Gelogenes Leben Meine Nächte mit ihm. - Ian Wolf - E-Book

Gelogenes Leben Meine Nächte mit ihm. E-Book

Ian Wolf

0,0
2,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Immer noch Sommer in Brandenburg. Schwül wie ein Verbrechen. Er stiehlt mir die Lust, er ermordet meine Laune, er legt feuchten Film auf meine Haut. Er erstickt mich im eigenen Sud.

Meine Nächte mit ihm (Nur sie.) erscheint in der Serie Gelogenes Leben mit der jungen Mordermittlerin Mia als Ich-Erzählerin. Dieser Einzelband verzichtet auf den Prolog der Gesamtausgabe und ermöglicht den Leserinnen und Lesern einen moderaten Einstieg in den Psychothriller. Die Spannung steigt konsequent bis zum finalen Aufeinandertreffen mit dem Serienkiller. Hoch emotional bis zum Ende.

Dreizehn Tage im Spätsommer 2008.
Gleich am zweiten Tag ihrer Einsetzung im neuen Kommissariat wird die vierunddreißigjährige Mia in die Ermittlungen zu einem Fall von Missbrauch und Mord einbezogen, aus denen sie sich am liebsten heraushalten würde.
Als am Tatort einer Brandstiftung Indizien gefunden werden, die Mia zur Verdächtigen qualifizieren, hat der Chef der Mordkommission hat keine andere Wahl, als ihr einen langen Urlaub zu empfehlen. Der Alleingang ist vorprogrammiert.

Zu dieser Geschichte gibt es einen weiteren Einzelband, in der die dreizehn Tage aus Sicht des männlichen Gegenspielers mit detaillierterem Finale geschildert werden, unter dem Titel: Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr

und als Gesamtausgabe mit taggleichem Kapitelmix:
Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr. Meine Nächte mit ihm.

Die Serie wird in die Reihe Einzelkämpfer eingegliedert.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Gelogenes Leben

Über das Buch

Freitag, 12. September 2008

Samstag, 13. September 2008

Sonntag, 14. September 2008

Montag, 15. September 2008

Dienstag, 16. September 2008

Mittwoch, 17. September 2008

Donnerstag, 18. September 2008

Freitag, 19. September 2008

Samstag, 20. September 2008

Sonntag, 21. September 2008

Montag, 22. September 2008

Dienstag, 23. September 2008

Mittwoch, 24. September 2008

Ende November 2008

Keine Lobhudelei

Über den Autor

Impressum

Gelogenes Leben

Meine Nächte mit ihm.

Roman

von Ian Wolf

Psychothriller

In der Reihe Einzelkämpfer

Über das Buch

Immer noch Sommer in Brandenburg. Schwül wie ein Verbrechen. Er stiehlt mir die Lust, er ermordet meine Laune, er legt feuchten Film auf meine Haut. Er erstickt mich im eigenen Sud.

Dreizehn Tage im Spätsommer 2008.

Gleich am zweiten Tag ihrer Einsetzung im neuen Kommissariat wird die vierunddreißigjährige Mia in die Ermittlungen zu einem Fall von Missbrauch und Mord einbezogen, aus denen sie sich am liebsten heraushalten würde.

Sie lernt die junge Rechtsmedizinerin Diana Dank kennen, die ihr jüngeres Selbst sein könnte. Mia zweifelt, ob sie die Freundschaft von Diana annehmen kann, aber sie braucht ihre Hilfe. Denn inzwischen mischt Mia sich weit über ihre Kompetenzen hinaus in die Mordermittlungen des zuständigen Teams ein. Nicht als karrieresüchtige Streberin, sondern, um Erkenntnisse, die in ihre Vergangenheit führen, für sich zu behalten.

Als am Tatort einer Brandstiftung Indizien gefunden werden, die Mia zur Mordverdächtigen qualifizieren, hat der Chef der Mordkommission keine andere Wahl, als ihr einen langen Urlaub zu empfehlen. Der Alleingang ist vorprogrammiert.

Zu dieser Geschichte wird ein weiterer Einzelband veröffentlicht, in der die dreizehn Tage aus Sicht des männlichen Gegenspielers geschildert werden, unter dem Titel:

Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr

und als Gesamtausgabe mit taggleichem Kapitelmix:

Gelogenes Leben – Meine Tage mit ihr. Meine Nächte mit ihm.

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Real existierende Orte sind an die Bedürfnisse des Romans angepasst.

Für Inhalte verlinkter Webseiten Dritter oder die Aktualität verwendeter Rufnummern wird keine Haftung übernommen.

Dieses Buch, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Zustimmung des Autors nicht zu kommerziellen Zwecken vervielfältigt werden.

Gelogenes Leben

- Einzelausgabe -

Meine Nächte mit ihm.

Psychothriller

von Ian Wolf

In der Reihe Einzelkämpfer

Für M.

Freitag, 12. September 2008

Immer noch Sommer in Brandenburg. Schwül wie ein Verbrechen. Er stiehlt mir die Lust, er ermordet meine Laune, er legt feuchten Film auf meine Haut. Er erstickt mich im eigenen Sud.

Samstag, 13. September 2008

Der Wald hält still am Abend. Sogar am Rand von Potsdam, in diesem gezähmten Stadtforst, ist mir unheimlich. Das freundliche Wesen der Natur taucht mit dem Sonnenuntergang ins Moos. Als duckte der Wald sich vor der Nacht. Kein Ort für eine Frau wie mich. Noch nicht und vielleicht nie wieder.

Bei Tag prägten sich Bilder ein von Vögeln im lichtgesprenkelten Blattwerk, turnenden Eichhörnchen in den Ästen und goldglitzernden Ameisenhaufen aus duftenden Kiefernnadeln und Grashalmen zwischen den Stämmen.

Jetzt, in der späten Dämmerung, wälzt sich ein dunkler, alles betäubender Gestank von Tierausscheidungen durch die Baumschluchten. So penetrant und körperlich, als habe er sich beim Eindringen in den Wald an meine Schuhsohlen gekrallt und würde daran herumgetragen.

Das Klopfen der Buntspechte fehlt mir, das Knistern herabfallender Rindenstücke, der Lärm der anderen Waldbesucher und das ferne Rauschen vorbeizischender Autos auf der Straße, das der Wind bei Tag zwischen die Bäume streut.

