Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben) - Daniel Defoe - E-Book

Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben) E-Book

Daniel Defoe

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Beschreibung

Daniel Defoe's Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben) ist eine beeindruckende Sammlung seiner bekanntesten Werke, darunter Robinson Crusoe, Moll Flanders und Captain Singleton. Defoes literarischer Stil zeichnet sich durch seine lebendige Erzählweise und seinen realistischen Umgang mit Themen wie Kolonialismus, Abenteuer und menschlicher Natur aus. Diese Werke sind Meilensteine des englischen Romans des 18. Jahrhunderts und haben einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Literaturgeschichte gehabt. Defoes Fähigkeit, komplexe Figuren zu schaffen und moralische Fragen zu erforschen, macht diese Sammlung zu einem unverzichtbaren Teil der Literaturwelt. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 1844

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Daniel Defoe

Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben)

Einführung, Studien und Kommentare von Amelie Seidel
Bereicherte Ausgabe. Robinson Crusoe, Die Piratenzüge des berühmten Kapitän Singleton, Moll Flanders…
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben)
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Werksammlung führt unter dem Titel „Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben)“ einige der prägenden Erzählwerke Daniel Defoes, einer Schlüsselgestalt der frühen englischen Romankunst, in einem Band zusammen. Sie richtet sich an Leserinnen und Leser, die Defoes souveräne Verbindung von Erfahrungsnähe, erzählerischem Wagemut und moralischer Reflexion im Zusammenhang erleben möchten. Indem die ausgewählten Romane gemeinsam präsentiert werden, treten Motive, Stimmen und Verfahren übergreifend hervor: das Meer als Prüfstein, die Reise als Schule der Selbsterkenntnis, das Protokollieren als Rettungsanker. Die begleitenden Illustrationen öffnen zusätzliche Zugänge zu Räumen, Dingen und Gesten, die Defoes Prosawelten anschaulich und gegenwärtig erscheinen lassen.

Im Zentrum steht die Zusammenführung von fünf Romanen, die unterschiedliche Spielarten des Abenteuers erkunden: Robinson Crusoe, Kapitän Bob Singleton, Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders, Oberst Hannes sowie Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege. Die Texte erscheinen hier in illustrierter Gestalt, um die Lektüre sinnlich zu begleiten, ohne deren Eigenlogik zu überformen. Ziel dieser Ausgabe ist es, Defoes thematische Spannweite und erzählerische Wandlungsfähigkeit in einer kompakten, vergleichenden Lektüresituation erfahrbar zu machen. Wer diese Romane nebeneinander liest, erschließt sich nicht nur einzelne Abenteuer, sondern ein ganzes Gedankengefüge über Risiko, Ordnung, Arbeit und Weltverkehr.

Die hier vertretenen Genres sind vielfältig und greifen ineinander: der Abenteuerroman in maritimen und kontinentalen Spielarten, die Seegeschichte mit ihren technischen und sozialen Mikrologiken, die Großstadterzählung um Überleben und Aufstieg sowie der historische Roman in Form einer scheinbar privaten Erinnerungsniederschrift. Defoe nutzt dazu hybride Textsorten, die sich als Bericht, Tagebuch, Bekenntnis, Memorandum oder Reisebeschreibung ausgeben und dadurch den Anschein unmittelbarer Erfahrung erzeugen. Gerade dieses Spiel mit Dokumenthaftigkeit macht seine Fiktion produktiv: Was wie Protokoll oder Selbstzeugnis wirkt, entpuppt sich als hochreflektierte Gestaltung von Stimme, Perspektive und Detail, die Wirklichkeit plausibel und prüfbar erscheinen lässt.

Charakteristisch ist Defoes erzählerische Ökonomie: Er baut seine Romane aus Beobachtungen, Entscheidungen und Handgriffen, deren Abfolge eine stille Logik der Notwendigkeit entfaltet. Häufig sprechen die Figuren in der ersten Person, begründen ihre Schritte, rechnen mit Vorräten, Entfernungen und Folgen und erzeugen so einen realistischen Sog. Das scheinbar Nebensächliche – eine Liste, ein Werkzeug, ein Tausch – wird zum Motor des Geschehens. Aus dieser Konkretion erwachsen moralische Prüfungen: Gewissen, Nutzen, Furcht und Hoffnung werden nicht abstrakt verhandelt, sondern in Arbeit, Risiko und Verantwortung erprobt. Defoes Stil ist nüchtern, präzise, zugleich von beharrlicher Spannung getragen.

Gemeinsam ist den ausgewählten Romanen ein Erkundungsdrang, der das frühe Zeitalter globaler Verflechtungen literarisch vermisst. Handel und Schifffahrt, Krieg und Recht, Arbeit und Eigentum bilden den Rahmen, in dem individuelle Entscheidungen Gewicht erhalten. Defoe interessiert, wie Menschen in Grenzsituationen handeln, wie sie Mangel, Gefahr und Versuchung bewältigen und ihre Taten vor sich selbst rechtfertigen. Religiöse Sprache, das Nachdenken über Vorsehung und Schuld, gehört ebenso dazu wie pragmatisches Kalkül. So entstehen Erzählräume, in denen Unternehmungslust und Gewissen, Zufall und Planung, gesellschaftliche Regeln und private Wünsche sich reiben und zu neuen Lebensentwürfen zwingen.

Die Illustrationen begleiten diese Prosawelten als visuelle Kommentare. Sie lenken den Blick auf nautische Situationen, Werkzeuge, Karten, Kleidung und Gesten und betonen die Körperlichkeit von Arbeit, Reise und Kampf. Bilder können nicht erklären, wie ein Roman funktioniert, doch sie eröffnen atmosphärische Zugänge, schärfen historische Sensibilität und geben der Imagination Anhaltspunkte. Gerade bei See- und Kriegsszenen, bei topografischen Beschreibungen und bei der Darstellung von Verkehr und Tausch entfalten sie orientierende Kraft. Die Bildfolge versteht sich als Einladung, Details in den Texten aufzusuchen und die präzise Materialität von Defoes Schreiben neu wahrzunehmen.

Robinson Crusoe ist die paradigmatische Schiffbruchs- und Überlebensgeschichte. Ein Reisender strandet auf einer abgelegenen Küste und muss mit dem arbeiten, was der Zufall und der eigene Einfallsreichtum hergeben. Aus anfänglicher Not entstehen Ordnung, Werkstatt, Vorrat und ein System der Zeit. Der Roman erkundet, wie sich eine Welt aus Materialien, Gewohnheiten und Überzeugungen zusammensetzt und wie Selbstgespräch, Buchführung und Handarbeit das Subjekt zusammenhalten. Das Meer bleibt dabei zugleich Bedrohung und Verheißung. Defoes nüchterne Schritt-für-Schritt-Prosa macht die kleinste Entscheidung sichtbar und verleiht dem Fortkommen eine stille, beinahe dokumentarische Spannung.

Kapitän Bob Singleton führt in die harsche Schule der See. Ein seefahrender Protagonist bewegt sich zwischen Navigation, Handel, Beutezügen und der Disziplin einer Mannschaft, die auf engstem Raum miteinander ausharren muss. Küsten, Winde und Strömungen werden zu Figuren des Dramas; Führungsentscheide können über Leben, Güter und Loyalitäten entscheiden. Der Roman verknüpft technische Präzision mit ethischen Dilemmata und zeigt, wie Erfolg auf See stets riskant, flüchtig und umkämpft ist. Defoe nutzt das Bordleben als Labor gesellschaftlicher Ordnungen, in dem Regeln erprobt, gebrochen und neu gesetzt werden – unter dem Druck von Wetter, Knappheit und Gelegenheit.

Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders verlegt das Abenteuer in die Sphäre der Stadt. Eine Erzählerin aus prekären Verhältnissen berichtet aus der ersten Person, wie sie in einer Welt aus Arbeit, Verlockung und Kontrolle um Handlungsspielräume ringt. Die Erzählung verbindet Selbstprüfung und Selbsterfindung, macht ökonomische Zwänge sichtbar und zeigt, wie soziale Rollen angenommen, gespielt und reflektiert werden. London erscheint als Bühne des Tauschs und der Masken, auf der Moral nicht als Dekor, sondern als Frage der Entscheidung auftritt. Defoes genaue Beobachtung lässt die alltägliche Ökonomie von Gefühlen, Dingen und Worten plastisch werden.

Oberst Hannes erzählt von einem Leben, das vom Rand der Gesellschaft in die militärische Ordnung führt. Der Weg des Protagonisten verläuft über Härten, Lernschritte und den Erwerb von Disziplin; aus Erfahrung entsteht Urteil. Das Soldatenleben wird nicht heroisiert, sondern als Abfolge von Märschen, Diensten, Pflichten und Versuchungen dargestellt, in der Charakter und Gelegenheit sich wechselseitig prüfen. Die militärische Welt eröffnet Aufstiegschancen, verlangt aber auch Anpassung und Selbstbeherrschung. Defoe zeigt, wie Identität unter wechselnden Bedingungen stabilisiert wird – durch Arbeit an sich selbst, durch das Erlernen von Rollen und durch Verantwortung gegenüber anderen.

Die Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege geben sich als Erinnerungen eines Reisenden und Offiziers, der große Feldzüge erlebt und beobachtet. Der Blick ist der eines Augenzeugen, der Bewegungen von Heeren, Landschaften, Städten und Menschen registriert und das Geschehen in eine ruhige, prüfende Sprache fasst. Geschichtliche Erfahrung erscheint nicht als Panorama großer Namen, sondern als Summe von Ortswechseln, Befehlen, Warten, Verlusten und Entscheidungen. Der historische Roman gewinnt seine Glaubwürdigkeit aus Genauigkeit und Mäßigung: Gerade die kontrollierte Tonlage der Berichterstattung verstärkt die Ernsthaftigkeit des Erzählten.

