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Magisterarbeit aus dem Jahr 2006 im Fachbereich Geschichte Deutschlands - Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg, Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Sprache: Deutsch, Abstract: Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Biographie über Erwin Rommel, in der vor allem die neueste Forschung berücksichtigt wurde, insbesondere das Buch von Maurice Philip Remy „Mythos Rommel“ aus dem Jahr 2002 sowie die 2004 veröffentliche Biographie von Ralf Georg Reuth „Rommel. Das Ende einer Legende“. Beide sind durch Fernsehdokumentationen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden und besonders Remy konnte durch die Befragung von etlichen Zeitzeugen und dem Auffinden neuer Dokumente einige Gesichtspunkte neu beleuchten. Als weitere Biographie wurde die Pionierstudie von Desmond Young „Rommel“ von 1950 benutzt. Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod ist Erwin Rommel noch immer einer der bekanntesten deutschen Heerführer des Zweiten Weltkrieges. Sein Name wird unweigerlich mit dem Afrikafeldzug in Verbindung gebracht und als Wüstenfuchs ist er unsterblich geworden. Doch Rommel war weit mehr als der ritterliche Feldmarschall und Meister des Bewegungskrieges, der den Briten in Libyen und Ägypten so schwere Verluste beigebracht hatte. Er war ein hochdekorierter Veteran des Ersten Weltkrieges, ein glühender Verehrer der Person Hitlers und er hatte Kontakt zum zivilen und militärischen Widerstand. Gerade die Verehrung für Hitler und der durch die NS-Propaganda aufgebaute Mythos Rommel führten schon zu Lebzeiten aber auch innerhalb der letzten 60 Jahre dazu, dass der Feldmarschall immer wieder als Nazi-General angesehen wurde. Auch die Frage, in wieweit Rommel in den Widerstand verstrickt war, ist bis heute umstritten. Vom Kriegsende bis in die Gegenwart unterlag sein Bild einem ständigen Wandel. So wurden z.B. 1961 in Goslar am ehemaligen Jägercasino Gedenktafeln für die ehemaligen Kommandanten Erwin Rommel und Heinz Guderian eingeweiht. In der Ansprache wurde Rommel als Feldmarschall, prachtvoller Soldat und großer Mensch geehrt, der ein Vorbild für die Soldaten der jungen Bundeswehr sei. Doch 40 Jahre später, im Mai 2001, entschied die damalige Landesregierung, die Tafeln wieder zu entfernen, mit der Begründung, „[sie] hätten ehrenden Charakter für Repräsentanten eines verbrecherischen Regimes und könnten am derzeitigen Ort [das ehemalige Jägercasino wird mittlerweile als Grundschule genutzt] weder zur Aufarbeitung der Geschichte dienen, noch gar ein Vorbild für die heutige Jugend sein.“1 [...] 1 „Die Tafeln werden abgehängt.“ In: Goslarsche Zeitung, 6.5.2001, zit. nach: Remy, Maurice Philip: Mythos Rommel. München 2004. S. 7.
