Leben eines Seeoffiziers. Wer auch immer auf dem Quarterdeck stand, geriet in das Zielfeuer der feindlichen Scharfschützen. Hayden, Archer, Wickham, sie alle könnten ihr Leben an Deck aushauchen und in eine Hängematte eingenäht werden. Ihre Leichname würde man einer dunklen Wasserwelt überlassen – bis das Meer seine Toten wieder hergab.

KAPITELZWEI

Es zeichnete sich eine ereignislose Überfahrt ab – falls man eine Fahrt auf dem offenen Ozean mitten im Winter je als ereignislos bezeichnen würde. Doch das sollte sich ändern, als Mitte Dezember für drei Tage ein Sturm wütete, der letzten Endes zu einer Reihe von »Zwischenfällen« führte, die Hayden sich bis dahin nicht hätte vorstellen können.

Das Unheil nahm seinen Lauf, als drei Männer aus großer Höhe herabstürzten. Zwei schlugen auf dem Deck auf und waren augenblicklich tot, der dritte aber fiel auf einen Kameraden, der die Schreie im Wind nicht gehört hatte. Inzwischen war nicht abzusehen, wer von den Unglücksraben überleben würde. Sie lagen beide schwer verletzt im Lazarett.

Der nächste Vorfall gestaltete sich zwar weniger dramatisch, war dafür aber recht heikel. Hayden hatte sich bereit erklären müssen, den Sekretär von Admiral Caldwell mit an Bord zu nehmen – Caldwell war derzeit Kommandant des Stützpunkts auf Barbados. Jenem Sekretär, der zudem ein Cousin der Gemahlin des Admirals war, hatte man in der Offiziersmesse der Themis eine Unterkunft zugewiesen. So kam es, dass Leutnant Benjamin Archer sich eines Tages bezüglich des Gastes an seinen Kapitän wandte.

Jenseits der Fenster der Galerie senkte sich allmählich die Dunkelheit herab und sorgte für bleifarbene Schraffuren am östlichen Horizont. Noch sah es so aus, als wären die Unterseiten der Wolken von flüchtigen Schattierungen aus hellem Rot, Rosatönen und goldenen Tupfern überzogen. Bald würde der Diener hereinkommen und die Lichter anzünden. Die Kajüte der Fregatte, die Hayden einst groß wie ein Tanzsaal vorgekommen war, wirkte trist und einengend, verglichen mit der großen Kajüte, die Hayden auf dem Vierundsechziger Raisonnable hatte räumen müssen. Leider Gottes war er ein noch zu junger Vollkapitän, als dass er ein solches Kommando hätte behalten dürfen. Stattdessen befand er sich wieder auf dem Schiff, das kein höherer Offizier befehligen wollte – er war so rasch aufgestiegen und dann wieder auf den Boden der Tatsachen gesunken, dass ihm die zurückliegenden Monate beinahe unwirklich vorkamen. Aber zum Glück beruhigte er sich immer mit der Gewissheit, dass er nach wie vor Vollkapitän war. Zudem hatte man ihn nicht erneut nach Nordosten entsandt, um Konvois in der Ostsee Geleitschutz zu geben. Im Verlauf der letzten Wochen hatte er dort ausharren müssen, von Kälte und Nässe geplagt, und meist hatte der Konvoi mit Nebelbänken zu kämpfen gehabt. Nur selten war der Küstenverlauf klar auszumachen gewesen. Stattdessen hielt Hayden nunmehr Kurs auf die Westindischen Inseln. Die warmen Ausläufer dieser üppigen grünen Inselgruppe hatten die Besatzungsmitglieder der Themis bereits seit etwa einer Woche zu spüren bekommen.

Archer wirkte wie immer etwas unausgeschlafen, als er vor Hayden stand. Seine Uniform war indes nicht so unordentlich, dass man sich als Kommandant hätte beschweren können. In der Hand hielt er einen cremefarbenen Bogen Papier, der wie ein Brief gefaltet war. Offenbar wusste der junge Leutnant nicht recht, wie er beginnen sollte. Er sah ein wenig unbeholfen aus, vielleicht war sein Anliegen ihm sogar peinlich. Hayden vermochte es nicht einzuschätzen.

»Aber was genau hat Mr Percival denn nun getan, das Sie so in Unruhe versetzt hat, Mr Archer?«, hakte Hayden nach.

»Nun, Sir – er hat Mr Maxwell ein Gedicht überreicht.«

»Dem Cherub?«

»Ja, Sir.«

Kaum dass Midshipman Maxwell an Deck gekommen war, hatten die anderen ihm schon den Namen »Cherub« gegeben, denn noch nie hatten die Matrosen einen jungen Burschen auf einem Schiff gesehen, der ein derart engelhaftes Aussehen besaß: blonde Locken und rosige Wangen, die seinem Lächeln tatsächlich einen Hauch von überirdischer Schönheit verliehen.

»Das scheint mir noch kein Schwerverbrechen zu sein – es sei denn, es handelt sich um ein absichtlich schlechtes Gedicht.«

»Oh, ich finde es eher gelungen, Sir, aber Mr Percival übertreibt ein wenig, wenn er behauptet, selbst der Verfasser dieser Verse zu sein. Denn meines Wissens gab es da einen Stückeschreiber namens Shakespeare, der vor einigen Jahren ein ähnliches Gedicht schrieb.« Er reichte dem leicht verwirrten Hayden besagtes Gedicht. Hayden faltete das Stück Papier auseinander und blickte auf Verse, die in einer ausnehmend schönen Handschrift zu Papier gebracht worden waren:

Soll ich Dich mit einem Sommertag vergleichen?Nein, Du bist lieblicher und frischer weit –Durch Maienblüthen rauhe Winde streichen,Und kurz nur währt des Sommers Herrlichkeit.

Zu feurig oft läßt er sein Auge glühen,Oft auch verhüllt sich seine goldne Spur,Und seiner Schönheit Fülle muß verblühen,Im nimmerruh’nden Wechsel der Natur.

Nie aber soll Dein ewiger Sommer schwinden,Die Zeit wird Deiner Schönheit nicht verderblich,Nie soll des neidischen Todes Blick Dich finden,Denn fort lebst Du in meinem Lied unsterblich.

So lange Menschen athmen, Augen sehn,Wirst Du, wie mein Gesang, nicht untergehn.

