Geisterlicht - Elaine Winter - E-Book

Geisterlicht E-Book

Elaine Winter

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8,99 €

Beschreibung

Dunkle Schatten der Vergangenheit

Im Haus ihrer kürzlich verstorbenen Mutter geschehen Dinge, die Fiona eine Gänsehaut über den Rücken jagen. Sie fühlt sich beobachtet, und plötzlich steht ein Fremder vor der Tür – von dem sie zuvor geträumt hat. Hals über Kopf verliebt sich Fiona in ihn. Ihr und Aidan bleibt jedoch kaum Zeit, sich kennenzulernen. Denn ein verletzter Geist aus der Vergangenheit sinnt auf Rache und will die beiden um jeden Preis auseinanderbringen ...

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Seitenzahl: 411

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Das Buch

Seit Fiona denken kann, hat sie eine ungewöhnliche Gabe: Manchmal sieht sie Dinge voraus, manchmal werden Ereignisse wahr, die sie sich zuvor unbewusst gewünscht hat. Und manchmal kann sie Gedanken lesen. Als die junge Frau nach dem Tod ihrer Mutter nach Irland reist, um ihrer Schwester Dawn bei der Verwaltung des Nachlasses zu helfen, häufen sich die unerklärlichen Vorfälle. Von Anfang an fühlt Fiona sich in dem kleinen, gemütlichen Cottage, das Dawn und ihre Mutter gemeinsam bewohnten, beobachtet. Dann taucht ein Fremder auf, den Fiona nur zu gut kennt, begegnet er ihr doch Nacht für Nacht in ihren Träumen. Aidan, so der Name des geheimnisvollen Fremden, entpuppt sich als Nachbar – und als der heimliche Schwarm Dawns. Als Fiona sich Hals über Kopf in Aidan verliebt, hat sie mehr als ein Problem. Denn außer Dawn gibt es noch den rachsüchtigen Geist der Urahnin Maureen, die alles andere als begeistert von einer Beziehung zwischen Fiona und Aidan ist ...

Die Autorin

Elaine Winter, geboren 1958 in Hannover, studierte Germanistik und Anglistik nach ihrer Ausbildung zur Hotelfachfrau. Später war sie in verschiedenen Bereichen tätig: in einer Medienagentur, im Kunsthandel, im Verlag und im Marketing. Seit 1992 arbeitet sie hauptberuflich als Autorin.

Elaine Winter

Geisterlicht

Roman

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Originalausgabe 08/2012

Copyright © 2012 by Elaine Winter

Copyright © 2012 by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Charlotte Paetau

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-07651-1

www.heyne.de

Für Vincent

Du warst nicht immer einfach, aber immer einfach toll.

Ich bin sehr stolz auf Dich!

Erstes Kapitel

Sie stand in der offenen Tür zu einem großen Raum, an dessen Wänden in deckenhohen Regalen Tausende von Büchern aufgereiht waren. In einer Ecke befand sich eine Sitzgarnitur bestehend aus ein paar schweren Ledersesseln und einem wuchtigen, niedrigen Tisch. Vor dem großen Fenster, hinter dem die Nacht dunkelblau schimmerte, hatte ein großer Schreibtisch aus Eichenholz seinen Platz.

Durch das alte Gemäuer strich ein kühler Lufthauch, und sie fröstelte in ihrem dünnen Nachthemd. Der schwarz-weiße Fliesenboden unter ihren nackten Füßen war eiskalt. Dennoch rührte sie sich nicht von der Stelle, sondern schaute ihn unverwandt an.

Das Licht der Tischlampe malte bläuliche Schatten in das dunkle Haar des Mannes am Schreibtisch, als er sich tiefer über das Buch beugte, das vor ihm lag. Die Bewegung, mit der er die Seiten umblätterte, war ihr so vertraut wie eine zärtliche Geste, und ihr Herz begann, heftig zu klopfen. Sie bewegte ihre Lippen, wollte seinen Namen flüstern, doch sie wusste nicht, wie er hieß.

Als hätte er ihren Blick gespürt, hob er plötzlich den Kopf, wandte sich um, strich sich das schwarze Haar aus der Stirn und sah ihr direkt ins Gesicht. Seine Augen waren von einem tiefen, geheimnisvollen Blau. Sie erinnerten sie an einen Waldsee, in den an einem milden Herbstnachmittag das Sonnenlicht goldene Tupfen malt.

Fiona schnappte nach Luft, als er die Lippen zu einem Lächeln verzog und sich in seiner rechten Wange ein Grübchen bildete. Zögernd machte sie einen Schritt auf ihn zu. Er streckte ihr lächelnd die Hand entgegen …

Das Schrillen des Telefons riss sie aus dem Schlaf, und als das Bild des vertrauten und gleichzeitig fremden Mannes vor ihrem geistigen Auge verschwand, war sie unendlich traurig, so, als hätte das Schicksal einen Geliebten aus ihren Armen gerissen. Sie blinzelte in das erste Licht des Morgens und griff nach dem Telefon neben ihrem Bett.

»Ich habe schon wieder von ihm geträumt«, sprudelte sie hervor, nachdem sie mit einem Druck auf die kleine grüne Taste das Gespräch entgegengenommen hatte. »Es ist immer wieder derselbe Mann. Die schwarzen Haare, die blauen Augen … Dieses Mal hat er gelächelt, und ich konnte sehen, dass er …«

»Fiona?«, fragte eine unbekannte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung zaghaft.

»Wer spricht denn da?« Mit zusammengekniffenen Augen starrte Fiona hinauf zur Decke. Wer außer ihrer Freundin Anja rief sie je so früh am Morgen an?

Schweigen. Dann ein Räuspern und schließlich ein Flüstern. »Hier ist … deine Schwester.« Die Stimme klang sanft und hatte einen leichten Akzent.

Fiona fuhr so hastig von ihrem Kissen hoch, dass ihr für einen Moment schwarz vor den Augen wurde. »Dawn?«, flüsterte sie, nachdem sie mühsam den Kloß in ihrer Kehle hinuntergeschluckt hatte.

»Ja. Hier ist Dawn.«

Wieder war es still in der Leitung. So still, dass in Fionas Ohren ihr eigener Atem wie ein Sturm klang. Sie öffnete den Mund und schloss ihn sofort wieder. Was sagte man zu einer Schwester, die man seit dreiundzwanzig Jahren nicht gesehen und gehört hatte?

»Ich brauche dich hier in Schottland, Fiona.« Das klang jetzt entschlossen und gar nicht mehr zaghaft. »Du bist die Einzige, die uns helfen kann.«

»Wie … Wie geht es unserer Mutter?«, erkundigte Fiona sich nach einer weiteren langen Pause. Sie nahm automatisch an, dass ihre Schwester mit »uns« sich selbst und die gemeinsame Mutter meinte.

»Sie ist vor drei Monaten gestorben. Es kam ganz plötzlich. Ein schwaches Herz.«

»Oh. Das ist natürlich… schlimm.« Beschämt stellte Fiona fest, dass sie in Wirklichkeit keinerlei Gefühlsregung verspürte. Betrauerte man nicht eigentlich den Tod der eigenen Mutter? Und das war Noreen Kramer, geborene Abercrombie, schließlich und endlich gewesen: ihre Mutter. Auch wenn sie sich vor dreiundzwanzig Jahren von Fionas Vater getrennt hatte und mit ihrer jüngeren Tochter Dawn in ihre Heimat Schottland zurückgekehrt war. Die damals vierjährige Fiona hatte sie bei ihrem Vater in Deutschland zurückgelassen.

