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Wir treffen uns am frühen Abend in einem Restaurant. Es liegt ziemlich genau zwischen den beiden Städten, in denen wir wohnen. Ich warte, bin etwas zu früh.
Es ist dunkel in der Grünanlage.
„Na, es ist ja auch Anfang März“, schießt mir durch den Kopf, „da ist es immer noch dunkel um diese Zeit. Was will ich denn da sehen?“
Dennoch versuche ich durch eines der großen Fenster zu schauen, drehe den Kopf über meine Schulter nach hinten rechts und blicke in skurril wirkendes, nacktes Geäst kleiner Bäumchen, die durch die Innenbeleuchtung matt beschienen aus der Dunkelheit hervortreten. Graue Eminenzen, die bei der kleinsten Bewegung meines Kopfes wie ertappt wieder zurücktreten.
Nur der Weg zum Parkplatz ist hell beleuchtet. Die entfernt und gegenüber dem Fenster, an dem ich reserviert hatte und nun saß, liegenden Fenster geben spartanisch, aber dennoch imposant den Blick frei auf leuchtend weiße Pflastersteine. Sie markieren den Weg vom Parkplatz zum Eingang des Restaurants. Die Steine wirken von hieraus wie morgens gescheuert. Halbhohe Buchsbaumhecken säumen und begrenzen den Weg, der durch raffiniert verdeckte Lichtquellen erleuchtet wird.
„Wie sieht der Garten nun aus?”, frage ich mich, obwohl ich genau weiß, da ist sonst nichts weiter zu sehen als das gerade an Eindruck erhaschte. Die Erinnerung vom letzen Sommer und Herbst, mit den noch lauen Abenden, ja, fast gedehnt bis in die Nacht hinein, sind mir noch gut in Erinnerung. Ich rieche förmlich noch Blumen, Wald und das nahe Wasser, und wie Gerüche mir zärtlich wie Parfüm um Gesicht und Nase streichen. Ich liebe es, wenn die Hitze des Tages geht und Gerüche kühl und sehnsüchtig durch die Abendluft wehen. Wie Blätter im Herbst ein letztes Mal aufleuchten bevor sie fallen.
Aber die Scheiben spiegeln ansonsten wegen der Lichtverhältnisse im Raum nur das Interieur wieder, lassen mich so gut wie nichts erkennen.
Ich sehe mich.
Allein am Tisch sitzend, wartend, suchend.
„Na, vielleicht sehe ich ja auch Gespenster", geht mir durch den Kopf.
Diese Sache mit meiner Patientin lässt mir keine Ruhe.
Das habe ich auch noch nie erlebt: Eine Mutter, die ihre Tochter, und nicht nur diese, systematisch zerstört und das Beste, mich hineinzieht, wo ich ihrer Tochter geholfen habe und sie weiterhin behandle, und zwar mit gutem Erfolg! Nicht zu fassen! Ich fühle mich wie eine Schachpuppe, die nun logisch zu funktionieren hat. Zwar kann ich mir so einen Automatismus selbst abverlangen, wenn ich das will, nun aber muss ich mich einer fremden Quelle fügen. Und das widerstrebt mir. Sogar sehr! Es fällt mir keine weitere Steigerung dafür ein: So gar sehr, sehr!
„Die Abendkarte bietet wieder hervorragende Menüs. Wie immer", lenke ich mich ab. Ich kann würfeln, was ich nehme, ebenso wie ich würfeln könnte, was ich weiter in dieser Angelegenheit unternehme. Falls ich etwas unternehme! Ein Schatten huscht schnell über den Weg. Fliegender, heller Mantel. Maria.
„Ah, da bist du ja!”, rufe ich unwillkürlich, winke ihr zu und stehe auf, gehe ihr entgegen um sie zu begrüßen.
„Schööön, dass duuhu schon daaha biiist“, umarmt sie mich. Ihr südamerikanischer Dialekt umfängt mich wie eine andere, irgendwie tröstliche Welt. Ich drücke sie herzlich und rieche ihr Parfüm. Erkenne es nicht sofort, tippe auf Versace, Bright Crystal, frage es kurz ab: „Versace? Rosa Flakon?“, und höre schon einstrahlendes Ja und erkläre mich entschuldigend, damit sie sich nicht entschuldigen muss:
„Ja, ich bin zügig durchgekommen. Es gab mal keinen Stau....!"
Noch beim Ausziehen des Mantels fällt sie mit der Tür ins Haus:
„Was gibt‘ es?“
Ihre Aktentasche versteckt sie mit einem Griff an einem Tischbein unter der weißen, langen Decke, die unseren Tisch bedeckt. Ein Kellner eilt schnellen Schrittes heran, greift in die Schulterpartie ihres Mantels:
„Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?”, hört sie, nickt kurz und kommentiert mit „Danke!"
Sie schaut mich ernst und durchdringend an, will sich schon mal einen Eindruck von dem, was ich erzählen möchte, einfangen, an meinem Gesicht ablesen.
„Kommst' du von einem Termin?”, antworte ich mit einer Gegenfrage auf die Aktentasche anspielend und ablenkend von ihrem durchdringenden Blick.
„Nein. Ich dachte, ich nehme sie mal mit, falls ich schon irgendetwas nachschlagen kann."
Ihre kleine Handtasche landet achtlos auf dem Tisch. Sie zieht an ihren dünnen, schwarzen Lederhandschuhen, die sie oft beim Autofahren trägt, Finger für Finger bis sie sich endgültig gelöst haben und legt sie auf ihr Täschchen.
„Bei dem, was ich zu erzählen habe, gibt es erst einmal nicht viel nachzuschlagen, glaube ich zumindest...!”, teile ich ihr mein Resümee bezogen auf dasjenige, was ich ihr zu Gehör bringen will an diesem Abend, mit.
„Die Mutter einer Patientin, die Theater wegen der Rechnung macht...“, ergänze ich knapp, die Demütigung referierend und unmissverständlich ernst.
„Aber nun setz' dich erst mal! So viel Zeit muss sein!" Der Stuhl wird zurecht gerückt. Sie nimmt Platz und ich sehe ihr beim Durchstrecken des Rückens zu, der von der Autofahrt verkrampft scheint.
„Und, was macht der Vater?”, hakt sie nun schon sitzend nach, die Hände noch auf den Hüften ruhend, ins Hohlkreuz gehend, sich nach vorn und hinten mit der Lendenwirbelsäule bewegend.
„Der hält sich wie immer, wenn ich meiner Patientin glauben darf, raus.“
„Was für einen Beruf hat er?“
„Er ist Kollege, Facharzt, Radiologe!“
„Nee, das kann ja wohl nicht wahr sein!”, quittiert sie den Fachbereich.
Wir lachen mehr entgeistert, als vor Freude.
Wohlwissend, das die Radiologen diejenigen sind, die das meiste Geld unter den Fachärzten verdienen.
„Tja, es gibt nichts, was es nicht gibt!”, füge ich hinzu.
„Vielleicht geht der in eine Spielbank oder hat andere teure Vergnügen, Autos, Frauen...!”, schließt sie halb scherzhaft an, weil derartige Überlegungen in solchen Fällen wohl angebracht sind.
„Du, das könnte sogar der Fall sein...", stimme ich zu, um im nächsten Augenblick zu widerrufen:
„Aber nein, davon gehört habe ich nichts...!”, versuche ich die Leichtigkeit der Mutmaßung, wie sie oft im ersten Schritt routinemäßig und sicherlich oftmals alltagstauglich sich selbst bestätigend geäußert wird, zu vertreiben. Maria erspürt haarfein die nebelige Bedrückung, die ich abstrahle.
„Sie will Lichter zur Orientierung anzünden!”, blitzt es in mir emotional auf und verwerfe einen möglicherweise ernst gemeinten reflektorischen Wert.
