Gelbfieber - Ross Thomas - E-Book

Gelbfieber E-Book

Ross Thomas

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Beschreibung

Ben Abraham ist ein begnadeter Radrennfahrer. Früh deutet sich an, dass er große Rundfahrten gewinnen kann. Die Siege kommen, die Radsportfans sind entzückt, die Nation feiert den neuen Radsportkönig. Auf dem Weg zum dritten Toursieg erleidet Ben eine Niederlage, die ihn nachhaltig prägt. Der Ire Johnny Mulligan stellt sich als nahezu unbezwingbar heraus. Auf der Suche nach einem Ausweg greift Ben das Kontaktangebot einer Person auf, die verspricht, ihn auf die Siegerstraße zurückzuführen. Ben erhält eine bis dahin unbekannte Substanz. Tatsächlich gewinnt er weitere Rennen, die Droge testet negativ. Ben ist begeistert, immer wieder versucht er, mit seinem unbekannten Gönner in Kontakt zu treten. Als dies nicht gelingt, bricht Ben emotional zusammen. Er verletzt versehentlich ein Kind, begeht Fahrerflucht. Von der Polizei und dem eigenen Team gejagt begegnet er einem Abt, der Ben mit Fragen konfrontiert, die dieser sich nie gestellt hat: Ben hat die Wahl, sich für oder gegen das Leben als Radsportgott entscheiden. Er trifft eine Entscheidung: ein einsames Rennen gegen die Uhr als Preis für eine weitere Dosis. Was er nicht weiß: er muss gegen Mulligan antreten, Mann gegen Mann. Ein gnadenloser Kampf beginnt…

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EPUB

Seitenzahl: 253

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Inhalt

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Thomas Ross

Gelbfieber

Imprint

Gelbfieber Thomas Ross Copyright: © 2018 Thomas Ross

Cover: Thomas Ross

published by: Neopubli GmbH, Berlinwww.neobooks.com ISBN 978-3-??

Gelbfieber

„Da bisher keine kausale Therapie zur Verfügung steht, sollten exponierte Personen aktiv geimpft werden. Der Impfstoff besteht aus attenuierten Viren und wird i.m. oder s.c. von einem von der WHO dafür autorisierten Arzt appliziert.

Bei Immunsupprimierten ist die Impfung kontraindiziert.“

Groß, U. (2013). Kurzlehrbuch Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie (3. Aufl.). Stuttgart, Thieme: S. 383.

1

Noch dreihundert Meter. Sie haben Witterung aufgenommen, karminrote Zungen wirbeln rau über geifernde Lefzen, irre Blicke, von Höllenglut entflammt; jetzt explodieren die Kräfte, der Sturm bricht los, die Hetzjagd ist eröffnet. Dort läuft die Beute, sie darf nicht entkommen, aber noch ist der Weg weit; endlich wird der Abstand kürzer, der Geruch von Blut und Sieg liegt in der Luft, stark und unwiderstehlich schön ist der Duft; das Wild aber sprintet in Panik voran, fühllos vor Angst tritt es um sein Leben. Noch immer hält ein kleiner Vorsprung. Hundert Meter jetzt, dann fünfzig, zwanzig. Es zuckt sein Körper wie unter Strom, es fliegt dahin die Meter zum Ziel; ein letzter Blick geht nach hinten fort, und endlich malt sich ein Lächeln in das von Qualen schon grüne Gesicht. Es wird reichen!

Die Meute sieht es, stöhnt, Entsetzen erstickt die Gier; Wölfe im Blutrausch, mit hängenden Köpfen, gedemütigt vom entkommenen Wild, das jetzt die Arme in den hellblauen Himmel reißt. Am Straßenrand erhebt sich Jubel, der ruhmreiche Höhepunkt ist da, sie stehen mit ihm vereint, dem Ersten, dem großen Sieger. Gewonnen!

Jetzt rollt auch der Zweite ins Ziel … der Zweite, der erste Verlierer.

Die Jagd ist zu Ende. Aber scheinbar nur, denn schon kommen Häscher einer anderen Art, es sind Jäger von einer Spezies, die selbst den Triumphator, den stärksten der Starken, zur Strecke bringen. Mikrofone, an Stangen geheftet, stoßen wie pelzbewehrte Schwerter auf das Haupt des Siegers herab, vor und zurück und vor und wieder zurück, immer nach dem großen, ewigen Satz aus dem weißschäumenden Siegermund gierend, einem Mund, der kraftlos um Atem ringt und hustet und keucht, wie von schwerer Krankheit erstickt. Es ist ein Mund, der zu allem in der Lage scheint, nur zum Sprechen nicht.

Eine Kaskade von Fragen stürzt auf den Erschöpften ein, ein Rauschen nur für den, der unter dem kläglichen Beben seiner erschöpften Beine das Fahrrad als Krückstock nutzt. Zwei Männer greifen ihm unter die Arme wie einem gebrechlichen Alten, der sich nach langer Krankheit im Gehen übt. Langsam kehrt Leben in die halbtote Hülle zurück, und aus heiserem Krächzen schälen sich Silben heraus, dann Laute, die sich zu Worten, endlich zu Sätzen formen, und Sätze, die nicht weniger wollen, als uns, den vom Siegerglanz Geblendeten, das Unbegreifliche begreiflich zu machen.

