Geschichte der Haare - Alan Pauls - E-Book
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Beschreibung

Aber jedes Mal, wenn die Frisur sich auswächst, droht wieder alles aus den Fugen zu geraten. Bis Celso auftaucht, ein genialischer und zugleich kleptomanischer Friseur, der durch seine Frisierkunst verspricht, den Traum von der ewigen Jugend Wirklichkeit werden zu lassen. Die Utopie eines ewig unveränderlichen Haars ist jedoch die Perücke, und eine solche führt uns geradewegs in eines der finstersten Kapitel der argentinischen Geschichte.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:267


Alan Pauls

Geschichte der Haare

Roman

Aus dem Spanischen vonChristian Hansen

Impressum

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

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Klett-Cotta

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Historia del pelo« im Verlag Editorial Anagrama S. A., Barcelona

© 2010 by Alan Pauls

Für die deutsche Ausgabe

© 2012 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Unter Verwendung eines Fotos von © Mario Castello/Corbis

Datenkonvertierung: Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung Stuttgart

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93958-3

E-Book: ISBN 978-3-608-10289-5

Für Vivi

KEINTag vergeht, an dem er nicht an seine Haare denkt. Stark schneiden oder wenig, ruckzuck abschneiden, wachsen lassen, gar nicht mehr schneiden oder raspelkurz, sich ein für alle Mal eine Glatze schneiden. Eine endgültige Lösung gibt es nicht. Er ist dazu verdammt, sich immer und immer wieder mit der Sache zu befassen. Ein Sklave seiner Haare also, bis er den Löffel abgibt, wer weiß. Und selbst danach noch. Hat er nicht gelesen, dass …? Wachsen die Haare nicht noch im …? Oder waren es die Nägel?

Irgendwann im Sommer – es ist vier Uhr nachmittags und kaum jemand auf der Straße – flüchtet er vor der Hitze in einen menschenleeren Friseursalon. Man wäscht ihm die Haare. Er liegt zurückgelehnt mit dem Nacken auf dem Beckenrand. Obwohl es unbequem und für die Halswirbel schmerzhaft ist und ihm die Sorglosigkeit etwas zu denken gibt, mit der sich seine Kehle dem Hieb jedes zufällig vorbeikommenden Halsabschneiders förmlich aufzudrängen scheint, gelingt es den massierenden Fingern, der von seinem Kopf aufsteigenden Wolke süßlichen Pflanzendufts und dem Druck des warmen Wasserstrahls, ihn zu berauschen und nach und nach in eine Art Dämmerzustand zu versetzen. Nicht lange, und er schläft ein. Das Erste, was er sieht, als er die Augen aufschlägt, so dicht vor sich, dass er es verschwommen sieht, wie auf Treibsand gemalt, ist das Gesicht des Mädchens, das ihm den Kopf wäscht, über ihn gebeugt, verkehrt herum, ihre Stirn auf Höhe seines Mundes. Was tut sie? Beschnuppert sie ihn? Will sie ihn küssen? Er verhält sich still, beobachtet sie aus blinden Augen, bis das Mädchen nach einigen Sekunden der Konzentration, in denen sie sich sogar das Atmen verkneift, mit einem langen, spitzen Fingernagel ein irregeleitetes Shampoorinnsal stoppt, das ihm ins Auge zu laufen drohte. Gerade aufgewacht, kann er sich nicht erinnern, so sehr er sich bemüht, wie dieses Gesicht vor zehn Minuten ausgesehen hat, als er den Friseursalon betrat und seiner zum ersten Mal ansichtig wurde, während sie bestimmt mit der Frage auf ihn zukam: »Auch waschen?« Jetzt ist es so nah, dass er nicht imstande wäre, es zu beschreiben. Er könnte sich in sie verlieben. Eigentlich weiß er nicht, ob er sich nicht schon verliebt hat, als er die Augen aufschlägt und ihr Gesicht dicht vor sich sieht, riesig, ein wenig so, wie er es aus dem Kino kennt, wenn er für Sekunden einschläft und beim Aufwachen dem stets unfehlbaren Zauber des ersten Bildes verfällt, das er auf der Leinwand sieht.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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