Umso lauter höre ich mein eigenes Keuchen, das Auftreffen der Laufschuhe auf dem federnden Boden, den Herzschlag in meinen Ohren, und sogar das Vorbeistreichen der Luft an den engen Ärmeln meines Sportshirts verursacht ein scharfes Geräusch. Ein Echo meines Körpers, das ebenso gut zu jemand anderem gehören könnte. Jemandem hinter mir, den ich nicht sehe.

Ich atme Angst aus und der Wald wirft sie zurück. Ein Déjà-vu, mit dem ich nicht gerechnet habe und das ich nicht gebrauchen kann. Erst recht nicht zu diesem Zeitpunkt. Ich bin noch nicht so weit. Noch lange nicht.

Sonntag, 14. September 2008

Sonn-tag-mor-gen. Sonn-tag-mor-gen. Die Tonsilben zittern wie Glockengeläut aus der Wohnung über uns durch die Decke und schleifen schmerzhafte Spuren in mein Ohr. Pour Elise. Ich erkenne es, obwohl im falschen Tempo gespielt und jeder zweite Ton eine Klaviertaste zu weit links oder rechts angeschlagen wird. Eins der Nachbarskinder ist offenbar vor seinen Eltern wach. Ich vermute, es ist Lilly, vier Jahre alt und trotzdem Jahrhunderte älter als Felix und Benny. Das barocke Zeitalter hätte gut zu ihr gepasst. Warum sonst traktiert sie das Instrument, wenn die Dachziegel gegenüber noch dämmerungsgrau statt sonnenrot sind?

Mit der taufrischen Kühle nach dem nächtlichen Regen wird der Geruch von geschnittenem Gras durchs offene Fenster in mein Aufwachen geschleust. Die meisten Leute denken wahrscheinlich am Sonntagmorgen, es ist massig Zeit. Ich dagegen habe schon seit gestern Abend das Gefühl, in Eile zu sein. Womit fange ich bloß an, um die kostbare Freizeit nicht zu verschwenden? Nur noch ein Tag. Nicht mal mehr! Einen Teil davon habe ich gerade verschlafen. Ich habe das drängende Bedürfnis, sofort aufzustehen, um den morgigen Start in meine erste Arbeitswoche des Monats mit einem Grundstock an positiver Energie abzupolstern. Das warme Gewicht meiner Bettdecke fesselt mich an die Matratze. Kein optimistischer Start, wenn Federn mich so entkräften können. Wie spät ist es eigentlich?

Ich spähe über Manfreds leere Betthälfte nach dem Wecker, da wird die Tür aufgeschoben.

»Guten Morgen, Mama.« Benny spielt mit geschlossenen Augen und Trippelschritten Schlafwandler. Hinter ihm genießt Felix auf Papas Armen den exklusiven Elterntransportservice. Seine Füße fühlen sich immer noch warm an, als er sich unter der Decke zwischen Manne und mir Platz verschafft. Bennys Arm schlingt sich von hinten als fester Schal um meine Schulter.

Kuscheln zu viert. Das ist der perfekte Start für alles Mögliche. Aufstehen ist auf meiner Liste der Dringlichkeiten weit nach unten gerückt. Und Ton für Ton findet Lilly über uns die richtigen Tasten.

*

»Guten Morgen, Familie. Es ist Sonntag, wie er wahrer nicht sein könnte. Lasst uns was Schönes unternehmen«, proklamiert Manne beim Aufdecken der Frühstücksbrettchen.

Prima Gelegenheit, die Fahrräder aus dem Keller zu holen und bei einer Tour durch die Umgebung auszulüften, denke ich. »Radfahren zum Beispiel«, sage ich. Ich müsste mich nicht mal umziehen, weil ich das ärmellose T-Shirt und die Jeansshorts schon anhabe.

»Wir könnten zu Meggie und Wolfgang fahren«, schlägt Manfred vor. Er räumt Gläser aus dem Schrank auf die Arbeitsplatte, von wo die Kinder sie abholen und zum Tisch tragen.

Na klar, denke ich, weil wir dann mit dem Auto unterwegs sind. Bei Fahrten zwischen seinen Eltern und uns erweist sich immer der Kofferraum als notwendig. Etwas tropft mir auf die Füße, als ich die Folienpackungen mit dem Wurstaufschnitt aus dem Kühlschrank nehme. Ich zwinge mich, nicht hinzuschauen. Es ist bloß abgetautes Wasser, sage ich mir, mehr nicht. Tropf! Es gibt andere Flüssigkeiten, die derart träge auf meinen Füßen gelandet sind. Nicht dran denken!

»Nö, bei Oma und Opa waren wir vor zwei Tagen«, sagt Benny.

»Genau«, lehnt auch Felix ab. Die beiden Jungs sind nach der morgendlichen Kuscheleinheit wahrscheinlich gerade wach genug, um zu wissen, was sie nicht wollen. Benny richtet die Messer neben den Frühstücksbrettchen aus, Felix korrigiert die Position anhand der Tischkante. Bei der letzten Radtour war Felix mächtig stolz, auf die Stützräder verzichten zu können.

»Ich will zum Baden fahren«, ruft er feierlich und beschert meiner Ausflugsidee nachträglich einen brennenden Geschmack auf der Zunge.

»Ach! Muss das sein? Es ist viel zu heiß in der Sonne«, wende ich ein. Natürlich ist es dann erst recht zu heiß zum Radfahren, merke ich, aber vielleicht merkt es ja kein anderer.

»Dann suchen wir uns einen Platz im Schatten.« Manfred singt fast vor guter Laune. Er bückt sich mit einem Lappen in der Hand nach den Spuren, die ich durchsichtig und glänzend vom Kühlschrank zum Tisch getropft habe. Nur Wasser, vielleicht salzige Lauge von der Wurst. Farblos. Harmlos.

»Dafür hättet ihr nicht bis um zehn Uhr in den Betten bleiben dürfen«, ignoriere ich meine Mittäterschaft bei der Verspätung. »Die schattigen Badeplätze innerhalb der Stadt sind seit einer Stunde besetzt«, sage ich. Verflucht! Warum will alle Welt zum Wasser, wenn es draußen warm wird? Durch den Wind zu toben, ist doch auch schön.

»Ooch, ich will aber. In diesem Jahr machen wir Seepferdchen. Ich will nicht wie ein Baby Letzter sein. Ich kann üben dafür.« Felix droht die Sonntagslaune zu verlieren. Der kleine Wunschmeister dreht den Apfel in seiner Hand, als wäre er für Schneewittchen bestimmt.

