Beschreibung

Es wird eng für Oberkommissarin Nina Moretti. Nach einem Rockkonzert in der Gaststätte „Haus Hellertal“ wird die erschlagene Leiche einer jungen Frau auf der Damentoilette entdeckt. Das Kuriose: Die Tür ist von Innen verschlossen. Auf den ersten Blick deuten alle Spuren und Zeugenaussagen auf Nina selbst als Mörderin hin. Für die Presse und die Staatsanwaltschaft kommt nur sie als Hauptverdächtige infrage. Kann sie ihren Hals aus der Schlinge ziehen? Für ihren Lebensgefährten Klaus Schmitz steht der wahre Schuldige fest. Auf eigene Faust jagt er den Spion, den die GEMA beauftragt zu haben scheint.

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Seitenzahl: 367

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Inhalt

Titelseite

Impressum

Über den Autor

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Epilog

Danksagung

Micha Krämer

GEMA TOD

Im Verlag CW Niemeyer sind bereits folgende Bücher des Autors erschienen:

Tod im Lokschuppen

Krähenblut

Tod im Elefantenklo

Über deine Höhen

el toro

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de.

© 2014 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hameln

www.niemeyer-buch.de

Alle Rechte vorbehalten

Der Umschlag verwendet ein Motiv von shutterstock.com

Abstract music background ... olegganko 2013

eISBN 978-3-8271-9855-6

EPub Produktion durch ANSENSO Publishing www.ansensopublishing.de

Der Roman spielt hauptsächlich in einer allseits bekannten Region im Westerwald, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Über den Autor:

Micha Krämer wurde 1970 in Kausen im Westerwald geboren. 1989 zog es ihn nach Betzdorf, wo er es ganze 15 Jahre aushielt, bevor das Heimweh ihn zurück nach Kausen führte. 2009 veröffentlichte der gelernte Elektroniker kurz nacheinander die beiden Kinderbücher „Willi und das Grab des Drachentöters” und „Willi und das verborgene Volk”. Der regionale Erfolg der beiden Bücher, die er eigentlich nur für seine beiden Söhne schrieb, war überwältigend und kam für ihn selbst total überraschend. Einmal Blut geleckt, musste im Jahre 2010 nun ein „richtiges Buch“ her. Im Juni d. J. erschien sein erster Roman für Erwachsene und zum Ende des Jahres 2010 sein erster Kriminalroman, der die Geschichte der jungen Kommissarin Nina Moretti erzählt. Neben seiner Familie, dem Beruf und dem Schreiben ist die Musik eine seiner größten Leidenschaften.

Mehr über Micha Krämer erfahren Sie auf www.micha-kraemer.de

Prolog

Montag, 1. Januar 1996, 0:18 Uhr Frankfurt am Main

Nur noch wenige Zentimeter. Gleich hatten sie es geschafft. Gleich würden sie die Früchte ihrer Arbeit ernten können. Das kreischende Geräusch des riesigen Bohrkopfes war selbst durch den Gehörschutz fast unerträglich. Wasser spritzte unaufhörlich aus dem kleinen Spalt zwischen dem Beton und dem Stahl des Kernbohrers. Plötzlich veränderte sich die Tonlage des Bohrers, er ruckte nach vorne und lief nun leichtgängiger.

„Wir sind durch!“, schrie der Major gegen den Lärm an.

Der Pole schaltete die Maschine ab, und zu viert buckelten sie den Bohrer samt dem mehrere Zentner schweren Kern aus dem Bohrloch. Hastig zog er die Ohrenschützer aus und lauschte in die Dunkelheit. Das Silvesterfeuerwerk war noch immer in vollem Gange. Die Idee des Majors, den Tresorraum in der Nacht zu Neujahr aufzubohren, war schlicht brillant gewesen. Keiner von denen da oben würde etwas hören. Er zwängte sich durch das Bohrloch und leuchtete mit der Stirnlampe in den Raum hinein. Bohrstaub wirbelte in der Luft umher und markierte deutlich die feinen roten Laser der Alarmanlage. Deren Auslösung war leider unvermeidbar, aber auch vernachlässigbar. Bis die Bullen auftauchten, wären sie längst über alle Berge.

„Ab jetzt genau zwei Minuten“, hörte er die Stimme des Majors hinter sich aus dem Tunnel.

