Gejagt - Jörg Benne - E-Book
Beschreibung

Eigentlich soll Tristan zur Erde zurückkehren, doch dann kommt alles anders: Er sitzt in Nuareth fest, während neben den Nekromanten noch andere das magische Amulett um jeden Preis an sich reißen wollen. Tristan verteidigt es mit seinem Leben, allerdings beginnt es seine Persönlichkeit auf unheimliche Weise zu verändern. Gleichzeitig ist Martin mit den Kindern der Paladine auf der Flucht vor den Nekromanten, die mit ihnen ihre Untoten-Armee weiter verstärken wollen. Deshalb werden sie unerbittlich Gejagt.

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Seitenzahl:441

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Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2018 by Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Korrektorat: Papierverzierer Verlag

Lektorat: André Piotrowski

Cover: Sebastian Watzlawek

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-277-6

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Inhaltsverzeichnis
Gejagt (Das Schicksal der Paladine II)
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Karte
Jörg Benne
Danksagungen

Kapitel I

Tristan lehnte sich auf dem rechten Hals des zweiköpfigen Drachen Smurk zur Seite und sah nach vorn. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Stadt Nephara in Sicht kommen würde. Dort würde er das um seinen Hals hängende Amulett an Meister Johann übergeben und zur Erde zurückkehren. Auch wenn das größte Abenteuer seines Lebens hinter ihm lag und er hier auf Nasgareth neue Freunde gefunden hatte, freute er sich nun auf sein Zuhause. Vor allem wollte er seine Schwester wiedersehen, die sein Vater hoffentlich schon mit seinen Heilkräften aus dem Koma geholt hatte.

Dunkel stieg vor ihnen die Flanke des Vulkans auf, an dessen Fuß Nephara erbaut war. Doch es waren sicher noch einige Meilen bis dorthin. Tristan wollte es sich schon wieder am Hals des Drachen so bequem wie möglich machen, als sie plötzlich absackten. Ihm war, als ob sein Magen sich in seine Brust schob, und er schrie erschrocken auf. Er klammerte sich fest, während Smurk den Flug wieder halbwegs stabilisierte.

»Was ist los?«, brüllte der rechte Kopf des Drachen.

»Ich weiß nicht«, antwortete der linke. Er klang seltsam matt. »Ich fühle mich sehr schwach.«

»Sind wir verletzt?«, fragte der rechte.

»Nein, nur ein paar kleine Geschosse haben mich am Flügel getroffen.«

Kleine Geschosse? Alarmiert verdrehte Tristan den Kopf und versuchte, einen Blick auf den linken Flügel zu erhaschen, der nun nicht mehr schlug, sondern starr ausgestreckt war. Sie glitten nur noch dahin. Vage konnte Tristan die winzigen schwarzen Pfeile erkennen, die aus der ledrigen Haut der Schwingen ragten. Der Adept hatte den Drachen mit den Runenpfeilen getroffen.

»Ihr seid vergiftet worden!«, rief Tristan. »Die Pfeile rauben euch alle Kräfte.«

Eine Windbö erfasste sie und der Drache geriet wieder ins Trudeln. Mit Mühe gewann Smurk das Gleichgewicht zurück, doch sie hatten schon rapide an Höhe verloren und auch die Richtung konnten sie nicht beibehalten. Der Vulkan, der eigentlich ihr Ziel markierte, lag nun auf der linken Seite, sie drifteten nach Süden ab.

»Bleib wach, hörst du«, brüllte der rechte Kopf. »Wir brauchen beide Flügel zur Landung.«

»Schaffen wir es denn noch bis Nephara?«, fragte Tristan sorgenvoll.

»Nein, wir können nicht mehr steuern. Aber ich glaube, dahin wollt Ihr ohnehin nicht mehr. Seht!«

Tristan verdrehte abermals den Kopf. Nun, da sie tiefer flogen, konnte er dicke Rauchwolken erkennen. Sie kamen aber nicht aus dem Krater des Vulkans, sondern stiegen an der Westflanke auf. Nephara brannte wieder, und diesmal offenbar nicht nur ein paar Häuser.

»Festhalten!«, brüllte Smurks rechter Kopf. Sie sanken nun immer schneller und begannen, eine unfreiwillige Kurve zu fliegen, da der linke Flügel des Drachen leicht angewinkelt war. Die Baumkronen rasten heran, gleich würden sie die ersten Wipfel streifen. Tristan beschwor rasch einen Schutzschild, kurz darauf sackte der linke Schädel einfach kraftlos herab und mit ihm sein Flügel. Der Drache schmierte ab wie ein abgeschossenes Flugzeug, zog auch den rechten Flügel an, um die Drehbewegung zu mindern. Schon brachen sie durch die Wipfel.

Tristan klammerte sich krampfhaft am Hals des Drachen fest und hoffte, dass sein Schild sie schützen würde. Um ihn herum krachten die Äste der Bäume und plötzlich spürte er einen schweren Schlag gegen seinen Schild, der ihn vom Hals des Drachen riss. Hilflos mit den Armen rudernd fiel Tristan durch die Äste, prallte dank seines Schildes ab, dennoch wurde ihm beim Aufschlag auf dem Boden schwarz vor Augen.

***

Tristan erwachte auf moosigem Boden, direkt neben einem Baumstamm. Verwirrt richtete er sich auf. Staub hing in der Luft und Blätter segelten noch immer zu Boden. Lange war er vermutlich nicht ohnmächtig gewesen, womöglich nur ein paar Sekunden. Er spürte keine Schmerzen, offenbar hatte er die Landung unbeschadet überstanden.

Jäh durchfuhr ihn ein schrecklicher Gedanke und er tastete hektisch nach dem Amulett an seinem Hals. Gott sei Dank, es war unversehrt und pulsierte in seiner Hand – oder pulsierte seine Hand selbst? Nun spürte er sie wieder, die unbändige Kraft, die das Amulett ihm verlieh, und die letzte Verwirrung schwand. Entschlossen stand er auf, um nach Smurk zu sehen. Vage erinnerte er sich noch, einen Schildzauber gewirkt zu haben, ehe sie abstürzten. Warum war er trotzdem vom Rücken des Drachen gefallen?

Die Absturzstelle war leicht zu finden. Smurks mächtiger Körper hatte eine Schneise in den Wald gerissen und einige Bäume umgeworfen. Der Anblick des Drachen ließ Tristan Schlimmes befürchten, die Beine hatte die Echse von sich gestreckt, die Flügel waren verknickt. Tristan eilte zu ihm.

Aus der Nähe sah es noch schlimmer aus. Der linke Flügel war zweifellos mehrfach gebrochen, die lederne Haut zerrissen. Auch eines der linken Beine stand in unnatürlichem Winkel ab. Tristan lief um den Drachenleib herum und hielt den Atem an, als er vorn ankam. Offensichtlich war auch der linke der beiden Hälse mehrfach gebrochen, aus den Nüstern des Schädels tropfte Blut und die Augen starrten blicklos ins Leere. Eilig führte Tristan den erstbesten Heilzauber aus, der ihm einfiel, doch er bewirkte augenscheinlich nichts.

Der rechte Schädel war unter einem Baum begraben, der zwar den Absturz gebremst hatte, aber dabei umgeknickt und auf den Drachen gestürzt war. Tristan wuchtete den mächtigen Stamm dank der Paladinkräfte spielend hoch und schob ihn zur Seite. Erleichtert hörte er, wie aus den Nüstern des Drachenkopfes schnaubend Luft entwich. Noch einmal wählte Tristan einen Heilzauber, tippte diesmal sogar mehrfach auf das größte Stärkemal und schoss den Heilstrahl auf den rechten Schädel ab. Für einen winzigen Moment spürte Tristan, wie viel Energie ihn dieser Zauber kostete, dann war da wieder die vertraute, unerschöpfliche Kraft des Amuletts. Aber hatte der Zauber auch gewirkt?

Smurks rechter Schädel schlug die Augen auf. »Seid Ihr wohlauf, Meister Tristan?« Seine Stimme war nur ein schwaches Flüstern.