»Wir könnten irgendwo anders hinfahren«, sagt Manfred. »Es gibt genug Seen im Umland, die wir nicht kennen. Vielleicht ist ein gemütlicher Geheimtipp dabei. «

»Manne, das Wort ist ein Widerspruch in sich. Wenn du einen Tipp kriegst, ist es nicht mehr geheim.«

Er übergeht die Spitze und sagt stattdessen: »Dann nehmen wir aber das Auto.« Er angelt nach dem Toast.

»Warum?«, versuche ich gedanklichen Abstand zwischen mich und ein unbekanntes Gewässer zu bringen. »Im gemächlichen Fahren sieht man viel mehr.«

»Ach so, ich dachte, wir wollten im Seewasser baden und nicht im eigenen Schweiß. Und außerdem sind wir ja nicht gerade schnell im Fahrtwind unterwegs, wenn wir zu viert mit ... «

Rechtzeitig fängt er meinen warnenden Blick auf.

»Du meinst, wenn wir nicht wissen, wohin der Weg führt«, sage ich. »Von mir aus, dann nehmen wir das Auto. Gib mir mal die Milch rüber, bitte.«

»Wir suchen uns ein geheimnisvolles Ufer. Das klingt aufregend.«

Oh ja, aber nicht auf die angenehme Art.

*

Der See ist definitiv hin geschwitzt. Seine Ufer zerlaufen an den Rändern meines Blickfeldes in flimmernder Aura. Zu blasse Farben und tropfnasse Atmosphäre veranstalten brüllenden Hintergrundlärm in meinen Kopf. Die Liegewiese zwischen Wald und Wasser giert nach Schatten und dehnt sich bis unter die Bäume an den Parkbuchten.

»Mama, dürfen wir auf die Wasserrutsche?«, fragt Felix, kaum dass er seinen Rucksack abgeworfen hat.

»Schau, Papa, da gibt es ein Sprungbrett«, stößt Benny Manfred an.

»Halt, Agenten! Zuerst muss das Versteck der Tischtennisplatten gefunden werden. Guckt euch um, ob der Kiosk geöffnet hat«, sagt Manfred. »Ihr erhaltet dazu einen enorm wichtigen Auftrag. Als Familienspione müsst ihr nämlich die Information beschaffen, wie teuer eine Eiskugel und eine Bratwurst sind. Mama und ich schlagen inzwischen unser Lager auf.« Ein kurzer fragender Blick zu mir.

Ich nicke, und weg sind die Jungs. Wir breiten die Decke aus, richten uns ein. Die Tasche mit den Lunchpaketen auf Manfreds Seite, Bücher und Zeitschriften als Deckenbeschwerer auf den Rand. Zwei, drei Stunden sitzen und warten, bis Manfred und die Jungs sonnensatt sind. Bis sie genug Hitze von außen nach innen getauscht und mit Wasser verdampft haben.

Ich versuche, die Geschehnisse um mich herum in einzelne Aktionen zu trennen. Welche davon bedeutet Gefahr? Sechs junge Leute strecken sich nach einem Volleyball in der Mitte des Sandplatzes. An den zwei Aufschlagpunkten wartet jeweils eine schlanke Bikinidame, eingewechselt zu werden, und wird abgelenkt von den Kleinkindern mit Sonnenhüten und Plastikschäufelchen, die die gedachten Ränder der Volleyballarena vergessen haben. Sie bauen Tunnel, graben nach alten und neuen Schätzen, backen Sandkuchen. Das Wasser dahinter schäumt innerhalb der weißen und gelben Bälle, die die Nichtschwimmerzone von der Fahrrinne für den Bootsverkehr abtrennen.

»Mach ein bisschen die Augen zu, wenn du müde bist. Dein Chef soll morgen nicht denken, er hätte einen Vampir eingestellt«, sagt Manfred.

Ich blecke die Eckzähne. »Sehr lustig. Nein, auf keinen Fall werde ich hier schlafen. Was für eine Mutter wäre ich, meine Kinder ohne Aufsicht zu lassen.«

»Übersiehst du nicht etwas, Mia? Ich glaube, ich bin den Anforderungen dieses Aufpasserjobs gewachsen, auch wenn ich kein Polizist bin.«

Benny und Felix kommen angerannt, flüstern in Manfreds Ohr, was sie entdeckt haben. Dann hocken sie sich auf die Decke und wickeln ein Kartenspiel mit Comicfiguren aus der Verpackungsfolie. Das Wasser scheint sie nicht mehr zu locken. Hin und wieder schwenkt ihre Aufmerksamkeit zu den Umkleidekabinen und sie rutschen unruhig auf ihren kleinen Hintern. Obwohl sie direkt neben mir sitzen, findet ihr Spiel weit entfernt von mir statt. Überall sonst sind sie mir nahe, näher als jeder andere, hier am See nicht. Der Lärm in meinem Kopf wird lauter, übertönt das Kichern und Kartenklatschen, als hätte ich Wasser in den Ohren und Kopfhörer darüber, die nur eigene Geräusche und Gedanken einspielen.

Ich strecke meine Beine aus, an Benny und Felix vorbei, wähle ein dickes Buch und rätsele, welche Geschichte darin erzählt wird. Nicht einfach, denn mein Blick wird von dem Glitzern der silbergrauen Oberfläche angezogen. Immer wieder. Ich spüre einen unheimlichen Sog, wie manche Menschen nicht in die Tiefe schauen können ohne das Gefühl, hinabzufallen. Ich höre, wie es mich ruft. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Glitzern immer noch.

Dann eben kein Buch. Ich erwische die glatten Seiten einer Zeitschrift. Das weiße Sonnenlicht spiegelt darin und schmerzt mich hinter der Stirn. Na gut, einen Moment Pause für die Augen. Mein pochender Schädel sinkt in die Armbeuge.

Heulende Sirenen wecken mich. Ich schrecke hoch. Der Platz, wo Benny und Felix Karten spielten, ist leer.

»Wo?«, will ich fragen, als mir klar wird, dass der Alarm von schrillen Kinderstimmen herrührt, die schnell näher kommen. Vier Mädchen im höheren Grundschulalter rennen auf mich zu, wedeln dabei mit der nassen Badebekleidung, dass die Tropfen wie aus einem verstopften Gartenschlauch in alle Richtungen spritzen. Ich springe auf, da biegen sie plötzlich hinter eine Hecke ab, von wo nur noch undeutliches Pubertieren zu hören ist. In meinem Kopf staut sich die Hitze, aber mir ist kalt.

