Geht ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung? - Friederike von Buchner - E-Book

Geht ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung? E-Book

Friederike von Buchner

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Beschreibung

Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Petra schaute bei den Steiers zum Fenster hinein. Hertha Steier stand am Küchentisch und richtete einen Proviantkorb. Sie sah auf und lächelte, als sie die junge Krankenschwester erkannte. »Grüß Gott, Petra!« »Grüß Gott, Hertha!« Hertha Steier bat Petra herein. »Wo sind die Kinder?«, fragte Petra. »Thomas und Sandra sind auf der Wiese hinter der Scheune. Mein Mann hat ihnen geholfen, Dieters altes Indianerzelt aufzustellen. Danach schleppten sie das Bettzeug hinaus. Die beiden freuen sich auf ihr Wochenende auf der Prärie«, lachte Hertha. »Ja, die Kinder haben viel Spaß. Holz für das Lagerheuer haben sie auch schon gesammelt. Gustav hat eine tiefe Grube ausgehoben. Er wird dort das kleine Feuer und die Glut überwachen. Die Kinder wollen Stangenbrot backen und Kartoffeln garen.« »Ist das nicht gefährlich? Wegen der Brandgefahr?«

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Toni der Hüttenwirt – 293 –

Geht ihr sehnlichster Wunsch in Erfüllung?

Sie träumen davon, endlich eine Familie zu sein ...

Friederike von Buchner

Petra schaute bei den Steiers zum Fenster hinein.

Hertha Steier stand am Küchentisch und richtete einen Proviantkorb. Sie sah auf und lächelte, als sie die junge Krankenschwester erkannte. »Grüß Gott, Petra!«

»Grüß Gott, Hertha!«

Hertha Steier bat Petra herein.

»Wo sind die Kinder?«, fragte Petra.

»Thomas und Sandra sind auf der Wiese hinter der Scheune. Mein Mann hat ihnen geholfen, Dieters altes Indianerzelt aufzustellen. Danach schleppten sie das Bettzeug hinaus. Die beiden freuen sich auf ihr Wochenende auf der Prärie«, lachte Hertha. »Ja, die Kinder haben viel Spaß. Holz für das Lagerheuer haben sie auch schon gesammelt. Gustav hat eine tiefe Grube ausgehoben. Er wird dort das kleine Feuer und die Glut überwachen. Die Kinder wollen Stangenbrot backen und Kartoffeln garen.«

»Ist das nicht gefährlich? Wegen der Brandgefahr?«, fragte Petra besorgt.

»Weißt du, Petra, wenn die Kinder ein Feuerchen machen wollen, dann kann man sie nicht davon abhalten. Das habe ich schon damals eingesehen, als Dieter und unsere Lilo, Gott hab sie selig, klein waren. Gustav wird aufpassen, dass sie vorsichtig sind und sich weder die Fingerchen verbrenn, noch eine Feuersbrunst entfachen. Deswegen auch die Grube, da kann nichts aus Versehen angezündet werden. Außerdem ist Gustav im Vorstand der Waldkogeler Feuerwehr. In der Scheune stehen mehrere Kasten Bier. Die Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr kommen später auf einen Umtrunk vorbei. Das nennen sie Löschübung. Fragt sich nur, was sie löschen, das Feuer oder die durstigen Kehlen?«

Die beiden Frauen schmunzelten.

»Ach, die Kinder zusammen zu sehen, das ist so herzig, Petra.«

»Ich bin froh, dass sich Sandra gut mit Thomas versteht und sich wohl bei euch fühlt. Ihr seid mir eine große Hilfe und erleichtert mir das Leben. Es ist nicht einfach als Witwe mit Kind. Wenn sich mal wieder der Dienstplan ändert, kann ich sicher sein, dass Sandra immer bei euch willkommen ist. Das ist gibt mir Sicherheit und ist eine große Beruhigung.«

»Petra, mach dir darüber keine Gedanken! Es ist alles in Ordnung. Wir sind froh, dass Thomas dein kleines Madl als Freundin hat. Du kannst ruhig nach hinten gehen.«

»Das würde ich gern«, sagte Petra, »aber Sandra hat gesagt, dann müsste ich mich als Indianerin verkleiden.«