»Sie hat sich nicht ein einziges Mal bei mir gemeldet«, brach es jetzt aus Fiona hervor. »Kein Brief, kein Anruf, nichts! Als würde ich für sie nicht mehr existieren. Als hätte sie ihre älteste Tochter einfach aus ihrem Gedächtnis gestrichen!«

»Aber nein!«, rief Dawn entsetzt. »So war das nicht. Sie hat mir immer wieder erzählt, wie oft sie unserem Vater geschrieben hat. Aber alle Briefe kamen ungeöffnet zurück, auch die, die sie später direkt an dich adressiert hat, als sie annahm, dass du inzwischen selbst lesen konntest.«

»Das ist nicht wahr! Ich habe keinen einzigen Brief von ihr bekommen.« Vor Fionas Augen verschwamm ihr Schlafzimmer. Eine Träne löste sich von ihren Wimpern und lief langsam über ihre Wange. Ungeduldig wischte sie sie mit dem Handrücken fort. Ihr musste etwas ins Auge geflogen sein, denn das Weinen hatte sie sich schon vor vielen Jahren abgewöhnt.

»Es war aber genau, wie ich es sage«, beteuerte Dawn. »Irgendwann hat Mim es dann aufgegeben. Sie dachte, du willst nichts mit ihr zu tun haben, weil sie damals ohne dich fortgegangen ist. Und ich … Ich habe mich auch nicht getraut, Kontakt zu dir aufzunehmen. Aber jetzt… Wir brauchen dich. Kannst du nicht kommen? So schnell wie möglich?«

Fiona war sprachlos. Inzwischen fielen die ersten Sonnenstrahlen des Spätsommertages ins Zimmer, und sie konnte sich im Spiegel an der gegenüberliegenden Wand sehen. Ihre langen dunklen Haare waren vom Schlaf zerzaust, aber ihr Blick wirkte kein bisschen verschlafen. »Was ist denn so wichtig und eilig, dass es nicht warten kann?«, erkundigte sie sich zögernd, während sie sich verzweifelt bemühte, die Gedanken und Gefühle zu verarbeiten, die auf sie einstürzten.

»Das ist … am Telefon schwierig zu erklären.« Dawn geriet ins Stottern.

»Brauchst du irgendeine Art von Unterstützung?«, versuchte Fiona ihrer Schwester zu helfen. Ganz egal, worum es ging, würde sie ihrer kleinen Schwester natürlich beistehen und so vielleicht einen Teil dessen nachholen können, was sie beide während der vergangenen dreiundzwanzig Jahre versäumt hatten. Außer ihrem Vater besaß Fiona in Deutschland keine Verwandten. Vielleicht war Dawn in Schottland nach dem Tod ihrer Mutter genauso allein, weil es auch dort keine weiteren Angehörigen gab.

»Es geht um unsere Familie«, erklärte Dawn zögernd. »Und um Catriona. Sie ist … so etwas wie unsere Ahnin.«

»Aha«, machte Fiona irritiert. Meinte Dawn eine Großmutter? Soweit sie sich erinnerte, war Noreens Mutter schon tot gewesen, als ihre beiden Enkelinnen geboren wurden. Doch wenn ihre kleine Schwester sie nach all den Jahren zum ersten Mal brauchte, musste sie ohnehin keine langen Erklärungen abgeben, beschloss Fiona spontan.

»Dawn, hör zu. Ich werde gleich heute Urlaub nehmen. Das dürfte kein Problem sein. Dann packe ich meine Koffer, buche den nächsten Flug und bin vielleicht schon morgen bei dir.« Ihre energische, tatkräftige Seite gewann endlich wieder die Oberhand.

»So schnell?« Dawn klang überrascht und erfreut. »Das wäre wirklich toll. Ich werde zwar morgen den ganzen Tag unterwegs sein, aber falls ich noch nicht wieder da bin, wenn du ankommst, weißt du ja, wo der Hausschlüssel liegt. Du machst es dir dann einfach schon mal bequem bei uns.«

»Woher soll ich denn wissen, wo der Schlüssel ist?« Fiona schüttelte verwundert den Kopf. Ihre kleine Schwester schien ein wenig verwirrt zu sein. »Ich war noch nie dort.«

»Aber du kannst doch …« Dawn stockte und stieß ein seltsam ersticktes Lachen aus. »Ich lege ihn unter den Rand des Regenfasses neben der Haustür«, erklärte sie nach einer kurzen Pause.

»Gut. Ich brauche noch die Adresse.« In ihrer Nachttischschublade angelte Fiona nach dem Notizblock und dem Bleistift, die sie dort verwahrte, weil sie sich manchmal schon vor dem Aufstehen eine Liste von all den Dingen machte, die sie im Laufe des Tages erledigen wollte.

Dawn diktierte ihr die Anschrift und beschrieb ihr, wie sie vom Flughafen Inverness in das kleine Dorf Kelton gelangte, wo sich das kleine Haus befand, das die beiden Schwestern von ihrer Mutter geerbt hatten. Es rührte Fiona, dass ihre Schwester betonte, sie beide seien die gemeinsamen Eigentümerinnen.

»Es steht auf dem Stück Land, auf dem die Abercrombies seit Jahrhunderten wohnen«, fügte Dawn stolz hinzu. »Höchste Zeit, dass du es kennenlernst.«

»Ja«, stimmte Fiona ihr zu. »Allerhöchste Zeit.«

»Sag mal, Fiona …« Im fernen Schottland kicherte Dawn nun wie ein Kobold ins Telefon. »Was ist denn das für ein Mann, von dem du da vorhin geträumt hast? Der mit den schwarzen Haaren und so weiter?«

»Ach, der …« Fiona schaute hilfesuchend ihr Spiegelbild an. Dann versuchte sie abzulenken. »Als das Telefon klingelte, dachte ich, es sei meine Freundin Anja. Sie weiß, wann mein Wecker klingelt, und weckt mich kurz vorher oft telefonisch.«

»Wie schön.« Dawn gluckste immer noch vor sich hin. »Und wer ist nun der Mann, von dem du deiner Freundin Anja vorschwärmen wolltest?«

»Das erzähle ich dir, wenn ich in Schottland bin.«

»Ich werde dich daran erinnern«, versprach Dawn.

Nachdem sie sich von ihrer Schwester verabschiedet hatte, legte Fiona das Telefon weg und hoffte inständig, dass Dawn bei ihrer Ankunft den Mann aus Fionas Traum wieder vergessen hätte.

Es wäre ihr peinlich gewesen, ihrer Schwester von ihren seltsamen Träumen zu erzählen, in denen es immer wieder um den einen Mann ging, den sie in wachem Zustand noch nie gesehen hatte. Ganz für sich nannte Fiona ihn ihren Traummann, und Anja war der einzige Mensch, dem sie jemals von ihm erzählt hatte. Bevor sie Dawn solche Geheimnisse anvertrauen würde, mussten sie und ihre Schwester sich erst einmal richtig kennenlernen. Obwohl Fiona das Gespräch eben schon seltsam vertraut vorgekommen war, als würden die zwei Jahre, die Dawn und sie in frühster Kindheit gemeinsam verbracht hatten, immer noch ein Band zwischen ihnen knüpfen. Die Sehnsucht, ihre kleine Schwester nach all den Jahren endlich wiederzusehen, fühlte sich an wie ein Magnet, der sie kraftvoll in Richtung Schottland zog.

Schwungvoll sprang Fiona aus dem Bett. Sie hatte viel zu erledigen, wenn sie morgen abreisen wollte. Zuallererst musste sie mit ihrem Vater sprechen.

Fiona stürmte durch den mit Marmor ausgestatteten Empfangsbereich der Anwaltskanzlei, marschierte an ihrem eigenen Schreibtisch vorbei und riss die Bürotür ihres Vaters auf.

»Papa, ich brauche Urlaub!«, verkündete sie, ohne sich mit einem Guten-Morgen-Gruß aufzuhalten.

