• Herausgeber: btb
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Pietätvolle Ermittlungen! Ein Bestatter deckt auf...

Nach zehn Jahren kehrt Viktor Anders in das Haus seiner Eltern zurück, um sein Erbe anzutreten: die Teilhaberschaft am Familienbetrieb – einem Beerdigungsinstitut. Auch wenn Onkel Wolfgang wenig begeistert ist, dass er seinen Neffen, ehemaliger Surflehrer und Weltenbummler, in das ernste Bestattungswesen einarbeiten muss. Als Viktor seine erste Leiche für das Begräbnis vorbereitet, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung: Eine Patronenkugel steckt im Rücken des Toten. Viktor beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln – ohne zu ahnen, dass er mit diesem Fall auch ein bislang verborgenes Familiengeheimnis enthüllt …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 295


Tessa Korber

Gemordet wird immer

Ein Bestatter-Krimi

Zehn Jahre lang genoss Viktor das Leben, tingelte durch die Welt, nahm die Jobs an, die ihm gefielen, und zog weiter, wenn er genug von einem Ort hatte. Nun, zurück in der fränkischen Provinz, will er sein Erbe antreten und die Teilhaberschaft am Familienbetrieb – einem Bestattungsinstitut – übernehmen.

Auch wenn Onkel Wolfgang wenig begeistert ist, dass er seinen Neffen in das ernste Bestattungswesen einarbeiten muss. Als Viktor seine erste Leiche für das Begräbnis vorbereitet, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung: Eine Patronenkugel steckt im Rücken des Toten. Viktor beginnt, auf eigene Faust zu ermitteln – ohne zu ahnen, dass er mit diesem Fall auch ein bislang verborgenes Familiengeheimnis enthüllt …

TESSA KORBER, 1966 in Grünstadt in der Pfalz geboren, studierte in Erlangen Germanistik und Geschichte und promovierte im Fachbereich Germanistik. Die Autorin lebt mit ihren beiden Kindern in der Nähe von Nürnberg.Mehr unter www.tessa-korber.de

1. Auflage

Originalausgabe September 2012

Copyright © 2012 by btb Verlag

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotive: © Richard Wahlstrom/Getty Images; Joe Michl/iStockphoto

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

LW · Herstellung: BB

ISBN 978-3-641-07598-9

www.btb-verlag.de

Besuchen Sie unseren LiteraturBlog www.transatlantik.de!

1

Mit dunkelrotem Kopf wuchtete der Taxifahrer Viktors Rucksack aus dem Kofferraum. »Was haben Sie denn da drin, Meister, ’ne Leiche?«

Viktor stand vor dem Gartentor und zählte ratlos das Kleingeld. An diese Euros würde er sich nie gewöhnen. »Hmm«, murmelte er. Über seinem Kopf wölbte sich das Firmenschild mit den verschnörkelten schmiedeeisernen Buchstaben: W. & O. Anders. Bestattungen. O. war sein Vater gewesen. W. war Onkel Wolfgang.

»Klar, ’ne Leiche«, erwiderte Viktor und streckte dem Mann einen Zwanziger hin.

Der Fahrer warf einen schrägen Blick erst auf das Schild, dann auf Viktor, schnappte sich schnell das Geld, stieg ein und fuhr mit quietschenden Reifen davon.

Kinderstimmen ließen Viktor an die hohe Gartenmauer treten, doch sie kamen von einem Nachbargrundstück. Schon seltsam, dachte er, während er sich hochstemmte und mit einem Blick all das erfasste, was die Erinnerung an seine Kindheit ausmachte. Seltsam, einen Ort wiederzusehen, an den man eigentlich nie mehr hatte zurückkehren wollen. Da war er noch immer, der verborgene Garten, voll wilder Rosen und düsterer Fichten, an denen der Efeu hinaufkroch. Als Kind war das sein ganz persönlicher Räuberwald gewesen. Heute fand Viktor ihn eher vernachlässigt als geheimnisvoll. Und alles wirkte mit einem Mal sehr überschaubar. Die orangefarbenen Markisen des Hauses waren verblasst und erinnerten in keinster Weise mehr an die Banner einer feindlichen Burg, die erobert werden wollte. Wie oft hatten sie die damals gestürmt, eine wilde Horde Cousins und Cousinen, die kämpften für unsterblichen Ruhm, Kakao und Kuchen.

Viktor ließ sich wieder hinunterfallen, klopfte den Staub von der Jeans, schulterte seinen Rucksack und ging zum Eingang. Er war zurückgekommen, um mehr einzufordern als Süßigkeiten. Energisch drückte er die schmiedeeiserne Pforte auf. Das durfte nicht wahr sein: Da stand es ja schon wieder, das scheußliche Füllhorn aus Beton. Hatte er ihm vor zehn Jahren zum Abschied nicht einen Tritt versetzt, sodass es in viele kleine Stücke zersprungen war? Viktor bückte sich. Jemand hatte es sorgsam gekittet und mit Stiefmütterchen bepflanzt. Viktor lächelte bitter. Im Erdgeschoss wackelte eine Gardine.

Viktor ließ seinen Rucksack fallen, packte das Füllhorn, stemmte es hoch und ging hinüber zur Mülltonne. Vor dem Tor blieb eine Spaziergängerin stehen und betrachtete Viktors Bemühungen, mit einem freien Finger den Tonnendeckel aufzubekommen. Mit offenem Mund stand sie da, der Kleidersaum hing schief um ihre Beine, an denen vier Pekinesen schnupperten und kratzten.

Viktor starrte zurück. »Blumen gefällig?«, fragte er und streckte ihr seine Last hin.

Sie grunzte, reckte das Kinn und ging weiter, eine von vier Pekinesen gezogene Quadriga der Empörung.

Viktor versenkte das feindliche Flaggschiff, das zu seiner Zufriedenheit am Grund der Tonne in tausend Scherben zersprang. Die Blumen zitterten nach. Stiefmütterlich gehandelt, dachte er und knallte den Plastikdeckel zu. Man konnte es schließlich nicht allen recht machen.

