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Vom Webersohn zum reichsten Mann der Welt. Es ist die ultimative Geschichte des amerikanischen Traums. Andrew Carnegie (1835–1919) kommt als bitterarmer Einwandererjunge in die USA. Er beginnt als Spulenjunge für 1,20 Dollar die Woche – und baut schließlich ein Stahlimperium auf, das die Welt verändert. Doch dies ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. In seiner fesselnden Autobiografie blickt Carnegie zurück auf ein Jahrhundert des unbegrenzten Fortschritts. Er erzählt von riskanten Geschäften, bahnbrechenden Visionen und seiner radikalen Wandlung vom rücksichtslosen Tycoon zum größten Philanthropen seiner Zeit. Ein zeitloses Zeugnis über Geld, Macht und die Verantwortung des Reichtums.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Geschichte meines Lebens
Andrew Carnegie
1. Auflage – © 2026
Vom Webersohn zum reichsten Mann der Welt.
Es ist die ultimative Geschichte des amerikanischen Traums. Andrew Carnegie (1835–1919) kommt als bitterarmer Einwandererjunge in die USA. Er beginnt als Spulenjunge für 1,20 Dollar die Woche – und baut schließlich ein Stahlimperium auf, das die Welt verändert.
Doch dies ist mehr als eine Erfolgsgeschichte. In seiner fesselnden Autobiografie blickt Carnegie zurück auf ein Jahrhundert des unbegrenzten Fortschritts. Er erzählt von riskanten Geschäften, bahnbrechenden Visionen und seiner radikalen Wandlung vom rücksichtslosen Tycoon zum größten Philanthropen seiner Zeit.
Ein zeitloses Zeugnis über Geld, Macht und die Verantwortung des Reichtums.
Andrew Carnegies (englische Aussprache: Karneggi) Selbstbiographie ist im Sommer 1920, gerade ein Jahr nach dem Tode des Dreiundachtzigjährigen, mit einem Vorwort seiner Gattin in einer von Professor John C. Van Dyke in Neuyork besorgten Ausgabe erschienen. Autobiography of Andrew Carnegie. XII, 385. Boston and New York, Houghton Mifflin Company 1920.
Carnegies Leben und Wirken ist so ungewöhnlich und inhaltreich, seine Persönlichkeit so eigengeprägt und seine Art, zu erzählen, so anziehend, daß es verdienstlich erscheint, das Buch dem deutschen Publikum auch in seiner Sprache zugänglich zu machen.
Das Schicksal, das dieser Mann sich schmiedete, klingt wie ein Märchen: der arme schottische Junge, dessen Eltern sich zur Auswanderung das Geld für die Überfahrt leihen müssen, wird zum mächtigen Stahlkönig Amerikas, der über unermeßliche Reichtümer verfügt, sich aber nicht mit deren Besitz begnügt, sondern seinen weiteren Lebenszweck darin sieht, seinen Reichtum planmäßig für die Förderung Anderer und den Fortschritt der Menschheit zu verwenden. Es klingt wie im Märchen, daß aus dem Fabrikburschen, dem schon der Aufstieg zum Depeschenboten wie ein Eintritt ins Paradies vorkommt, ein Mann wird, der mit den höchsten Staatsmännern und hervorragenden Geistesgrößen Englands und Amerikas als guter Freund verkehrt und als Gast des deutschen Kaisers in Kiel weilt.
Und das alles hat er – freilich auch vom Glück begünstigt – durch eigene Kraft erreicht. Seine Persönlichkeit ist nicht minder interessant als sein Lebensschicksal. Rastlos hat er nicht nur an seinem Lebenswerk, sondern auch an sich selbst gearbeitet. Er war nicht frei von kleinen Schwächen und kräftigen Einseitigkeiten. Aber seine große Güte und Gerechtigkeit, sein tiefes Gemüt, sein Frohsinn, sein Optimismus und Idealismus machen ihn menschlich liebenswürdig, seine praktische Klugheit und seine Lebensweisheit sind überraschend, die Weite seines Gesichtskreises und seiner Interessen und die Höhe seiner Ziele und Ideale sind ungewöhnlich: und bei und über dem allen eine starke, zähe Energie.