Ihr Vater schaute von dem Schriftstück auf, in das er gerade vertieft gewesen war, und schob sich die Brille in die Stirn, von wo aus die Gläser Fiona wie ein zweites Paar Augen anstarrten.

»So plötzlich?«, erkundigte er sich in jenem gelassenen Ton, der Fiona manchmal ohne besonderen Grund wütend machte.

Sie nickte energisch. »Ich muss dringend nach Schottland. Zu meiner Schwester.«

Von einer Sekunde auf die andere wurde Siegfried Kramer leichenblass. Mit zitternder Hand pflückte er sich die Brille wieder von der Stirn und legte sie auf seinem Schreibtisch ab.

Fiona ließ sich auf einen der beiden Besucherstühle fallen und fixierte ihren Vater aus schmalen Augen. »Was ist aus den Briefen geworden, die meine Mutter mir geschrieben hat?«, fragte sie ihn unumwunden. Sie bemühte sich, ruhig zu bleiben, doch die Wut schnürte ihr die Kehle zu und ließ ihre Stimme hoch und schrill klingen.

Jetzt bildeten sich auf den bleichen Wangen ihres Vaters kreisrunde tiefrote Flecke. »Ich hatte Angst, dich auch noch zu verlieren«, flüsterte er nach einer langen Pause und sah dabei hinunter auf seine Akten.

Einen winzigen Moment lang hatte Fiona Mitleid mit ihm, doch dann stieg der Zorn wieder in ihr hoch. »Ich habe all die Jahre geglaubt, meine Mutter wolle nichts von mir wissen! Dabei hat sie immer wieder geschrieben. Und du hast sogar die Briefe abgefangen, die an mich persönlich adressiert waren!« Sie beugte sich vor und schlug so heftig auf die Schreibtischkante, dass ihre Hand schmerzte. Die Brille ihres Vaters machte einen erschrockenen kleinen Hüpfer, er selber saß bewegungslos auf seinem Stuhl.

»Sie wollte dich ursprünglich nicht bei mir lassen«, sagte er so langsam, als würde ihm jedes Wort Schmerzen bereiten. »Ich habe sie erpresst, indem ich drohte, einen endlosen Sorgerechtsprozess um meine beiden Töchter zu führen, wenn sie mir freiwillig nicht wenigstens eine von euch ließe.«

Fiona spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. »Und wie genau habt ihr entschieden, welche von uns hierbleiben und wer mit nach Schottland gehen sollte? Habt ihr um uns gewürfelt? Streichhölzer gezogen?«

Ihr Vater schüttelte den Kopf. »Das war eigentlich nie die Frage. Dawn war noch so klein. Und du warst immer so etwas wie ein Papakind. Meine große Tochter. Weißt du nicht mehr, wie wir früher oft zusammen im Wald wandern waren? Und im Winter sind wir Schlitten gefahren. Wir haben so viel Schönes zusammen unternommen. Noreen und ich, wir dachten beide, es würde dir weniger als Dawn ausmachen, ohne Mutter aufzuwachsen. Als dann aber Noreen jede Woche mindestens einen Brief schickte, hatte ich plötzlich Angst, du würdest nun auch zu ihr nach Schottland wollen, wenn ich dir ihre Grüße ausrichtete. Wenn du sie dort besucht hättest, wie sie es immer wollte, wärst du vielleicht nicht zu mir zurückgekommen, sondern lieber bei deiner Mutter und deiner Schwester geblieben. Also schickte ich die Briefe ungeöffnet zurück.«

»Und wenn ich nach meiner Mutter gefragt habe, hast du mir immer erzählt, sie wolle nichts mehr von mir wissen! Weißt du eigentlich, war du mir damit angetan hast?« Fiona hielt es nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf und lief zur Tür.

»Es tut mir leid! Ich habe das alles doch nur aus Liebe getan. Weil ich dich nicht auch noch verlieren wollte.«

Die Stimme ihres Vaters klang so kläglich, dass Fiona ihm am liebsten vor Verachtung ins Gesicht gespuckt hätte. Sie fuhr wütend herum. »Das ist keine Liebe, sondern Egoismus!«, fauchte sie ihn an. »Und ich wünsche dir, dass du auch mal ein paar Menschen verlierst, die dir was bedeuten. Falls es davon überhaupt welche gibt!«

»Du bedeutest mir etwas. Mehr als alles andere auf der Welt«, sagte er so leise, dass es seiner Tochter nicht schwerfiel, seine Worte zu überhören.

Ihr Vater hatte keine Geschwister, und seine Eltern waren vor vielen Jahren gestorben. Er war kein Mensch, der leicht Freundschaften schloss. Es gab in seinem Leben ein paar Kollegen, mit denen er sich gelegentlich auf ein Glas Wein traf, und eben sie, Fiona – diejenige seiner beiden Töchter, die nach der Trennung von seiner Frau bei ihm geblieben war. Wieder bedauerte sie ihn für ein oder zwei Sekunden, und erneut gewann die Wut die Überhand.

»Wirklich, Fiona, es tut mir schrecklich leid! Wenn ich irgendetwas tun kann, um es wiedergutzumachen …« Hilflos fuhr er mit der Hand durch die Luft. Obwohl er ihn gar nicht berührt zu haben schien, geriet der kleine chinesische Buddha, den Fiona ihm vor ein paar Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, ins Wanken. Die Porzellanfigur mit dem dicken Bauch und dem glücklichen Lächeln kippte zur Seite, schlug auf die Schreibtischkante und wurde praktisch enthauptet. Dann rutschte sie über den Rand und zerschellte auf dem harten Boden in zahllose Stücke.

Verblüfft berührte Fiona mit der Schuhspitze eine Scherbe, die bis vor ihre Füße gekullert war. Sie wusste, dass ihr Vater sehr an dem kleinen Buddha gehangen hatte. Aber es konnte wohl kaum sein, dass das Figürchen wegen ihrer Worte zu Bruch gegangen war, so wie es ihr einen Augenblick lang vorgekommen war. Sie räusperte sich.

»Das geschieht dir ganz recht«, stieß sie hervor und deutete auf die Scherben ihres Mitbringsels. Dann warf sie den Kopf in den Nacken. »Wie ich schon sagte, werde ich Urlaub nehmen, um nach Schottland zu fahren. Bezahlten Urlaub. Und ich weiß noch nicht, ob und wann ich zurückkomme. Am besten siehst du dich nach einer Vertretung für mich um, damit Anja nicht alles allein machen muss.« Anja und sie erledigten als Anwaltsgehilfinnen sämtliche Büroarbeiten, die in der Kanzlei anfielen.

»Ja. Sicher.« Siegfried Kramer hustete verzweifelt gegen die Heiserkeit an, die ihm das Sprechen schwer machte. »Aber ich wäre sehr glücklich, wenn du zurückkämst.«

Sie unterdrückte einen Seufzer. »Selbst dann weiß ich nicht, ob ich hier noch weiter arbeiten möchte.« Mit diesen Worten verließ Fiona das Büro ihres Vaters.

Inzwischen war Anja an ihrem Arbeitsplatz eingetroffen, und da sämtliche Türen offengestanden hatten, hatte sie den Streit zwischen Vater und Tochter mitangehört. Anja schaute Fiona aus weit aufgerissenen Augen an.

»Du nimmst Urlaub? So plötzlich?«

Mit wenigen Worten erzählte Fiona ihrer Freundin, was geschehen war. Dann umarmte sie Anja fest. »Wir bleiben in Kontakt«, versprach sie. »Tut mir leid, dass ich dich so unvorbereitet mit der ganzen Arbeit sitzenlasse. Falls mein Vater nicht sofort eine Vertretung einstellt, sag mir Bescheid.«

Anja nickte nur und sah mit unglücklichem Gesicht zu, wie Fiona einige persönliche Dinge aus ihrer Schreibtischschublade nahm. »Wenn du zu lange wegbleibst, nehme ich auch Urlaub und komme dich in Schottland besuchen«, erklärte sie, als Fiona sie zum Abschied noch einmal an sich zog.