Ja, es war hart, sehr hart, und am Ende so verdammt knapp, aber er sei durchgekommen, sagt der Sieger, am Mont Ventoux habe er gute Beine gehabt, sagt er, doch müsse man sehen, wie es morgen gehe.

Damit hat er alles gesagt. Aber die Schwerter stoßen weiter zu: Wie es sich anfühle, der Moment, wenn die Post abgeht, und was in einem vorgehe, wenn man merkt, dass man Chancen hat? Leere Augen verraten Ratlosigkeit. Der Sieger muss passen, ein Pontifex, der sein Heil in Allgemeinplätzen sucht: Die anderen hätten nicht nachgesetzt, und dann habe er es versucht, mit drei anderen, und am Ende habe er eben die meisten Körner in den Beinen gehabt und so weiter und so fort.

Mittlerweile ist das Heer der Zweiten vom Schauplatz verschwunden. Die Fragen sind beantwortet, nun endlich darf auch der Erste gehen. Der Weg des Siegers führt schnurstracks zur Toilette. Wir nehmen an, er tut dies einem natürlichen Bedürfnis folgend, aber wir täuschen uns. Die Pflicht ruft ihn, denn es gilt herauszufinden, ob der Sieger von heute auch morgen noch siegen darf. Gleich nebenan pinkelt der Mann in Gelb in einen Becher. Ein knapper Gruß, ein verstohlener Blick zur Körpermitte, Kopfnicken und etwas Schulterklopfen, das warʼs.

Zwei Männer und zwei Plastikbecher. Urin. Der Geruch von Ammoniak. Mit diesem Bild soll sie beginnen – die Geschichte von legendären Schlachten und ruhmreichen Kämpfern, von Matadoren, den Helden der modernen Zeit; die Geschichte von Siegern.

2

Ein großes, hoffnungsvolles Talent! Ben Abraham ist Juniorenweltmeister im Zeitfahren. Der Sächsische Anzeiger wusste es bereits vor langer Zeit: „Von dem dürfen wir viel erwarten. Die großen Rundfahrten rufen, der Vergleich mit den Besten steht an.“

War es diese unscheinbar schlichte, fast schüchterne Notiz, die einen neuen Stern aus der Wiege hob? Man wollte, man musste es einfach glauben. Der Stern schoss zum Himmel und leuchtete von nun an am Firmament der deutschen Sportlandschaft. Hell und klar vergoss er sein Licht über die Welt, und doch wusste niemand, woher der Stern seine Leuchtkraft nahm. Mehr als für die Tatsachen des Aufstiegs, die, für sich genommen, einem glücklichen Gemisch aus Talent und harter Arbeit entsprangen, interessierte man sich für die Begleitumstände. Einige sagten, es müsse am Geburtsjahr liegen (Abraham wurde im Zeichen des Feuer-Hasen geboren). Als nicht minder einflussreich wertete man den Zwillingsmonat Juni, der Tatkraft wegen, die Zwillingsmännern zu eigen ist, ebenso wie nachgerade den Tag sechzehn des besagten Monats, an dem die universale Konstellation sich so günstig fügte, dass dieser Stern geradezu mit Notwendigkeit hatte entstehen müssen.

Zweifel? Aber nicht doch! Auch wennʼs unwahrscheinlich scheint, so könnte es doch wahr sein. Lassen Sie uns in aller Kürze festhalten, dass unser Himmelsbote im Juni 1987 in die Familie eines Elektrofachmeisters im Rostocker Industrieviertel hineingeboren wurde, der in zweiter Ehe mit einer Angestellten des städtischen Wasserwerks verheiratet war, lassen Sie uns dabei nicht verschweigen, dass er mit einer jüngeren Schwester und einem älteren Halbbruder in der kleinen Plattenbauwohnung am nördlichen Stadtrand ein einziges winziges Zimmerchen teilte; dass ihm infolge der bescheidenen räumlichen Verhältnisse wenig mehr als fünf Quadratmeter Territorium blieb, worüber er hoheitlich verfügen konnte. Anders ausgedrückt: Die materiellen Verhältnisse des jungen Hoffnungsträgers waren bescheiden. Man lebte wie viele andere Familien in Deutschland, man lebte durchschnittlich. Durchschnittlich, was Vergangenheit, durchschnittlich, was Gegenwart, und durchschnittlich, was Zukunftsperspektiven betraf. 550 Mal Zähneputzen, 2.500 Stunden Schlaf, 220 Arbeitstage, zehn Haarschnitte und 110 Mal durchschnittlichen Sex im Jahr – das Einzige, was nicht in einem Atemzug mit dieser farblosen Durchschnittlichkeit genannt werden kann, ist die Neigung der Mutter zu einer das übliche Maß deutlich übersteigenden körperlichen Aktivität.