Als Ensemble zeigen diese Romane, wie aus Erfahrung und Sprache eine neue Form des Erzählens entsteht. Defoes Werk verbindet Abenteuerlust mit Nachdenklichkeit, Tatsachenstil mit Erfindung, individuelle Stimme mit gesellschaftlicher Analyse. Die hier versammelten Bücher sprechen über Selbstbehauptung, Verantwortung und die Kosten des Erfolgs – Themen, die ihre Aktualität behalten haben. Die Illustrationen unterstützen die Lektüre, indem sie die Welt der Schiffe, Straßen und Schlachtfelder greifbar machen, ohne den Text zu bevormunden. Wer diese Sammlung aufschlägt, erhält keine nostalgische Zuflucht, sondern eine Schule der Wahrnehmung, in der Handeln, Denken und Erzählen zusammengehören.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Daniel Defoe (um 1660–1731) war ein maßgeblicher englischer Autor der frühen Aufklärung, dessen Werk die Entwicklung des europäischen Romans beschleunigte. Als scharfsinniger Beobachter von Handel, Religion und Politik verband er journalistische Genauigkeit mit erzählerischer Spannung. Seine Epoche war geprägt von konfessionellen Konflikten, kolonialer Expansion und einer wachsenden Druckkultur, in der er sich als produktiver Publizist profilierte. Bekannt wurde er vor allem durch Robinson Crusoe, doch sein Schaffen reicht weit darüber hinaus. Defoe experimentierte mit Ich-Erzählungen, fingierten Memoiren und moralischer Selbstprüfung und prägte damit eine realistische Prosaform, die Leserinnen und Leser bis heute durch ihre Unmittelbarkeit überzeugt.

Seine Ausbildung erfolgte außerhalb der anglikanischen Universitäten in einem dissentischen Umfeld. An der Akademie in Newington Green, die von Charles Morton geleitet wurde, erhielt Defoe eine praktische, auf Rhetorik, Geschichte, Geografie, Mathematik und moderne Sprachen ausgerichtete Schulung. Diese Mischung aus bürgerlicher Nützlichkeit und protestantischer Innerlichkeit prägte sein Denken. Er beobachtete das Wirtschaftsleben Londons, verfolgte politische Debatten und las Reiseberichte, Chroniken und Glaubenszeugnisse, die sein späteres Erzählen nährten. Wichtig wurde ihm eine nüchterne, erfahrungsnahe Darstellungsweise, die moralische Selbstprüfung mit empirischer Detailfreude verbindet und aus alltäglichen Quellen – Bericht, Tagebuch, Bekenntnis – literarische Formen entwickelt.

Beruflich bewegte sich Defoe zunächst im Handel und lernte Risiken, Chancen und Unsicherheiten eines expandierenden Marktes aus erster Hand kennen. Früh trat er als politischer Publizist hervor, schrieb polemische und satirische Traktate und geriet dabei in Konflikt mit den Behörden. Verfolgung, Haft und öffentliche Demütigung unterstrichen die Brisanz seiner Positionen, ohne seine Produktivität zu bremsen. Zugleich erprobte er in einer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift Formen kontinuierlicher Berichterstattung und Kommentierung. Diese Doppelrolle aus Geschäftsmann und Schreibarbeiter schärfte sein Sensorium für Fakten, Zahlen und Motive, die später seine fiktionalen Erzählungen mit dokumentarischem Realismus durchdringen.

Mit Robinson Crusoe veröffentlichte Defoe 1719 einen Meilenstein der Erzählkunst. Das Werk erscheint als Selbstbericht eines Reisenden und Kaufmanns, dessen isolierte Lebenslage zur Schule der Selbsterhaltung, Buchführung und geistigen Prüfung wird. Bemerkenswert ist die nüchterne Darstellung von Handgriffen, Vorräten, Tauschwerten und Zeitmanagement, die eine Illusion von Faktizität erzeugt. Zugleich modelliert der Text eine innere Entwicklung, die praktische Vernunft, religiöse Reflexion und Neugier verbindet. Die zeitgenössische Resonanz war stark; Leserinnen und Leser fanden eine neuartige Mischung aus Abenteuer, Moral und Alltagsdetail, die das Potenzial des Romans als Medium empirischer Erfahrung sichtbar machte.

Auf Robinson Crusoe folgte mit Kapitän Bob Singleton eine weitgespannte Reise- und Piratenerzählung, die die Verflechtung von Geografie, Handel und Gewalt durchspielt. Der Ton bleibt protokollarisch; exotische Räume werden als ökonomische Horizonte vermessen. In Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders verlegte Defoe die Perspektive in eine urbane Biografie, die Armut, Arbeit, Kriminalität und Selbsterfindung reflektiert. Als Ich-Erzählung organisiert, verbindet der Roman Beichte, Geschäftsrechnung und Überlebensklugheit. Beide Werke zeigen Defoes Interesse an Grenzlagen, in denen moralische Entscheidungen unter dem Druck von Not, Gewinnstreben und gesellschaftlicher Mobilität getroffen werden müssen und deren Konsequenzen nüchtern bilanziert werden.

Mit Oberst Hannes und den Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege variierte Defoe das Muster fingierter Lebensberichte. Er wählte die Form der Memoiren, um militärische Konflikte, politische Loyalitäten und persönliche Ambitionen aus der Innensicht zu entfalten. Die erzählerische Technik verbindet Rechenschaft über Geld, Rang und Ehre mit genauer Notation von Orten, Märschen und Begebenheiten. Fakt und Fiktion rücken eng zusammen, ohne dokumentarische Illusion preiszugeben. So entsteht ein Geschichtsbild, das Erfahrung, Zufall und Planung verschaltet und den Einzelnen als Akteur in weitreichenden, oft kontingenten historischen Prozessen sichtbar macht. Gleichzeitig bleibt die Stimme streng rechenschaftspflichtig.

Defoe schrieb bis in seine späten Jahre und stand trotz anhaltender Produktivität immer wieder unter wirtschaftlichem Druck. Er starb 1731 in London. Sein Vermächtnis liegt in der Verbindung von Beobachtung, Moral und Erfindungsgabe, die den Roman als Medium gesellschaftlicher Analyse und persönlicher Erfahrung profilierte. Robinson Crusoe, Kapitän Bob Singleton, Moll Flanders, Oberst Hannes und die Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege bleiben repräsentative Beispiele dieser Kunst. Sie wirken in Reise- und Abenteuerliteratur, im realistischen Roman und in dokumentarischen Formen nach und werden heute als vielschichtige Untersuchungen moderner Lebensführungen gelesen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Die Sammlung führt in die Welt Daniel Defoes, der zwischen 1660 und 1731 lebte und in einer Zeit grundlegender Umbrüche schrieb. Seine Romane greifen Epochen von der europäischen Konfessionskriegsära bis zur frühgeorgianischen Handelsgesellschaft auf. Sie spiegeln ein England, das nach Bürgerkrieg und Revolution eine neue politische Ordnung fand, und zugleich ein Imperium, das über Meere und Kontinente expandierte. Der Ton der Ich-Erzählungen verbindet individuelle Lebensläufe mit größeren Kräften: Krieg, Handel, Religion und Recht. Diese Verknüpfung macht die Bücher zu Dokumenten einer Gesellschaft, die Risiko kalkulierte, Gewissen erforschte und Mobilität als Chance wie Bedrohung begriff.

Die Glorious Revolution von 1688/89 begrenzte königliche Macht und stärkte Parlament und Rechtsstaatlichkeit. Daraus erwuchs ein Parteiengefüge aus Whigs und Tories, das die Öffentlichkeit polarisierte und eine lebhafte Pamphletkultur beförderte. Defoe agierte in diesem Spannungsfeld als Publizist und Beobachter, geprägt von der Idee einer konstitutionellen Ordnung, die zugleich Handel und persönliche Initiative schützt. Die politische Stabilisierung ermöglichte einen Rahmen, in dem bürgerliche Werte, religiöse Toleranz (mit Grenzen) und wirtschaftliche Unternehmungslust zusammenfanden – Hintergründe, die den moralischen und ökonomischen Konflikten seiner Figuren Substanz geben.

Mit dem Act of Union von 1707 wuchs Großbritannien als politischer und ökonomischer Raum zusammen. Schottische und englische Märkte, Häfen und Finanzplätze verbanden sich, was Handel und Migration verstärkte. Der neue Staat betrieb expansive Außenpolitik, förderte koloniale Unternehmen und festigte Seemacht. Diese Integration vergrößerte die Zahl mobiler Akteure – Seeleute, Kaufleute, Soldaten, Migranten –, deren Wege Defoes Romane oft nachzeichnen. Die Union schuf zugleich einen breiteren Lesermarkt und beschleunigte die Zirkulation von Nachrichten, Karten und Reiseberichten. So entstand ein Publikum, das für Abenteuer, Erfahrungswissen und wirtschaftlich-moralische Lebensläufe besonders empfänglich war.

Die maritimen Geschichten stehen im Bann einer Handelsordnung, die seit den Navigation Acts des 17. Jahrhunderts englische Schifffahrt privilegierte. Chartergesellschaften wie die East India Company und die Royal African Company verknüpften britische Häfen mit Asien, Afrika und Amerika. Die zunehmende Verfügbarkeit von Seewegen, Versicherungen und Krediten machte Ozeanreisen kalkulierbarer, ohne die Gefahr zu bannen. Reiseberichte, Hafengerüchte und Küstenkarten zirkulierten breit und schufen Erwartungsbilder vom „Außen“. Diese Wissens- und Risikokultur nährt Erzählwelten, in denen Unternehmungsgeist, Improvisation und die Wucht des Unvorhersehbaren unablässig aufeinanderstoßen.

