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Profiler Kiran Mendelsohn befindet sich in Schottland, als ihn ein Anruf des BKA nach London beordert. Dort ist ein deutscher Ingenieur einem mysteriösen Infarkt erlegen, der zuständige Detective Inspector fordert die Hilfe des BKA an. Zusammen mit ihren englischen Kollegen kommen Kiran und sein Team einer Organisation auf die Spur, die unliebsame Mitwisser bedenkenlos aus dem Weg räumt. Bald geraten auch die Ermittler ins Visier ihrer Londoner Gegner. Als ein Kollege den Gegnern zum Opfer fällt, geht das deutsch-britische Team gnadenlos zum Gegenangriff über.
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2019
Kurzbeschreibung:
Profiler Kiran Mendelsohn befindet sich in Schottland, als ihn ein Anruf des BKA nach London beordert. Dort ist ein deutscher Ingenieur einem mysteriösen Infarkt erlegen, der zuständige Detective Inspector fordert die Hilfe des BKA an. Zusammen mit ihren englischen Kollegen kommen Kiran und sein Team einer Organisation auf die Spur, die unliebsame Mitwisser bedenkenlos aus dem Weg räumt. Bald geraten auch die Ermittler ins Visier ihrer Londoner Gegner. Als ein Kollege den Gegnern zum Opfer fällt, geht das deutsch-britische Team gnadenlos zum Gegenangriff über.
Ilja Albrecht
Gegenstrom
Thriller
Edel Elements
Edel Elements
Ein Verlag der Edel Germany GmbH
© 2019 Edel Germany GmbHNeumühlen 17, 22763 Hamburg
www.edel.com
Copyright © 2019 by Ilja Albrecht
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Kossack Literaturagentur
Covergestaltung: Anke Koopmann, Designomicon, München
Lektorat: Dr. Rainer Schöttle
Korrektorat: Vera Baschlakow
Konvertierung: Datagrafix
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des jeweiligen Rechteinhabers wiedergegeben werden.
ISBN: 978-3-96215-253-6
www.facebook.com/EdelElements/
www.edelelements.de/
Prolog
Teil 1: London Calling
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Teil 2: Upstream
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Die untergehende Sonne schien ihm direkt ins Gesicht. Er stolperte aus der Tür, die er nur mit Mühe aufbekommen hatte. Irgendwo da vorne war der Parkplatz gewesen, er hatte seinen BMW abgestellt und direkt auf den Eingang des Pubs geblickt. Trotz des wunderschönen Hauses und der Linden rund um den friedlichen See hatte er Angst gehabt. Wovor noch mal? Da war doch dieser …
Er drehte sich um, verlor das Gleichgewicht und taumelte. Ein kalter Schauer überkam ihn. Angst, eine dunkelschwarze Wolke von Angst und Kälte. Sein Herz begann zu rasen, dann war es auf einmal heiß.
Leute kamen aus dem Pub, die Eingangstür verschwamm vor seinen Augen. Dann ein Gesicht. Die Frau starrte ihn an. Wie diese Lehrerin damals, der gleiche angewiderte Blick. Ihm wurde übel und flau im Magen, er riss sich zusammen und sprach sie an.
»Entschuldigung, mir ist nicht gut, könnten Sie bitte Hilfe holen?«
Die Worte zogen sich etwas, obwohl er sie vollkommen klar ausgesprochen hatte. Das Ende des Satzes hallte in seinen Ohren, als stünde er in einer leeren Halle. Aber sie musste ihn verstanden haben. Sie verzog den Mund, sagte etwas zu der Gestalt neben ihr und ging weiter.
Er wollte ihr hinterherrufen, aber sein Magen verkrampfte sich, und er musste sich übergeben. Rot? Warum rot, er hatte doch gar nichts …
Ein Feuerball aus Schmerz explodierte mitten in seinem Kopf, zog sich vom Genick bis in den Brustkorb. Die Brust tat weh, die Zähne, jeder Nerv bis hinter die Augen. Im nächsten Moment war alles weg, und er sah klar, obwohl es noch in seinen Ohren rauschte.
Er bekam wieder Angst. Irgendetwas war in ihm, eiskalte schwarze Hände griffen nach Herz, Lunge, Hirn, es wurde dunkel. Dann war ihm, als zöge eine unsichtbare Kraft an seinem Genick und die gesamte Wirbelsäule aus dem Körper. Sein Leben zerrann, das Ende.
Panik, totale Panik, er schrie vor Angst. Das Rauschen wurde stärker, ein ohrenbetäubender Lärm von rechts, etwas schlug ihm an den Arm, ein schrilles Quietschen. Es vermischte sich mit dem Schrei, der aus ihm kam.
Er griff ins Leere, schrie immer noch, als er umfiel. Dann helle Lichtstreifen, Gesichter, Hände, die an ihm zerrten, ihm ins Gesicht fassten.
»Helfen Sie mir, ich habe furchtbare Schmerzen, ich …«
»… hat einen Anfall … hat ihn angefahren … kam auf einmal …«
»So hören Sie doch, ich bin klar, ich kann nicht …«
»… verstehen, was redet der … ist Gebrabbel, klingt Deutsch. Ich rufe den Notarzt … Puls rast … Infarkt …«
Infarkt, das musste ein Irrtum sein, er war doch …
Der nächste Schmerz. Oh Gott, was in aller Welt tut denn nur so weh …
Die Gesichter verschwammen vor seinen Augen. Er wollte etwas rufen, während die Lichter zu rotieren begannen und ihn in die Tiefe zogen.
»Mr. Mendelsohn. Hören Sie mir zu? Ich kann Smartphones und unaufmerksame Leute absolut nicht leiden, hat man Ihnen das nicht über mich gesagt?«
Kiran blickte von seinem Telefon auf.
»Tut mir leid, Mr. McDonnell, wichtige Nachricht aus Berlin von meiner Chefin.«
Die hängenden Backen seines Gegenübers bliesen sich auf und wurden gleichzeitig dunkelrot. »Chefin? Ich denke, Sie sind dieser deutsche Superanwalt von Alistair Campbell? Chefin, was ist das für ein Bockmist?«
Kiran seufzte innerlich. Diese Unterredung verlief genauso, wie er es in Berlin prophezeit hatte.
Vor zehn Tagen hatte er in seinem Stammlokal Lloyd’s gesessen und bei einem wunderbaren Malt die bevorstehende Reise nach Schottland geplant. Zusammen mit seinem alten Freund und Mentor Horst Roellinghoff sollte es nach Edingburgh gehen, wo man ohne weitere Umstände einen Wagen mieten und nach Norden fahren würde. Eine schöne Tour durch Speyside und Highlands, Whiskytrail inbegriffen.