Dann ging alles ganz schnell. Er rutschte auf dem Bauch liegend in den Raum hinein und löste so den Alarm aus. Sofort ertönte von draußen eine Sirene. Blitzschnell zog er das Brecheisen aus seinem Overall und begann damit wie ein Besessener ein Schließfach nach dem anderen aufzuhebeln. Jeder Handgriff saß. Fast im Sekundentakt flogen die Blechtürchen auf. Der Pole, der direkt nach ihm in den Tresorraum geschlüpft war, riss die kleinen Stahlkassetten aus den geöffneten Fächern und warf sie durch das Mauerloch in den Tunnel, wo die beiden anderen deren Inhalt in die bereitgestellten Säcke umfüllten. Die Kisten selbst waren nur unnötiger Ballast.

„Noch zwanzig Sekunden!“, hörte er den Major schreien.

Er schwitzte bereits wie ein Schwein und versuchte das Tempo noch einmal zu erhöhen. „Noch zehn Sekunden, noch fünf ... drei, zwei, eins. Schluss! Alle Mann raus!“

Augenblicklich verschwand der Pole neben ihm in der Dunkelheit, während er noch ein weiteres Türchen aufstemmte. Dann ließ er das Brecheisen fallen, riss die letzte Kassette aus dem Fach und rutschte zusammen mit ihr durch das Loch in der Betonwand nach draußen. Im Tunnel wartete bereits der Russe mit dem Sprengsatz. Fünf Kilo hochexplosiver Plastiksprengstoff aus alten NVA-Beständen, gekoppelt mit einem Zeitzünder. Die rote Digitalanzeige zählte bereits rückwärts. In einer Minute und dreiundzwanzig Sekunden würde von dem Tresorraum und dem Tunnel, an dem sie über ein halbes Jahr jede Nacht gearbeitet hatten, nichts mehr übrig und alle Spuren verwischt sein. Der Pole und der Major waren bereits verschwunden. Vorsichtig schob der Russe den Sprengsatz in das Bohrloch, während er selbst sich einen der Säcke packte und damit gebückt in dem Stollen verschwand.

Das Beben der Erde war deutlich zu spüren. Die Scheiben des Transporters zitterten so stark, dass er für einen Moment befürchtete, sie könnten zerplatzen, und das, obwohl sie sich bereits gut und gerne an die zweihundert Meter von dem Parkhaus entfernt hatten. Sein Herz raste. Sie hatten es geschafft. Das Gefühl, das ihn übermannte, war grandios. Zu viert hockten sie auf dem Boden des Lieferwagens. Zwischen ihnen auf der Ladefläche lagen die Säcke mit dem Tresorinhalt. Bargeld, Gold, Schmuck, vielleicht auch die einen oder anderen Dokumente. Alles Zeug, das die reichen Pinkel in ihren Schließfächern deponierten. Fächer, die so sicher waren, dass er es geschafft hatte, an die einhundert Stück davon in nur zwei Minuten aufzuhebeln. Er sah in das Gesicht des Majors ihm gegenüber, das immer wieder kurz von den vorbeihuschenden Straßenlaternen erhellt wurde. Genau wie er selbst wusste auch der Major, dass es noch nicht vorbei war. Eine Sache mussten sie noch erledigen. Er blickte zu dem Polen und dem Russen, die neben ihm hockten. Die beiden sahen geschafft, aber glücklich aus. Vorsichtig tastete er nach der Makarow unter seinem Overall.

Es holperte heftig, als der Fahrer mit dem Transporter in einen unbefestigten Waldweg bog und dann, nach einigen Hundert Metern, anhielt. Der Russe und der Pole wechselten irritierte Blicke. Der Major lächelte ihnen zu. „Wir wechseln den Wagen“, erklärte er knapp, erhob sich dann flink und zog die Schiebetür auf. Eisige Luft schlug ihnen entgegen. Doch es tat gut. Noch immer raste sein Puls. Er ließ dem Polen und dem Russen den Vortritt und zog, wie besprochen, die Makarow aus dem Arbeitsanzug. Es ging schneller, als er es sich vorgestellt hatte. Noch beim Aussteigen drückte er zum ersten Mal ab und traf den Polen in den Hinterkopf. Der Russe versuchte noch, sich erschrocken umzudrehen, schaffte es aber nicht mehr. Die Kugel trat über seinem linken Ohr ein und riss ihm die halbe Schädeldecke weg.