Sein Meister wäre darüber gar nicht glücklich, dachte er ein wenig kleinlaut, während er mit knirschenden Schritten den Kiesweg entlangging. Aber Herrgott … Immerhin hatte er dem meisterlichen Rat gehorcht und war hergekommen. Bereit dafür, Klarheit zu finden. Aber dass er in jedem Detail wie ein Musterschüler handelte, war einfach zu viel verlangt.

Die Haustür öffnete sich, ohne dass er geklingelt hatte.

»Hallo, Tante Hedwig.«

Auch seine Tante sah noch genauso aus wie damals: dauergewellte Allerweltslöckchen um ein Allerweltsgesicht herum, das liebe Lächeln unbesiegbar und unerschütterlich bis zur Debilität. Was hatte es ihn früher wütend gemacht, wenn er etwas wissen wollte und keine andere Antwort bekam als ebendieses Lächeln. Tante, wo kommen die Babys her? Lächeln, Schweigen. Tante, was ist ein Einspritzsystem? Was bedeutet: reziproker Wert? Wer war dieser Hitler? Tante Hedwig, sag mal, was ist eigentlich Nekrophilie?

Lächeln, Seufzen, »Ach.« Und ein Streicheln über den Kopf. Schwer zu sagen, wie alt sie war. Dick war Tante Hedwig schon immer gewesen, auf eine matronenhafte, schwerleibige Weise. Auch die Liebe zum Geblümten war ihr geblieben. Und sie trug nach wie vor ihre Schürze mit den gestärkten Spitzen, die jeden Gedanken an eine Sexualität im Keim erstickte. Als Kind hatte sie ihn an die Baisers erinnert, die sie immer servierte.

»Viktor?«, sagte sie fragend. »Mein Gott, Junge …«

»Hallo Tante Hedwig.« Er küsste sie auf die Wange und ließ es zu, dass sie mit den Fingern durch seine Haare fuhr.

»Herrjeh, so lang«, murmelte sie.

Viktor strich seine Locken zurück. Er hatte sich den Pferdeschwanz beim Flughafenfriseur abschneiden lassen, um etwas seriöser zu wirken, aber jetzt sprangen stattdessen störrische, rostfarbene Spiralen um seine Stirn und ließen ihn so jungenhaft aussehen wie eh und je. »In meinem Alter, Tante Hedwig«, sagte er, »muss ein Mann froh sein über jedes Haar, das er besitzt.«

Ohne auf eine Einladung zu warten, ging er an ihr vorbei in den Flur. Zwei Schritte hinter der Tür blieb er stehen – dieser Geruch nach lauem Blumenwasser, nach Lilien und Kerzen, wie in einer Kirche. Ihm fiel wieder ein, warum er die letzten zehn Jahre kein Gotteshaus betreten hatte. Viktor starrte auf das Stillleben, das seit jeher die Besucher des Instituts Anders im Flur begrüßte. Brennende Kerzen umrahmten ein Gesteck aus weißen Blüten, davor lag aufgeschlagen ein Kondolenzbuch. Unwillkürlich zog er es heran und überflog die Seiten. Es ging nicht um seine Eltern, wie auch. Seit er die Nachricht von ihrem Tod erhalten hatte, waren Monate vergangen. Und noch einmal Wochen, bis er sich zu dem wichtigen Schritt hatte entschließen können, sein Erbe anzutreten. Sicher, es ging um Geld, gar nicht mal um wenig Geld, wenn man seine finanzielle Lage bedachte. Dennoch hätte kein Vermögen der Welt ihn hierher zurückgebracht, dachte er und schloss das Buch mit einem Knall. Doch da gab es eben noch etwas, dem er unbedingt auf den Grund gehen musste: Hannahs Tod, der seine sorgenfreie Kindheit mit einem Schlag beendet hatte. Ihm war immer bewusst gewesen, dass er eines Tages zurückkehren würde, ihretwegen.

Viktor zupfte an den Blumen. Er versuchte, nicht auf die Türen zu starren; die rechte war verboten gewesen und führte in das Büro hinüber, die linke, noch verbotener, in den Keller. In den Keller.

»Dein Vater hatte auch bis zuletzt so wunderbar kräftiges Haar«, unterbrach Tante Hedwig seine Gedanken. »Komm doch ins Wohnzimmer. Ich habe uns einen Kaffee gekocht.« Viktor pflückte eine der Blüten und steckte sie ihr hinter das Schürzenband. Tante Hedwig errötete leicht. »Ach Viktor, du warst schon immer ein Verrückter.«

Sie setzten sich an den gedeckten Tisch, mit Blick auf den düsteren Garten voller großer Kiefern. Seine Tante hatte das gute Geschirr gewählt, Leinenservietten, silberne Zuckerzange – das volle Programm.

»Wolfgang ist auf einer Beerdigung. Wir wussten ja nicht, was du, ich meine, wann du …«

Viktor setzte sich auf die Kante seines Stuhls und blickte auf die massive Schrankwand aus Eichenholz mit ihren vollgestopften Vitrinen. Er dachte an den Teeraum seines Sensei, der so schlicht und luftig war. Vor den offenen Reispapiertüren hatte der Hibiskus geblüht.

»Warum bist du eigentlich …«

»Schon gut, Tante. Ich hatte nicht erwartet, dass ihr mit einem gebratenen Lamm am Flughafen aufkreuzen würdet.«

Seine Tante blinzelte. »Milch und Zucker?«, fragte sie schließlich.

Sie rührten in ihren Tassen und schwiegen erneut. Viktor war das nur recht. Er hatte es gelernt zu schweigen. Und auch dem Schweigen standzuhalten. Er konnte warten. Und seine Antworten würde er bekommen.

»Was hast du denn so gemacht die letzte Zeit?«, brachte Hedwig schließlich heraus.