»Wo sind Benny und Felix?«

Manfred unterbricht das Studium seiner Fernsehzeitschrift und schaut mich verständnislos an.

»Manne, wo sind Benny und Felix?« Die Uferzone ist laut und voll und unübersichtlich.

»Beruhigt dich, Mia. Dort sind sie doch.« Er zeigt hinter mich in Richtung Umkleidekabinen. Da sind sie. Sie traben zu uns wie auf einem Teppich, der in die entgegengesetzte Richtung gezogen wird. In ihrem nachlässigen Trott liegt ein seltsamer Widerspruch zu der Aufregung an selber Stelle vor wenigen Sekunden.

»Okay, okay«, winke ich den Vorwurf beiseite. »Tut mir leid, aber ich möchte sofort nach Hause.«

»Was! Wieso denn? Wir waren noch gar nicht im Wasser!«, maulen Benny und Felix gleichzeitig.

»Ja, das ist schade«, beginne ich die Karten einzusammeln. Es dauert eine Weile, immer wieder knicken welche aus dem Stapel heraus.

»Helft bitte beim Einpacken der Sachen, Jungs.«

Sie stehen unschlüssig herum, trauen sich nicht wirklich, zu protestieren. Fast schuldbewusst. Sie tun mir leid.

»Bitte seid nicht traurig. Wir halten auf dem Nachhauseweg an einer Eisdiele an, ja?« Manfred antwortet nicht. Er schüttelt Sand aus seinem T-Shirt, bevor er es über den Kopf streift.

»Die Hitze drückt mir so auf den Schädel, ich muss unbedingt irgendwohin, wo es eine Klimaanlage gibt«, nuschle ich zu ihm hin.

»Ihr habt es gehört, Jungs. Unser Signal zum Aufbruch. Ich wette, keiner von euch schafft so viel Eis, wie ich. «

*

Der Nachmittag ist merkwürdig geschäftig. Wir gehen uns aus dem Weg. Benny und Felix sind nach dem Strandintermezzo bemüht unauffällig und verbringen Stunden ohne Streit in ihrem Zimmer. Jedes Mal, wenn ich nachschaue, hängen ihre Köpfe gemeinsam über einem Spiel. Manne nutzt die quasi kinderfreie Zeit, um die Mängelliste nach dem Einzug abzuarbeiten, und verlässt dazu mehrmals die Wohnung. Ich sortiere, was ich morgen brauchen werde.

So schnell ich mir die dienstlichen Unterlagen bereitgelegt habe, bei der Kleidung kann ich mich ewig nicht festlegen. Im Handumdrehen ist es Abend geworden und das Schlafritual der Kinder beginnt. Die Straßenlampen drücken streifiges Licht durch die Jalousien und malen ein strenges Muster in die Ecke, in der die Betten der Jungs ihren Platz haben. Auf dem hellen Teppichviereck verbirgt das Kleiderhäufchen von Felix Legobauteile einer viel zu anspruchsvollen Flugzeugeinheit. Es sieht nach Leben aus, aber die Ecke neben der Tür riecht schon nach Schlaf.

*

Es geht nicht um die Beleuchtung, wenn ich Licht aus! rufe. Anfang September ist es um 19.30 Uhr nicht wirklich dunkel draußen. Der Druck auf den Lichtschalter verkörpert ein sanftes Symbol für das Ende des Tages, für mich. Das letzte Klicken, das sich nach etwas Besonderem anfühlt, wenn die beiden in ihren Betten liegen und schlafen. Gleich wird es wieder so weit sein.

Benny schwärmt seit Ewigkeiten für jede Art Held. Das ist die Saat, die sein Papa mit den Geschichten ausbringt, wenn er Gutenachtdienst hat, und die nun aufgeht und ihre Früchte in die Realität trägt. Irgendwann muss jemand Benny und Felix beibringen, dass es keine Superhelden gibt. Ich hoffe, dass das nicht mein Job sein wird.

Mein Auge beginnt zu zucken. Ich drücke den Finger darauf und setze mich zu Benny aufs Bett. Für die einstimmige Entscheidung, ob Geschichte oder Lied das heutige Einschlafritual sein soll, müssen wir vollzählig sein. Also warten wir auf Felix.

»Du hast da eine Wimper.« Bennys Atem riecht nach Pfefferminz.

»Nimm sie und wünsch dir was.« Mir fällt ein, wie oft ich als Kind den Wunsch hatte, meine Sommersprossen mögen sich genauso leicht fortpusten lassen, wie die Wimpern, die ich dafür benutzt hatte. Welches Kind lässt sich von dem Spruch mit dem Sternenhimmel trösten, wenn es die braunen Flecken im Gesicht nicht mag? Bei Benny habe ich es gar nicht erst damit versucht. Bei Felix auch nicht.

»Nein, das geht nicht. Ist deine Wimper, du musst wünschen.« Bennys Augen, graublau mit mädchenhaft langen Wimpern, eindeutig mein Erbe, sind genauso nah wie seine Finger, die mit chirurgischer Ruhe und der Präzision einer Pinzette unter meinem Lid zufassen. Mit der hauchdünnen Berührung ist der Wunsch, meinen Kindern möge nie etwas zustoßen, wieder da. Er schubst mich von hinten an, drückt mich mit Macht gegen Bennys Hand, um mehr als den Hauch seiner Gegenwart zu spüren.

Ich erinnere mich an die seltenen Augenblicke, in denen meine Mutter und ich uns vergleichbar nah waren. Sie, eine hochintelligente Frau, selbstbewusst und kompromisslos in Bezug auf ihre berufliche Karriere, zweifelte stets an ihren zwischenmenschlichen Fähigkeiten, seit sie sich entschieden hatte, das ungeplante Kind, mich, in ihr Leben zu lassen. Sie sah sich bestätigt, als der dazugehörige Vater vor den Wutanfällen seines anderthalbjährigen Dickschädels die Fahnen streckte und meine Mutter und mich mit der Aufgabe, aneinander zu wachsen, allein ließ. Etliche Jahre später fand meine Mutter einen Mann, der bereit war, unsere Familie zu vervollständigen, aber das Streben nach dem Perfekten hatte die frühen Fehler zu Narben verändert, die nicht mehr heilen wollten. Paradox, denn sicher hatte meine Mutter, genau wie ich, als Mädchen geschworen, sie würde ihre Kinder vor solchen Erfahrungen bewahren.