Während Kiran noch versuchte, etwas mehr Struktur und Etappenplanung in Horsts völlig inakzeptable Herangehensweise zu bringen, hatte sich Alistair Campbell, ein weiterer Stammgast und Freund, an den Tisch gesetzt und mit Roellinghoff angestoßen. Innerhalb einer halben Stunde hatten die beiden, wie es alte Männer zu tun pflegen, sämtliche Aspekte der Roellinghoffschen Nichtplanung elegant über den Haufen geworfen und drei Kneipenstationen inklusive Schlafgelegenheit von „alten Kumpels“ auf eine Serviette geschrieben. Dann hatte Alistair einen ernsten Ton angeschlagen und sich Kiran zugewandt.
»Hör mal, Junge. Du musst mir einen Gefallen tun.«
Etwas in Alistairs Miene ließ die aufkommende Antwort verpuffen. Stattdessen erwachte der Analytiker in Kiran, er hörte aufmerksam zu, und so endete der Urlaub, noch bevor er angefangen hatte.
Wie sich herausstellte, hatte Alistair einen lange anstehenden Operationstermin, sehr unerfreulich, weil ernsthaft und dementsprechend teuer. Deshalb war er weder terminlich noch physisch in der Lage, einen anderen ebenso wichtigen Termin wahrzunehmen, bei dem es um die finanzielle Existenz ging.
Alistair war pensionierter Geschäftsmann, weit herumgekommen, hatte in Hongkong ein Vermögen erwirtschaftet und sich in Berlin niedergelassen, von wo aus er seinen angehäuften Reichtum auf Reisen, in Restaurants und im Lloyd’s verprasste. So dachten zumindest alle.
Tatsächlich war ein nicht unwesentlicher Teil seines Geldes in die Lachsfarmen seines Heimatortes geflossen. Über die Jahre war Dalchranmore dank Alistairs klugem Wirtschaften und dem handwerklichen Geschick seiner Verwandten und Freunde zum Wallfahrtsort der Lachsfischerei in der Region Highland geworden. Ein paradiesisches Qualitätsbiotop, das irgendwann die Aufmerksamkeit eines Raubtiers geweckt hatte.
Kevin McDonnell, reich, Amerikaner mit angeblich schottischen Ahnen und Vorsitzender irgendeiner Investmentgruppierung, hatte sich dazu entschieden, den Bauern im Land seiner Vorfahren mal zu zeigen, wie Wirtschaften wirklich funktioniert. Und so war er samt Hofstaat in mehreren Hubschraubern gelandet und hatte mit der Invasion begonnen.
Zunächst hatte er den Golfclub und einige der Honoratioren für sich eingenommen, den finanziell Schwächsten mitsamt Schloss aufgekauft und innerhalb von drei Monaten rund dreißig Prozent der umliegenden Lachsfischerei an sich gebracht. Dabei, so hatten Alistairs entrüstete Partner berichtet, war es selbst für abgehärtete Schotten mit eher mittelalterlichen Methoden zugegangen.
Nun stand das feindliche Heer vor Dalchranmore, Heimat und wirtschaftliche Ägide von Alistair, der ins Krankenhaus musste und daher Hilfe brauchte. Die ersten Partner und Familien waren bereits von amerikanischen und einheimischen Rüpeln bedroht, ein erstes Übernahmeangebot beim Anwaltskonsortium in Inverness eingereicht worden, das Ganze garniert mit einer Frist von vierzehn Tagen. Es blieb laut Alistair nur eine Möglichkeit: Kiran musste als zeichnungsberechtigter Vertreter Alistairs die Verhandlungen führen. Oder besser, dem Gegner mit Anlauf in den Allerwertesten treten und ihm klarmachen, dass er diesen Fight gegen die Einheimischen nicht gewinnen würde.
Horst Roellinghoff, der den Ausführungen mit zunehmender Sympathie zugehört hatte, war fröhlich aufgesprungen, hatte Alistair und Kiran krachend auf die Schulter gehauen und eine Runde Glenmorangie bestellt. Kiran hatte sich innerlich von seinem Urlaub verabschiedet und sinniert, warum ausgerechnet er immer auf Menschen traf, die Arbeit und Konfrontation als Entspannung betrachteten.
Drei Tage später war man in Inverness eingetroffen, hatte bis zum Abend alle juristischen Formalitäten erledigt und sich zur Lachsfarm von Alistair begeben, wo der Vetter mitsamt der Beleg- und Verwandtschaft des Campbellschen Umlands bereits gewartet hatte.
Als Fallanalytiker beim BKA war Kiran ein Experte in Analyse, Planung und Durchführung von Ermittlungen. Dank seiner Ausbildung in Jugendzeiten und später in Quantico galt das Gleiche für gewalttätige Auseinandersetzungen. Dennoch war er überrascht, wie steinzeitlich die Einschüchterungsmethoden von McDonnells Schergen waren. Deshalb gebot er den empörten und daher nicht minder aggressiv auftretenden Rittern des Campbell-Clans Einhalt und empfahl ihnen eine andere Strategie. Diese wurde von den hocherfreuten Schotten mit viel Liebe zum Detail umgesetzt, und bereits vier Tage später hatte man Kiran ins Innere des McDonnell-Schlosses gebeten.
»Also was sind Sie jetzt? Anwalt oder Abgesandter Ihrer Mami? Und sind Sie überhaupt deutsch? Sie reden wie ein verdammter Cavalier.«
»Wie ich schon sagte, Mr. McDonnell, ich habe diverse Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt.«
McDonnell kniff die Augen zusammen. »Aber Anwalt sind Sie keiner, auch wenn Sie so reden. Irgendwie wirken Sie auf mich eher wie einer dieser Langleyboys.«
»Da liegen Sie gar nicht so falsch …«
»Heißt das, Sie haben diese Bauern hier angestiftet, meine Männer in eine Falle zu locken und verhaften zu lassen?«
»Ihre Männer, Mr. McDonnell, haben Landfriedensbruch begangen. Darüber hinaus liegen audiovisuelle und forensische Beweise für gewalttätige Übergriffe vor.«
»Audio, forensisch, wie, was sind Sie, ein gottverdammter Fed?«
Kiran seufzte, diesmal hörbar. »Okay, noch mal. Mein Name ist Kiran Mendelsohn, ich bin Profiler und Senior Agent beim BKA, dem deutschen FBI. Hier bin ich nicht in offizieller Funktion, sondern als legitimierter Vertreter von Alistair Campbell und stehe für sein gesamtes Konsortium.«
»Sie, ein verdammter Cop, vertreten Campbell?«, brach es aus McDonnell hervor.
