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Eigentlich hat das Pflegekind Jonathan Bach als Erwachsener sein Leben in den Griff bekommen. Bis ein 13 jähriges Fußballtalent aus Tunesien von Roman Abramowitsch für seinen Fußballklub FC Chelsea gekauft wird. Der Junge wird bei einem Zwischenstopp in Hamburg entführt und ein Lösegeld erpresst. Die Entführung wird Jonathan auf raffinierte Weise in die Schuhe geschoben. Jonathan wird verurteilt. 6 Jahre später macht ein vom Gefängnis gezeichneter Jonathan über die Bretagne, Mittelschweden bis zu den Åland-Inseln Jagd auf die wahren Täter, die sein Leben zerstört haben. Mit Hilfe seiner Freunde findet er sie. Bei einem Konzert eines Elvis-Imitators misslingt die Festnahme. Seine Lebensgefährtin Leila wird schwer verletzt und fällt ins Koma. Ein sich dem Suff ergebender Jonathan will Rache. Er erhält von Roman Abramowitsch einen Tipp und macht sich an die Verfolgung der Täter, die über Brisbane in Australien nach Israel und zurück nach Norddeutschland geht. Doch dann kommt es anders. Jemand ist ihm zuvor gekommen und Jonathan wird vom Jäger zum Gejagten.
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Seitenzahl: 409
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Wolfgang Abraham
GERECHT GERÄCHT
Jonathans Jagd und Rache
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1 2006 Eine linke Tour
Teil 2.1 2012 Die Jagd
Teil 2.2 2012 Die Jagd
Teil 3 2013 Die Rache
Impressum neobooks
Die Kraft, die alles schuf, hatte zum Ende des Experiments gerufen. Alle kamen. Niemand fehlte. Keine Pflanze, kein Tier.
Es wälzte sich die Luft stinkend und schwefelgelb den Hain der kranken, entlaubten Bäume entlang. Links daneben rann das Wasser, eine ekelhaft riechende Brühe. Auf dem Weg schleppten sich die Lebewesen in einem schier endlosen Zug zum Platz des Tribunals.
Es sollte Gericht über die Menschen gehalten werden.
Der Zug der geschundenen Tiere zog drei Tage über verdorrtes Gras und vorbei an abgestorbenen Bäumen. Aus den Versuchslabors kamen die Katzen, die sich für die Menschen zu Tode rauchen mussten. Fische mit entsetzlichen Geschwüren, die sie sich in verseuchten Meeren zugezogen hatten, wanden sich neben zu Krüppeln gezüchteten Hunden, die kaum noch laufen konnten. Mäuse mit fürchterlichen Hautgeschwüren, die sie bei Tests für Parfüm bekommen hatten, krochen neben anderen Artgenossen mit den entsetzlichsten Krankheiten, die Mäuse nie ohne die Menschen bekommen hätten.
Robben- und Schafmütter schleppten ihre enthäuteten Jungen zum Richtplatz. Ausgerottete Lebewesen, deren Namen man seit Jahrhunderten auf der Erde nicht mehr gehört hatte, wankten neben zum menschlichen Vergnügen abgerichteten, gequälten, einst stolzen Tieren. Einige hatten noch ihre grotesken Kostüme an, mit denen sie Menschen zum Lachen brachten.
Tier um Tier zog zu dem großen Platz, an dem die Menschen in Gruppen saßen. Einige Menschenrassen drängten in Richtung der Tiere, sie wollten nicht im Mittelpunkt neben den weißen Menschen stehen.
Plötzlich, wie auf ein geheimes Zeichen, erstarben alle Laute. Ein Lebewesen nach dem anderen trat vor die Menschen und sprach seine Anklage. So ging es Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat. Zuletzt kam des Menschen liebster Freund, der Hund. Der Mensch streckte seine Hand nach ihm aus und wurde ignoriert. Der Hund sah nicht einmal hin.
Dann wurde es wieder still.
Langsam und nur für Menschen hörbar, schwoll ein grässliches Heulen an.
Es kamen die menschlichen Opfer. Jahrhunderte lang unterdrückte, als Hexen verbrannte, Frauen, gefolterte Ungläubige, ausgeraubte, versklavte und verhungernde Afrikaner, fast ausgerottete Indianer, die Giftgaserstickten des ersten Weltkrieges, vergaste Juden, Sinti und Roma, napalmverbrannte Vietnamesen, Contergankinder, atombombengeschädigte Japaner, von Chemiekonzernen vergifte Amerikaner und Europäer und alle die, die im Namen des Fortschritts und der rechten Gesinnung Gequälten. Sie standen in der einen Ecke des Platzes.
In der anderen Ecke standen die Herrscher. Die alles verantwortende Elite. Alle die, die sich jemals angemaßt hatten, in das Schicksal eines anderen einzugreifen. Sie standen starr. Sie wussten, nun war ihre Stunde gekommen. Jetzt mussten sie für ihre Gräuel bezahlen. Angst machte sich unter ihnen breit. Es gab kein zurück, keinen Ausweg mehr.
Es wurde wieder still, als die alles umfassende Kraft nickte. Alle waren gehört worden. Sie umfasste alles je lebendige und sprach ihr Urteil GERECHT und ließ keinen unGERÄCHT.
In der alten Hansestadt war noch Anfang Juni vom Frühling nichts zu spüren. In den Rinnsteinen sammelte sich das Wasser des eben niedergegangenen Regens und floss bergab in Richtung Trave. Oben, in der Breiten Straße, verließ der eitle Bürgermeister eilig das Rathaus. Er war der oberste Pleitenverwalter dieser schönen Stadt. Im Laufschritt, den Regenschirm gegen Wind und Regen gespannt, bog er links in die Beckergrube und hastete in das alte Kneipenrestaurant. Mit einstudierter Geste fuhr er sich vor dem Betreten der Kneipe durch die wohl ondulierte Mähne. Er warf den Kopf zurück und ging zielstrebig zu dem für ihn reservierten Platz. Mit den drei Männern die fluchend nach ihm kamen, strömte ein Schwall kalter, feuchter Aprilluft in das Kneipenrestaurant. Sie zwängten sich in eine der engen Nischen zur linken Hand. Der Bürgermeister nickte ihnen grüßend zu. Verständnislos blickten sie sich an. Wer war das? Sie kannten in der vernachlässigten, von altem Ruhm träumenden Stadt niemand. Die alten Holzstühle schurrten über den gepflasterten Fußboden, als sie sich setzten. Einer von ihnen, ein großer, schwarzbärtiger Dicker, hatte Mühe seinen fetten Hintern auf den schmalen Stuhl zu zwängen. Knapp schrammte er mit seinem Ellenbogen an einer Blumenvase vorbei, die auf dem, die Nische abtrennenden, Sockel stand. Mit ihren Maßanzügen, den teuren Hemden und Schuhen, passten die drei nicht zu dem sonstigen Publikum. Es roch nach Bratkartoffeln und Bier. Der Lärm in dem gut besuchten Lokal wurde von den verwitterten Gewölbewänden zurückgeworfen, so dass ein ziemlich hoher Lärmpegel entstand. In ihrer Nische waren die drei gut gekleideten Herren von neugierigen Zuhörern relativ geschützt. Als eine abgehetzte Studentin mit einem Block an ihren Tisch kam, winkten sie ab. Offensichtlich warteten sie auf einen weiteren Gast. Um sich die Zeit zu vertreiben diskutierten sie den Rücktritt des SPD Vorsitzenden Platzek und wie es zu dem Schiffsuntergang auf dem Volta-Stausee in Ghana kommen konnte. Man merkte, dass sie nicht richtig bei der Sache waren. Es fehlte der Vierte, der, der den Plan für ihren künftigen Reichtum ausgeheckt hatte. Von draußen kamen schubweise weitere Gäste in die inzwischen hoffnungslos überfüllte Kneipe. Bier in Halbliter Gläsern wurden schnell an die Tische gebracht und ebenso schnell geleert, abgeräumt, wieder gefüllt und an die Tische gebracht. Dazwischen wuselten andere Hilfskräfte mit vollen Tellern zu den wartenden Gästen. Wenige, außer den Bediensteten natürlich, schienen es eilig zu haben, stattdessen sah es so aus, als ob die Mehrzahl sich auf einen gemütlichen Abend in diesem Establishment einrichtete. Niemand zog es hinaus in Regen, Wind und Kälte. Ein weiterer Gast trat ein. Seine stechenden Augen über der Habichtsnase blickten suchend umher. Der Dicke in der Nische rief und winkte, was in dem Trubel fast unterging. Schließlich sah der Neuankömmling das Winken und drängelte sich zu der Nische. Böse Rufe und spöttisches Gelächter wurden ihm nachgesandt. Dann erreichte er die drei Wartenden.