Hertha lachte. »Das hat Thomas auch von Dieter und Gustav verlangt. Gustav hat sich verkleidet, zwar nicht als Indianer, sondern als Cowboy mit einem großen Hut. Er spielt den Indianerfreund und Kundschafter.«

Petra schmunzelte. »Vielleicht komme ich später noch einmal vorbei, wenn es dunkel ist und alle um das Lagerfeuer sitzen. Irgendetwas werde ich schon finden, womit ich mich verkleiden kann.«

»Zieh ein elegantes Abendkleid an! Du bist eine Reisende, deren Postkutsche überfallen wurde. Ich freue mich, wenn du kommst. Ich spiele auch eine Reisende, die bei den Indianern Schutz sucht«, sagte Hertha. Sie schaute wohlwollend auf Petras Kleidung.

Sie trug dunkelrote Kniebundhosen aus weichem Leder, eine bunte Bluse, Wanderschuhe und hatte eine Strickjacke leger um die Hüften gebunden. Als Tasche trug sie eine Umhängetasche aus grobem Stoff.

»Fesch schaust du aus, Madl«, sagte Hertha. »Hast dir meine Worte ein bisserl zu Herzen genommen, wie?«

Petra errötete. »Ja, du hattest recht, Hertha. Es war Zeit, die Trauerkleidung abzulegen. Sandra soll sich später nicht an mich erinnern als die traurig-ernste Mutti, die immer Schwarz trug. Deine Worte haben mich sehr nachdenklich gemacht, Herta. Ich muss auch wieder anfangen, zu leben.«

»Das ist ein sehr vernünftiger Entschluss. Und jetzt lass mich raten: Du willst heut noch ein bisserl wandern gehen.«

»Ja, ich will meine alten Gewohnheiten wieder aufnehmen. In den Bergen bekommt man einen klaren Kopf. Wenn man von oben, am Hang, herunter schaut und alles so klein ist, nimmt man sich selbst nicht mehr so wichtig.«

Hertha lächelte Petra an. »Ich weiß natürlich, wie du das meinst, Petra. Aber du solltest auch anfangen, dich selbst ein wenig wichtiger zu nehmen. Du hast doch bestimmt auch Wünsche und Träume. Du bist doch noch so jung. In deinem Alter hatte ich noch viele Träume.«

Petra schaute Hertha ernst an. »Die Träume sind alle vorbei, seit ich allein bin, ich meine, seit ich mit Sandra allein lebe«, seufzte Petra leise.

Hertha wischte sich die Hände an der Kittelschürze ab, die sie meistens im Haus trug. Sie ging auf Petra zu und legte ihr mütterlich die Hand auf die Schulter. »Madl, das weiß ich. Es ist nicht gerecht vom Himmel, dir so früh die Witwenschaft zuzumuten. Ich weiß, dass ich den Herrgott nicht kritisieren soll. Aber verstehen kann ich es nicht! Wenn ich damit etwas Unrechtes gesagt habe, dann ist es eben so.« Hertha Steier tätschelte Petra die Wange. »In einigen Jahren, vielleicht weniger als zehn Jahre, dann ist Sandra erwachsen und geht ihre eigenen Wege. Also ist es höchste Zeit, dass du dir neue Träume zulegst und sie verwirklichst. Sonst liegt ein langes, sehr einsames Leben vor dir. Verstehst mich?«

»Ja, Hertha!«

Hertha rollte die Augen. Sie schaute zur Küchendecke mit ihren dunklen Eichenbalken, meinte aber den Himmel. Sie flehte um Einsicht. »Nix da, einfach nur ›Ja, Hertha!‹ zu sagen! Das ist mir zu wenig, verstehst? Denk nach und handle! Versprich mir, dass du nachdenkst. Lausche auf dein Herz. Da sind bestimmt Wünsche drin. Die solltest du nicht länger unter Verschluss halten. Auch darin solltest du Sandra ein Vorbild sein. Kein Berg ist zu hoch, als dass man nicht auf den Gipfel kraxeln könnte, wenn man will«, sagte Hertha streng. Sie blinzelte Petra zu. »Wenn man den Gipfel allein nicht erreichen kann, dann sucht man sich jemanden, mit dem man eine Seilschaft eingehen kann. Ich denke, du verstehst mich, Petra.«