»Ganz richtig. Und das bedeutet für Sie zweierlei, Mr. McDonnell. Zum einen werden wir jeden Ihrer gewalttätigen Mitarbeiter von jetzt an mitsamt Beweismaterial direkt an die Behörden ausliefern, genau wie Ihre drei Eintreiber aus Queens.«
»Ihre Leute haben den letzten verdammt noch mal durch die Mangel gedreht. Und da soll so ein blonder Kung-Fu-Heini mitgemischt haben, das waren doch Sie, oder nicht?«
»Ich sehe, Sie verstehen, wovon ich rede. Kommen wir zum zweiten Punkt. Ich bin auf beiden Seiten des Ozeans ebenso gut vernetzt wie Sie, Mr. McDonnell. Sollte mir die Geduld ausgehen, werde ich all meine Beziehungen nutzen und von meinen Virginia Farmboy-Freunden den allerkleinsten Dreck ausgraben lassen, der an Ihren Schuhen klebt. Nach allem, was mir über Sie zu Ohren gekommen ist, wird das speziell in Ihrem Countryclub in Connecticut die reinste Freude werden.«
»Sie wollen mir drohen?«
»Ich empfehle Ihnen, das wirtschaftliche und geografische Areal von Alistair Campbell und ganz Dalchranmore von jetzt an in Ruhe zu lassen, nachdem Ihre finanziellen Angebote abgelehnt worden sind. Alles Weitere, speziell die Methoden Ihres Schlägertrupps, wird zu nichts anderem führen als Schmerzen, Anklagen, Kautionen, Anwaltskosten, schlechter Publicity und so weiter. Sie merken, worauf ich hinauswill?«
»Du beschissener, kleiner …«
Es klingelte wieder, Marleen von Bauer, Garn & Dyke. Bolkos Klingelton. Kiran hob die Hand und stand auf.
»Was ist, Bolko? Ich weiß, London. Bin heute noch auf dem Weg, ich ruf dich gleich zurück. Schick mir inzwischen die Details, hat Halbach vergessen.«
Kiran wandte sich wieder dem inzwischen dunkelrot angelaufenen Amerikaner zu.
»Sorry, Mr. McDonnell, die Pflicht ruft. Also, wie ich schon sagte, benehmen Sie sich, auch wenn Ihr Präsident und Burschenschaftsbruder das anders sieht, und erkennen Sie die Grenzen an, die Ihnen die Einheimischen und europäisches Recht hier setzen. Höre ich von einer einzigen Rechtsübetretung, komme ich wieder und sacke Sie mitsamt Ihren Schlägern ein und verfrachte Sie im Laderaum zurück in die Heimat, ist das klar?«
McDonnells Augen waren in den verkniffenen Fleischfalten verschwunden, die Worte aus dem kleinen Mündchen eher ein Zischen.
»London, eh? Große Stadt, schlechte Polizei und verdammt viel Gesocks da. Seien Sie vorsichtig, Mr. Mendelsohn. Seien Sie vorsichtig …«
Detective Sergeant Gwe n Caulfield stand in der Pathologie und starrte ihr Gegenüber misstrauisch an.
»Wer sind Sie noch mal?«
Der Mann hielt seinen Ausweis immer noch hoch und wiederholte sich höflich, obwohl sie ihn beim ersten Mal schon verstanden hatte.
»Detective Chief Inspector Paul Saunders von der National Crime Agency, ich …«
»Ihr seid die Jungs, die organisierte, digitale und echte Schwerverbrecher jagen, also alles, was Spaß macht.«
»Korrekt. Wir bearbeiten auch Todesfälle von Ausländern, so wie diesen hier. Ich möchte Ihnen dazu meine Hilfe anbieten, DS Caulfield«, sagte Saunders mit gewinnendem Lächeln.
»Wie, Sie wollen mir den Fall nicht wegnehmen?«
»Keinesfalls. Mein Chef, Superintendent Castlemere, hat mich geschickt, weil es laut Befund einen ähnlichen Fall zu geben scheint.«
»Befund, welcher Befund? Wir sind doch gerade erst …«
»Genau«, unterbrach sie der Coroner säuerlich. »Falls jemand Interesse hat, die Ergebnisse aus berufenem Mund zu hören, könnten wir dann vielleicht anfangen?«
Die beiden Detectives nickten ergeben.
»Gut. Das hier ist Rolf Anstetter, 38 Jahre, deutscher Staatsbürger. Kollabierte laut Bericht der Kollegin Caulfield gestern Abend vor dem Limetree Pub in Totteridge, daher ist auch die CID Barnet zuständig. Oder jetzt auch ihr von der NCA. Todesursache Herzinfarkt. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs.«
Er fuhr fort, bevor die beiden fragen konnten. »Das hier habe ich so erst einmal gesehen. Die gleiche Todesursache, die gleichen abnormen Blutwerte, allerdings bei einem komplett zerschmetterten Körper. Der Mann hier ist nur umgefallen und daher gut erhalten. Und wie gesagt, das Ganze ist sehr eigenartig.«
Er deutete auf seinen Monitor, auf dem das Röntgenbild des Brustkorbs und eine komplizierte Tabelle zu sehen waren.
»Also, was wir hier sehen, ist das Herz nach einem Infarkt. Das alleine wäre normal, Herzrasen, Herzflimmern, Stillstand, Exitus. Der Mann hatte aber zusätzlich dazu schwerste Blutungen in Lunge und Magen, das Ganze steigerte sich und endete mit einem veritablen Hirnschlag. Beides zusammen, Infarkt und Schlaganfall, kann vorkommen, ist aber sehr selten und bei einem durchtrainierten und nichtrauchenden Mann dieses Alters so gut wie unmöglich. Addieren Sie zu all dem noch diese immensen Blutungen, dann ist das etwa so, als ob man Ihnen in den Kopf schießt und Ihnen gleichzeitig die Kehle durchschneidet, während Sie überfahren werden.«
Caulfield hatte sich die Tabelle angesehen. »Sie haben seine Adrenalinwerte rot angestrichen. Sind die zu hoch?«
»Allerdings. Adrenalin wird natürlich in hohen Mengen ausgeschüttet, wenn man zwei Infarkte gleichzeitig hat und stirbt. Diese Ausschüttungen aber haben vor den Infarkten, ziemlich sicher sogar vor den ersten Symptomen begonnen, und zwar in einer vollkommen unnatürlichen Höhe.«
Saunders trat näher an den Tisch und betrachtete den Toten. Rolf Anstetters Gesicht war ein einziger versteinerter Krampf. »Verstehe ich Sie richtig, der Mann hatte also keine üblichen körperlichen Auslöser für den Infarkt, stattdessen eine enorm hohe und sehr untypische Adrenalinausschüttung? Woher?«
»Das ist die Preisfrage. Ich habe keine zugeführten Wirkstoffe gefunden, auch keine Abbauprodukte. Zumindest keine, die in den gängigen Tests vorkommen.«
»Also kein Gift?«, fragte Caulfield.