Diese Hoffnung ist so alt wie die guten Feenformeln an Dornröschen. Seit Benny und Felix zu meinem Leben gehören, wünsche ich bei jedem Wimpernstart Frieden, Glück und Gesundheit für meine Familie. Nicht überraschend für einen Mutterwunsch und viel zu groß für alle Wimpern, die ich je hergeben konnte.

Wir suchen Bennys Zeigefingerspitze ab. Nichts zu sehen. Der Wunsch ist auf dem Weg. Gerade kuschelt Benny sich an meine Brust, als Schlüssel an der Wohnungstür klappern. Felix hat es auch gehört und rennt mit hohem Jubeln aus dem Bad den Flur hinunter. Ich stelle mir vor, wie die blonden Locken auf seinen Kopf zurückfedern, während er vor Ungeduld auf und ab hopst, bis sein Papa die Jacke ausgezogen und an den Garderobenhaken gehängt hat, bis er endlich die Arme weit öffnet, um den Springfloh aufzufangen. Kurz danach kommen sie ins Kinderzimmer.

»Die Verstärkung ist da. Ab hier übernehme ich.« Manne zwinkert mir zu und setzt den kichernden Felix-Rucksack auf das andere Bett. »Welche Geschichte wollt ihr denn hören? Robin Hood? Superman? Den mag ich immer am liebsten.«

Ich stehe auf und gebe den Mäusen einen Kuss auf die warmen Wangen. Gleich lädt das Traumland meine Jungs ein und der Schlaf wird unter ihre Decken kriechen. Benjamin und Felix. Ich schäme mich nicht, das Glück bei seinem Namen zu rufen, auch wenn ich nicht immer sicher bin, das Glück verdient zu haben. Die beiden sind offenbar in ihrem neuen Leben angekommen. Mir steht der Neustart noch bevor. Jetzt schon summt es mir überall in den Adern. Im Hinausgehen rutscht meine Hand Mannes Arm hinunter bis zu seinen Fingern. Den Fingern, die heute das Licht im Kinderzimmer ausschalten werden. Vorsichtig schließe ich die Tür.

*

»Ob das Fernsehprogramm heute eine Ausnahme vom Dokuwahnsinn macht?«, rufe ich vom Kühlschrank in Richtung Wohnzimmer. »Ach, heute ist ja Sonntag«, nuschele ich vor mich hin. Ein Film aus der Tatort-Reihe? Will ich das? Nein, eher nicht. Ich wische mir den Saftbart ab und überlege, ob ich Manne ein Bier mitbringen soll. Ist die Gutenachtgeschichte zu Ende erzählt? Ich werfe einen Blick ins Wohnzimmer. Manne liegt auf der Couch, die Fernbedienung des Fernsehers halb unter dem Ellbogen verborgen, ein offenes Bier im Lichtkegel der Stehlampe auf dem Tisch. Das ging schnell. Sein Schnarchen bekundet überzeugtes Interesse an meiner Sonntagabendfrage.

Allein wach sein ist, wie allein sein – nicht gut. Das beste Mittel gegen Grübeln ist Bewegung, in diesem speziellen Fall: Sport. Also mache ich mich auf die Suche nach meinem Yogaoutfit. Fit sein ist sowieso das richtige Stichwort. Nicht umsonst gehört der Sporttest zu den Einstellungskriterien bei der Polizei.

Montag, 15. September 2008

»Leute, ich möchte euch eine neue Kollegin vorstellen.«

Schwere Hände geben dem Druck auf meinen Schultern von außen Gewicht. Irgendetwas bewegt die Haare an meinem Hinterkopf und der Duft nach Fichtennadelbad hüllt mich ein. Ich spüre eine Wand im Rücken, so weit so gut, nur diese Wand bewegt sich nach vorn, verkleinert den Raum.

Andraš Alexander Zito schiebt mich ins Zentrum der Aufmerksamkeit seiner Mitarbeiter. Ich hasse dieses Gefühl, im Mittelpunkt zu stehen. So muss ein seltenes Tier im Zoo sich vorkommen, denke ich, als die aufgeforderte Gruppe Notiz von mir nimmt. Statt eines Zauns dazwischen, rahmt das Glas des Besprechungsraums die Neugierigen ein, macht eine Gemeinschaft aus ihnen und mir. Eine Gemeinschaft auf Zeit.

Die offene Blazerjacke zurückgeschoben, die Hände in den Taschen des Hosenanzugs betrachte ich das Publikum, in dessen Gesichtern ich lese, wie unangemessen meine Lässigkeit auf sie wirkt. Ist mir egal. Ist sowieso alles egal. Seit ich vor einer halben Stunde vom Pförtner heraufgeschickt worden bin, verliert die Zeit beständig an Wert. Ich habe nicht vor, so lange zu bleiben, bis wir uns irgendwann mögen.

Das Schweigen hält an, bis Zito einen Schritt neben mich tritt, einen Zettel aus der Hosentasche fummelt und die Vorstellung in seiner Eigenschaft als Kommissariatsleiter beschleunigt. »Ihr Name ist Seel...«, er unterbricht sich, hält das Papier mit lang ausgestrecktem Arm vor sich.

Ich beobachte ihn von der Seite, wie seine andere Hand über Brusttasche, Hemdausschnitt und Kopfhaar tastet. Natürlich habe ich nicht erwartet, dass Zito sich erinnert, wie ich heiße. Dazu ist der Kontakt zu kurz gewesen und zu lange her.

In den letzten fünfzehn Jahren hat er sich wenig verändert. Ein paar graue Strähnen in dem immer noch dichten, schwarzen Haar, etwas buschigere Augenbrauen. Selbst die um den Mund gefestigten Falten lassen bei seiner vorbildhaften Körperhaltung nicht vermuten, dass er Mitte fünfzig ist.