Bens Mutter liebte das Schwimmen. Sie schwamm nicht schnell, aber technisch gut. Meistens tat sie es am Ostseestrand bei Warnemünde, wo man früher eigentlich immer hinging. In wirtschaftlich ergiebigeren Zeiten wurde die Ost- gegen die Nordsee getauscht, und schließlich setzte sie einen teuren Urlaub an der Adria durch. Und einmal fuhr die Familie sogar nach Spanien, wo die Mutter, die warmen Fluten wie ein Marlin durchkreuzend, prompt eine persönliche Bestleistung in fünfhundert Metern Meeresschwimmen aufstellte.

Von der Mutter zurück zum Sohn. Die Entwicklung zum Weltstar begann an der Ostsee, an einem trüben, wolkenverhangenen Augusttag. Es wehte eine steife ablandige Brise und das Meer schlug hohe Wellen, sodass an lustige Badestunden gar nicht zu denken war. Drinnen regierte der Missmut und man blies Trübsal, bis Mutter den Vorschlag machte, man könne doch Fahrräder mieten, Wind hin oder her. Die Kinder waren Feuer und Flamme, der damals achtjährige Ben glühte vor Aufregung, denn was gibt es Größeres für einen gesunden und lebensfrohen Jungen, als sich den Unbilden der Natur entgegenzuwerfen? Der mürrische Vater hatte bald ein Einsehen, was blieb ihm außer Essen und Biertrinken – was der frühen Morgenstunde wegen nicht infrage kam – auch anderes übrig?

Um die Ecke gab es einen Fahrradverleih. Die Räder waren nicht schlecht, der Verleiher uneigennützig. Der Mann gab die Räder für die Hälfte her, wohl ahnend, dass er mit dieser Familie die einzige Kundschaft des Tages bediente.

Seiʼs drum, die Fahrt begann und es dauerte nicht lange, da hingen sie wie aufgeblähte Segel im Wind, Vater und Mutter voraus, die Kinder hintendrein. Letzteren wurde es im Schlepptau der Eltern bald langweilig und was lag da näher, als ein Wettrennen zu veranstalten. Ein Sprint sollte es sein, bis zum Leuchtturm, der sich in der Ferne schemenhaft im Hochnebel zeigt. Die arme Schwester fiel bald zurück, doch Ben hielt lange mit, erst auf den letzten Metern musste er den älteren Bruder vorlassen. Tatsächlich ist fraglich, ob er es wirklich „musste“; Fakt ist, dass der große Bruder den Leuchtturm als Erster erreichte. Gleich am nächsten Tag fand wieder ein Wettbewerb statt: Der Sieger im Wettstreit um die Krone des schnellsten Inselumrunders musste ermittelt werden. Fünfzehn Kilometer waren das, davon die eine Hälfte gegen, die andere mit Seitenwind, was stets aufs Gleiche kommt. Man hat Mühe, die Spur zu halten, so oder so.

Zur Erklärung seines bescheidenen Resultats mag man dem Vater Lustlosigkeit unterstellen, mit etwas Wohlwollen war es kalkulierte Nachsicht den Jungen gegenüber; festzuhalten bleibt, dass der Vater bei Kilometer acht beinahe vom Rad fiel, sich fünfhundert Metern weiter völlig entkräftet auf einer feucht bemoosten Bank niederließ und wie ein Ackergaul die Nüstern blähend beleidigt aufs Meer starrte. Thilo und Ben klebten indes bis rund vier Kilometer vor dem Ziel Rad an Rad. Dann ließ der frustrierte Ältere, dem man im Moment der Niederlage leider keine große Geste zugutehalten kann, den stolzen Kleinen ziehen; aber das Erstaunliche ist, dass Ben es nicht einmal merkte, wie die Mitstreiter hinter ihm zurückblieben. Seine Beine traten wie von selbst im Rhythmus eines gut gewarteten Uhrwerks, der Atem ging ruhig und tief im Takt des surrenden Zahnrads. Mit leuchtenden Augen flog er dem Turm entgegen, der sich schnell aus dem trüben Dunst herausschälte.

Die Unterlegenen genossen bereits ihr Abendbrot, als Ben, dem man angesichts der eindrücklichen Ereignisse für die restliche Tagesplanung freie Hand gelassen hatte, mit noch immer leuchtenden Augen ins Zimmer trat.

Nicht selten kommt Bens Mutter noch heute auf diesen Moment zu sprechen. Nie wird sie das Feuer in den Augen ihres Jungen vergessen, die sonnenhelle Aura dieses Achtjährigen, der seine Bestimmung gefunden hatte. Ein neuer Stern war geboren.

3

Rennräder waren teuer. Die Eltern kauften ein gebrauchtes Tourenrad. Für den Jungen warʼs mehr als genug. In den Wochen nach dem denkwürdigen Urlaub fehlte eine Person im Haushalt. Die Mutter spricht vom verlorenen Sohn, mit Wehmut im Blick und Stolz in der Stimme. Sie hatte ihn ans Radfahren verloren, sagt sie, dann kommt die Anekdote, wie eines Tages, die Familie war bereits in den Westen gezogen, das Telefon klingelt und eine aufgeregte Stimme „Mama!“ schreit, „Mama, kannst du mich abholen, ich habe einen Platten!“ Aber Mama denkt nicht dran, selbst schuld, denkt sie, heute Mittag ist Einkaufen dran und dann Schwimmen und am Abend Freilufttheater im Schlosshof.