»Mein Schutzzauber hat mich gerettet. Wie schlimm ist es bei euch? Ich habe versucht, euch zu heilen.«

»Wir werden sterben«, sagte Smurk matt. »Paladinzauber wirken nicht auf Drachen, deshalb hat Euer Schild uns nicht schützen können und auch Eure Heilzauber werden uns nicht retten.« Mühsam drehte er den Kopf, um den anderen Schädel sehen zu können. »Er ist schon tot«, seufzte er traurig. »Wenn diese Pfeile nicht gewesen wären …«

»Aber kann ich denn nichts für euch tun?«, fragte Tristan verzweifelt und seine Kräfte kamen ihm plötzlich unglaublich nutzlos vor.

»Geht, Meister Tristan. Geht zu den Vanamiri, bevor die Nekromanten kommen.«

»Ich soll euch zurücklassen? Nein, es gibt noch viele Heilzauber, einer hilft bestimmt, ich probiere …«

»Geht!«, donnerte Smurk so laut, dass Tristan zusammenzuckte. Als der Drache weitersprach, war seine Stimme jedoch noch kraftloser als zuvor. »Ihr dürft das Amulett nicht gefährden. Seit Jahrhunderten haben wir es bewacht, auf keinen Fall dürft Ihr nun unseretwegen hier warten und den Vorsprung riskieren, den Ihr vor den Nekromanten habt. Geht!«

»Aber wohin? Ich sollte das Amulett zu Meister Johann bringen und dann in meine Welt zurückkehren. Jetzt brennt Nephara, wer weiß, ob Johann noch dort ist? Wohin soll ich also gehen? Wo sind die Vanamiri? Smurk? Smurk, hört ihr mich?«

Der Drache hatte die Augen geschlossen. Die Atemzüge aus seinen Nüstern kamen nur noch rasselnd und unregelmäßig. Tristan war so, als hörte er noch einmal ein zischendes »Geht!«, dann blähten sich die Nüstern ein letztes Mal auf und erschlafften endgültig.

Tristan stand eine Weile da wie betäubt. Vor einer halben Stunde hatte er noch gedacht, sein Abenteuer sei bald beendet, und nun war er nicht nur immer noch hier, er war auch zum ersten Mal, seitdem er Martin getroffen hatte, wieder ganz allein und vor allem hatte er zum ersten Mal kein Ziel. Was sollte er tun, wohin sich wenden?

Er spürte, wie ihm die Tränen kamen, und versuchte, sich zusammenzureißen. Er war sechzehn und ein Paladin, da heulte man nicht mehr wie ein kleiner Junge. Doch je mehr er sich gegen die Tränen sträubte, desto größer wurde die Verzweiflung und schließlich brachen sie aus ihm heraus und er weinte hemmungslos.

Es dauerte ein paar Minuten, bis er seine Gefühle wieder unter Kontrolle hatte. Er atmete einige Male tief durch, wischte sich über die Augen und zwang sich zu überlegen. Was sollte er nun tun?

Das Portal aktivieren, hindurchgehen und seinen Vater suchen? Aber der war sicher schon auf dem Weg ins Krankenhaus, und selbst wenn er noch im Büro war, wollte Tristan ihn bestimmt nicht aufhalten. Svenja zu heilen, war jetzt das Wichtigste. Und dort im Büro auf seinen Vater warten konnte er auch nicht. Wenn in der Zeit die Nekromanten kamen und das Amulett hier fanden, gab es keinen Weg mehr zurück. Zu Fuß würden sie zwar sicher ein paar Stunden für den Weg brauchen, den der Drache in wenigen Minuten geflogen war, aber Tristan erinnerte sich wieder an den Vogel, der laut geschrien hatte, kurz bevor der Adept in Jessicas Leib gefahren war. War der Vogel vielleicht auch untot gewesen? So ein Vogel könnte in kürzester Zeit hier sein, die breite Schneise, die Smurks Leib bei dem Absturz gerissen hatte, war aus der Luft sicher leicht auszumachen.

Erschrocken blickte Tristan zum Himmel auf. Jäh wurde ihm klar, dass er augenblicklich von hier verschwinden musste. Er eilte in den Wald, wählte die Richtung, in der die Bäume am dichtesten standen und ihm so den meisten Schutz vor neugierigen Blicken aus der Luft versprachen.

Die neu gewonnene Entschlossenheit hielt nicht lange vor. Nach vielleicht einer Meile, während der er sich stellenweise mit dem Schwert den Weg durch das Dickicht schlagen musste, blieb er an einem Bach stehen. Er blickte zurück, aber die Absturzstelle war nicht mehr zu sehen. Wohin jetzt?

Irgendwie musste er die Vanamiri finden, wie Smurk gesagt hatte – oder sie ihn. Nachts waren die Vanamiri jedoch fast blind, wenn sie ihn finden würden, dann also bei Tag. Im schummrigen Licht unter dem Blätterdach war schwer abzuschätzen, wie spät es schon war. Was, wenn er nun immer weiter in genau die falsche Richtung lief?

Tristan seufzte, stützte sich auf sein Schwert und fühlte sich trotz der Paladinkräfte mit einem Mal sehr müde. Ich muss mich zusammenreißen, dachte er. Wenn ich mich hier hinlege und einschlafe, finden die Vanamiri mich nie. »Also«, sagte er laut, um sich selbst aus der Lethargie zu reißen. »Wohin gehe ich am besten?«

Er blickte sich nach allen Richtungen um, doch der Dschungel sah überall gleich aus. Hohe, dicht belaubte Bäume, am Boden mannshoher Farn und andere Büsche, so weit das Auge reichte. Linker Hand, in der Richtung, in die der Bach floss, fiel der Boden leicht ab. Tristan versuchte, sich die Karte ins Gedächtnis zu rufen, die er damals im Büro seines Vaters gesehen hatte. Er erinnerte sich an diverse Flüsse, die im Süden ins Meer mündeten. Also fiel der Boden wahrscheinlich nach Süden hin ab und der Bach floss sicherlich auch Richtung Meer. Sollte er dorthin gehen? Wo würden die Vanamiri wohl am ehesten siedeln? Er musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte, und entschied, vorerst dem Bachlauf zu folgen. Auf diese Weise musste er sich wenigstens um seinen Durst keine Gedanken machen.

»Na dann los«, sprach er sich selber Mut zu und marschierte, wenn auch zögerlich, weiter.

Nach einiger Zeit wurde das Dickicht etwas lichter, so dass Tristan sein Schwert wegstecken und sich nur mit seinen Händen einen Weg bahnen konnte. Dabei kam ihm die Idee, einfach einmal einen Schildzauber zu wirken, der dann tatsächlich alles um ihn herum wegdrückte, während er lief. Aber nachdem er auf diese Weise mehrfach ins Stolpern geriet, weil der Schild von einem Baum zurückprallte, ließ er es lieber, obwohl ihm der Gedanke nicht behagte, was sich im Dickicht an Getier verbergen mochte. Schaudernd dachte er an Martins Worte über die Riesenspinnen, die früher überall im Wald zu finden gewesen waren. Was gab es hier wohl sonst noch in Größe XXL? Käfer, Schlangen, Skorpione …? Tristan schluckte.

Die Stille um ihn herum war auch nicht dazu angetan, ihn zu beruhigen. Der Wind ließ hin und wieder die Blätter rauschen, hier und da knackte es, und ab und zu war der Ruf eines Tieres zu hören. Ansonsten herrschte abgesehen vom leisen Murmeln des Baches eine gespenstische Ruhe und damit waren die Geräusche, die Tristan auf seinem Vormarsch verursachte, vermutlich weithin zu hören. Aber wenn ihn so die Vanamiri schnell fanden, war Tristan das durchaus recht.

Bald darauf wurde es dunkel und noch immer hatten sich die Vanamiri nicht blicken lassen. Da Tristan auch keinerlei Hinweise auf sie entdeckt hatte, blieb er unschlüssig stehen.

Egal ob er rastete oder weiterlief, er musste entweder ein Lagerfeuer anzünden, denn es wurde allmählich empfindlich kühl, oder er brauchte eine Leuchtkugel, um in der zunehmenden Dunkelheit noch etwas zu sehen. Beides war womöglich weithin sichtbar, was ihm gar nicht gefiel. Nach einigem Abwägen erschien ihm die Leuchtkugel das kleinere Übel und so beschwor er eine und lief weiter.