Petra errötete wieder. »Hertha, ich weiß, dass du es gut mit mir meinst. Und ich bin dir dankbar für die Ermutigung. Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde darüber nachdenken und mich bemühen.«

»Das ist gut, Madl. So ist es recht. Das ist schon mal ein Anfang. Und jetzt gehe und genieße die Abendsonne! Pfüat di, Petra!«

»Pfüat di, Hertha!« Petra wandte sich zur Tür. »Und grüße mir Gustav und Dieter und natürlich die Kinder.«

»Das mach ich! Vielleicht kommst du später ja doch noch mal auf einen Sprung vorbei? Ich würde mich freuen.«

Petra lächelte und ging hinaus.

Hertha sah ihr durch die offenen Küchenfenster nach. »Madl, sei mutiger!«, flüsterte Hertha vor sich hin.

Als Petra zum Fuß der Klamm kam, wartete Dieter Steier schon auf sie.

»Grüß Gott, Petra! Fesch schaust du aus!«

Petra lächelte verlegen und errötete. Sie schaute kurz unter sich.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«, fragte Dieter schnell. »Entschuldige bitte! Ich nehme es zurück. Du schaust nicht fesch aus. Bist du jetzt zufrieden?«

»Dieter, es ist für mich sehr ungewohnt, wenn ich ein Kompliment bekomme. Ich habe so etwas jahrelang nicht mehr gehört, seit ich Witwe bin.«

Dieter sagte darauf nichts. Er spürte, dass jedes Wort ungeschickt sein würde. »Wollen wir gehen?«, fragte er.

Petra nickte.

Dieter schulterte seinen Rucksack, er ging voraus. Der schmale Pfad verlief am Felsen entlang, neben dem Bach, der die Klamm herunterstürzte. Nach einigen Schritten blieb er stehen und drehte sich um. Er streckte Petra seine Hand hin. »Hier, halte dich fest! Hier an den Felsen ist der Pfad feucht und voller Moos. Da könntest du leicht ausrutschen. Weiter oben, wo wenigstens die Sonne um die Mittagszeit drauf fällt, ist der Weg besser.«

Petra lächelte.

Sie nahm Dieters Hand. Sie fühlte sich warm und weich an. In Petra stiegen die Gefühle auf, die sie auch schon an Gustavs Geburtstag gefühlt hatte, während sie mit Dieter tanzte. Damals hatte sie dagegen angekämpft. Aber jetzt war es etwas anderes, auch wenn es nur ein kleines bisschen so war. Hertha hatte recht, sie sollte zu den Wünschen in ihrem Herzen stehen. Ein Wunsch war, nicht mehr einsam zu sein.

Dieter wanderte langsam den verschlungenen Pfad hinauf. Dabei nahm er viel Rücksicht auf Petra.

Oben angekommen blieben sie stehen.

Petra entzog Dieter ihre Hand und streifte die Haare zurück, die ihr ins Gesicht gefallen waren.

»Gehen wir den Pilgerweg hinauf, in Richtung Plateau?«, fragte Dieter. »Oder schlagen wir die entgegen gesetzte Richtung ein, zum Tal hin? Wir könnten Waldkogel in einem großen Bogen umrunden. Du entscheidest, Petra. Wo bist du schon lange nicht mehr gewesen?«

»Du machst mich verlegen, Dieter. Okay, gehen wir hinauf. Ich war schon lange, sehr lange, seit damals eigentlich … du verstehst«, erklärte Petra.

Dieter nickte. Er dachte sich seinen Teil. Er wusste, dass Petra und ihr verunglückter Mann damals viel wandern waren. Dabei hatte Harald Ziegler die kleine Sandra in einer Rückentrage getragen.

Sie wanderten weiter. Petra blieb oft stehen und schaute über das Tal. Sie sah dabei sehr verschlossen aus.