„Na, du wirst schon selber heimkommen“, sagt sie, „steig halt in den Bus.“

„Aber ich bin doch in Hinterzarten!“

Der Mutter gleitet der Hörer aus der Hand.

Hinterzarten!? Das ist mitten im Schwarzwald, hundertfünfzig Kilometer weit weg.

Sie glaubt, der Junge macht Witze, aber die Sache ist ernst. Sie wird den Sohn mit dem Auto abholen müssen, denn für die Zugfahrt reicht sein Geld nicht. Am Ende erbarmt sich der Vater und es setzt eine Ohrfeige und eine ordentliche Standpauke. Den Jungen rührt es kaum, denn in seinem Herzen brennt ein Feuer, heiß und unauslöschlich.

In diesen Tagen spüren Vater und Mutter erstmals Sorge um die schulische Entwicklung ihres Jungen. Der Junge glüht auf der Straße und sonst nirgendwo, sein Feuer brennt im Wind, es brennt am Berg, und Kilometer sind der Zunder. Abseits des Sports ist für Ben abseits des Lebens, so scheint es ihnen, woraufhin sie einen Entschluss fassen. Die Leidenschaft ihres Sohnes muss gebändigt, in rechte Bahnen gelenkt werden. Die Eltern als Feuerwehr im Kampf gegen die Ausbreitung eines Flächenbrands. Gute Noten gegen eine Anmeldung im Radsportclub, so lautete der Vertrag, der dieser Tage zwischen Eltern und Sohn geschlossen wurde. Eingehalten wurde er indes nicht lange, wobei es bis heute unmöglich bleibt zu bestimmen, wann und auf welche Weise die Vereinbarung gebrochen wurde. Sicher ist indes, dass nun eine dritte Partei auf den Plan trat. Und diese sollte alles entscheiden.

4

Den ersten Sieg errang Ben, neunjährig, unter lauter Elf- und Zwölfjährigen, es waren fünfmal drei Kilometer mit dreihundert Metern Steigung nach jeweils tausend Metern zu bewältigen. An der letzten Steigung hatte der Junge die Älteren abgehängt, die letzten Kilometer legte er im Stil eines Zeitfahrers zurück. Vater und Mutter standen jubelnd am Zielstrich, verflogen waren Skepsis und Unwille, vergessen der Streit und die Tränen. Zwei Jugendtrainer wollten weinen vor Freude, als sie den Jungen ins Ziel jagen sahen. Wer war dieser Kerl mit dem flüssigen, runden Tritt, der offenbar auch sprinten konnte und noch dazu in vorbildlicher Rennfahrerhaltung auf einem zweitklassigen Rad saß? Man fragte nach dem Namen des Kollegen, der diesen Jungen betreute; denn dies war zweifelsohne das Werk eines Profis. Aber wie es dem Burschen gelang, sich in höchster Konzentration bedingungslos entschlossen dem Ziel entgegenzuwerfen, war ihnen völlig schleierhaft. So etwas konnte man nicht trainieren. Und so wussten sie, dass sie Zeugen von etwas ganz Besonderem geworden waren: von der Manifestation des reinen Willens, eines starken, alles beherrschenden, schopenhauerschen Willens.

Ganze Trainerdynastien wurden von nun an zu Dauergästen im Hause Abraham. Der Tag bekam ein eisernes Korsett, morgens Schule, Hausaufgaben, dann Radfahren, zum Schluss Krafttraining und Regeneration. Ein konsequenter und behutsamer, gut durchdachter Aufbau – dies war die Devise, an die man glaubte wie an die Heilige Römische Kirche. Ben war ungeduldig, aber fügsam, und vor allem fleißig. Er verlor nur ganz selten, und wenn es doch geschah, dann unter Zornestränen; aber Ben stand wieder auf, biss auf die Zähne, er stemmte Gewichte, quälte Ergometer, nahm Vitamine ein (es hieß, das sei gut für ihn), trug Salben und Cremes auf, wenn das Gesäß einmal wund wurde oder ein Zeh sich abgerieben hatte und – siegte weiter. Seine Leistungsdaten waren außergewöhnlich. Der Ruhepuls war niedrig wie der eines großen Tieres, bald würde er unter fünfundvierzig Schläge pro Minute sinken. Bluttests ergaben konstant hohe Hämoglobin- und Erythrozytenwerte, alle über dem Grenzwert, was für Diskussionsstoff unter Experten sorgte und nicht selten zu offenem Argwohn Anlass gab.