»Aha, dieses Gedicht hat also Mr Percival unserem Mr Maxwell gegeben und behauptet, es selbst verfasst zu haben – weil er unseren jungen Midshipman mit seinen dichterischen Fähigkeiten beeindrucken wollte?«

Archer trat unsicher von einem Bein aufs andere und sagte dann sehr leise: »Ich glaube, er überreichte es ihm, um dem Jungen mit seinem – Überschwang zu beeindrucken, Sir.«

»Ah, verstehe …« Hayden hatte plötzlich das Gefühl, ins kalte Wasser gestoßen worden zu sein. »Aber was verleitet Sie zu dieser Annahme?«

»Es handelt sich um ein Liebesgedicht, das Shakespeare einem jungen Mann widmete, Sir.«

Hayden warf noch einmal einen Blick auf die Zeilen. »Für mich deutet aber nichts darauf hin, dass dieses Gedicht an einen Mann gerichtet wäre und nicht an eine Frau.«

»Meines Wissens war es dem Earl of Southampton zugeeignet.«

»Von Shakespeares Hand …?«

»Ja, Sir.«

»Wir sprechen hier von William Shakespeare, dem Dramatiker?«

»Von genau dem, Kapitän.«

»Ich muss sagen, ich bin – ein wenig – verwirrt.« Hayden suchte Archers Blick. »Unser Shakespeare?«

»Ja, Sir.«

»Dinge, die man versäumt hat, mir in der Schule beizubringen …«

»War bei mir nicht anders, Kapitän.«

»Woher wissen Sie das dann, mit dem Earl of Southampton, meine ich?«

»Von meinem Bruder, Sir.«

»Dem Anwalt?«

»Ja, genau, Sir. Er gehört der Shakespeare-Gesellschaft an.«

»Ich wusste gar nicht, dass es so etwas gibt.«

»Offenbar gibt es zumindest diese eine Gesellschaft.«

Hayden warf wieder einen Blick auf das Stück Papier. »Ihr Bruder ist also ziemlich sicher, dass dieses Sonett an einen jungen Mann gerichtet ist?«

»Ja, Sir. Es ist eines von vielen, ein Umstand, der bei Gelehrten unbestritten ist, Sir.«

»Aha, nun, dann hat man es vor dem Rest der Welt recht geheim gehalten, will ich meinen.« Wieder wanderte sein Blick auf die Verse, die er in Händen hielt. »Ich fürchte, dass ich Shakespeares Theaterstücke fortan mit ganz anderen Augen sehen werde.«

»Ja, es verleiht manchen Dingen eine andere Note, Sir.«

»Genau. Aber um auf den Vorfall zurückzukommen – wie hat Maxwell all das aufgenommen?«

»Er kam zu mir und wirkte ziemlich ratlos, Sir. Vielleicht sollte ich sagen, dass er sich regelrecht schämte. Er fragte mich um Rat, da er nicht weiß, wie er sich verhalten soll. Denn schließlich ist es nicht sein Wunsch, einen Cousin der Gemahlin des Admirals vor den Kopf zu stoßen.«

»Hm. Weiß sonst noch jemand davon?«

»Mr Wickham, Sir. Er schickte Maxwell zu mir.«

»Versuchen wir, die Sache nicht an die große Glocke zu hängen.«

»Genau meine Meinung, Sir, aber ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, wie wir damit umgehen sollen. Ich könnte Mr Percival eine Abschrift der Kriegsartikel geben …«

»Aber er ist Zivilist und würde im Ernstfall mit ziviler Rechtsprechung zu tun haben. Wann kommen denn die Midshipmen wieder zu ihrer Lektürestunde zusammen?«

»Ich denke morgen, Sir.«

»Nehmen Sie noch an diesen Abenden teil?«

»Wann immer es die Pflicht zulässt, Kapitän. Ich habe vor, an der nächsten Versammlung teilzunehmen.«

Hayden gab seinem Leutnant das Gedicht zurück. »Ausgezeichnet. Laden Sie Mr Percival zu diesem Abend ein. Dann holen Sie das Gedicht hervor und erklären der Runde, dass Mr Percival die Zeilen vorgestellt hat. Lesen Sie das Sonett laut vor und stellen Sie es zur Diskussion. Aber achten Sie darauf, dass auch jeder der Anwesenden weiß, wem Mr Shakespeare die Zeilen widmete. Glauben Sie mir, danach wird unser Mr Maxwell keine Schwierigkeiten mehr mit Mr Percival haben.«

Archer sah erleichtert aus. »Ich danke Ihnen, Sir. Ich denke, das dürfte ein hervorragender Plan sein.«

Hayden hoffte, dass es sich so entwickeln würde, wie er sich das vorstellte. War es doch wichtig, möglichst jedem in dieser Angelegenheit Peinlichkeiten zu ersparen – nicht zuletzt dem Kapitän. »Wie macht sich Mr Wickham?«, erkundigte sich Hayden, um endlich das Thema wechseln zu können.

»Ich fürchte, seit seiner Rückkehr ist seine Hand nur beschränkt einsatzfähig, Sir. Er hat somit eine Hand und eine halbe, wenn ich so sagen darf, doch ich glaube, er wird das Beste aus dieser Sache machen.«

»Ganz gleich, wie er sich fühlt, nie würde er sich etwas anmerken lassen.«

»Da haben Sie recht, Sir.«

»Behalten Sie ihn im Auge, Mr Archer, und informieren Sie mich unverzüglich, sobald Sie bei ihm Anzeichen von Schwermut wahrnehmen. Als junger Mensch kann man sich nicht vorstellen, sich nicht von einer Verletzung zu erholen. Aber sobald man feststellen muss, dass man durch eine Verletzung dauerhaft eingeschränkt sein wird – nun, ich habe mehr als einen jungen Offizier gesehen, der sich mit einer solchen Situation abfinden musste.«

»Ich werde ein Auge auf ihn haben, darauf können Sie sich verlassen, Kapitän.«

»Das weiß ich, Mr Archer. Gibt es dann sonst noch etwas?«

»Der Kutter weist am Heckspiegel leicht faulige Stellen auf, Sir. Mr Hale kümmert sich darum.«

»Sind Sie zufrieden mit Ihrem neuen Schiffszimmermann?«

»Das bin ich, Sir. Ich werde Mr Chettle vermissen, aber der neue Zimmermann scheint ein anständiger Bursche zu sein, wenn man einmal über seinen etwas derben Humor hinwegsieht.«

»Da habe ich schon über Schlimmeres hinwegsehen müssen, Leutnant.« Hayden nickte seinem Offizier zu. »Mr Archer.«

»Kapitän.« Archer tippte an seinen Hut und verließ die Kajüte. Hayden musste sich wohl oder übel wieder seiner Schreibarbeit zuwenden und ging erneut die Musterrolle durch.

»Shakespeare«, murmelte er vor sich hin. »Wer hätte das gedacht?«

Als Hayden trotz der Geräusche des Wassers und der Brise einen lauten Ruf vernahm, schaute er von seiner Arbeit auf und lauschte. Kaum hatte er sich erhoben und sich den Mantel übergezogen, da klopfte es auch schon an seine Kajütentür. Hayden öffnete und sah den Marinesoldaten vor der Tür. Neben dem Wachtposten stand einer der jüngeren Matrosen, der ganz außer Atem war.

»Der Ausguck meldet ein Boot, Sir«, sagte der Bursche und führte die Faust zur Stirn. »Mr Ransome schickt mich, Sir, da er Sie an Deck um Ihre Meinung bitten möchte.«

»Sie sprechen hier wirklich von einem Boot, Jackson, oder nicht vielleicht doch von einem Schiff?«, forschte Hayden nach. Bei den Neulingen wusste man nie …

»Ganz sicher ein Beiboot eines Schiffs, Sir. Wie es aussieht, befinden sich nur eine Handvoll Leute darin, Kapitän.«

Als Hayden die feuchtwarme Abendluft an Deck wahrnahm, hatte sich die Dämmerung wie ein Mantel über der See ausgebreitet. Allein im Westen beherrschte noch ein mattes Leuchten den Horizont.