Kurz darauf hielt er erschrocken inne, als plötzlich etwas um seine Leuchtkugel herumflatterte. Für einen Moment dachte er, ihr Licht hätte eine riesige Motte angelockt, dann erkannte er, dass es ein kleiner Vogel war, der sich nun auf einem nahen Ast niedergelassen hatte und Tristan beobachtete.

Tristan fragte sich, ob der Vogel ein Del-Sari war, die einen Vanamir ein Leben lang begleiteten und durch ein Seelenband mit ihm verbunden waren. Oder vielleicht doch ein Spion der Nekromanten? Untot sah das Tier allerdings nicht aus.

Der Vogel tschilpte wie zur Antwort und flog ein paar Äste weiter. Dort blieb er sitzen, blickte zu Tristan zurück und tschilpte erneut.

Tristan runzelte die Stirn. Wollte der Vogel, dass er ihm folgte? Aber wenn er wirklich ein Del-Sari war, wer hatte ihm dann jetzt, bei Dunkelheit, noch Befehle erteilt? Die Vanamiri schliefen doch oder waren zumindest blind bei Nacht.

Der Vogel kam wieder zwei Äste näher gehüpft und legte den Kopf schief. Dann flatterte er einmal um Tristan herum, tschilpte dabei aufgeregt und flog wieder in dieselbe Richtung wie zuvor.

Tristan beschloss, ihm zu folgen, auch wenn das hieß, dass er unter Umständen den Bachlauf verlassen musste. Er trank eilig noch einige Handvoll des klaren Wassers und tippte auf die Male für einen Schild, so dass er diesen zur Not schnell um sich aufbauen konnte. Anschließend ging er zögernd auf den Vogel zu. Immer wenn er bis auf wenige Schritte heran war, flog das Tier ein paar Äste weiter und so ging das, bis sie an einem hohen Baum anlangten, dessen Stamm viel breiter war als alle umstehenden. Hier flog der Vogel in die Krone hinauf und tauchte nicht wieder auf.

Tristan ging einmal um den Baum herum. Er suchte eine Leiter oder etwas Ähnliches, an dem er hätte hinaufklettern können, so wie bei dem Vorposten, an dem sie nach der Flucht aus der Unterwelt den Vanamiri-Hochlord Kolron getroffen hatten. Er fand nichts dergleichen und sandte daher seine Leuchtkugel nach oben. Weit konnte er jedoch nicht sehen, denn die unteren Äste verdeckten ihm die Sicht.

Was nun? Sollte er rufen? Warum lockten ihn die Vanamiri mit einem Del-Sari her und ließen sich dann nicht blicken? Tristan hätte am liebsten genervt gegen den Stamm getreten. Er war müde und hungrig. Wenn es wirklich die Vanamiri gewesen waren, die ihn hergelockt hatten, sollte das Versteckspiel nun aber mal ein Ende haben. »Hallo?«, rief er zaghaft. Dann deutlicher: »Ist hier jemand?«

Wie als Antwort wurde eine Strickleiter herabgelassen und Tristan kletterte nach kurzem Zögern hinauf. Der Baum war riesig. Er meinte, schon dreißig Sprossen emporgestiegen zu sein, als er endlich eine offene Luke erreichte, die in eine hölzerne Plattform eingelassen war. Neugierig erklomm Tristan die letzten Sprossen. Die Plattform war ziemlich groß, und obwohl von unten nicht zu sehen, bot sie an einigen Stellen eine gute Sicht auf den Waldboden. In ihrer Mitte ragte der Stamm des Baumes immer noch mannsdick empor und Tristan lehnte sich zur Seite, um zu sehen, ob dahinter jemand stand, doch die Plattform war leer. Eine weitere Leiter führte am Stamm nach oben bis zum Wipfel, und dort meinte Tristan schwach etwas schimmern zu sehen.

»Lasst bitte die Leuchtkugel verlöschen und schließt die Luke«, sagte jemand von oben und Tristan fuhr erschrocken zusammen. Nach kurzem Zögern folgte er der Aufforderung.

»Ich danke Euch«, kam es von oben.

Im Dunkeln sah Tristan das Schimmern durch die Blätter nun noch deutlicher. Wer oder was war dort oben?

»Ihr seid ein Paladin?«, fragte die Stimme.

»Ich bin der Paladin Tristan, Sohn des Darius. Und wer …«

»Seid Ihr mit dem Drachen abgestürzt?«, unterbrach die Stimme. Sie klang nicht unfreundlich, aber bestimmt.

»Ja. Die Nekromanten haben uns mit Giftpfeilen getroffen.«

»Bedauerlich.« Es entstand eine kleine Pause, dann landete ein Vanamir federnd auf der Plattform. Tristan erkannte die Federn in dem schimmernden Licht, das von einer seltsamen Apparatur auf dem Kopf des Vanamirs ausging. Sie erinnerte ein wenig an eine Brille, hatte aber keine Gläser, stattdessen lag ein nahezu rechteckiger Edelstein vor den Augen seines Gegenübers und von diesem ging das Schimmern aus.

Der Vanamir neigte leicht den Kopf. »Mein Name ist Norwur, einfacher Krieger vom Volke Selrons, das man auch das Südvolk nennt. Verzeiht, dass ich nicht früher mit Euch Kontakt aufnahm, ich bin allein hier und darf meine Pflichten nicht vernachlässigen. Daher konnte ich nicht zu Euch kommen und meinen Del-Sari auch erst schicken, als Ihr nahe genug wart.«

Tristan sah sich nach dem Vogel um, konnte ihn aber nirgends entdecken. Der Vanamir bemerkte das. »Mein Del-Sari ist auf dem Weg in unsere Stadt, um von Eurer Ankunft zu berichten.«

»Was ist das hier? So eine Art Wachturm?«, fragte Tristan.

»Richtig. Normalerweise sind immer zwei von uns hier, doch viele meines Volkes sind in der großen Schlacht gefallen, daher muss ich allein hier Wache halten. Gegen Morgen wird jemand kommen, um mich abzulösen, dann kann ich Euch in die Stadt führen. Einstweilen bitte ich Euch um Geduld. Ich muss wieder hinauf und die Gegend beobachten.« Der Vanamir zeigte auf den Edelstein vor seinen Augen. Offenbar war das so eine Art Nachtsichtgerät. »Auf der anderen Seite der Plattform findet Ihr ein Strohlager und etwas zu essen. Esst und schlaft.« Damit nickte er Tristan noch einmal zu und kletterte dann die Leiter hinauf, zurück auf seinen Posten.

Tristans Augen hatten sich mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt und im durch das Blätterdach sickernden Licht der Monde konnte er genug erkennen, um auf der Plattform den Stamm zu umrunden. Dort fand er ein Häufchen Stroh vor, das ein wenig an ein Vogelnest erinnerte. Daneben lag eine Schale mit Früchten, die Tristan aus seiner Zeit im Haus der Paladine zu kennen glaubte. Er nahm sich zwei davon und setzte sich mit dem Rücken an den Baum. Große Erleichterung machte sich in ihm breit. Nun hatte er die Vanamiri gefunden, morgen würde er in ihre Stadt gehen und dort würde sich bestimmt eine Lösung für seine Probleme finden lassen. Womöglich konnte er das Amulett sogar in ihrer Obhut lassen und zur Erde zurückkehren. Und falls nicht, konnten die Vanamiri sicherlich mit ihren Del-Sari herausfinden, wo sich Meister Johann aufhielt.

Das Obst war köstlich und Tristan ließ es sich schmecken. Obwohl er sich dank des Amuletts körperlich immer noch fit fühlte, überkam ihn eine geistige Müdigkeit und so schlief er, kurz nachdem er sich satt gegessen hatte, an den Baum gelehnt ein.

***

Norwur weckte ihn, als die Sonne sich gerade über den Horizont schob. Ohne sein skurriles Nachtsichtgerät sah der Vanamir nun aus wie alle anderen Mitglieder seiner Spezies, die Tristan bislang kennengelernt hatte – zumindest auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen fielen Tristan aber einige weiße Federn zwischen den bräunlichen auf, die Norwurs Gesicht bedeckten, und statt von Hosen, wie die anderen Vanamiri sie angehabt hatten, wurden Norwurs Beine von einer Art Rock verhüllt.