Warum er so häufig Blut abgeben müsse, hatte Ben einmal gefragt, als er mit fünfzehn erstmals bei nationalen Meisterschaften antreten sollte. Routine, alles nur Routine, lautete die Antwort, und zum Teil stimmte das ja auch. Das Blut wurde auf verbotene Substanzen untersucht, über die Details ließ man Ben im Unklaren. Es verstrichen Monate intensiven Testens und Beobachtens, bis man zu dem Schluss kam, dass hier tatsächlich eine genetische Disposition für erhöhte Hämoglobinwerte vorlag. Bei der Präsentation von Bens Ergebnissen vor Trainern und Sportfunktionären des Radsport-Landesverbandes sah man viel Kopfschütteln und hörte ungläubiges Raunen. Fragen über Fragen prasselten auf den Referenten ein, doch an der Analyse gab es nichts zu rütteln. Ben war ein Jahrhunderttalent, ein sportliches Juwel, Offenbarung und Verpflichtung zugleich für jeden Radsportmenschen. Binnen kürzester Zeit war jeder ob der zukünftigen Größe des Jungstars berauscht und freudetrunken bis zur Rührseligkeit. Der 25. November 2003 war ein Tag für die Geschichtsbücher. Aber Ben wusste von alledem noch nichts.

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Drei Jahre später gewann Ben, neunzehnjährig, die Straßenweltmeisterschaft und den Gesamtweltcup der Amateure. Er erhielt seinen ersten Profivertrag. Es folgten ein zweiter Platz bei der deutschen Meisterschaft im Zeitfahren und weitere Auftritte auf internationaler Bühne. Seine Leistungsdaten prädestinierten ihn für längere Rundfahrten, aber auch Eintagesrennen, bei denen er mit guten Sprintern mithalten konnte. Bei den Zeitfahrweltmeisterschaften belegte er den dritten Platz hinter Juan Antonio Gonzales und Guido Bellini, die zu den weltweit stärksten Zeitfahrern zählten, und sicherte sich damit Anerkennung weit über Deutschlands Grenzen hinaus.

Bei seinem Debüt bei der Tour de France im Jahr 2007 wurde er auf Anhieb bester Jungprofi. Insgesamt erreichte er Rang zehn mit dreizehn Minuten Rückstand auf den Gesamtsieger und sechs Minuten auf seinen Teamkollegen Lasse Mickelgren, der Vierter wurde und in Bens Team auf Position Eins fuhr. Es kam die Zeit der großen Fernsehauftritte; Ben war in den Augen der Öffentlichkeit endgültig zum Hoffnungsträger für den Gewinn großer Rundfahrten aufgestiegen. Ob die plötzliche Popularität seine Einstellung zum Sport veränderte, seine Lebensführung abseits der Berge und steilen Abfahrten beeinflusste? Es lässt sich kaum sagen, denn Ben war kein Mensch fürs Rampenlicht. Nachdem die ersten euphorischen Hymnen verklungen waren, gab er sich stets scheu und wortkarg. Es war offensichtlich, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte. Dabei beantwortete er die vielen Fragen ebenso brav wie inhaltsleer, was sollte man von einem Zwanzigjährigen auch anderes erwarten? Was soll man auch sagen, wenn einer zum zigsten Male wissen will, warum es heute, nach vier Stunden Tortur im Wind, auf den letzten Kilometern nicht „gereicht“ hat? Na, da war der Akku eben leer, die anderen hatten am Schluss halt mehr drauf. Wie immer folgte die Frage nach der Teamtaktik.

Auch dazu fiel Ben nichts Aufregendes ein. Er tat einfach, was ihm gesagt wurde. Er fuhr nach Plan, aber er machte den Plan nicht, das war nicht seine Aufgabe. Es galt, auf die Beine von Lasse Mickelgren zu achten und die Sprints für Arne Paulsen anzuziehen. Im Übrigen tat er dies so gut wie niemand sonst.

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2008 gewann Ben zwei Etappen bei der Tour de France, darunter ein langes Zeitfahren. Er wurde Zweiter der Gesamtwertung, hinter Mickelgren. Das beste Ergebnis eines Deutschen in der Geschichte der Tour. Eine Sensation, die Begeisterung war grenzenlos. Es war perfekt, oder sagen wir, fast perfekt: Ein letztes Wölkchen trübte den Himmel über der deutschen Sportseele: der Gesamtsieg. Der fehlte eben noch.

An den Stammtischen und im Kreise der Sportjournalisten erregten die Fähigkeiten unseres Jungen, der quasi über Nacht zum Adoptivsohn eines ganzen Landes aufgestiegen war, die Gemüter. Was war das doch für ein Teufelsbraten: zieht seinen Boss über die höchsten Berge und gewinnt das schwere Zeitfahren trotzdem. Der Rückstand auf Mickelgren betrug am Ende gerade einmal hundert Sekunden. Ein Windhauch war das, noch Wochen nach dem Ereignis wehte er süß durch die deutschen Gassen, er wehte auch dann noch, als der Dritte der Tour, ein Italiener aus den Abruzzen, bei der Vuelta wegen Dopingverdachts aus dem Rennen genommen wurde. Man hatte überhöhte Testosteronwerte festgestellt, worauf eine zweijährige Wettkampfsperre drohte. Auf diesen Vorfall angesprochen erwiderte Ben, dass er mit Doping nichts zu tun habe, dass er Sportbetrug schäbig und unfair fände, und sprach dem Volke damit aus der Seele. Für die Öffentlichkeit war die Sache erledigt.