»Du meinst, die letzten zehn Jahre?«

»Nimm doch noch ein Baiser.« Da war es wieder, dieses Lächeln.

»Nun«, begann Viktor und lehnte sich zurück. »Ich, äh …« Verdattert starrte er aus dem Fenster. »War das eine Katze, die da eben vorbeigeflogen ist?«

»Hat er es schon wieder getan?« Seine Tante sprang auf und lief aus dem Zimmer. Er hörte ihr Schimpfen auf der Treppe leiser werden und im ersten Stock das Schlagen einer Tür. Dann war alles still. Nur die große Standuhr erfüllte das Zimmer mit ihrem Ticken.

Ja, was hatte er eigentlich so getrieben die letzten Jahre? Nachdem er mit nichts als ein paar Mark, die er seiner Mutter aus dem Geldbeutel geklaut hatte, aus dem Haus geschlichen war? Intensiv wie lange nicht mehr erinnerte er sich an die einsame nächtliche U-Bahn-Fahrt zu seinem besten Freund, und wie verzweifelt er in dem regennassen Garten gestanden und Steinchen an Markus’ Fenster geworfen hatte, bis der endlich aufgewacht war. Wie der Zufall es wollte, sollte Markus am nächsten Morgen einen Aufenthalt im Kibbuz antreten. ›Sühnearbeit für die deutsche Vergangenheit‹ hatten seine Eltern das genannt. Seine Freundin war am Boden zerstört, und Markus fand die Idee großartig, Viktor Pass und Ticket zu überlassen und stattdessen im Schrebergartenhaus von Stellas Eltern zu kampieren.

Einen halben Tag später fand Viktor sich zwischen Meer und Wüste wieder. Er pflückte Orangen, arbeitete in der kibbuzeigenen Käsefabrik, im Kindergarten, der Autowerkstatt, dem Stall und der Mensa. Nach den drei Monaten wechselte er den Kibbuz und verlängerte seinen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit. Er ritt morgens am Strand entlang und lag abends im Schlafsaal in seinem Stockbett und hörte Musik. Er wurde ein Meister im Backgammon. Er war beliebt bei den anderen, war einer von ihnen, nur dass er nichts von zu Hause erzählte und auch keine Postkarten schrieb. Aber das fiel kaum auf.

Eines Tages dann sprach ihn diese alte Frau an, eine kibbuzzbekannte Eigenbrötlerin, von der man munkelte, dass sie eine Nummer auf dem Handgelenk tätowiert hätte. Sie hielt ihm ihren Stock vor die Brust, damit er stehen blieb, und fragte ihn, was er hier zu suchen hätte. Alle hatten ihm gesagt, dass sie das bei jedem tat, der aus Deutschland käme, und dass er sich nichts daraus machen sollte. Doch ihre Frage ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er hatte keine Antwort gefunden. Und wem kein Grund zum Bleiben einfiel, dachte er, der musste wohl gehen.

Das Geld, das er im Kibbuz verdient hatte, reichte für einen langen Flug, weit fort von dieser Frage. Aber war er deshalb der Antwort nähergekommen? Bis heute dachte er, die Frau müsste ihm angesehen haben, dass er fast jede Nacht von Alpträumen geplagt wurde, in denen der Tod ihn umgab, dieser Meister aus Deutschland.

»Tahumptatumptatam«, summte Viktor einen Marsch vor sich hin. Er stand auf und schaute hinaus. Aber weder auf dem Rasen um die Terrasse noch zwischen den rötlichen Stämmen der Bäume weiter hinten war auch nur die Schwanzspitze einer Katze zu entdecken.

Im selben Moment hörte er die Eingangstür ins Schloss fallen. Viktor wandte sich um. »Hi, Onkel Wolfgang«, sagte er.

2

»Hai«, wiederholte sein Onkel gedehnt und zeigte alle Zähne. Bei ihm klang es wie ein letzter Gruß in Fischform. Wolfgang Anders verzog das Gesicht, als hätte er etwas Bitteres geschmeckt. Er zupfte seinen schwarzen Anzug zurecht, setzte sich an den gedeckten Kaffeetisch und musterte eingehend die üppigen Blüten auf Viktors Hawaiihemd.

»Ein Abschiedsgeschenk«, erklärte Viktor. »Von den Jungs aus der Surfschule. Ich mag vor allem die Papageien.«

»Surfschule?«, fragte Tante Hedwig, die wieder hereingekommen war, um ihrem Mann Kaffee und Milch einzuschenken. »Wie interessant.«

»Wusstest du das nicht, Hedwig?«, fragte der Onkel, ohne Viktor aus den Augen zu lassen. »Als seine Eltern aus dem Leben schieden, ohne auch nur das Geringste vom Verbleib ihres Kindes zu wissen, amüsierte sich unser Neffe an den Stränden von Hawaii. Stimmt’s Viktor?«

»Oh ja«, bestätigte der und hob die Tasse an die Lippen. »Ich habe quasi Tag und Nacht am Strand verbracht. Vor allem die Nächte.« Er zwinkerte seiner Tante zu. »Ihr wisst ja, wie das ist, Sonne, Strand, Bikinis, Rum.«

Sie mussten ja nicht wissen, dass er meist im Geräteschuppen geschlafen hatte, zumindest bis sie in der Surfschule genug Vertrauen zu ihm gefasst hatten.