»Nichts feststellbar. Oder keines, das wir kennen.«
Saunders blickte Caulfield an, dann bedankte er sich bei dem Pathologen und bedeutete seiner Kollegin, ihm zu folgen. Der Weg aus dem Irrgarten der Labore der Metropolitan Police war elend lang, schließlich konnte sich Caulfield nicht mehr beherrschen.
»Saunders, Sie und der Pathologe sagen, es gab noch ein Opfer mit der gleichen unorthodoxen Todesursache?«
»Exakt. Mein Chef hat mich gebeten, Sie in der Pathologie der Met zu treffen und dann zu uns in die NCA mitzunehmen, damit wir die Fälle vergleichen und uns abstimmen können.«
»Langsam, ich muss das erst mal mit meinem Chef besprechen, der ist alles andere als ein Abstimmer.«
Saunders lächelte seine Kollegin entspannt an. »Der Commissioner hat Ihren Chief Superintendent Berenson bereits informiert. Sie können ganz entspannt mit uns plaudern.«
Caulfield hob die Augenbrauen. »Der Chef? Na dann …«
Director of Investigations Lord John Castlemere erhob sich, umkurvte seinen Schreibtisch und schüttelte Caulfield herzlich die Hand.
»Sie sind also Gwen Caulfield, sehr erfreut, Sie endlich kennenzulernen. Und gutes Timing.«
Caulfield lächelte zurück und nickte, Saunders schaute etwas verdutzt drein.
»Dazu kommen wir gleich, Paul. Jetzt erst mal die Fakten. Also, was habt ihr, was ich noch nicht weiß?«
Saunders gab zu Caulfields Erstaunen keine Details aus dem Bericht, sondern nur die Kommentare des Pathologen wieder. Castlemere nickte jedoch, als ob eine Ahnung bestätigt worden war. Dann lehnte er sich zurück und blickte kurz aus dem Fenster auf die Themse und das Panorama am gegenüberliegenden Ufer, bevor er sprach.
»Gut. Zuerst die Formalitäten. Paul, Gwen Caulfield hier hat sich vor zwei Monaten bei uns als Detective und Anwärterin auf den Inspector beworben. Gwen, ich darf Sie doch so nennen? Ich bin John, das ist Paul. Gwen, Ihre Bewerbung war eigentlich nicht erfolgreich gewesen, weil sie dank unserer wundervollen englischen Zukunftsplanung wegen knapp gehaltenen Personalresourcen abgelehnt wurde. Jetzt aber, nicht nur wegen Ihrer Mit-Zuständigkeit in dieser Ermittlung, sondern auch wegen meiner persönlichen Einschätzung und Entscheidung ist sie durch. Wir brauchen hier Leute wie Sie oder Paul, aufs Budget pfeife ich da, beziehungsweise das ist das Problem meiner Chefin. Ich habe einen Gefallen eingelöst und das gerne. Mit anderen Worten, Sie können bei uns anfangen, dies wird Ihr erster Fall. Was sagen Sie?«
Caulfield blickte völlig verwirrt, unsicher und zugleich glücklich drein. Schließlich kam ein etwas ersticktes »Sir, ja, ich, ähm …«
»John. Sir auf dem Flur und in den Räumlichkeiten. In diesem Büro, auf dem Sportplatz und im Pub John. Willkommen im Team!« Er stand auf, grinste sie fröhlich an und gab ihr erneut die Hand.
Saunders, zuerst nicht minder verwirrt, hatte sich schneller gefangen als seine neue Kollegin, offenbar war er derartige Überraschungen gewohnt. Auch er schüttelte Caulfield herzlich die Hand.
Castlemere hatte sich hingesetzt und seinen Monitor umgedreht, er zeigte das Bild und die Akte eines sehr attraktiven jungen Mannes.
»Das ist Stefan Kramer. 32 Jahre, wie das Opfer in Barnet ebenfalls deutscher Staatsbürger und in London wohnhaft. Beide Opfer sind also in den besten Jahren, kerngesund, mit extrem gut bezahltem Job hier und extrem plötzlich unter anderem per Infarkt aus dem Leben geschieden.«
»Also war Kramer auch kein Herzinfarktskandidat? Und wieso unter anderem?«, fragte Caulfield.
Castlemere nickte. »Eben. Sein Tod ist weitaus komplizierter. Er war Analyst in einer der führenden Investment- und Brokerfirmen im Financial District. Ganz hohe Schule. Und in seinem Bereich wohl ein absoluter Rockstar. Hat irgendeine Megasoftware entwickelt, die Trends vorhersehen konnte. Ging dann aber schief. Es hieß, er hätte dran gedreht, Geld wegen Drogenproblemen und Schulden veruntreut und ist dabei erwischt worden. Als ihn unsere Leute von der Wirtschaftsabteilung abholen wollten, ist er aufs Dach gestiegen und gesprungen. Klassisch, könnte man sagen. Wären da nicht die abnormen Blutwerte und das Verdikt unseres Pathologen. Offiziell ist Kramers Abgang ein Suizid. Aber fragen Sie sich selbst: Wenn Sie einen Infarkt haben, hüpfen Sie dann vom Dach?«
Caulfield begann, mit der schwarzhumorigen Lockerheit dieses Lords warm zu werden. Sie hatte einiges von ihm gehört, wenig davon schmeichelhaft. Aber dann war der Flurfunk in der Metropolitan Force nie wirklich nett, schon gar nicht, wenn es um die Upper Class ging. Die wenigen professionellen Ratgeber hatten aber alle das Gleiche gesagt: „Geh hin, Mädel. Wenn dich einer pushen kann, dann Castlemere.“ Und nun saß sie hier, ihr wurde warm ums Herz. Castlemere hatte inzwischen weitergesprochen.
»… mit dem Kollegen Saunders. Folgendes: Dies ist das zweite deutsche Opfer in einer Sache, die mich schon länger interessiert. Daher können wir jetzt offiziell aktiv werden, weil das ein internationaler Fall ist, also unser Terrain. Ich habe schon mit meiner Kollegin vom Bundeskriminalamt in Berlin telefoniert. Birte Halbach, tolle Frau. Eine Stimme wie Marlene Dietrich, soll auch ein ähnliches Temperament haben. Egal. Also, ich habe jemanden aus ihrem Team angefordert. Lustigerweise ist der bereits auf der Insel, in Schottland. Das heißt, er war da und ist schon auf dem Weg zu uns. Saunders, Sie holen den Mann ab, der Name ist Kiran Mendelsohn, Ankunft King’s Cross in anderthalb Stunden.«
»Mendelsohn, ist das der deutsche FBI-Profiler, der sich mit den Russen angelegt hat?«
»Genau der, hat in Quantico studiert, spricht fließend und hoffentlich kein allzu amerikanisches Englisch. Ein sehr interessanter Kollege. Eher buddhistisch, andererseits laut Gerüchteküche mit einer Ausbildung, die der SAS nicht besser hinbekäme. Aber wie gesagt, der Mann ist laut meinen Informationen friedlich, sehr nett und kollegial, also kein Grund zur Beunruhigung.«
Caulfield schielte zu Saunders, der die Neckerei aber locker zu nehmen schien. Cas-tlemere war noch nicht fertig.