»Wo in etwa, Mr Ransome?«

Der Leutnant deutete querab über das Meer.

Hayden brauchte einen Moment, um sich an die neuen Lichtverhältnisse zu gewöhnen, doch dann gewahrte er draußen auf der wogenden See ein Beiboot, das nur kurz auszumachen war, ehe es wieder in einem Wellental verschwand.

»Beidrehen, Mr Ransome, wenn ich bitten darf. Wir nehmen die Leute an Bord.«

Hayden umschloss die Reling mit beiden Händen. Kurz darauf stand Wickham an seiner Seite und fixierte das Boot mit einem Fernglas. Es mochte etwas mehr als hundert Yards entfernt sein. Kaum jemandem würde auffallen, dass der Midshipman seit der Seeschlacht vom 1. Juni eine bleibende Verletzung davongetragen hatte. Sah man indes genauer hin, fiel auf, dass Wickham die eine Hand seltsam verkrampft hielt. Natürlich überspielte der Midshipman seine Beeinträchtigung, aber alle in seinem näheren Umfeld wussten davon.

»Wie viele Seelen, Mr Wickham?«

»Ich sehe nur zwei, ehrlich gesagt.« Wickham schaute noch einen Moment länger durch das Rund des Glases. »Ich denke fast, dass es sich um ein Beiboot der Navy handelt, Kapitän, aber an den Insassen kann ich keine Uniformen erkennen.«

»Nun, wir werden die Geschichte dieser Leute bald zu hören bekommen.«

Die Insassen ließen erkennen, dass das Fehlen von Uniformen kein Zufall war. Obwohl einer der Männer mit Riemen hantierte, hatte er offenbar nicht den blassesten Schimmer, wie er sie einsetzen sollte. Nach einer Weile gelang es ihm schließlich, dem Boot eine bestimmte Richtung zu geben, aber kurz darauf kam es nicht längsseits, sondern rammte die Bordwand der Themis mit dem Bug. Die Matrosen an Deck zuckten sichtlich zusammen. Manch einer schüttelte den Kopf angesichts dieser Nachlässigkeit. Die beiden Schiffbrüchigen, so Haydens erste Vermutung, brauchten Hilfe beim Erklimmen der Jakobsleiter und sackten an Deck kraftlos zusammen. Sie sahen beide entsetzlich bleich aus und waren offensichtlich furchtbar krank.

»Das Boot an Bord hieven, Mr Ransome«, befahl Hayden, ehe er seine Aufmerksamkeit den Schiffbrüchigen widmete.

»Sie sind Engländer«, stieß einer hervor und suchte Halt an den Finknetzen. »Gott sei Dank«, setzte er erleichtert nach. »Wir hatten schon Angst, Sie wären Franzosen.«

»Nur zu einem ganz kleinen Grad«, erwiderte Hayden, ehe er auf Spanisch weitersprach. Denn dem Akzent nach zu urteilen war dies die Muttersprache der Männer. »Wie lange treiben Sie schon auf See?«

Dem Erschöpfungszustand der Männer nach zu urteilen rechnete Hayden damit, dass sie ihm eine Antwort schuldig bleiben würden und vielleicht sogar in Tränen ausbrächen. Doch der Wortführer antwortete bereitwillig.

»Nur einen Tag«, antwortete er auf Englisch. »Aber der Sturm hat uns ganz krank gemacht, und außerdem hatten wir kaum noch Wasser und Proviant. Ich bin Don Miguel Campillo, Kapitän.« Er legte seinem Kameraden eine Hand auf die Schulter. »Und dies ist mein Bruder, Don Angel. Gott der Herr hat unsere Gebete erhört und uns Sie gesandt. Sie sind die Hand Gottes, Sir.«

»Man hat mir ja schon manch einen Namen gegeben, aber das wäre dann wirklich die freundlichste Anrede. Charles Hayden, Kapitän der Fregatte Seiner Majestät Themis.« Er wandte sich einem der Matrosen zu. »Holen Sie Wasser – und sagen Sie dem Doktor Bescheid.«

Augenblicke später leerten die Schiffbrüchigen die hölzerne Schöpfkelle und baten um noch mehr Wasser. Hayden hatte den Eindruck, dass der Jüngere der beiden, Angel, den Tränen nahe war und alle Mühe hatte, sich seine grenzenlose Erleichterung nicht anmerken zu lassen.

»Würden Sie mir in meine Kajüte folgen?«, bat Hayden, nachdem die Männer genug getrunken hatten. »Ich habe nach dem Schiffsarzt geschickt.«

Nur mühsam kam Miguel auf die Beine und stützte sich nach wie vor an den Finknetzen ab. »Haben Sie Dank, Kapitän.« Seine Stimme klang schon nicht mehr so rau. »Wir brauchen keinen Doktor. Wir sind nur seekrank. Das gibt sich bald wieder. Ich hoffe, Sie entschuldigen, wie erleichtert wir sind, aber wir befürchteten, dass uns niemand mehr retten würde und wir in dieser Wasserwüste untergehen würden. Gott hat uns errettet. Offenbar hat er doch noch etwas mit uns im Sinn.«

»Sie sollten jedoch trotzdem kurz mit dem Doktor sprechen. Kann ich Ihnen helfen?«, wandte Hayden sich an Angel, der an Deck sitzen geblieben war.

»Wir kommen zurecht, Kapitän, danke.« Mit sichtlicher Mühe half Miguel seinem Bruder auf die Beine. Danach stützten sich die beiden Schiffbrüchigen gegenseitig und suchten nach wie vor Halt an der Reling, während Hayden entlang der Laufbrücke vorausging.

Nach Haydens Einschätzung war der eine der Spanier nicht älter als zwanzig Jahre, der andere höchstens sechzehn oder siebzehn. Es handelte sich mit ziemlicher Sicherheit nicht um einfache Bauern, da der Ältere ausdrücklich von »Don« gesprochen hatte. Die Kleidung der Spanier war schlicht. Miguels Auftreten jedoch war selbst unter diesen Umständen höflich, aber keineswegs unterwürfig-ehrerbietig. Sein Englisch war tadellos. Die beiden schienen wirklich Brüder zu sein, doch Miguel hatte das Jugendliche längst hinter sich gelassen und wirkte in allem reifer. Das zeigte sich nicht zuletzt in seinen Zügen. Die beiden Spanier hatten dunkle Haare, waren von ebenmäßigem Wuchs, wenn auch nicht sonderlich groß, und gaben sich zurückhaltend-vorsichtig, was unter den gegebenen Umständen und im Kreise von Fremden nachvollziehbar war. Viel zu schnell vergaß man, dass die beiden Schiffbrüchigen auf der wogenden See jeden Augenblick mit dem nahenden Tod gerechnet hatten.