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Veröffentlichungsjahr: 2013
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
1. Elternhaus und Ausbildung
2. Im ersten Weltkrieg: Bewegliche Kriegsführung zwischen den erstarrten Fronten
2.1. Frankreich
2.2. Rumänien
2.3. Der Monte Matajur und der Pour le Merite
3. Nach dem Krieg: Schlechte Zeiten für militärische Karrieren
4. Im Banne Hitlers
4.1. Immer in zweiter Reihe
4.2. Die Gespensterdivision
4.3. General des Afrika-Korps
5. Mythisierung und Propaganda
5.1. Goebbels Aufmerksamkeit
5.2. Der Marschallstab
6. Von der Skepsis bis zum Vertrauensverlust
6.1. Der „Haltebefehl“ und Wandel Rommels
6.2. In Ungnade
6.3. Der Untergang der Heeresgruppe Afrika und tiefe Depression
6.4. Zwischenstop Italien
7. Widerstand
7.1. Ein Separatfrieden im Westen
7.2. Verbindung zur „Westlösung“
7.3. „Für die Ehre Deutschlands“
8. Rommel und der Nationalsozialismus
8.1. Rommels Bild im Wandel
8.2. Wie viel wusste Rommel über die Verbrechen des Regimes?
9. Rommels Ansehen
9.1. Rommel und die „Stäbler“
9.2. Rommels militärische Leistungen
III. Zusammenfassung
Quellen:
Literatur:
Anhang
Mehr als 60 Jahre nach seinem Tod ist Erwin Rommel noch immer einer der bekanntesten deutschen Heerführer des Zweiten Weltkrieges. Sein Name wird unweigerlich mit dem Afrikafeldzug in Verbindung gebracht und als Wüstenfuchs ist er unsterblich geworden. Doch Rommel war weit mehr als der ritterliche Feldmarschall und Meister des Bewegungskrieges, der den Briten in Libyen und Ägypten so schwere Verluste beigebracht hatte. Er war ein hochdekorierter Veteran des Ersten Weltkrieges, ein glühender Verehrer der Person Hitlers und er hatte Kontakt zum zivilen und militärischen Widerstand. Gerade die Verehrung für Hitler und der durch die NS-Propaganda aufgebaute Mythos Rommel führten schon zu Lebzeiten aber auch innerhalb der letzten 60 Jahre dazu, dass der Feldmarschall immer wieder als Nazi-General angesehen wurde. Auch die Frage, in wieweit Rommel in den Widerstand verstrickt war, ist bis heute umstritten. Vom Kriegsende bis in die Gegenwart unterlag sein Bild einem ständigen Wandel. So wurden z.B. 1961 in Goslar am ehemaligen Jägercasino Gedenktafeln für die ehemaligen Kommandanten Erwin Rommel und Heinz Guderian eingeweiht. In der Ansprache wurde Rommel als Feldmarschall, prachtvoller Soldat und großer Mensch geehrt, der ein Vorbild für die Soldaten der jungen Bundeswehr sei. Doch 40 Jahre später, im Mai 2001, entschied die damalige Landesregierung, die Tafeln wieder zu entfernen, mit der Begründung, „[sie] hätten ehrenden Charakter für Repräsentanten eines verbrecherischenRegimesund könnten am derzeitigen Ort [das ehemalige Jägercasino wird mittlerweile als Grundschule genutzt] weder zur Aufarbeitung der Geschichte dienen, noch gar ein Vorbild für die heutige Jugend sein.“[1]
Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Biographie über Erwin Rommel, in der vor allem die neueste Forschung berücksichtigt wurde, insbesondere das Buch von Maurice Philip Remy „Mythos Rommel“[2] aus dem Jahr 2002, sowie die 2004 veröffentliche Biographie von Ralf Georg Reuth „Rommel. Das Ende einer Legende“[3]. Beide sind durch Fernsehdokumentationen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden und besonders Remy konnte durch die Befragung von etlichen Zeitzeugen und dem Auffinden neuer Dokumente einige Gesichtspunkte neu beleuchten.
Als weitere Biographie wurde die Pionierstudie von Desmond Young „Rommel“[4] von 1950 benutzt. Young war eigentlich kein Historiker, sondern als General Teilnehmer des Feldzuges auf britischer Seite. Er geriet in deutsche Gefangenschaft und in seiner Darstellung wird be-sonders der faire und ritterliche Kampf Rommels deutlich. Weitere wichtige hier verwendete Biographien sind David Irvings „Rommel“[5] in der deutschen Ausgabe von 1978, sowie David Frasers „Rommel. Die Biographie“[6], auf Deutsch erstmals 1995veröffentlicht.Irving war der erste, der aufgrundgründlicherRecherchen erstmals mit umfassenden Quellenmaterialarbeitenkonnte.
Als Quellen wurden in der vorliegenden ArbeitTagebücher,wie z. B. das desGeneralstabschefsFranz Halder oder die Aufzeichnungen Joseph Goebbels verwendet, sowie einegroßeAnzahl an Memoiren-Literatur. Besondere Beachtung fanden hiernatürlichdie beiden, von Rommel selbst verfasstenBücher„Infanterie greift an“[7], sowie der postum von seiner Frau und Fritz Bayerlein herausgegebene Quellenband „Krieg ohne Hass“[8], der eine Sammlung von Erwin Rommels Aufzeichnungen darstellt.