Kapitel 1

Samstag, 28. September 2013, 21:10 Uhr Alsdorf bei Betzdorf/Sieg – Haus Hellertal

Nina Moretti nippte kurz an ihrer Cola und stellte das Glas dann wieder zurück auf den Stehtisch. Dabei wippte sie immer im Takt der Musik mit. Es war ein toller Abend. Der Saal der Gaststätte Haus Hellertal war brechend voll. Die vier Musiker auf der Bühne gaben wirklich alles. Nina liebte Deutschrock der härteren Gangart. Gerade flitzten die Finger des Leadgitarristen in atemberaubender Geschwindigkeit zu einem letzten Solo über die Saiten, um dann in einem gewaltigen Schlussakkord zu enden. Das Publikum jubelte begeistert.

„Ist der nicht süß?“, kreischte schräg vor ihr eine maximal zwanzigjährige Blondine einer anderen zu.

Nina verzog missmutig das Gesicht. Dass mancheWeibsbilder so auf Äußerlichkeiten abfuhren, war wirklich schlimm. Sie glaubte sich zu erinnern, dass sie in diesem Alter schon wesentlich vernünftiger gewesen war. Wenn das Girlie mal in Ninas Alter käme, würde es vielleicht begreifen, dass es mehr auf die inneren Werte eines Menschen ankam. Auf den Charakter und nicht auf das Aussehen oder wie gut einer Gitarre spielen konnte. Sie blickte zu Alexandra, die neben ihr stand und auf ihrem Smartphone herumtippte. Nina lehnte sich zu ihr hinüber und las die Nachricht, die die Freundin gerade bekommen hatte, mit. Sie war, wie nicht anders zu erwarten, von Thomas. Er teilte ihr mit, dass alles in Ordnung sei, die Kinder schliefen und er sie ganz doll lieb hätte. So ging das schon den ganzen Abend. Die Nachrichten kamen, seit sie mit Alex um kurz nach sieben die Gaststätte betreten hatte, alle paar Minuten. Genauso oft tippte Alex dann eine Antwort.

„Sach ma, könnt ihr nicht mal länger als fünf Minuten voneinander ablassen? Ist ja schlimm.“

Alex lächelte verlegen, zuckte mit den Schultern und tippte weiter. Nina musste grinsen. Die beiden waren seit fast drei Jahren zusammen, hatten zwei Kinder, ein Eigenheim, einen geistesgestörten Hund und benahmen sich immer noch wie frisch verliebte Turteltauben. Sie sah zur Bühne. Die Blondine, die eben noch schräg vor ihr stand, hatte sich bis zum Bühnenrand durchgekämpft und hielt dem Gitarristen, der gerade seine Gitarre stimmte, etwas hin. Es sah aus wie eine Visitenkarte. Der Typ schaute irritiert, nickte dem rolligen Huhn kurz zu, steckte die Karte achtlos in die vordere Tasche seiner Jeans und begann dann auf seiner E-Gitarre zu zupfen. Nina erkannte das Stück sofort. Sie liebte diese Ballade. Sie hörte den Song seit Tagen schon im Auto. Trotzdem beobachtete sie das Blondchen, das sich durch die Menge zurück zwängte. Am Stehtisch angekommen, griff sie nach einem der Gläser und flüsterte der anderen Blondine begeistert etwas ins Ohr. Dann bemerkte sie, dass Nina sie beobachtete, und grinste zu ihr herüber. Nina nahm nun ebenfalls ihr Glas und prostete dem Blondchen zu.

„Findest du das auch so cool?“, piepste die nun durch die sanften Töne in e-Moll.

Nina nickte und beugte sich vor.

„Ja, klar. Aber sag mal. Was hast du dem Typ denn eben zugesteckt?“, fragte sie geradeheraus und lächelte dabei immer noch.

Das Girlie quiekte.

„Meine Handynummer. Ich find den Boy echt total süß.“

Oh mein Gott, wie primitiv, durchfuhr es Nina.

„Und meinst du, der ruft zurück?“, fragte sie.

Blondie nickte. Sie schien tatsächlich zu glauben, dass der Kerl mit der Gitarre sich nach dem Konzert noch an sie erinnern konnte. Nina glaubte das nicht. Und wirklich ganz aus Versehen machte ihre Hand mit dem Cola-Glas einen kleinen Schlenker. Blondie schrie entsetzt auf, als die braune, eisgekühlte Brühe sie mitten auf der Brust traf und dann in das künstlich aufgepuschte Dekolleté hineinlief.