„Hallo Richter, Du bist verspätet.“
Ein anderer aus der Runde, ein langer, fast schon magerer Mann, sah unzufrieden auf den lange Erwarteten. Dieser zuckte nur die Achseln. Schweigend legte er ein Sportmagazin und den Anzeigenteil der Kieler Nachrichten auf den Tisch. Die anderen sahen ihn fragend an. Die junge Studentin trat wieder an den Tisch und fragte nach ihren Wünschen. Nach einer Weile, nachdem sie auf Essen verzichtet hatten und naserümpfend den Wein probiert hatten, begannen sie miteinander über die Hinweise aus den Zeitungen zu sprechen. Obwohl es so laut in der Kneipe war, dass man kaum sein eigenes Wort verstand, sprach der, den sie Richter nannten, leise. Die Männer steckten die Köpfe zusammen und hörten zu, wie er seinen teuflischen Plan entwickelte. Bei der Wahl ihrer Tarnnamen lachten sie so laut, dass man an den Nachbartischen für Momente aufmerksam wurde. Dann entschieden sie, in welcher Reihenfolge der Inserent kontaktiert werden sollte. Es dauerte noch über eine Stunde bis alle Einzelheiten festgelegt waren. Später verabschiedeten sie sich voneinander in dem Bewusstsein bald reich zu sein. Der Name der Kneipe in der Lübecker Beckergrube war Heinrich Böll.
2. Ein Dorf nahe Bizerte, Tunesien
Der hagere, sehnige und dunkelhaarige Mann beugte sich lächelnd über seinen tief schlafenden Sohn. Seine Locken berührten das schmale Gesicht. Intensiv blickte er in das dunkle Gesicht, als wolle er sich jeden Zug einprägen. Und in gewisser Weise tat er es auch. Seine Entscheidung lastete schwer auf ihn. Er hoffte, alles richtig bedacht zu haben.
Draußen heulte der Chehili, der Saharaschirokko, durch die Nacht und brachte eine kaum erträgliche Hitze mit sich. Trockener Staub wirbelte durch die heiße Nachtluft. Der Mann war vor einigen Stunden aus dem Mischwald, den Dorfbewohnern Macchie nennen, gekommen, um sich und seinen 13- jährigen Sohn von der Dorfgemeinschaft zu verabschieden. In zwei Tagen sollten sie über Bizerte nach Tunis reisen, einer glücklichen Zukunft entgegen, wie sie meinten. Von Tunis aus sollte es dann weiter über den Flughafen Hamburg Fuhlsbüttel nach London gehen.
Aber Morgen sollte erst noch das große Abschiedsfest im Dorf stattfinden. Dazu hatte er die beiden Wildschweine in der Nähe der sieben großen Korkeichen geschossen und heimlich in das Dorf gebracht. Der Mann verließ das Zimmer mit einem letzten, zärtlichen Blick. Dann machte er sich an sein Werk. Er zerlegte die Tiere in einzelne Stücke, säuberte sie von Blut und hängte sie auf eine Leiter. Morgen würde sein Sohn ein letztes Mal zur Freude der Dorfbewohner 10 Getränkedosen unglaublich schnell und beidfüssig mit einem Ball von der Mauer schießen. Es würde für lange Zeit das letzte Mal sein.
3. Bordesholm, Schleswig Holstein
Unweit der achthundert Jahre alten Linde, dem Wahrzeichen der Kleinstadt Bordesholm, deren Wurzeln bis in die Alt- Steinzeit zurück gehen, stand ein zur Wende des neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert gebautes Zweifamilienhaus. Die roten Ziegel waren mit weißer Farbe überstrichen um so den Verfall des Hauses zu verdecken. Ein Trampelpfad führte durch das kniehohe Gras seitlich am leicht verkommenen Haus vorbei auf den Hinterhof, auf dem ein roh verputztes, graues Stallgebäude stand. Vor dem grauen Hofgebäude stand ein alter, vom Rost angefressener himmelblauer Peugeot 205 im ungemähten Unkraut. Das Auto war noch betriebsbereit und hatte ein gültiges Kennzeichen, auch wenn das kaum glaubhaft schien. Allerdings lag die nächste TÜV- Prüfung in nicht allzu ferner Zukunft, so dass die Tage des Vehikels wohl gezählt waren.
Unerkannt und ungestört wuchs neben dem Peugeot eine Hanfpflanze heran, ein Produkt aus einer Tüte Vogelfutter, die der unten wohnende, beinlose Mann im Winter ausgestreut hatte. In dieser Umgebung nahm sie sich mit ihren gezackten Blättern etwas bizarr aus.
Auf dem Nebengrundstück, linkerhand, stand das etwas gepflegter aussehende Haus des Besitzers beider Häuser. Zur Grundstückgrenze hin befand sich ein kleiner Teich, an dessen Rand eine grau getigerte Katze reglos auf einen der sechs Goldfische lauerte. Bewegungslos hing sie auf den gelben Steinbruchplatten halb über den Teichrand gebeugt. Eine Pfote hatte sie schlagbereit erhoben.
In diese Idylle hinein öffnete sich die Haustür des linken Hauses und heraus trat der Besitzer, Peer, der soeben von der Geburtstagsfeier seiner Mutter zurückgekommen war in den Sonnenschein. Die Erinnerung an den Besuch bei ihr in der Hamburger Herbertstraße war noch frisch. Peer machte sich Gedanken. Seine Mutter wirkte zunehmend verwirrt, als sie ihm in Korsett, BH und Strapsen die Tür öffnete.
Durch den nun entstehenden Luftzug, offenbar hatte er ein Fenster offen gelassen, schlug die Haustür hinter ihm mit einem lauten Knall zu. Die Katze machte vor Schreck einen Satz …und landete mitten im Teich. Erbost krabbelte sie am jenseitigen Ufer aus dem Wasser und sah böse zurück zu dem lachenden Peer.
Von alldem merkten der junge Mann und eine ebenso junge Frau im Obergeschoss des Nachbarhauses nichts. Sie saßen auf einem breiten französischen Bett. Beide waren nur spärlich bekleidet, was ihnen gut stand. Der Mann erzählte gestenreich aus seiner exzentrischen Kindheit, während die dunkelhaarige Frau gebannt zuhörte.
„Ich stand auf den Gleisen des schwedischen Rangierbahnhofs in Helsingborg. Um den Hals trug ich das Pappschild, das Svenja mir auf der Herfahrt um den Hals gebunden hatte.
„Tut mit leid, Jonathan, du musst zurück nach Deutschland, zu Deinem Vater.“ Tapfer nickte ich. Aber du kannst jede Ferien zu mir kommen.“
„Bestimmt?“ fragte ich zweifelnd. Und als Svenja lächelnd nickte, schluchzte ich weniger. Svenja stieg im Bahnhof von Hälsingborg aus. Mein Zug wartete auf den Rangiergleisen vor der Fähre. Ich winkte aus dem Fenster, rief ihren Namen, aber Svenja verschwand ohne sich umzusehen in der früh einbrechenden Dämmerung. Ich war mir sicher, ich würde meine schwedische Ersatzmutter nie wieder sehen.