»Unbedingt.« Mit gerunzelter Stirn fixierte Fiona Siegfried Kramers Bürotür, hinter der es in diesem Moment erneut klirrte und schepperte. Dann verließ sie mit zusammengepressten Lippen die Kanzlei, ohne sich von ihrem Vater verabschiedet zu haben.

Zweites Kapitel

Der Taxifahrer sah starr nach vorn und rührte sich nicht. Seit mindestens zehn Minuten stand der Wagen auf der schmalen gewundenen Straße, ohne sich auch nur einen Meter vorwärtsbewegt zu haben. Als Fiona sich dem schweigsamen Schotten zuwandte, leuchtete sein rotes Haar im Schein der tief stehenden Spätsommersonne wie eine lodernde Flamme.

»Vielleicht sollten Sie es mal mit Hupen versuchen?«, meldete sie sich schüchtern zu Wort, während sich drei weitere Schafe zu der Gruppe wolliger Tiere gesellten, das sich bereits auf dem Sträßchen versammelt hatte.

»Hat keinen Zweck.« Der Fahrer betrachtete interessiert eine weiße Wolke, die gelassen über den Himmel glitt.

»Wie weit ist es denn noch?« Fiona rutschte unruhig auf ihrem Sitz hin und her. Zwar hatte sie es eigentlich nicht eilig, zumal sie nicht einmal wusste, ob ihre Schwester zu Hause war, dennoch spürte sie eine wachsende Ungeduld, endlich ihr Ziel zu erreichen. Dawn hatte gesagt, das Haus der Abercrombies stünde auf dem Stück Land, auf welchem ihre Vorfahren schon seit Jahrhunderten gelebt hätten. Nun war es, als würde die Heimat ihrer Familie nach Fiona rufen.

Der Mann hinter dem Steuer kratzte sich am Kopf und runzelte die Stirn. »Kelton liegt gleich da hinter dem Hügel.« Er deutete über die Rücken der Schafe.

»Dann gehe ich die restliche Strecke zu Fuß.« Fiona kramte in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie. Nachdem sie die Fahrt bezahlt und zugesehen hatte, wie der Schotte gemächlich den Wagen wendete, setzte sie sich in Bewegung. Die Schafe machten ihr leise blökend Platz, als sie sich, ihren knallroten Trolley hinter sich herziehend, vorsichtig zwischen den warmen Leibern hindurchschob. Dann war die schmale Straße vor ihr frei. Sie atmete tief die klare, frische Luft ein und marschierte los.

Fiona hatte früher schon Fotos von den schottischen Highlands gesehen, aber die raue Schönheit der Landschaft überwältigte sie dennoch. Rechts und links des Sträßchens, das von Natursteinmauern begrenzt wurde, lagen grasbewachsene Hügel, zwischen denen vereinzelte schroffe Felsen in den Himmel ragten. In der Ferne glitzerte wie ein zwinkerndes Auge ein fast kreisrunder See, wohl einer der berühmten schottischen »Lochs«. Darüber thronte auf einem Hügel eine kleine Burg mit zwei Türmen.

Als sie die Hügelkuppe überschritten hatte, blieb sie erstaunt stehen. Ihr zu Füßen, eingebettet in das Tal, breitete sich wie eine kleine Spielzeugstadt, die ein Riesenkind liebevoll aufgebaut hat, ein Dorf aus. Es bestand aus etwa zwanzig Steinhäusern mit dunkelroten Ziegeldächern rechts und links der kurvigen Straße, die durch den den Ort führte. Sämtliche Gebäude lagen inmitten blühender Gärten, und am Rand des Dorfes erstreckten sich großzügige Weiden, auf denen Schafe und vereinzelte Kühe und Pferde grasten. In der klaren Luft war selbst aus der Ferne jede Einzelheit deutlich zu erkennen. Wie durch eine Lupe sah Fiona fast überdeutlich die gelben Birnen, die an einem Baum hingen, und den braun gefleckten Hund, der in einem Vorgarten in der Nachmittagssonne lag und schlief.

Fiona wusste sofort, welches das Haus der Abercrombies war. Sieerkanntees ganz einfach, obwohl das eigentlich nicht möglich war, weil sie es ja noch nie zuvor gesehen hatte. Dennoch packte sie den Griff ihres Trolleys fester und heftete den Blick auf das dunkelrote Ziegeldach am Dorfrand. Die Haustür und die Fensterläden des Häuschens waren grün gestrichen, und neben den drei Stufen, die zur Eingangstür hinaufführten, stand eine kleine Regentonne. Entschlossen machte sich Fiona auf den Weg und fand sich nach einem kurzen Fußmarsch bereits im Dorfkern von Kelton wieder.

In einem Garten an der Straße werkelte eine alte Frau mit Kopftuch. Um sie herum sprang ein kläffender Terrier, offenbar war es der Hund, den Fiona vorhin noch schlafend gesehen hatte. Als die Frau aufblickte, nickte Fiona ihr freundlich zu. Fremde kamen anscheinend nicht oft in den kleinen Ort, denn die Dorfbewohnerin starrte sie mit offenem Mund an, während der Hund sich in eine regelrechte Hysterie hineinsteigerte.

Erst als sie schon außer Sichtweite war, fiel Fiona ein, dass sie die Frau nach den Abercrombies hätte fragen sollen. Sie war zwar immer noch überzeugt, genau zu wissen, wo das Haus ihrer Familie stand, aber vielleicht bildete sie sich das nur ein? Womöglich lief sie gerade vergeblich durch das ganze Dorf und musste nachher wieder ans andere Ende zurück.

Schließlich stand sie vor dem Haus am Ende der kleinen Straße, die sich an dieser Stelle verbreiterte und weiter in die Hügel schlängelte. Statt eines Zauns wucherte am Rand des Gartens eine Rosenhecke, die verschwenderisch in Weiß, Gelb und Rosa blühte. Die Blütenblätter bildeten einen bunten Teppich zu ihren Füßen. Vorsichtig strich Fiona mit den Fingerspitzen über eine windzerzauste weiße Rose und folgte mit ihren Blicken den zarten Blättern, die wie große Schneeflocken zu Boden fielen. Dann griff sie nach ihrem Trolley und ging zur Haustür.

Es gab keine Namensschild und keine Klingel, was sie merkwürdigerweise noch in ihrer Überzeugung bestärkte, dass dies das Haus der Abercrombies sein musste. Obwohl sie fast sicher war, dass ihr niemand öffnen würde, klopfte sie an. Dawn war nicht da, das spürte sie. Nachdem sie ein oder zwei Minuten gewartet hatte, bückte sie sich zu der Regentonne neben den Stufen und tastete unter dem Rand nach dem Schlüssel. Sie fand ihn sofort. Die Tür öffnete sich mit einem leisen, freundlichen Knarren.

Auch von innen wirkte das Haus freundlich und gemütlich. Es gab helles und dunkles Holz und Wände, die in den verschiedensten Farbtönen zwischen dem Rot eines Sonnenaufgangs und dem schimmernden Weiß einer Perle gestrichen waren. Die Küchenmöbel hatten offensichtlich schon bessere Tage gesehen, waren aber liebevoll gelb und blau lackiert. Auf den Holzstühlen am Tisch lagen bunte Sitzkissen. Fiona ließ sich auf einen der Stühle fallen und stellte sich vor, dass vor ein paar Monaten vielleicht noch ihre Mutter hier gesessen hatte.