„Oh sorry“, heuchelte Nina „das tut mir ja so leid.“

Das Mädchen stierte sie entsetzt an.

„Das hast du doch mit Absicht ge...“, weiter konnte Nina nicht verstehen, da gerade das Schlagzeug und der Bass in das musikalische Geschehen eingriffen.

Wahnsinn. Das Stück war echt der Hammer. Klaus hatte es für sie geschrieben. Im Augenwinkel sah sie, wie das Girlie mit dem anderen Mädchen in Richtung Toiletten davonzog und sie dabei immer noch feindselig anstierte.

„Du bist ein böses, eifersüchtiges Weib!“, hörte sie Alex in ihr Ohr schreien.

Nina sah die Freundin an, die nun grinsend den Daumen hob. Dann lachten sie beide. Sie musste nur nachher dran denken, den Zettel aus der Jeans zu nehmen, um ihn zu verbrennen. Klaus war eine treue Seele. Wer wusste das besser als sie. Aber sicher war sicher.

*

Erst nach der fünften Zugabe war Schluss. Die Luft in dem kleinen Saal war verbraucht und stickig. Während die meisten Konzertbesucher in Richtung des Schankraums der Gaststätte strömten, drängten Nina und Alexandra sich nach vorne zur Bühne.

„Ich muss mal aufs Klo“, zischte Alex knapp und bog auch schon in Richtung des Durchgangs links vor der Bühne ab, wo sich die Toiletten befanden.

Klaus saß auf dem Bühnenrand und sprach mit Eddie, dem Sänger einer befreundeten Bluesband. Die beiden prosteten sich gerade mit einem Bier zu. Sie ging zu ihm hin und gab ihm einen Kuss.

„Und, wie waren wir? Wie war der Sound?“, polterte er sofort los.

Nina hob den Daumen und küsste ihn noch einmal. Er roch stark nach Schweiß. Seine Haare waren klatschnass, sein T-Shirt ebenfalls.

„Ihr wart echt super, Schatz.“

Sie sah zu Eddie, der den Daumen hob, grinste und davonging. Klaus stellte sein Glas zur Seite und sprang auf.

„Du Nina, die Jungs und ich, wir bauen nur eben schnell ab und dann gehen wir noch was trinken.“

Nina lächelte und nickte ihm zu. Sie kannte dieses „eben mal schnell abbauen“.

Bis Klaus und die anderen ihren Krempel zusammengepackt hatten, ging schon mal gerne eine Stunde ins Land. Meist dauerte es sogar noch länger. Man sollte ja nicht meinen, wie viel Technik für so ein bisschen Musikmachen benötigt wurde. Und da Klaus und seine Kumpels keine international gefeierten Rockstars waren, sondern als Lehrer, Zimmermann und Automechaniker ihre Brötchen verdienen mussten, gab es nur wenige Freiwillige, die ihnen halfen, ihr Equipment zu schleppen. Hinzu kam, dass Klaus in Bezug auf seine Instrumente und das nötige Drumherum sehr eigen war. Immer in der Angst, es könne etwas darankommen oder verloren gehen.

Trotzdem fragte Nina höflich: „Kann ich was helfen?“ Wie erwartet winkte er ab.

„Nee, Schatz, geh du schon mal rüber in den Gastraum. Ich mach das lieber selbst.“

Ihr Blick wanderte zu der Tür, hinter der die Toiletten lagen und aus der Alexandra nun herausgelaufen kam. Nina bemerkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Alex wirkte total verstört.

„Du musst sofort mitkommen! Da ist eine Frau zusammengeschlagen worden!“, schrie sie hektisch und machte bereits wieder auf dem Absatz kehrt.

Nina folgte ihr. Im Gang vor der Damentoilette zwängte sie sich durch die gaffende Menge und stolperte dann in den weiß gekachelten Raum. Was sie sah, war nicht schön. Vor einer der Kabinentüren kniete Willi, der Wirt der Gaststätte, mit einer Zange und versuchte das Schloss der Tür zu öffnen, unter der ein blutverschmierter Arm hervorschaute.

„Sie hat von innen abgeschlossen!“, rief Willi Nina zu.

Sie ging in die Hocke und fasste nach dem schmalen Handgelenk der Frau. Der Puls war nicht zu fühlen. Nina versuchte, die in ihr aufsteigende Panik zu unterdrücken. Sie musste Ruhe bewahren.

„Kann bitte jemand den Notarzt rufen!“

„Schon passiert!“, rief eine unbekannte Mittvierzigerin.