Dieter sprach sie nicht an, so taktvoll war er. ›Sicherlich denkt sie an die Vergangenheit‹, dachte er. Er betrachtete sie von der Seite. Sie gefiel ihm immer mehr. Seit sie auf dem Geburtstagsfest seines Vaters miteinander getanzt hatten, standen seine Herzenstüren weit offen. Sich selbst hatte er in einer einsamen nächtlichen Stunde eingestanden, dass er sich in Petra verliebt hatte. Die vergangenen Jahre war sie stets in seiner Nähe gewesen. Aber niemals hatte er in ihr die Frau gesehen, die sein Leben bereichern könnte. Das lag wohl an ihrer zurückhaltenden Art, ausgelöst durch tiefe Trauer.

»Wollen wir uns einen Augenblick setzen?«, fragte Dieter. »In der Schutzhütte ist niemand.«

An Petras Blick erkannte er, dass er sie aus den Gedanken gerissen hatte.

»Gute Idee«, sagte sie, nach einigen Augenblicken. »Ich muss gestehen, dass ich sehr untrainiert bin. Gut, wenn wir eine Pause machen. Peinlich, wie?«

Sie gingen zu der Bank unter dem vorgezogenen Dach der Schutzhütte und setzten sich.

Dieter holte zwei Flaschen kalten süßen Kräutertee aus seinem Rucksack und gab eine davon Petra. Sie nickten sich zu und tranken.

Es war ein sehr warmer Abend. Der Himmel war wolkenlos. Petra freute sich darüber. Sandra und Thomas würden eine schöne Zeit in dem alten Indianerzelt haben.

»Das muss dir nicht peinlich sein, Petra«, sagte Dieter. »Ich merke auch, dass ich mich während der Woche nicht viel bewege.« Er lächelte. »Weißt du, ich nehme mir immer wieder vor, an den Wochenenden wandern zu gehen. Aber ich verwirkliche meinen Vorsatz selten. Außerdem macht es allein wenig Freude. Ich möchte meine Erlebnisse mit jemanden teilen.«

»Nimmst du Thomas nicht mit?«, fragte Petra erstaunt.

»Wollen würde ich schon, aber Können ist etwas anderes. Thomas möchte am Wochenende lieber nach Kirchwalden oder nach München ins Kino oder Eis essen. Er will in den Zoo. Und ab dem Frühjahr ist im Umkreis von fünfzig Kilometer immer irgendwo Kirmes.«

»Sandra habt ihr auch öfter mal mitgenommen. Danke dafür!«

»Petra, höre auf, dich zu bedanken! Das musst du nicht. Es ist alles gut, wie es ist. Thomas und Sandra sind befreundet und sie verstehen sich gut. Außerdem freut sich meine Mutter, wenn Sandra bei uns ist. Sie hat sie gern um sich. Denn sie kann ihr all die Dinge beibringen, die sie einem Enkelbub nicht zeigen kann.«

»Oh ja, das weiß ich. Sie zeigt Sandra im Augenblick, wie man Strümpfe strickt. In der letzten Adventszeit haben sie zusammen Weihnachtsgebäck gebacken. Dafür bin ich deiner Mutter sehr dankbar. Als berufstätige Frau habe ich wenig Zeit dafür.«

»Dass du weniger Zeit hast, als Mütter, die daheim sind oder nur halbe Tage arbeiten, kann ich verstehen. Doch du hast dich schon wieder bedankt, Petra.«

Petra errötete. »Stimmt, es kommt nur daher, weil ich froh bin, dass Sandra gute und liebe Freunde hat, deine Eltern, dich und Thomas.«

Dieter lächelte Petra an. »Sandra habe ich fest ins Herz geschlossen. Sie ist ein liebes Madl. Ich muss dir etwas gestehen. Oft sehe ich sie an und höre ihr zu und denke, sollte ich mal ein Madl haben, sollte sie sein wie Sandra.«

»Das ist ein schönes Kompliment, Dieter«, sagte Petra. »Vielleicht wirst du eines Tages selbst eine Tochter haben. Ich wünsche es dir.«

Dieter seufzte. »Danke, aber das ist ein frommer Wunsch. Hat sich meine Mutter dir nicht anvertraut? Sie bedrückt es noch mehr, als mich. Ich hatte einige Freundinnen. Aber alle liefen davon. Der Grund war Thomas.«