Ihre Schwester war offenbar in Eile aufgebrochen. Auf dem Tisch stand noch das benutzte Frühstücksgeschirr. Die Teetasse war halbvoll, und auf dem Teller lag eine angebissene Toastscheibe mit einem roten Aufstrich. Himbeermarmelade stellte Fiona fest, nachdem sie spontan einen Happen probiert hatte. Ihr Magen knurrte. Seit dem Frühstück im Flugzeug hatte sie nichts gegessen. Und sie liebte Himbeermarmelade!

Nachdem sie genüsslich den kalten Toast verspeist hatte, zog sie den Teller näher zu sich heran, griff nach dem Messer, nahm eine Scheibe Weißbrot aus der Packung in der Tischmitte und bestrich sie mit Butter und Himbeermarmelade, die sie aus dem Kühlschrank holte. Als sie den ersten herzhaften Bissen nahm, meinte sie, hinter sich ein leises Rascheln zu hören. Fiona fuhr herum, doch niemand war zu sehen. Wahrscheinlich hatte sie den Wind in den Bäumen vor dem Haus gehört.

Nachdem sie zwei Scheiben Brot mit Marmelade gegessen und den restlichen kalten Tee aus der Kanne getrunken hatte, stieg Fiona die schmale Treppe in den ersten Stock hinauf. Hier oben gab es drei Schlafzimmer. Zwei waren leer und aufgeräumt, das dritte gehörte offensichtlich Dawn, die ihr Bett ebenso hastig verlassen hatte wie den Frühstückstisch. Die Decke hing halb auf dem Boden, und überall waren Kleidungsstücke im Raum verteilt.

Im Zimmer neben dem von Dawn stand ein breites Holzbett, dessen Kissen und Decke mit blütenweißer Wäsche bezogen waren. Auf dem Kopfkissen fand Fiona einen Zettel.

Herzlich willkommen, liebe Fiona!

Dies ist Dein Zimmer! Mach es Dir gemütlich. Ich bin so bald wie möglich wieder da und freue mich schon sehr auf Dich.

Deine Schwester Dawn

Lächelnd las Fiona den kurzen Brief ein zweites Mal und fühlte sich tatsächlich willkommen. Sie bugsierte ihren Koffer die schmale Treppe hinauf und räumte ihre Sachen in den Kleiderschrank in der Ecke des Zimmers. Dann öffnete sie das Fenster und sah hinaus auf die grünen Hügel. Sie hatte das seltsame Gefühl, schon oft hier gewesen zu sein. Das konnte an den Fotos liegen, die sie sich als Kind oft angesehen hatte, wenn sie traurig gewesen war.

Wenn ihre Mutter und ihre Schwester ihr zu sehr fehlten, hatte Fiona oft Bilder von Schottlands Bergen, Tälern und Seen betrachtet und sich vorgestellt, was Noreen und Dawn wohl gerade machten. Als sie dann älter wurde, hatte sie irgendwann aufgehört, wegen ihrer Mutter Tränen zu vergießen. Aber trotzdem war es ihr nie wirklich gelungen, damit aufzuhören, die andere Hälfte ihrer Familie zu vermissen, ganz egal, wie oft sie sich auch einredete, es sei ihr egal, dass ihre Mutter und ihre Schwester sich nie bei ihr meldeten.

Wenn sie an all die Jahre dachte, in denen sie den Kontakt zu ihrer Mutter und Dawn so schmerzlich vermisst hatte, spürte Fiona eine unendliche Traurigkeit. Wieder stieg heftige Wut auf ihren Vater in ihr hoch, und sie bohrte die Fingernägel in ihre Handflächen, bis es schmerzte. Plötzlich konnte sie es kaum noch erwarten, endlich ihre Schwester zu sehen. Es war zu spät, ihre Mutter zu umarmen, aber sie wollte wenigstens Dawn in die Arme schließen. »Komm schon nach Hause, Dawn«, flüsterte sie. Zu ihrem eigenen Erstaunen war es ihr schon oft gelungen, eine Person herbeizuwünschen, also konnte sie es jetzt auch bei ihrer Schwester versuchen.

Wahrscheinlich waren es immer merkwürdige Zufälle gewesen, doch mehr als einmal hatte beispielsweise Anja sie in genau dem Moment angerufen, in dem sie an sie gedacht hatte. Oder Anja war mit ihrem Auto um die Ecke gebogen, wenn Fiona sich nur intensiv genug gewünscht hatte, nicht länger auf sie warten zu müssen. Auch bei anderen Menschen war ihr Ähnliches gelungen. Verspätete Handwerker klingelten nach wenigen Minuten an ihrer Wohnungstür, wenn sie sie »herbeidachte«. Es funktionierte sogar bei ihrem Vater.

Entschlossen kniff Fiona also die Lider zu und dachte mit aller Kraft an Dawn. Es gab nur ein Problem: Sie wusste ja nicht, wie ihre Schwester heute aussah, und konnte sich deshalb auch nicht vor ihrem geistigen Auge vorstellen, dass sie die Tür öffnete und das Zimmer betrat.

Fiona besaß nur ein einziges Foto von ihrer Schwester. Es war entstanden, kurz bevor ihre Mutter mit Dawn nach Schottland gezogen war. Auf dem Bild war Noreen mit ihren beiden Töchtern zu sehen. Damals war Fiona vier Jahre alt gewesen und Dawn zwei. Wieder machte sich Wehmut in Fiona breit, doch sie unterdrückte sie, und konzentrierte sich erneut darauf, Dawn in Gedanken eine Nachricht zu senden. Da sie keine andere Möglichkeit hatte, stellte sie sich das kleine Mädchen mit den roten Locken und den braunen Augen vor, das sie von dem Foto und einer verschwommenen Erinnerung her kannte. Doch ganz unvermittelt schob sich plötzlich das Gesicht des Mannes aus ihren Träumen vor das Bild der kleinen Dawn. Erschrocken riss Fiona die Augen auf. Jetzt sah sie ihn auch schon tagsüber! Das war ihr noch nie passiert.

Doch dann musste sie leise lachen. Wenn es ihr schon nicht gelang, ihre Schwester herbeizuwünschen, konnte sie es ja bei dem Unbekannten mit den blauen Augen versuchen. Es war schließlich nur ein Spiel, nichts, an das sie wirklich glaubte. Träumerisch schloss sie die Augen und stellte sich den Fremden vor. Die markanten Züge, die widerspenstigen schwarzen Haare, die tiefblauen Augen und das Grübchen in der rechten Wange. »Komm zu mir«, flüsterte sie dabei selbstvergessen vor sich hin.

Mit einem Seufzer ging sie schließlich wieder in die Küche hinunter, setzte sich an den Tisch und wartete – worauf wusste sie selbst nicht so recht. Nichts geschah. Und dann, sie wollte gerade aufstehen, um Wasser für frischen Tee aufzusetzen, klopfte es an die Haustür. Erstaunt hielt Fiona inne. War das Dawn? Aber ihre Schwester hatte doch bestimmt einen zweiten Schlüssel.

Fiona lief zur Haustür und riss sie schwungvoll auf. Als sie sah, wer da vor ihr stand, erstarrte sie und schnappte nach Luft. Sie öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus und hielt sich am Türrahmen fest, weil ihre Knie plötzlich nachzugeben drohten.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte der Mann vor der Tür und lächelte freundlich, so dass das Grübchen in seiner rechten Wange sichtbar wurde. »Ich wollte eigentlich zu Dawn. Dawn Abercrombie.«

»Das ist … meine Schwester«, stotterte Fiona. »Sie ist im Augenblick nicht da.«

»Hm.« Unschlüssig trat der Fremde einen Schritt zurück und musterte sie skeptisch. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen? Sie sehen blass aus. Geht es Ihnen nicht gut?«

»Doch, doch. Mit mir ist alles in Ordnung«, beteuerte Fiona, obwohl ihr Herz viel zu schnell schlug, während sie vollkommen überwältigt den Mann anschaute, der genau vor ihr stand. Sie hatte ihn schon oft gesehen, war ihm aber noch nie begegnet. Es war der Fremde aus ihren Träumen.