»Gwen, Ihr Reisepass ist gültig? Gut. Sie starten gleich durch. Die Witwe unseres aktuellen Opfers, Frau Anstetter, ist vor drei Wochen mit den Kindern nach Deutschland zurückgekehrt. Sie hat sie von einem Tag auf den anderen von der Schule geholt, mitten im Schuljahr, und das von einer sehr teuren internationalen Schule. Ich will wissen, warum. Sie fliegen in zwei Stunden nach Hamburg, dort wird Sie Mendelsohns Kollege, ein Bolko Blohm, in Empfang nehmen und mit Ihnen zur Witwe fahren. – Fragen?«
Caulfield schwirrte der Kopf. Das aber, wie sie erstaunt feststellte, vor Glückseligkeit. Hier lief alles ab wie beim Sprint. Und sie genoss es, nachdem sie die entnervende Langsamkeit im CID oft zur Verzweiflung getrieben hatte. Sie schüttelte den Kopf, stand auf und folgte Saunders nach draußen.
Sie gingen durch den Flur, Saunders tippte etwas in sein Handy und öffnete die Tür zur Terrasse.
Die Aussicht war herrlich. Das Gebäude der NCA lag unweit des östlichen Themse-Ufers gegenüber dem Milbank. Entlang der Themse blickte man nach Norden auf Westminster Abbey, Aquarium und London Eye, geradeaus auf das Tate Museum. Es war, als ob sie aus dem Moloch in einen Garten getreten war.
»Ging mir beim ersten Mal auch so. Man beginnt ein neues Leben.«
»Waren Sie da so cool, wie Sie jetzt aussehen?
Saunders lachte. »Nein. Ich hatte vom Lord eher Schlechtes gehört und mir ziemlich ins Hemd gemacht. Er hat am Anfang auch nichts getan, um diesen Eindruck zu verwischen. War Absicht, er wusste, wer mir diesen Bullshit gesteckt hatte. Ich bin zwei geschlagene Monate lang verarscht worden, bis er mich Paul nannte. Sie mag er auch. Und das reicht für uns alle hier.« Er grinste Caulfield an.
»Ich bin ehrlich gesagt kein Mensch für diese totale Lockerheit. Entschuldigung, das geht auch alles etwas schnell.«
»Schon klar. Sie gewöhnen sich dran, keine Bange. Und jetzt machen wir einen kurzen Abstecher zu den Rolling Stones. Das soll ich noch mit Ihnen machen, bevor wir losfahren.«
Sie gingen ins Haus und ein Stockwerk tiefer. Flure und Büros sahen unscheinbar und gar nicht nach der Behörde aus, in der laut den Londoner Detectives von der Metro-politan die Musik spielte. Aber dann war der äußere Schein auch meist nichts wert, wie Gwen nur zu gut wusste.
Saunders führte sie in ein Büro, an dessen Tür das übergroße Logo der Stones klebte.
Drinnen saßen zwei blutjunge Kerle an Computern mit monströsen Bildschirmen. An einem leeren Tisch, nur bestückt mit einem überlangen halbrunden Flachfernseher und schmaler Designtastatur, saß die wohl schönste Frau, die Caulfield je bei der Polizei gese-hen hatte. Sie blickte auf, als sie zu ihr traten.
»Darf ich vorstellen, DCI Jane Wyman, gerüchteweise verwandt mit Bill Wyman von den Stones, daher der Name ihres Departments. Jane, das ist DS Gwen Caulfield.«
»Ah, die taffe Lady aus dem Norden.«
Caulfield blickte in meergrüne Augen und lächelte etwas verunsichert. »Irgendwie scheint mich hier jeder zu kennen.«
Jane lachte. »Meine Schuld, Süße, ich habe dich auseinandergenommen und profiliert. Der Chef war beeindruckt. Willkommen im Club.«
Saunders kam zur Sache. »Jane, Castle sagt, du sollst uns briefen?«
»Nicht ganz, eher inoffiziell mündlich unterrichten. Was wir untersuchen und woran ihr arbeitet, hat ein kleines Vorspiel. Es scheint wohl so, dass es in Greater London in den letzten zwei Jahren ein paar Todesfälle gegeben hat, die ähnliche Merkmale aufweisen wie eure beiden Krauts. Ich habe mit dem Autopsiebericht heute Morgen die Order erhalten, alles Datenmaterial dazu abzugrasen. Ich weiß also momentan genauso viel oder wenig wie ihr beiden.«
»Und wozu dann ein Briefing?«, fragte Caulfield
»Wir zwei werden uns gut verstehen. Das Briefing ist meine persönliche Einschätzung: Wir ermitteln jetzt offiziell in einer Sache, in der wir vielleicht schon früher hätten ermitteln sollen, das aus irgendwelchen Gründen aber nicht getan haben. Fragen Sie nicht, auf diese Frage gibt es hier nie eine Antwort, es sei denn, Lord John gibt sie, was er selten tut. Also, Augen auf im Straßenverkehr. Meiner Meinung nach sind wir mehr-gleisig unterwegs.«
»Mehrgleisig?«
»Wir bewegen uns in Bereichen, die andere Dienste betreffen könnten«, erklärte Saunders.
Wyman nickte. »Habt ihr nicht von mir. Und noch was. Gleis ist vielleicht die falsche Metapher. Ich habe so ein Gefühl, als kommt da irgendwann auch Gegenverkehr.«
Kiran lief den Bahnsteig entlang und blickte sich erfreut um. King’s Cross Station, hier war er zuletzt als Teenager gewesen. Die alten Bahnsteige mit den hohen runden Glasdächern strahlten immer noch diese Ehrwürdigkeit traditionellen Reisens aus. Der Zugfan in ihm hatte die Reise von Inverness in jeder Hinsicht genossen, obwohl sein Urlaub im Eimer war. Auch Horst Roellinghoff war keinerlei Kummer anzumerken, ganz im Gegenteil. Der alte Herr wirkte eher, als ob die Ferien erst richtig losgingen.