»Ja, aber eine Surfschule?«, fragte Tante Hedwig ratlos. »Du warst als Kind doch immer so wasserscheu?«

»Tja, aus dem Job als Gärtner in der Ferienanlage bin ich rausgeflogen, weil die Verwaltung herausgefunden hat, dass ich ab und zu in den leerstehenden Appartements gepennt habe. Nicht alleine, noch dazu.« Er grinste. »Aber dann entdeckte ich zum Glück das handgeschriebene Schild: ›Saisonal help needed.‹ Ich hab mir den Sand aus den Haaren gekämmt, angeklopft, gelächelt und den Job bekommen.«

»Die Menschen definieren Karriere eben unterschiedlich.« Onkel Wolfgang schüttelte den Kopf. »Andererseits verstehe ich jetzt, warum du so plötzlich hier auftauchst.«

Viktor wandte sich wieder an seine Tante. »Es ist gar nicht so übel, im Freien zu schlafen. Die Mädchen fanden es meist sogar ausgesprochen romantisch.«

»Touristinnen, nehme ich an«, sagte sein Onkel. »Ahnungslose Dinger, die gar nicht erst die Chance bekamen herauszufinden, dass du schlicht kein Zuhause besitzt.«

»Ich besaß meinen Rucksack.« Viktor hob ihn hoch und ließ ihn mit einem Rumms wieder fallen. »Andere schlafen über Leichen.«

»Ich werde mal nach dem Braten sehen«, rief Tante Hedwig und floh in die Küche.

»Vielleicht sollten wir das Gespräch drüben fortsetzen.« Der Onkel zeigte zum Büro hinüber, das Viktor als Kind nie hatte betreten dürfen. Umso mehr Vorstellungen hatte er sich davon gemacht. In seiner kindlichen Fantasie war es so etwas wie ein ägyptischer Tempel gewesen, bewacht von einem Kerberos oder Anubis, mindestens, mit Säulen und steinernen Gesichtern, so ernst wie die ihrer Eltern, wenn sie dort gewichtig ein und aus gingen und nie vergaßen, den Schlüssel im Schloss umzudrehen.

»Wenn du meinst, dass ich alt genug dafür bin.«

Sein Onkel würdigte ihn keiner Antwort. Er schloss auf. Das Geräusch, Viktor konnte es nicht verhindern, verursachte ihm eine leichte Gänsehaut.

Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. »Die heiligen Hallen«, murmelte er. »Tja.«

Die Tapeten stammten aus den Siebzigern, waren verblichen wie alte Familienfotos und zugepflastert mit Kalenderbildern. Kahle Bäume im Schnee, weite Himmel über Rapsfeldern und vergilbte Mittelmeeransichten bemühten sich tapfer, Tod und Leben zu symbolisieren. Daneben warben Bilder von Schiffen und Männern in Kapitänsuniform für Seebestattungen zu Sondertarifen, als wären es Fischstäbchen. Poster mit Brillanten auf lila Samt klärten auf, dass die Ewigkeit auch in Form eines Schmuckdiamanten aus Asche zu haben war.

»Hier also wirkt der Genius.« Viktor drehte sich einmal um sich selbst. »Na ja, man sieht, dass ihr nicht darauf aus seid, Frohsinn zu verkaufen.«

Urnen aller Designrichtungen füllten die umlaufenden Regale. Viktor sah triste Töpfe in unterschiedlichen Grauabstufungen, aber auch hochglanzpolierte schwarze Miniaturraumkapseln, die spiegelten wie Darth Vaders Helm, und Vasen mit den Motiven von Sonne, Mond und Sternen darauf. Es gab seltsam geformte Kunstobjekte in gewagtem Flieder, schmiedeeiserne Farne, Rosen und Efeublätter, die sich um witterungsbeständige Herzen oder Eier aus Kunststein rankten, Kugeln, Pyramiden und betende Hände. Sogar weiße Kinderurnen mit Engeln und Nachtigallen versteckten sich in der Menge. Rasch wandte Viktor sich ab.

Auf dem Sideboard war eine Armee handtellergroßer weißer Engel versammelt, mit und ohne Flügel, nackt oder im kurzen Kleidchen, betend, singend oder flehend, im Liegen, Sitzen und Stehen warteten sie darauf, gräberwärts zu marschieren, flankiert von einer Auswahl ewiger Lichter, deren rote Plastikhüllen ihre Marmor-Glieder seltsam rosig schimmern ließen.

»Und hier sind die Eigenheime, ja?« In einer rückwärtigen Kammer lehnten Sargmodelle an der Wand, Kiefer, Eiche und Mahagoni Standard, mit mehr oder weniger Schnitzerei. Aus ihrem unpolierten Inneren rieselten Sägespäne. In den Regalfächern an den Wänden waren verschiedene Griff-Modelle ausgestellt. Viktor nahm ein paar in die Hand, sie waren meist überraschend leicht, nur Silber- oder Messingimitat. Echtes Messing in unterschiedlichen Schnörkelgraden gab es auf Wunsch. Ein Tacker lag herum, für das Auskleiden der Särge mit falschem Satin. Viktor schnappte ihn sich und ließ ihn ein paarmal rattern, bis sein Onkel ihm das Gerät aus der Hand nahm.

Sterbewäsche, die in raschelndes Cellophan verpackt war, quoll aus den Schubladen, glänzende Kleidungsattrappen in Silberweiß, Crème, Perlgrau und Apricot, aus Polyester, wie die Etiketten besagten, eine seltsame Kreuzung aus Kommunionskleid und Nachtwäsche. Viktor strich über die zerdrückten Rüschen. »Na, in so was möchte ich nicht mal begraben sein«, bemerkte er kopfschüttelnd. Es roch nach Holz, warmem Papier und Schnittblumenwasser. Dazu summte ein Computer genügsam vor sich hin.

Endlich eröffnete Wolfgang Anders das Gespräch. »Du hast deinen Eltern damals das Herz gebrochen, weißt du das?«

Viktor tat so, als hätte er die Bemerkung überhört. Er warf einen Blick auf das Preisschild auf dem Bauch des Engels und pfiff anerkennend durch die Zähne. »Also, lass uns über Zahlen diskutieren, Onkel. Die Zahl lautet fünfzig. Fünfzig Prozent. Genau die Hälfte. So war der Betrieb aufgeteilt. Und enterbt hat Vater mich nie, gebrochenes Herz hin oder her.« Er stellte den Engel mit Nachdruck zurück.