»... Marga Ines Anna Seeler«, rasselt er meinen vollen Namen herunter. »Sie ist mit sofortiger Wirkung vom Einbruchskommissariat Frankfurt (Oder) in unser Morddezernat versetzt.« Er reibt den Handrücken über die Falte an seinem Kinn und fordert nochmals Aufmerksamkeit ein. In das Gemurmel hinein ruft er: »Ich weiß, die Neuordnung der Länderverwaltung hat eine Menge Unruhe in unsere Reihen gebracht. Einige Leute haben gewechselt«, womit er wohl mich meint, »das ist vorbei«, was auf keinen Fall auf mich zutreffen kann. »Los an die Arbeit. Es gibt genug zu tun.« Nach einem Blick auf die Sportuhr an seinem Handgelenk wendet er sich zur Tür. Gerade beginne ich, mich über meine unverhoffte Teamfreiheit zu freuen, als er zurückkehrt.

»Sie«, dabei deutet er auf mich, »und du, Grabert«, zeigt sein behaarter Finger auf einen groß gewachsenen Polizisten in T-Shirt und Jeans, »ihr kommt bitte gleich zu mir.« Mit Schwung öffnet er die Tür des Konferenzraums, der Zettel mit meinem Namen segelt in den Papierkorb und im selben Moment verschwindet Zito im Büro schräg gegenüber.

*

Der Herr Grabert erhebt sich von seinem Stuhl im hinteren Teil des Besprechungsraums und federt mit langen Schritten auf mich zu. Inzwischen bin ich ganz gut darin, andere Menschen einzuschätzen, nur beim Alter verhaue ich mich manchmal. Ihn schätze ich fünf bis sechs Jahre älter als mich, auf Ende dreißig. Irgendwann wird er diesen Erfahrungsvorsprung nutzen, um mich zu belehren.

»Kommen Sie«, hängt er sich an meinem Ellbogen und wirbelt mich herum. Seine glatten Haare wischen ihm an den Schultern über das T-Shirt wie ein trockener Pinsel über Recyclingpapier.

»Wenn der Chef gleich sagt, meint er sofort. Besser, wir wären schon da drin.« Mit den Worten fasst er mich am Arm, wie man Tatverdächtige abführt, und drängt mich über den Flur in das Büro, dessen Tür offensteht. Wieso meinen die Leute eigentlich immer, mich hin und her schieben zu können?

*

»Noch einmal, Frau Seeler. Willkommen, bitte nehmen Sie Platz.« Andraš Alexander Zito senkt beide Handflächen und nickt mir zu.

Schnell schaue ich mich in dem winzigen Zimmer um, in dem es nach Kaffee und Blumenerde riecht. Zito lehnt sich in seinem Stuhl nach hinten und streckt die Beine lang unter dem Tisch aus, bis er mit den Camel Boots an den Kabelzopf stößt, der sich von den zwei Computern auf dem blind gescheuerten Tisch zu einem mit Plastikdeckel verschlossenem Loch im Boden schlängelt. An der Wand ihm gegenüber hängen die gerahmte Urkunde seines fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläums vom vorletzten März und ein Polizeikalender, dessen roter Plastikpfeil penibel auf das aktuelle Datum, Montag, den 15. September 2008, zielt. Direkt darunter plumpst der andere Kollege auf den zweiten Stuhl und grinst mich an.

Irritiert verharre ich vor dem Schreibtisch, denn außer einem zusammengeklappten Anglerstuhl neben der Tür kann ich nirgendwo eine weitere Sitzgelegenheit entdecken. Ist das ein Test?

»Ich freue mich, dass Sie dem kurzfristigen Einsatz bei uns zugestimmt haben und uns unterstützen«, strahlt Zito mich an. Leises Quietschen vom Drehlager seines Stuhls unterstreicht seine Freude.

»Ich würde Ihnen gern einen Kaffee anbieten«, redet er unbeirrt weiter, »aber der Automat ist seit gestern kaputt.« Hoffentlich erwartet er kein Mitleid, weil das vermutlich altersschwache Gerät ausgerechnet an einem Sonntag dem lange überhörten Ruf nach technischer Überholung den nötigen Ernst hinzugefügt hat. Was offenbar zu sofortigem Ersatz auf andere Weise führte, denn meine Nase erkennt Koffein, wenn sie es riecht.

»Hm, ich weiß Ihr Beinaheangebot zu schätzen«, nutze ich seine Redepause, »allerdings ziehe ich ordentlichen Tee oder einfaches Wasser einem Automatenkaffee vor. Wenn Sie nichts dagegen haben, hole ich zuerst einen Stuhl von gegenüber.«

Meine Wangen werden heiß, während ich einen Ledersessel mit Metallrahmen aus dem Konferenzraum anschleppe. Die Aktion dauert wegen der blöden Tür-auf-Tür-zu-Momente länger, als mir lieb ist und ich bin sicher, dass ich mich lächerlich mache. Jedes Mal, wenn eine der glänzenden Röhren gegen den Türstock oder die Tür stößt, vibriert der Hall durch meine Arme, als würde ich in einem Tempel den Gong zum Gebet schlagen. Kein Anlass, mir zu helfen. Graberts Schuhspitzen klopfen rhythmisch auf den Boden. Er hat die Hände zwischen die Knie geschoben und probiert mit dem Kopf einen Backgroundtakt zu seinen Musikerfüßen. Zito federt mit der Rückenlehne.

»Entschuldigung, ich habe selten mehr als einen Besucher in meinem Büro. Wie es scheint, haben Sie das Problem bereits gelöst.« Sein Schmunzeln geht unter, als er einen Schluck Kaffee aus dem Becher schlürft, der, wenn ich die Aufschrift korrekt entziffere, aus dem Backshop an der Ecke des Gebäudes stammt. Ich wusste doch, ich habe Kaffee gerochen. Der Becher musste vorhin hinter dem Bildschirm gestanden haben.

»Nun setzen Sie sich schon hin«, fordert er mich mit weitem Armschwung auf.

»Nein, zuerst wüsste ich gerne, warum Sie Ihre Mannschaft glauben lassen, dass ich in dieses Mordkommissariat versetzt bin«, spiele ich auf seine Vorstellung an.

»Ach, stimmt das etwa nicht?«, mischt sich der Herr Grabert ein. Sein Soundcheck scheint erledigt. Er klingt enttäuscht.

»Weil Ihr Einsatz bei uns nicht befristet bleiben muss«, antwortet mir Zito mit fester Stimme. »Sie sollten mir dankbar sein. Ich habe Ihnen alle Optionen offengehalten.«

Graber hebt den Arm wie in der Schule. »Wieso sind Sie in diesem Dezernat, wenn Sie das nicht wollen«, fragt er noch einmal. Ich drehe mich halb zu ihm. Er sitzt sehr aufrecht und klemmt sich die Haare hinters Ohr.