Nina sprang auf und stieß die Tür zur Nachbartoilette auf, stieg blitzschnell auf das Klo und zog sich an der Trennwand zwischen den Kabinen hoch, um darüber zu schauen. Sie erkannte die junge Frau, die dort verkrümmt lag und sie aus leblosen Augen anstierte, sofort. Es handelte sich um das Girlie, dem sie vor nicht einmal einer halben Stunde ihre Cola ins Dekolleté geschüttet hatte. Ihr Gesicht war blutüberströmt, ebenso ihre Kleidung.

Wer, zum Teufel, richtete einen anderen Menschen so her? Mühsam zog sie sich an der Trennwand in die Höhe, setzte dabei den rechten Fuß auf den Toilettenspülkasten und schwang sich dann auf die andere Seite. Vorsichtig ließ sie sich heruntergleiten und stand schließlich auf dem blutverschmierten Rand der Toilettenschüssel. Der Klodeckel klemmte zerbrochen zwischen der jungen Frau und der Trennwand. Sie bemerkte, wie sich die Toilettentür bewegte. Willi schien es geschafft zu haben, das Schloss von außen zu öffnen. Keine wirkliche Besserung der Lage, da die Tür nach innen aufschwang, wo aber immer noch der leblose Körper der Blondine lag. Nina packte die junge Frau von hinten unter die Achselhöhlen und zog sie zu sich, sodass von außen die Tür aufgeschoben werden konnte.

„Willi, pack mit an!“, schrie sie den Wirt an.

Der reagierte sofort, umfasste die Knöchel der Leblosen und zog sie gemeinsam mit Nina nach draußen. Ninas letzter Rote-Kreuz-Kurs lag schon etwas länger zurück, dennoch glaubte sie genau zu wissen, was sie tat. Sie fühlte noch einmal den Puls an der Halsschlagader der Blondine. Nichts. Gerade als sie das Kinn der Frau fasste, um den Mund zum Beatmen zu öffnen, stürmte ein junger Mann aus der Menschentraube, die sich auf dem Flur vor den Toiletten gebildet hatte, herein. Seine Worte: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt!“ nahm sie mehr als dankbar wahr.

Sofort rutschte sie zurück, bis sie die geflieste Wand hinter sich spürte. Ninas Herz raste, während sie dem Arzt dabei zusah, wie er damit begann, die Frau zu reanimieren.

*

Als sie gegen Mitternacht den Gastraum betrat und sich zu Klaus und Alexandra an einen der Tische setzte, konnte sie noch nicht einmal mehr sagen, wie lange der Versuch der Wiederbelebung gedauert hatte. Vielleicht nur Minuten oder gar eine halbe Stunde. Fakt war, dass Silke Münchwald, wie die blonde junge Frau hieß, tot war. Erschlagen in einer von innen verschlossenen Toilettenkabine. Der Notarzt hatte ihren Tod festgestellt. Klaus sah sie fragend an. Nina schüttelte den Kopf.

„Sie hat es nicht geschafft. Die Kollegen von der Spurensicherung sind unterwegs.“

Dann sah sie zu Alex.

„Ich habe gerade mit Thomas telefoniert. Du musst nach Hause, damit jemand bei den Kindern ist. Ich brauch ihn hier.“

Die Freundin nickte verständnisvoll. Als Ehefrau eines Kriminalpolizisten kannte sie das Prozedere. Nina und Thomas Kübler waren seit mehr als drei Jahren ein Team. Dazu kam, dass sie sich auch privat super verstanden. Natürlich nur als Freunde. Sie befanden sich schließlich beide in einer festen Beziehung. Aber auch wenn dem nicht so wäre, würden sie ausschließlich gute Freunde sein. Thomas war in Ninas Augen ein Kumpeltyp, mit dem man Pferde stehlen konnte, aber mit Sicherheit kein Traumtyp fürs Leben.

„Fährst du mich?“, erkundigte Alex sich.

Nina schüttelte den Kopf.