»Du scheinst dich ja genau erkundigt zu haben.« Wolfgang Anders kniff die Augen zusammen. »Hast du sonst noch etwas getrieben in all der Zeit, seit du …?«

»… abgehauen bist?«, half Viktor ihm. »Verschwunden warst, vertrieben, geflüchtet?«

»Nun werde nicht melodramatisch, Viktor. Du warst schon immer ein überdrehter, verzogener Bengel …«

»Aber Onkel, spricht man so mit einem Hinterbliebenen?«

»… der es nie gelernt hat, auf eigenen Füßen zu stehen. Was hast du denn schon geleistet, während wir hier für das Überleben der Firma geschuftet haben? Was hast du vorzuweisen, dass du es wagst, hier einfach so plötzlich aufzutauchen und Ansprüche zu stellen?«

»Ich will nur, was mir schlicht und einfach zusteht.«

Sein Onkel trat ans Fenster. »Dein Cousin Rolf hat jetzt seinen eigenen Betrieb als Heizungsbauer, verdient gutes Geld, tja. Der würde niemals …«

Viktor schwieg.

»Ach, und Melanie hat geheiratet letztes Jahr. Aber zu der Feier bist du ja nicht gekommen.«

»Ich war verhindert.«

Onkel Wolfgang schwieg.

»In dieser Familie haben wir immer hart gearbeitet«, sagte er schließlich.

»Wir reden hier ganz einfach über Fakten, Onkel Wolfgang«, erwiderte Viktor. »Mein Erbrecht ist ein Faktum.«

Wolfgang Anders holte tief Luft. »Und wie hast du dir das gedacht? Wir haben ja mit nichts gerechnet. All die Jahre ohne Nachricht. Wir gingen im Grunde davon aus, dass du …«

»Tot bist?« Viktor grinste. »Pardon, ›plötzlich und unerwartet aus einem Leben geschieden, das kaum begann‹, muss es wohl heißen, nicht wahr? Tut mir leid, dass ich damit nicht dienen kann.«

Sein Onkel starrte ihn lange an. Endlich wischte er sich über die Stirn, auf der Viktor bereits Schweißperlen erkennen konnte. »Also, auszahlen kann ich dich nicht.«

Viktor fragte sich, wie viele Nächte sein Onkel wohl hier über den Büchern verbracht haben mochte, seit der verlorene Sohn sein Kommen angekündigt hatte. Hoffentlich hatte er die Bilanzen ordentlich mit Angstschweiß getränkt. Viktor wartete einen Moment, dann winkte er ab. »Das wird auch nicht nötig sein, Onkel. Ich habe nämlich beschlossen, in das Unternehmen mit einzusteigen.« Er ignorierte, dass sein Onkel nach Luft schnappte. »Ich werde auch die Wohnung übernehmen.«

»Die Wohnung?«

Viktor wies mit dem Daumen nach oben. »Die Wohnung, ja, den Ostflügel oben. Fünf Zimmer, Küche, Bad, Balkon. Mein Erbe. Meine Heimat, ganz nebenbei. Wo ich als Kind gelebt habe.« Ich und Hannah, dachte er, Hannah und ich. Diese Schuld werdet ihr begleichen. »Und im Betrieb gehe ich dir als dein Compagnon zur Hand.«

»Das ist ganz und gar unmöglich«, blaffte sein Onkel. Er richtete sich auf. »Der Beruf des Bestatters ist mit großer Verantwortung verbunden. Er verlangt Charakterstärke, Taktgefühl und genaue Kenntnisse.«

»Du bist gelernter Friseur, und Papa war Friedhofsgärtner, als ihr angefangen habt«, unterbrach Viktor ihn. »Mama war als Buchhalterin damals vermutlich der einzige Profi in dem Laden.«

Sein Onkel räusperte sich. »Seit damals hat sich vieles getan.«

Viktor sah sich demonstrativ in dem altmodischen Zimmer um. »Du wirst es mir schon beibringen«, meinte er lässig und neigte sich vor, um seinem Onkel auf die Schultern zu klopfen. »Schwieriger als Surfen wird es nicht sein. Und wie du selbst gesagt hast: Andernfalls müsstest du die Firma aufgeben und das Haus. Auszahlen kannst du mich ja nicht.«

Wolfgang Anders schwieg lange. Er sah müde aus. »Warum bist du damals weggegangen, Viktor?«

»Das ist die große Frage, nicht wahr?« Viktor flüsterte es beinahe. »Sag du es mir.«

Die Stille dehnte sich, ein Loch, in das der hineinzufallen drohte, der als Erster sprach. Sein Onkel schüttelte langsam den Kopf, wie einer, der einen bösen Traum vertreiben möchte. Er seufzte. Danach klang seine Stimme beinahe wieder normal. »Willst du gleich anfangen oder erst dein neues Domizil in Augenschein nehmen?«

»Es ist also abgemacht?«, hakte Viktor nach.

»Es ist eine Frage der Fakten, wie du gesagt hast, Viktor. Ich bin Geschäftsmann und ich hoffe, das ist eine Basis, auf der wir uns treffen können. Unter der Bedingung, dass du dir auch der damit verbundenen Verantwortung bewusst bist.«

Viktor nickte. »Und das nötige Taktgefühl mitbringe, wenn ich mich recht erinnere, Onkel. Und da du gefragt hast: Ich glaube, ich würde zuerst gerne meine Wohnung sehen.«

»Deine Tante hat sich bisher nicht überwinden können, oben sauberzumachen. Aber das wird für dich ja kein Problem sein.« Sein Onkel schaute auf die Uhr. »Das Abendessen ist für sieben Uhr fünfzig geplant.«

Viktor hob die Brauen. »Sicher«, sagte er dann. »Zehn vor. Kein Problem.«

»Ich selber muss noch die Anzeigentexte an die Zeitung durchgeben. Gepäck hast du ja wohl weiter keines. Kommst du alleine zurecht?«