Die „Goldene Ära“ der Piraterie erreichte in den 1710er und frühen 1720er Jahren einen Höhepunkt, begünstigt durch Kriege, demobilisierte Seeleute und lukrative Handelsrouten. Das Kaperwesen im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) verschob die Grenzen zwischen legaler Beute und Piraterie. In diesem Umfeld gewinnen Figuren, die zwischen Gehorsam, Gesetzesbruch und Eigeninteresse lavieren, Kontur. Geschichten über Fernfahrten, Beutegemeinschaften und improvisierte Ordnungen verhandeln rechtliche und moralische Grauzonen, die die atlantische Welt prägten. Sie spiegeln zugleich die Versuche von Staaten und Handelskompanien, Seeraum zu zivilisieren, ohne sein Potential für Gewinn und Gewalt zu verlieren.

Die Expansion des transatlantischen Sklavenhandels strukturierte seit dem 17. Jahrhundert Wirtschaft und Gesellschaft in Europa und den Kolonien. Plantagenökonomien in der Karibik und Nordamerika, Dreieckshandel und Küstenfaktoreien verbanden Warenströme mit Zwangsarbeit. Zugleich etablierte England Formen unfreier Mobilität wie Indentur und – häufiger im 18. Jahrhundert – Strafdeportation. Defoes Romane berühren diese Kontexte, indem sie ökonomische Kalküle, koloniale Räume und asymmetrische Abhängigkeiten sichtbar machen, ohne sie systematisch zu analysieren. Die moralischen Spannungen zwischen Nutzen, Gewissen und Recht sind Teil der Zeitdiagnose, die seine fiktiven Lebensläufe – ob auf See oder an Land – grundiert.

London entwickelte sich nach dem Großen Brand von 1666 zur dominierenden Handels- und Finanzmetropole Europas. Baustellen, Werkstätten, Märkte und Höfe boten Chancen und erzeugten Elend. Armut, Migration und eine flexible Schattenökonomie prägten den Alltag ebenso wie Kaufmannsethos und Philanthropie. In diesem urbanen Milieu florierten Kriminalgeschichten, Bänkellieder und Flugschriften. Romane, die vom Aufstieg aus prekären Verhältnissen, von List, Arbeit, Heirat und Kredit erzählen, reagieren auf eine Stadt, die zugleich Aufstiegsmotor und moralischer Prüfstein ist. Sie zeigen, wie soziale Zugehörigkeiten verhandelbar werden – durch Geld, Verhalten, Reputation und Schriftdokumente.

Das englische Strafrecht des frühen 18. Jahrhunderts – oft als Bloody Code bezeichnet – kannte zahlreiche Kapitalverbrechen. Newgate-Gefängnis, öffentliche Hinrichtungen in Tyburn und die wachsende Praxis der Strafverschiffung prägten eine Kultur der Abschreckung und Besserung. Mit dem Transportation Act von 1718 wurde Deportation in die Kolonien rechtlich gefestigt und logistischer Standard. Parallel boomte eine Literatur der „Lebensbeschreibungen“ von Verurteilten, die moralische Nutzanwendung versprach. Defoes fiktionale Autobiographien greifen diese Formen auf: Beichte, Bilanz, Bekehrung und eine nüchterne Sprache der Tatsachen strukturieren Erzählungen, die individuelle Schuld mit sozialer Ökonomie verschränken.

Die Finanzrevolution – Bank of England (1694), staatliche Anleihen, Aktienhandel – machte Kredit allgegenwärtig. Das South-Sea-Bubble-Jahr 1720 offenbarte die Dynamik von Spekulation, Gerücht und Vertrauen. Kaufmännische Buchführung, Versicherungsprämien und Zinssätze durchdrangen den Alltag. Diese Welt der Zahlen und Versprechen prägt Defoes Figurenhorizonte: Vermögen entsteht, indem Risiken verteilt, Zukunftserwartungen gerechtfertigt und Verluste abgeschnitten werden. Der nüchterne, inventarisierende Ton vieler Passagen folgt einem Denken, das Moral, Berechnung und Erfahrung verschaltet – Ausdruck einer Gesellschaft, die Reichtum nicht mehr primär aus Stand, sondern aus Umschlag und Kredit herleitet.

Religiös bewegte sich das England Defoes zwischen anglikanischer Staatskirche und Nonkonformisten. Der Autor entstammte dissenting Milieus, deren Ethos Arbeit, Mäßigung, Gewissensprüfung und Selbstdisziplin betonte. Diese Perspektive auf individuelle Verantwortlichkeit verbindet sich in seinen Texten mit Providenzvorstellungen und einer Pragmatik des Überlebens. Nach dem Auslaufen des Presse-Lizenzsystems 1695 expandierte der Druckmarkt; Predigten, Pamphlete und periodische „Moral Weeklys“ prägten die Öffentlichkeit. Die Verbindung von Frömmigkeit, ökonomischer Rationalität und publizistischer Debatte erklärt, warum seine Prosa zugleich moralisiert, rechnet und beobachtet – als Ausdruck einer praktischen Aufklärung.

Defoe arbeitete als Journalist, gab 1704–1713 The Review heraus und verfasste politische wie ökonomische Traktate. 1703 wurde er wegen einer satirischen Schrift inhaftiert und an den Pranger gestellt, später wirkte er zeitweise als Informant im Umfeld Robert Harleys. Diese Erfahrungen mit Überwachung, Stimmungslage und Nachrichtenflüssen schärften seinen Blick für Netzwerke, Gerüchte und die Ökonomie der Aufmerksamkeit. Die Romane profitieren von dieser Reporterhaltung: detaillierte Ortskenntnis, kaufmännische Terminologie, rechtliche Feinheiten und die Rede von „Fakten“ verleihen den Geschichten den Anschein von Authentizität, wie ihn ein lebhafter Markt für Zeugnisse und Memoiren verlangte.

Literarisch entstehen seine Prosawerke in einer Übergangsphase zur modernen Erzählliteratur. Reiseberichte, Bekehrungserzählungen, barocke Pikareske und gedruckte Lebensläufe liefern Muster. Defoe radikalisiert das Ich als Protokollinstanz und verlegt die Spannung in Entscheidungen, Erträge, Verluste und Gewissenskämpfe. Robinson Crusoe gilt häufig als frühes Musterbeispiel des englischen Romans, weil er Alltagsvollzüge, Arbeit und Berechnung zum Stoff der Fiktion macht. Die dokumentarische Pose war zeittypisch: Texte gaben vor, „gefunden“ oder „aufgezeichnet“ zu sein, und bewegten sich damit an der Grenze zwischen Chronik, Beichte und Erfindung.

Die Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege greifen die Erinnerungskultur an den Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) und den Englischen Bürgerkrieg (1642–1651) auf. Diese Konflikte verbanden Religionspolitik, Söldnerwesen und Staatsbildungsprozesse. Sie brachten mobile Heere hervor, belagerten Städte und setzten Zivilgesellschaft massiver Gewalt aus. Für eine frühe-18.-Jahrhundert-Leserschaft boten solche Stoffe historische Autorität und moralische Reflexion. Die fiktive Memoirenform erlaubt, Kriegserfahrung als Schule der Tugend, der Disziplin und der Berechnung zu deuten – und gleichzeitig die Kontingenz politischer Loyalitäten im europäischen Mächtekonzert sichtbar zu machen.

Kapitän Bob Singleton und andere Seegeschichten stehen im Horizont globaler Routen: Atlantik, Kap der Guten Hoffnung, Indischer Ozean. Die Aktivitäten englischer Handelskompanien, konkurrierender Kolonialmächte und lokaler Küstenökonomien erzeugten Begegnungen, Missverständnisse und Gewalt. Seekarten, Lotsenwissen und Hafenbürokratien strukturieren die Erfahrungsräume, ohne Unsicherheiten zu tilgen. Der Roman greift auf die damalige Reiseliteratur zurück, die exotische Topoi mit nüchternen Listen von Vorräten, Kursen und Waren verband. So entsteht ein Bild der Globalisierung im Entstehen: reich an Gewinnchancen, anfällig für Wetter, Krieg und das fragile Band von Vertrag und Vertrauen.

Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders und Oberst Hannes (Colonel Jack) reagieren auf die soziale Fluidität Londons. Sie inszenieren eine Welt, in der Herkunft an Gewicht verliert, während Kredit, Heirat, Arbeit und Schein den Lebensweg formen. Die Stadt als Aggregat von Mietkammern, Märkten und Gassen begünstigt Rollenwechsel und doppelte Buchführung der Moral. Zeitgenössische Diskurse über Armenpflege, Arbeitshäuser und „nützliche“ Besserung rahmen die Texte. Die Nähe zur populären Kriminalbiographie schafft eine didaktische Oberfläche, hinter der die Ambivalenzen einer Ökonomie sichtbar werden, die Aufstieg verspricht und gleichzeitig Ausschluss produziert.

Robinson Crusoe verdankt seine Wirkung auch der kolonialen Imagination der Zeit: Inseln als Projektionsflächen von Arbeit, Herrschaft und Selbstbehauptung. Die Erzählung nutzt den Topos der Selbstgenügsamkeit, wie er in zeitgenössischen Ökonomien des Haushalts und der „Verbesserung“ (improvement) kursierte. Inventarisieren, Bauen, Anbauen und Tauschen werden zu moralisch aufgeladenen Tätigkeiten. Solche Motive schlossen an Projektschriften und Ratgeberliteratur an, die Effizienz, Sparsamkeit und Ressourcennutzung preisten. Die Figur wird damit zum Exempel einer Gesellschaft, die Weltaneignung als Mischung aus Planung, Experiment und religiöser Deutung begreift.