Zur Charakteristik der Persönlichkeit Carnegies seien hier zwei Urteile kluger Männer, die ihm persönlich nahe gestanden haben, aus den Anmerkungen der amerikanischen Ausgabe des Buches herausgehoben. John Morley sagt in seinen Recollections (Neuyork 1919, S. 110 u. 112): »Mr. Carnegie hat seine Originalität, seine geistige Begabung und seinen kühnen und starken Charakter bei der Verteilung seines Reichtums ebenso, ja in noch höherem Maße bewiesen, als bei seinem geschickten und vorsichtigen Erwerb desselben … Seine außerordentliche Geistesfrische ließ Matthew Arnold, Herbert Spencer, mich und andere leicht über die gelegentliche Unreife und Übereiltheit seiner Urteile hinwegsehen … Denn das wiegt gering gegenüber seinem weiten Gesichtskreis für alle großen Fragen des Lebens und Geschehens, seinem lebhaften Interesse für die Wissenschaft und ihre Verbreitung, für Erfindungen und Fortschritte, für die Verbesserung der sozialen Verhältnisse und die Forderung: Freie Bahn dem Tüchtigen! und gegenüber seinem begeisterten Eintreten für den Friedensgedanken. Das alles sind glanzvolle Seiten seines Wesens; den kleinen Anflug von Überschwenglichkeit wird man gern mit in Kauf nehmen … Er war ein Mann von hoher, weitreichender und wohlverdienter Bedeutung für seine Generation.« Und Richard Watson Gilder sagt in einem seiner Briefe ( Letters, ed. by his daughter, Neuyork 1916, S. 375): »Carnegie ist wirklich eine imponierende Persönlichkeit: lebendig, willensstark, großzügig, eigengeprägt, manchmal seine Überzeugung anderen fast grausam aufzwingend, dann wieder zartfühlend, gütig und liebevoll, empfindsam, immer voller Einfälle, außergewöhnlich und weitschauend in seinen Plänen … Leidenschaftlich strebt er nach manchmal zwar etwas phantastischen, aber hochgesteckten Zielen, wie der Verbrüderung der Menschheit, dem Völkerfrieden und dem religiösen Fortschritt.« Vgl. auch das Urteil Elihu Root's S. 186, Anm. 2.
Der Eigenart seiner Persönlichkeit entspricht die frische, offene, gemütvolle und kluge, trotz mancher behaglichen Breite stets anziehende Art, in der Carnegie sein Leben erzählt. Liebevoll geschilderte Familienidylle stehen neben kühlen Berichten über die Eisenindustrie und finanzielle Transaktionen. Prächtig sind die zahlreich eingeflochtenen, aus seiner Geschäftserfahrung und Lebensklugheit geschöpften Lebensregeln, die sich geradezu zu Sinn- und Denksprüchen eignen. Stets treffende Anekdoten sind seine besondere Liebhaberei. Das Köstlichste ist der goldene Humor, der das Ganze durchzieht, ein Humor, der nicht drastische Wirkungen sucht, sondern ein stilles feines Lächeln hervorruft. Manches wird dem deutschen Leser vielleicht fremdartig erscheinen, so das Zurschautragen der eigenen Bescheidenheit, die stereotypen und überschwenglichen Freundschaftsversicherungen, Anklänge an das, was man den »Cant« nennt – man bedenke, daß das Buch von einem schottischen Amerikaner geschrieben ist, und freue sich, diese andere Art in solch liebenswürdiger Gestalt kennenzulernen. Wie mir überhaupt die Bedeutung dieses Buches für den deutschen Leser nicht zum wenigsten darin zu liegen scheint, daß es auf leichte Weise einen charakteristischen Einblick in das amerikanische Wesen und Leben gewährt.