»Der arme Bub! Weiß er es?«

»Bewahre! Er hat mich gefragt, ob er der Grund sei. Dabei hatte er sich immer bemüht, nett und freundlich und brav zu sein. Natürlich habe ich es abgestritten. Ich gestehe, ich habe ihm faustdicke Lügen aufgetischt. Was hätte ich tun sollen? Der Bub soll nicht das Gefühl haben, er hindere mich an meinem Lebensglück.«

»Das hast du gut gemacht, Dieter. Der Himmel wird dir deine Notlügen nachsehen.«

Dieter lächelte. Er reichte Petra einen Müsliriegel. »Besser wäre es, wenn der Himmel mich ein Madl finden lässt.«

»Du wirst schon ein Madl finden, das sich nicht an Thomas stört. Er ist doch ein lieber Bub. Richtig herzig ist er!«

»Ja, das ist er und altklug dazu. Nach dem tragischen Unfalltod seiner Eltern hat er sich sehr verändert. Er ist, im Vergleich zu seinen Mitschülern, mit einem Mal viel erwachsener. Er hat seine Leichtigkeit verloren, die jedem Kind eigen ist. Aber daran kann ich nichts ändern. Es ist, wie es ist, Petra. Ich bemühe mich, ihm die Eltern zu ersetzen. Auch meine Eltern geben sich große Mühe. Oft liege ich nachts wach und frage mich, was ich tun soll. Kinder sollen in einer Familie aufwachsen, mit Eltern und Geschwistern. Aber das kann ich ihm nicht bieten, so sehr ich mich auch bemühe.«

»Oh, in dem Punkt verstehe ich dich gut, Dieter. Wie sehr sich Kinder verändern, wenn sie einen Elternteil verlieren, weiß ich nur zu gut. Und Thomas hat gleich beide verloren, Vater und Mutter.« Petra seufzte und trank einen Schluck vom süßen Kräutertee. »Gib die Hoffnung nicht auf, Dieter! Du wirst sicher ein Madl finden für dein einsames Herz.«

»Einsames Herz, das hast du schön gesagt. Weißt du, es ist schwer, niemand zu haben, mit dem man reden kann. Thomas ist noch zu klein. Ich kann mit ihm nichts besprechen, wie man es unter Erwachsenen tut, sich austauschen und mal eine andere Meinung hören. Meine Eltern will ich in vielen Dingen nicht belasten. Eltern sind eben Eltern. Das ist etwas anderes, als wenn ich mich mit einer Frau bereden könnte, die mir nahesteht und zu der ich Vertrauen habe. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass du eingewilligt hast, eine kleine Abendwanderung zu machen.«

»Gern geschehen, Dieter! Wir sind doch Leidensgenossen.«

»Das stimmt. Ich hoffe, wir können uns jetzt öfters treffen. Damit meine ich, ohne die Kinder.«

»Einverstanden!«, sagte Petra. »Das klingt gut. Deine Mutter hat mir ins Gewissen geredet. Ich habe nachgedacht. Ich erkannte, dass ich es verlernt habe, mich länger mit einem Erwachsenen zu unterhalten. Ich tue mich schwer, etwas in Worte zu gleiten, was nicht Sandra betrifft. Ich weiß auch nicht, wie meine Rolle als junge Witwe sein soll. Besser, ich wusste es nicht. Es ist nicht nur so, dass man einen lieben Menschen verloren hat, man wird zur Außenseiterin, besser gesagt, man wird dazu gemacht. Werde ich mal eingeladen, was im Jahr höchstens einmal passiert, dann fühle ich mich schnell als das fünfte Rad am Wagen.«

»Auf dem Geburtstagsfest meines Vaters war das aber nicht der Fall. Da warst du keine Außenseiterin. Du hast im Mittelpunkt gestanden. Du hast so schön ausgesehen! Mir kam es vor, als hättest du mit dem Ablegen des schwarzen Kleides einen dunklen Vorhang zur Seite gezogen, hinter dem du dich versteckt hattest.«

Petra wurde tiefrot. »Ich gebe zu, dass ich den Tag sehr genossen habe.«