Die Darstellung von Rommels Leben ist, wie normalerweise bei Biographienüblich, chronologisch. Ausnahmen bilden die Kapitel 5.1 und 7.2, in denen aus inhaltlichen Gründen zeitlich zurückgegriffen wird. Nach der eigentlichen Biographie sind zwei Kapitel angefügt, in denen speziell auf bestimmte Aspekte eingegangen wird, die deshalb in der chronologischen Biographie ausgeklammert wurden.
Im ersten Teil der Arbeit wird Rommels Elternhaus, seine Ausbildung und sein Werdegang bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges dargestellt.
Der zweite Teil beschreibt Rommels Tätigkeit als Kompanieführer während des Ersten Weltkrieges in Frankreich und Rumänien und schließlich seine großen Erfolge in Italien, für die er mit dem begehrten OrdenPourle Merite ausgezeichnet wurde. Die Darstellung seiner Taten auf den drei unterschiedlichen Schlachtfeldern basiert dabei zum größten Teil auf seinem Taktikleidfaden und Erlebnisbericht „Infanterie greift an“.
Rommels Tätigkeit während der Weimarer Republik steht im Mittelpunkt des 3. KapitelsdieserArbeit. Trotz der Heeresbeschränkung des Versailler Vertrages und trotz der schlechten Chancen für eine militärische Karriere, beschloss Rommel bei der Armee zu bleiben.
Die immer stärker werdende Faszination für die Person Hitlers ist das Thema des vierten Teils. In einem ersten Unterpunkt wird Rommels Tätigkeit als Kommandeur der sogenannten Goslarer Jäger, als Taktiklehrer in Potsdam, seine Zeit als Kommandeur der Militärakademie in Wiener Neustadt und als Kommandeur des Führerhauptquartiers während des Einmarsches in das Sudetenland und später während des Polenfeldzuges beschrieben. Der zweite Unter- punkt zeigt seine Taten während des Westfeldzuges 1940 an der Spitze seiner sogenannten Gespensterdivision und in einem dritten Punkt wird seine Berufung zum Befehlshaber des späteren Afrika-Korps, sowie seine Anfangserfolge und der aufgrund der britischen Operation „Crusader“ erzwungene Rückzug bis zum Anfang des Jahres 1942 dargestellt.
Wie Propagandaminister Joseph Goebbels auf Rommel aufmerksam wird und seine Erfolge in Frankreich, aber vor allem in Afrika geschickt nutzt, um aus dem Wüstenfuchs einen Mythos und ein Aushängeschild des Regimes zu machen, beleuchtet Punkt fünf. Der Höhepunkt bildet die Einnahme Tobruks und Rommels Ernennung zum Feldmarschall, der höchsten militärischen Ehre.
Kapitel sechs und sieben widmen sich schließlich Rommels langsamem Wandel vom Verehrer Hitlers bis hin zum politischen Soldaten, der letztlich beschließt auch gegen den Befehl des Führers einen Separatfrieden mit den Westalliierten zu schließen. Die einzelnen Stationen auf diesem Weg sind in Kapitel sechs die Schlachten von El Alamein und Hitlers berühmter Haltebefehl, Rommels Abberufung aus Nordafrika, der Untergang der Heeresgruppe, sowie der kurze Zwischenstop des Feldmarschalls in Norditalien, bis er von dort aufgrund seiner äußerst realistischen, in der Führungsspitze aber nicht akzeptierten Einschätzung der militärischen Lage abkommandiert wird. In Kapitel sieben wird Rommels Verbindung zum zivilen und militärischen Widerstand beleuchtet, wobei zu Beginn des Kapitels 7.2 noch einmal konkret auf die Forschungsschwierigkeiten eingegangen wird. Mit dem erzwungenen Selbstmord endet die chronologische Biographie.