So wendet sich das Buch, seiner Vielseitigkeit entsprechend, an einen bunten Leserkreis. Es wird jeden aufstrebenden Jungen begeistern, den Kaufmann, den Fabrikanten und den Großfinanziellen ebenso interessieren wie den Arbeiter, es wird für den Jugenderzieher, den Volksfreund, den Philanthropen, jeden sozial Interessierten von Bedeutung, für den Memoirenliebhaber ein Gegenstand besonderer Freude sein. – –
Über die Entstehungsgeschichte des Werkes berichtet Mrs. Louise Whitfield Carnegie in ihrem Vorwort, das wir zum passenden Abschluß und Ausklang der Selbstbiographie ihres Gatten verwendet haben (s. S. 224). Carnegie hat seine Erinnerungen nicht im Zusammenhang, sondern immer nur gelegentlich, besonders während des Sommeraufenthalts in der Stille des schottischen Hochlandes, in den Jahren seit seinem Rücktritt vom Geschäft (1901) bis zum Kriegsausbruch 1914 stückweise niedergeschrieben und immer wieder Ergänzungen und Nachträge beim Durchlesen des bereits Geschriebenen eingefügt. So ist das Buch nicht aus einem Gusse. Das hat zur Folge, daß es manche Wiederholungen aufweist, daß das Ganze nicht planmäßig angelegt und die zeitliche Reihenfolge nicht streng eingehalten ist, und daß Partien, die eigentlich zusammengehören, an mehreren Stellen zerstreut stehen. Dieser Nachteil wird aber dadurch mehr als ausgeglichen, daß die Darstellung eben infolge ihrer Entstehungsweise den großen Reiz des Unmittelbaren, des völlig Unbeabsichtigten besitzt. Carnegie hat bei seiner Niederschrift nicht beabsichtigt, ein Buch für die Öffentlichkeit zu schreiben. Er hat nur, wie ein im Vorwort seiner Gattin erwähntes Vorsatzblatt zum Manuskript beweist, an die Möglichkeit gedacht, daß sich daraus »wahrscheinlich ein kleines Bändchen ausziehen läßt, das für das große Publikum von Interesse sein könnte, während für meine Angehörigen und Freunde ein umfangreicherer Band am Platze wäre, der dann freilich für das große Publikum kaum taugen würde. Vieles an dem, was ich von Zeit zu Zeit niedergeschrieben habe, kann ruhig ausgelassen werden.«
Der amerikanische Herausgeber Prof. Van Dyke hat trotzdem seine Aufgabe so aufgefaßt, daß er Carnegies Niederschrift im wesentlichen unverändert an die Öffentlichkeit gebracht hat. Glücklicherweise! Denn ein Exzerpt könnte kaum den Reiz des Originals besitzen. In seinem Vorwort zur amerikanischen Ausgabe sagt er: »Bei der Vorbereitung dieser Blätter für die Veröffentlichung hat der Herausgeber kaum mehr getan, als den Stoff in zeitlicher und logischer Folge so zu ordnen, daß die Erzählung ohne Unterbrechung sich abwickelt, sowie einige Anmerkungen zur Erläuterung beizufügen.«
Die deutsche Ausgabe, der eine von Prof. I. A. Sauter besorgte Übersetzung zugrunde liegt, hat die Eigenart des Originals nach Möglichkeit zu bewahren gesucht. Im einzelnen sind manche für das Ganze unwesentliche Personalien und Details, die den deutschen Leser nicht interessieren können, weggelassen worden. Die redaktionelle Arbeit des amerikanischen Herausgebers ist unserseits da, wo es geboten schien, fortgesetzt worden; um das Zusammengehörige zusammen und manches Stück an seine richtige Stelle zu bringen, sind wir auch vor einer Umstellung ganzer Seiten nicht zurückgescheut; auch die Kapiteleinteilung ist mehrfach geändert worden. Doch sind das rein formale Verbesserungen, die auf den Inhalt und die Art der Selbstbiographie ohne jeden Einfluß sind.
Ein wesentlicher Unterschied der deutschen von der amerikanischen Ausgabe besteht nur darin, daß von den acht letzten Kapiteln, in denen Carnegie seine Erinnerungen an hervorragende Männer des geistigen und politischen Lebens erzählt, nur dasjenige über den deutschen Kaiser von uns als Ganzes gebracht wird, die anderen sieben Kapitel hingegen nur in einem mosaikartig aus dem Texte Carnegies zusammengestellten Auszuge behandelt und in unseren zwei Kapiteln: »Im Kreise der Freunde und Bekannten« und »Erinnerungen an berühmte Staatsmänner« zusammengefaßt sind. Bei dieser auszugsweisen Behandlung haben wir alles das, was Carnegie über seine persönlichen Beziehungen zu jenen Männern berichtet, beibehalten und nur die allgemeinen Ausführungen, die er über sie bietet, fortgelassen. Durch diese Ausscheidung einer Menge von Einzelstoff, der dem Interessekreis des deutschen Lesers doch schon ferner liegt, ist eine nicht unerhebliche Verminderung des Umfangs und damit des Preises des Buches erreicht worden, ohne daß das Lebensbild Carnegies dadurch irgend etwas an Inhalt oder Farbe verloren hätte.