Der Vanamir hielt ihm eine Schale mit Wasser hin und Tristan nahm sie dankend und trank gierig.

»Die Ablösung muss bald kommen«, erklärte Norwur.

»Wie weit ist es denn bis zu eurer Stadt?«

»Genau ein halber Tagesmarsch. Dies ist einer von zwölf Wachbäumen, die wir rund um die Stadt gepflanzt haben. Alle genau im selben Abstand vom Stadtzentrum.«

»Wie heißt die Stadt denn?«

Norwur legte den Kopf schief und sah Tristan eine Weile schweigend an. Womöglich ein Ausdruck von Verwunderung, doch die Mimik des Vanamirs blieb unverändert. »Sie hat keinen Namen«, erwiderte Norwur schließlich. »Es ist die Stadt von Selrons Volk.«

Tristan runzelte die Stirn. »Aber wenn Hochlord Selron stirbt – ich meine, wenn jemand anderer Hochlord eures Volkes wird, dann heißt die Stadt anders?«

Wieder sah Norwur ihn lange an. Der starre Blick seiner nur selten blinzelnden Augen war Tristan unangenehm und er bereute es schon, die Frage überhaupt gestellt zu haben.

»Ihr Menschen seit seltsam«, sagte Norwur nachdenklich. »So kurzlebig und doch strebt ihr nach Konstanten in eurem Leben. Wir Vanamiri sind ein Volk des Waldes, unsere Umgebung verändert sich ständig, nichts bleibt, wie es ist. Warum sollte die Stadt, die in hundert Jahren ganz anders aussieht als heute, immer noch genauso heißen? Sie ist die Stadt unseres Volkes, das ist das Einzige, was bleibt. Und was Hochlord …«

Ein trillerndes Geräusch von unten unterbrach ihn. Norwur antwortete mit dem gleichen Geräusch, öffnete die Luke und warf die Strickleiter hinab. Kurz darauf kletterte ein zweiter Vanamir auf die Plattform und nahm sich ein ähnliches Nachtsichtgerät vom Gesicht, wie es Norwur getragen hatte. Die beiden begrüßten sich, indem sie einander jeweils die rechte Hand auf die linke Schulter legten und den Kopf neigten. Norwur stellte Tristan den Neuankömmling als Valmar vor.

Valmar nickte Tristan nur kurz zu und stieg ohne ein weiteres Wort die Leiter nach ganz oben. Norwur nahm einige Dinge an sich und verstaute sie in einem schmalen Beutel aus Tierhaut, dann trat er an die Luke. »Kommt, Tristan, lasst uns zur Stadt gehen.«

Tristan fühlte sich von der unbequemen Nacht noch etwas steif und kletterte recht linkisch die Leiter hinab. Als beide unten waren, trillerte Norwur noch einmal und die Leiter wurde emporgezogen.

Am Waldboden war es noch recht düster, aber doch hell genug, dass Tristan bei näherem Hinsehen den Pfad erkennen konnte, dem Norwur nun folgte. Er war gut getarnt und der Vanamir bog Farne und andere Pflanzen, die ihnen im Weg standen, immer nur vorsichtig zur Seite, so dass sie hinter ihnen zurückschwangen und den Weg wieder verbargen.

»Wie hieß der Drache, auf dem Ihr geritten seid?«, fragte Norwur unvermittelt, nachdem sie zuvor eine Weile schweigend gewandert waren.

»Sein Name war Smurk. Kanntet Ihr ihn?«

»Ich habe von ihm gehört. Er war einer der letzten Zweiköpfigen.«

»Gibt es nicht viele Drachen auf Nasgareth?«

»Sie kommen und gehen, manchmal suchen sie uns zu Dutzenden heim, mal sieht und hört man ganze Dekaden nichts von ihnen. Wohin sie gehen, wissen wir nicht, denn unser Wissen über unsere Welt ist beschränkt. Wir kennen nur den Kontinent im Norden und die ihn umgebenden Inseln, so wie Nasgareth. Aber sicher gibt es anderswo noch mehr Land.«

»Haben die Drachen denn nie darüber gesprochen?«

Norwur blieb stehen und heftete erneut diesen wohl Verwunderung ausdrückenden, starren Blick auf Tristan. »Für einen Paladin scheint Ihr sehr wenig über uns zu wissen. Seit Ihr noch nicht lange hier? Ihr seht zwar jung aus, doch wenn Ihr das Amulett tragt, so müsst Ihr doch ausgebildet worden sein, nein?«

Tristan schüttelte den Kopf. »Das ist eine lange Geschichte.«

»Ich würde sie gern hören, wenn Ihr mir davon berichten wollt. Aber um Eure Frage zu beantworten: Unsere Vorfahren, die Vanari, waren riesige Vögel und die Drachen ihre Todfeinde. Auch wir Vanamiri lebten lange in bitterer Feindschaft mit ihnen. Sie zerstörten unsere Wälder, überfielen unsere Städte, dafür vernichteten wir so manches Drachengelege. Als wir endlich Frieden mit ihnen schlossen, begann kurz darauf der Konflikt mit den Gnomen und ihr Paladine kamt in unsere Welt. Eure Macht, die ihr zu unseren Gunsten eingesetzt habt, machte die Drachen jedoch misstrauisch. Sie fürchteten, wir würden euch auch gegen sie in den Krieg schicken, und so verlangten sie, dass immer ein Drache das Amulett bewacht, um einen weiteren Konflikt zu vermeiden.

Ihr seht: Es mag sein, dass wir mittlerweile Frieden haben, aber wir trauen einander bis heute nicht. Sie erzählen uns nichts von der Welt jenseits des Ozeans, und selbst wenn sie es täten, würden wir ihnen kaum glauben. Doch nun zu Eurer Geschichte. Es ist noch ein langer Weg.«

Auch wenn Norwurs Ausführungen bei Tristan noch mehr Fragen aufgeworfen hatten, erzählte er nun von seinen Erlebnissen, während sie weiter in den Morgen wanderten.

Kapitel II

Martin streckte sich gähnend und rieb sich die Augen. Obwohl die Sonne schon vor einer Weile aufgegangen war, fühlte er sich immer noch, als könne er ein paar Stunden schlafen. Das lag aber nicht an den Strapazen der Reise, die hinter ihm und den Mädchen lagen, sondern daran, dass er die letzten beiden Abende im Ogertrog gearbeitet hatte, dem Gasthaus, in dem Tristan und er der Gnomin Rani das erste Mal begegnet waren. Velus, der Wirt, war froh gewesen, dass Martin sich ihm anbot, denn Kreuzstadt platzte derzeit aus allen Nähten und auch der Ogertrog war derart gut besucht, dass der Wirt den Ansturm allein mit seiner Magd kaum bewältigen konnte. So hatte Martin seine Erfahrung als Wirt, aber auch seine Kräfte einsetzen können, um später am Abend den einen oder anderen Raufbold vor die Tür zu setzen. Damit hatte er gleichzeitig sich selbst und den Mädchen Unterkunft, Verpflegung und neue Kleider beschafft, denn bezahlen konnten sie dafür nicht.

Außerdem hatte Martin an der Theke einiges aufgeschnappt. In Kreuzstadt tummelten sich Hunderte von Soldaten, die der Schlacht mit den Nekromanten entkommen waren, und viele von ihnen erzählten bereitwillig jedem, der es hören wollte, was ihnen widerfahren war. Aus den verschiedenen, zum Teil erheblich ausgeschmückten Berichten, hatte sich Martin zusammengereimt, was wohl wirklich vorgefallen war.

Die Armee um die Paladine Brenda und Pierre hatte noch zwei weitere Tunneleingänge zur Unterwelt gesprengt und war dabei weiter gen Westen vorgedrungen. Am zweiten Abend nach der Trennung von Jessicas Gruppe scheuchten sie ein Rudel Wolfsmenschen auf und es kam zu einem ersten Scharmützel. Einige der Wolfsmenschen konnten fliehen und man schickte ihnen einen Trupp nach, doch von diesem kehrte niemand zurück. Daraufhin verließ die Armee die geplante Route und suchte nach den Vermissten. Die Del-Sari der Vanamiri schwärmten aus, konnten den Trupp jedoch auch nicht aufspüren. Daher nahm man an, dass sich in der Nähe ein Eingang zur Unterwelt befand, obwohl auf der Karte keiner eingezeichnet war, und beschloss, diesen zu suchen und zu sprengen.