Dawn beugte sich vor und schaute der uralten Frau, die wie ein mageres Vögelchen in seinem Nest in ihrem tiefen Sessel hockte, aufmerksam ins Gesicht. Es war von Hunderten von Falten durchzogen, doch die Augen unter den grauen Brauen funkelten wie bei einem jungen Mädchen.

»Catriona Abercrombie«, krächzte die Alte und legte ihren langen krummen Zeigefinger nachdenklich auf ihr Kinn. »Ich kenne diesen Namen. In meiner Jugend erzählte man sich eine Geschichte über sie. Eine uralte Geschichte.«

»Ach ja?« Aufgeregt rutschte Dawn an die vordere Kante ihres eigenen Sessels, bis sie fast auf den Holzdielen des kleinen Zimmers kniete. »Worum ging es in der Erzählung?«

Der Blick der glitzernden grauen Augen huschte suchend durch das kleine Zimmer, glitt zum Fenster, blieb an den Ästen eines Baums draußen hängen und kehrte dann zu Dawn zurück. »Als ich die Geschichte hörte, war ich noch ein kleines Mädchen. Das ist sehr lange her. Ich kenne den Namen, aber was ihr widerfahren ist, weiß ich nicht mehr.«

Dawn hätte die alte Frau am liebsten bei den Schultern gepackt und sanft geschüttelt, damit sie sich vielleicht doch erinnerte. »Es ist sehr wichtig für mich, etwas über Catriona zu erfahren«, erklärte sie. »Sie ist meine Urahnin … und ich glaube, sie braucht Hilfe.«

Die Alte legte den Kopf schief und kniff die ohnehin schon schmalen Augen zusammen. »Sie findet keine Ruhe?« Ihre Frage klang so selbstverständlich, als würde sie keinen Moment anzweifeln, dass Dawn etwas über den momentanen Zustand einer Vorfahrin wusste, die schon seit Hunderten von Jahren tot war.

Dawn nickte stumm.

Lange herrschte Schweigen im Zimmer. Nur die Uhr in der Ecke tickte geschäftig. Plötzlich meinte Dawn, eine ferne Stimme zu hören, die ihren Namen rief. Sie richtete sich kerzengerade auf und lauschte. Fiona? Die Stimme verhallte in der Ferne. Dennoch war Dawn sich nun sicher, dass ihre Schwester inzwischen in Kelton angekommen war und dort auf sie wartete.

Aber bevor sie Fiona begrüßen konnte, musste sie versuchen, irgendeine Information aus der alten Frau herauszubekommen. Die Greisin hatte ihre Kindheit und Jugend in Kelton verbracht und war über neunzig Jahre alt. Tatsächlich schien sie sich zumindest an Catrionas Namen zu erinnern. Vielleicht fiel ihr ja doch noch irgendetwas ein.

»Meine Schwester«, sagte die Alte plötzlich. »Sie ist fünf Jahre älter als ich. Vielleicht erinnert sie sich noch. Wir haben als kleine Mädchen immer auf dem Fußboden gespielt, wenn die Frauen sich abends bei Nähen die alten Geschichten erzählten.«

»Sie haben eine Schwester?« Wieder rutschte Dawn im Sessel ganz nach vorn.

»Ja, die habe ich. Heather ist gerade in dem großen Einkaufszentrum unterwegs.«

»Aha«, machte Dawn und fragte lieber nicht, ob die fünfundneunzigjährige Heather mit dem Auto dorthin gefahren war. »Was denken Sie, wann sie wiederkommt?«

»Ach, Heather liebt es, bummeln zu gehen«, erklärte die alte Frau in selbstverständlichem Ton. »Und nach dem Einkaufen kann sie stundenlang im Café sitzen und sich die vorübergehenden Menschen ansehen. Mir ist das zu langweilig.«

Dawn nickte verblüfft. »Darf ich vielleicht so lange hier warten? Ich würde sehr gern mit Ihrer Schwester sprechen.«

»Sicher, mein Kind. Wenn Sie so lange Geduld haben. Leider lebt unsere älteste Schwester Keita nicht mehr. Sie würde sich sicher erinnern, aber sie ist im vergangenen Frühjahr von uns gegangen. Noch nicht einmal hundert Jahre war sie alt.« Die Greisin seufzte tief und stand dann erstaunlich behände aus ihrem tiefen Sessel auf. »Ich mache uns noch einen Tee.« Leise vor sich hin murmelnd verschwand die alte Frau in Richtung Küche.

Dawn suchte in ihrer Tasche nach dem Handy, stellte aber fest, dass sie es wieder einmal vergessen hatte. Morgens war sie in großer Eile gewesen, um den Zug in Richtung Westküste noch zu erwischen. Zu Hause in ihrem abgelegenen Tal gab es keinen Handyempfang, so dass sie ihr kleines silberfarbenes Mobiltelefon ohnehin ständig verlegte. Und eigentlich brauchte sie es auch nicht wirklich.

Dawn schloss die Augen, konzentrierte sich und sandte ihrer Schwester in Gedanken eine Nachricht.

Drittes Kapitel

Etwas erstaunt betrachtete Aidan die junge Frau, die ihm die Tür geöffnet hatte. Sie stand bewegungslos da und starrte ihn an wie eine Geistererscheinung. Ihre vollen Lippen waren leicht geöffnet, ihre Augen hatten die silbergrüne Farbe des Loch Sinclair, dessen Wasser er vom Fenster seines Arbeitszimmers aus sehen konnte. Er räusperte sich, und sie zuckte zusammen, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass er irgendein Lebenszeichen von sich geben könnte.

»Wenn Dawn nicht da ist, sollte ich vielleicht lieber später wiederkommen. Wissen Sie, wann sie wieder zu Hause sein wird?« Er versuchte sich an einem unverbindlichen Lächeln, doch diese Frau hatte etwas an sich, das es ihm fast unmöglich machte, gleichmütig zu bleiben. Es war verrückt, aber er hatte das Gefühl, er hätte schon tausend Mal in diese wunderschönen Augen gesehen. Er meinte sogar zu wissen, wie sich ihr glänzendes dunkles Haar anfühlte, wenn er mit den Fingerspitzen darüberstrich.

»Ich bin ihre Schwester«, wiederholte die schöne Frau nach einer langen Pause, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich heiße Fiona.«

Wie verhielt man sich einer Frau gegenüber, die so seltsam vertraut wirkte, sich aber verhielt, als würde man kettenrasselnd mit dem Kopf unter dem Arm vor ihrer Tür stehen? Es erschien Aidan fast absurd, ihr zur Begrüßung die Hand zu reichen, anstatt sie in die Arme zu ziehen und zu küssen. Dennoch streckte er ihr zögernd seine Rechte entgegen.

»Aidan MacNaughton«, stellte er sich höflich vor. »Ich wohne vorübergehend in der Nachbarschaft, und da mein Telefon nicht angeschlossen ist, erlaubt Dawn mir gelegentlich, ihres zu benutzen. Hier in der Gegend gibt es keinen Handyempfang, wissen Sie.«

Langsam streckte sie den Arm vor, berührte flüchtig seine Finger und zuckte sofort wieder zurück.