An der Leiter des Niedergangs hatten die Brüder Schwierigkeiten mit dem Gleichgewicht. Jenseits der Offiziersmesse wartete bereits Doktor Griffiths vor der Tür zu Haydens Kajüte. Unter Deck wirkte Griffiths noch hagerer und blasser als sonst und erinnerte von seiner ganzen Erscheinung eher an einen Bestatter – was für einen Schiffsarzt nicht sonderlich passend zu sein schien. Hayden bat die Männer in seine Kajüte, stellte den Spaniern den Doktor vor und entschuldigte sich dann. Kurz darauf trat er wieder an Deck. Die Nacht hatte sich auf den weiten Ozean gesenkt, doch die Luft war noch warm.

Ransome erblickte seinen Kommandanten, trat zu Hayden und tippte sich an den Hut. »Haben Sie schon in Erfahrung bringen können, warum die beiden auf dem Meer trieben, Sir?«

»Noch nicht. Ich hielt es für besser, zunächst Doktor Griffiths das Feld zu überlassen, ehe ich weitere Erkundigungen einziehe. Außerdem denke ich, dass es höflicher ist, den beiden Schiffbrüchigen zunächst ein wenig Ruhe zu gönnen, ehe man sie mit inquisitorischen Fragen löchert.«

»Nun, als Spanier dürften sie sich mit der Inquisition auskennen und wissen sicherlich, wie man sich verhalten muss.« Ransome ließ den Blick über das Meer schweifen. »Ich weiß zwar nicht, ob es Gott war, der die beiden vor größerem Unheil bewahrt hat, aber eine halbe Stunde später hätten die Männer im Ausguck bestimmt nichts mehr sehen können. Dann wären die Spanier weiter abgetrieben.«

»Ich gebe Ihnen recht. Sie können sich wirklich glücklich schätzen, dass man sie noch rechtzeitig entdeckt hat.«

»So ist die unstete Dame, Sir«, merkte Ransome an.

»Sie sprechen von der Dame, die wir Schicksal nennen, Leutnant?«

»Ja, Sir. Wir sollten stets darum bemüht sein, möglichst wenig dem Zufall zu überlassen.«

»Wirklich, Mr Ransome? Dann haben Sie sich aber einen verdammt eigenartigen Beruf ausgesucht, für jemanden, der den Wunsch hegt, möglichst wenig dem Zufall – oder sollten wir sagen dem Schicksal – zu überlassen.« Hayden verbiss sich eine weitere Bemerkung, denn Ransome stand in dem Ruf, dem Glücksspiel nicht abgeneigt zu sein.

Der Leutnant lachte. »Oh, den Beruf wählte ich, bevor ich meine philosophische Ader entdeckte, Sir.«

»Haben wir nicht alle …«, setzte Hayden an, doch da deutete Ransome in Richtung des Niedergangs.

»Der Doktor, Sir.«

»Wenn Sie uns dann entschuldigen würden, Leutnant?«

Hayden bedeutete dem Doktor, ihm nach achtern zur Heckreling zu folgen, wo sie ein wenig ungestörter waren. Das Kielwasser der Themis bildete einen bleichen, schäumenden Pfad, der in der Dunkelheit verschwand.

»Ich hoffe doch sehr, dass es sich wirklich nur um Seekrankheit handelt und nicht um irgendeine Seuche, Doktor?«, begann Hayden.

»Ich denke, es wird nicht mehr sein als eine heftige Übelkeit. Allerdings gestatteten die Herren mir nicht, sie näher zu untersuchen. Sie versicherten mir, es bestehe kein Grund, sich Sorgen wegen irgendeiner ernsteren Erkrankung zu machen. Denn an Bord ihres Schiffes habe es, abgesehen von den üblichen Krankheiten, keine schlimmen Fälle von Fieber und dergleichen gegeben.«

»Haben die beiden Ihnen zufällig erzählt, warum sie allein in einem offenen Teil des Atlantiks in einem Beiboot saßen?«

»In dieser Hinsicht erwiesen sie sich nicht als sonderlich gesprächig, Kapitän, und ich war der Meinung, Ihnen Fragen dieser Art zu überlassen.« Griffiths sah Hayden an. »Was sollen wir nun also mit ihnen machen?«

»Wir nehmen sie mit nach Barbados. Ich fürchte, ich werde Hängematten für die beiden in meiner Kajüte aufhängen lassen müssen, auch wenn mir das ein Ärgernis sein wird.«

»Können wir denn keine andere Lösung finden?«

»Vielleicht die Unterkunft der Midshipmen, aber mein Eindruck ist, dass diese beiden spanischen Gentlemen die Unruhe und das Durcheinander dort nicht lange ertragen werden.«

»Ja, da gebe ich Ihnen recht.«

»Ich werde mich in meine Kajüte begeben und mit den Männern reden. Soll ich bei den beiden auf spezielle Kost achten, Doktor?«

»Nichts Gesalzenes – ich befürchte, dass sie etwas Meerwasser getrunken haben.«

»Nichts Gesalzenes?«, gab Hayden überrascht zurück. »Befinden wir uns nicht auf hoher See? Gesalzenes oder Gepökeltes stellt doch einen Großteil unserer Nahrung dar, oder etwa nicht?«

»Nun, tun Sie, was Sie für richtig halten«, rief der Doktor ihm nach.

Miguel Campillo erhob sich von seinem Platz, als Hayden eintrat. Angel registrierte Haydens Kommen mit Verzögerung und stand auch auf.

»Bitte bleiben Sie sitzen, meine Herren«, sagte Hayden. »Wie geht es Ihnen?«

Keiner der beiden schien sich in so kurzer Zeit von den Strapazen auf See erholt zu haben, und daher sanken sie eher kraftlos zurück auf die Bank entlang der Heckgalerie. Sie saßen vornübergebeugt und stützten die Ellbogen auf den Knien ab. Vor ihnen standen Eimer, die zweifellos der Doktor hatte hereintragen lassen – für alle Fälle.

»Sie müssen entschuldigen, Kapitän Hayden«, sagte Miguel mühsam. »Das liegt an dem Schaukeln des kleinen Bootes. Während des Sturms sahen wir uns gezwungen, um unser Leben zu schöpfen, da unser Boot vollzulaufen drohte. Und das hat uns viel Kraft gekostet.«

Zögerlich schaute Angel zu Hayden auf und flüsterte: »Wenn ich mich vielleicht hinlegen dürfte …?«

»Ich habe veranlasst, dass man Ihnen Schlafgelegenheiten zurechtmacht. Die Hängematten müssten jeden Moment kommen. Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, mit meiner Kajüte vorliebzunehmen? Im Augenblick haben wir nirgends sonst Platz.«

Angel suchte den Blick seines Bruders. Miguel nickte. »Danke, Kapitän. Wo auch immer Sie uns unterzubringen gedenken …«

Nach einem leisen Klopfen an der Tür und Haydens Aufforderung hereinzukommen, tauchte das Gesicht des Seesoldaten im Türspalt auf. »Die Hängematten, Sir.«

»Bringen Sie sie herein, wenn ich bitten darf.«

Entlang der Deckenbalken waren mehrere Ringbolzen zu sehen, an denen im Laufe der Zeit Hängematten befestigt worden waren.