Sie fanden den Eingang im alten Krater eines lange erloschenen Vulkans. Die Heerführer waren vorsichtig und sandten nur einige wenige Soldaten mit den Feuerfässern der Gnome und den beiden Paladinen hinab. Der Rest der Armee stellte sich ringförmig um den nicht besonders großen Krater auf, um für Attacken aus jeder Richtung gewappnet zu sein.

Plötzlich stürmte eine Ogerarmee aus dem Wald, angeführt von gleich drei untoten Paladinen. Gleichzeitig brach ein Heer von Wolfsmenschen aus dem Tunnel hervor. Durch die Zauber der Untoten starben Dutzende Soldaten, Panik griff um sich, und ehe die Schlachtordnung wiederhergestellt war, wurden die Soldaten an einer Seite des Kraters von der Wucht des Angriffs in die Senke getrieben. Die Oger versuchten, einen Kessel um den Krater zu bilden, während in der Senke selbst ein mörderischer Kampf tobte, zusätzlich dadurch angefacht, dass Mitglieder des verschwundenen Soldatentrupps als Untote aufseiten der Wolfsmenschen kämpften.

Was folgte, war ein grausames Gemetzel. Obwohl die Armee erheblich größer war als die Zahl der Oger und Wolfsmenschen, war bald offensichtlich, dass sie unterliegen würde, zumal sich die Panik angesichts der untoten Kameraden immer weiter ausbreitete. Viele, die zunächst noch außerhalb des Kraters kämpften, damit ihre Kameraden in der Senke nicht vollends eingekesselt wurden, ergriffen die Flucht.

An dieser Stelle endete die Geschichte der meisten Veteranen. Sie betonten die Schrecken der Schlacht, die Unvermeidbarkeit der Niederlage, den Horror, gegen die eigenen untoten Kameraden antreten zu müssen, und wie lange sie angesichts dessen tapfer gekämpft hätten. Doch bei manchen hörte man dennoch die Scham heraus.

Einige wenige hatten noch mehr zu berichten. Die Vanamiri standen tapfer an der Seite der Paladine und der Paladjur und versuchten, einen Weg aus der Senke freizukämpfen. Die untoten Paladine schienen jedoch unbesiegbar, und als die ersten Kameraden die Flucht ergriffen, schloss sich der Kessel zusehends. Ein Soldat, der von sich behauptete, als einer der Allerletzten aus dem Kessel entkommen zu sein, berichtete, dass Pierre schließlich die Feuerfässer gegen die untoten Paladine einsetzte. Auch andere erzählten von Explosionen, die sie auf der Flucht gehört hatten, doch was aus den Paladinen geworden war, wusste niemand. Allerdings zweifelte keiner der Überlebenden daran, dass alle im Krater Zurückgebliebenen entweder erschlagen oder von der Explosion getötet worden waren.

Versprengte Reste der Truppen hatten sich hier und da gesammelt. Die meisten Offiziere waren gefallen und so beschlossen die einfachen Soldaten, sich nach Hause durchzuschlagen. Diejenigen, die aus der Gegend von Nephara stammten, machten sich auf den Weg nach Osten in Richtung Kreuzstadt, andere kehrten zur nördlich gelegenen Hafenstadt Dulbrin zurück.

Martin hatte gehört, dass wenigstens einige Paladjur unter den Überlebenden sein sollten. Während er hinter der Theke des Ogertrog schuftete, sollten Tiana und Vinjala sich nach den Paladjur umhören. Er hoffte, dass sie etwas erreicht hatten, denn heute wollte sich eine große Karawane von Soldaten auf den Weg nach Nephara machen und Martin hatte vor, mit ihnen zu ziehen. Die Mädchen und er konnten den Geleitschutz auf dem Weg zum Haus der Paladine gut gebrauchen. Martin fürchtete, dass ihnen noch immer die Oger auf den Fersen waren, die ihnen seit der Flucht aus der Unterwelt folgten.

Martin raffte sich von seinem Strohlager auf. Er war trotz der fortgeschrittenen Stunde nicht der Letzte im Schlafsaal, in einer Ecke schnarchten noch ein paar Männer. Im Schankraum war zu dieser frühen Stunde hingegen kein Betrieb. Die gut aussehende Magd wischte gerade die Tische ab und lächelte Martin zu, als er eintrat. Sie hieß Shurma, wie Martin mittlerweile wusste. »Na, ausgeschlafen?«, fragte sie.

Martin gähnte als Antwort. »Hast du die Mädchen gesehen?«

»Die helfen Velus in der Küche.«

Martin schlurfte durch den schmalen Durchgang zur Küche, wo der Wirt gerade dabei war, das Fleisch für den Abend vorzubereiten. Tiana schrubbte in einem Eimer die Holzplatten, auf denen das Essen serviert worden war, während Vinjala auf einem steinernen Herd Wasser in einem Blechtopf erhitzte.

»War der Abend erfolgreich, Velus?«, erkundigte sich Martin freundlich.

Der Wirt schnaubte. »Zig Zechpreller. Musste nachher noch die Garde holen und vier Soldaten haben sie gleich zum Schuldturm mitgenommen.«

»Hallo, Martin«, begrüßte ihn Tiana. »Wir sind gleich fertig. Dort drüben steht noch Brot und etwas Creme von gestern Abend. Und ein Krug Wasser ist auch noch da.«

Martin bedankte sich, nahm sich einen Becher voll Wasser und ein Stück Brot und sah den Dreien bei der Arbeit zu, während er auf dem schon recht trockenen Brot herumkaute. Nachdem Tiana die letzte Platte sauber geschrubbt hatte, gingen sie alle drei in den Schankraum und setzten sich an einen Tisch.

»Und?«, fragte Martin gespannt. »Habt ihr einige Paladjur gefunden?«

»Nur zwei«, antwortete Tiana. »Aber von denen haben wir erfahren, dass die meisten anderen direkt nach Nephara weitergezogen sind. Ein paar sollen noch anderswo in Kreuzstadt in den Gasthäusern sein. Wir haben uns zwar ein wenig umgehört, aber bislang nicht herausgefunden, wo.«

»Hm«, machte Martin. Er wollte möglichst viele der Paladjur um sich sammeln und sie zurück nach Nephara führen. Was auch immer Darius vorhatte, wenn er zurückkam, allein konnte er sicher nichts gegen die Nekromanten unternehmen. »Ich habe von einem Offizier gehört, dass ein Großteil der Soldaten heute nach Nephara weiterzieht. Wir sollten uns ihnen anschließen.«

Tiana nickte eifrig. »Ja, ich möchte so schnell wie möglich zum Haus der Paladine zurück.«

Auch Vinjala nickte, sagte aber – wie meistens – nichts. Das Mädchen war Martin ein Rätsel. Die ganze Reise hatte sie kaum ein Wort gesprochen, er hatte nur hin und wieder beobachtet, wie sie mit Tiana tuschelte. Dass ein so hübsches Mädchen so schüchtern war, passte irgendwie nicht zusammen, fand Martin. Immerhin schien sie sich von den Strapazen der Flucht aus der Unterwelt mittlerweile erholt zu haben. Die Schatten unter ihren Augen waren kaum noch zu sehen und ihr Gesicht hatte wieder Farbe.

»Ihr verlasst uns?«, fragte Shurma, die gerade mit dem Nachbartisch beschäftigt war. »Schade, ihr wart uns eine große Hilfe.«

»Danke, aber ich fürchte, ihr werdet uns kaum brauchen«, erwiderte Martin. »Wenn die Soldaten weg sind, könnte es hier ruhiger werden, als euch lieb ist.«

Shurma nickte besorgt. »Ja, das befürchte ich auch. Ich habe auch schon überlegt fortzugehen. Kreuzstadt erscheint mir nicht mehr besonders sicher.«

Martin seufzte. »Ich fürchte, es ist nirgendwo mehr sicher. Auch Nepharas Stadtmauer kann gegen untote Paladine nicht standhalten.«

Shurma sog hörbar die Luft ein und machte große Augen. »Ist es also wirklich wahr, was die Soldaten darüber erzählt haben?«

Martin nickte. »Wir sind selbst einem untoten Paladin begegnet«, sagte er düster.