»Sie müssen keine Angst vor mir haben«, fühlte er sich verpflichtet, sie zu beruhigen, obwohl Frauen normalerweise bei seinem Anblick nicht gerade vor Entsetzen in Ohnmacht fielen. »Dawn kennt mich gut.«

»Ich habe keine Angst«, behauptete sie und klang fast überzeugend. »Ich bin nur … erstaunt.«

Er nickte zögernd und versuchte, ihren Akzent zu analysieren. Sie war eindeutig nicht von hier. Vielleicht klopfte man dort, wo sie herkam, nicht einfach an der Tür seiner Nachbarin. »Das Telefon«, erinnerte er sie und deutete an ihr vorbei ins Haus. »Oder soll ich lieber wiederkommen, wenn Dawn da ist?«

»Nein, nein. Bitte.« Hastig trat sie zur Seite.

Der Flur des kleinen Hauses war eng, und er berührte im Vorbeigehen ihre Schulter. Ein seltsames Gefühl durchzuckte ihn. Gleichzeitig heiß und kalt, erregend und erschreckend. In diesem Augenblick wusste er instinktiv, dass er sich von dieser Frau fernhalten musste. Sie konnte ihm gefährlich werden. Und wenn er zurzeit etwas nicht gebrauchen konnte, waren es Probleme mit einer Frau, bei deren Anblick er nicht wusste, ob er sie in seine Arme reißen oder lieber schleunigst das Weite suchen sollte.

»Ich muss wirklich dringend telefonieren. Beruflich.« Mit einer fahrigen Handbewegung deutete Aidan auf das Telefon. Es stand auf der Anrichte gleich neben der offenen Tür zum Wohnzimmer.

»Nur zu.« Sie schien sich gefangen zu haben und lächelte ihn jetzt freundlich an. »Ich koche uns in der Zwischenzeit einen Tee.«

Nachdem sie sich in die Küche gerettet hatte, stützte Fiona sich auf den Rand des Tisches und atmete mehrmals tief ein und aus. Durch die offene Tür hörte sie als fernes Gemurmel die wohlklingende Stimme ihres Besuchers.

Es ist eine ganz zufällige Ähnlichkeit, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Traumbilder sind doch im Grunde genommen meist ziemlich undeutlich. Was hat es schon zu bedeuten, dass plötzlich ein großer dunkelhaariger Mann vor der Tür steht? Es gibt sicher Millionen von schwarzhaarigen Männern mit blauen Augen!

Hastig griff Fiona nach dem Kessel und füllte ihn mit Wasser. Draußen in der Diele lachte Aidan MacNaughton leise, und ein merkwürdiger Schauer überfuhr sie. Selbst sein Lachen schien ihr vertraut. Das konnte doch gar nicht sein! Der Mann in ihren Träumen hatte ebenso wenig gelacht wie gesprochen.

Sie nahm die Teedose vom Regal neben dem Herd und stellte fest, dass nur noch ein paar Krümel darin waren. Dawn musste heute Morgen den letzten Tee verbraucht haben. Suchend schaute Fiona sich in der Küche um, machte einen Schritt zur Seite, stolperte ungeschickt über ihre eigenen Füße und stand plötzlich vor dem Fenster zum Garten. Auf einem der Beete erkannte sie verschiedene Küchenkräuter, die dort wuchsen. Vielleicht fand sie dort draußen Pfefferminze oder irgendein anderes Kraut, aus dem sie einen Tee brauen konnte.

Mit schnellen Schritten lief Fiona hinaus in den Flur, von wo aus eine Hintertür in den Garten führte, wie sie schon festgestellt hatte. Aidan MacNaughtons Stimme wehte hinter ihr her in den milden Abend hinaus. Sie versuchte, nicht zu lauschen, und bückte sich draußen über das Beet, auf dem Petersilie, Schnittlauch, Koriander und Basilikum wuchsen, aber auch viele Kräuter, deren Namen sie nicht kannte.

Eine der Pflanzen stach ihr besonders ins Auge. Sie wirkte im nachlassenden Licht noch grüner und kräftiger als die anderen, so, als würde jemand einen Scheinwerfer auf sie richten. Fiona pflückte ein Blatt und zerrieb es zwischen den Fingern. Der Geruch war herrlich aromatisch, aber sie hatte keine Ahnung, wofür diese Pflanze verwendet wurde.

Das ergibt einen wunderbaren Tee!

Es war, als hätte ihr eine leise Frauenstimme diesen Gedanken zugeflüstert. Obwohl sie genau wusste, dass niemand hinter ihr stand, wandte sie unwillkürlich den Kopf. Jetzt fing sie schon an, Stimmen zu hören!

Energisch schob Fiona sich die Haarsträhnen aus den Augen, die der Wind ihr ins Gesicht geblasen hatte. Dann pflückte sie eine Handvoll von dem Kraut und ging wieder ins Haus. In der Küche wusch sie die Blätter, zupfte sie klein und warf sie in die Kanne aus weißem Porzellan, bevor sie sie mit dem inzwischen kochenden Wasser übergoss. Der Duft, der aus der Kanne aufstieg, war so köstlich, dass sie es kaum abwarten konnte, den Tee zu probieren.

»Das duftet aber verführerisch. Was ist das für ein Tee?«

Als sie direkt neben sich die dunkle Männerstimme hörte, fuhr Fiona erschrocken herum. Sie hatte Aidan nicht kommen hören. Nun schaute sie ihm aus nächster Nähe direkt ins Gesicht, und wieder stockte ihr für einen kurzen Moment der Atem. Seine Augen entwickelten einen Sog wie ein geheimnisvoller See, dessen dunkelblaue Tiefen lockten. Vor allem aber blieb ihr die Luft weg, weil sie seine Züge schon so oft gesehen hatte. Inzwischen war sie sich ganz sicher: Das war nicht irgendein dunkelhaariger Mann, sondern der vertraute Fremde aus ihren Träumen.

»Das ist Kräutertee«, stieß sie hervor und versuchte vergeblich, das Zittern ihrer Hände unter Kontrolle zu bringen.

»Oh. Sie kennen sich auch mit Kräutern aus? Das scheint in der Familie zu liegen. Dawn ist auch eine richtige kleine Kräuterhexe. Sie hat mich schon einige Male zum Essen eingeladen, und was sie auch kocht, durch die Kräuter aus ihrem Garten wird es jedes Mal unglaublich köstlich. Aber einen so herrlich duftenden Tee habe ich noch nie von ihr bekommen.« Aidan beugte sich vor und wedelte sich mit der Hand den Dampf zu, der aus der Kanne stieg.

Fiona starrte in die kleine Wolke und meinte plötzlich, eine zarte Frau mit roten Locken darin zu sehen, die in einem Sessel saß und sie anschaute. Die Frau bewegte die Lippen, doch in Fionas Ohren rauschte das Blut so laut, dass sie nichts verstehen konnte. Was angesichts eines Fantasiegebildes aus Dampf ja auch kein Wunder war. Rasch wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Aidan MacNaughton zu.

»Ich habe keine Ahnung, was das überhaupt ist«, gestand sie. »Aber es riecht gut, und weil die Teedose leer war, dachte ich, wir versuchen es einfach mit dieser Pflanze. Es wird schon nichts Schädliches sein, wenn es im Kräutergarten wächst.«

»Na dann mal los.« Aidan lächelte auf eine Weise, die dafür sorgte, dass Fiona erst heiß, dann kalt und anschließend wieder heiß wurde. Rasch drehte sie sich um, nahm zwei Steingutbecher aus dem Hängeschrank über dem Herd und stellte sie auf den Tisch. Aus einer Blechdose, die sie in dem großen Vorratsschrank in der Ecke entdeckt hatte, schüttete sie einige Plätzchen auf einen Teller. Schließlich goss sie den Tee durch ein feines Sieb in die beiden Tassen. Die Flüssigkeit hatte eine tiefgoldene Farbe und ihr Duft zog jetzt in betörenden Schwaden durch die Küche.

»Bittesehr.« Fiona schob ihrem Gast seinen Becher hin und deutete einladend auf einen der Stühle am Tisch.