„Nee, Alex. Einer der uniformierten Kollegen bringt dich heim. Ich warte hier auf die Gerichtsmedizin.“

Der große Saal der Gaststätte Haus Hellertal war hell erleuchtet. Da, wo vor zwei Stunden noch lauter Rock’n’Roll geschepperte hatte, nahmen nun gut ein Dutzend Polizisten die Personalien und Aussagen der Konzertbesucher auf. Zumindest von denen, die noch da waren. Nina hatte sofort, als ihr klar war, dass hier ein Verbrechen geschehen war, den Ausgang sperren lassen. Die Mitglieder des Kleinkunstvereins, der das Konzert mitorganisiert hatte, und die Bedienungen der Gaststätte übernahmen diese undankbare Aufgabe. Nicht jeder der Konzertbesucher sah es ein, dass er hier nicht wegdurfte, bevor die Polizei wenigstens seinen Namen und seine Adresse aufgenommen hatte. Wer damit fertig war, durfte gehen. Am Ausgang stand ein Kollege der Kriminaltechnischen Untersuchung und beleuchtete dann noch einmal kurz jeden mit einer Speziallampe. Selbst der kleinste Blutstropfen würde darunter sichtbar werden. Sie sah an sich hinunter. Ihre Bluse und ihre Jeans waren total beschmiert. Die Tote hatte eine Menge Blut verloren, und wer immer sie so übel zugerichtet hatte, musste ebenfalls eine Menge davon abbekommen haben. Auf der Bühne standen noch immer die Kisten mit dem Equipment der Band. Als Nina die verpackten Instrumente sah, fiel ihr noch etwas ein. Sie rannte die kleine Treppe hinauf, zurück in den Gastraum, wo Klaus und seine Kollegen von der Band noch immer beisammen saßen und sich unterhielten. Sie setzte sich zu ihnen, sah Klaus kurz an und fragte dann:

„Kann es sein, dass die Frau dir während des Konzerts was zugesteckt hat?“

Er sah sie erstaunt an, erhob sich dann, fasste in die vordere Tasche seiner Jeans und zog eine zerknitterte Karte hervor.

„Hatte ich ganz vergessen.“

Klaus betrachtete das Kärtchen und reichte es ihr dann. Nina überflog es. Es handelte sich tatsächlich um eine Visitenkarte. Silke Münchwald besaß, wie es schien, ein eigenes Nagel- und Kosmetikstudio. „Beauty-Queen“, las Nina den Namen des Studios laut und blickte in die Runde. Die Stimmung bei den vier Musikern war auf dem Nullpunkt. Wochenlang hatten Klaus und die anderen drei fast jeden Abend in ihrem Proberaum verbracht, um für den Auftritt zu üben. Es sollte der erste in neuer Besetzung sein. Erst im letzten Herbst war Karsten, der Bassist der Band, ausgestiegen, wegen musikalischer Differenzen, erklärte Klaus ihr damals. Nina hatte nicht weiter nachgefragt. Als Ersatz für Karsten war Fred Müllers eingestiegen, ein hagerer, verschlossener Typ mit Glatze. Das Einzige, was Nina über ihn wusste, war, dass er bereits 48 Jahre alt war und dass sie ihn nicht mochte, was ja auch nicht unbedingt notwendig war. Sie musste schließlich niemanden mögen, nur weil ihr Lebensgefährte mit ihm musizierte. Es sollte DER Abend für die vier Hobbymusiker werden. Und jetzt war eine der Zuschauerinnen tot.

„Woher wusstest du, dass sie mir das Kärtchen zugesteckt hat?“, riss Klaus Nina aus ihren Gedanken.

„Ähm, ich hab’s gesehen“, stammelte sie, da sie mit der Frage nicht gerechnet hatte. Klaus sah zu der Karte in ihren Händen.

„Dir entgeht auch nichts“, stellte er fest und lächelte. Nina gab ihm einen flüchtigen Kuss.

„Nein, mein Schatz, ich habe halt immer ein Auge auf dich.“

„Na dann Prost“, meinte Günter, der Keyboarder mit sarkastischem Unterton und stieß mit Moritz, dem Jüngsten der vier, an.

Feierlaune nach einem schönen Abend sah definitiv anders aus. Nina merkte, wie sie rot wurde. Dann stand sie einfach auf und ging davon. Im Gang vor den Toiletten traf sie auf Kommissar Thomas Kübler.

„Und, habt ihr was gefunden?“, fragte sie.

Er schüttelte hastig den Kopf und zischte ihr zu:

„Lambrecht sucht dich. Er ist stinksauer.“

Nina verstand nicht. Warum sollte Staatsanwalt Lambrecht auf sie sauer sein? Gut, sie beide waren keine Freunde und würden es mit Sicherheit auch niemals werden. Lambrecht war in Ninas Augen nichts weiter als ein schmieriges, sexistisches Arschloch. Dumm war nur, dass sie ihm das bereits einmal in ihrem Zorn genauso an den Kopf geworfen hatte. Wie dem auch sei, er war der Staatsanwalt und sie nur eine kleine Oberkommissarin, die aufpassen musste, was sie im Dienst von sich gab.