Plötzlich glaubte ich nicht mehr an ihr Versprechen und versuchte das einzige Mal in meinem Leben zurück zu einer „Tante“ zu gehen. Ich sprang mit meinem kleinen schäbigen Koffer aus dem noch haltenden Zug. Blind vor Tränen suchte ich Svenja. Ich stolperte über Schwellen und rief unaufhörlich ihren Namen. Den Pappkoffer mit den Holzverstärkungen immer in der Hand. Eisenbahnwaggons rollten zum Greifen dicht an mir vorbei. Ich roch das Dieselöl der Loks. Klatschnass vor Angst lief ich weiter in die Richtung, in die Svenja verschwunden war. Scheinwerfer, wie schreckliche gelbe Augen, zuckten in mein Gesichtsfeld. Ich hatte Angst, riesige Angst und weinte im Laufen den Rotz meiner 6 Jahre heraus.
Ich fand Svenja nicht wieder. Streckenposten retten mich vor einer weiteren Diesellok die unablässlich gellende Signale ausstieß. Leute schrien, brüllten sich etwas zu, zeigten auf mich, fuchtelten mit den Armen und brachten mich zur Politi, der schwedischen Polizei.“
„Und dann, wie bist Du nach Hause gekommen?“ fragte Leila.
„Wie das genau passierte, kann ich nicht mehr sagen, ich verstand auch nach einem halben Jahr noch längst nicht alles auf Schwedisch. Aber später am Abend, holte Rudolf mich in Puttgarden ab. Man hatte mir einen Reisebegleiter mitgegeben. Auf den beiden Fähren nahm er mich an die Hand und ging mit mir in die Cafeteria an Bord, das weiß ich noch.“
„Aber dann warst Du zuhause?“
„Ja und nein. Das Zuhause, das ich ein halbes Jahr vorher verlassen hatte, gab es nicht mehr. Wir wohnten nicht mehr in Lübeck, sondern in Hamburg.
„Erzähl weiter.“
„Wir lebten erst wenige Tage in einem zu einer Wohnung umgebauten Milchladen in der Neumünsterschen Straße, als wir eine neue „Tante“ besuchten. Wir betraten das Haus an der Elbchaussee, von deren wohlhabenden Bewohnern ich damals nichts wusste, durch ein großes, schmiedeeisernes Tor. Die leicht bekleidete „Tante“ umarmte meinen Vater, blickte vorsichtig nach links und rechts und zog uns schnell durch die Tür. Es war mir damals peinlich, eine so wenig bekleidete Frau zu sehen.“
„Heute nicht mehr?“ fragte die noch weniger Bekleidete auf dem Bett und räkelte sich verführerisch.
„Was, äh…willst Du nun meine Geschichte hören oder nicht?“
„Aber ja doch,“ antwortete die dunkelhaarige Frau und rückte ein wenig näher.
„So wird das nichts.“ Der junge Mann rückte bis an die Bettkante zurück und fuhr dann hastig fort. „Mich steckten sie in ein hohes Zimmer, dessen Wände mit Bücherregalen, die bis unter die Decke reichten, voll gestellt waren. Die „Tante“ gab mir, bevor sie mit meinem Vater ins Schlafzimmer verschwand, ein Spielzeug von dem dunklen Schreibtisch, mit der grünen Lederbespannung. Das Spielzeug war ein kleines Gerät, an dem, wie an einer Art Reck, sechs Kugeln hingen. Wenn man eine abhob und zurückschnellen ließ klickte sie beim zurücksausen die anderen an und die Kugel am anderen Ende sauste los.
Irgendwann war es mir langweilig und ich zog einen schwarzen, seiden glänzenden Mantel vom Schreibtischstuhl. Ich hängte mir den Mantel um und kam mir vor wie Zorro ohne Maske, Hut und Degen. Plötzlich gab es irgendwo im Haus einen Riesenlärm und ein Gekreische, Türenschlagen, wütend brüllende Männerstimmen, von denen eine Rudolf gehörte. Eine Tür schlug zu und es war kurze Zeit leise, bis eine fremde Männerstimme mit der Tante stritt. Mucksmäuschenstill setzte ich mich auf die Richterrobe.
Lange Zeit passierte nichts. Dann klang es, als ob kleine Steinchen an die Fensterscheibe schlugen. Orientierungslos blickte ich mich um. Rudolf, immerhin mein Vater, stand draußen und machte wilde Bewegungen, die ich nicht deuten konnte. Urplötzlich wurde ich von hinten gepackt. Ich erschrak, schrie vor Entsetzen auf und schlug um mich. Ich blickte in ein mir unbekanntes, von Wut entstelltes Gesicht. „Du, Du Satansbraten, Du.“ Der fremde Mann schleppte mich wie einen nassen Sack über die Teppiche, bis vor die Tür. Dort ließ er mich liegen und knallte die Tür hinter sich zu.
Ich rappelte mich auf. Vor Angst, Scham und Schmerz weinte ich. Mein Vater, Rudolf, winkte mir aus der Sicherheit hinter der Gartenpforte zu. Er lachte über meine Tränen und sagte: „Das macht doch nichts Jonathan, irgendwann wohnen wir auch in so einem Haus. Das war doch nur ein Test.“
„Über Langeweile in Deiner Kindheit kannst Du Dich nicht beschweren.“ Meinte Leila trocken. „Wie wär‘s, wenn Du mir gleich, wenn ich den Wein geholt habe, auch noch den Rest erzählst.“
Jonathan Bach nickte und sah zu, wie seine Freundin aus dem Bett stieg. Ihre langen, schwarzen Haare reichten eine Handbreit bis über das obere Ende Ihres Slips.
„Aber nichts vergessen,“ sie drohte ihm lächelnd mit dem Zeigefinger und stolzierte auf langen Beinen wie eine Prinzessin in die angrenzende kleine Küche.
Minuten später kam sie mit einem Tablett, zwei gefüllten, bauchigen Gläsern und einer Käseplatte zurück. Jonathan schob sich das Daunenkissen zurecht, nahm ein Stück von dem festen Schafskäse, trank einen Schluck und fuhr in seiner Erzählung fort.
„So ging es jahrelang hin und her. Zuletzt, nachdem einige verantwortungsvolle Frauen aus dem Puff, in dem Rudolf sich vergnügte und ich im Treppenhaus wartete, das Jugendamt informierten, endete unser gemeinsames Leben. Da war ich knapp 14 Jahre, noch im Stimmbruch und pickelig Das Jugendamt steckte mich in eine feste Wohngruppe. Rudolf, aller Pflichten ledig, schickte unregelmäßig zu Weihnachten eine Karte. Das war es dann. Mehr hörte ich nicht von ihm. Anfangs tat es weh, keinen Vertrauten oder eine Familie zu haben. Alle anderen Jugendlichen hatten im Hintergrund wenigstens noch ein Zuhause, in das sie zeitweise zurück konnten. Andererseits kannte ich kein „Zuhause“ und vermisste nichts, da ich es nicht kannte. Ich nahm es wie es war und orientierte mich an den Erwachsenen im Heim.
Das Heim war der erste Ort, an dem ich einige Jahre hintereinander lebte. So unwahrscheinlich es klingt, das Leben dort vermittelte mir so etwas wie einen Lebensmittelpunkt. In gewisser Weise lernte ich erst dort soziale Kontakte kennen. Ich war nicht mehr auf mich allein gestellt, konnte mit anderen teilen. Es war meine Schule fürs Leben. Und wer diese überstand, konnte überall leben und alles werden. Das Wichtigste das ich lernte lautete: „Wenn Dich einer schlägt, schlage doppelt so hart zurück.“
„Was Du nicht tust.“
„Wer weiß, bisher gab es keine Situation dafür. Hab ich Dir schon von Simone erzählt?“
„Deine neue Freundin?“ Neckte Leila sanft und rückte wieder dichter heran, so dass die Spitze ihres roten BH’s Jonathans Arm streifte.