»Ich habe mich auf eine Stelle im Einbruchskommissariat beworben, die voraussichtlich erst im Dezember besetzt wird.«

»Na, dann wären Sie im Dezember nach Potsdam gekommen«, schlägt er vor. Die Hand platscht auf sein Bein.

»Schon mal mitten im Schuljahr in eine andere Stadt umgezogen? Als Erwachsener ist es schwierig, sich zurechtzufinden. Machen Sie das, wenn Sie vor Kurzem eingeschult worden sind und nach dem Umzug als Neuer in eine Klasse kommen, die sich bereits zusammengerauft hat.« Dabei muss ich an die Situation vor wenigen Minuten denken und greife nach der dünnen Rückenlehne des Stuhls.

»Oha, Sie haben ein Kind«, stellt er fest, bis ich ihm die korrekte Zahl anzeige. Er verschränkt die Arme unter der Brust und versucht erfolglos, ein Doppelkinn zu produzieren. Meine Jungs sehen so aus, wenn sie tief in sich nach einem schlauen Satz horchen, der mich beeindrucken soll. Seine Lider heben sich kurz in Richtung Zito. »Schade. Wir könnten Sie gut gebrauchen. Möglicherweise kriegen wir Sie umgestimmt.«

»Wie wollen Sie das denn anstellen?«, rutscht es mir heraus.

Graberts Blick fliegt von mir zu Zito. Der steht auf, erfasst den Henkel einer silbernen Gießkanne und tröpfelt in aller Ruhe Wasser in eine Reihe von Blumentöpfen auf dem Fensterbrett.

»Ich weiß, Sie haben um Ihre Versetzung ins Einbruchskommissariat gebeten und Sie werden Ihre Beförderung bekommen«, plaudert er mit dem Hibiskus im letzten Topf. »Sie sind Beamtin und wir brauchen jemanden wie Sie. Diese Interimsstelle bei uns kann dauerhaft werden, wenn Sie das möchten, und wird gut bezahlt.« Er stellt die Kanne zurück und wendet sich mir zu.

»Außerdem hat eine gute Beurteilung aus unserer Abteilung der Karriere noch nie geschadet. Das ist Ihre Chance!« Er setzt sich zurück an den Schreibtisch, tippt auf eine einzelne rote Mappe, die darauf liegt und öffnet den Ledereinband. Er stützt die Daumen auf die Wangenknochen und kämmt mit den Mittelfingern beim Lesen die Augenbrauen.

»Sie haben im Einbruchsdezernat ordentliche Arbeit geleistet, was mich nicht überrascht. Wie ich Sie aus dem Prüfungshalbjahr in Oranienburg in Erinnerung habe, ist es logisch, Sie zu verantwortungsvolleren Aufgaben heranzuziehen.« Er blättert ein paar Seiten um, die ich als meine Zeugnisse und Beurteilungen erkenne.

Pein und Scham sollten im Wörterbuch als Synonyme geführt werden. Ich spüre, wie ich rot werde von dem unerwarteten Lob und wünsche mir bald eine Gelegenheit, die mein ruppiges Verhalten von vorhin aus ihrem Gedächtnis löscht. Zito weiß sehr wohl, wer ich bin. Er hat mich nicht vergessen. Wenn ich nicht aufpasse, habe ich mir die Lippe bald blutig gekaut.

»Mich wundert, dass Sie bisher kein Interesse an der Mordkommission gezeigt haben. Die meisten Anwärter mit Ihren Leistungen wollen sofort da hin. Sie nicht. Gibt es irgendeinen Grund dafür? Und wenn ja, worüber sollte ich Bescheid wissen?«, fragt Zito.

Autsch! Ich schmecke Salz. Wenn überhaupt möglich, wird mein Gesicht noch heißer. Ich suche meine Schuhe nach Staub ab, drücke Knopf und Bluse am Kragen aneinander, so fest, dass ich nichts anderes als meine Fingerkuppen spüre. »Nein. Wahrscheinlich nicht.«

In diesem Moment bin ich nur Mensch, keine Polizistin. Ein winziger schwacher Moment ohne Schutzweste, in dem ich spüre, wie Zitos Blick sich unter meine Haut bohrt und in der Unsicherheit herumstochert. Auf die Gefahr hin, ihm damit zusätzliche Munition zu liefern, muss ich mit einer Erklärung versuchen, seinen Verhörblick abzuschalten. Ich lasse den Kragen los und drehe die offenen Handflächen in Tu-mir-nichts-Haltung nach vorn.

»Wissen Sie, in Gewaltverbrechen zu ermitteln, war nie das Ziel. Weil man bei den Nachforschungen die Vergangenheit schmerzhaft oft wiederbelebt.« Ungefähr so schmerzhaft wie diese Sekunden. Meine Einstellung zu dem Thema ist ziemlich gewagt für eine Polizistin. Trotzdem hat sie mich bis hierhergebracht. Ich habe nicht vor, mich für zweieinhalb Monate umstimmen zu lassen, und ich bezweifele, mich anpassen zu können, um nicht aufzufallen.

»Bei der Aufklärung eines Verbrechens wie Mord oder Vergewaltigung helfen unsere Fragen selten den Betroffenen und das Leid der überlebenden Opfer oder der Angehörigen wuchert dadurch.« Kein Ermittlungsbericht, kein Zeitungsartikel, keine Fernsehreportage hat mich je in diesem Punkt von dieser Überzeugung abbringen können.

Ich kann mich nicht entscheiden, wohin mit meinen Händen, bekomme den Saum der Hosentaschen zu fassen, traue mich nicht in die Lässigkeit von vorhin und lasse die Arme hängen. »Ich weiß nicht, ob ich dieser Aufgabe gewachsen bin.«

Ich schaue mich nach Reaktionen um. Grabert studiert mit vorgeschobener Unterlippe und unsichtbarem Doppelkinn das Muster auf seinem T-Shirt, Zitos Fäuste halten die Armlehnen fest umklammert. Er hat den Kopf geneigt und zieht die Stirn kraus.