„Sie will mich aus der Versenkung holen, in die mich dieser ganze Mist manövriert hat...", ziehen Gedankenwölkchen sekundenschnell weiter durch mich hindurch. Bestünde der Verdacht, würde er zum einen die Lage der Dinge vereinfachen, ein mögliches Motiv klarer offenbaren, oder aber nochmals verkomplizieren.
„Du, da haben wir eine ganze Reihe von Ärzten bei uns“, versucht sie zu beschwichtigen und führt erklärend fort, „wenn die mit ihrem Nachwuchs kommen, den andere Ärzte behandelten, gehen wir schon laufen. Sie streichen Positionen, kürzen Rechnungen, wie sie wollen! Wir haben da Rechtsanwälte, Kollegen, die ich gut kenne, die solche Dinge regeln....“, lacht sie nun erleichtert, offenbar meinend, damit sei das Problem, das ich mit ihr besprechen will, vom Tisch.
„Viiiel Professionalität! Viiiel Erfahrung!”, lockt und triumphiert sie zugleich, weil sie es nicht haben kann, wie mich diese Angelegenheit knickt und quält und sie in ihren Dialekt verfällt.
„Maria, wenn es das mal wäre, wäre es nicht wirklich ein Problem...“, sage ich leise, bedächtig den ganzen Matsch und Dreck, der dahinter steckt und geeignet ist, Menschen in die Klapse oder sich gegenseitig umbringen zu lassen, mitschwingen lassend. Ich schaue mich verstohlen um. Nein, das Restaurant ist ziemlich leer. Die Musik lässt Worte tanzen und Gesprochenes schwimmen gehen. Es kann niemand mithören, versichere ich mir selbst im Blick auf die wenigen Gäste heute Abend.
„Waahas iiist looooss!”, melodisch setzt die dunkelhäutige, immer beneidenswert braune Südamerikanerin entschieden und unterschwellig schon fast beleidigt, die Daumenschrauben an, wackelt mit dem Kopf, als wenn sie alles andere aus dem Kopf nach hinten abschütteln will.
„So kenne ich sie!”, lächele ich in mich hinein.
Da täuscht auch nicht ihr schickes Kleid mit Norwegermuster, dem sie als Krone noch ein weißes zartes Tüllbändchen, gebunden zu einer stolzen Schleife mit irgendeinem schwarzem Klimbimherzchen um ihren schlanken Hals auf den Ausschnitt setzte, bevor sie losfuhr. Nein, sie ist ein Profi, und ich trage weiter vor:
„Die Mutter der Patientin zerstört alles, was ihr lieb‘ und wert sein müsste....!“
„Waaahas meiiinst duhuu?“, springt mir Ungeduld dunkel entgegen. Maria zündet sich endlich die Zigarette an, die sie bereits einige Male auf dem Tisch festgeklopft und zwischen den Fingern mit blinkend rotem Nagellack bemalten Fingernägeln hin und her gedreht hatte, mal Filter-, mal Tabakseite.
„Du weißt, du musst schweigen....! In diesem Fall ganz besonders. Ich weiß nicht, wie diese Geschichte ausgehen wird. Die Mutter ist psychisch krank, was sie jederzeit bestreiten wird, sollte es so weit kommen!“
Die kleine Kellnerin kommt in blinkend weißer Schürze direkt auf mich zu gelaufen.
„Fehlt nur noch ein Häubchen", denke ich bei mir, „dann wären wir in 1930...", steigt völlig unerfindlich dieser Gedanke aus dem Nichts in mir auf.
„Obwohl ich schon zig mal in diesem Restaurant gesessen hatte, war mir eine derartige Assoziation bisher noch nicht untergekommen“, wundere ich mich, meinen eigenen Gedanken einen Augenblick festhaltend, während ich Marias Gesicht entnehme und aus ihrer Mimik lese, wie sie das Gesagte verarbeitet, das ihr auch nicht gefällt, obwohl sie noch nicht genau weiß, was los ist.
Ihr Mund bewegt sich, mal spitz, mal entspannt, aber immer geschlossen; die Kaumuskeln tanzen.
Um den Mund zuckt es, ihre Augen zwinkern zu häufig unabsichtlich und sie stößt die nächste Zigarette rhythmisch mit dem Mundstück auf den Tisch, als würde Tango getanzt. Das Weiß in ihren dunkelbraunen, fast schwarzen Augen blitzt im Dunklen, ein sicheres Zeichen, dass ihr Geist und Verstand arbeiten. Ich sehe förmlich die Infos durch die Ganglien ihres Hirns jagen. Sucht selbst nach Erklärungen, was ich ihr noch mitteilen werde. Sie will nicht überrascht werden, niemals, selbst Hypothesen gebildet haben. Letztens erzählte sie mir, dass sie gleichfalls wie ich auch, Schach spielt - gegen den Computer, der ziemlich gut ist. Man erfährt doch selbst nach Jahren immer noch Neues. Es freut mich. Ich kann mich auf sie verlassen.
„Die Kellnerin kommt. Lass uns was auswählen“, flüstere ich fast und schaue Maria auffordernd an. Sie kann die Kellnerin nicht kommen sehen, da sie mit dem Rücken zur Küche sitzt.
Schnell greifen wir pflichtbewusst zur Karte, stöbern uns durch die Angebote. Leicht strapaziert durch die unliebsame, aber notwendige Unterbrechung, fliegen unsere Nerven über Menüs hinweg. Die Speisekarte ist wie immer auf hohem Niveau, von uns aber heute Abend wenig gewürdigt. Wir stöbern schnell weiter.
„Bitte ein große Flasche San Pellegrino für uns. Und bringen Sie doch bitte Zitronenspalten dazu...“, wimmele ich die Kellnerin vom Tisch um Zeit zu schinden, die Karte zu studieren.
„Was nimmst du?”, fragt Maria, den Blick unverwandt in die Karte gerichtet.
„Ich weiß noch nicht.... Ich glaube, ich nehme Loup de Mer in der Salzkruste. In jedem Falle möchte ich aber als Nachtisch die Variationen von Rhabarber, Himbeeren und Mandel.“
Das Wasser kommt. Gläser werden vor uns aufgestellt und zur Hälfte aufgefüllt. Auf einem Dessertteller liegen Zitronenspalten. Die Kellnerin hält ihn noch in einer Hand, und stellt ihn dann zu den halbgefüllten Gläsern mit dem Wasser. Pfefferminzblätter liegen aufmuntert zwischen der aufgeschnittenen Zitrone.
„O.k.! Ich nehme den Seeteufel. Und du den Loup de Mer, wird bestimmt sehr saftig sein“, bestätigt Maria mir meine Wahl, und bestellt bei der Kellnerin in einem Rutsch auch unseren Nachtisch. Sie entscheidet sich für Ziegenfrischkäsesoufflé mit Mandarinenkompott.
„Wünschen Sie die Weinkarte?”, fragt die Kellnerin verzagt, weil sie uns so kurz und bündig selten erlebt hat.
„Nein, danke...", antworte ich freundlich um sie nicht zu verschrecken, „heute Abend besser nicht!"
Maria ist Rechtsanwältin und hat ebenso Schweigepflicht bezogen auf ihre Mandanten einzuhalten wie ich in meinem Beruf als Psychotherapeutin wegen meiner Patienten.