Tatsächlich hat es sich aber ganz anders zugetragen. Ein Rückblick.

7

Sachgerecht durchgeführtes Blutdoping führt zu einem Leistungszuwachs von mindestens fünf Prozent. Auf einer Strecke von 3.500 Kilometern (das entspricht in etwa der Länge der Tour de France) wird ein gedopter Fahrer gegenüber einem nicht gedopten einen Vorsprung von 175 Kilometern herausfahren, also fast eine Etappenlänge. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 39 km/h macht dies über alle Etappen gerechnet einen Vorteil von knapp viereinhalb Stunden. All dies bei sehr konservativer Schätzung.

Als man Ben die Einnahme leistungsfördernder Mittel zum ersten Mal antrug, wusste er über die Details nicht Bescheid. Er musste sie auch nicht wissen, denn das Gefühl, das die Unausweichlichkeit einer Niederlage gegen jene, die nachhalfen, in ihm hervorrief, wirkte jenseits von Fakten. Ben spürte, dass sein Verzicht auf leistungsfördernde Mittel in eine Kette von Niederlagen münden würde; er hatte es am eigenen Leibe erfahren. Er, der einst so viele Rennen mit fliegenden Fahnen gewonnen hatte, er, der Mann mit dem phänomenalen Antritt am Berg, er, dessen Leistungsdaten Ärzten und Trainern Freudentränen in die Augen getrieben hatte, der immer dieses eine Prozent mehr draufhatte als alle anderen, ja, er spürte nun mit jeder Faser seines durchtrainierten Leibes, dass das Siegen nur kalte Arithmetik war. Das eine Prozent natürlicher Überlegenheit seines gesegneten Körpers stand den fünf, zehn, fünfzehn Prozent biochemischer Möglichkeiten entgegen. Fünf minus eins, eins minus fünf, wie man es auch dreht, der Betrag ist immer vier, und er ist immer negativ. Ebenso gut hätte Ben mit gebrochenen Füßen an den Start gehen können, ohne Königin gegen einen Schachgroßmeister gewinnen wollen. Fünf minus eins, eins minus fünf, so lautete das Kräfteverhältnis der nordamerikanischen Indianer, die mit Pfeil und Bogen und Streitaxt bewaffnet im Kugelhagel der weißen Armeen bluteten. Fünf minus eins, eins minus fünf, so riefen die Trommeln der afrikanischen Stämme zum Krieg gegen die europäischen Usurpatoren, fünf minus eins, das ewige Verhältnis von Sieger und Besiegtem und gnadenlose Wahrheit, der auch Ben sich fügen musste; an jenem denkwürdigen dritten Juni nämlich, bei diesem gottverdammten Anstieg zum Nufenenpass in den Schweizer Alpen. Dort durchschritt er sein Inferno, dort durchmaß er sein Leiden, sein Körper und er allein gegen den Berg, diesen verfluchten Berg. Und im Moment der größten Entäußerung fällte das grausame Schicksal sein Urteil. Es gab Weisung, das Fallbeil über dem Hals des Helden zu lösen.

Er spürte das scharfe Eisen in seinem Nacken in dem Moment, als die Dreiergruppe zu ihm aufschloss. Sein Bewusstsein blitzte ein letztes Mal auf und Ben sah ein helles Licht, dann löste sich der Kopf vom Rumpf und sein Leben erlosch in einem schwarzen Punkt. Siegfried spürte den blanken Stahl in seine Schulter dringen, und von nun an würde er ihn wieder und wieder spüren, an allen Gliedern seines Körpers, und immer aufs Neue würde er ihn sterben müssen, diesen furchtbar einsamen Tod ohne Hoffnung und ohne Liebe, einen Tod ohne Verheißung auf ein neues Leben im Radfahrerolymp. An diesem Tag erreichte Ben das Ziel als Achter mit drei Minuten und fünfunddreißig Sekunden Rückstand. Drei Minuten fünfunddreißig Sekunden, das ist eine Welt für einen, der auf der Erde steht und zu den Sternen will. Drei Minuten fünfunddreißig Sekunden, das ist der Unterschied zwischen Wachen und Träumen, Hoffen und Wissen, Leben und Sterben. In jenen bitteren Stunden der Niederlage begriff er, dass etwas Unausweichliches, etwas Endgültiges geschehen war, aus seinen Tränen schimmerte etwas hervor, das den hässlich derben Geschmack des Unumkehrbaren in sich trug; die raue Erkenntnis der Sterblichkeit brannte wie Feuer in seinem Herzen und der Schmerz dieser elenden Niederlage riss seine Seele entzwei.