»Ich gebe Ihnen ein wenig Zeit, damit Sie sich ausruhen können«, sagte Hayden. »Doch zunächst muss ich Sie fragen, ob wir noch nach anderen Überlebenden Ausschau halten müssen. Könnten Sie mir kurz sagen, auf welchem Schiff Sie sich befanden und was dazu geführt hat, dass Sie auf See trieben?«

Miguel schüttelte traurig den Kopf. »Ich bezweifle, dass es noch weitere Überlebende gibt, Kapitän. Wir legten mit der spanischen Fregatte Medea von Cadiz ab. Der Kommandant war ein Freund unseres verstorbenen Vaters. Er wollte uns nach Vera Cruz bringen, zu unserem Onkel. Letzte Nacht fuhr unser Schiff unter gerefften Segeln. Unglücklicherweise wurde die Medea von einem anderen Schiff gerammt, am Heck. Eine Weile blieben die beiden Schiffe ineinander verkeilt, bis die See sie wieder auseinander riss. Wir konnten die Medea nicht retten, sie sank schnell. Der Kommandant beorderte uns, zusammen mit einem Matrosen, in das erste Beiboot, das zu Wasser gelassen wurde. Andere sollten an der Bordwand hinabklettern und ebenfalls in das Boot, aber da wurde das Beiboot weggedrückt und der Matrose ging über Bord. Wir konnten ihn nicht mehr retten und hatten nicht die Kraft, allein zum Schiff zurückzurudern. Ich vermag nicht zu sagen, ob noch andere Beiboote ausgesetzt wurden. Ich bete, dass Kapitän Andreu überlebt hat, denn er war uns lieb und teuer.«

Hayden nickte. »Dann wurden Sie von den Wellen abgetrieben und wussten sich weder mit Segeln noch mit Riemen zu helfen?«

»Korrekt.«

»Und wann ungefähr hat sich diese Kollision zugetragen?«

»Das muss nach der Abendmahlzeit gewesen sein. Wir waren auf das Vordeck gegangen, um zu beten, denn sonst hätten wir noch in der Kapitänskajüte gesessen und wären ins Meer gerissen worden.«

»Wir werden bis zum Anbruch der Dämmerung unsere Position halten, damit wir Ausschau nach weiteren Überlebenden halten können.«

»Wir schließen die anderen in unsere Gebete mit ein, Kapitän.«

»Gönnen Sie sich Ruhe, meine Herren. Nehmen Sie leewärts die Heckgalerie.« Hayden zeigte auf die Galerie, weil er sichergehen wollte, dass die beiden ihn auch verstanden hatten. »Mein Diener kommt später und hängt meine Hängematte auf. Dann werde auch ich mich zur Ruhe begeben.«

Hayden wünschte ihnen eine gute Nacht und stieg wieder an Deck.

Ransome war immer noch wachhabender Offizier, und Hayden ließ ihn sofort rufen. Augenblicke später erschien Mr Barthe, der Master, an der Seite des Leutnants.

»Wir drehen bis zum Anbruch der Dämmerung bei und halten unsere Position. Wie es scheint«, fuhr Hayden fort, »konnten sich die Männer von einer spanischen Fregatte retten, die nach einer Kollision sank. In den Wirren muss sich ihr Beiboot losgerissen haben, mit nur einem weiteren Mann an Bord, der dann ins Wasser gestürzt ist. Sobald es hell wird, halten wir Ausschau nach Überlebenden.« Hayden richtete die folgenden Worte an den Master. »Mr Barthe, wenn die Fregatte etwa gegen zehn Uhr gestern Abend kenterte, wie weit ist sie dann abgetrieben worden, ehe sie unterging. Was denken Sie?«

Mr Barthe presste die Lippen zusammen und blickte fast griesgrämig drein. »Schwer zu sagen, Kapitän. Wir hatten starke Winde und sind bei diesen Strömungsverhältnissen am Tag etwa zwanzig Meilen weit gekommen. Wenn Sie erlauben, dass ich meine Karten konsultiere, kann ich Ihnen sicher genauere Auskunft geben, Sir.« Barthe schaute zu seinem Kommandanten auf, und sein rundliches Gesicht war in der Dunkelheit kaum zu erkennen. »Was ist aus dem anderen Schiff geworden?«

»Ich weiß es nicht. Den Berichten der Schiffbrüchigen zufolge rammte es die spanische Fregatte auf Höhe des Heckspiegels, worauf die beiden Schiffe sich zunächst ineinander verkeilten. Kurz darauf sollen die Wellen und der Wind sie wieder auseinander gedrückt haben.«

»Nun, meiner Erfahrung nach dürfte das andere Schiff zumindest den Bugspriet eingebüßt haben, wenn nicht gar die Fock. Selbst wenn der Rumpf unbeschädigt blieb, wird die Crew alle Hände voll zu tun gehabt haben, um diese Schäden in den Griff zu bekommen, wenn Sie mich fragen.« Barthe fasste sich an die Stirn, als habe ihn plötzlich ein Schmerz durchzuckt. »Auf Höhe des Heckspiegels gerammt – oh, die wird nicht mehr lange über Wasser geblieben sein. Zehn Minuten vielleicht …«

»Dieser Einschätzung schließe ich mich an. Immerhin haben wir mit eigenen Augen gesehen, wie lange die Syren noch trieb, dabei war sie nicht einmal annähernd so hart getroffen worden«, rief Hayden ihnen in Erinnerung und bezog sich auf jenes Schiff, das im vergangenen Jahr nach einem Zusammenstoß im Konvoi gesunken war.

»Vielleicht finden wir das andere Schiff, Sir, und bekommen eine Erklärung«, schlug Ransome vor. »Die Hoffnung ist womöglich berechtigt, dass sie ihre Besatzung retten konnten.«

»Ja, sofern sie nicht auch gesunken sind. Sagen Sie den Männern im Ausguck, sie sollen die Augen offen halten, Mr Ransome. Ich bezweifele zwar, dass sie in der Dunkelheit etwas sehen können, aber wir dürfen nichts unversucht lassen.«

»Aye, Sir.«

Hayden blieb noch einen Augenblick lang bei seinem Master.

»Ist das nicht sonderbar, Kapitän«, sinnierte Barthe und sprach leise weiter, »dass wir ein Beiboot eines gesunkenen Schiffs finden, aber nur zwei Seelen an Bord sind?«

»Da haben Sie recht, aber wie wir beide wissen, sind schon seltsamere Dinge auf See geschehen.«

Barthe nickte und tippte an seinen Hut. »Das stimmt, Sir, aber – nun, ich habe so etwas jedenfalls noch nicht gehört. Wenn Sie mich dann im Augenblick nicht mehr brauchen, Kapitän …«

»Wir haben mitten im Ozean beigedreht, Mr Barthe. Ich denke, dass Mr Dryden uns bis zum Morgen vor großem Ungemach wird bewahren können. Ihnen eine gute Nacht, Mr Barthe.«

»Gute Nacht, Sir.« Und schon watschelte der beleibte Master davon und verschmolz mit der Dunkelheit.