Aber diese Schweigepflicht ist natürlich bei Psychotherapeuten enger als bei Rechtsanwälten. Rechtsanwälte können sich wegen ihrer Mandanten, die sie aus irgendwas rausgehauen haben, rühmen oder stehen in den Zeitungen, wenn sie die Schlacht für ihre Mandanten gewonnen haben. Bei Menschen, die sich in einer Psychotherapie befinden, ist Schweigen eine absolute Notwendigkeit. In Hinsicht auf dasjenige, was man über Familien, politische und ökonomische Auswirkungen und generell Gesellschaft erfährt, sicherlich nicht. Obgleich ich inzwischen fast geneigt bin anzunehmen, dass die Schweigepflicht im Sinne eines Schutzes mehr dem Erhalt eingefahrener Strukturen in der Gesellschaft, als den Patienten dient. In der Psychotherapie bleiben die Informationen, die in Gesellschaft und in Menschen notwendig für sinnvolle Veränderungen zu wissen wären, in Akten und in den Köpfen und Herzen der Psychotherapeuten wie im Kerker gefangen. Nach zehn Jahren dürfen die Akten in der Praxis vernichtet werden, Krankenkassen müssen sie keine zwei Jahre aufbewahren. Aber dasjenige, was wir gehört, gefühlt und gesehen haben, kann nicht gelöscht werden. Schreit stumm nach Worten, die nichts mehr wünschen, als gehört und verstanden zu werden. Und nicht nur das: Die Seele schreit danach, gehört zu werden, damit korrigiert wird, was nicht tragbar, nicht auszuhalten, nicht zu leben ist. Aber oftmals ist nicht von Interesse, was Menschen bewegt, ist Schall und Rauch für die Gesellschaft. Seele und Psyche werden durch viele und sehr unterschiedliche Einflüsse verhunzt. Kenntnisse über die Psyche werden zu einem kleinen Bächlein, das durch die Gesellschaft fließt und man lässt ab und zu Steine auf seinem Wasser tanzen und zeigt mit dem Finger darauf und sagt:
„Ach, wie schön Gefühle sind, wie schöne Menschen es gibt, ach, wie schön ist unsere Welt und unser Leben!"
So steht es oftmals verführerisch in Wort und Bild auf dem Hochglanzpapier der Zeitschriften, die sich dann bedeutend besser, gleichfalls wie Autos, Häuser, Interieur, Kleider, kurz alles, was Menschen gern haben oder hätten, verkaufen lassen. In anderen Zeitschriften oder Zeitungen sieht man Zerstörung, Verletzung, Tot, Armut, Krüppel. Steve McCurry, ein Kriegs- und Reportage-Fotograf, ein Magier der Farben, gelang der Mix aus Schönheit und Krieg in seinem berühmtesten Foto, auf dem er ein afghanisches Flüchtlingsmädchen abbildete. Ein begnadetes Werk, wie ich finde und dem Art-Director Johannes Erler im STERN-Magazin zustimme. Die faszinierend blaugeränderte Iris, die rund um die großen, schwarzen und aufgerissenen Pupillen hellbraune, gelbe und manchmal weiße Flecken gleich Kriegsschauplätzen freilegt. Als sei die Bildung der Farbe für die Iris zerstückelt, zerrissen worden. Die irrwitzig leuchtenden, aufgerissenen Augen der jungen Frau wirken mit den vor Angst geweiteten Pupillen, möglichst alles wahrnehmen, aufnehmen und beurteilen zu wollen, übergroß wie Teller. Erfahrungen spiegeln sich in ihnen wieder. Angst. Misstrauen, weniger zu sehen, als zu erschließen aus den an sich gefühlsneutral wirkenden Augen, die fest auf Umgebung und Gegenüber geheftet, Gefahr einschätzen, die Bereitschaft zu handeln ablesen lassen. Einatmung und Luftanhalten der jungen Frau strömen dem Betrachter des Fotos förmlich entgegen. Angstatem wird hörbar. Spürbar. Ich kann nur raten, worauf die junge Frau blickt. Vielleicht auf eine überdimensional große Kamera, zu der ihr vom Fotografen in fremder, vielleicht für sie fragmentarisch bleibender Sprache etwas mitgeteilt wurde und sie nicht weiß, ob sie dem Mann trauen soll? Ob da nicht doch eine Art Gewehr darin steckt und es gleich knallt?
„Bleiben oder weglaufen?“
Dann gibt es diejenigen, die Tips in Büchern geben oder sonst, wo.
„Ja, und wir wissen jetzt auch, das es eine Psyche gibt."
Wenn sie wirksam wären, stünden die Menschen bei uns nicht Schlange. Aber wie viel Mühe es Menschen kostet, sich aus psychischen Schieflagen wieder herauszudrehen, ist unsäglich. Nein, über die geistige und emotionale Handarbeit in Behandlungen und deren Erkenntnisse will man dann doch nicht so viel wissen. Es könnte ja sein, es müsste etwas aus Sicht des Seelenleben geändert werden. Nein, das will man nicht. Mit seiner Psyche soll mal jeder selbst klarkommen. Und wenn er nicht allein klar kommt, ist er eben ein Fall für die Praxen der Psychotherapeuten. Dann haben die eben einen Knall. Damit ist man dann am Ende der Betrachtung von Mensch und Gesellschaft.
Die Seele bleibt weggeschlossen.
Wird vernichtet.
Interessiert nicht.
So wenig, wie das Leben der einzelnen Menschen. Sie müssen allein klar kommen. Psychisch gehen sie vor die Hunde.
So, wie überall in der Gesellschaft und im Leben. Wie sich der Mensch zu seinem menschlichen Wesen bekennen soll, und wie Fortschritte für viele Menschen zu erzielen wären, die zeitgleich zum Leben stattfinden, ist unerfindlich. Kaum Erfolgsmeldungen von irgendwelchen Verbesserungen.
„Maria, Seele und Geld sind wie Kontrahenten aufgestellt“, sage ich leise, um Festigkeit bemüht, „meine Patientin ist über ihre Eltern versichert! Die Mutter stellt sich quer. Sie begleicht die Rechnungen nicht! Ich müsste meine Patientin verklagen!“, sage ich gequält, weil es das Letzte ist, was ich möchte und fahre nun weiter fort, die Rechtsbeziehung darzustellen:
„Oder meine Patientin müsste ihre Eltern verklagen. Ich weiß‘ nun nicht genau, über wen meine Patientin versichert ist, ob über ihre Mutter oder über ihren Vater. Meine Patientin müsste im Prinzip vor Gericht gegen mich verlieren, falls es gerichtlich werden sollte. Und zwar deshalb, damit sie gegen ihre Mutter gewinnt! Verstehst‘ du?“, frage ich eindringlich und unbewusst an Maria appellierend, im Vorgriff die Tragweite der Angelegenheit intuitiv zu erfassen, ohne nun schon die Einzelheiten zu wissen. Unglaublich, dass ich so etwas nach über 30 Jahren psychotherapeutischer Arbeit erleben muss“, setze ich entgeistert nach, „seit Wochen hat mich nichts so in den Bann geschlagen, wie diese Konstellation.“
„Ach‘ du meine Güüthhe!”, stößt sie aus, „welche Diagnose?“
„Essstörung.“
„Klar, die Mutter setzt das Messer jetzt gegen dich“, spricht sie gelassen eine Weisheit aus.
„... und trifft ihre Tochter. Sie will niederstrecken!“
„...sie läuft Amok...!“
„Richtig! Sie mobilisiert jetzt einen Rechtsanwalt und ihre Tochter, meine Patientin, müsste einwilligen, gegen mich zu klagen.“
„Unglaublich...!“, stößt Maria entgeistert aus.
„Ja, und will die Tochter das denn?“, setzt sie nach.
„Nein! Natürlich nicht! Die therapeutische Beziehung ist gut!“, antworte ich entschieden, wütend auf diese keinen Spielraum bietende Konstellation und im gleichen Maße resigniert, weil die Situation wirklich verfahren erscheint und gehe mit einer Hand gedankenverlorenen, die Finger zu einer Forke gespreizt, durch meine Haare, kämme sie sozusagen fort aus dem Gesicht Richtung Hinterkopf, als könnte ich damit die Dämonen in meinem Kopf gleichfalls verbannen oder gar vertreiben.