Ein Mann trat auf sie zu und grüßte. »Mr. Mendelsohn? Paul Saunders von der NCA, willkommen in London.«
Kiran blickte in das freundliche Gesicht eines Kollegen etwa im gleichen Alter. Ein schmales Antlitz mit feinen Zügen, die Augen klar und konzentriert. Seine leicht angegrauten Schläfen verliehen ihm etwas Aristokratisches, wozu die junge Stimme jedoch nicht ganz passen wollte. Alles in allem wirkte Saunders wie ein sehr sympathischer Mensch, dem Kiran mit einem guten Gefühl die Hand gab.
»Das ist mein Freund Horst Roellinghoff, ein pensionierter Kollege.«
»Ich weiß«, entgegnete Saunders zu Kirans Verblüffung. »Sehr erfreut, Mr. Roellinghoff, Lord Castlemere lässt ausrichten, dass Sie um acht mit Harvey Forsythe im Bag Club verabredet sind.«
Kiran verstand nur Bahnhof. »Wo?«
»Erkläre ich dir später. Vielen Dank, Mr. Saunders«, antwortete Roellinghoff in per-fektem Oxford-Englisch. »Setzt ihr mich in Kirans B&B ab?«
Saunders wollte die beiden zuerst von einem Bed & Breakfast abbringen, änderte aber seine Meinung, als er vor dem Haus anhielt. Kirans mit Akribie ausgesuchte und jahrelang frequentierte Logis lag in Marylebone. Das Sheep Flock war eine spannende Kombination aus Hotel und Kneipenrestaurant, die sich mit feinem Understatement bescheiden als Bed & Breakfast verkaufte. Roellinghoff verabschiedete sich mit erwartungsvoll strahlenden Augen, und die Fahrt ging weiter nach Süden, durch Westminster und am Embankment entlang. Kiran genoss die vertrauten Sehenswürdigkeiten, dann wandte er sich an seinen englischen Kollegen, mit dem er bislang nur Small Talk gehalten hatte.
»Okay, wer ist Harvey Forsythe und was, bitte, ist der Bag Club?«
Saunders musste lachen. »Ihr alter Herr ist auch so ein Geheimniskrämer? Hat Ihnen auf der langen Zugfahrt nichts erzählt? Na, ich will helfen, wo ich kann. Forsythe ist eine Legende beim Scotland Yard. Dem alten Yard, wohlgemerkt. Hat den Laden durch die schlimmsten Krisen gefahren und in der Sicherheitskatastrophe Ende der Neunziger den Kopf hingehalten, obwohl alle wussten, dass er den eigentlich verantwortlichen Volltrottel aus Whitehall schützte. Hat ihn die anstehende Ritterschaft gekostet. Typisch für die Oberklasse. Alle wissen, dass er denen den Arsch gerettet hat, aber Sir durfte er dann doch nicht werden. Ist ihm aber relativ egal, denn im Bag Club ist er der Grandmaster. Manche sagen, er hat mehr Macht in London als die Freimaurer.«
»Komischer Name, Bag Club«, bemerkte Kiran.
»Ist ein alter Begriff für Uniform, aber auch die Tasche mit den wichtigen Utensilien für die Streife. Cooler Name für den inoffiziellen und damit wichtigsten Gentlemen’s Club für uns Copper. Und im definitiv irrsten Clubgebäude der Stadt untergebracht.«
»Wo denn?«
»Oh nein, die Überraschung verderbe ich Ihnen nicht. Ich bin eher erstaunt, dass Ihr alter Freund so gar kein Wort darüber verloren hat. Wenn er Forsythe kennt, dann ist er ein ziemlich hohes Tier bei euch oder zumindest ein sehr alter Fahrensmann.«
Kiran nickte. »Kein sehr hohes Tier, aber der alteingesessene Löwe. Und mein Mentor.«
»Interessant. Forsythe ist der Mentor und ehemalige Boss von Castlemere. Ich muss sagen, die beiden haben mir einen winzigen Rest an Respekt vor dem Establishment gerettet. Kennen Sie Lord John Castlemere?«
»Ich habe einen herausragenden und extrem lustigen Vortrag von ihm auf der letztjährigen Tagung in Bologna gehört. Kennengelernt haben wir uns nicht, er war von Frauen umringt, bis hin zur Bar.«
»Das sieht ihm ähnlich. Ich nehme an, er hat Sie gebrieft? Und eigentlich können wir doch Kiran und Paul sagen, oder?«
»Auf jeden Fall. Ja, eure Kollegin Wyman hat mir ein sehr feines Memo geschickt. Klingt spannend. Und nicht ganz unkompliziert. Sie meinte, wir würden viel Spaß haben.«
»Ja, aber das hat sie, glaube ich, anders gemeint. Castlemere hat sie ins Briefing gebeten. Bis dahin hätte ich gerne mal deine Einschätzung, gewissermaßen aus der Ferne. Womit haben wir es hier zu tun, was meinst du?«
»Nicht ganz leicht. Zwei Opfer, beide kerngesund und im nächsten Moment per Infarkt gestorben. Beide haben einen hoch dotierten Job, der eine in der Topfinanz, der andere als Ingenieur in einer Windkanalentwicklungsfirma, also in beiden Fällen ist viel Geld im Spiel.«
»Windkanal? Das wusste ich gar nicht.«
»Ist dann wohl frische Info. Eine sehr verschwiegene Designerfirma, entwickeln wohl aerodynamische Oberflächen für große Kunden. In beiden Berufen gibt es also durchaus einen Grund, jemanden anzugehen. Geheimnisverrat durch Geld oder Erpressung. Oder auch Drogen, aber das passt weniger auf das zweite Opfer, einen Familienvater und Ingenieur. Seltsam. Warum hat der Fall bei euch die Warnlampen angehen lassen?«
Saunders zuckte mit den Schultern. »Ernsthaft, keinen Schimmer. Wyman hat ein mieses Gefühl und meistens recht damit. Wir, also die NCA, sind bisher an der Sache nicht oder nur kurz und dann auf einmal nicht mehr dran gewesen. Irgendwas ist da im Busch. Wird also sehr unterhaltsam. Vor allem, weil wir jetzt ein paar Krauts im Team haben. Das macht überall Laune. Ganz besonders bei der Losertruppe in Whitehall, die eure Regierung gerade so richtig gern hat.«
Er zwinkerte Kiran belustigt zu und bog mit Schwung in die Tiefgarage ein.
Kiran grinste zufrieden. Dies hier war auf jeden Fall ein sehr angenehmer Kollege. Keinesfalls ein Deutschenhasser wie beim letzten Mal. In Zeiten des Brexit hätte das noch weniger geholfen. Saunders hätte ein Zwillingsbruder seines Kollegen Bolko Blohm sein können. Der ließ auch keine Gelegenheit zum Lachen anbrennen.