Die der Biographie nachgestellten Punkte acht und neun untersuchen zwei Aspekte, die in der chronologischen Darstellung ausgelassen wurden. In Kapitel acht wird Rommels Bild im Wandel bis in die heutige Zeit aufgezeigt und in einem zweiten Punkt der Frage nachgegangen, wie viel der Feldmarschall von den Verbrechen des Regimes wusste. Punkt neun erläutert Rommels Verhältnis zu den Stabsoffizieren und untersucht seine militärischen Leistungen. Dabei wird auch der Frage nachgegangen, warum er damals auch von den Kriegsgegnern verehrt wurde und das teilweise heute noch wird.
Johannes Erwin Eugen Rommel wurde am 15. November 1891 in Heidenheim an der Brenz als zweites von vier Kindern geboren. Der Vater, Erwin Rommel senior, war Lehrer und später Rektor des Progymnasiums in Aalen, die Mutter, Helene Rommel, geborene Lutz, war die Tochter des Reutlinger Regierungspräsidenten. Beide Eltern waren evangelisch. Die Mutter begegnete ihren Kindern mit Liebe, während der Vater mit äußerster Strenge auf Erziehung und Ausbildung achtete. Rommels ältere Schwester Helene, zu der er ein besonders gutes Verhältnis hatte, wurde Lehrerin für Kunst und Handarbeit an der Waldorfschule in Stuttgart. Der jüngere Bruder Karl wurde später ein erfolgreicher Zahnarzt, sein jüngster BruderGerhardein wenig bekannter Opernsänger. Als Kind war Erwin Rommel ein blasser, oft kränkelnder und unauffälliger Junge und zeigte noch nichts von der Zähigkeit und Energie, die er später in den zwei Weltkriegen an den Tag legte. Seine Leistungen in der Schule und im Sport waren durchschnittlich. Später begann er sich für die Luftfahrt und Mathematik zu interessieren und wollte Flugzeugingenieur werden. Nach der Schule hatte er vor, sich bei den Zeppelinwerken in Friedrichshafen zu bewerben, aber der Vater stellte ihn vor die Wahl entweder Lehrer wie er selbst oder Offizier zu werden. Für einen jungen Mann aus dem gehobenen Mittelstand und ohne hervorstechende Begabung bot die Offizierslaufbahn zu dieser Zeit eine vielversprechende Alternative. Der Vater hatte vor seiner Lehrtätigkeit als Artillerieoffizier gedient und so entschloss sich Rommel sich mehr oder weniger freiwillig bei der Feldartillerie zu bewerben. Früher eher unbedeutend stand diese Waffengattung in ihrem gesellschaftlichen Ansehen jetzt direkt hinter dem der Kavallerie.[9] Auf seine Bewerbung erhielt Rommel jedoch eine Absage und auch bei den Pionieren wurde er abgelehnt. 1910 trat er schließlich als Fahnenjunker in das Infanterieregiment König Wilhelm I. (6. Württ.) Nr. 124 in Weingarten ein. Nach drei Monaten wurde er zum Unteroffizier und nach sechs Monaten zum PortepeeFähnrich befördert. Im März 1911 wurde Rommel nach Danzig auf einem Lehrgang in die Königlich Preußische Kriegsschule geschickt und lernte dort auf einem Ball seine spätere Frau Lucie Maria Mollin kennen. Da er im November des gleichen Jahres wieder zurück zuseinem Regiment nach Weingarten musste, blieb es zwischen den beiden vorerst bei einer kurzen Romanze. Rommels Kommandeur des Lehrgangs schrieb in der Abschlussbeurteilung: „ImSchießenund Exerzieren [...] war er ziemlich gut. Turnen, Fechten und Reitengenügend.[...] Er istmittelgroß,schlank undkörperlichnoch etwas ungewandt und schwach. [Er habe aber einen] gefestigten Charakter,großeWillenskraft und zeigte guten Eifer, warordnungsliebend,pünktlich,gewissenhaft und kameradschaftlich, geistiggenügendveranlagt und vonstrenger Dienstauffassung. [...] [I]m großen und ganzen militärisch brauchbar.“[10]