»Seit zehn Jahren, Onkel.«

3

Die abgestandene Luft einer verlassenen Wohnung schlug Viktor entgegen. Er versuchte sich klarzumachen, dass seine Eltern nicht vor zehn Jahren, sondern erst vor wenigen Monaten aufgehört hatten, diese Räume zu bewohnen, aber es gelang ihm nicht. Er konnte sich das Leben, das sie hier ohne ihn geführt hatten, nicht vorstellen. Hatten sie tatsächlich einfach so weitermachen können, gefrühstückt, Zeitung gelesen, die Wäsche gefaltet, sich die Zähne geputzt, neue Menschen kennengelernt, neue Gewohnheiten entwickelt und ihn schließlich vergessen? So wie sie Hannah vergessen hatten? Wie sie langsam grauer und älter geworden waren, älter als die paarundvierzig Jahre, die sie in seiner Erinnerung für alle Zeit haben würden. Nein, das war unvorstellbar.

Für ihn waren diese Räume ein Museum. Ein Museum, in dem er jeden Zentimeter kannte. Kein Grund, sagte er sich, für Sentimentalität. Weder die Familienbilder im Flur noch die vertrauten Buchrücken im Wohnzimmerregal würden ihn erweichen. Seine Knie würden nicht zittern, nur weil im Badezimmer noch die gebrauchten Zahnbürsten standen, im Wäschekorb die getragenen Socken lagen und in der Küche der Abendbrottisch tatsächlich immer noch nicht völlig abgedeckt war. Viktor betrachtete den angetrockneten Teerest in der Tasse mit dem Kleeblattmuster, die er seinem Vater zum Geburtstag geschenkt hatte. Selbst ausgesucht und vom eigenen Taschengeld bezahlt. Saustolz war er da mal drauf gewesen. Als ihm das alles hier noch etwas bedeutet hatte. Viktor verzog abschätzig den Mund, dann knallte er die Tasse so heftig in die Spüle, dass sie zersprang. Er konnte förmlich vor sich sehen, wie sie unten die Köpfe hoben. Auch egal.

Mit langen Schritten ging er weiter in das Schlafzimmer seiner Eltern, was ihn einige Überwindung kostete. Hier war der Eigengeruch am strengsten; man brauchte schon fast eine Gasmaske, um einzudringen. In einer Ecke stand der Schreibtisch seines Vaters, ein aufklappbarer Sekretär, der stets verschlossen gewesen war. Viktor hatte eine Vermutung, wo er den Schlüssel finden könnte. Als er allerdings die Klappe geöffnet hatte und die penible Ordnung seines Vaters vor sich sah, verzichtete er darauf, die Fächer zu durchwühlen. Nicht heute, beschloss er, nicht jetzt. Nicht alles auf einmal. Er hatte nun, da er zurückgekehrt war, alle Zeit der Welt für sein Vorhaben.

Viktor nahm seinen Rucksack und ging durch den Flur zu seinem alten Kinderzimmer. Dabei musste er an ihrer Tür vorbei. Sie zu betrachten brachte er einfach noch nicht übers Herz. Er atmete tief ein und schloss die Augen. Aber noch auf den Innenseiten seiner Lider erschien das Abbild der dunkelbraunen Holztür voller halb abgekratzter Aufkleber, kleine rote Herzen mit den Namen von Bravo-Helden, die einst verehrt und dann verschmäht worden waren, einer handgeschriebenen Ankündigung »Privat!« und der mit Glitzer verzierte Schriftzug, der ihren Namen schrie: »Hannah«. Sein Brustkorb schmerzte, er atmete aus, wieder ein, wieder aus. Hannah, ich bin wieder zurück. Es hat eine Weile gedauert. Es tut mir so leid, Hannah. Unendlich leid. Hast du auf mich gewartet? Eine Ewigkeit später war er an der Tür seiner Schwester vorbei.

Die Tür zum nächsten Zimmer war unverfänglich; dort hatte er seine unspektakuläre Jugend verbracht. Er drückte die Klinke hinunter, und im nächsten Moment wusste er nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Da war sie ja, die Jugendzimmerschrankwand aus Resopal, sein Bett, das ihm so schmal vorkam, wie ein zu klein gewordener Schuh, die Urkunden von den Sportfesten an der Wand, ein paar Schulbücher, verstaubte Action-Videos – gab es überhaupt noch Videorekorder? –, ein paar Fußball-Pokale, das Pokémon-Sammelalbum. Neben Madonna hing, sein ganzer Stolz damals, ein Plakat, das für die Legalisierung von Marihuana warb, der Beweis für sein zähes Rebellentum. Der Raum war schmal und dunkel. War das wirklich einmal seine Welt gewesen?

Viktor hievte den Rucksack auf den Schreibtischstuhl, das einzig teure Möbelstück, das seine Eltern gekauft hatten, weil die richtige Sitzhaltung bei der Arbeit ja so wichtig war. Auf seine Noten hatte sich das allerdings nie sonderlich positiv ausgewirkt. Nach kurzem Zögern holte er seinen Laptop heraus und schaltete ihn ein. Jeff und die Jungs hatten geschrieben, ein fröhlicher Gruß ohne weiteren Inhalt, den er schnell mit einem Scherz beantwortete. Er mochte sie alle miteinander, war sich aber sicher, dass sie ihn bald vergessen würden. Der Absender der zweiten Mail interessierte ihn schon mehr. Freudig erkannte Viktor den Namen seines Sensei. Als er die Nachricht öffnete, starrte er jedoch auf ein leeres Textfeld. Verdutzt runzelte er die Stirn, bis er begriff, was ihm sein Meister damit sagen wollte, und er musste lächeln. Die Leere war eine Frage, so umfassend, dass es nicht genug Worte für sie gab. »Ich weiß es nicht, Sensei«, murmelte er, drückte anschließend auf Senden und schickte eine leere E-Mail zurück. »Noch nicht.«