Bolko fluchte innerlich, als er durch den Hamburger Flughafen sprintete.
Er hatte die Strecke von Berlin nach Hamburg in Rekordzeit zurückgelegt und seinen frisch inspizierten Jaguar XJS komplett ausgefahren, war aber trotz aller Tricks im Norden der Stadt in einen Stau geraten. Er kam an das Gate und stellte fest, dass der Flug ebenfalls Verspätung hatte und die Maschine gerade erst gelandet war. Prima, kein schlechter erster Eindruck.
Eine halbe Stunde später kamen die Passagiere. Auch ohne Bild oder Beschreibung erkannte er Caulfield sofort. Sportliche Figur, starke Schultern, schmales Gesicht, helles Haar, sehr klare Augen, die schnell umhersuchten. Ihr Gang und die Körperhaltung verrieten sie. So lief nur jemand, der in körperliche Auseinandersetzungen verwickelt gewesen oder zumindest darauf trainiert worden war. Ihr Blick blieb auf ihm haften, sie entspannte sich und ging auf ihn zu.
»Hauptkommissar Blohm? DS Caulfield, Hallo.«
Kurz und knackig, auch hier keine Überraschung. »Guten Tag, DS Caulfield, willkommen in Hamburg. Gut geflogen?«
Sein Englisch kam fließend, und Caulfield entspannte sich sichtlich. »Ja, prima. Ein Glück sprechen Sie gut englisch, ich hatte mir Sorgen gemacht.«
»Kein Problem. Also, wir können entweder noch irgendwo einen Imbiss nehmen oder gleich zur Witwe von Rolf Anstetter. Sie wartet auf uns und ist den Nachmittag und Abend zu Hause.«
»Fahren wir gleich, essen können wir dann.«
Bolko nickte. Sie gingen ins Parkhaus, wo sein Wagen die ersten bewundernden Blicke, jedoch keinen Kommentar hervorrief. Sie stiegen ein und tauchten in den beginnenden Berufsverkehr ein. Caulfield blickte nachdenklich aus dem Fenster. Offenbar keine große Rednerin.
»Sie sind also von unserem englischen Pendant. Ich habe, ehrlich gesagt, nicht viel Ahnung von der NCA«, sagte Bolko, tapfer Konversation betreibend.
»Bin erst seit heute dabei.«
»Ach so? Spannend. Lassen Sie mich raten, Detective Constable bei irgendeinem CID, ewiges Warten bis zum Sergeant und danach in der Sackgasse eines schrumpfenden Polizeiapparats.«
Sie blickte ihn an. »Nicht schlecht. Sie auch?«
»Jein. Ich komme hier aus Hamburg. Lief gut, aber zu gut. Und immer brutaler. Ich wollte weg aus dem Sumpf, also nach Berlin zum BKA, ins Ausland, gegen internationale Gangster.«
»Und wie sind die so, die internationalen Gangster?«
»Genau wie die Zuhälter und Drogenbosse hier, nur besser gekleidet. Und gefährlicher.«
»Klingt immer noch brutal.«
Bolko lachte. »Ist es auch. Andere Fälle, verzwickter, aber die gleiche Mentalität dahinter. Wie diese Sache hier. Haben Sie eine Idee, oder wie viel hat man Ihnen erzählt?«
Caulfield lächelte etwas und erzählte ihre Geschichte, vom Morgen in der Pathologie über das Treffen in der NCA, ihrem unerwarteten Wechsel und dem Briefing bei Castlemere.
Bolko nickte, während er elegant einem Laster die Vorfahrt nahm. Er überholte einen abbiegenden Linienbus rechts und beschleunigte auf die Autobahn. Keine Reaktion von der Beifahrerseite. Sehr gut. Schließlich erreichten sie Wohldorf-Ohlstedt. Das modernisierte Haus der Anstetters lag wunderschön im Grünen, trotz der relativen Nähe zur Hamburger City. Sehr schön und sicher sehr teuer, das Ganze.
Sie klingelten. Der Türöffner summte kaum Sekunden später. Sie traten ein und erkannten eine Gestalt am Ende des dunklen Vorraums. Claudia Anstetter hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen, ihre Augen waren starr und rot umrandet. Caulfield ging auf sie zu, fast zeitgleich sackte Frau Anstetter nach unten.
Bolko und Caulfield trugen die verzweifelte Hausherrin ins Wohnzimmer und legten sie auf das Sofa. Bolko ging in die Küche, während Caulfield beruhigend auf die zitternde Frau einsprach.
Bolko kam ins Wohnzimmer, in der Hand einen Becher mit heißer Schokolade. Caulfield nickte anerkennend. »Sie wurde heute Morgen von einer Polizistin unterrichtet, und das war’s. Die Kinder sind bei der Schwiegermutter in Kiel. Sie ist seit der Nachricht allein.« In ihrer Stimme war kein Vorwurf, eher Resignation. Für Mitleid und Hilfe gab es wohl auch bei der englischen Polizei kaum noch Personal.
Caulfield wandte sich an Frau Anstetter. »Ist es in Ordnung, wenn wir beim Englischen bleiben? Mein Deutsch ist nicht existent.«
Claudia Anstetter nickte schwach. »Natürlich. Bitte, was ist geschehen, haben Sie diese Scheißkerle?«
Keine Frage wer oder warum, direkt auf den Punkt. Bolko beschloss dennoch, darauf erst mal nicht einzugehen,
»Ihr Mann hatte vor einem Landgasthaus, dem Limetree in Totteridge, einen Infarkt. Das heißt eigentlich zwei, Herz- und Schlaganfall. Meine Kollegin Caulfield weiß darüber etwas mehr, sie war am Unfallort und beim Pathologen.«
Gwen öffnete den Mund, aber Frau Anstetter war schneller. »Blödsinn. Rolf war gesund, durchtrainiert, niemals hatte er einen Anfall, niemals!«
»Wir sehen das auch so. Trotzdem können wir einen Anfall nicht einfach ausschließen«, sagte Caulfield so behutsam wie möglich. »Gibt es in der Familie Ihres Mannes eine medizinische Historie?«
»Nein.«
»Verzeihen Sie, ich muss das fragen, Drogen oder irgendwelche aufputschenden Mittel? Stand Ihr Mann unter Druck oder Stress?«
»Stress? Die haben ihn fertiggemacht!«
»Wer sind die?«
»Seine Firma Wind-Labs, glaube ich.« Sie hielt inne, trank Schokolade, die ihr sich-tlich Kraft einflößte. Dann brach es aus ihr heraus.