„Ja“, sage ich dann gedehnt, „diese ganze Geschichte will ich wieder aus meinem Leben raushaben. Die Mutter sieht ihre Felle wegschwimmen, wie du schon richtig vermutest. Seit der ersten Sitzung fühlt sie Eifersucht auf mich, von der ich bereits in der zweiten Sitzung Kunde bekam. Ich dachte mir nicht sehr viel dabei. Notierte sie innerlich bei mir. Punkt. Schließlich reagieren Eltern oder Partner oftmals zunächst empfindlich darauf, wenn jemand Externes automatisch mit ins Familien- oder Partnersystem rutscht. Ebenso verfliegt die Eifersucht dann auch schnell wieder, wenn sie merken, dass sie ihre Autonomie und Sicherheit behalten, sie also nicht angegriffen oder runtergemacht werden. Meine Patientin war so begeistert von der gemeinsamen Arbeit. Und das hat sie ihrer Mutter in der Küche ziemlich gleich nach der ersten Sitzung erzählt. Die Mutter reagierte mit:
„Jetzt liebst du mich nicht mehr! Habe ich ja immer gesagt, du verrätst mich! Du bist ein undankbares Kind, habe ich ja immer gesagt und gewusst...!!!“
„Wie konnte das passieren, dass es so weit kommt?”, setzt Maria an um Pfosten zur Orientierung für sich zu positionieren, „ich meine jetzt nicht die ersten Sitzungen, sondern eine solche Situation, wie du sie mir kurz gerade geschildert hast?“
„Warte. Warte. Willst du die Geschichte wirklich hören?“
„Schließlich musst du jeden Tag soviel Mist hören, wie ich“, denke ich bei mir und lasse es mitschwingen, denn wir könnten auch über den neuesten Nagellack und was in diesem Frühjahr Mode ist, sprechen. Dieses Thema interessiert uns nämlich ebenso sehr. Laut fahre ich fort:
„Du musst mir versprechen, zu schweigen. Es hängt zu viel für meine Patientin davon ab...!“
„Wir keeeennen uuuns laaahange genug, um zu wissen, dass ich schweeeiiiige. Looos, nuuun erzääählllt schon...!“
„Versprochen?“
„Versprochen!“
Schweigen.
Ich greife zu meiner Tasche und fördere einen weißen, versiegelten Umschlag zu Tage.
„Dann gebe ich Dir in diesem verschlossenen Umschlag die entsprechenden Daten, die du, falls mir etwas passieren sollte, der Polizei übergibst! Ich habe ihn versiegelt.“
„Biiiittttttte? So schlimm?”, ihre Stimme geht hoch, überschlägt sich fast, wirkt schrill.
„Ja.“
Ich schiebe den Umschlag langsam über den Tisch.
„Meiner Rechtsanwältin wollte ich ihn nicht gegeben!”, erläutere ich.
„Sie hat bisher das Mahnverfahren durchgeführt und sich in meinen Augen nicht als tauglich erwiesen, in einer Gerichtsverhandlung meine Position eindeutig und klar darzustellen. Meine Stimme ging immer hoch und ich wurde laut. Ich kann es nicht haben, wenn mir jemand nicht auf der Höhe meines Gedankenstranges folgt, schon gar nicht, wenn er, wie in diesem Fall, meine Interessen vertreten soll und sich dann lediglich als formal akademisch studiert und mit Fachausweis brav und abgezirkelt äußert und darstellt.“
„Na, du bist aber nicht begeistert von ihr“, lehnt sich Maria urteilend auf dem Lederstuhl zurück und erwartet mehr an Information.
„Nein. Sie folgt meiner Ansicht nach der falschen Spur. Zeigt keine Bereitschaft zur zusätzlichen Informationsaufnahme. Die ist aber in diesem Falle oberstes Gebot. Ich kann mich irren. Aber das glaube ich nicht“, setze ich überzeugt von meiner Einschätzung nach. Aber, die Möglichkeit eines Irrtums meinerseits nicht ausschließend und sie nun nicht als unbedarft stehenlassen wollend, weil sie auch das nicht ist, setzte ich abschwächend nach:
„Aber das umreißt schon generell Probleme der heutigen Zeit: Der eine Fachbereich weiß‘ um den Kenntnisstand des anderen nicht. Sie wirken nicht zusammen! Ob Medizin und Psychotherapie, oder Rechtswissenschaft und Psyche. Sonst wäre es ja nicht möglich, dass zahllose Opfer vor Gericht wieder zu Opfern werden, mal nebenbei bemerkt.“
„Da sagst‘ du was!”, unterbricht mich Maria und nickt. Unbeirrt fahre ich fort:
„Aber, in Bereichen, in denen fachübergreifend unterschiedliche Disziplinen integriert werden, wo sie meiner Meinung nach verboten werden sollten! Wie zum Beispiel medizinische und psychotherapeutische Inhalte oder auch pflegerische Leistungen strikt in Zeitfenster zu zwängen, um damit ökonomisch Einsparungen zu erwirtschaften, weil in ihnen Leistungen in einer bestimmten Stückzahl, wie an einem Fließband erbracht werden sollen! Wie arm und dämlich muss so eine Kultur sein, in der das stattfindet? Das gehört verboten! Da bestimmen Wirtschaftswissenschaftler über medizinische Inhalte, legen Behandlungen und Leistungen fest, die zu einer bestimmten Diagnose bezahlt werden! Das kann nicht sein! Und man findet in einem solchen Gesundheitssystem, dass die meisten Krankheiten mit Mitteln der Pharmazeutischen Industrie abgedeckt werden können. Wie krank ist denn so ein Denken? Nicht der Mensch erschafft Gesellschaft und Kultur, sondern Gesellschaft und Kultur erschaffen Menschen, die das, was man sich so vorstellt, nicht mehr verkraften! Der Stoffwechsel zwischen beiden Positionen stimmt nicht mehr! Ebenso wie Juristen über den Weg der Erschaffung von Gesetzen Inhalte festschreiben, die rechtswirksam nur zu Problemen und Unfrieden führen! Und da, wo sie Gesetze erschaffen müssten, die für alle die gleichen Inhalte festschreiben, da wird nichts getan! Der Mensch wird zerrissen in Körper, Psyche und Seele. Geht es um Gewaltdelikte, die vor Gericht verhandelt werden, passen Gesetz, Tat, Verfahrensvorschriften und Opfer nicht zusammen, weil nichts entsprechendes im Gesetzestext zu finden ist. Denken und Fühlen von Opfern wird nicht berücksichtigt! Es wird nicht grundlegend über Schutz nachgedacht!“
Ich nehme mein Glas, komme ins Nachdenken, ebenso wie Maria, die es mir gleich tut, ihr Glas ergreift und mich gespannt anschaut und dann meint:
„Mensch, du solltest doch wieder an die Universität und Vorträge halten!”, lächelt sie mich an, und verweist darauf, was sie mir schon jahrelang sagt. Aber, wie ich das auch noch zeitlich machen soll, weiß ich nicht. Und ich weiß, wovon ich spreche!
„Komm‘ führ mal deinen Gedankengang zu Ende!”, ermuntert sie mich, weil sie sieht, wie es in mir arbeitet.
„Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, lassen ihren Kopf zu Hause und ihr gesunder Menschenverstand kommt erst dann wieder zum Vorschein, wenn sie ihre Kanzlei oder das Gericht verlassen haben! Würde man in naturwissenschaftlichen Fächern so arbeiten, wäre niemals ein Auto, Flugzeug oder sonst was gebaut worden. Aber da, wo es um den Menschen geht, wird alles zerstückelt. So, als könnte man eine Zeitung in kleine Stücke zerreißen und erwarten, man könne den ganzen Artikel lesen. Dann wird ein Schnitzel aufgehoben und gesagt Das steht da aber gar nicht darauf, was du eben gesagt hast! Nee, diese Art kann ich gar nicht mehr ertragen. Nicht auf dem Hintergrund, den ich täglich von Menschen als Erfahrungs- und Leidenshorizont höre und spüre. Die Korinthenkacker haben Hochsaison, kommen an der falschen Stelle mit Logik und glauben sich noch im Recht! Und das Schöne: Sie bekommen es oftmals! Also, die Rechtsanwältin ist mir zu sehr mit Gesetzestexten im Kopf zugepflastert, schaut nicht mehr rechts, noch links, so will mir zumindest scheinen! Das nützt mir jetzt nicht viel!“
Schließe ich nun ab, was sich gerade im Gespräch als mitteilenswert ergeben hatte. Maria wird nun ungeduldig und schaut mich aufmunternd an. Als ich nicht reagiere, und am Wasserglas nippe, steigt die Spannung.
„Mensch, jetzt schieß mal los...“, unterbricht sie mich mit ernstem Gesicht und flatternden, dunklen Augen und ich weiß‘, sie will mehr zu meiner Geschichte mit der Patientin wissen. Ich kehre wieder zum Eigentlichen zurück, blicke sie an und beginne.
„Ja, dass ist wirklich ein Ding“, spreche ich mehr zu mir als zu Maria..., „nur vergleichbar mit der Geschichte der Frau, die über Süddeutschland in unsere Stadt aus Bulgarien kam, ziemlich viel Geld durch Prostitution verdiente und liiert war mit einem hohen Tier einer weltweit arbeitenden Firma. Er schickte sie wegen seiner perversen Gelüste auf den Strich. Zu seiner Belustigung und Verstärkung seiner Geilheit filmte er sie mit den fremden Freiern. Auch von diesen Freiern wurde sie verprügelt. Manchmal waren es Geschäftsfreunde, denen er meine Patientin zuführte, besser, zur Verfügung stellte. Sie sollte machen, was sie wollten. Er beleidigte sie zum guten Schluss, in dem er sinngemäß sagte:
Was willst du eigentlich? Du bist doch eine Professionelle? Mach‘, was die wollen, dann verprügeln sie dich auch nicht! Außerdem zahlen sie ja dafür!
Da konnte ich auch nicht mehr viel sagen! Da war ich erst einmal ruhig!“
Pause.
Wir nippen an unseren blitzenden Kristallgläsern.
„Er nahm ihr alles. Ihre Seele. Ihre Psyche. Ihren Körper. Ihr Geld, was sie in den Jahren zusammengespart hatte, ihr teures Auto, Schmuck, kurz einfach alles! Als Liebesbeweise, wie er sagte! Und dann kam der Strich, die Prostitution. Als sie zu mir kam, war sie immer noch eine schöne, junge Frau. Aber auf den geraden Weg nach unten. Der Kollege in Süddeutschland nahm den Satz 7,8-fachen Satz nach der GOÄ! Ich wusste bis dahin gar nicht, das es einen solchen Gebührensatz gibt! Dennoch: Angemessen war er!“
„Waaas?”, geht Maria erneut hoch, ihren Ohren nicht trauend, „7,8-facher Satz? Was ist das denn? Hast du mir ja gar nicht erzählt!”, setzt sie nun fast beleidigt nach.
„Ein anderes Mal....! Sie war jedenfalls eine der Patientinnen, die ich in 32 Jahren behandelte, die schamlos geworden, weil seelisch völlig am Ende, in der vierten Sitzung in das Behandlungszimmer kam und ohne zu fragen Hose und Schlüpfer herunter zog und mir zum Beweis dessen, was sie mir in der Sitzung sonst noch mitteilen wollte, ihren grün und blau geschlagenen Po entgegenstreckte. Der Anus blutete, war zerfetzt. Dann zog sie ihren Pullover hoch und zeigte mir ihre in allen Farben schillernden grünen, gelben und blauen Brüste. Ihre Worte dazu:
„So geht es mir heute....! Ich kann nicht mehr...!!!“
„Waaaaass???”, Maria japst nach Luft.
„Haaat sie iiihn aaaangezeigt?“
„Nein. Es wäre ihr Todesurteil gewesen, wie sie sagte! Sie hatte furchtbare Angst.“
Pause.
Wir schauen uns direkt in die Augen.
„Weißt du, wenn du Frauen, die in ein Frauenhaus gehen, zuhörst, weshalb sie kommen, härtest du ab. Du bist auf alles gefasst und es haut dich trotzdem vom Hocker, wenn du es hörst oder siehst, wie misshandelt und fertig mit der Welt sie ins Haus kommen. Es sind keine erfundenen Geschichten, sondern Leben, wie es jeden Tag zwischen Männern, Frauen und Kindern geschieht. Diese Erlebnisse betreffen nicht ein paar Frauen und Kinder. Es sind viele!" schiebe ich leise nach.
Schweigen.
„Sehr viele!“
Kein Ton.
„Und nun kommen immer mehr in Psychotherapien. Was ich da bisweilen höre und sehe, ist unglaublich.“
„Aber zurück zu dem jetzigen Fall“, setze ich nachdenklich wieder an, um das bleierne Grauen, das sich auf uns zu legen drohte, abzuwehren.
„Vielleicht soviel: Ich weiß gar nicht, welchen Satz ich für die Behandlung der Patientin, um die es jetzt geht, nehmen sollte, gesetzt den Fall, ich könnte es mir aussuchen. Bei dem ganzen Mist, der sich abspult und möglicherweise auch vor Gefährlichkeit strotzt, wenn die Mutter durchdreht!“
Ich greife erneut zu meinem Glas, an dem ich zuvor unentwegt den Stiel gedreht hatte, und trinke.
Die Kellnerin hat uns die Rotweingläser stehen gelassen, aus denen wir nun das Wasser trinken. Irgendetwas, das an entspannte Atmosphäre erinnert, wollte sie uns dann doch wohl am Tisch stehen lassen. Die Kerzen hatte sie auch angezündet und ein kleine Vase mit frischen Blumen wortlos und liebevoll dazugestellt.
Damals hatte ich die entsprechenden Daten meinem Rechtsanwalt zur Aufbewahrung weitergegeben. Er schloss sie in den Safe ein. Nach ein paar Jahren habe ich sie vernichten lassen. Heute weiß‘ ich nicht einmal mehr Namen. Ist auch besser so.
„Welchen Satz hast du denn berechnet?”, wittert sie misstrauisch geworden im Hinblick auf die Information, der Kollege habe den 7,8-fachen Satz berechnet.
„Den üblichen für Privatpatienten, den 3,5-fachen Satz und Zusatzpositionen, GOP 5 für das Arbeiten mit Psychodynamik, Befindlichkeiten, Veränderungen der Symptomatik durch unterschiedlich kritische Einflüsse, die die Symptomatik verschlechtern und andere Symptomabklärungen und externe Symptome, die eventuell neu auftauchen. Für Hausarbeiten, Übungen und flankierende therapeutische Maßnahmen GOP 15. Ich denke, dass ist eine Position für Mediziner gewesen, die mal über ihren Tellerrand bei einigen Patienten hinaussehen mussten, wenn sie ihre Patienten gut betreuen wollten. Weiter denke ich, diese Position ist ebenso wie die anderen einfach aus der Gebührenordnung für Ärzte, kurz GOÄ, übernommen worden. Das muss ich aber erst einmal prüfen, ob es da Formulierungsunterschiede zur GOP gibt. Müsste eigentlich der Fall sein - denn sonst hätten wir ja einfach mit der GOÄ weiter abrechnen können. Generell rechne ich analog ab. Normalerweise kann GOP 15 nur 1 Mal pro Jahr eingesetzt werden. Ich habe es anders für meinen Arbeitsstil interpretiert. Gut. Ja, also so habe ich abgerechnet", erstatte ich Maria Bericht. Versunken schaue ich mein Glas an und ergreife es schließlich, um das Wasser zu trinken. Ich nehme ein kleines Blättchen Pfefferminze und knabbere daran herum.