Er schleppte sich durch zwei trübsinnige Wochen, dann aber spürte er in seinem Inneren eine Regung, etwas Lebendiges, Hoffnungsvolles stieg aus seinem Herzen empor. Es war eine Regung des Widerstands und des Mutes eines Geschlagenen, der sich nicht ergeben will, weil er zum Kämpfen geboren ist und eher auf dem Schlachtfeld fallen will, als sich dem Kummer und der selbstmitleidigen Trostlosigkeit eines altersschwachen Todes im heimischen Bette anheimzugeben. Ben lehnte sich gegen das scheinbar unvermeidliche Schicksal auf. Niemals, niemals würde er aufgeben, nein, er würde kämpfen, härter trainieren als je zuvor, noch mehr aus seinem Körper herausholen, koste es, was es wolle und – der Gedanke kam ihm fast nebenbei – vielleicht wäre es gut, einmal mit den Ärzten zu reden. Ja, das wäre sicher gut, mal sehen, was die dazu sagten.

8

Ben hatte das Rennen nicht fortgesetzt. Wegen einer Erkältung, lautete die offizielle Erklärung. Tatsächlich verbrachte Ben den Tag abseits der Rennstrecke in träumerischer Schwelgerei von Ruhm und Ehre. Wo er sich den ganzen Tag herumgetrieben hatte, wollte er aber nicht sagen, was ihm harsche Kritik des Teamleiters und den Vorwurf der Disziplinlosigkeit einbrachte, darüber hinaus aber, wohl infolge seiner Ausnahmestellung im Team, keine weiteren Konsequenzen nach sich zog. Zum Abendessen kam er wieder, aber niemand wollte mit ihm sprechen – was hätte man auch sagen sollen? Nach dem Essen bat der Teamleiter um eine Unterredung. Hinzu kamen der leitende Teamarzt und seine zwei Stellvertreter. Ben setzte sich auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch im Besprechungszimmer. Gegenüber hatten die vier Männer Platz genommen. Es war ein Tribunal, ganz offensichtlich. Versteinerte Mienen im Wettstreit, wer wohl das ernsteste Gesicht aufsetzen, die schärfste Zermürbung, die tiefste Bitterkeit ausstrahlen konnte. Ben saß mit hängenden Schultern da und schien das alles kaum zu bemerken. Wenn er überhaupt mit etwas rechnete, dann allenfalls mit einer schärferen Wiederholung des Vorwurfs, den er bereits kannte. Er hatte sich ohne Abmeldung aus dem Rennen gestohlen. Das tut man nicht, es widerspricht dem Ehrencodex der Fahrer, es vergiftet den Teamgeist usw. usw. Mit diesem Zeug würden sie ihm kommen, und da Ben das Unrecht ja einsah, langweilte er sich in Erwartung der neuerlichen Zurechtweisung schon. Und mit der Langeweile erloschen die lebensfrohen Gedanken, die ihn gestern aus höchster Not vom Unerträglichen ins Lebenswerte zurückgeführt hatten, und die hoffnungsvollen Vorsätze, die er noch in derselben Nacht gefasst hatte. Es war alles wieder beim Alten und der Gedanke, dieses verhexte Rennen wieder aufzunehmen, war ihm ganz zuwider.

„Ben, wir haben da was für dich.“

Der Angesprochene hob den Kopf und sah seinen Teamchef aus verlorenen Augen an. „Bin ich jetzt entlassen?“

„Nein“, lächelte der milde und fügte mit väterlicher Fürsorge hinzu: „Ben, mein Junge, wir haben uns lange gefragt, wie das eigentlich möglich war …“

„Wie was möglich war“, dachte Ben und bekam prompt die Antwort: „… dass du so verdammt lange mithalten konntest. Und was noch viel erstaunlicher ist: Du konntest sogar Rennen gewinnen …“

Ben öffnete den Mund, aber der Teamleiter kam ihm zuvor: „Nein, sag jetzt nichts. Hör einfach nur zu. Du hast verdammt lange mitgehalten. Du hast sogar gegen Leute gewonnen, gegen die du eigentlich gar nicht hättest gewinnen können! Du bist verdammt begabt, mein Junge, aber gestern hast du verloren, weil du an eine Grenze gestoßen bist, die selbst dein begnadeter Körper nicht zu überschreiten vermag ... wenn, ja wenn man ihn bei diesem Schritt nicht angemessen unterstützt ...“

Da dämmerte es Ben, worauf sein Trainer hinauswollte. Von Rauswurf konnte gar keine Rede sein und auch nicht von disziplinarischen Maßnahmen. Es würde keine Litanei über Disziplin und Ehre und Mannschaftsgeist geben, nein, diese Männer waren gekommen, um ihm zu helfen, und Ben empfand ein warmes Gefühl der Zugehörigkeit und tiefe Dankbarkeit.

Seine Augen blitzten erwartungsvoll.