„Was will er denn?“, fragte sie und merkte sofort an Thomas‘ Blick an ihr vorbei, dass sie nicht mehr alleine in dem Flur waren. Sie wirbelte herum. Wie befürchtet, stand Lambrecht direkt hinter ihr. Er trug einen Smoking, dazu eine schwarze Fliege.

„Schick“, kommentierte Nina das Outfit.

Lambrechts Gesichtsausdruck zeigte keine Regung auf das Kompliment. Nina hatte nichts anderes erwartet.

„Sind Sie eigentlich von allen guten Geistern verlassen?“, zischte er wütend.

Nina runzelte die Stirn.

„Ich kann Ihnen gerade nicht wirklich folgen, Herr Doktor Lambrecht. Würden Sie mir erklären, was Sie meinen?“

Die Röte in Lambrechts Gesicht nahm zu. Nina kannte das bei ihm. Gleich würde es laut werden. Und wenn, sie war sich nicht bewusst, etwas Falsches getan zu haben.

„Was denken Sie eigentlich, wer Sie sind, Frau Moretti? Diesmal haben Sie den Bogen überspannt.“

Nina verstand noch immer nicht. Doch noch bevor sie erneut nachhaken konnte, schrie er weiter.

„Ich habe immer gewusst, dass Sie eine tickende Zeitbombe sind, dass Sie irgendwann total ausflippen und jemand zu Schaden kommt. Sie sind suspendiert, Frau Moretti. Ich will Sie nicht mehr sehen, bevor diese Angelegenheit hier geklärt ist. Das wird Konsequenzen haben, das schwöre ich Ihnen.“

Nina war wie vor den Kopf geschlagen.

„Hätten Sie, verdammt noch mal, die Güte, mir zu erklären, was Sie meinen?“, schrie sie nun ebenfalls.

Lambrecht stürmte auf sie zu und schob sie wie ein wildgewordener Stier in Richtung der Damentoilette.

„Das da meine ich, und das wissen Sie ganz genau.“

Er deutete auf die tote junge Frau, die in ihrem Blut auf dem Kachelboden zwischen den Toilettenkabinen und dem Waschbecken lag.

„Sind Sie verrückt geworden?“, keuchte sie. „Ich habe der Frau doch nur helfen wollen.“

„Genau, Frau Moretti. Sie wollten ihr nur helfen, nachdem Sie sie totgeschlagen haben“, zischte er bösartig.

Nina starrte ihn mit offenem Mund an. Dann sah sie wieder zu der Toten.

„Sie glauben, dass ich etwas mit ihrem Tod zu tun habe?“

Sein Kinn zitterte.

„Ja, das glaube ich. Wir haben eine Zeugin, Frau Moretti. Sie wurden gesehen, als Sie Frau Münchwald zuerst Ihre Cola übergeschüttet haben und sie dann bedrohten.“

Nina tippte sich an die Stirn.

„Ich soll ihr gedroht haben?“

Sie lachte laut auf.

„So einen Bullshit habe ich lange nicht mehr gehört. Wer immer Ihre Zeugin ist, Doktor Lambrecht, sie lügt. Da draußen gibt es Dutzende von Leuten, die bezeugen werden, dass ich die Toilette erst nach der Tat betreten habe.“

Lambrecht schnaufte wieder.

„Dafür, dass Sie der Toten das Glas übergeschüttet haben, gibt es sogar mehrere Zeugen, Frau Moretti.“

„Na und“, konterte Nina „nur weil ich ein bisschen Cola verschütte, bringe ich keinen um!“

Lambrecht schüttelte hämisch grinsend den Kopf und deutete auf den Spiegel an der Wand. „Habe Sie sich einmal im Spiegel betrachtet, Frau Moretti?“

Sie besah sich das Spiegelbild. Auf ihren Wangen war ein Striemen Blut zu sehen.