„Nein, sie war eine, die es aus dem Heim geschafft hat. Sie hatte auf einem Flohmarkt in Neumünster Leute kennen gelernt, von denen einer eine Windmühle gekauft hatte. Sie ging mit ihnen und kam nur einmal zurück, um sich, wie sie sagte, richtig von uns zu verabschieden. Es musste für sie ein richtiger Abschied sein, der bewusste Schlussstrich unter einen Lebensabschnitt. Wir fragten sie, wie das Leben in der Mühle ist. Sie fragte zurück ob wir wüssten, welche Bedeutung der Stand der Flügel früher hatte. Weißt Du das?“
Leila schüttelte ihre lange schwarze Mähne übertrieben heftig, so dass ein Spritzer Rotwein auf Jonathans Bauch landete. Mit einem Finger wischte sie ihn auf. Jonathan hatte es echt nicht leicht, aber tapfer fuhr er fort.
„Natürlich hatten wir keine Ahnung, aber für Simone war es wichtig, von ihrem neuen Leben zu erzählen. Also das ist so. Wenn das Mühlenkreuz genau senkrecht steht, ist dies das Zeichen für Feierabend. Wenn die Flügel einen Dreißig Grad Winkel zu senkrechten bilden, heißt das Freudenschere und symbolisiert eine Hochzeit im Dorf. Wenn aber der Winkel fünfzehn Grad beträgt, ist jemand gestorben. Sie sah uns der Reihe nach an und wir nickten, als hätten wir verstanden.
Nach einer Weile verabschiedete sie sich einzeln von uns. Sie sprach mit jedem in ihrem ehemaligen Zimmer. Sie lud keinen von uns ein, sie in ihrem neuen Zuhause zu besuchen. Ich schenkte ihr zum Abschied ein kleines Messer, das an einem Lederriemen am Arm getragen wurde.“
„Hast Du noch Kontakt zu ihr?“
„Irgendjemand hat mir einmal eine Adresse in Frankreich gegeben. Dort soll sie jetzt leben, aber genau weiß ich es nicht.“
Es entstand eine kleine Pause, in der Jonathan einen Schluck trank und sich wieder konzentrierte.
„Mit den Betreuern der Wohngruppe kam ich gut klar. Sie sorgten dafür, dass ich einen vernünftigen Schulabschluss bekam und verschafften mir auch den Ausbildungsplatz im Amt hier in Bordesholm.“
„Was bis gestern Dein fester Arbeitplatz war.“
„Na ja, danach gab es nur noch wenig Aufregendes, bis gestern, als ich mir im Großraumbüro die Krawatte abschnitt und das Amt ohne Gruß verließ.“
„Unter dem konntest Du es wohl nicht machen?“
Jonathan grinste: „War doch gelungen.“
„Und ab Morgen bist Du als Zuhörer selbstständig. Auch nicht gerade ein üblicher Job.“
4. Flughafen Fuhlsbüttel, Hamburg
Zwei Männer, mit tief in die Stirn gezogenen Hüten, drängten sich an der Absperrung für ankommende Flugzeugpassagiere vor. Sie ähnelten Geheimagenten aus früheren US- Kriminalfilmen, Marke Humphrey Bogart. Sie hielten Ausweise hoch, die sie als Mitarbeiter des BKA ausweisen sollten. Offensichtlich beeindruckt machten ihnen die aus Tunesien kommenden Passagiere Platz. Für sie sahen die deutschen Ausweise echt aus. Die beiden Männer, einer groß und dick, der andere groß und dünn, suchten gezielt nach einem dunkelhäutigen, etwa dreizehnjährigen Jungen. Als sie den Gesuchten anhand eines Fotos aus der Sportzeitung an dem langsam anlaufenden Gepäckband erkannten, verhafteten sie ihn trotz der Proteste seiner Begleiter. Andere Passagiere, die zur beginnenden Fußballweltmeisterschaft unterwegs waren, halfen der „Polizei“ und hielten den Vater, der weder Deutsch noch Englisch sprach, fest. Als weitere Polizisten hinzukamen, beruhigte einer, es war der lange Dünne, autoritär die Neuankömmlinge mit seinem dröhnenden Bass:
„BKA. Dieser Bimbo gehört einer terroristischen Vereinigung an. Wir nehmen ihn mit.“ Mit einem ungeduldigen Handwedeln schaffte er sich Platz. Autoritäres Auftreten wirkt in diesem Land immer. Die meisten Passagiere und ihre Begleitungen bemerkten nichts von dem Zwischenfall. Schnell schoben die Bundeskriminalamtbeamten den ängstlich um sich blickenden Jungen durch die Halle. Zurückblickend sah er, wie sein Vater von anderen Passagieren fest gehalten wurde. Der Junge verstand nicht was geschah.
Draußen wartete im Halteverbot ein dunkler amerikanischer Wagen. Augenblicklich, nachdem der Junge und die angeblichen BKA Beamten eingestiegen waren, verschwand der Wagen. Niemand, außer den Begleitern des Jungen und seines Vaters natürlich, regte sich groß auf. Die Festnahme eines Afrikaners, und am Besten gleich seine Ausweisung und sein Rückführung, findet in Deutschland stets Beifall. Niemand fand etwas komisch. Den verzweifelten Vater und die Begleiter des Jungen nahm keiner ernst.
Mutter Courage wohnte schon lange nicht mehr in Deutschland.
5. Fulham Road, London SW6 1HS, an einem Freitag
Als an diesem regnerischen Freitagmittag die Post für den Besitzerdes FC Chelsea, Stanford Bridge gesammelt, sortiert und auf seinen wuchtigen Mahagonischreibtisch gelegt wurde, war dieser bereits zu einem Kurzurlaub auf seine Yacht geflogen. Das weiße Spezialschiff mit dem Helikopterlandeplatz lag in der ruhigen, blauen See vor Madeira. R.A. freute sich auf das Wochenende, weil er, wie er glaubte, mit dem zurückliegenden Transfer das Geschäft seines Lebens gemacht zu haben. Entspannt lehnte er sich zurück, ließ die Motoren noch einmal aufheulen und blickte suchend auf die Hafenanlage von Funchal. Rechterhand, oben am Berghang, konnte er die Touristenschwärme ausmachen, die auf Holzrutschen die Straßen entlang ins Tal rauschten. Dann entdeckte er die winkende Hand, die ihn zu dem bevorzugten Anlegeplatz winkte. Er war mit sich und der Welt zufrieden.
Von dem Brief auf seinem Schreibtisch, der seinen Traum vom erfolgreichen Transfer zerstören könnte, ahnte er nichts.
6. Erste Kunden
Jonathan erwachte von dem Schrillen seines alten Festnetztelefons. Er hatte den durchdringenden Ton gewählt, um sicher von dem Lärm aufzuwachen. Die Verlockung einfach liegen zu bleiben, war groß. Von seinem französischen Bett aus, konnte er den Himmel durch das schräge Dachfenster erkennen. Er war blau und ohne jede Wolke. Der perfekte Anfang für den ersten Tag im selbstgeschaffenen Job.
„Wo bleibst Du denn? Ich bin schon lange fertig!“ Die Stimme von Jan klang enttäuscht durch den Hörer.
„Womit fertig?“
„Ich habe den Rost an den Türen Deiner Gammelkarre überstrichen. Das Weiß passt gut zu dem Babyblau des Wagens.“
„Das Auto ist Himmelblau, guck einfach mal ganz nach oben!“
„Was ist das denn für ein Unterschied?“
Von bösen Ahnungen beschlichen, zog Jonathan das Telefon zum Fenster. Er traute seinen Augen nicht als er Jan, triumphierend den Pinsel schwingend, unten neben seinem Wagen im Rollstuhl sitzen sah.
„Na, was ist? Sieht doch besser als vorher aus,“ trompetete er nach oben.
Sah es nicht. Im Gegenteil, das altersschwache seines Wagens wurde durch den ungleichmäßigen Anstrich erst richtig hervorgehoben. Jonathan seufzte. Wahrscheinlich war bald ein neues Auto fällig. Ohne weiteren Kommentar wandte er sich ab, duschte, fütterte Pucki und verschwand ohne Abschied zu seinem Büro. Ein empörter Jan blieb zurück. So ein undankbarer Freund.