Die Anmerkungen des amerikanischen Herausgebers sind, soweit sie stoffliche Ergänzungen der Darstellung Carnegies bieten, zumeist [in eckigen Klammern] in den Text aufgenommen, soweit sie aber nur in Amerika interessierende Details enthalten, weggelassen worden; die als Fußnoten beibehaltenen sind zur Unterscheidung von denen des deutschen Herausgebers durch den Zusatz »Van Dyke« gekennzeichnet.
Für die deutsche Ausgabe erschien eine reichliche Beifügung von erläuternden Anmerkungen betreffend die von Carnegie erwähnten Personen, historischen Ereignisse usw. erwünscht, um das Verständnis des Inhaltes zu erleichtern und zu beleben. In den Fällen, wo solche Erläuterungen vermißt werden, wird das Register meist Hilfe bieten, indem es unter dem betreffenden Stichwort entweder selbst Auskunft erteilt oder durch ein Sternchen (*) auf diejenige Stelle hinweist, an der die gewünschte Erläuterung zu finden ist.
Runde Klammern im Text umschließen solche Stellen, die Carnegie selbst in Klammern gesetzt hat. Eckige Klammern zeigen an, daß es sich um Einschaltungen der Herausgeber handelt.
Da Carnegie sich bei der Erzählung seiner Erinnerungen nicht streng an die zeitliche Reihenfolge hält, genügen die im Inhaltsverzeichnis zusammengestellten Kapitelüberschriften nicht, um einen klaren Überblick über die Einzelheiten seines Lebensganges zu gewähren. Wir haben deshalb eine chronologische Übersicht in einem besonderen » Schlüssel« beigefügt, der zugleich den biographischen Inhalt des Buches erschließt und dem Leser zur Orientierung dienen mag.
Leipzig, im September 1921.Prof. Dr. Johannes Werner.
Andrew Carnegiegeb. 25. November 1835 zu Dunfermline, Schottlandgest. 11. August 1919 zu Stockbridge, Massachusetts
I. Äußere Entwicklung.
A. Übersicht.
1835-48 Kindheit in Dunfermline (Schottland) 1-17.
1848 Auswanderung der Familie nach Amerika 17-20. Nach der neuen Heimat Pittsburg; Wohnung in Allegheny 21-22.
1848-50 Arbeitsbursche in Fabriken von Allegheny 23-25.
1850-52 Depeschenbote in Pittsburg 25-30, 36-39. Als Vertreter des Telegraphisten in Greensburg 39.
1852 Anstellung als Hilfstelegraphist in Pittsburg 39-42.
1853(-59) Sekretär des Eisenbahndirektors Scott in Pittsburg 43-49. Mit dessen zeitweiliger Vertretung beauftragt 49.
1855 Hauskauf und Tod des Vaters 51/2.
1856(-59) Übersiedelung mit Mr. Scott nach Altoona 56. Aufgreifen der Schlafwagen-Idee (vgl. unter B) 58/9.
1859(-65) Direktor der Abteilung Pittsburg der Pennsylvaniabahn 61/3, 74/5. 1860(– 67) Ländliches Heim in Homewood bei Pittsburg 63/6.
1861 Hilfsdienst im Bürgerkrieg (im Kriegsministerium in Washington) 66/74.
1862 Erste Reise nach der Heimat Dunfermline (mit der Mutter und Tom Miller) 75/7.
1862 Erste Beteiligung an der Eisen-Industrie (vgl. unter B) 78.
1862 Ölquellen-Ankauf 92/4; 1864 abenteuerliche Reise ins Ohio-Ölgebiet 94/5.
1865 Verzicht auf Eisenbahnstellung: fortan ganz selbständiger Kaufmann 95/6.
1867 Reise durch Europa (mit »Vandy« und Harry Phipps) 96/7.
1867 Übersiedelung nach Neuyork als Hauptquartier 98/9.