Hayden blickte hinaus auf die schwarze See, die nach dem starken Sturm immer noch aufgewühlt war, doch der Wind hatte merklich abgenommen. Wolkenfetzen flogen über die Themis dahin, und hoch oben standen die Sterne am Firmament. Für den kommenden Tag rechnete er mit klarem Himmel und mit leichten, aber drehenden Winden. Die Suche würde sich als schwierig erweisen, aber es war denkbar, dass dort draußen noch Seeleute im Meer trieben, an Treibgut oder gar in Booten.

Als Hayden ein Räuspern vernahm, drehte er sich um und erahnte einige Schritte entfernt den Gehilfen des Schiffsarztes im Dunkel.

»Wie kommt es, Mr Ariss, dass ich das Gefühl habe, Sie bringen keine guten Nachrichten?«

»Doktor Griffiths schickt mich, Ihnen mitzuteilen, dass MacDonald verstorben ist, Sir.«

»Der Unglückselige, auf den der Toppgast fiel?« Da neue Männer zur Besatzung gehörten, hatte Hayden noch keine Zeit gefunden, sämtliche Namen der Musterrolle zu behalten.

»So ist es, Sir.«

»Möge Gott seiner Seele Frieden schenken. Das Schicksal meinte es schlecht mit ihm, was man von den beiden Spaniern nicht behaupten kann.«

»So kann man es sagen, Sir. Das Schicksal kann so oder so ausfallen, wer weiß das schon?«

»Ja, in der Tat. Ich danke Ihnen, Mr Ariss.«

»Wünsche eine gute Nacht, Sir.«

Diese Nachricht hinterließ bei Hayden ein ungutes Gefühl, er wusste selbst nicht recht, wie das kam. Vielleicht lag es an der Willkür des Schicksals. Bei der Vorstellung, dass es einen Menschen vollkommen unerwartet heimsuchte und man sich nicht dagegen wehren konnte, überkam ihn eine anhaltende Unruhe.

In dieser gedrückten Stimmung zog Hayden sich in seine Kajüte zurück. Der Schiffszimmermann oder einer seiner Gehilfen hatte ein Stück Segeltuch quer durch die Kabine gespannt, sodass sowohl Hayden als auch die beiden unerwarteten Gäste etwas Privatsphäre hatten. Bei mattem Kerzenschein wusch Hayden sich an der Schüssel, schlich durch die Kajüte, um möglichst keinen Lärm zu machen und rollte sich in seine sanft schwingende Hängematte. Doch an Schlaf war nicht zu denken, auch wenn Hayden sich Mühe gab, die Gedanken einfach ziehen zu lassen. Er schloss die Augen und lauschte den vertrauten Geräuschen des Schiffes auf hoher See: Schritte an Deck, das Knarren von Holz und Spanten und die charakteristischen Laute des Tauwerks, bei denen man unweigerlich an das Herausdrehen von Korken aus Weinflaschen denken musste. Da die Themis beigedreht hatte, waren die Bewegungen der Fregatte gleichmäßig und erträglich – ein fast sanftes Heben und Senken. Auf der anderen Seite der Leinwand hörte er die beiden Brüder. Ihr Atem ging regelmäßig, und trotzdem sah er in den Spaniern nichts als Eindringlinge, die ihm die letzte Rückzugsmöglichkeit genommen hatten.

Spanien, das wusste Hayden, wurde im Augenblick in den Pyrenäen arg von französischen Truppen bedrängt, und nach anfänglichen Erfolgen hatten die Spanier Verluste zu verkraften. Die britische Regierung befürchtete, dass Spanien in seiner Entschlusskraft nachlassen würde, wenn es zu weiteren herben Verlusten kam. Die alles beherrschende Frage lautete: Würde Spanien sich gegen die alten Verbündeten stellen oder gar versuchen, neutral zu bleiben? Nach Haydens Dafürhalten würde Spanien, sofern es sich weiterhin durch Frankreich bedroht sah, eher einer fernen Insel den Krieg erklären als gegen eine Nation kämpfen, die über stärkere Landstreitkräfte verfügte. Womöglich waren die Brüder auf der anderen Seite der Trennwand seine Feinde, und er ahnte es nicht einmal.

Die Welt war in Aufruhr begriffen. Zwar hatte man Robespierre im Juli gestürzt, aber die chaotischen Zustände in Frankreich blieben bestehen. Der Krieg war beinahe bis in den letzten Winkel der Weltmeere getragen worden, und da machten auch die Westindischen Inseln, auf die sie Kurs hielten, keine Ausnahme. Der Handel mit Rohrzucker florierte, aber auf einigen Inseln hatten sich die Sklaven erhoben. Fanatische Jakobiner hatten die Guillotine über den Atlantik gebracht, um die Ziele der Revolution in ihrem Sinne umzusetzen. Es war eine Zeit der Angst und des stetigen Umbruchs – beunruhigend für jedermann, da der Ausgang noch immer ungewiss war.

Wie in fast jeder Nacht auf See wachte Hayden auch diesmal mehrmals auf. Für gewöhnlich blieb er dann einen Augenblick lang liegen, lauschte und versuchte, die Bewegungen des Schiffes zu beurteilen – weil er sichergehen wollte, dass alles in Ordnung war. Aber diesmal lag er zum wiederholten Male in seiner Hängematte, die Traumbilder noch vor Augen: eine Frau, die zu ihm in die Hängematte kam. In der Dunkelheit konnte er ihr Gesicht nicht erkennen, doch er spürte ihr wallendes Haar an seiner Schulter, ahnte ihre grazilen Bewegungen und hörte das Rascheln des seidigen Nachtgewandes – nahm den Duft ihrer Haut wahr. Und wann immer er aus diesem Traum erwachte, verspürte er eine Sehnsucht, die fast in Schmerz umschlug – in ein Fieber, für das es keine Heilung gab.

KAPITELDREI

Geflüster in einer fremden Sprache. Hayden fuhr aus dem Schlaf hoch – und machte sich bewusst, dass die leisen Stimmen von der anderen Seite des gespannten Segeltuchs kamen. Die Spanier wisperten.

Spanisch sprach Hayden nicht so gut wie Italienisch oder Französisch, doch er verstand eine Menge. Aber die Männer unterhielten sich so leise, dass er nicht mehr aufschnappte als ein paar Brocken.

Natürlich zählte Spanien zu den Verbündeten, und diese Brüder waren vermutlich nur Schiffbrüchige, wie sie behaupteten. Dennoch, es war eigenartig – so hatte Mr Barthe es ausgedrückt –, dass nur zwei Männer in einem Beiboot aufgelesen wurden. Nur zwei hatten sich von einem Schiff mit gewiss zweihundert Seelen retten können? Inzwischen bereute er es, dass er in Gegenwart der Männer hatte erkennen lassen, dass er des Spanischen mächtig war. Gewiss, ein Gentleman verschwieg so etwas nicht, aber vielleicht hätte Hayden heimlich in Erfahrung bringen können, was den Männern widerfahren war – denn es war durchaus möglich, dass die Dinge anders gelaufen waren, als diese zwei Herren ihn glauben machen wollten.

Es war der Jüngere der beiden, der plötzlich zischte: »Hör nur – ich glaube, er ist wach.«

Das Flüstern erstarb.