„Das ist mein jetziger Kenntnisstand!”, fasse ich zusammen, als setze ich einen Punkt.
Marias Gesicht entspannt sich. Sie schaut mich fragend an und ich ebenso zurück. Ich plaudere dann langsam weiter, als spräche ich zu mir selbst:
„Diese GOP hat mich in den letzten 12 Jahren nur einmal beschäftigt, nämlich damals, als ich hörte, es gäbe sie: Eine Gebührenordnung für Psychologische Psychotherapeuten für Privatpatienten, kurz GOP, wie du weißt. Dann habe ich von einem Ausbildungsinstitut für Richtlinienmethoden, also denjenigen Psychotherapie-Ausbildungen, die durch die KVen politisch und wissenschaftlich anerkannt sind, Ausführungen wegen des Verständnisses der Ziffern zugesandt bekommen. Habe mir dann meine eigenen Gedanken gemacht und mein Anmeldeformular entsprechend geschrieben und auf meinen Arbeitsstil interpretativ bezogen. Diese Mitteilung des Ausbildungsinstituts fand ich deshalb gut, weil es dazu anregte, mal den eigenen Arbeitsstil zu reflektieren und dann eben mit den GOP-Ziffern zu verbinden. Es war sozusagen, eine Alchemie, ein Stoffwechsel mit den neuen Arbeitsgrundlagen in unserem Berufsbereich. Aber sonst? Kein Gedanke an GOÄ und GOP! Ist auch klar: Denn einige Privatkrankenkassen beglichen die Rechnungen meiner Patienten ohne Probleme. Bei den anderen ergänzten Patienten, was von den Kassen nicht erstattet wurde. Was bedarf es da noch weiterer Überlegungen? Natürlich, so muss man wohl in Deutschland sagen, weil Vieles offenbar mit Bedacht nicht geregelt wird, damit dem Wettbewerb auch die nötige Freiheit gegeben wird und Leistungen zu steigern“, setze ich nicht ohne Betonung hinzu, „aber gesteigert wird damit die Niedertracht und meiner Ansicht nach auch Kriminalität!“
Maria nickt mir zu und wartet darauf, dass ich fortfahre.
„Also, natürlich“, setze ich noch einmal an, „bekamen nicht alle Privatpatienten diesen Satz von ihren Krankenkassen und Beihilfestellen erstattet. Das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, welche Verträge Versicherte mit ihrem Privatversicherern geschlossen hatten. Aber dem Grunde nach, dürfte mich dies nicht interessieren, weil ich eben mit Privatpatienten privat abrechne. Das heißt, der Privatpatient rechnet mit seiner Privatkrankenkasse ab. Wenn die Kasse nicht zahlt, haben sie den Rest privat zu zahlen. Und da ist der nächste Punkt, der mich foppt. Was bedeutet eigentlich Privatvereinbarung, wenn ich, wie ich in den letzten Monaten hörte, nur die normalen GOP-Ziffern darin aufnehmen darf? Was soll das? Dafür brauche ich keine Privatvereinbarung! Also, da ist eine Menge an Unklarheit. Nach der Morgendämmerung, dem Aufbruch vor 10 Jahren mit der GOP, kommt jetzt der Abgesang, das Requiem. Hätte mich auch ehrlich gestanden gewundert, muss ich im Nachhinein sagen, wenn sich da nicht noch ein Rattenschwanz an Problemen auftun würde! Außerdem, wenn ich jetzt noch einmal auf meinen Arbeitsstil zu sprechen komme, muss ich sagen, ich arbeite sehr schnell und setze diese Hausaufgaben ebenso wie die psychodynamischen Interventionen gezielt wie eine Akupunkturnadel auf die zu verändernden, entsprechenden Punkte in Psyche und Seele, manchmal auch Körper."
„Wiiiehi, du seeetzt Naaahadeln auf deen Köörpeeer...!”, unterbricht mich Maria und schaut mich entgeistert fragend an.
„Nein! Natürlich keine Akupunkturnadel! Gemeint ist hier, ich gebe meinen Patienten spezielle Übungen mit, die sie für sich Zuhause anwenden und die beruhigend und auch emotional auf den Körper wirken, oder Reflexionen, die in ihnen etwas bewegen sollen, oder ich konfrontiere sie mit einem bestimmten Verhalten, dass sie ins Nachdenken kommen. Also, es hat immer mit dem Patienten zu tun, was ich empfehle, zu tun. In der Akupunktur werden Nadeln auf Energieknotenpunkte gesetzt, damit sich die Blockaden auflösen. Dann kann die Energie wieder frei fließen. Bildlich gesprochen ist es in der Psychotherapie ähnlich, wenn ein Psychotherapeut entsprechend arbeitet. Natürlich kann man auch direkt mit bioenergetischen Übungen arbeiten. Sie setzen manchmal sehr deutlich und brachial Gefühle frei. Dies tue ich nur sehr, sehr selten. Ich arbeite mit dem Widerstand der Patienten und den Gefühlen und Erlebnissen, die darin stecken. Ich empfinde es wichtig, dass sie ihn kennenlernen und woher er stammt, wofür er gut ist. Dass er sowohl Schutz wie Abwehr bedeutet. Selten ist es notwendig, durch den Widerstand hindurch zu arbeiten, so dass die Mauer einbricht. In der Regel vermittele ich Hausaufgaben und Übungen in den Sitzungen, ohne das ich sie speziell abrechne. Zum Beispiel Wahrnehmungsübungen was den Körper angeht oder Elemente aus der Eutonie und Yoga-Übungen, die ich selbst jahrelang von einem Inder erlernte. Über ihn sage ich immer: Der vermittelt kein Yoga, der ist Yoga! Nun gut. Oder ich bitte auch schon mal Patienten, mit ihrer Stimme zu experimentieren. Zum Beispiel: Eine Musikstudentin, die vor vielen Jahren bei mir war, bat ich instinktiv, zu singen. Sie sagte:
Nein. Das kann ich nicht!
Sie erklärte nach einiger Zeit des Herumdrucksen, dass sie dann weinen müsse. Ich sagte ihr, dass ich das vermute und fragte sie, ob sie deshalb ein Instrument fürs Studium gewählt hätte?
Ja, das Instrument ist meine Stimme...,
bestätigte sie. Ihr Instrument war ihr verlängerter Arm um ihren Gefühlen dennoch Ausdruck zu verschaffen", und denke, während ich es erzähle, an diese schmalgliedrige Patientin und sehe ihre großen traurigen Augen die ängstlich im Zimmer herumschauten, als sie das erste Mal vor langer Zeit in die Praxis kam und mit mir ins Therapiezimmer ging. Lockige, dünne, aber dichte und blonde Haare, ordentlich gekämmt. Sie trug Musik in ihren Augen, Melodien spielten durch ihren Körper in ihren Bewegungen. Unglaublich zart und sensibel, ja durchscheinend. Ein Wesen, das man nicht alle Tage sieht. Vorsichtig tasteten wir uns im ersten Gespräch ab und aneinander heran. Sie weinte, als ich aussprach, was sie selbst wusste und wovor sie Angst hatte. Sie wollte nicht allein sein, wenn sie weint! Und sie weinte lange, viele Sitzungen lang. Sie sang und die Tränen liefen. Bis sie eines Tages lächeln konnte, als sie wieder einmal in der Sitzung sang.