1868 Zukunftsplan: Los vom Geld! Tiefere Bildung! 104.
1869 Erste größere finanzielle Transaktion (vgl. B); Besuch in Dunfermline 102/4.
1873 Gründung der Stahl-Werke (vgl. unter B) 125. Vorsitzender des Britischen Eisen- und Stahl-Instituts 119.
1873 Amerikanische Finanzkrisis 127/31.
1877 Ehrenbürger von Dunfermline 140.
1878 Reise um die Welt (mit »Vandy«) 137/40.
1881 Wagenfahrt durch England nach Dunfermline 141, 18.
1886 Tod der Mutter und des Bruders, eigene schwere Erkrankung 142.
1887 Verheiratung. Hochzeitsreise nach Insel Wight und Schottland 144/5.
1889 Delegierter der Vereinigten Staaten zum Panamerikanischen Kongreß 214.
1892 Streik in Homestead 152ff. Vorsitzender der National Civic Federation 157.
1897 Geburt der Tochter. Ankauf von Schloß Skibo 145.
1901 Rücktritt vom Geschäft. Plan der » Verteilung des Reichtums« (vgl. C) 171/2.
1902 Ehren-Rektor der St. Andrews-Universität 182/4.
1902 Grundherr von Pittencrieff 195.
1907 Begegnung mit dem deutschen Kaiser in Kiel 220/2.
1913 Als Delegierter zum Regierungsjubiläum des Kaisers in Berlin 223.
1914-19 Lebensende 224.
B. Der wirtschaftliche Aufstieg und Erwerb des Reichtums.
Dürftige Lage der Familie: Rückgang der Handweberei 9; Anleihe zur Überfahrt 17; der Vater als Hausierer 21, 41/2; die Mutter näht Schuhe 21.
1848-50 Wochenlohn als Fabrikbursche 1 $ 20 und 2$: 23/4.
1850-52 Wochenlohn als Depeschenbote 2 $ 50 und 3 $: 25; Freude über die Extragroschen 29, über die Zulage 37/8.
Besserung der Lage der Familie, Rückzahlung der Schuld 36/7; Firma »Gebrüder Carnegie« als Zukunftstraum 37; Ideal der »eigenen Kutsche« für die Eltern 37, 42, 60.
1852 Monatsgehalt als Hilfstelegraphist 25 $: 39.
1853-59 Monatsgehalt als Mr. Scotts Sekretär 35, 40, dann 65 $: 42, 51, 62.
1855 Erste Kapitalanlage von 500 $ in Adams-Expreß-Aktien 53.
1855 Die Familie kauft kleines Haus 51; 1856 eigenes Dienstmädchen 59/60. Beteiligung an Woodruffs Schlafwagengesellschaft. Der erste Wechsel 58/9.
1859 Jahresgehalt als Eisenbahndirektor 1500 $: 62.
1862 Gründung der (Guß-)Eisenbrücken-Firma Piper & Schiffler in Pittsburg, seit 1863== » Keystone-Brückenbau-Gesellschaft« 78/86. Gründung der (Schmiede-)Eisenwerke (mit Miller, Phipps und Kloman) 88; diese 1867 mit den 1864 mit Miller allein gegründeten Cyklopenwerken (S. 90/1) zusammengelegt als Union-Eisenwerke 90.
1862 Ankauf der Ölquellen von Storey-Farm (mit Coleman) 92/4.
1864 Gründung der » Ersten (Eisenbahn-) Schienenfabrik« in Pittsburg 78.
1866 Gründung der Pittsburger Lokomotivenfabrik 78.
1867 Entstehung der Union-Eisenwerke (s. oben) 90.
1868 Jahreseinkommen von 50 000 $: 104.
1869 Erste größere finanzielle Transaktion: 4 Millionen Schuldverschreibungen der St. Louis-Brücken-Gesellschaft an J. Morgan in London 102/3. Vereinigung der Woodruffschen mit der Pullman-Schlafwagen-Gesellschaft 105/7.