»Rolf hat um seine Existenz gekämpft. Die wollten ihm die Schuld an einem verlorenen Projekt geben. Haben gesagt, er wäre nicht stressresistent, könnte nur mit Aufputschmitteln Leistung bringen. Lächerlich. Rolf ist geistig und körperlich topfit.«
Sie hielt inne, erkannte das falsche Wort. Aber sie fing sich, der Zorn war stärker. »Er war dabei, ein absolutes Novum zu gestalten, es war sein Traumprojekt, das Labor und der Windkanal sind die besten in Europa. Niemals hätte er das riskiert. Und er hätte niemals Drogen genommen. Nicht Rolf.«
»Warum hat man ihn beschuldigt, gab es Beweise?«
Claudia Anstetter zuckte mit den Schultern. »Er sagte, nein. Die haben ihm Druck gemacht. Er hat es nicht mehr erwähnt, aber ich habe ihn mal am Telefon gehört. Es sind wohl geheime Forschungsdaten weggekommen. Aber das hat ihn nicht sehr beunruhigt, er war eher sauer. Dann kamen Leute zu uns, die waren fies. Rolf war so tapfer, aber wir bekamen beide Angst.«
»Man hat Ihnen Angst gemacht? Haben Sie deshalb Ihre Kinder hierher zurück nach Deutschland gebracht?«
»Es war furchtbar. Einer sah aus wie ein Soldat und hatte so einen harten Gesichtsausdruck. Und hat Rolf gesagt, dass er die Abfindung kassieren und gehen sollte. Rolf hat nicht im Traum daran gedacht. Das fanden die nicht gut. Die haben immer weitergemacht, angerufen, E-Mails und Nachrichten geschickt. Standen an der Schule. Ich bin dann mit den beiden Mädchen hierher zurück.«
»Ohne Ihren Mann?«
»Rolf wollte heute nachkommen. Er hatte ein Treffen mit jemandem, der ihm helfen wollte.«
»Hat er gesagt mit wem?«
»Nein. Er war so kurz angebunden am Telefon. Ich bin wütend geworden. Er hat gesagt, er trifft ihn am See, dann kommt er. Ich hab ihn angeschrien. Das Letzte, was er von mir gehört hat, waren Anschuldigungen. Mein Gott …« Sie brach zusammen. Das Aufheulen kam wie eine Eruption, ihr ganzer Körper zuckte unter den Weinkrämpfen. Caulfield nahm sie in den Arm und blickte Bolko an.
Der hatte eine Idee, ging hinaus und rief eine alte Kollegin und Psychologin bei der Hamburger Kripo an. Sie versprach, in einer Stunde vorbeizukommen.
Claudia Anstetter hatte sich wieder auf dem Sofa zusammengerollt. Aus den Krämpfen war nach und nach stilles Schluchzen geworden, dann war die erschöpfte Frau eingeschlafen. Bolko und Caulfield verzogen sich in die Küche und warteten auf die Psychologin.
Zwei Stunden später starrte Caulfield auf zwei Teller, die soeben serviert worden waren. »Und das ist eine Hamburger Spezialität?«
»Aber ja. Das eine ist Labskaus, hat eine lange Tradition bei uns, das andere Pannfisch.«
»Sieht beides ziemlich übel aus. Als Engländerin sollte ich da aber vielleicht eher ruhig sein.« Caulfield begann mit dem Labskaus und blickte erstaunt auf. »He, das ist gut.«
Bolko grinste erleichtert. »Klar. Wie bei fast allem täuscht der äußere Eindruck. Genau wie bei euch zu Hause.« Er hob das Glas. »Bolko. Und, äh, Gwen oder Gwendo-line?«
»Gwen«, kam es entschieden zurück. »Eines der Dinge, die ich meinem Alten nie vergeben werde. Was für ein Name ist Bolko?«
»So deutsch wie polnisch. Kein Hintergedanke, mein Vater mochte den Namen. Es gibt schlimmere.«
Caulfield nickte. »Dein Kollege ist seit heute in London. Kiran Mendelsohn, das ist definitiv ein komischer Name. Weißt du, ob die was herausgefunden haben?«
Bolko schüttelte den Kopf. »Sie haben niemanden befragt, es gibt wohl jetzt ein Briefing mit einer Ermittlerin von der NCA. Mehr weiß ich nicht. Kiran wird sich melden, wenn er mehr weiß.«
»Ist das auch so ein hochgestochenes Jungchen mit Spezialausbildung? Klang irgendwie so. Du bist da anders, eher von der Street-Force wie ich.«
Das war Bolko auch schon aufgefallen. »Sicher. Ich hatte den klassischen Weg. Streife, Kripo. Und dann irgendwann ein Angebot von der Grande Dame des BKA.«
»Stimmt. Ihr habt eine Chefin. Stelle ich mir einfacher vor.«
»Für dich vielleicht, keine Ahnung. Aber Birte Halbach ist alles andere als einfach. Wirst du nachher sehen, wir treffen sie noch heute Abend.«
»Ich dachte, die sitzt in Berlin.«
»Tut sie auch. Wir fahren nach dem Essen. Die Besprechung scheint wichtig zu sein, sonst lässt sie sich mehr Zeit.«
»Was denkst du, was läuft hier? Und wie passt der Finanzmensch da rein?«
»Ganz ehrlich, keine Ahnung. Es kann mit dem Job zu tun haben. Sieht momentan eher danach aus, als ob beide mit fiesen Jungs zusammengestoßen sind. Aber dann klingt das nicht wie die üblichen Torpedos von Drogendealern. Es sei denn, da ist eine neue und sehr teure Droge unterwegs. Trotzdem ist der Exitus eher krass.«
Caulfield nickte. »Kann natürlich auch Gift sein. Das würde erklären, warum alle so geheimnisvoll tun und so nervös sind bei uns in London.«
Das ergab durchaus einen Sinn. Der Giftmord von Salisbury war noch taufrisch im öffentlichen britischen Bewusstsein. Selbst wenn die Beweisführung der britischen Regierung eher bemitleidenswert war, Auftragsmord durch professionelle Vergiftung war derzeit ein sehr empfindliches Thema in England.
Bolko zuckte mit den Schultern. »Wir werden sehen, was meine Kollegen über den Banker erfahren haben. Bis dahin ist aber noch Zeit für ein Bierchen.«
»Du hast schon zwei. Habt ihr deutschen Copper kein Alkoholverbot?«
»Doch, schon«, meinte Bolko und rief die Bedienung.
Die kleine Kammer lag im Dunkeln.
Die einzige Beleuchtung kam von den zwei Computermonitoren, auf denen Zahlenkolonnen senkrecht aneinander vorbeirasten, Bilder verschiedenster Überwachungskameras im Zeitraffer vorspulten, Perspektiven und Orte wechselten und ineinander überblendeten und Polizeiakten durchsucht wurden.