„Sie sind von oben bis unten mit dem Blut der Toten behaftet. Aus der Nummer kommen Sie nicht mehr raus, Moretti. Sie haben Frau Münchwald attackiert, weil die sich an Ihren Lebensgefährten rangemacht hat. Erst schütten Sie ihr die Cola über, dann folgen Sie ihr auf die Toilette, prügeln sie zu Tode und flüchten anschließend über die Toilettenwand in die Nachbarkabine. Danach mischen Sie sich wieder unter das Partyvolk da draußen, um nachher die Retterin zu spielen.“

Nina sah ihn fassungslos an.

„Sie sind ja irre, Lambrecht, paranoid. Warum sollte ich ihr helfen wollen, wenn ich sie erst erschlagen habe? Das wäre doch absurd!“

Er schüttelte den Kopf.

„Nein, Frau Moretti, ist es nicht. Ihre Kollegen haben alle Personen, die zur Tatzeit im Lokal waren, auf Blutspuren untersucht. Niemand außer Ihnen, dem Wirt und dem Arzt hatte Blut an sich.“

Er deutete auf die Kabine.

„Die Toiletten wurden erst kürzlich komplett gereinigt. Im oberen Bereich gibt es nur da, wo Sie hinübergestiegen sind, Fingerabdrücke. Ihre Fingerabdrücke!“

Nina sah Hilfe suchend zu Thomas und Torsten Liebig, einem weiterem Kollegen aus ihrem Team und einem der Besten, wenn es um Spurensicherung ging. Beide schienen von Lambrechts Behauptungen mindestens so geschockt zu sein wie sie selbst. Niemand sagte mehr etwas. Nina schob Lambrecht zur Seite und verließ den Raum. Hier war jedes Wort zu viel. Es würde sich schon herausstellen, wie es wirklich gewesen war. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen.

„Wir brauchen Ihre Kleidung, Frau Moretti. Das sind Beweismittel!“, hörte sie den Staatsanwalt hinter sich her schreien.

Wütend drehte sie sich noch einmal um.

„Wenn Sie mir an die Wäsche wollen, dann holen Sie sich, was Sie brauchen. Wenn ich nackt bin, können Sie mich auch besser am Arsch lecken!“

Zornig verließ sie das Lokal durch den Saal. Am Ausgang traf sie auf Klaus, der gerade einen großen Lautsprecher nach draußen buckelte. Wortlos ging sie an ihm vorbei ins Freie. Die kühle Luft tat gut. Sie kämpfte mit den Tränen und musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszuschreien. Im Laufschritt rannte sie um die Gaststätte herum zu dem Parkplatz am Hellerufer. Was sollte sie jetzt tun? Sie konnte doch unmöglich die Hände in den Schoß legen und abwarten! Nichtstun war etwas, das es für sie nicht gab. Sie ging zu ihrem VW-Käfer und ließ sich auf den Kotflügel sinken. Dann begann sie doch zu heulen.

„Schatz?“, hörte sie die fragende Stimme von Klaus, noch bevor sie seine Gestalt in der Dunkelheit ausmachen konnte. Er kam auf sie zu und nahm sie in den Arm.

„Hey, was ist denn los?“, flüsterte er.

Nina drückte sich an ihn. Es tat gut, ihn zu spüren, ihn bei sich zu haben.

„Ich hab Mist gebaut“, schniefte sie nach einer Weile. Er schob sie sachte ein Stück von sich und strich ihr die Haare aus dem Gesicht.

„Hast du Lambrecht eine geknallt?“, fragte er vorsichtig.

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein, aber ich hab ihm gesagt, dass er mich am Arsch lecken kann.“

Klaus lachte gespielt. Natürlich war ihm der Ernst der Lage klar. Dann erzählte sie ihm von der Cola, die sich nicht wirklich versehentlich in das Dekolleté der Blondine verirrt hatte. Kurz befürchtete sie, Klaus könnte böse auf sie sein. Als sie endete, brummte er nur: „Du bist ein wahrhaft ungezogenes Mädchen, Nina Moretti. Wer dich zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr.“

Dann begann er zu kichern, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und drückte sie fest an sich.

„Scheiße! Was mach ich denn jetzt bloß?“, wollte sie wissen.

Klaus wusste die Antwort sofort.

„Am besten, du sprichst erst mal mit Hans Peter. Vielleicht hat der eine Idee.“

Er hatte recht. Wenn einer wusste, wie es weiterging, dann war das Oberkommissar a.D. Hans Peter Thiel.

Kapitel 2

Sonntag, 29. September 2013, 0:24 Uhr Alsdorf bei Betzdorf/Sieg – Haus Hellertal

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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