„Halloooo, wo bist duuuu?”, zerrt mich Maria, weil sie mein Lächeln auf dem Gesicht sieht und nicht den Grund dafür weiß, mich wieder an den Tisch, zu ihr, zurück.
„Sorry! Ich war einfach mal eben weg...", und erzähle ihr dann verkürzt, wo ich war.
„Ja, um es kurz zumachen, ich fragte diese Patientin, ob wir denn mal ein bisschen experimentieren könnten? Sie traute sich, eine kleine Melodie zu summen. Aber erst, nachdem einige Sitzungen verstrichen waren. Sie summte und ein paar Sitzungen später sang sie immer mal wieder ein Strophe, währenddessen ihre Tränen liefen. Das Singen unterbrach sie oft und erzählte Erlebnisse, die sie nicht gut verarbeiten konnte. Sie hatten ihr buchstäblich die Stimme verschlagen und mir dann auch, zumindest bei einigen ihrer Schilderungen", und mir geisterte noch durch den Kopf, wie sie erzählte, sie hätte nichts sagen dürften. Die Mutter, eine ruhige stille Frau ermahnte sie ständig, wenn der Vater im Hause sei, nichts zu sagen. Alles so zu tun, wie er es wünsche. Denn es passte ihrem Vater nicht, wenn Frauen in der Familie selbstständig dachten und sprachen.
„Ja, es war nach außen eine ruhige, stille Familie. Die Patientin war Einzelkind. Von der Mutter ermahnt, zu schweigen, sich unterzuordnen, verschwanden auch die Gefühle der Patientin. Aber irgendwann ging sie lächelnd aus der Praxis. Sie hatte ausgesprochen, was sie lange unterdrückte. Sie konnte nun ihre Stimme gebrauchen, einsetzen. Also nicht nur beim Singen, sondern auch im Leben", schließe ich die Erinnerung, die hier am Tisch zu einem kleinen Intermezzo wurde.
„Ich komme mal zu den GOP-Ziffern zurück", gebe ich mir selbst die Richtung vor, „also, bei dieser Patientin waren es Hausaufgaben, die sich auf das Singen und später auf Situationen, in denen sie mit anderen Kontakt aufnehmen und sich an Gesprächen lernte zu beteiligen, bezogen. In der Therapie besprachen wir stets genau, was sie ausprobieren und wie sie mit ihren Gefühlen lernen könnte, umzugehen, statt sie zu verdrängen oder zu kontrollieren. Spielt aber an dieser Stelle keine Rolle, heißt abrechnungsmäßig, weil hier ein Einheitssatz von den KVen bezahlt wird. Da gibt es keine Differenzierungen, egal, wie man arbeitet. Aber ich arbeite mit allen Patienten bezogen in meinem Arbeitsstil. Immer steht der Patient mit dem, was ihn in die Behandlung führt, individuell im Vordergrund. Ob honoriert oder nicht. Jede Behandlung ist und verläuft anders, nämlich entsprechend dem Patienten und seiner Symptomatik. Wenn ich anfinge, Kassenpatienten anders als meine Privatpatienten zu behandeln, hätte ich das Gefühl, ich würde ihnen etwas vorenthalten, verheimlichen oder unterschlagen. Und das kann ich nicht! Ich weiß‘ auch gar nicht, wie Mediziner das in ihren Behandlungen machen, wenn sie feststellen, sie müssten noch eine Untersuchung verordnen und sie können sie dann nicht abrechnen, weil es von den Kassen nicht bezahlt wird! Oder, sie müssen sie selbst, aus eigener Tasche bezahlen! Also, das Abrechnungssystem hat einen katastrophalen Einfluss im medizinischen Bereich auf Behandlungen von Patienten, weil Mediziner nicht mehr frei handeln können...", grüble ich laut vor mich hin. Maria legt eine Hand an ihre rechte Wange, stützt ihren Kopf schräg ab und ist ganz bei dem, was ich erzählte. Ich sehe, wie meine Worte in ihr weiterarbeiten.
„Dass ich die üblichen Entspannungsverfahren nicht abrechne, liegt, nebenbei gesagt, daran, weil man nach der KV-Zulassung eine extra Fortbildung zum Beispiel für Autogenes Training oder Entspannungsmethode nach Jacobsen erwerben sollte. Aber ich hatte schon seit Jahrzehnten, seit ich an der Universität war, damit gearbeitet. Nein, sogar schon davor. In einem Praktikum hatte mir ein leitender Psychologe einer Klinik diese Methoden beigebracht, damit ich sie an Patienten weitergeben konnte. Weiter war ich selbst in verschiedenen Kliniken im Rahmen meiner Leitungstätigkeit und Lehrtätigkeit damit befasst. Ich habe sie sowohl Patienten vermittelt, als auch Studenten der Medizin und der Psychologie. Allerdings nicht nur Entspannungsverfahren, sondern auch Methoden aus der Gesprächstherapie! Was soll ich denn einen Schein erwerben? Das hatte ich auch irgendwann mal als Frage an eine der Mitarbeiter der KV gestellt, was das denn soll? Ich habe Mediziner mit ausgebildet, die haben ihre Zulassung bekommen und ich müsste jetzt einen Schein machen?”, lege ich Entrüstung in berufspolitische Entwicklungen, bei denen ich und meine Kollegen erleben musste, dass immer mehr vom Teppich, auf dem wir bereits jahrelang, was sage ich, Jahrzehnte gearbeitet hatten, einfach mit ein paar Gesetzchen hier und ein paar Einschränkungen da, abgeschnitten wurde.
„Ein paar Kürzungen links, ein paar Vorschriften rechts und dann konnten Krankenschwestern oder sonstige Berufsgruppen irgendein Training machen, bieten dies wer weiß, wo, an und können abrechnen. Und jemand wie ich, zu dessen Profession so etwas von vornherein gehört, sollte das nicht abrechnen können, weil er dann den Schein nicht hatte! Nee, da habe ich mich verweigert!”, spucke ich den Satz auf den Tisch, angewidert von dem, was uns berufspolitisch aufgetischt wurde, als seien wir die Oberidioten vom Dienst. Maria schweigt weiterhin. Hört mir mit großen Augen zu. Selbst ihre Zigaretten bleiben ruhig und unberührt liegen. Da, wo sie sind, nämlich in der Schachtel.
„Verstehst' du? Es waren viele Teilchen eines Puzzle. Einerseits Festlegungen, die alle betrafen, und andererseits viele unterschiedliche Dinge, die nicht alle Kollegen betrafen. Jeder regte sich dann über etwas anderes auf. Damit war dann keine einheitliche Richtung zu erzielen. Man weiß es ja, Zweige bricht man einzeln. Irgendwann machte jeder für sich seine Arbeit. Und dass wir viel arbeiteten hat vor allen Dingen mit den miesen Honoraren zu tun! Kannst du dir vorstellen, dass wir jahrelang nach der KV-Zulassung für 7 Euro und paar Cent probatorische Sitzungen mit Patienten zu machen hatten? Jede Sitzung dauert 50 Minuten, Maria! Und das ist nur die Spitze dessen, was man sich bis heute uns gegenüber erlaubt hat!”, falte ich resigniert an der noch unbenutzten Stoffservierte herum. Drehe sie von links auf rechts. Stelle fest, dass sie von beiden Seiten gleich aussieht.
„Das ist die wahre Kunst! Uns alle ans Arbeiten gebracht zu haben und das mit extrem schlechten Honoraren - und so sind sie bis heute geblieben...", und lege die Servierte, während ich dies feststelle, noch mal auf die andere Seite.