Ein seltsames Geräusch ließ ihn den Kopf heben. Es klang wie das engagierte Quietschen der Matratze in einer Honeymoon-Suite, kam aber von draußen. Viktor ging zum Fenster und starrte in die wachsende Dunkelheit. Ein heftiger Schneeregen hatte eingesetzt und schraffierte die Dämmerung. Die schwarzen Fichten troffen vor Nässe. Davor sprang ein junger Mann Trampolin, splitterfasernackt. Viktor traute seinen Augen nicht, es konnte nicht mehr als zwei, drei Grad haben. Aber der dort sprang wild und unbekümmert, sein blasser Schwanz winkte fröhlich im Takt, seine Hände griffen in die Luft, sein Mund stand weit offen. Und jetzt war Viktor auch sicher, dass er ihn lachen hörte. Es war ein hemmungsloses Lachen, wild und begeistert. Er hatte ähnliche Schreie gehört von Surfern, die endlich die perfekte Welle erwischt hatten. In seltenen, in sehr seltenen Momenten hatte er selbst so geschrien.

Die Schneeflocken wurden fester und setzten sich an die Scheibe, verwischten das Bild. Viktor drückte die Nase an das Glas, um mehr zu erkennen. Da sah er Tante Hedwig durch den Garten hetzen und zog sich zurück.

Eine viertel Stunde später hatte er alle seine Habseligkeiten verstaut. Und es blieb noch immer eine gute halbe Stunde Zeit bis zum Abendessen. Sieben Uhr fünfzig; Viktor schüttelte den Kopf. Eine Weile saß er summend auf der Bettkante und trommelte mit den Fingern den Takt dazu auf sein Knie. Plötzlich sprang er auf. Er konnte es ebenso gut gleich hinter sich bringen. Schließlich war er deswegen hier. Es würde ihn schon nicht umbringen. Energisch stand er auf.

Schon an der Zimmertür jedoch entschied er sich um. Runtergehen und sich von Onkel Wolfgang ins Anzeigenwesen einweisen zu lassen war zweifellos die bessere Idee. Er holte Schwung, um mit drei langen Schritten durch den Flur bis zum Treppenhaus zu gelangen. Aber wie von selbst wurde er langsamer, als gäbe es einen Widerstand, gegen den er nicht ankam, eine Verdichtung der Gravitation, oder doch einen Zweifel, der sich in ihm regte. Er blieb direkt vor Hannahs Zimmer stehen. Es half nichts; er kam nicht an ihr vorbei. Hatte es all die Jahre nicht geschafft.

Mit einem Seufzer streckte Viktor die Hand aus und legte sie auf die Klinke. Noch konnte er zurück, konnte den Laptop anwerfen und eine Runde Mahjong spielen. Konnte Musik hören. Oder runtergehen und nach dem Trampolinspringer fragen. Er könnte Briefe schreiben. Den Tisch decken. Das Kaminbesteck reinigen. Viktor holte tief Luft, stieß die Tür auf – und brüllte.

Eine Minute später stand Tante Hedwig neben ihm, ganz außer Atem vom Treppensteigen. »Meine Güte! Ist alles in Ordnung?«

»Was soll das?«, blaffte er, die Stimme noch rau. »Was ist das hier für eine Scheiße?« Er wies auf das, was Hannahs Reich gewesen war. Jetzt sah es aus wie ein Showroom in einem Möbelhaus: Bett, Schrank, Nachttisch, Gardinen, alles wie aus dem Katalog, nett, adrett, steril und tot. Kein einziger persönlicher Gegenstand lag herum, nirgends eine Gebrauchsspur. Als ob es Hannah nie gegeben hätte.

»Hübsch, nicht wahr?«, sagte Tante Hedwig. »Ich habe deiner Mutter damals geholfen, alles auszusuchen. Es hatte doch keinen Zweck, das alte Zeug zu behalten. Es hingen nur schmerzliche Erinnerungen daran. Und ein Gästezimmer ist so etwas Praktisches.«

»Als ob ihr je im Leben Gäste gehabt hättet!«

»Viktor!« Sie versuchte, ihm durch das Haar zu streichen.

Er fuhr zurück. »Dreck!«

»Also wirklich.«

»Wo sind Hannahs Sachen?«, fragte Viktor. Er bemerkte, dass er zitterte, und hielt sich am Türrahmen fest. Seine Tante brauchte das nicht zu sehen. »Wo sind ihre Möbel, ihre CDs, ihre Bücher, ihr ganzer Kram?«

»Es gibt einige bedürftige Kinder, die sich sehr über die Sachen gefreut haben, Viktor.« Tante Hedwigs Ton wurde schärfer. Dann schrillte etwas in ihrer Schürze. Sie zog einen Küchenwecker hervor. »Ach Gott, mein Braten«, murmelte sie und machte auf dem Absatz kehrt.

Unzählige Gedanken schossen Viktor durch den Kopf. Einer davon war auch, dass sein eigenes Zimmer offenbar nicht so schmerzliche Erinnerungen hervorgerufen hatte. Er schämte sich für seine Eifersucht. Sein Lachen war bitter. Na gut, hatten sie ihn eben weniger geliebt, was scherte es ihn. Er liebte sie ja auch nicht. Die alte blinde Wut stieg wieder in ihm hoch.

Und dann fiel ihm ein, was er eigentlich vorgehabt hatte.

Viktor ging zum Fenster und klopfte auf das Fensterbrett. An einer Stelle klang es hohl, sein Herz begann zu rasen. Seine Hände wussten noch genau, wie man das Brett anfassen musste, damit es aus seiner Halterung glitt und dabei möglichst wenig Gips herausrieselte. Hannah hatte es ihm selbst gezeigt, sie hatte gelächelt, als sie ihn staunen sah. »Das ist meine Schatzkammer«, hatte sie geflüstert. Und er war beeindruckt gewesen, damals, mit seinen dreizehn Jahren, voller Ehrfurcht vor dem Geheimnis.