Hayden vermutete, dass er sich mit seinen Atemgeräuschen verraten hatte. Da er sich im Augenblick keine weiteren Vorteile von der Situation erhoffte und ohnehin zu dieser frühen Stunde aufzustehen pflegte, rollte er sich aus seiner Hängematte und machte sich an der Waschschüssel frisch. Kurz darauf brachte sein Kajütsdiener das Frühstück. Lampen wurden entzündet.

Hinter der Trennwand waren Bewegungen zu hören. Schließlich ließ sich zuerst Miguel blicken, gefolgt von Angel.

Hayden erhob sich. »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie geweckt habe, meine Herren«, sagte er. »Ich stehe zumeist noch vor Sonnenaufgang auf, aber Sie dürfen natürlich so lange schlafen, wie es Ihnen gefällt.« Höflich bot er den Männern Stühle an. »Setzen Sie sich doch.«

»Wir stehen gern zu der Zeit auf, die Sie bevorzugen, Kapitän«, antwortete Miguel und setzte sich auf einen Stuhl. »Immerhin ist dies Ihre Kajüte. Wir verstehen sehr wohl, dass der Kommandant eines Schiffes kommen und gehen muss, je nachdem, wie die Pflicht seine Anwesenheit erfordert. Machen Sie sich unseretwegen keine Gedanken.«

Haydens Kajütsdiener brachte kurz darauf die Frühmahlzeit für die Gäste.

»Wie Sie sehen, pflege ich ein einfaches Frühstück einzunehmen«, ließ Hayden seine Gäste in halb entschuldigendem Ton wissen. »Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus.«

»Man wird rasch der üppigen Mahlzeiten überdrüssig«, erwiderte Angel. »Und ich stelle immer wieder fest, dass es die schlichten Mahlzeiten sind, die Anlass zu guter Konversation bieten.«

»Oh, ich fürchte, da muss ich Sie enttäuschen, Don Angel. Denn solange ich keinen Schluck Kaffee hatte, bringe ich kaum ein Wort heraus.«

»Dann empfehle ich Ihnen, eine Tasse Kaffee zu trinken, Kapitän«, sprach der Spanier und bedeutete dem Kajütsdiener wie selbstverständlich, Hayden einzuschenken. Der Diener kam der stummen Aufforderung unverzüglich nach und lief dann so rot an wie die Uniform der Seesoldaten. Hayden beließ es dabei, da er seine Gäste nicht in Verlegenheit bringen wollte.

»Wir werden heute damit beginnen, Ausschau nach Überlebenden Ihres Schiffes zu halten. Könnten Sie mir vielleicht etwas ausführlicher erzählen, was sich ereignet hat?«

Angels Blick huschte zu Miguel. Offenbar gedachte er, seinem älteren Bruder den Vortritt zu lassen.

»Wie ich schon berichtete«, begann Miguel, und seine Miene verdüsterte sich, »verließen wir Cadiz mit insgesamt drei Fregatten. Ziel Vera Cruz. Wir waren Gäste von Kapitän Andreu, der, wie gesagt, ein Freund unseres verstorbenen Vaters war. Alles verlief ruhig, bis zu jenem Sturm. Kapitän Andreu versuchte uns zu beruhigen und versicherte uns, sein Schiff habe schon schlimmere Stürme überstanden.« Seine Stimme nahm einen dunkleren Klang an. »Aber an diesem Abend wurde eine Messe gehalten für alle Offiziere und Männer, die nicht zur Wache eingeteilt waren. In Gebeten ersuchten wir Gott, uns von diesem Unheil zu erlösen. Ich spürte, dass die Mannschaft verängstigt und wenig zuversichtlich war. Einige waren regelrecht blass vor Angst. Viele der Matrosen hatten schon ihr halbes Leben auf See zugebracht. Daher vermutete ich, dass der Sturm sehr viel schlimmer war, als Kapitän Andreu uns hatte glauben machen wollen.«

Hayden nickte. »Ja, wir gerieten auch in diesen Sturm. Ich habe zwar schlimmere Stürme erlebt, aber die See war aufgewühlt, die Brecher hoch und unberechenbar.«

Miguel warf einen zögerlichen Blick auf seinen Bruder, als habe Hayden seine Gedanken bestätigt. »Während wir beteten, hörten wir ein donnerndes Krachen und wurden alle über das Deck geschleudert. Sofort strömte Wasser herein. Einige Matrosen behielten den Überblick, andere jedoch stürmten zu den Leitern. Es kam zu einem Gedränge, und manch einer wurde in der Panik niedergetrampelt. Ich selbst ging zu Boden, und hätte mich nicht irgendjemand am Kragen hochgezogen, wäre ich vielleicht unter Deck zu Tode gekommen. Kapitän Andreu gelang es schließlich in dem Durcheinander, uns an Deck zu bringen und für Ordnung zu sorgen. Die Männer fürchteten um ihr Leben, aber der Kapitän verschaffte sich Respekt. Das Heck war bereits überspült und sank schneller, als ich es für möglich gehalten hätte. Es gab keine Möglichkeit mehr, die Fregatte zu stabilisieren. Von den anderen Offizieren an Deck erfuhren wir, dass wir gerammt worden waren, doch von dem anderen Schiff war nichts zu sehen.«

Nach einer Pause fuhr der Spanier fort: »Kapitän Andreu wies uns ein Beiboot an, in dem nur ein Mannschaftsmitglied saß – ich denke, es heißt Bootsführer –, und kurz darauf wurde das Boot in die wild wogende See gesetzt. Andere Matrosen sollten sich ebenfalls in das Boot retten, aber da wurde es fortgerissen, wie ich schon sagte. Wir stürzten, das Boot lief halb voll Wasser. Als ich auf die Knie kam, war der Bootsführer nicht mehr da, und das Schiff legte sich auf die Seite. Die Strömung trieb uns weiter ab. Und uns blieb nichts anderes übrig, als um unser Leben zu schöpfen.«

»Ich habe keine Ahnung, wie man ein Beiboot bei diesem Wellengang steuert«, erzählte er weiter, »aber es war ohnehin zwecklos. Denn wir wurden seekrank und konnten uns kaum noch aufrecht halten. Dennoch gelang es uns, so schnell zu schöpfen, dass das Boot nicht kenterte – unsere Furcht war größer als unsere Übelkeit. Nach langem Bangen nahm der Wind ab und die See beruhigte sich ein wenig. Den ganzen Tag über lagen wir in dem Boot und beteten um Errettung. Und dann, als die Nacht hereinbrach, sah Angel plötzlich Ihr Schiff am Horizont. Den Rest der Geschichte kennen Sie ja, Kapitän Hayden.«

Hayden stärkte sich mit einem Schluck Kaffee. »Sie können von Glück reden, dass Sie den Untergang überlebt haben und zudem noch auf offener See aufgegriffen wurden – in diesen Breiten.«

Angel war ganz gerührt. Seine Augen schimmerten. »Gott hat uns vor dem Tod bewahrt. Es kann keine andere Erklärung dafür geben.«

Hayden war nicht davon überzeugt, dass Gott sich in die Angelegenheiten der Menschen einmischte, und schwieg. »Don Angel, da ist ein Blutfleck auf Ihrem Hemd und Ihrer Jacke«, sagte er dann. »Sind Sie verletzt?«