Das Publikum, an das sich diese Bücher richteten, entstand in Kaffeehäusern, Lesegesellschaften und über Leihbibliotheken. Die Aufhebung der Vorzensur beförderte periodische Presse und schnelle Reaktionszeiten. Illustrationen und Karten steigerten Anschaulichkeit und dienten als Vertrauenssignal für „wahre Begebenheiten“. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden insbesondere Robinson-Erzählungen vielfach bearbeitet, gekürzt und moralisierend für junge Lesende adaptiert. Rousseau empfahl im Émile die Lektüre von Robinson Crusoe als Erziehungsbuch. Solche pädagogischen Lesarten verschoben den Akzent von globaler Ökonomie und Kolonialität hin zu Tugenden wie Fleiß, Standhaftigkeit und Selbstdisziplin, ohne die ursprünglichen Spannungen ganz aufzulösen.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Seegeschichten und Abenteuer zur See: Robinson Crusoe & Kapitän Bob Singleton

Robinson Crusoe verfolgt den Überlebenskampf eines gestrandeten Seefahrers, der mit Erfindungsgeist, Arbeitsethik und religiöser Selbstprüfung eine neue Ordnung in der Wildnis errichtet; Kapitän Bob Singleton erzählt die Laufbahn eines Glücksritters, dessen Fahrt über Ozeane und durch unerforschte Räume zwischen Handel, Piraterie und Navigation changiert. Beide Texte verbinden minutiöse Sachschilderung von Arbeit, Risiko und Geographie mit einer nüchternen, protokollhaften Erzählweise, in der Unternehmergeist und moralische Abwägung miteinander ringen. Der Ton schwankt zwischen praktischer Anleitung, Reisebericht und Selbstrechtfertigung.

Pikarische Lebensläufe und soziale Aufstiege: Moll Flanders & Oberst Hannes

Diese beiden pikaresken Lebensläufe folgen Figuren aus prekären Verhältnissen, die durch List, Gelegenheit und ökonomisches Kalkül nach gesellschaftlichem Aufstieg streben. In Moll Flanders stehen Heirat, Geld und Kriminalität als Mittel der Selbstbehauptung im Mittelpunkt; Oberst Hannes verfolgt den Weg eines ehemaligen Straßenjungen über Diebstahl und Militärdienst bis zu riskanten Unternehmungen über See. Die Ich-Perspektive bleibt beichtend und kalkulierend zugleich, wodurch Moral und Nutzen permanent neu austariert werden.

Historische Memoiren: Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege

Als fingiertes Zeitzeugenprotokoll schildern diese Denkwürdigkeiten Feldzüge und Alltagsrealien des Kriegsdienstes in europäischen Konflikten des 17. Jahrhunderts. Der Fokus liegt auf Marsch, Versorgung, Disziplin und Taktik ebenso wie auf den persönlichen Bewährungsproben eines Gentleman-Soldaten. Der Ton ist sachlich-chronistisch und erzeugt Authentizität, ohne die Ambivalenzen von Ehre, Loyalität und Gewalt zu glätten.

Übergreifende Themen und Stil

Die Sammlung zeigt Defoes Hang zu quasi-dokumentarischer Erzählweise: minutiöse Arbeitsabläufe, Zahlen, Routen und Verträge strukturieren Handlung und Selbstbild der Figuren. Wiederkehrend sind Selbstrettung durch Arbeit, die Verschmelzung von Moral und Ökonomie sowie das Wechselspiel von Risiko, Providenz und Planung. Die Protagonistinnen und Protagonisten erzählen als Unternehmer ihres eigenen Lebens, wodurch Abenteuer, Gesellschaftsstudie und ökonomischer Realismus zusammenfallen.

Gesammelte Abenteuerromane, Seegeschichten & Historische Romane (Illustrierte Ausgaben)

Hauptinhaltsverzeichnis
Robinson Crusoe
Kapitän Bob Singleton
Glück und Unglück der berühmten Moll Flanders
Oberst Hannes
Denkwürdigkeiten eines englischen Edelmannes aus dem großen Kriege

Robinson Crusoe

Inhaltsverzeichnis
Robinsons Jugendjahre und erste Reisen
Sklaverei und Flucht
Aufenthalt in Brasilien, Reise und Schiffbruch
Arbeiten auf dem Schiffe und an seiner Wohnung
Das Erbeben
Die Krankheit
Erste Entdeckungsreise zu Lande
Die Ernte
Der Schiffsbau
Entdeckungsreise zu Wasser
Die Ziegenherde
Vestigia me terrant
Die Grotte
Das spanische Schiff
Die Kannibalen
Freitag
Erkundigungen
Die Geretteten
Die Freibeuter
Robinsons Abreise
Reisen
Neue Seereise

Robinsons Jugendjahre und erste Reisen

Inhaltsverzeichnis

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heirathete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen habe auch ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.

Ich hatte zwei ältere Brüder. Der eine von ihnen, welcher als Oberstlieutenant bei einem englischen, früher von dem berühmten Oberst Lockhart befehligten Infanterieregiment in Flandern diente, fiel in der Schlacht bei Dünkirchen. Was aus dem jüngeren geworden ist, habe ich ebensowenig in Erfahrung bringen können, als meine Eltern je Kenntniß von meinen eignen Schicksalen erhalten haben.

Schon in meiner frühen Jugend steckte mir der Kopf voll von Plänen zu einem umherschweifenden Leben. Mein bereits bejahrter Vater hatte mich so viel lernen lassen, als durch die Erziehung im Hause und den Besuch einer Freischule auf dem Lande möglich ist. Ich war für das Studium der Rechtsgelehrsamkeit bestimmt. Kein anderer Gedanke aber in Bezug auf meinen künftigen Beruf wollte mir behagen als der, Seemann zu werden. Dieses Vorhaben brachte mich in schroffen Gegensatz zu den Wünschen und Befehlen meines Vaters und dem Zureden meiner Mutter, wie auch sonstiger mir freundlich gesinnter Menschen. Es schien, als habe das Schicksal in meine Natur einen unwiderstehlichen Drang gelegt, der mich gerades Wegs in künftiges Elend treiben sollte.

Mein Vater, der ein verständiger und ernster Mann war, durchschaute meine Pläne und suchte mich durch eindringliche Gegenvorstellungen von denselben abzubringen. Eines Morgens ließ er mich in sein Zimmer, das er wegen der Gicht hüten mußte, kommen und sprach sich über jene Angelegenheit mit großer Wärme gegen mich aus. »Was für andere Gründe«, sagte er, »als die bloße Vorliebe für ein unstetes Leben, können dich bewegen, Vaterhaus und Heimat verlassen zu wollen, wo du dein gutes Unterkommen hast und bei Fleiß und Ausdauer in ruhigem und behaglichem Leben dein Glück machen kannst. Nur Leute in verzweifelter Lage, oder solche, die nach großen Dingen streben, gehen außer Landes auf Abenteuer aus, um sich durch Unternehmungen empor zu bringen und berühmt zu machen, die außerhalb der gewöhnlichen Bahn liegen. Solche Unternehmungen aber sind für dich entweder zu hoch oder zu gering. Du gehörst in den Mittelstand, in die Sphäre, welche man die höhere Region des gemeinen Lebens nennen könnte. Die aber ist, wie mich lange Erfahrung gelehrt hat, die beste in der Welt; in ihr gelangt man am sichersten zu irdischem Glück. Sie ist weder dem Elend und der Mühsal der nur von Händearbeit lebenden Menschenklasse ausgesetzt, noch wird sie von dem Hochmuth, der Ueppigkeit, dem Ehrgeiz und dem Neid, die in den höheren Sphären der Menschenwelt zu Hause sind, heimgesucht.«

»Am besten«, fügte er hinzu, »kannst du die Glückseligkeit des Mittelstandes daraus erkennen, daß er von Allen, die ihm nicht angehören, beneidet wird. Selbst Könige haben oft über die Mißlichkeiten, die ihre hohe Geburt mit sich bringt, geklagt und gewünscht, in die Mitte der Extreme zwischen Hohe und Niedrige gestellt zu sein. Auch der Weise bezeugt, daß jener Stand der des wahren Glückes ist, indem er betet: »Armuth und Reichthum gib mir nicht«.

»Habe nur darauf Acht«, fuhr mein Vater fort, »so wirst du finden, daß das Elend der Menschheit zumeist an die höheren und niederen Schichten der Gesellschaft vertheilt ist. Die, welche in der mittleren leben, werden am seltensten vom Mißgeschick getroffen, sie sind minder den Wechselfällen des Glücks ausgesetzt, sie leiden bei weitem weniger an Mißvergnügen und Unbehagen des Leibes und der Seele wie jene, die durch ausschweifend üppiges Leben auf der einen, durch harte Arbeit, Mangel am Notwendigen oder schlechten und unzulänglichen Lebensunterhalt auf der anderen Seite, in Folge ihrer natürlichen Lebensstellung geplagt sind. Der Mittelstand ist dazu angethan, alle Arten von Tugenden und Freuden gedeihen zu lassen. Friede und Genügsamkeit sind im Gefolge eines mäßigen Vermögens. Gemüthsruhe, Geselligkeit, Gesundheit, Mäßigkeit, alle wirklich angenehmen Vergnügungen und wünschenswerten Erheiterungen sind die segensreichen Gefährten einer mittleren Lebensstellung. Auf der Mittelstraße kommt man still und gemächlich durch die Welt und sanft wieder heraus, ungeplagt von allzu schwerer Hand-oder Kopfarbeit, frei vom Sklavendienst ums tägliche Brod, unbeirrt durch verwickelte Verhältnisse, die der Seele die Ruhe, dem Leib die Rast entziehen, ohne Aufregung durch Neid, oder die im Herzen heimlich glühende Ehrbegierde nach großen Dingen. Dieser Weg führt vielmehr in gelassener Behaglichkeit durch das Dasein, gibt nur dessen Süßigkeiten, nicht aber auch seine Bitternisse zu kosten, er läßt die auf ihm wandeln mit jedem Tage mehr erfahren, wie gut es ihnen geworden ist.«