Im Grunde war das meiste uninteressant gewesen: ein Anhänger in Herzform, getrocknete Blumen … Mädchenkram halt, dazu ein Päckchen, das sie mit großer Geheimnistuerei behandelt hatte. Erst viel, viel später war ihm klar geworden, dass es sich wohl um Kondome gehandelt haben musste. Viktor lächelte, während ihm die Tränen über die Wangen liefen. Es hatte auch ein ganzer Stapel Briefe und Postkarten darin gelegen, die sie sorgsam mit einem Gummiband zusammengeschnürt hatte. Die meisten waren von Hannahs zahlreichen Freundinnen gewesen. Aber keiner von denen hatte sie ihr Versteck verraten, sondern nur ihm, Viktor, ihrem kleinen Bruder.

Sie hatte ihn zurückgehalten, als er nach dem rosafarbenen Büchlein mit der Aufschrift »Bis hierher und nicht weiter« hatte greifen wollen. »Weil keiner weiter lesen darf, das ist nämlich mein Tagebuch.«

»Dein Tagebuch?«

»Du darfst es keinem verraten«, hatte Hannah verlangt, »nicht mal Mama und Papa.« Das hatte sie gesagt, wortwörtlich, und er hatte es versprochen.

»Ich hab’s nicht vergessen, Hannah«, sagte er leise und hob das Brett aus seiner Verankerung. In dem Fach darunter lagen ein Reisewecker in Originalverpackung, eine Schachtel Batterien und ein Stapel gebügelter Taschentücher. Nichts weiter. Viktor raffte alles zusammen und schmiss es auf den Boden. Er fuhr mit den Händen in das Versteck, tastete jeden Winkel ab, jede Wand. Dabei war es offensichtlich: Das Fach war leer. Abgestaubt, gereinigt, frisch lackiert und leer.

»Ihr Schweine«, flüsterte er. »Ihr verdammten Schweine.«

Unten läutete ein harmonisches Glockenspiel. »Essen«, trällerte Viktors Tante. »Bitte zu Tisch.«

4

Wolfgang und Viktor Anders schnitten schweigend ihr Fleisch.

»Es ist ein wenig zäh«, entschuldigte Hedwig sich. »Ich habe vergessen, den Braten zu übergießen, weil …«

Viktor schnitt und kaute und beobachtete dabei aus den Augenwinkeln den jungen Mann, der schräg gegenüber von ihm saß und auf seinen Teller starrte, kein Wort sagte und nur manchmal unvermittelt auflachte, ehe er mit verschmierten Fingern ein weiteres Stück Braten nahm, um es sich komplett in den Mund zu stopfen. Der Saft lief ihm übers Kinn.

»Du wirst dich doch wohl an deinen Cousin Tobias erinnern«, sagte Wolfgang Anders spröde und griff zum Glas.

»Tobias, äh, na klar«, erwiderte Viktor. Sicher, da klingelte was bei dem Namen. Er sah einen Kinderwagen am Rand der Terrasse stehen, später war da ein Kleinkind gewesen, das für sich allein im Sandkasten spielte, immer alleine, und das nie daran interessiert schien, in ihrer Bande mitzumachen. Damals hatte er nicht weiter darüber nachgedacht, war einfach froh gewesen, dass der Kleine nicht nervte. Heute saß ihm ein junger Mann von schätzungsweise achtzehn Jahren gegenüber. Tobias musste also damals acht gewesen sein. Acht, und immer noch im Sandkasten? »Tobias«, wiederholte er.

Seine Tante legte lächelnd die Hand auf die ihres jüngeren Sohnes. »Tobias ist etwas Besonderes.«

Wolfgang Anders schnaubte. »So kann man es auch ausdrücken.«

»Wolfgang, bitte«, sagte sie mit gerunzelter Stirn. »Tobias ist ein erwachsener Mann, und wie jeder andere auch schätzt er es nicht, wenn man sich über ihn unterhält, als wenn er nicht da wäre, nicht wahr, Tobias?«

Der Angesprochene entzog ihr seine Hand und begann, sich damit auf den Kopf zu schlagen. Sofort fing seine Tante seine Finger wieder ein. »Ist schon gut«, sagte sie, »du hast ja nichts falsch gemacht.«

»Ich vielleicht wieder, oder was?«, rief ihr Mann, einen Tick lauter. »Herrgott, was soll man denn sonst tun, als ihn ignorieren. Mit ihm reden kann man ja wohl schlecht.«

»Wolfgang«, rief Hedwig. Noch immer war sie beschäftigt, die Hände ihres Sohnes im Zaum zu halten, der dazu übergegangen war, »böses Wort, böses Wort« zu kreischen.

»Wirft er die Katzen aus dem Fenster?«, fragte Tobias. »Oder springt er nur nackt auf dem Trampolin?«

»Da siehst du es.« Wolfgang Anders hob die Hände und ließ sie auf die Tischplatte krachen. »Er ist kaum einen halben Tag hier, und schon hat er es erfasst.«

»Tobias ist ein erwachsener Mann«, wiederholte Viktors Tante.

Wolfgang Anders machte sich daran, die nächste Fleischscheibe abzuschneiden. »Wenn er erwachsen wäre, würde er seine Hosen selber zumachen.«

Der um sich schlagende Tobias stieß ein Glas Wasser um und überschwemmte den Tisch. Als seine Mutter ihn losließ, sprang er auf und rannte aus dem Zimmer. Hedwig nahm einen Lappen und seufzte.

Wolfgang Anders beendete seine Mahlzeit mit energischen Bewegungen. Dann schob er den Stuhl zurück. »Wie wäre es jetzt mit dem Keller?«, fragte er.

Seine Frau schaute auf.

Er erwiderte ihren Blick nur kurz. »Irgendwann musst du dich der Sache ja mal stellen, wenn das dein Beruf werden soll, was, Viktor?«