In Neumünster angekommen, setzte sich Jonathan Bach auf den Bürostuhl an den grauen Stahlschreibtisch, der in dem renovierten Büro in den Räumen der Unternehmensberatung stand. Er streckte sich genüsslich auf dem bequemen Stuhl, den er, wie auch den Schreibtisch, von seinen Vorgängern geerbt hatte. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Als Willkommensgruß hatten die Beraterinnen ihm eine Vase mit mindestens 1 m langen Sonnenblumen in ihr altes, jetzt an Jonathan abgetretenes Büro, hingestellt. An der Wand vor ihm, auf der schilfgrün angestrichenen Rauhfasertapete, hing unter dem Firmenlogo U-Part noch der dem Chinesischen entlehnte Wahlspruch ihres Unternehmens.Wahrscheinlich hatten sie absichtlich dort hängen lassen, um ihrem Untermieter den Anfang zu erleichtern.
Wenn Wind aufkommt,
verschließen die einen Ihre Türen und die anderen setzen Segel.
Rechts von Jonathan befand sich ein großes, über zwei Meter hohes Fenster, durch das man auf einen kleinen flachen Tümpel, den Teich von Neumünster, sah. Unter ihm brauste der Verkehr durch die Durchgangsstraße in Richtung Westen.
Jonathan räumte gerade die Schubladen mit den üblichen Büroutensilien aus einem mitgebrachten Umzugskarton ein, als von Nebenan Gelächter erklang. Neugierig unterbrach er seine Tätigkeit und schlenderte durch die alte Glastür hinüber in die Räume der drei Unternehmensberaterinnen.
„Du kommst gerade richtig Jon, wir wollten Dich schon holen“.
Lara, die rothaarige und schlankere der beiden Assistentinnen Leilas, hielt ihm ein DIN A4 Blatt hin, auf das rudimentär ein Ruderboot, mit der Spitze nach oben, gezeichnet war. Oben rechts und unten links wies jeweils ein Pfeil auf das Boot. „An welcher Stelle würdest Du drücken, wenn Du das Boot umdrehen müsstest?“ Drei Augenpaare sahen ihn erwartungsfroh an. Unbehaglich zuckte Jonathan die Schultern. Für ihn gab es keinen Unterschied.
„Ist doch egal.“
„Nun komm schon Jon, leg Dich fest.“ neckte Leila, „Ich hab gewettet, dass Du es falsch machst.“ Die drei Frauen lachten in einem glockenhellen Chor.
„Hat auch eine auf mich gewettet,“ fragte er. Jeanette, die größere, etwas pummelige Mitarbeiterin, schüttelte den Kopf, doch Lara nickte und wurde fast so rot wie ihre Haare. Er sah sich die Zeichnung noch einmal an und tippte auf unten links. Leila und Jeanette lachten auf und gaben ihm einen Kuss.
„Du bist zuverlässig, Du gehst immer den schwersten Weg.“ Lara schüttelte betrübt den Kopf.
Konsterniert, etwas beleidigt und noch immer ohne einen Schimmer, ging Jonathan zurück in sein Büro. Er hatte keine Ahnung was da falsch gewesen sein sollte. Manchmal hasste er es, als Versuchskaninchen herhalten zu müssen. Aber ganz offensichtlich gehörte Jonathan zu den Menschen, denen es nicht vergönnt war den direkten, einfachen Weg zu gehen. Ihm fehlte es ganz einfach an Talent dazu.
Leila und ihre beiden Mitarbeiterinnen der Unternehmensberatung U-PART beschäftigten sich mit Flexibilität und Wandel. Sie analysierten Unternehmen im Hinblick auf den Unternehmenstyp, was meint, dass sie dem Unternehmen ein Profil erstellt, aus dem dieses ablesen kann, ob es Risikofreudig, Kontaktorientiert, Zielgerichtet oder Vernunftbetont auf Veränderungen reagiert. Leila setzte auf Flexibilität.
„Flexibilität ist die Antwort auf sich ständig verändernde Situationen. In der Natur überleben nur die, die sich den verändernden Lebensbedingungen anpassen können. Und so geht es auch den Unternehmen. Nur diejenigen, die im Sinne eines Kairos agieren, also den günstigen Zeitpunkt erkennen und die Chance zu einem Wandel ergreifen, überleben.“
Davon verstand Jonathan Bach jedoch wenig. Angehende Verwaltungsbeamten werden auf die Befolgung von Gesetzen getrimmt und die ganz Schlauen unter ihnen, missverstehen ihren Job als Auszahlungsverhinderungsexperten statt wahrzunehmen, dass sie für die Menschen ihres Landes da sind.
Den Vormittag verbrachte Jonathan damit, die eingegangene Post zu lesen. Mittags holte er sich ein belegtes Brötchen von einer dieser, wie Pilze nach einem warmen Sommerregen aus dem Boden schießenden Backstube. Er hatte sich für den ersten Vormittag seiner Selbstständigkeit die Erarbeitung von Gesprächsregeln vorgenommen. Beispiele dafür hatte ihm Jeanette gegeben. Im Büro war es ruhig. Die Beraterinnen hatten das Büro schon im Laufe des Vormittags verlassen und er war fast am einnicken, was er als ehemaliger Beamter perfekt beherrschte, als das Telefon klingelte. Jonathan schreckte hoch, hangelte nach dem Telefonhörer und meldete sich. „Ich bin Jonathan Bach, was kann ich als Zuhörer für Sie tun?“ Eine sympathische weibliche Stimme erkundigte sich nach den Leistungen des Zuhörers. Mit einigem Enthusiasmus erläuterte Jonathan wie er sich die Ausübung seines selbsterfundenen, neuen Jobs vorstellte. Dabei kam ihm zugute, dass er sich vorhin Gesprächsregeln gegeben hatte. Marie Wenninger fragte nur wenig, erzählte aber, dass sie verwitwet sei und sich freuen würde, wenn sie die Gelegenheit für Gespräche bekäme.
„Ich bin noch nicht alt genug und werde wohl auch nie in das Alter kommen, in dem mir Pflegerinnen Servietten falten beibringen wollen und ich in einer Babysprache angeredet werde. Kinder habe ich nicht und der Kreis alter Freunde ist bereits gestorben.“
Es entstand eine kleine Pause. Jonathan überlegte fieberhaft nach einer souveränen Antwort, als Marie Wenninger fortfuhr. Mit leiser Stimme bat sie:
„Es geht mir heute nicht so gut. Könnten Sie mich gleich besuchen?“
Jonathan nannte sein Honorar mit verhaltenem Atem. Würde die alte Dame 120 € für die Stunde akzeptieren? Als sie meinte, das sei in Ordnung, erkundigte er sich nach dem Weg und versprach gleich zu kommen.
„Na, geht doch,“ freute sich Jonathan. „Schon am ersten Tag ein Auftrag.“ Man konnte ihm sein Glücksgefühl ansehen. Er wiegte sich nach unhörbaren Rhythmen hin und her, verlor beinahe das Gleichgewicht, zog sich das leichte Jackett an und verließ summend das gemeinsame Büro.
Mit seinem alten, durch weiße Seitenstreifen aufgehübschten, 54 PS- Diesel klapperte er über das Kopfsteinpflaster der Marienstraße. Im Autoradio sendete das regionale Funkhaus die Sensationen des Tages. Die Nachrichten verbreiteten nur Angst und Schrecken. Anscheinend war es sehr wissenswert, dass sich ein Arzt aus Angst vor seinem beruflichen Unvermögen eine Hand abhackte, um eine Versicherung zu kassieren, mal wurde auf der Autobahn 1 in der Nähe von Lensahn Rauschgift in Wert von Zigtausenden bei einer Polizeikontrolle gefunden und eine Nachricht bezog sich auf die Entführung eines dreizehnjährigen Jungen dessen Fußballkunst anscheinend schon 9 Millionen Euro wert war. „D-a-a-s Supertalent“ wusste der Radiosprecher.