Hierauf drang mein Vater ernstlich und inständigst in mich, ich solle mich nicht gewaltsam in eine elende Lage stürzen, vor welcher die Natur, indem sie mich in meine jetzige Lebensstellung gebracht, mich sichtbarlich habe behüten wollen. Ich sei ja nicht gezwungen, meinen Unterhalt zu suchen. Er habe es gut mit mir vor und werde sich bemühen, mich in bequemer Weise in die Lebensbahn zu bringen, die er mir soeben gerühmt habe. Wenn es mir nicht wohl ergehe in der Welt, so sei das lediglich meine Schuld. Er habe keine Verantwortung dafür, nachdem er mich vor Unternehmungen gewarnt habe, die, wie er bestimmt wisse, zu meinem Verderben gereichen müßten. Er wolle alles Mögliche für mich thun, wenn ich daheim bleibe und seiner Anweisung gemäß meine Existenz begründe. Dagegen werde er sich dadurch nicht zum Mitschuldigen an meinem Mißgeschick machen, daß er mein Vorhaben, in die Fremde zu gehen, irgendwie unterstütze. Schließlich hielt er mir das Beispiel meines älteren Bruders vor. Den habe er auch durch ernstliches Zureden abhalten wollen, in den niederländischen Krieg zu gehen. Dennoch sei derselbe seinen Gelüsten gefolgt und habe darum einen frühen Tod gefunden. »Ich werde zwar«, so endete mein Vater, »nicht aufhören, für dich zu beten, aber das sage ich dir im Voraus: wenn du deine thörichten Pläne verfolgst, wird Gott seinen Segen nicht dazu geben, und du wirst vielleicht einmal Muße genug haben, darüber nachzudenken, daß du meinen Rath in den Wind geschlagen hast. Dann aber möchte wohl Niemand da sein, der dir zur Umkehr behülflich sein kann.«

Bei diesen letzten Worten, die, was mein Vater wohl selbst kaum ahnte, wahrhaft prophetisch waren, strömten ihm, besonders als er meinen gefallenen Bruder erwähnte, die Thränen reichlich über das Gesicht. Als er von der Zeit der zu späten Reue sprach, gerieth er in eine solche Bewegung, daß er nicht weiter reden konnte.

Ich war durch seine Worte in innerster Seele ergriffen, und wie hätte das anders sein können! Mein Entschluß stand fest, den Gedanken an die Fremde aufzugeben und mich, den Wünschen meines Vaters gemäß, zu Hause niederzulassen. Aber ach, schon nach wenigen Tagen waren diese guten Vorsätze verflogen, und um dem peinlichen Zureden meines Vaters zu entgehen, beschloß ich einige Wochen später, mich heimlich davon zu machen. Indeß führte ich diese Absicht nicht in der Hitze des ersten Entschlusses aus, sondern nahm eines Tages meine Mutter, als sie ungewöhnlich guter Laune schien, bei Seite und erklärte ihr, mein Verlangen die Welt zu sehen gehe mir Tag und Nacht so sehr im Kopfe herum, daß ich Nichts zu Hause anfangen könnte, wobei ich Ausdauer genug zur Durchführung haben würde. »Mein Vater«, sagte ich, »thäte besser, mich mit seiner Einwilligung gehen zu lassen als ohne sie. Ich bin im neunzehnten Jahre und zu alt, um noch die Kaufmannschaft zu erlernen oder mich auf eine Advokatur vorzubereiten. Wollte ich’s doch versuchen, so würde ich sicherlich nicht die gehörige Zeit aushalten, sondern meinem Principal entlaufen und dann doch zur See gehen.« Ich bat die Mutter bei dem Vater zu befürworten, daß er mich eine Seereise zum Versuch machen lasse. Käme ich dann wieder und die Sache hätte mir nicht gefallen, so wollte ich nimmer fort und verspräche für diesen Fall, durch doppelten Fleiß das Versäumte wieder einzuholen.

Meine Mutter gerieth über diese Mittheilung in große Bestürzung. Es würde vergebens sein, erwiederte sie, mit meinem Vater darüber zu sprechen, der wisse zu gut, was zu meinem Besten diene, um mir seine Einwilligung zu so gefährlichen Unternehmungen zu geben. »Ich wundere mich«, setzte sie hinzu, »daß du nach der Unterredung mit deinem Vater und nach seinen liebreichen Ermahnungen noch an so Etwas denken kannst. Wenn du dich absolut ins Verderben stürzen willst, so ist dir eben nicht zu helfen. Darauf aber darfst du dich verlassen, daß ich meine Einwilligung dir nie gebe und an deinem Unglück nicht irgend welchen Theil haben will. Auch werde ich niemals in Etwas einwilligen, was nicht die Zustimmung deines Vaters hat.«

Wie ich später erfuhr, war diese Unterredung von meiner Mutter, trotz ihrer Versicherung, dem Vater davon Nichts mittheilen zu wollen, ihm doch von Anfang bis zu Ende erzählt worden. Er war davon sehr betroffen gewesen und hatte seufzend geäußert: »Der Junge könnte nun zu Hause sein Glück machen, geht er aber in die Fremde, wird er der unglücklichste Mensch von der Welt werden; meine Zustimmung bekommt er nicht.«

Es währte beinahe noch ein volles Jahr, bis ich dennoch meinen Vorsatz ausführte. In dieser ganzen Zeit aber blieb ich taub gegen alle Vorschläge, ein Geschäft anzufangen, und machte meinen Eltern oftmals Vorwürfe darüber, daß sie sich dem, worauf meine ganze Neigung ging, so entschieden widersetzten.

Eines Tages befand ich mich zu Hull, wohin ich jedoch zufällig und ohne etwa Fluchtgedanken zu hegen, mich begeben hatte. Ich traf dort einen meiner Kameraden, der im Begriff stand, mit seines Vaters Schiff zur See nach London zu gehen. Er drang in mich, ihn zu begleiten, indem er nur die gewöhnliche Lockspeise der Seeleute, nämlich freie Fahrt, anbot. So geschah es, daß ich, ohne Vater oder Mutter um Rath zu fragen, ja ohne ihnen auch nur ein Wort zu sagen, unbegleitet von ihrem und Gottes Segen und ohne Rücksicht auf die Umstände und Folgen meiner Handlung, in böser Stunde (das weiß Gott!) am ersten September 1651 an Bord des nach London bestimmten Schiffes ging.

Niemals, glaube ich, haben die Mißgeschicke eines jungen Abenteurers rascher ihren Anfang genommen und länger angehalten als die meinigen. Unser Schiff war kaum aus dem Humberfluß, als der Wind sich erhob und die See anfing fürchterlich hoch zu gehen. Ich war früher nie auf dem Meere gewesen und wurde daher leiblich unaussprechlich elend und im Gemüth von furchtbarem Schrecken erfüllt. Jetzt begann ich ernstlich darüber nachzudenken, was ich unternommen, und wie die gerechte Strafe des Himmels meiner böswilligen Entfernung vom Vaterhaus und meiner Pflichtvergessenheit alsbald auf dem Fuße gefolgt sei. Alle guten Rathschläge meiner Eltern, die Thränen des Vaters und der Mutter Bitten traten mir wieder vor die Seele, und mein damals noch nicht wie später abgehärtetes Gewissen machte mir bittere Vorwürfe über meine Pflichtwidrigkeit gegen Gott und die Eltern.

Inzwischen steigerte sich der Sturm, und das Meer schwoll stark, wenn auch bei weitem nicht so hoch, wie ich es später oft erlebt und schon einige Tage nachher gesehen habe. Doch reichte es hin, mich, als einen Neuling zur See und da ich völlig unerfahren in solchen Dingen war, zu entsetzen. Von jeder Woge meinte ich, sie würde uns verschlingen, und so oft das Schiff sich in einem Wellenthal befand war mir, als kämen wir nimmer wieder auf die Höhe. In dieser Seelenangst that ich Gelübde in Menge und faßte die besten Entschlüsse. Wenn es Gott gefalle, mir das Leben auf dieser Reise zu erhalten, wenn ich jemals wieder den Fuß auf festes Land setzen dürfe, so wollte ich alsbald heim zu meinem Vater gehen und nie im Leben wieder ein Schiff betreten. Dann wollte ich den väterlichen Rath befolgen und mich nicht wieder in ein ähnliches Elend begeben. Jetzt erkannte ich klar die Richtigkeit der Bemerkungen über die goldene Mittelstraße des Lebens. Wie ruhig und behaglich hatte mein Vater sein Leben lang sich befunden, der sich nie den Stürmen des Meeres und den Kümmernissen zu Lande ausgesetzt hatte. Kurz, ich beschloß fest, mich aufzumachen gleich dem verlorenen Sohne und reuig zu meinem Vater zurückzukehren.

Diese weisen und verständigen Gedanken hielten jedoch nur Stand, so lange der Sturm währte und noch ein Weniges darüber. Am nächsten Tage legte sich der Wind, die See ging ruhiger, und ich ward die Sache ein wenig gewohnt. Doch blieb ich den ganzen Tag still und ernst und litt noch immer etwas an der Seekrankheit. Am Nachmittag aber klärte sich das Wetter auf, der Wind legte sich völlig, und es folgte ein köstlicher Abend. Die Sonne ging leuchtend unter und am nächsten Morgen ebenso schön auf. Wir hatten wenig oder gar keinen Wind, die See war glatt, die Sonne strahlte darauf, und ich hatte einen Anblick so herrlich wie nie zuvor.