1870 Bau des Lucy- Hochofens zur Roheisen-Gewinnung 119/20, 122/3, 147ff.
1871 Gründung der Kokswerke mit »Dod« Lauder 120.
1871 Transaktion für die Union-Pazifik-Bahn; zu deren Direktionsmitglied gewählt und unverschuldet wieder ausgeschlossen 108/9. Schwierigkeiten bei der Unterbringung von 5 Millionen $ Schuldverschreibungen der Philadelphia- und Erie-Gesellschaft 109/11. 5 Millionen $ Schuldverschreibungen der Alleghanytalbahn an Junius Morgan; Verdienst 60 000 $: 112. Entschluß zur Beschränkung auf die Eisen- und Stahlindustrie 115/6. Verwertung der Chemie für die Eisenindustrie 121 ff., 148/9.
1873 Gründung des Stahlschienen-Werks (für Bessemer-Verfahren) Carnegie, McCandleß & Co. in Braddock bei Pittsburg, später – Edgar Thomson-Stahlwerke 125.
1873 Amerikanische Finanzkrisis 106, 112, *127/31.
1874 Eröffnung der Stahlwerke; Gewinn im ersten Monat 11 000 $: 135/6. Ankauf von Erzgruben und Kohlenfeldern (1882 Frick-Koks-Gesellschaft) 147/9.
1886 Ankauf der Stahlwerke in Homestead (bei Pittsburg) 150/1. Errichtung der Hartman-Werke (für Stahlfabrikate) in Beaver Falls 151.
1897 Überblick über die Entwicklung des Stahlkonzerns im letzten Jahrzehnt 151/2.
1900 Plan einer Bahnlinie von Ozean zu Ozean 100.
1901 Verkauf der Werke (zuletzt jährlicher Reingewinn 40 Millionen $) durch Morgan an die United States Steels Corporation 172.
C. Die Verwendung des Reichtums: die Stiftungen. Vgl. Manual of the Public Benefactions of A. Carnegie. Published by the Carnegie Endowment for International Peace. Washington 1919.
1869 Erste Stiftung: Volksbadeanstalt für Dunfermline 103.
1881 Volksbibliothek für Dunfermline 141, 174.
1891 Volksbibliothek und Lesehalle für Allegheny 174, 216.
1895 Volksbibliothek und Carnegie-Institut (28 Millionen $) für Pittsburg 174, 217.
1901 Plan zur Verteilung des Reichtums 171/2.
1901 Unterstützungsfonds (4 Millionen $) für die Arbeiter der Carnegie-Werke 172/3.
1901 Volksbibliotheken für Neuyork (68 Zweigbibliotheken für 5¼ Millionen $) 174. Gesamtzahl der gestifteten Bibliotheken: 2800 für 60 Millionen $: 197.
1902 Carnegie-Institut in Washington (25 Millionen $) 174/6.
1902 Stiftung (10 Millionen $) für die schottischen Universitäten 181/2.
1903 Stiftung von Pittencrieff (samt 3¾ Mill. $) an Stadt Dunfermline 195/6, 220 Anm.
1903 Stiftung der Mittel (1½ Mill. $) zum Bau des Friedenspalastes im Haag 192/3.
1904 Heldenfonds (zuerst 5 Mill. $, dann auf England, Deutschland usw. erweitert) 176/9.
1905 Pensionsfonds (15 Mill. $, 1919: 29¼ Mill. $) für Universitäts-Professoren 180/1.Unterstützung amerikanischer Hochschulen 184/5; Elihu Root-Stiftung für Hamilton 186; »Taylor Hall« für Lehigh 179; »Stanton-Lehrstuhl« für Kenyon, »John-Hay-Bibliothek« u. a. Einzelstiftungen 185.Stiftungen für die Institute zur Hebung der Negerrasse 186/7.Für Unterrichts- und Erziehungswesen im ganzen etwa 500 Stiftungen mit 27 Millionen $: 187.Stiftungen von Kirchen-Orgeln (bis 1919: 7689 Orgeln für 6 Millionen $) 187/8.Eisenbahner-Pensionsfonds 179, 189.Privat-Pensions-Kasse 188/9.Weitere Einzelstiftungen 197.10 Millionen-Dollar-Fonds für das Vereinigte Königreich (Großbritannien) 196.
1910 »Carnegie-Stiftung für den Weltfrieden« (10 Millionen $) 193.