Am 27. Januar 1912 wurde Rommel zum Leutnant befördert und bildete in den nächsten zwei Jahren die Rekruten der 7. Kompanie aus. Seine Kameraden und Untergebenen empfanden ihn als echten Württemberger: „lebensklug, sachlich, vorsichtig - und nicht ohne Härte.“[11]Noch im gleichen Jahr verliebte er sich inWalpurgaStemmer, die „einst [...] reiche Tochter der Adlerwirtin“, die „durch ihren Mann um Hab und Gut“[12] gebracht wurde. Dies waren keine guten Vorraussetzungen für einen jungen Offizier und als Rommels Vater 1913 von der Beziehung erfuhr, forderte er seinen Sohn auf, Walpurga zu verlassen. Doch Rommel wiedersetzte sich, denn Walpurga war schwanger, was der Vater aber nicht wissen durfte. Dieser starb am 5. Dezember 1913, wenige Tage später kam Rommels Tochter Gertrud zur Welt. Offenbar spielte Rommel eine Zeit lang mit dem Gedanken, Walpurga zu heiraten und die Armee zu verlassen, doch seine Kameraden überredeten ihn, seinen Beruf nicht aufzugeben und so entschloss er sich gegen Walpurga und Gertrud. Auch als er später Lucie heiratete hat er jedoch immer für seine Tochter gesorgt. Walpurga hat ihrerseits nie verraten wer Gertruds Vater war. Am 2. August 1914 wurde Rommels Stammregiment, das InfanterieregimentKönigWilhelm I. (6. Württ.) Nr. 124, an die luxemburgische Grenze verlegt. Rommel musste noch in der Garnison bleiben, um auf Ergänzungsmannschaften zu warten und am 3. August, dem Tag der deutschen Kriegserklärung an Frankreich, schrieb Rommel seiner Schwester vonWalpurgaund Gertrud.[13] Er bat Helene im Falle seines Todes für beide zu sorgen. In einer anderen Passage des Briefes erwähnte er seine besondere Ausstrahlungskraft, die er auf die Truppe machte. Sie und die „große Willenskraft“[14], die schon seine Ausbilder während des Lehrgangs in Danzig erkannten, waren die Gründe, warum er seine Untergebenen mit sich reißen konnte und diese ihm in den zwei Weltkriegen ergeben folgten. „Diese Wirkung sollte zum Fundament werden für den ,Mythos Rommel’.“[15] Am 5. August folgte Rommel schließlich seinem Regiment an die Westfront.[16]
Mit dem Ultimatum Österreich-Ungarns an Serbien vom 23. Juli 1914 setzte sich aufgrund des Blockdenkens im europäischen Staatensystem und des Systemzwangs der Allianzen das Räderwerk der Mobilmachungen in den einzelnen europäischen Staaten in Gang.[17] „Unheimlich schwer liegt die drohende Kriegsgefahr über deutschem Land. Überall ernste, verstörte Gesichter!“[18] beschrieb Rommel die Situation am 31. Juli 1914. Doch trotz dieser ernsten Lage herrschte im Deutschen Reich auch eine euphorische Stimmung. Als er am gleichen Tag an der Spitze der 4. Batterie des Feldartillerieregiments Nr. 49, zu dem er seit dem 1. März abkommandiert worden war, zu einer Übung ausritt, wurde er von einer großen begeisterten Menschenmenge begleitet. Da der Kriegsausbruch jetzt kurz bevor stand, kehrte er noch am Abend des 31. Juli zu seinem Stammregiment nach Weingarten zurück. Auch hier herrschte unter den Soldaten Hochstimmung: „Das ist ein Leuchten vor Freude, Begeisterung und Tatendrang in all den jungen Gesichtern. Gibt es etwas Schöneres, als an der Spitze solcher Soldaten gegen den Feind zu ziehen? Um 18.00 Uhr [des 1. August] Regimentsappell. Nachdem Oberst Haas sein Regiment in Feldgrau sich gründlichst angesehen hat, hält er eine packende Ansprache. Beim Wegtreten kommt der Mobilmachungsbefehl. Nun ist es entschieden! Ein Jauchzen wehrfreudiger, deutscher Jugend klingt als Echo durch die altersgrauen Klosterbauten.“[19]