Nach einem gesunden Schlaf, frei von der Seekrankheit, in bester Laune betrachtete ich voll Bewunderung das Meer, das gestern so wild und fürchterlich gewesen und nun so friedlich und anmuthig war. Und gerade jetzt, damit meine guten Vorsätze ja nicht Stand halten sollten, trat mein Kamerad, der mich verführt hatte, zu mir. »Nun, mein Junge«, sagte er, mich mit der Hand auf die Schulter klopfend, »wie ist’s bekommen? Ich wette, du hast Angst ausgestanden, bei der Hand voll Wind, die wir gestern hatten, wie?« – »Eine Hand voll Wind nennst du das?« erwiederte ich; »es war ein gräßlicher Sturm.« – »Ein Sturm? Narr, der du bist; hältst du das für einen Sturm? Gib uns ein gutes Schiff und offene See, so fragen wir den Teufel was nach einer solchen elenden Brise. Aber du bist nur ein Süßwassersegler; komm, laß uns eine Bowle Punsch machen, und du wirst bald nicht mehr an die Affaire denken. Schau, was ein prächtiges Wetter wir haben!«

Um es kurz zu machen, wir thaten nach Seemannsbrauch. Der Punsch wurde gebraut und ich gehörig angetrunken. Der Leichtsinn dieses einen Abends ersäufte alle meine Reue, all meine Gedanken über das Vergangene, alle meine Vorsätze für die Zukunft. Wie die See, als der Sturm sich gelegt, wieder ihre glatte Miene und friedliche Stille angenommen hatte, so war auch der Aufruhr in meiner Seele vorüber. Meine Befürchtungen, von den Wogen verschlungen zu werden, hatte ich vergessen, meine alten Wünsche kehrten zurück, und die Gelübde und Verheißungen, die ich in meinem Jammer gethan, waren mir aus dem Sinn. Hin und wieder stellten sich indessen meine Bedenken wiederum ein, und ernsthafte Besorgnisse kehrten von Zeit zu Zeit in meine Seele zurück. Jedoch ich schüttelte sie ab und machte mich davon los gleich als von einer Krankheit, hielt mich ans Trinken und an die lustige Gesellschaft und wurde so Herr über diese »Anfälle«, wie ich sie nannte. Nach fünf oder sechs Tagen war ich so vollkommen Sieger über mein Gewissen, wie es ein junger Mensch, der entschlossen ist, sich nicht davon beunruhigen zu lassen, nur sein kann.

Aber ich sollte noch eine neue Probe bestehen. Die Vorsehung hatte, wie in solchen Fällen gewöhnlich, es so geordnet, daß mir keine Entschuldigung bleiben konnte. Denn wenn ich das erste Mal mich nicht für gerettet ansehen wollte, so war die nächste Gelegenheit so beschaffen, daß der gottloseste und verhärtetste Bösewicht sowohl die Größe der Gefahr, als die der göttlichen Barmherzigkeit dabei hätte anerkennen müssen.

Am sechsten Tage unserer Fahrt gelangten wir auf die Rhede von Yarmouth. Der Wind war uns entgegen und das Wetter ruhig gewesen, und so hatten wir nach dem Sturm nur eine geringe Strecke zurückgelegt. Dort sahen wir uns genöthigt, vor Anker zu gehen, und lagen, weil der Wind ungünstig, nämlich aus Südwest blies, sieben oder acht Tage daselbst, während welcher Zeit viele andere Schiffe von New-Castle her aus eben dieser Rhede, welche den gemeinsamen Hafen für die guten Wind die Themse hinauf erwartenden Schiffe abgab, vor Anker gingen.

Wir wären jedoch nicht so lange hier geblieben, sondern mit der Flut allmählich stromaufwärts gegangen, hätte der Wind nicht zu heftig geweht. Nach dem vierten oder fünften Tag blies er besonders scharf. Da aber die Rhede für einen guten Hafen galt, der Ankergrund gut und unser Ankertau sehr stark war, machten unsre Leute sich Nichts daraus, sondern verbrachten ohne die geringste Furcht die Zeit nach Seemannsart mit Schlafen und Zechen. Den achten Tag aber ward des Morgens der Wind stärker, und wir hatten alle Hände voll zu thun, die Topmasten einzuziehn und Alles zu dichten und festzumachen, daß das Schiff so ruhig wie möglich vor Anker liegen könnte. Um Mittag ging die See sehr hoch. Es schlugen große Wellen über das Deck, und ein-oder zweimal meinten wir, der Anker sei losgewichen, worauf unser Kapitän sogleich den Nothanker loszumachen befahl, so daß wir nun von zwei Ankern gehalten wurden.

Unterdessen erhob sich ein wahrhaft fürchterlicher Sturm, und jetzt sah ich zum ersten Mal Angst und Bestürzung auch in den Mienen unsrer Seeleute. Ich hörte den Kapitän, der mit aller Aufmerksamkeit auf die Erhaltung des Schiffes bedacht war, mehrmals, während er neben mir zu seiner Kajüte hinein-und herausging, leise vor sich hinsagen: »Gott sei uns gnädig, wir sind Alle verloren« und dergleichen Aeußerungen mehr.

Während der ersten Verwirrung lag ich ganz still in meiner Koje, die sich im Zwischendeck befand, und war in einer unbeschreiblichen Stimmung. Es war mir nicht möglich, die vorigen reuigen Gedanken, die ich so offenbar von mir gestoßen hatte, wieder aufzunehmen. Ich hatte geglaubt die Todesgefahr überstanden zu haben, und gemeint, es würde jetzt nicht so schlimm werden wie das erste Mal. Jedoch als der Kapitän in meine Nähe kam und die erwähnten Worte sprach, erschrak ich fürchterlich. Ich ging aus meiner Kajüte und sah mich um. Niemals hatte ich einen so furchtbaren Anblick gehabt. Das Meer ging bergehoch und überschüttete uns alle drei bis vier Minuten. Wenn ich überhaupt Etwas sehen konnte, nahm ich Nichts als Jammer und Noth ringsum wahr. Zwei Schiffe, die nahe vor uns vor Anker lagen, hatten, weil sie zu schwer beladen waren, ihre Mastbäume kappen und über Bord werfen müssen, und unsre Leute riefen einander zu, daß ein Schiff, welches etwa eine halbe Stunde von uns ankerte, gesunken sei. Zwei andere Schiffe, deren Anker nachgegeben hatten, waren von der Rhede auf die See getrieben und, aller Masten beraubt, jeder Gefahr preisgegeben. Die leichten Fahrzeuge waren am besten daran, da sie der See nicht so vielen Widerstand entgegensetzen konnten; aber zwei oder drei trieben auch von ihnen hinter uns her und wurden vom Winde, dem sie nur das Sprietsegel boten, hin und her gejagt.

Gegen Abend fragten der Steuermann und der Hochbootsmann den Kapitän, ob sie den Fockmast kappen dürften. Er wollte anfangs nicht daran, als aber der Hochbootsmann ihm entgegen hielt, daß, wenn es nicht geschähe, das Schiff sinken würde, willigte er ein. Als man den vorderen Mast beseitigt hatte, stand der Hauptmast so lose und erschütterte das Schiff dermaßen, daß die Mannschaft genöthigt war, auch ihn zu kappen und das Deck frei zu machen.

Jedermann kann sich denken, in welchem Zustand bei diesem Allen ich, als Neuling zur See, und nachdem ich so kurz vorher eine solche Angst ausgestanden, mich befand. Doch wenn ich jetzt die Gedanken, die ich damals hatte, noch richtig anzugeben vermag, so war mein Gemüth zehnmal mehr in Trauer darüber, daß ich meine früheren Absichten aufgegeben und wieder zu den vorhergefaßten Plänen zurückgekehrt war, als über den Gedanken an den Tod selbst. Diese Gefühle, im Verein mit dem Schreck vor dem Sturm, versetzten mich in eine Gemüthslage, die ich mit Worten nicht beschreiben kann. Das Schlimmste aber sollte noch kommen!

Der Sturm wüthete dermaßen fort, daß die Matrosen selbst bekannten, sie hätten niemals einen schlimmern erlebt. Unser Schiff war zwar gut, doch hatte es zu schwer geladen und schwankte so stark, daß die Matrosen wiederholt riefen, es werde umschlagen. In gewisser Hinsicht war es gut für mich, daß ich die Bedeutung dieses Worts nicht kannte, bis ich später danach fragte.

Mittlerweile wurde der Sturm so heftig, daß ich sah, was man nicht oft zu sehen bekommt, nämlich wie der Kapitän, der Hochbootsmann und etliche Andere, die nicht ganz gefühllos waren, zum Gebet ihre Zuflucht nahmen. Sie erwarteten nämlich jeden Augenblick, das Schiff untergehen zu sehen. Mitten in der Nacht schrie, um unsre Noth vollzumachen, ein Matrose, dem aufgetragen war darauf ein Augenmerk zu haben, aus dem Schiffsraum, das Schiff sei leck und habe schon vier Fuß Wasser geschöpft. Alsbald wurde Jedermann an die Pumpen gerufen. Bei diesem Ruf glaubte ich das Herz in der Brust erstarren zu fühlen. Ich fiel rücklings neben mein Bett, auf dem ich in der Kajüte saß, die Bootsleute aber rüttelten mich auf und sagten, wenn ich auch sonst zu Nichts nütze sei, so tauge ich doch zum Pumpen so gut wie jeder Andere. Da raffte ich mich auf, eilte zur Pumpe und arbeitete mich rechtschaffen ab.

Inzwischen hatte der Kapitän bemerkt, wie einige leichtbeladene Kohlenschiffe, weil sie den Sturm vor Anker nicht auszuhalten vermochten, in die freie See stachen und sich uns näherten. Daher befahl er ein Geschütz zu lösen und dadurch ein Nothsignal zu geben. Ich, der ich nicht wußte, was das zu bedeuten hatte, wurde, weil ich glaubte, das Schiff sei aus den Fugen gegangen, oder es sei sonst etwas Entsetzliches geschehen, so erschreckt, daß ich in Ohnmacht fiel. Weil aber Jeder nur an Erhaltung des eignen Lebens dachte, bekümmerte sich keine Seele um mich. Ein Anderer nahm meine Stelle an der Pumpe ein, stieß mich mit dem Fuß bei Seite und ließ mich für todt liegen, bis ich nach geraumer Zeit wieder zu mir kam.