Der Spanier sah verwundert aus. Als er seine Jacke ein wenig aufmachte, kam ein schmutzig roter Fleck auf dem Hemd zum Vorschein. »Nein. Das muss Blut von jemand anderem sein – ich denke, das wird in dem Gedränge passiert sein. Mehr kann ich auch nicht dazu sagen.«

»Sie hatten Glück, nicht auch verletzt zu werden.«

Angel sah Hayden durchdringend an. »Sie setzen offenbar großes Vertrauen in das Glück, Kapitän.«

»Das muss der Aberglaube der Seeleute sein, Don Angel«, erwiderte Hayden. »Als ich noch ein blutjunger Midshipman war, feuerte ein Schiff aus einer Entfernung von dreißig Yards Traubengeschosse auf unser Quarterdeck. Wir standen zu viert zusammen, zwei vor mir, einer hinter mir. Wir gingen alle zu Boden. Die Kameraden in meiner unmittelbaren Nähe wurden verwundet, doch der Midshipman hinter mir kam ums Leben. Das war eigentlich unmöglich. Das Geschoss hätte mich durchschlagen und dann ihn treffen müssen, doch mein Kamerad starb. Die Untersuchungen des Schiffsarztes ergaben, dass die Kartätsche ihn in der Brust traf und sowohl die Hauptschlagader als auch die Wirbelsäule zerfetzte. Dass ich überlebt hatte, bezeichnete man als Wunder oder gar als göttliches Eingreifen. Später wurde uns klar, dass die Schiffsglocke zur selben Zeit geläutet hatte: Sie war getroffen worden und hatte das Geschoss abgelenkt, auf meinen Kameraden.«

Angel streckte die Hand aus und berührte Hayden am Arm. »Aber Sie können nicht wissen, ob es nicht vielleicht doch ein Wunder oder göttliches Eingreifen war, Kapitän. Denn Gott hat Sie verschont, da er womöglich noch andere Dinge mit Ihnen vorhat.«

Hayden zuckte mit den Schultern. »Mag sein. Vielleicht sollte ich Sie und Ihren Bruder finden, inmitten des weiten Ozeans, wie Sie sagten. Aber entschuldigen Sie mich bitte, ich werde an Deck gebraucht. Wir werden mit der Suche nach Überlebenden beginnen. Immerhin ist das Unglück erst einen Tag her. Treibgut gibt es immer. Daher denke ich, dass noch einige Männer überlebt haben.«

Miguel erhob sich gleichzeitig mit Hayden und berührte seinen Bruder an der Schulter. Angel wirkte einen Moment verwirrt, stand dann jedoch rasch auf. Hayden verließ die Kajüte.

Die Dämmerung gewann am östlichen Firmament an Kraft. Der Sturm hatte gänzlich nachgelassen, und das Funkeln der Sterne verhieß einen fast wolkenlosen Himmel.

»Kapitän an Deck«, hörte Hayden den Ruf, worauf raschelnde Geräusche verrieten, dass die Crew sich anschickte aufzustehen. Hayden trat an das Kompasshäuschen, was er üblicherweise nicht tat, aber da die Themis beigedreht hatte, gab es im Augenblick keine Fahrtrichtung. Außerdem hätte er die Himmelsrichtung bei klarem Himmel ohnehin an den Sternen ablesen können.

»Kapitän …«

Hayden sah Archer auf sich zukommen.

»Mr Archer«, grüßte er. »Alles in Ordnung, wie ich hoffe?«

»In bester Ordnung, Sir. Wir haben Wind in den Toppsegeln, und die See hat sich merklich beruhigt.«

»Ein günstiger Wind, um Kurs auf Barbados zu halten, Mr Archer, aber vielleicht im Augenblick ungünstig für unser Vorhaben.«

»Ich verstehe, was Sie meinen, Sir. Ich habe weitere Männer in den Ausguck beordert. Auch an Deck halten die Männer Ausschau.«

»Lassen Sie ein Beiboot abfieren, Mr Archer. Die Männer sollen sich bereithalten, für den Fall, dass wir jemanden finden.«

»Aye, Sir. Und wie werden wir verfahren?«

»Ich werde das mit Mr Barthe besprechen, der inzwischen die Karten studiert haben dürfte. Nach Berechnung der Wind- und Strömungsverhältnisse wird er schon einen Entschluss gefasst haben, da bin ich mir sicher. Dennoch, wir werden eine Nadel im Heuhaufen suchen, Mr Archer, in einem verdammt großen Heuhaufen, wenn Sie mir das Bild gestatten.«

Hayden inspizierte das Deck, wie er es früh morgens zu tun pflegte. Hier und da blieb er stehen und plauderte mit den Matrosen oder den wachhabenden Offizieren. Viele waren neu an Bord, und Hayden war dabei, sich die Namen einzuprägen. Einige waren Fischer gewesen oder hatten auf Kauffahrteischiffen gedient, die meisten jedoch waren Landratten, die von Presskommandos an Bord gezwungen worden waren. Diese Männer verfolgten die Vorgänge an Deck zumeist mit staunenden Blicken und schwiegen. Nie zuvor hatten sie das offene Meer mit all seinen Zornesausbrüchen erlebt und waren immer noch eingeschüchtert von der Kraft des Sturms. Hayden vermutete, dass diese Neulinge noch einen Tag brauchten, um sich besser an ihre Umgebung zu gewöhnen. Allmählich würden sie sich beruhigen, könnten wieder besser durchatmen und würden merken, dass sie das Lachen nicht verlernt hatten. So lief es zumeist mit den neuen Crews. Der erste schwere Sturm war stets die Nagelprobe und verlangte den Unerfahrenen alles ab.

Als Hayden nach seinem Rundgang das Quarterdeck erreichte, sah er, dass Mr Barthe und Leutnant Archer in ein Gespräch vertieft waren.

»Mr Barthe«, wandte sich Hayden sogleich an den Master, »gehe ich recht in der Annahme, dass Sie Ihr Augenmerk auf unsere bevorstehende Suche gerichtet haben?«

»Ich habe einige Zeit darauf verwendet, Kapitän«, antwortete er. »Sollen wir einen Blick auf die Karte werfen, Sir?«

Unter dem Vordach unmittelbar vor Haydens Kajütentür hatte der Master einen Klapptisch aufstellen lassen, denn Seekarten waren teuer und von unschätzbarem Wert. Ohne die entsprechenden Karten war ein Schiff dieser Größenordnung Unwägbarkeiten ausgesetzt.

Zu Hayden, Archer und Barthe gesellte sich der junge Wickham, denn er war der einzige Midshipman, der reif genug war, um an einer Besprechung wie dieser teilzunehmen – tatsächlich hatte Wickham es zwischenzeitlich zum stellvertretenden Leutnant geschafft. Daher räumte Hayden ihm einige Vorrechte ein, damit Wickham sich nicht zu sehr grämte, wieder ein einfacher Midshipman zu sein, der mit den anderen Reffern mit anpacken musste.

Im Schein einer Lampe deutete Barthe auf einen mit Bleistift gestrichelten Kreis.