Rommel war Zugführer in der 7. Kompanie des 2. Bataillons seines Stammregiments 124, das zum XIII. (Württembergischen) Armeekorps gehörte. Dieses Armeekorps war Teil der 5. Armee, die aus dem Raum Metz-Saarbrücken durch Luxemburg nach Südbelgien Vordringen sollte, um dann in einem Schwenk in südwestliche bzw. südliche Richtung nach Frankreich in Richtung Maas einzumarschieren. Seit dem Mobilmachungsbefehl Vom 1. August Vollzog sich der deutsche Aufmarsch planmäßig und ohne Störungen und so überschritt auch Rommel ohne Kampfhandlungen am 18. August die deutsch-luxemburgische Grenze und erreichte am 20. August das belgische Meir-le-Tige.[20] Trotz der anstrengenden Märsche der vorangegangenen Tage, seinen ständigen Magenproblemen und eines 24-stündigen Spähtruppunternehmens am Tag zuvor, begann für Rommel am Morgen des 22. August bei der Ortschaft Bleid in der Nähe der Stadt Longwy an der belgisch-französischen Grenze sein erstes Gefecht. Während des Vormarsches auf Bleid „schlägt uns aus nächster Entfernung eine Salve entgegen. [...] Vergeblich suche ich den nahen Feind mit dem Glas. Da er nicht weit weg sein kann, trete ich mit dem Zug zum Sturm an. - Jedoch die Franzosen reißen aus, ehe wir sie zu sehen bekommen [...]. Wir folgen in Richtung auf Bleid. In der Eile des Gefechts geht der Anschluss links verloren.“[21] Am Südostausgang von Bleid ließ er seinen Zug halten, er selbst erkundete mit drei weiteren Soldaten die ersten Gebäude des Dorfes. „Da! - kaum 20 Schritt rechts stehen mitten auf der Straße 15 bis 20 Franzosen, Kaffee trinkend, schwatzend, die Gewehre lässig im Arm! Sie sehen mich nicht. Ich gehe wieder in Deckung hinter dem Gebäude. Soll ich den Zug heranholen? Nein! Diese Aufgabe können wir wohl zu viert lösen. [...] Leise entsichern wir die Gewehre, dann springen wir um die Ecke und schießen stehend auf den nahen Feind.“[22] Aus dieser Situation ergab sich ein hitziges Feuergefecht. „Etwa zehn Franzosen liegen uns jetzt noch gegenüber, einige haben volle Deckung genommen. Ich gebe meinen Begleitern das Zeichen zum Sturm. Mit Hurra stürzen wir dann auf die Dorfstraße vorwärts.“[23] Während dieses Sturms erschienen plötzlich in den umliegenden Häusern weitere Franzosen und Rommel musste sich aufgrund der Übermacht zu seinem Zug zurückziehen. Im weiteren Verlauf des Gefechts ließ er Haus für Haus anzünden, um so den Gegner aus dem Dorf zu vertreiben. Aber auch dies machte er nur mit seinem Zug ohne auf Verstärkung zu warten, die dann allerdings etwas später eintraf. Nach der Säuberung des Dorfes zog sich
Rommel mit seiner Einheit auf einen Hügel nordöstlich von Bleid zurück. Hier entdeckte er in einiger Entfernung Franzosen. Die Darstellung der Situation ist charakteristisch, wenn er schreibt: „Da ich mit meinem Zug nicht untätig bleiben will, entschließe ich mich zum Angriff auf den mir gegenüberliegenden Feind, der sich ja zudem im Gefechtsstreifen des II. Btl. befindet.“[24]
Schon bei seinem ersten Gefecht traten Rommels Charakterzüge zu tage und seine Art Krieg zu führen. Er marschierte schnell vorwärts, immer an der Spitze seiner Einheit. Traf er auf Gegner wurden diese rasch verfolgt, was meistens zur Folge hatte, dass die Verbindungen zu den Nachbareinheiten und nach hinten abrissen. Er bekämpfte den Feind oft in erheblicher Unterzahl, teilweise nur in Spähtruppgröße und nutze dabei das Überraschungsmoment. Er griff spontan und persönlich ein und wartete nicht lange, um nicht unnötig Zeit zu verlieren. Trotz dieses schnellen Vorgehens, dem Kampf in Unterzahl und dem Gefühl, dass derdeutscheSoldat der französischen Infanterie überlegen sei, war sich Rommel stets seiner großen Verantwortung gegenüber seinen Männern bewusst und das belastete ihn teilweise schwer. Auch die Folgen des Gefechts gingen nicht spurlos an ihm vorbei: „Bleid bietet einen grauenhaften Anblick. Zwischen den rauchenden Trümmern liegen tote Kämpfer und Zivilisten, sowie zusammengeschossenes Vieh.