„Aber insgesamt, was die Abrechnungsziffern angeht: Für Jacobson und Autogenes Training schicke ich Patienten, die es brauchen, in Gruppen außerhalb meiner Psychotherapie. Ich habe keine Lust, die wertvolle Therapiezeit damit zu belasten. Die GOP Ziffer 15 könnte ich, nach dem ursprünglichen Verständnis, das ich mir in den letzten Monaten zugelegt habe, genau für solche Fälle abrechnen. Habe ich aber niemals getan! Wäre mir auch bisher nicht in den Sinn gekommen. Denn die GOP 15 habe ich für diese symbolische Akupunkturnadel analog abgerechnet", stelle ich die Unterschiede meiner Anwendung der GOP 15 dar. Und mir fällt eine weitere Begebenheit ein und erzähle sie Maria:
„Weißt' du, ich habe mal 1 1/2 Tage in Zürich im Holiday-Inn am Flughafen Kloten festgesessen. Eigentlich wollte ich einen Anschlussflug nach New York haben und geplant war, dass wir mal noch eben einen Kaffee am Flughafen trinken. Dann wollten wir einchecken für New York. Aber nein, wir mussten auf einen Spezialisten aus Schweden warten. Sogar eine Nacht im Holiday-Inn schlafen, morgens früh wieder aufstehen und dann noch einmal stundenlang warten, weil der Spezialist aus dem Urlaub vom anderen Ende der Welt erst eingeflogen werden musste! Nur er kannte sich mit den Bordcomputern aus! Der fummelte genau 10 Minuten im Computer herum und konnte dann wieder zurück in seinen Urlaub fliegen - und wir dann endlich auch! Also, was ich damit sagen will ist, wenn ich mit Patienten arbeite, bin ich hochkonzentriert und arbeite punktgenau - ähnlich wie dieser Spezialist in seinem Beruf. Er dürfte königlich bezahlt worden sein. Allein was es kostete, so viele Passagiere des NY- Flugs auf Kosten der Fluggesellschaft im Hotel übernachten und den Spezialisten einfliegen zu lassen, seinen unterbrochenen Urlaub und dann natürlich sein Honorar für seine Dienste zu bezahlen, dürfte eine sechsstellige Zahl gewesen sein. Nun bin ich kein weltweit gesuchter Spezialist, sondern arbeite schön bescheiden in meiner Praxis. Aber die Ergebnisse bei meinen Patienten in Hinsicht auf das, was sie für sich erreichen und wie sie letztendlich aus der Psychotherapie entlassen werden können, sprechen für sich. Zumindest in den meisten Fällen. Es gibt natürlich auch schon mal einen Misserfolg - aber die sind echt gezählt und wenn ich bemerke, ich kann jemanden nicht so unterstützen, wie er das vielleicht braucht, dann sage ich ihm das auch. Ich mache keinen Hokuspokus, ich bin ehrlich und zuverlässig, möchte ich mal zu meinen Gunsten herausstellen...", trumpfe ich ein wenig auf und lache verlegen, wohl wissend, dass mir das nun nicht wirklich hilft und wirklich niemanden interessiert. Zumindest nicht an dieser Stelle.
„Ich bin mit einem veralteten Wertesystem unterwegs! Es klingt lächerlich in der heutigen Zeit...", schiebe ich zerknirscht nach, aber dennoch an ihm festhaltend.
„Aber da bin ich unverbesserlich: Ich stehe zu meinen Werten!”, muss ich jetzt aber doch über mich selbst lachen, sie überhaupt herausgestellt zu haben.
„Na, dann wollen wir mal sehen!”, lacht Maria nun auch. Und wir stoßen mit unseren Wassergläsern an.
„Zu dieser Aussage bezogen auf einen erfolgreichen Arbeitsstil kann ich im Übrigen ein Untersuchungsergebnis mitteilen: Als Psychotherapeut ist man entweder im hohen Maße erfolgreich, oder man ist im hohen Maße nicht erfolgreich und plätschert vor sich. Vor ein paar Jahren hat mich dieses Untersuchungsergebnis doch ziemlich erstaunt, dass dies so sein soll. So. Was soll ich sagen? Meine Patienten sind äußerst zufrieden mit diesem Arbeitsstil und den Ergebnissen. Und ich setze für Interventionen die GOP 5 an und für Hausaufgaben, die sich immer strikt individuell am Patienten ausrichten, die GOP 15. Beide, die GOP 5 und die GOP 15, sind sozusagen Spezialisten-Ziffern, wenn ich es jetzt auf das Bild des schwedischen Computerfachmannes beziehe. Jeder Spezialist in der Welt wird als Spezialist bezahlt. Die beiden Ziffern besagen: Da ist punktgenau gearbeitet worden. Aber, wie du vielleicht weißt, die GOÄ-Ziffern sind jahrzehntelang nicht erhöht worden, noch an die Inflation des Geldes angeglichen worden. Aber wenn sich kein anderer Gedanken macht, dann muss es zumindest gestattet sein, dass ich mir selber Gedanken zum Arbeitsstil mache, den ich anwende!”, versuche ich mir noch ein kleines Recht in meinem Fachbereich herauszunehmen, wo vieles schon einfach gestrichen worden ist. Sang und klanglos. Und mir gehen die vielen Jahre ununterbrochenen Lernens immer neuer Therapiemethoden und Ausbildungen durch den Kopf und erzähle Maria nun die Hintergründe, die sie bislang von mir niemals hörte, wenn ich mitteilte, ich hätte keine Zeit! Wäre das ganze Wochenende in München oder fliege nach Nizza oder Zürich, sei in Aachen oder in Holstein oder sonst irgendwo. Klar hatte ich ihr Anekdötchen aus den Ausbildungen erzählt. Aber ich setzte mich ja nicht hin und blätterte ihr mal eben ohne Grund und Anlass die Entwicklungen aus meinem Berufsbereich vor. Jetzt war der Zeitpunkt da und der Anlass, ihr ausführlicher zu erzählen, was bei uns eigentlich so vor sich geht:
„Und ich habe mir sehr unterschiedliche Psychotherapie-Methoden in jahrzehntelangen Ausbildungen angeeignet, für die ich viele Jahre mit Einsatz von sehr viel Geld und Zeit privat auf Vieles verzichtet habe. Da hatten dann Bankangestellte, die mit 18 Jahren ihre Lehre fertig hatten, schon ihr erstes Häuschen fast bezahlt, da saß ich noch auf Apfelsinenkisten. Und da soll ich mich auf die Honorarstufe mit einem Diplom Psychologen stellen, der für lächerliche 10.000 Euro, wenn es hoch kommt, eine Verhaltenstherapie-Ausbildung gemacht hat und dann eine Zulassung in Deutschland bekommt? Ich werde schon im KV-System genauso bezahlt wie ein Berufsanfänger!!! Das reicht an Demütigung! Aber doch bitte schön nicht im Bereich der Privatpatienten! Es gibt bei uns weder eine Differenzierung nach Berufsjahren, noch nach der Anzahl und Qualität und Kosten einer Ausbildung zur Aneignung von Psychotherapie - Methoden. Alle werden gleich gemacht. Können 'Scheine' machen, um ein paar Kröten für Entspannungs- oder Gruppentherapien abzurechnen. Die können aber Leute, die kein Studium oder keine Therapieausbildung haben, ebenfalls abrechnen! Also, die einzige Möglichkeit ist, eine Privatvereinbarung zu treffen und die entsprechend nach der GOP abzurechnen!”, schließe ich nun diesen unbeabsichtigten Vortrag, der mir gefühlt vorkommt, als sei er nur einen Atemzug lang, besser ein Ausatmen lang von jahrelang eingeatmeter Berufspolitik gewesen. Schiebe aber noch aus schemenhafter Erinnerung an einen STERN