Wir arbeiteten wacker fort, aber das Wasser stieg im Schiffsraum immer höher, und das Schiff begann augenscheinlich zu sinken. Zwar legte sich jetzt der Sturm ein wenig, allein unmöglich konnte unser Fahrzeug sich so lange über Wasser halten, bis wir einen Hafen erreichten. Deshalb ließ der Kapitän fortwährend Nothschüsse abfeuern. Endlich wagte ein leichtes Schiff, das gerade vor uns vor Anker lag, ein Hülfsboot auszusenden. Mit äußerster Gefahr nahete dieses sich uns, doch schien unmöglich, daß wir hineinsteigen könnten oder daß es auch nur an unser Schiff anzulegen vermöchte. Endlich kamen die Matrosen mit Lebensgefahr durch mächtiges Rudern so nahe, daß unsre Leute ihnen vom Hintertheil des Schiffes ein Tau mit einer Boje zuwerfen konnten. Als sie unter großer Mühe und Noth des Seils habhaft geworden, zogen sie sich damit dicht an den Stern unseres Fahrzeugs heran, worauf wir denn sämmtlich uns in das ihrige begaben. Aber nun war gar kein Gedanke daran, daß wir mit dem Boote das Schiff, zu dem es gehörte, erreichen könnten. Daher beschlossen wir einmüthig, das Boot vom Wind treiben zu lassen und es nur so viel wie möglich nach der Küste zu steuern. Der Kapitän versprach den fremden Leuten, ihr Fahrzeug. wenn es am Strande scheitern sollte, zu bezahlen. So gelangten wir denn, theils durch Rudern, theils vom Winde getrieben, nordwärts etwa in der Gegend von Winterton-Neß nahe an die Küste heran.

Kaum eine Viertelstunde hatten wir unser Schiff verlassen, als wir es schon untergehen sahen. Jetzt begriff ich, was es heißt, wenn ein Schiff in See leck wird. Ich gestehe, daß ich kaum den Muth hatte hinzusehen, als die Matrosen mir sagten, das Schiff sei im Sinken. Denn seit dem Augenblick, wo ich in das Boot mehr geworfen als gestiegen war, stand mir das Herz vor Schrecken und Gemüthsbewegung und vor den Gedanken an die Zukunft, so zu sagen, stille.

Während die Bootsleute sich müheten uns an Land zu bringen, bemerkten wir (denn sobald uns die Woge in die Höhe trug, vermochten wir die Küste zu sehen), wie eine Menge Menschen am Strande hin-und herliefen, um uns, wenn wir herankämen, Hülfe zu leisten. Doch gelangten wir nur langsam vorwärts und konnten das Land nicht eher erreichen, bis wir den Leuchtthurm von Winterton passirt hatten. Hier flacht sich die Küste von Cromer westwärts ab, und so vermochte das Land die Heftigkeit des Windes ein wenig zu brechen. Dort legten wir an, gelangten sämmtlich, wiewohl nicht ohne große Anstrengungen ans Ufer und gingen hierauf zu Fuße nach Yarmouth. Als Schiffbrüchige wurden wir in dieser Stadt, sowohl von den Behörden, welche uns gute Quartiere anwiesen, als auch von Privatleuten und Schiffseignern, mit großer Humanität behandelt und mit so viel Geld versehen, daß es hingereicht hätte, uns, je nachdem wir Lust hatten, die Reise nach London oder nach Hull zu ermöglichen.

Hätte ich nun Vernunft genug gehabt, in meine Heimat zurückzukehren, so wäre das mein Glück gewesen, und mein Vater würde, um mit dem Gleichniß unseres Heilandes zu reden, das fetteste Kalb zur Feier meiner Heimkehr geschlachtet haben. Nachdem er gehört, das Schiff, mit dem ich von Hull abgegangen war, sei auf der Rhede von Yarmouth untergegangen, hat er lange in der Meinung gelebt, ich sei ertrunken.

Jedoch mein böses Schicksal trieb mich mit unwiderstehlicher Hartnäckigkeit vorwärts. Zuweilen zwar sprach mir meine Vernunft und mein besonnenes Urtheil laut zu, heimzukehren, aber ich hatte nicht die Kraft dazu. Ich weiß nicht, ob es eine geheimnißvolle zwingende Macht, oder wie ich es sonst nennen soll, gibt, die uns treibt, Werkzeuge unseres eigenen Verderbens zu werden, wenn es auch unmittelbar vor uns liegt und wir mit offenen Augen ihm uns nähern. Gewiß ist aber, daß nur ein unabwendbar über mich beschlossenes Verhängniß, dem ich in keiner Weise entrinnen konnte, mich, trotz den ruhigen Gründen und dem Zureden meiner Ueberlegung, und ungeachtet zweier so deutlichen Lehren, wie ich sie bei meinem ersten Versuch erhalten hatte, vorwärts drängte.

Mein Kamerad, der mich früher in meiner Gewissensverhärtung bestärkt hatte (er war, wie ich schon sagte, der Sohn des Eigenthümers unseres untergegangenen Schiffs), war nun verzagter als ich. Als wir uns das erste Mal in Yarmouth sprachen, zwei oder drei Tage nach unserer Ankunft, – wir lagen in verschiedenen Quartieren, – schien der Ton seiner Stimme verändert, und mit melancholischer Miene fragte er mich, wie es mir gehe. Nachdem er seinem Vater mitgetheilt hatte, wer ich sei und daß ich diese Reise nur zum Versuche gemacht habe, und zwar in der Absicht, später in die Fremde zu gehen, wandte sich dieser zu mir und sagte in einem sehr ernsten feierlichen Ton: »Junger Mann, Ihr dürft niemals wieder zur See gehen; Ihr müßt dies Erlebniß für ein sichtbares und deutliches Zeichen ansehen, daß Ihr nicht zum Seemann bestimmt seid«. – »Wie, Herr«, erwiederte ich, »wollt Ihr selbst denn nie wieder auf das Meer?« – »Das ist etwas Anderes«, antwortete er. »Es ist mein Beruf und daher meine Pflicht; allein Ihr habt bei Dieser Versuchsreise vom Himmel eine Probe von dem erhalten, was Euch zu erwarten steht, wenn Ihr auf Eurem Sinne beharret. Vielleicht hat uns dies Alles nur Euretwegen betroffen, wie es mit Jona in dem Schiffe von Tarsis ging. Sagt mir«, fuhr er fort, »was in aller Welt hat Euch bewegen können, diese Reise mitzumachen?«

Hierauf erzählte ich ihm einen Theil meiner Lebensgeschichte. Als ich geendet, brach er leidenschaftlich in die Worte aus: »Was habe ich nun verbrochen, daß solch ein Unglücksmensch in mein Schiff gerathen mußte! Ich würde nicht um tausend Pfund meinen Fuß wieder mit Euch in dasselbe Fahrzeug setzen.«

Dieser Ausbruch war durch die Erinnerung an den von ihm erlittenen Verlust hervorgerufen, und der Mann hatte eigentlich kein Recht dazu, sich mir gegenüber so stark zu äußern. Doch redete er mir auch später noch sehr ernst zu und ermahnte mich, zu meinem Vater zurückzukehren und nicht noch einmal die Vorsehung zu versuchen. Ich würde sehen, sagte er, daß die Hand des Himmels sichtbar mir entgegenarbeite. »Verlaßt Euch darauf, junger Mann«, fügte er hinzu, »wenn Ihr nicht nach Hause geht, werdet Ihr, wohin Ihr Euch auch wendet, nur mit Mißgeschick und Noth zu ringen haben, bis die Worte Eures Vaters sich an Euch erfüllt haben.«

Bald darauf trennten wir uns. Ich hatte ihm nur kurz geantwortet und sah ihn nachher nicht wieder, weiß auch nicht, was aus ihm geworden ist.

Ich meinestheils begab mich, da ich jetzt etwas Geld in der Tasche hatte, zu Lande nach London. Sowohl dort wie schon unterwegs hatte ich manchen inneren Kampf zu bestehen durch den Zweifel, ob ich heimkehren oder zur See gehen sollte. Was die erstere Absicht betraf, so stellte sich den bessern Regungen meiner Seele alsbald die Scham entgegen. Es fiel mir ein, wie ich von den Nachbarn ausgelacht werden und wie beschämt ich nicht nur vor Vater und Mutter, sondern auch vor allen anderen Leuten stehen würde. Seit jener Zeit habe ich oft beobachtet, wie ungereimt und thöricht die Artung des Menschenherzens, besonders in der Jugend, gegenüber der Vernunft, die es in solchen Fällen allein leiten sollte, sich zeigt: daß wir nämlich uns nicht schämen zu sündigen, aber wohl zu bereuen; daß wir keine Bedenken haben vor der Handlung, derentwegen wir für einen Narren angesehen werden müssen, aber wohl vor der Buße, die allein uns wieder die Achtung vernünftiger Menschen verschaffen könnte.

In jener Unentschlossenheit darüber, was ich ergreifen und welchen Lebensweg ich einschlagen sollte, verharrte ich geraume Zeit. Ein unwiderstehlicher Widerwille hielt mich auch ferner ab heimzukehren. Nach einer Weile aber verblaßte die Erinnerung an das Mißgeschick, das ich erlebt, und als diese sich erst gemildert hatte, war mit ihr auch der letzte Rest des Verlangens nach Hause geschwunden. Und kaum hatte ich alle Gedanken an die Rückkehr aufgegeben, so sah ich mich auch schon nach der Gelegenheit zu einer neuen Reise um.