Jonathan Bach schaltete das ältliche Radio mit dem Drehknopf aus, als über die Aufnahme Montenegros als 192. Staat in die UNO berichtet wurde. Dann fand er die angegeben Hausnummer und stand wenig später vor einer prächtigen alten Villa, die in einem parkähnlichen Garten lag. Jonathan ging durch das geöffnete schmiedeeiserne Tor und klingelte an der mindestens 2 Meter hohen Eingangstür. Die Frau, die öffnete trug ein altmodisches, zu ihr passendes Kleid, mit einem gerüschten weißen Kragen, der besonders gut mit ihren hellen Haaren harmonierte. Sie war ihm auf Anhieb sympathisch. Sie gingen über den bunten Terazzofußboden durch die hohe kühle Eingangshalle in ein Erkerzimmer. Jonathan bewunderte die Einrichtung, die aus dunklen, fast schwarzen, wuchtigen Möbeln bestand und war auf sein erstes Zuhören gespannt. Das konnte er auch, denn er erhielt eine überraschende Lehrstunde in Biologie. Marie Wenninger erzählte von der Faszination der Geschichten, die sich um Päonien ranken.
„Sehen Sie mal. Hier wird von einer alten griechischen Aufzeichnung berichtet, der zur Folge die Wurzel der Päonie nur nachts geerntet werden soll, damit der Specht es nicht sehen kann. Der griechische Philosoph Theophrastos, der ein Freund und Schüler Platons und Aristoteles war, behauptet, der Specht würde sonst den, der die Wurzel ausgräbt, angreifen und ihm das Augenlicht rauben. Theophrastos empfiehlt weiterhin eine besondere Zeremonie des Wurzelausgrabens, die sich bis in das 16. Jahrhundert beim Ausgraben der Alraune, wie sie auch genannt wird, gehalten hat.“
In Jonathan Bachs Gesicht mischten sich Unglauben und Erstaunen. Er verstand nichts von Blumen. Den Namen Päonien hörte er heute zum ersten Mal. Dass ihnen einst eine solche Bedeutung zugekommen war, verunsicherte ihn.
„Die Spechtgeschichte,“ fuhr Marie Wenninger fort, „wurde später von Medizinern übernommen und fand sogar in dem ersten mitteleuropäischen Kräuterbuch des 16. Jahrhunderts Eingang.“
Sie musste seinen Unglauben bemerkt haben, denn sie fügte lächelnd hinzu: „das, was uns heute so unverständlich erscheint, wird begreiflicher, wenn man bedenkt, dass der Buntspecht für die Menschen der Antike das Orakeltier des Gottes Mars war und gemeinhin als der Wächter des heiligen Haines galt.“
Was war denn der heilige Hain? Jonathan verbarg seine Unwissenheit hinter einem freundlichen Lächeln. In seinem Innern kam er sich wie ein Trottel vor. Da saß eine alte Dame vor ihm, eine, der der Umgang mit einem Computer sicher fremd war, ein Fossil gewissermaßen, und erzählte ihm Menschheitswissen.
Als ihre Stunde um war, verabschiedete er sich. In der Gewissheit eine Lehrstunde erhalten zu haben, wollte er sich ohne sein Honorar verabschieden. Frau Wenniger lachte nur, drückte ihm das Geld in die Hand und versprach wieder anzurufen.
Man konnte Jonathan sein Unbehagen anmerken. In gewisser Weise war er ebenfalls ein Fossil, eines, das etwas leisten wollte, bevor es entlohnt wurde.
7. Fulham Road, London SW6 1HS an einem Dienstag
Erst mittags nahm der Besitzer den an ihn persönlich adressierten Brief in die Hand. Der Absender sagte ihm gar nichts. Die deutsche Briefmarke interessierte ihn nicht. Abwägend, ob es sich überhaupt lohnte den Brief zu öffnen, schwang er ihn in seiner rechten Hand. Dann nahm er ein Stilett und schnitt das Kuvert auf. Nach dem er den Brief ungläubig gelesen hatte, blieb er eine Weile mit eisiger Miene still in seinem Bürostuhl sitzen und zügelte seine aufflammende Wut. Das würde der Briefschreiber büßen müssen. Er würde nicht ungeschoren davon kommen. Das war R. A. sich und seinem Ruf schuldig. Er atmete mehrmals tief ein und aus. Nach einer Weile, nachdem seine Coolness wieder die Oberhand gewonnen hatte, rief er den Präsidenten Bruce Buck an und informierte ihn mit heiserer Stimme über das Geschehene und befahl ihn zu sich in sein Büro. Gemeinsam überlegten sie lange und wogen das Für und Wider ihrer nächsten Schritte ab. Schließlich entschieden sie sich. Der Präsident verabschiedete sich erleichtert mit einem Händedruck. Er war froh über die Entscheidung. Der Besitzer wartete noch einen Moment, bis er wieder allein war. Dann griff zum Telefon und veranlasste Nötigste.
8. Ein Abendessen in Bordesholm
Eine der besonderen Eigenschaften Jonathans war seine Unmittelbarkeit. Er hatte es nicht gelernt, auf neue Ereignisse mit schablonenhaftem Schubladendenken zu reagieren. Jeder Moment war für ihn komplett neu, einmalig und war nie einem anderen Erlebnis vergleichbar. Jonathan kam nicht einmal der Gedanke, irgendetwas von dem was jetzt geschah, mit einem Erlebnis aus der Vergangenheit zu kombinieren. Er hatte ein Defizit, für das es keinen Namen gab.
Als er in seine Wohnung kam, lief der silbergraue Fernseher. Es war ein älteres, unverwüstliches Metz Gerät in das der Receiver gleich eingebaut war. Seine jüdische Freundin Leila sah sich eine DVD aus Jerusalem an. Sie hatte den Schirm der knallgelben Kappe nach hinten geschoben. Der Kontrast zu ihrem schwarzen Haar war sensationell. Sie blickte kurz auf, als er das Wohnzimmer betrat und lächelte ihn breit an. Die Glasklunker in den Ohren wackelten und gaben beim zusammen stoßen einen hellen Klang ab.
„Hej, wenn Du etwas zum Abendessen machst, kann ich das hier zu Ende sehen.“
Jonathan überlegte kurz, dann setzte er sich neben sie auf den etwas abgetretenen Holzfußboden. Leila hatte sich einen Berg Kissen in der Wohnung gesammelt und thronte wie die Königin von Saba auf ihnen. Jonathan sah auf die leicht verwackelten Bilder, die wohl von einer Handkamera aufgenommen waren. Mit einem irritierten Blick auf Jonathan kommentierte sie für ihn die Bilder.
„Der Mann dort läuft die Bethlehem Road herunter. Das sind die Terrassen der Kinematek. Die dicken Mauern dort gehören zum St. Andrews Hospiz. Er geht zum Jaffa Tor. Da, jetzt geht er über die Brücke am Sultansteich und an dem Koranvers am osmanischen Brunnen vorbei.“
Sie blickte Jonathan aus ihren dunklen Augen an. Ihr Busen hob und senkte sich vor Aufregung über etwas, was Jonathan nicht verstand. Aus diesem Teil ihres Lebens war er ausgesperrt.
„Zu Deiner eigenen Sicherheit,“ hatte Leilas Vater einmal zu ihm gesagt. „Du hast nicht wirklich Ahnung von dem, was in Israel passiert. Du kennst nichts von den Ängsten der Menschen dort, Du kannst den Umfang der täglichen Bedrohung nicht nachempfinden. Wenn Iran tatsächlich einmal über eine Atombombe verfügt, wird die Hälfte der Menschen aus Israel fliehen.
Dass Du kritischer als andere den Nachrichten und der zunehmenden Gewaltbereitschaft gegen unser Volk gegenüber stehst, liegt an dem, was meine Tochter Dir erzählt hat.
Und noch etwas. Wenn Du etwas über unser Tun wüsstest, würden wir Dich in unsere Gefahr einschließen und darauf bist Du nicht vorbereitet. Du hast keine Ausbildung zum Kämpfer, wie Leila sie hat. Und darum bitte ich Dich, versuche nicht in unsere Geheimnisse einzudringen.