»Vielen Dank.« Mit jenem Lächeln, das sie schrecklich unruhig machte, setzte Aidan sich und zog den Becher zu sich heran. Dann neigte er den Kopf und atmete mit geschlossenen Augen den aufsteigenden Dampf ein.

Fiona wählte den Stuhl ihm gegenüber. Der Tisch war lang und schmal, und als sie sich setzte, berührte sie mit ihrem Knie versehentlich das seine. Sie zuckte zurück, und gleichzeitig hob er den Kopf und schaute sie prüfend an. Es kostete sie einige Mühe, seinem Blick standzuhalten, doch es gelang ihr, obwohl die Hitze, die sich dabei in ihrem Körper ausbreitete, ihr fast den Atem nahm. Endlich wandte er sich wieder seinem Tee zu, und sie fächelte sich unauffällig mit der Hand Luft zu, um ihre glühenden Wangen zu kühlen. Normalerweise gehörte sie nicht zu den Frauen, die rot wurden, wenn ein Mann sie nur ansah. Warum war in Aidan MacNaughtons Gegenwart plötzlich alles anders?

Hastig griff Fiona nach ihrem Becher und nahm einen großen Schluck. Der Tee war so heiß, dass sie sich die Zunge verbrannte, doch gleichzeitig explodierte das köstliche Aroma in ihrem Mund, und sie konnte nicht anders, als wohlig zu stöhnen, während sie schluckte.

»Wirklich exquisit«, bemerkte Aidan im selben Moment und seufzte genießerisch.

Fiona wusste nicht, ob es die dunkle, sinnliche Stimme ihres Gastes war oder das aromatische Getränk in ihrem Becher, jedenfalls hatte sie plötzlich das Gefühl, auf Wolken zu schweben. Die merkwürdige Situation erschien ihr mit einem Mal ganz selbstverständlich und völlig normal, und sie stellte auf einmal nichts mehr infrage. Als Aidan über den Tisch hinweg nach ihrer Hand griff, überließ sie sie ihm nur zu bereitwillig. Ihre Finger verflochten sich mit seinen, als hätten sie das schon viele Male zuvor getan. Ihr Blick versank in den blauen Tiefen seiner Augen, und sie genoss das angenehme Gefühl, darin zu ertrinken.

»Seltsam«, hörte sie ihn murmeln. »Ich kann nicht glauben, dass wir uns erst seit wenigen Minuten kennen.«

»Ich auch nicht«, wisperte sie zurück und presste die Lippen aufeinander, damit ihr nicht entschlüpfte, dass sie schon oft von ihm geträumt hatte. Einen kleinen Rest ihres Verstands hatte sie sich offenbar noch bewahrt, und so schwieg sie und griff mit der freien Hand nach ihrem Becher, um einen weiteren großen Schluck zu nehmen.

Und dann stand der Mann, den sie so gut und doch gar nicht kannte, plötzlich auf und zog sie von ihrem Stuhl hoch in seine Arme. Mit einem leisen Seufzer ließ sie sich nach vorn fallen, lehnte den Kopf gegen seine Schulter und hatte das Gefühl, nach einer endlosen Reise endlich den Ort gefunden zu haben, nach dem sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte.

»Fiona«, flüsterte er in ihr Haar. Er klang erstaunt, als wisse auch er nicht, was da gerade zwischen ihnen geschah.

Tief atmete sie das Aroma von herber Seife und würzigem After Shave ein. Aber da war noch mehr. Ein ganz eigener, männlicher Duft. Er roch, wie er aussah, attraktiv und anziehend. Genau so, wie der Mann aus ihren Träumen riechen sollte. Ganz langsam hob sie den Kopf, verlor sich erneut in seinen Augen, in denen, wie die Reflektionen von Sonnenstrahlen, goldene Pünktchen tanzten. »Aidan«, wisperte sie, und spürte ein tiefes Erstaunen in sich, dass sie nun den Namen des Mannes kannte, dem sie schon so oft in ihren Träumen begegnet war.

Plötzlich war sein Mund auf ihrem. Heiß und entschlossen und voll Verlangen. Seine Zunge glitt sanft und zärtlich zwischen ihre Lippen. Liebkoste ihren Gaumen und streichelte Stellen, von denen sie bisher nicht geahnt hatte, wie empfindlich sie waren; setzte ihren Körper in Flammen, brachte ihre Knie zum Zittern und ließ heftiges Begehren in ihr aufsteigen.

Fiona klammerte sich mit beiden Händen an seine Schultern, krallte sich in sein glattes Baumwollhemd und spürte, wie ihr Verstand, der sonst bei allem, was sie tat, die Oberhand behielt, in rosigen Nebeln unterging. Nur flüchtig huschte ein Gedanke durch ihren Kopf. Was passiert hier eigentlich gerade? Schließlich war sie nie die Frau gewesen, die in Discos mit fremden Männern herumknutschte oder mit jemandem ins Bett ging, den sie gerade erst kennengelernt hatte. Aber ich kenne ihndoch!

Während er seinen Kuss vertiefte, glitten seine Hände sanft über ihren Rücken und schienen durch den Stoff ihrer Bluse ihre Haut zu verbrennen. Rasend schnell breitete sich ein heftiges Kribbeln in ihrem Körper aus. Hätte man sie in diesem Moment nach ihrem Namen gefragt, sie hätte ihn nicht nennen können. Ich will ihn. Ich will ihn so sehr. Das war alles, was sie noch denken konnte. Als Aidan sie abrupt losließ, taumelte sie rückwärts gegen die Tischkante. Er starrte sie entgeistert an, und sie erwiderte ebenso fassungslos seinen Blick.

»Was war denn das?«, stieß Fiona schließlich hervor, obwohl sie ziemlich sicher war, dass der vertraute Fremde ihre Frage nicht beantworten konnte.

Er zog die Schultern hoch und ließ sie sofort wieder fallen. »Ich … Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, was in mich gefahren ist.« Suchend sah er sich in der Küche um, als könnte er dort die Erklärung für den Kuss finden, der immer noch auf Fionas Lippen brannte.

»Sie müssen sich nicht entschuldigen.« Schließlich habe ich willig mitgemacht. Wenn du es gewollt hättest, hätte ich sofort hier auf dem Küchentisch Sex mit dir gehabt. Diese verwirrende Erkenntnis behielt Fiona allerdings lieber für sich.

»Es war einfach ein Aussetzer«, versuchte Aidan sich an einer nicht sonderlich glaubwürdigen Erklärung.

Fiona stieß sich von der Tischkante ab und stellte fest, dass ihre immer noch zitternden Knie sie kaum trugen. Sie atmete tief durch und verzog die Lippen zu einem etwas gezwungenen Lächeln, während sie Aidan entschlossen in die Augen sah. »Vergessen wir die Sache einfach. Es ist ja nichts passiert.« Die lässige Handbewegung, mit der sie durch die Luft wischte, erschien ihr ziemlich gelungen. Natürlich würde sie die atemlosen Augenblicke in den Armen dieses Mannes niemals vergessen können. Aber das ging ihn nichts an.

»Ich weiß nicht, ob das funktionieren wird«, begann er und stockte, während die goldenen Lichter in seinen Augen heftig funkelten. »Gut«, fuhr er dann entschlossen fort. »Tun wir einfach so, als sei nichts geschehen.«

Sie nickte heftig und widerstand der Versuchung, mit den Fingerspitzen ihre prickelnden Lippen zu berühren. Vielleicht war es ja tatsächlich nichts Besonderes für ihn, eine Frau so zu küssen, dass ihr Hören und Sehen verging.

»Ich gehe jetzt besser. Vielen Dank für den Tee und dafür, dass ich das Telefon benutzen durfte.« Mit einer entschlossenen Bewegung wandte er sich der Tür zu.