Das Unheil, welches mich zuerst aus meines Vaters Hause getrieben; das mich in dem unreifen und tollen Gedanken verstrickt hatte, in der Ferne mein Glück zu suchen; das diesen Plan in mir so fest hatte einwurzeln lassen, daß ich für allen guten Rath, für Bitten und Befehle meines Vaters taub gewesen war, dasselbe Unheil veranstaltete jetzt auch, daß ich mich auf die allerunglückseligste Unternehmung von der Welt einließ. Ich begab mich nämlich an Bord eines nach der afrikanischen Küste bestimmten Schiffes, oder, wie unsre Seeleute zu sagen pflegen, eines Guineafahrers. Jedoch, und dies war ein besonders schlimmer Umstand, verdingte ich mich nicht etwa als ordentlicher Seemann auf das Schiff. Dadurch, ob ich gleich ein wenig härter hätte arbeiten müssen, würde ich doch den seemännischen Dienst gründlich erlernt und mich allmählich zum Matrosen oder Lieutenant, wenn nicht gar zum Kapitän hinaufgearbeitet haben. Nein, wie es immer mein Schicksal war, daß ich das Schlimmste wählte, so that ich es auch diesmal. Denn da ich Geld in der Tasche und gute Kleider auf dem Leibe hatte, wollte ich nur wie ein großer Herr an Bord gehen, und hatte somit auf dem Schiffe weder etwas Ordentliches zu thun, noch lernte ich den Seemannsdienst vollständig kennen.

In London hatte ich gleich anfangs das Glück, in gute Gesellschaft zu gerathen, was einem so unbesonnenen und unbändigen Gesellen nicht oft zu Theil wird. Denn ob zwar der Teufel gern bei Zeiten nach solchen seine Netze auswirft, hatte er’s bei mir doch unterlassen. Ich machte die Bekanntschaft eines Schiffskapitäns, der eben von der guineischen Küste zurückgekehrt war und, da er dort gute Geschäfte gemacht hatte, im Begriffe stand, eine neue Reise dahin zu unternehmen. Er fand Gefallen an meiner damals nicht ganz reizlosen Unterhaltung, und als er vernommen, daß ich Lust hatte, die Welt zu sehen, bot er mir an, kostenfrei mit ihm zu reisen. Ich könne mit ihm den Tisch und den Schlafraum theilen, und wenn ich etwa einige Waaren mitnehmen wolle, sie auf eigene Rechnung in Afrika verkaufen und vielleicht dadurch zu weiteren Unternehmungen ermuthigt werden.

Dies Anerbieten nahm ich an und schloß mit dem Kapitän, einem redlichen und aufrichtigen Manne, innige Freundschaft. Durch seine Uneigennützigkeit trug mir ein kleiner Kram, den ich mitgenommen, bedeutenden Gewinn ein. Ich hatte nämlich für ungefähr 40 Pfund Sterling Spielwaaren und dergleichen Kleinigkeiten auf den Rath des Kapitäns eingekauft, wofür ich das Geld mit Hülfe einiger Verwandten, an die ich mich brieflich gewendet, zusammenbrachte, welche, wie ich vermuthe, auch meine Eltern oder wenigstens meine Mutter vermocht hatten, etwas zu meiner ersten Unternehmung beizusteuern.

Dies war die einzige unter meinen Reisen, die ich eine glückliche nennen kann. Ich verdanke das nur der Rechtschaffenheit meines Freundes, durch dessen Anleitung ich auch eine ziemliche Kenntniß in der Mathematik und dem Schifffahrtswesen erlangte. Er lehrte mich, den Cours des Schiffs zu verzeichnen, Beobachtungen anzustellen, überhaupt alles Nothwendigste, was ein Seemann wissen muß. Da es ihm Freude machte, mich zu belehren, hatte ich auch Freude, von ihm zu lernen, und so wurde ich auf dieser Reise zugleich Kaufmann und Seemann. Ich brachte für meine Waaren fünf Pfund und neun Unzen Goldstaub zurück, wofür ich in London dreihundert Guineen löste; aber leider füllte mir gerade dieser Gewinn den Kopf mit ehrgeizigen Plänen, die mich ins Verderben bringen sollten.

Uebrigens war jedoch auch diese Reise nicht ganz ohne Mißgeschick für mich abgelaufen. Insbesondere rechne ich dahin, daß ich während der ganzen Dauer derselben mich unwohl fühlte und in Folge der übermäßigen afrikanischen Hitze (wir trieben nämlich unsern Handel hauptsächlich an der Küste vom 15. Grad nördlicher Breite bis zum Aequator hin) von einem hitzigen Fieber befallen wurde.

Nunmehr galt ich für einen ordentlichen Guineahändler. Nachdem mein Freund zu meinem großen Unheil bald nach der Rückkehr gestorben war, beschloß ich, dieselbe Reise zu wiederholen, und schiffte mich auf dem früheren Schiffe, das jetzt der ehemalige Steuermann führte, ein. Nie hat ein Mensch eine unglücklichere Fahrt erlebt. Ich nahm zwar nur für hundert Pfund Sterling Waaren mit und ließ den Rest meines Gewinns in den Händen der Wittwe meines Freundes, die sehr rechtschaffen gegen mich handelte; dennoch aber erlitt ich furchtbares Mißgeschick.

Das Erste war, daß uns, als wir zwischen den kanarischen Inseln und der afrikanischen Küste segelten, in der Morgendämmerung ein türkischer Korsar aus Saleh überraschte und mit allen Segeln Jagd auf uns machte. Wir spannten, um zu entrinnen, unsere Segel gleichfalls sämmtlich aus, soviel nur die Masten halten wollten. Da wir aber sahen, daß der Pirat uns überhole und uns in wenigen Stunden erreicht haben würde, blieb uns Nichts übrig, als uns kampfbereit zu machen.

Wir hatten zwölf Kanonen, der türkische Schuft aber führte deren achtzehn an Bord. Gegen drei Uhr Nachmittags hatte er uns eingeholt. Da er uns jedoch aus Versehen in der Flanke angriff, statt am Vordertheil, wie er wohl ursprünglich beabsichtigt hatte, schafften wir acht von unsern Kanonen auf die angegriffene Seite und gaben ihm eine Salve. Nachdem der Feind unser Feuer erwiedert und dazu eine Musketensalve von 200 Mann, die er an Bord führte, gefügt hatte (ohne daß jedoch ein einziger unserer Leute, die sich gut gedeckt hielten, getroffen wurde), wich er zurück. Alsbald aber bereitete er einen neuen Angriff vor, und auch wir machten uns abermals zur Verteidigung fertig. Diesmal jedoch griff er uns auf der andern Seite an, legte sich dicht an unsern Bord, und sofort sprangen sechzig Mann von den Türken auf unser Deck und begannen unser Segelwerk zu zerhauen.

Wir empfingen sie zwar mit Musketen, Enterhaken und andern Waffen, machten auch zweimal unser Deck frei; trotzdem aber, um sogleich das traurige Ende des Kampfes zu berichten, mußten wir, nachdem unser Schiff seeuntüchtig gemacht und drei unsrer Leute getödtet waren, uns ergeben und wurden als Gefangene nach Saleh, einer Hafenstadt der Neger, gebracht.

Dort ging es mir nicht so schlecht, als ich anfangs befürchtet hatte. Ich wurde nicht wie die Andern ins Innere nach der kaiserlichen Residenz gebracht, sondern der Kapitän der Seeräuber behielt mich unter seiner eignen Beute, da ich als junger Bursch ihm brauchbar schien. Die furchtbare Verwandlung meines Standes, durch welche ich aus einem stolzen Kaufmann zu einem armen Sklaven geworden war, beugte mich tief. Jetzt gedachte ich der prophetischen Worte meines Vaters, daß ich ins Elend gerathen und ganz hülflos werden würde. Ich wähnte, diese Vorhersagung habe sich nun bereits erfüllt und es könne nichts Schlimmeres mehr für mich kommen. Schon habe mich, dachte ich, die Hand des Himmels erreicht, und ich sei rettungslos verloren. Aber ach, es war nur der Vorschmack der Leiden, die ich noch, wie der Verlauf dieser Geschichte lehren wird, durchmachen sollte.

Als mein neuer Herr mich für sein eigenes Hans zurückbehielt, tauchte die Hoffnung in mir auf, er werde mich demnächst mit zur See nehmen und ich könne dann, wenn ihn etwa ein spanisches oder portugiesisches Kriegsschiff kapern würde, wieder meine Freiheit erlangen. Dieser schöne Wahn entschwand bald. Denn so oft sich mein Patron einschiffte, ließ er mich zurück, um die Arbeit im Garten und den gewöhnlichen Sklavendienst im Hause zu verrichten, und wenn er dann von seinen Streifzügen heimkam, mußte ich in der Kajüte seines Schiffes schlafen und dieses überwachen.

Während ich hier auf Nichts als meine Flucht dachte, wollte sich doch nicht die mindeste Möglichkeit zur Ausführung derselben zeigen. Auch war Niemand da, dem ich meine Pläne hätte mittheilen, und der mich hätte begleiten können. Denn unter meinen Mitsklaven befand sich kein Europäer. So bot sich mir denn zwei Jahre hindurch, so oft ich mich auch in der Einbildung damit beschäftigte, nicht die mindeste hoffnungerweckende Aussicht auf ein Entrinnen dar.

Sklaverei und Flucht

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Ungefähr nach Ablauf dieser Zeit rief mir ein seltsamer Umstand meine Fluchtpläne wieder ins Gedächtniß. Eine geraume Weile hindurch blieb nämlich mein Herr, wie ich hörte aus Geldmangel, gegen seine Gewohnheit zu Hause liegen. Während dieser Zeit fuhr er jede Woche ein oder mehre Mal in seinem kleinen Schiffsboot auf die Rhede zum Fischen, wobei er stets mich und einen kleinen Moresken zum Rudern mitnahm. Wir machten ihm auf diesen Fahrten allerlei Späße vor, und da ich mich zum Fischfang anstellig zeigte, erlaubte er, daß ich nebst einem seiner Verwandten und dem Mohrenjungen auch bisweilen allein hinausfuhr und ihm ein Gericht Fische holte.