Was wir tun, ist in diesem Deutschland, mit all seinen rechten Gruppierungen, für uns nicht ohne Gefahr. Dich könnte das Wissen umbringen. Lass uns ungestört das tun, was wir unserem Volk schuldig sind.“
Leilas Eltern waren als junge Leute zur Zeit der Studentenunruhen nach Deutschland gekommen. Fasziniert von der Nachricht, dass es das erste Mal in der Geschichte war, das die seit dem dritten Reich Reichen, Altnazis und Politiker um ihr Leben fürchten mussten, verließen sie Israel, um enttäuscht zu erleben, dass sich so viel nicht geändert hatte.
Damals, als Leilas Vater ihn so ins Gebet nahm, war Jonathan ziemlich beunruhigt. Sein Beamtenleben war auf derartige Konflikte nicht vorbereitet. Er verkörperte ja den Staat, den Leilas Eltern wanken, zumindest aber sich reformieren sehen wollten. Jetzt stand er auf und ging in seine Pantryküche.
Er öffnete eine Dose weißer Bohnen und eine weitere mit Thunfisch, schnitt ein paar rote Zwiebel dazu, machte eine Marinade und beträufelte das Ganze. Ein Spitzenkoch hätte die Hände über den Kopf zusammen geschlagen, für Jonathan war es ein gelungenes Essen. Er kramte noch ein paar Baguettebrötchen hervor, machte eine Kräuterbutter, schnitt die Brötchen ein, strich die Butter in die Ritzen und schob sie in den vorgeheizten Backofen. Er war mit sich und seinem Werk zufrieden.
Dann deckte er den kleinen Tisch in der Küche für zwei Personen, zog den Korken der Rotweinflasche, zündete die 5 Kerzen des jüdischen Leuchters an und wartete auf das Ende der DVD. Aus dem Wohnzimmer drangen Geräusche von zuschlagenden Autotüren und aufheulenden Motoren. Leilas Kopf erschien in der Tür. Sie hatte die gelbe Kappe abgenommen. Die schwarzen Ponyfransen hingen ihr über die Augen.
„Hm, das riecht ja schon ganz passabel, ich komme gleich.“
Leila verschwand im Badezimmer. Man hörte Wasser plätschern, rascheln und dann war es still.
Plötzlich wurde es dunkler. Leila drehte den Dimmer runter. Jonathan blinzelte etwas verlegen, als Leila, mit wenig mehr als nichts angezogen, auf ihn zukam. Sie beugte sich zu ihm herunter. Ihr Busen streifte sein Gesicht. Sie legte eine Hand auf seine Hose, sah ihm fest in die Augen und sagte:
„Erst wird gegessen, dann genascht.“
Sie lachte, als sie auf seine Hose sah und setzte sich gegenüber. Jonathan schenkte den Wein ein und füllte sein Mahl auf die Teller. Als er die Brötchen aus dem Backofen holen wollte, und in der kleinen Küche dicht an Leila vorbei musste, hielt er die Luft an. Aber nichts passierte, so dass er ohne Komplikationen zurück auf seinen Platz kam. Leila lächelte ihn unschuldig an und begann zu essen. Jonathan war viel zu verwirrt, um etwas von seinen Erlebnissen zu erzählen und so lauschte er dem leichten Plauderton Leilas, ohne groß was zu verstehen.
Später, als sie schon stundenlang im Bett lagen, fragte sie:
„Weißt Du, warum ich Dich unter anderem so liebe, Jon?“
Selbstbewusst lächelte Jonathan sie an.
„Weil Du kein richtiger Mann bist!“
Jonathan glaubte nicht richtig zu hören. Eben noch hatte er…
„Du bist der einzige Mann den ich kenne, der sich hingeben kann. Du bist ein Lasser, kein Nehmer.“
Zufrieden über sich und schnurrend wie eine Katze streichelte sie seinen Schwanz, setzte sich wieder auf ihn, und sah ihm, während sie sich langsam auf und ab bewegte in die Augen. Ihr entging nichts. Sie bemerkte jede noch so winzige Reaktion. Als Jonathans Herz schneller schlug, wurde ihr Blick verschwommener. In Jonathan regte sich ein stolzes Glücksgefühl. Er blickte seitlich auf die Schrift in dem Stück Zederholz an der Wand, in das Leila für ihn beschrieben hatte:
Ein Traum zum Sterben müd sucht noch nach Dir.
Er wusste nun, was Leila meinte.
9. Der Schusterberg
Ein paar Tage später. Das sommerliche Wetter hielt an. Für Jonathan war es der erste Tag seiner Selbstständigkeit ohne einen Besuch bei Marie Wenninger. Sie hatte ihre Krise mit seinem Zuhören vorerst überwunden und Jonathan kannte nun die medizinische Abhandlung der Äbtissin Hildegard von Bingen über die in Honig eingelegte Päonienwurzel. War das wirklich wissenswert? Er entschied sich. Ja, es war Wissen aus Zeiten, in denen Menschen noch mit der Natur verbunden waren. Heute gibt es Kinder, die Kartoffeln nur als Fritten kennen, und denen die Vielfalt der Knollen weder in Aussehen oder Geschmack etwas sagen würde.
Von solch schwerwiegenden Gedanken geplagt stand Jonathan in seinem Büro und hatte das Fenster zur Straße geöffnet. Auf der anderen Straßenseite wiegten sich die Linden im Wind. Nach einem Beschluss der Stadtverwaltung sollten sie demnächst gefällt werden, um einen Parkstreifen zu weichen. Die Stadt wurde immer unbewohnbarer. Durch die Blätter konnte man das Wasser dahinter ahnen. Die zunehmende Sommerwärme strömte zusammen mit dem Verkehrslärm in sein Büro. Als das Telefon klingelt, schloss er das Fenster um besser hören zu können. Eine heisere, männliche Stimme fragte ziemlich barsch am Telefon:
„Sind Sie der Zuhörer?“
Gemäß seiner intelligent aufgestellten Gesprächsregeln wollte er höflich antworten, wurde aber sofort grob unterbrochen.
„Gut, gut. Ich möchte, dass Sie heute Nachmittag zu mir in die Schusterkate auf dem Schusterberg kommen. Der Schusterberg liegt im Kreis Plön, in der Nähe der B 404 bei der Abfahrt Nettelsee.“ Der Mann beschrieb, ohne auf eine Antwort zu warten ausführlich den Weg. „Dann sind wir um 15:00 Uhr verabredet.“
Ohne ein weiters Wort wurde aufgelegt. „Ein unfreundlicher Zeitgenosse,“ dachte Jonathan irritiert. Unschlüssig blätterte er in seiner Post. Sortierte das, was wie eine Rechnung aussah, auf einen Stapel. Darum würde er sich später kümmern. Auf einen zweiten Haufen kamen die Werbebriefe für den Papiercontainer und andere, nicht identifizierbare Schreiben, bei denen er vorerst unsicher über die zukünftige Verwendung war.
Er öffnete den ersten Brief vom Stapel Rechnungen, dann den zweiten und dritten. Er legte alles zusammen und gab sich einen Bezahlaufschub. Dann schaltete er seinen Laptop ein und arbeitete an seiner Website, die Lara für ihn installiert hatte, bis es Zeit wurde sich auf den Weg zu machen.
Jonathan fand die staubige Auffahrt zum Schusterberg auf Anhieb. Die Beschreibung hätte nicht präziser sein können. Ein sandiger, ausgefahrener Weg schlängelte sich von der Kreisstraße zwischen, für Schleswig Holstein untypischen, riesigen Feldern hinauf zu einem kleinen Wäldchen. Der Peugeot schaffte den Weg, ohne dass das löcherige Bodenblech aufsetzte. Das hätte noch gefehlt, dass die alte Karre bei einem Auftrag stecken blieb.