»Bei allen Göttern, was soll die Nekromanten dann überhaupt noch aufhalten?«

»Meister Johann weiß sicher Rat«, beschwichtigte Tiana und klang dabei sehr überzeugt. Martin war sich da nicht so sicher.

***

Wenig später verabschiedeten sie sich von Velus und Shurma. Während der Wirt nur ein Lebewohl knurrte und Martin ein paar Münzen in die Hand drückte, umarmte Shurma sie und musste offenbar ein paar Tränen verdrücken.

Sie gingen auf den Markt, um von dem Geld noch etwas Proviant zu kaufen, schließlich konnte die Reise zwei oder drei Tage dauern, je nachdem, wie schnell die Soldaten marschierten. Martin glaubte nicht, dass sie es besonders eilig haben würden, es sei denn, die verbliebenen Offiziere machten ihnen Beine.

Auf dem Markt gingen sie zum erstbesten Obststand und suchten einige Sulkas aus, die waren gut haltbar. Während die Mädchen noch wählten, sah Martin sich um. Er hätte gern ein paar Streifen Räucherfleisch dabeigehabt. Sich drei Tage nur von sauren Sulkas zu ernähren, erschien ihm nicht besonders verlockend. Bei seiner Suche nach dem Stand eines Fleischers fiel sein Blick auf einige Reiter, die sich vom Osttor her auf den Platz drängten. Martin runzelte die Stirn. Es war eigentlich nicht üblich, auf dem Marktplatz zu reiten. Was war da wohl los? »Bin gleich wieder da, wartet hier auf mich«, rief er in Richtung der Mädchen und ging auf die Reiter zu.

»Platz da! Macht Platz für den Fürsten!«, hörte er die vorderen Reiter brüllen, als er näher kam. Nun erkannte er auch, dass ihre Rüstungen das Wappen des Herrschers von Nasgareth zierte. Was wollte Fürst Sildar hier?

Das Geschrei der Soldaten nutzte nichts, in dem Gedränge gab es kein Vorankommen, denn die meisten Passanten scherten sich nicht um die Befehle. Schließlich stieg einer der Reiter ab und kämpfte sich zu Fuß weiter vor. »Lasst mich durch, ich muss zum Stadtrat«, raunzte er und drängelte sich auch an Martin vorbei, der ihm kurzerhand folgte.

Das Rathaus von Kreuzstadt stand an der Nordseite des Marktplatzes und der Soldat rempelte sich rüde zwischen den Ständen und ihren Kunden hindurch darauf zu. Martin blieb ihm auf den Fersen. Vor dem Haupteingang, einem schwarzen Portal aus Holz, hielt ein Gardist Wache. Der Soldat sprach energisch auf ihn ein und eilte dann mit ihm ins Innere. In der Halle standen einige Bürger von Kreuzstadt in Schlangen an, um ihren Wunsch den Schreibern vorzutragen oder ihre Steuerschulden zu begleichen. Martin sah sich hastig um und erspähte den Soldaten, der eben um eine Ecke verschwand. Als er ihm folgen wollte, hielt ihn ein anderer Gardist auf. »Halt! Hier haben nur die Ratsherren Zugang. Tretet zurück.«

Martin gehorchte widerwillig, er wollte kein Handgemenge anzetteln. Während er auf die Rückkehr des Soldaten wartete, überlegte er fieberhaft, was es zu bedeuten haben mochte, dass Fürst Sildar herkam. Wie Shurma schon gesagt hatte, war Kreuzstadt keine wehrhafte Stadt, also in Kriegszeiten kein guter Aufenthaltsort für den Fürsten. Was hatte ihn also bewogen, die Mauern Nepharas zu verlassen? War die Stadt angegriffen worden und der Fürst auf der Flucht?

Es fiel Martin schwer, seine Ungeduld zu zügeln. Doch vermutlich war der Soldat ohnehin nur vorausgeschickt worden, um die Ankunft des Fürsten vorbereiten zu lassen. Tatsächlich kam nun eine Abteilung Gardisten in den Saal und sie forderten höflich, aber mit Nachdruck alle Bürger auf, später wiederzukommen und das Rathaus sofort zu verlassen. Auch wenn es hier und da Gemurre gab, fügten sich die meisten.

»Ihr habt es gehört. Verlasst das Rathaus!«, sprach ein Gardist Martin direkt an.

»Ich weiß, dass Fürst Sildar auf dem Weg hierher ist. Ich muss ihn sprechen.«

Für einen Moment war der Gardist überrascht, schüttelte dann aber entschieden den Kopf. »Das geht nicht, er trifft für wichtige Beratungen mit dem Stadtrat zusammen. Geht.«

Martin zögerte. Einerseits musste er erfahren, ob in Nephara etwas vorgefallen war. Womöglich hatte ja auch Johann die Stadt verlassen und es war zwecklos, dorthin zu reisen. Andererseits sah Martin keinen Sinn darin, sich mit dem Gardisten anzulegen, dessen Miene sich zunehmend verfinsterte, weil Martin seiner Aufforderung nicht Folge leistete.

Das Tor des Rathauses flog auf, eine Abteilung von Soldaten drängte herein und nahm Aufstellung. Martin wurde an die Wand gepresst und beobachtete, wie vier Männer durch das Spalier der Soldaten traten. Die beiden vorderen waren hohe Offiziere, nach ihren Uniformen zu urteilen, dahinter kam Fürst Sildar mit ernstem Gesicht, den Blick zu Boden gerichtet und die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Der vierte Mann folgte dem Trio mit etwas Abstand, so als gehöre er nicht richtig dazu. Im Gegensatz zu den drei anderen waren seine Kleider fleckig und zerschlissen.

»Katmar!«, rief Martin erstaunt aus.

Katmar sah überrascht in seine Richtung und auch Fürst Sildar blieb mit erhobenen Brauen stehen. »Ich kenne Euch«, sagte der Fürst. »Ich habe Euch im Haus der Paladine gesehen. Wie ist Euer Name?«

»Ich bin Martin, aus der Welt der Paladine«, presste er hervor.

Der Gardist vor ihm hatte ihn bei seinem Ausruf noch enger an die Wand gedrückt, rückte nun aber erschrocken von Martin ab.

Der Fürst musterte Martin von oben bis unten. »Der nackte Paladin«, murmelte er. »Kommt mit, was wir mit dem Rat zu besprechen haben, geht auch Euch an.« Er wedelte mit der Hand in Richtung des Gardisten. »Du da, lass den Mann durch!«, orderte er mit befehlsgewohnter Stimme.

Martin nickte dem Fürsten zu und trat dann neben Katmar, der ihm krachend auf die Schulter schlug. »Schön, dich zu sehen, nackter Paladin«, grinste er.

»Wusste gar nicht, dass man mich so nennt«, brummte Martin und warf einen missmutigen Blick auf seine Arme, die keinerlei Zaubermale aufwiesen, was wohl der Grund für den Namen war.

Sie folgten den Generälen und dem Fürsten eine Treppe hinauf ins obere Stockwerk. »Was machst du im Gefolge des Fürsten?«, fragte Martin leise.

»Sie kamen gestern durch die Garnison, wo ich auf euch gewartet habe. Es waren Paladjur bei ihnen, die mich erkannten, und der Fürst bat mich, mitzukommen und ihm während der Reise zu berichten, was uns widerfahren ist.«

»Es sind noch mehr Paladjur bei euch? Johann auch?«, fragte Martin hoffnungsvoll.

Katmar schüttete mit ernster Miene den Kopf. Für weitere Erklärungen blieb keine Zeit, denn sie erreichten die Tür des Ratssaales. Der Fürst wurde am Eingang vom obersten Ratsherrn überschwänglich begrüßt, tat das aber mit einer knappen Geste ab und trat einfach ein.

Die Ratsmitglieder, insgesamt zehn mit dem Vorsitzenden, saßen an dem der Tür gegenüberliegenden Ende des Raumes an einem langen Tisch, so wie Richter in einem Gerichtssaal. In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner, prunkvoller Sessel, der offenbar eigens für den Fürsten herangeschafft worden war.