“[25] „Hinter dem Waschhaus wird verbunden. Ein grausiger Anblick! Meist schwere Schüsse! Einzelne der Männer schreien vor Schmerz, andere sehen still und gefasst wie Helden dem nahen Tod ins Auge.“[26] Nach den Kämpfen bei Bleid und Longwy marschierte das Regiment weiter Richtung Südwesten, es hatte bei den ersten Gefechten ein Siebtel des Mannschaftsbestandes und ein Viertel der Offiziere verloren. Am 31. August machte es sich bei Dun bereit, um die Maas zu überschreiten, wo es zu weiteren schweren Kämpfen kam.[27]
Auch in den folgenden Gefechten wird Rommels schnelles Vorrücken und eigenmächtiges Handeln sichtbar. Während der Kämpfe um Mont und Bois de Doulcon kurz nach dem Überschreiten der Maas „in dem Glauben, dass die ganze Kompanie [ihm] auf dem Fuße folgt, [eilte er] so rasch wie möglich mit den vorderen Gruppen voraus“[28], um fliehende Franzosen zu verfolgen. Doch plötzlich stellte er fest, dass sich nur noch zwölf Mann um ihn herum befanden und durch das schnelle Vorrücken gerieten sie sogar unter den Beschuss eigener Einheiten, die sie für Franzosen hielten.[29]
Bei der Erstürmung des Bois de Defuy am 7. September, einem mit starkem Unterholz bewachsenen Hügelrücken, brachte ihm sein eigenmächtiges Handeln erstmals Ärger ein. „Hat nicht das Regiment für den Angriff befohlen, durch den Wald bis an den Südrand durchzustoßen? Das mag lange dauern. Soll ich nicht links außerhalb des Waldes überholend verfolgen? Rasch entschließe ich mich. Zwei Gruppen und der s. MG-Zug kommen mit.“[30] Rommel führte seinen Plan schnell aus und machte sich auf der anderen Seite des Waldes feuerbereit.
Doch es tauchte kein Gegner auf und so entließ er den schweren MG-Zug, den er sich ohne die Genehmigung des Regimentskommandeurs „ausgeliehen“ hatte und weswegen ihn jetzt Gewissensbisse plagten. Doch kaum war der Zug abgezogen tauchten feindliche Soldaten aus dem Wald auf. Rommel ließ durch die restlichen zwei Gruppen Schnellfeuer auf den Feind abgeben, der sich daraufhin zurückzog. Trotz des Erfolges und einem Dutzend Gefangener war der Regimentskommandeur „[über seine] Meldung von dem Geschehen am Waldrand [...] keineswegs erfreut.“[31]
Auch am 9. September handelte Rommel eigenmächtig. Nachdem er starke französische Reserven entdeckt hatte, die man gut von einem Hügel aus mit einem schweren MG hätte beschießen können, machte er dem Führer des MG-Zuges diesen Vorschlag. Doch „[er] hat Bedenken, will nicht. Nun nehme ich kurzerhand den Zug unter meinen Befehl.“[32] Das Unternehmen gelang und verursachte unter dem Gegner Verwirrung, aber „inzwischen hat sich der Führer des s. MG-Zuges über mein selbständiges Handeln beim Regiment beschwert, ich werde dorthin beordert. Nach Meldung über den Verlauf des Unternehmens ist die Angelegenheit erledigt“[33], schrieb Rommel über dieses Ereignis. Am 12. September setzte dasRegimentzum Rückmarsch durch die Argonnen an. Aufgrund der immer noch andauernden Magenprobleme und der Anstrengung erlitt Rommel in dieser Zeit mehrere Ohnmachtsanfäl- le.[34]