Oben rechts, auf dem Scheitelpunkt des Hügels und auf einer Waldlichtung gelegen, stand die beschriebene alte Kate. Der Name der Kate stammte von einem Schuster, der hier vor über hundert Jahren seinem Handwerk nachging. Er blickte sich um. Neben dem Haus befand sich ein rund gemauerter Brunnen, einer Zisterne ähnlich, der mit seinem kleinen Dach und der Kette mit Eimer wie ein Bild aus längst vergangenen Zeiten aussah. Neben den nach außen hin zu öffnenden Doppelfenstern, waren hellblau gestrichene Fensterläden angebracht. Die Fenster selbst hatten dringend eine Reinigung nötig. Jonathan fühlte sich ein wenig an seine Fenster erinnert. Von Staub und Regen fast blind, konnte Jonathan sich nicht vorstellen, dass viel Licht nach innen drang. Vor dem Haus stand ein nagelneuer goldbrauner Jeep Cherokee mit goldfarbenen Streifen aber ohne Kennzeichen.
Er stellte seinen alten, klapperigen Peugeot neben den Jeep. Der Kontrast könnte nicht größer sein. Als Jonathan ausstieg, war außer dem rostigen Knarren seiner ungeölten Autotür nichts zu hören. Kein Wind rauschte, kein Vogel rief, kein Motorengeräusch drang von der Kreisstraße herauf. Er sah sich um. In dem Einflugloch direkt unter dem Giebel der Kate saß regungslos ein Eule oder ein Kauz, genau konnte er das nicht bestimmen, weil er ebenso wenig Ahnung von Vögeln, wie von den Päonien der Frau Wenninger hatte. Aber er registrierte immerhin, dass der Vogel die Augen geschlossen hatte.
Über das riesige Kornfeld im Hintergrund liefen sanfte, wellenförmige Schauer, wie wenn ein Windhauch die Ähren berührte. Es war nicht direkt unheimlich hier zu stehen und nichts außer dem leichten Rauschen der Bäume zu hören und niemanden zu sehen. Ein merkwürdiges Gefühl, wie eine Ahnung von Gefahr beschlich ihn.
„Vielleicht bin ich als Stadtmensch auch nur die Stille nicht gewohnt,“ so versuchte er seine Beklemmung zu überwinden. Er zögerte, dann ging er misstrauisch zu der Kate. Drangen da Geräusche aus dem Innern? Huschte da nicht einen Schatten hinter den verdreckten Scheiben? Vorsichtshalber blieb er stehen. Unwillkürlich hielt er die Luft an. Vor dem Haus, zu dem sandigen Weg hin, befand sich eine kleine Pforte. Die Haustür sah eher unbenutzt aus. Dagegen sah das seitliche Tor so aus, als ob dies der übliche Hauseingang war. Jonathan entschloss sich zu dem Tor gehen, als plötzlich die entsetzlich heisere Stimme hinter ihm krächzte:
„Willkommen zur rechten Zeit.“
Starr vor Schreck zuckte Jonathan zusammen und fuhr im nächsten Moment herum. Ein großer dicker Mann, der aussah wie ein in Cordhosen und Holzfällerhemd gesteckter Walfisch, wandte ihm unhöflich den Rücken zu. Jonathan schnappte nach Luft. Sein Puls raste. Die heisere Stimme verursachte ihm Gänsehaut.
„Ich heiße Oluf Bang,“ sagte der Fettsack. „Kommen Sie, wir gehen ein Stück.“
Er stapfte in Richtung Wald los, ohne sich umzusehen. Im Gehen griff er in die Hintertasche seiner grün- beigen Cordhose und zog sein Portemonnaie heraus. „Hier sind 500,- €. Ist das okay für die Fahrt und eine Stunde Zuhören?“ Jonathan nickte, was der Dicke nicht sehen konnte, da er ihm weiterhin den Rücken zuwandte und sagte, dass er ihm auf dem Rückweg beim Auto eine Quittung geben wolle. Der Unbekannte mit dem eigenartigen dänischen Namen lachte nur und winkte ab.
„Ich möchte Ihre Dienste für ein paar Stunden an etwa drei bis fünf Tagen in Anspruch nehmen. Ich zahle Ihnen dafür jedes Mal 500,- € plus Zulage für den einen oder anderen Gefallen, um den ich Sie bitten werde. Da Sie der Zuhörer sind, gehe ich davon aus, dass Sie mir ohne mich zu unterbrechen zuhören werden.“ Jonathan nickte erneut und Oluf Bang fuhr fort.
„Ich habe ein Gesellschaftsmodell entwickelt, das die Lösung aller Probleme darstellt. Und das ohne Zwang oder einer Ideologie, wie sie Religionen oder Philosophien, insbesondere der Kommunismus, benötigen. Mein Zukunftsmodell ist auf eine Art von Gerechtigkeit ausgerichtet, die für jeden nachvollziehbar ist.“
Er ging weiter vor Jonathan her, ohne sich einmal umzudrehen. Jonathan hatte Mühe dem Dicken zu folgen und nahm die Ausführungen nur sporadisch auf.
„Wissen Sie,“ fuhr er weiter fort, „ich glaube, dass die Menschen den Lohn für ihre Arbeit realistisch einschätzen würden, wenn sie einen Orientierungsrahmen hätten. Sagen wir mal das höchste und das niedrigste Einkommen dürften um 100 % differieren, dann würde sich jeder mit dem ihm angemessenen Gehalt zufrieden geben. Ihm müssten selbstverständlich die benötigte Ausbildung, die wahrscheinliche körperliche und seelische Belastungen, die notwendige Konzentration, die verlangte Verantwortung usw. der einzelnen Berufe bekannt sein, damit sein natürliches Gerechtigkeitsempfinden es ihm ermöglicht seinen Platz zu finden.
Nun stellen Sie sich vor, dass in meiner integrierten Gesellschaft jeder verpflichtet wäre zu arbeiten, oder sich zu bilden. Jede Frau und jeder Mann muss für seinen Unterhalt selbst sorgen. Dafür erhält jeder ein Gehalt. Das geringste Gehalt, also 1 Prozent, bekommen Kinder vom Tag ihrer Geburt an bis zu dem Tag, an dem sie eine Ausbildung beginnen.
Sie wissen vielleicht, dass Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft etwa dreitausend Mal soviel wie Durchschnittsverdiener bekommen. Sie würden in Zukunft ebenfalls nicht mehr als einhundert Mal mehr, als das kleinste Gehalt erhalten. In gewisser Weise, steuern die Spitzenmanager ihr Gehalt selbst. Je besser sie es verstehen, die Geschicke der Wirtschaft zu lenken, umso höher wird das gesamte Wirtschaftvolumen und so höher ihr eigenes Gehalt. Das gleiche gilt natürlich auch für jeden einzelnen. Je sorgfältiger ich meine Arbeit verrichte, je sparsamer ich mit den Ressourcen umgehe, umso höher wird mein Anteil ausfallen.
Stellen Sie sich einmal vor, wie sich das auf das Gesundheitswesen oder die Rente auswirken würde. Bleiben wir vorerst bei der Rente. Ein Altersruhegeld in Form einer vollen Rente wird es in der integrierten Gesellschaft nicht geben. Von 55. Lebensjahr an, arbeitet jeder immer weniger, so wie er noch leistungsfähig ist. Sein Gehalt sinkt dementsprechend.
Wahrscheinlich denken Sie ich sei ein Phantast, jemand der jenseits aller Realitäten denkt? Ich kann Ihnen versichern, dass mein Plan aufgeht.“ Er blieb stehen, drehte sich aber nicht um und wartete anscheinend auf eine Reaktion. In Gedanken stimmte Jonathan, Oluf Bang sei ein Phantast, zu. Die Geschichte war völlig unrealistisch. Oluf Bang wartete auch nicht auf eine Antwort.
„Für das nächste Treffen werde ich Sie wieder anrufen. Überlegen Sie mal was ich Ihnen erzählt habe. Wir werden uns immer hier treffen. Wie heute, werden Sie pünktlich um 15:00 Uhr hier sein. Von dem Tag an, an dem unsere Gesprächsrunden beginnen, kommen Sie jeden darauf folgenden Tag, bis ich Ihnen etwas anderes sage. Und jetzt können Sie mich verlassen. Unser Gespräch ist für heute beendet. Chiao.“