Während die Generäle mit Martin und Katmar bei der Tür stehen blieben, nahm Sildar auf dem Sessel Platz und begann ohne Umschweife: »Kreuzstadt ist in Gefahr, werte Ratsmitglieder. Die Nekromanten greifen nach der Herrschaft über die Insel und suchen all jene, die ihnen noch gefährlich werden können, insbesondere die Paladjur. Ich werde unverzüglich nach Dulbrin weiterreisen und von dort die Regierung so lange wie möglich aufrechterhalten. Ich hoffe, dass die kontinentalen Königreiche uns Verstärkung schicken werden, Boten wurden bereits ausgesandt.

Bis die Verstärkung kommt, müssen wir den Nekromanten standhalten, so gut es eben geht. Nephara konnten wir leider nicht halten, sie haben es in zwei Tagen genommen.« Einigen Räten entfuhren Schreckenslaute. »Unter den Zaubern ihrer untoten Paladine brachen die Mauern, als seien sie aus Pergament.« Sildar seufzte und erhob sich. »Also rüstet Euch. General Dalob wird hierbleiben und die Truppen neu organisieren. Leistet Widerstand, solange Ihr könnt. Ich mache Euch für den Schutz der Paladjur verantwortlich, die ich hergebracht habe. Auf keinen Fall dürft Ihr sie den Nekromanten ausliefern. Der General wird Euch weitere Fragen beantworten. Lebt wohl.«

Ehe noch einer der Ratsherren den Mund aufmachen konnte, rauschte der Fürst wieder zur Tür hinaus, den zweiten General im Schlepptau.

General Dalob blieb, wo er war, und beobachtete zunächst schweigend, wie die Ratsleute aufgeregt miteinander tuschelten. Er war ein untersetzter Mann mit einem lichten Haarkranz, einem durch einen Vollbart kaschierten Doppelkinn und Bauchansatz, aber seine Arme sahen immer noch muskulös aus. Früher war er sicher ein kräftiger Mann gewesen, und eine Narbe am Hals und eine weitere auf dem rechten Handrücken zeugten davon, dass er schon einige Schlachten gesehen hatte.

Schließlich trat der General vor und räusperte sich vernehmlich. »Meine Herren, es besteht Grund zu der Befürchtung, dass Kreuzstadt bald von zwei Seiten angegriffen wird«, eröffnete er den ohnehin schockierten Räten unverblümt. Der Oberste des Rates wurde aschfahl. Dalob fuhr ungerührt fort: »Die Nekromanten haben eine Armee im Westen, wo sie unser Heer zerschlagen haben, und eine im Osten, mit der sie Nephara eroberten. Wie viel Zeit uns bleibt, wissen wir nicht, aber wir müssen auf einen baldigen Angriff vorbereitet sein. Genug Truppen sind ja hier, denn wie ich höre, sind viele der Überlebenden unseres Heeres noch in Kreuzstadt. Doch wie steht es mit Vorräten, mit Katapulten und wie viele Alte und Kinder sind in der Stadt?«

Die Ratsherren warfen einander unbehagliche Blicke zu, ehe sich der Vorsitzende erhob. »Verzeiht, General Dalob, aber bevor wir solche Details erörtern, hätten wir gern gewusst, was in Nephara genau geschehen ist und warum der Fürst den Schutz der Paladjur so betonte.«

Dalob straffte sich. »Die Nekromanten tauchten vor vier Tagen vor Nephara auf. Sie forderten den Fürsten auf, Meister Johann und alle Paladjur auszuliefern, dann würden sie die Stadt verschonen. Wir dachten, unsere Mauern würden sie aufhalten, und so besonders groß schien ihre Armee auch gar nicht zu sein. Dann zerstörten zwei untote Paladine die Mauern und schnell war klar, dass wir zu wenige Soldaten hatten, um die nun offene Stadt zu verteidigen.

Meister Johann vertraute dem Fürsten die jüngeren Paladjur an, die noch im Haus der Paladine weilten. Als die Nekromanten die Stadt stürmten, flüchtete der Fürst gemeinsam mit den Paladjur und seiner Leibgarde durch einen Geheimgang, der bis in den Wald führt. Johann blieb mit einigen wenigen Getreuen zurück, um das Haus der Paladine zu verteidigen und dem Fürsten einen Vorsprung zu verschaffen. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist, aber wir befürchten das Schlimmste.«

Es brauchte einige Augenblicke, ehe die Stadträte diese Nachrichten verdaut hatten. Dann riefen sie wild durcheinander, bis der Vorsitzende schließlich eine kleine Glocke läutete und somit wieder für Ruhe sorgte.

»Vielen Dank für Euren Bericht, General, wir verstehen nun das Anliegen des Fürsten. Ich muss allerdings zu bedenken geben, dass Kreuzstadt über so gut wie keine Verteidigungsanlagen verfügt und von drei Seiten angreifbar ist. Wäre es nicht …« Der Vorsitzende sah unbehaglich auf Katmar, dessen Zaubermale auf den nackten Armen ihn unmissverständlich als Nachkommen eines Paladins auswiesen. »Wäre es nicht besser, die Paladjur würden mit dem Fürsten nach Dulbrin gehen und Nasgareth verlassen?«

Katmar sog hörbar die Luft ein und Martin legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter. Immerhin hatte der Vorsitzende nicht vorgeschlagen, die Paladjur einfach auszuliefern – auch wenn Martin sich nicht ganz sicher war, ob er das nicht eigentlich hatte sagen wollen.

Dalob blieb die Ruhe selbst. »Warum sollten die Nekromanten Euch glauben, wenn Ihr ihnen sagt, dass keine Paladjur in der Stadt sind? Und ohne die Zauber der Paladjur ist die Stadt einem schnellen Untergang geweiht. Ihr habt die Order des Fürsten gehört, wir sollen so lange wie möglich Widerstand leisten, damit Verstärkung vom Kontinent kommen kann.« Seine Augen verengten sich und ein drohender Unterton lag in seiner Stimme, als er hinzufügte: »Ich muss Euch wohl nicht daran erinnern, dass in Kriegszeiten der Fürst die volle Befehlsgewalt über Nasgareth hat, auch über Kreuzstadt.«

»Nein, natürlich nicht«, versicherte der Vorsitzende hastig.

»Gut. Dann lasst nach dem Oberst der Stadtgarde schicken und uns über Katapulte, Vorräte und alles Weitere sprechen.«

Kreuzstadt mochte zwar keine hohen Mauern haben, aber immerhin gab es einige Katapulte und auch genug Waffen und Vorräte in den Speichern, wie der Anführer der Stadtgarde kurz darauf zu berichten wusste. Nach seiner Schätzung waren mehrere Hundert Soldaten aus dem ehemaligen Heer in der Stadt.

»Das sind gute Nachrichten«, schloss der General das Gespräch. »Der Stadtrat muss nun entscheiden, ob Frauen, Kinder und Alte aus der Stadt gebracht werden sollen. Durch die Muldenlage ist Kreuzstadt sehr leicht einzukesseln, daher würde ich das dringend empfehlen. Wenn die Armeen der Nekromanten erst einmal hier sind, wird es für eine Flucht wohl zu spät sein. Aber das zu entscheiden und gegebenenfalls umzusetzen, überlasse ich Euch. Ich werde einstweilen die Truppe sammeln und alle Vorbereitungen treffen.« Er deutete eine knappe Verbeugung an und drehte sich zur Tür. »Katmar, Martin, bitte begleitet mich.«

Sie verließen den Saal, wo die noch immer sichtlich erschütterten Ratsherren sich mit dem Anführer der Stadtgarde weiter beraten wollten, und gingen durch die Halle nach draußen. Auf dem Marktplatz hatte sich die Lage beruhigt und alles ging seinen gewohnt chaotischen Gang, der Fürst war offenbar bereits fort.