»Interessant. Reden Sie weiter.«

Ich finde meine Hosennaht und halte mich daran fest. »Ich meine damit, statt die Familie in Ruhe trauern zu lassen, wühlen wir zusätzlich in ihrem Schmerz. Wir werfen Schuldfragen auf, die die Risse in der Familie vertiefen.« Meine Knie fangen zu zittern an. Jetzt, wo ich aufgehört habe, meine Einstellung zu rechtfertigen, wird das Ticken der Uhrzeiger über der Tür zum Countdown. Ich atme tief aus und vermeide den Augenkontakt zu den beiden Männern. Zum ersten Mal nehme ich das trockene Knacken der Gipskartonwände wahr. Ich lasse mich auf den Stuhl sinken und warte auf irgendwas von irgendwem.

Alexander Zito kommt Grabert zuvor, lehnt sich über den Tisch und reagiert mit unerwartet weicher Stimme: »Seeler, du hast die dunkle Seite der Medaille erkannt.«

Je länger der Satz in das Schweigen fällt, desto schwerer wird er. Grabert nickt zustimmend auf sein T-Shirt. Ich wage nicht, die Ruhe zu stören. Was bedeutet das? Bin ich jetzt aufgenommen?

In Zitos Augen erkenne ich einen traurigen Ausdruck, der nach ein paar Blinzlern wieder verschwindet. »Diese Risse«, sagt er, »zeichnen oft unsere Karten zum Täter. Indem wir die unbequemen Fragen stellen, verhindern wir in anderen Familien weiteres menschliches Leid. Ich nehme an, du kennst die PKS?«

Die polizeiliche Kriminalstatistik gehört in allen Landesteilen zu den Gradmessern für Ermittlungserfolge. Ich erinnere mich gut an das Seminar bei Zito. Stumm senke ich mein Kinn.

»Die Verbrecher zu suchen und zu finden, führt auf dieser Liste zum wichtigsten Ergebnis, sie wird kürzer. Umso überzeugter bin ich, dass du ein wertvolles Mitglied unserer Gruppe sein kannst. Dein Mitgefühl wird dir helfen, diese Aufgabe mit dem nötigen Augenmaß zu erfüllen. Und ich glaube, du weißt das. Deshalb hast du der befristeten Abordnung zugestimmt«, setzt er mit Nachdruck hinzu.

Ich sage lieber nichts. Muss ich auch nicht, denn nun richtet sich Zitos durchdringender Blick auf den Kollegen.

»Grabert, hör auf, wie ein Stier mit den Füßen zu scharren. Du wetzt mir den Teppich durch.«

Was Zito als Teppich bezeichnet, identifiziere ich als dünnen, graubraun melierten Kunststoff. Ich habe sogar den Verdacht, das Muster besteht aus Kaffeeflecken und Erdresten. Der Bodenbelag wirkt insgesamt genauso erneuerungsbedürftig wie der wandhohe Schrank hinter Zito mit den verzogenen Holztüren. Wie kann er hier arbeiten? Die Gelenkrollen des Drehstuhls stöhnen und blockieren, als Zito sie in eine andere Richtung zwingt.

»Ich kann sehen, was du denkst.« Zito drückt den Ellbogen auf den Tisch, sein Zeigefinger ist ein Achtungszeichen. »Lass dich nicht täuschen. Die Einrichtung mag nicht die Neueste sein. Meine Mitarbeiter sind alle top. Ich fordere die fähigsten Leute an. Es ist die Software, die die Hardware in Bestform hält. Jeder macht hier, was er gut kann, bei allem anderen bittet er jemanden, der es besser kann, um Hilfe. Du kannst hier jeden fragen, Seeler, auch mich, auch wenn es nur darum geht, einen Stuhl zu tragen.«

Wieder steigt mir die Hitze in die Wangen. Der Respekt für meinen neuen Chef wächst und mit ihm die Angst. Was ist, wenn ich seine Erwartungen nicht erfülle, wenn ich mir vor Furcht die Augen zuhalte und versage? Was ist, wenn sie anfangen, nach den Gründen für meine Fehler zu suchen?

Zito holt kurz Luft, bevor er mit seinem Appell fortfährt. »Keine Sorge, ab sofort läufst du mit Grabert. Du weichst ihm nicht mehr von der Seite. Du wirst am Einsatzort sein, wenn er es ist. Du bist im Büro, wenn er es ist, und hast dieselben Bereitschaftszeiten. Er ist mein bester Mann, ihr werdet ein Spitzenteam sein.«

»Jawoll, Chef«, höre ich den Kollegen am Fenster zustimmen. Er wirkt erleichtert, als er sich von seinem Zuschauerplatz erhebt, streicht sich erneut die Haarsträhnen hinters Ohr, so dass seine altmodischen Koteletten sichtbar werden, und windet sich an mir vorbei aus der Tür.

Ich hocke immer noch auf dem kalten Platz, niedergedrückt von den Zweifeln, die ich für mich behalten habe.

»Wenn wir uns im Dezember in diesem Büro unterhalten, steht ein richtiger Stuhl für dich parat«, zwinkert Zito mir zu.

»Kommst du?« Grabert ist zurückgekehrt, streckt wartend die Hand nach mir aus, wie Hänsel, der seine Gretel abholt, um mit ihr durch den dunklen Wald zu ziehen. Dabei ahnt er nicht mal, wovor ich mich fürchte.

*

»Ah, Sie sind das.« Eine Frau, etwa zehn Zentimeter größer und fünfzehn Jahre älter als ich, neigt sich durch die offene Tür zu mir in die Teeküche. Sie ist mir vorhin nicht aufgefallen und auch jetzt habe ich wenig Lust, sie zu bemerken.

»Yep«, nicke ich und halte mich an der Tasse fest.

»Ich sah durch das Milchglas, dass jemand hier drin ist.«

»Hm«, mache ich und schlürfe von der dampfenden Flüssigkeit. Ein guter Grund, nicht mit Sprechen reagieren zu müssen.

»Der Protokollraum hat Computer, wenn Sie online sein wollen. Grabert hat gesagt, ich soll Ihnen das von Zito ausrichten lassen.«

Genauso plötzlich, wie sie kam, ist sie wieder weg. Irgendwie sympathisch.

*

Aus Gewohnheit melde ich mich kurz vor Dienstschluss auf Intrapol, der Intranetseite der Brandenburger Polizei an. Meine Hand bewegt den Mauszeiger auf die Informationen aus Potsdam: Fußballrandale vor dem Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg, Fahrraddiebstahl in der Waldstadt, Vandalismus bei parkenden Autos am westlichen Cityrand. Normales Zivilisationschaos.

---ENDE DER LESEPROBE---