„Du verstehst?“, fragte Waitz. „Natürlich verstehst du. Die Kerle, die dich gestern haben stehen lassen, die fahren doch nicht auf Nudeln und Brot und Leitungswasser, und die zwanzig hinter dir auch nicht. Die helfen alle nach, und weil sie es tun, haben sie viel mehr, als eigentlich geht, und du, mein Junge, kommst dagegen nicht mehr an.“

Der Trainer sah den Chefmediziner Dr. Liebermann vielsagend an. Der nickte. „Was wir dir anbieten, Ben, sind die Prozente mehr, die auch die anderen haben – auf diese Weise stellen wir den naturgegebenen Abstand wieder her. Ich bin sicher, dass du diesen Berg unter optimalen Bedingungen vier Minuten schneller hochfahren kannst, als du es gestern getan hast. Mit vierzig Watt mehr in den Beinen steckst du sie alle in den Sack, das garantiere ich. Tu, was wir dir sagen, und du wirst sehen, was aus dir noch wird. In drei Jahren fährst du die Tour, und wenn du recht bei der Sache bleibst, wirst du sie eines Tages auch gewinnen!“

9

Und genau so kam es. Am 24. Juli 2009 fuhr Ben in Gelb nach Paris. Der erste deutsche Toursieger! Es war ein rauschendes Fest, viel schöner noch, als Ben es sich je vorgestellt hatte. Auf den Champs-Élysées jubelten Tausende, sie waren gekommen, um ihn zu sehen, den neuen Imperator des Radsports, und vor ihm, dem Sohn des kleinen Handwerkers und der Hausfrau aus Ostdeutschland, neigten sie die Häupter und beugten die Knie. Das Fahrrad war sein Streitross, der Helm sein Lorbeerkranz. Heil dem Cäsar, heil dem Herrscher der Welt, heil der süßen Wonne dieses unvergleichlichen Augenblicks. Welch Labsal war dies nach den Wochen des Leids und der Entbehrung!

Drei Etappen hatte Ben gewonnen: das Zeitfahren, eine Pyrenäenetappe und die Königsetappe nach Alpe dʼHuez. Seinen ärgsten Widersachern hatte er widerstanden, Zeitverluste stets in Grenzen gehalten. Neun Minuten Vorsprung waren es am Ende, es war eine Welt, in der er nun König war, und die Sportgazetten in aller Welt huldigten dem neuen König, dem großen gelben König.

In der Folge tingelte Ben durch unzählige Fernsehshows und Nachrichtensendungen. Seine Popularität erreichte einen Höhepunkt und im Kielwasser dieses Erfolges erlebte Deutschland einen Radsportboom von nie gekanntem Ausmaß.

Im ganzen Land sprossen Vereine und Radsportzirkel wie die Frühlingsblumen hervor, Fahrradhändler verdienten sich goldene Nasen. Ben war ein Popstar. Jeder Junge wollte sein wie Ben Abraham, jedes Mädchen ihn heiraten, selbst die Krankenhäuser hatten Hochkonjunktur: Die Zahl der Fahrradunfälle verdreifachte sich.

Das Management von Team Germatel reorganisierte sich. Eine Reihe finanzstarker Investoren, darunter zwei daxnotierte Großkonzerne, stiegen ein. Die Zugkraft der Marke Abraham war unwiderstehlich geworden. Das Team ging auf Einkaufstour, man konnte es sich leisten. Neue leistungsstarke Fahrer kamen hinzu, und alle bedienten die Bedürfnisse des neuen Königs. Welche Bedürfnisse? Das lässt sich schwer sagen, denn Ben hatte kaum Schwächen, allenfalls leichte Leistungsschwankungen in den Bergen. Also verpflichtete man zwei starke Bergfahrer, die ihren Boss die Berge hinaufziehen, und zwei weitere, die man zur Kontrolle von Ausreißern mitfahren lassen wollte. Die Stimmung im Team war gut, jeder wusste um seine Stellung und seine Aufgabe.

Auch unterhalb der Managementebene gab es Veränderungen. Die Zusammenarbeit mit drei Ärzten wurde intensiviert, und die bislang eher seltenen Kontakte zu ausländischen Ärzten und Sportfunktionären wurden ausgebaut. Der Teamchef unterhielt Beziehungen zu den Hauptakteuren der höchsten Radsportgremien; solche Kontakte hatten übrigens alle, die oben mitmischen wollten.

Ben fuhr einmal pro Woche nach Heidelberg, zur Ermittlung von Leistungsdaten, wie es offiziell hieß. Weitere Tests wurden im Sechswochenturnus in Rom und in Sevilla vorgenommen. Bens Teamkollegen verfuhren in ähnlicher Weise; nur ab und zu konnte man es sich leisten, berufliche Reisen in den sonnigen Süden mit einem Urlaub zu verknüpfen, zumal die Mannschaftsleitung längere Aufenthalte der Fahrer in unkontrolliertem Gelände missbilligte. Man sah es nicht gern, wenn die Fahrer aus dem Blickfeld gerieten. Junge Männer neigen bekanntlich zu Übertreibungen, wenn man sie an der langen Leine lässt. Also bestand man auf ständiger Erreichbarkeit; kontaktfreie Zeiten von mehr als 24 Stunden bedurften besonderer Vereinbarungen, waren also nur in Ausnahmefällen erlaubt und führten, ohne rechtzeitige Rückmeldung beim Teamchef, zu erheblichen disziplinarischen Maßnahmen, wozu auch hohe Geldstrafen zählten. Mehr als das Geld schmerzte die Fahrer übrigens die Ächtung im Team. Wollte man ein Exempel statuieren, so tat man es wirkungsvoll.