»Hört zu«, sagte Dalob eindringlich, aber so leise, dass sich Katmar und Martin zu ihm beugen mussten. »Wenn die Stadt zu fallen droht, könnten die Räte auf die Idee kommen, Euch und die Paladjur auszuliefern. Das werde auch ich nicht verhindern können. Mit oder ohne Euch, die Stadt wird vermutlich nicht zu halten sein. Aber mit Euch besteht immerhin die vage Hoffnung, dass noch rechtzeitig Verstärkung eintrifft. Dennoch, wenn Ihr die Stadt verlassen wollt, kann ich das verstehen, denn viele der Paladjur die mit uns herkamen, sind ja noch Kinder.« Er seufzte. »Was ich sagen will: Trefft Ihr Eure Vorkehrungen, ich treffe meine. Wenn Ihr mich sucht, ich werde im Gasthaus am Osttor sein.« Dalob nickte ihnen zu und ging davon.

»Da bist du ja.« Tiana und Vinjala kamen auf sie zu. »Katmar?«, riefen sie dann wie aus einem Mund, als sie ihn erkannten. Vinjala lächelte froh und Tiana umarmte den überraschten Katmar sogar kurz. »Dann können wir ja direkt nach Nephara weiterreisen. Wann geht es los?«

»Gar nicht«, antwortete Katmar düster und berichtete knapp, was in Nephara geschehen war.

Die Mädchen waren bestürzt, Vinjala hatte sogar Tränen in den Augen. »Also müssen wir erst recht zurück und Meister Johann beistehen«, sagte Tiana trotzig.

Katmar schüttelte den Kopf. »Denk an den untoten Paladin in der Unterwelt. Wir hatten Jessica, Darius und Tristan dabei und konnten ihn dennoch nicht aufhalten. Wie sollen wir das dann ohne Paladine schaffen?«

»Wir können sie doch nicht im Stich lassen«, widersprach Tiana heftig. »Auch wenn wir dabei unser Leben riskieren.«

»Genau darum geht es«, erwiderte Katmar ruhig. »Jeder Paladjur, der den Nekromanten in die Hände fällt, wird als Untoter eine mächtige Waffe für sie. Das müssen wir verhindern. Irgendwann werden die Leichname der Paladine zerfallen, erst dann können wir zurückschlagen. Wir haben einige Paladjur hergebracht, um die müssen wir uns nun kümmern und Kreuzstadt so lange wie möglich verteidigen, wenn die Stadt angegriffen wird. Ich sehe keinen anderen Weg.«

Tiana machte den Mund auf, um nochmals zu widersprechen, fügte sich dann aber und wischte sich Tränen aus den Augen.

Martin legte ihr tröstend einen Arm um die Schulter. »Wohin bringst du die Paladjur?«, fragte er an Katmar gewandt.

»Am besten in das Gasthaus, das der General besetzt hat.«

»Dann geht ihr schon mal, ich komme nach.« Ehe jemand fragen konnte, was er vorhatte, hob Martin die Hand zum Gruß und schob sich in die Menge auf dem Marktplatz. Die mahnenden Worte von Dalob gingen ihm nicht aus dem Kopf. Kreuzstadt auf eine Belagerung vorzubereiten, war das eine, sich für den Fall zu wappnen, dass die Stadt fiel oder man beschloss, die Paladjur ans Messer zu liefern, das andere. Martin ging geradewegs zum Ogertrog zurück und trat ein.

Shurma blickte überrascht auf. »Du bist schon wieder da?« Sie lächelte erfreut.

Martin nickte ernst. »Ich brauche eure Hilfe.«

Kapitel III

Tristan und Norwur erreichten die Stadt von Selrons Volk am späten Vormittag. Dass sie in der Stadt angelangt waren, bemerkte Tristan zunächst gar nicht, denn am Boden gab es keinerlei Hinweise darauf, abgesehen davon, dass der Pfad etwas breiter und ausgetretener wurde. Plötzlich landeten drei Vanamiri vor ihnen auf dem Boden. Tristan, erschrak zuerst und sah dann erstaunt auf, als sie ihn in der Stadt willkommen hießen.

Ihm fiel auf, dass die Bäume hier alle breitere Stämme hatten und weniger dicht beieinanderstanden, um ihren gewaltigen Kronen genug Platz zur Entfaltung zu bieten. Zwischen den Bäumen entdeckte Tristan bei genauerem Hinsehen gut getarnte Hängebrücken, ansonsten war die ganze Siedlung in den Baumkronen versteckt. Und vor allem war es ruhig. Was die Vanamiri eine Stadt nannten, hatte nichts mit den eng besiedelten, von Leben pulsierenden Siedlungen der Menschen zu tun.

Die drei Vanamiri führten sie zwischen den Bäumen hindurch. Tristan versuchte zu zählen, wie viele Bäume wohl zu der Stadt gehörten, doch es war schwer, den Überblick zu behalten. Je weiter sie in die Stadt vordrangen, desto dichter wurde das Blätterwerk über ihnen. Fast schien es, als gingen die Kronen ineinander über, als sei alles nur ein einziger, riesiger Baum mit mehreren Stämmen.

All das verblasste, als schließlich vor ihnen ein majestätischer Baum aufragte, der alle anderen in Höhe und Dicke seines Stammes weit übertraf. Selbst die Mammutbäume aus Nordamerika, die Tristan mal im Fernsehen gesehen hatte, konnten da nicht mithalten.

»Wartet hier«, wies einer der drei Vanamiri sie an und zwei von ihnen sprangen nach oben. Die Krone lag ziemlich hoch, aber der Stamm hatte niedrige Äste. Tristan hätte sicher nicht daran emporklettern können, doch die Vanamiri verfügten über eine große Sprungkraft und hüpften artistisch von Ast zu Ast, bis sie im Blätterdach verschwanden.

»Das ist der Lebensbaum, das Herz der Stadt«, erklärte Norwur leise. »Seine Wurzeln reichen bis zu jedem anderen Baum hier und auch tief in die Erde.«

»Wow – ich meine, ganz schön beeindruckend«, stammelte Tristan, dem vom Nach-oben-Schauen schon der Nacken wehtat.

»Ihr solltet Evran einmal sehen«, entgegnete Norwur. »Dort leben die Vanajur, unsere Verwandten auf dem Kontinent, in einem Wald, der viele Lebensbäume beheimatet. Alles ist größer, schöner, friedlicher.«

Tristan konnte sich das kaum vorstellen. Das hier war ihm schon groß und schön genug. Diese Ruhe kam ihm für eine Stadt jedoch seltsam vor. »Es ist so still. Wie viele Vanamiri leben denn hier?«

Norwur sah kurz zu Boden. »Seit viele zur großen Schlacht gerufen wurden, nur mehr zweihundert. Wir hoffen immer noch, dass wenigstens einige von dort zurückkehren werden. Einstweilen müssen sogar schon die Alten beim Wachdienst helfen, so wie ich.«

Tristan sah ihn überrascht an. Alt sah Norwur gar nicht aus, zumindest in Tristans Augen. Ob die weißen Federn ein Anzeichen des Alters waren, so wie graue Haare bei Menschen?

»Ich war nie in einer Stadt der Menschen«, fuhr Norwur fort. »Aber nach allem, was ich gehört habe, geht es dort sehr laut und eng zu. So etwas gibt es bei uns nicht. Wir sind Geschöpfe der Ruhe, nur wenige von uns können es überhaupt ertragen, in euren Städten zu wandeln.«

Tristan musste unwillkürlich an den Vanamir denken, den er im Haus der Paladine getroffen und mit dem er Seite an Seite in Nephara gekämpft hatte. »Kennt Ihr Lord Noldan?«, fragte er.

»Oh ja«, nickte Norwur. »Er ist einer von jenen, denen eure Städte sogar gefallen. Er stammt vom Südvolk und ist nun schon seit vielen Jahren der Abgesandte unseres Volkes im Haus der Paladine. Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen. Wurdet Ihr ihm dort vorgestellt?«

Tristan nickte. »Habt Ihr etwas von ihm gehört? Kurz vor dem Absturz habe ich Nephara vom Rücken des Drachen aus brennen sehen, weiß aber nicht, was dort passiert ist. Eigentlich sollte der Drache mich dorthin bringen.«

Norwur legte den Kopf schief. »Ich war den ganzen Tag auf dem Wachturm, ich weiß nicht, welche Nachrichten hier derweil eingetroffen sind. Ihr solltet die Frage bei Hochlord Selron vorbringen. Lord Noldan ist sein Sohn, er wird sicher von ihm gehört haben.«