1911 Stiftung der » Carnegie-Corporation« in Neuyork (125 Mill. $ und als C.s Haupterbin eingesetzt) 197.Gesamtsumme der öffentlichen Stiftungen: 350 Millionen $: 197.Wohltätigkeit im Stillen 160, 161 Anm., 186 Anm. 2, 189 (Privat-Pensionskasse).
Anerkennungen und Ehrungen: Ehrenbürger von Dunfermline (1877) 140; von Edinburg (1887) 144; von im ganzen 24 englischen Städten 194. – 1902(– 08) Ehren-Rektor der schottischen St. Andrews-Universität 182/4. – Der deutsche Kaiser über den Heldenfonds 177; Dankbrief des Königs von England 178. – Ehrenlegion und andere Ordensauszeichnungen 193/4. – Vorsitzender des Britischen Eisen- und Stahl-Instituts 119, der Friedensgesellschaft in Neuyork 193. – Ehrenmitglied von ca. 190 wissenschaftlichen Instituten, Gesellschaften usw. 194.
II. Innere Entwicklung und Eigenart.
Als Kaufmann.
Frühes Organisationstalent 16/7, 30; Buchführung 10, 24, 25.
Selbständiger Eifer als Messenger boy 27; lernt nebenbei Telegraphieren 38/9; ordnet selbständig eine Züge-Verwirrung 47/8; legt Eisenbahnerstreik bei 56/7.
Gelegenheiten ergreifen! 26, 53 erste Kapitalanlage, 58/9 (Schlafwagenidee), 78 (Eisenindustrie), 85, 92 (Ölquellen), 102, 105.
Klugheit und Geschick in Geschäftsangelegenheiten 84/7, 105/6,123 (Chemie!), 128,135 (Organisation der Stahlwerke); bei Behandlung der Arbeiter 162/8; bei Stiftungen 181/2, 188.
Geschäftliche Grundsätze: Nur beste Qualität 78, 82/3, 91. – Vornehmheit 91, 113 – Vorsicht gegen Bürgschaftsleistung 114/5, 149/50 – Gegen Börsenspekulation 99/101, 113 – Konzentration auf ein Gebiet der wahre Weg zum Erfolg 115/6 – Arbeitskontrolle und Berechnungswesen 83, 91/2.
Vorzüge der Offenen Handelsgesellschaft vor A.-G. 116, 148 – Prägung des Worts »das Gesetz vom Überschuß« 152 – Bedeutung des Schutzzolls 116/9 – stellt schon 1859 Frauen als Telegraphistinnen an 46.
Verhältnis zu den Teilhabern 113, 115, 131, 174, 197/98, 216/7 – zu den Arbeitern: bei Eisenbahn 77, 96; in den Eisenwerken 152/3,156, 157/8, 168, 170/1. – Milde gegen Fehler Untergebener 45, 49. – Kapital, Arbeitgeber und Arbeiterschaft ein dreibeiniger Schemel 158. – Der gleitende Lohntarif 166, 167. – Achtstunden-Arbeitstag 170. – Fürsorgebestrebungen (Konsumverein, Sparkassen) 169 – Stiftungen s. Schlüssel I C.
Geistige Interessen.
Ererbtes Interesse für Literatur und Schriftstellerei 3, 32. – Schule und Unterricht 9/10, 22 – Onkel Lauder begeistert für vaterländische Geschichte und Dichtung 10/1, 13/4 – gutes Gedächtnis 14/5, 198 Anm.
Einfluß der Arbeiter-Bibliothek Mr. Andersons 30/2; des Theaters (Shakespeare) 32/3.
Verlangen nach Weiterbildung 104.
Musik (Wagner, Händel, Volkslied) 17, 33, 35, 97, 183. – Malerei 97.
Redekunst: Deklamieren als Knabe 13/4; rednerische Ausbildung in Klubs 41, 98/9 – Rednerregeln 41, 140/1 – Vorträge 3, 209 (über Homerule in England), 197.
Interesse für Presse und Publizistik: möchte Zeitungen kaufen und leiten 54, 104; eigene Veröffentlichungen 30/1 (als Depeschenbote), 45, 54/5, 171 Anm., 202, 218.
Eigene Schriftstellerei:
Round the World. 1882/4. [auch deutsch] 137/40. – An American Four-in-Hand in Britain. 1883. [auch deutsch] 18/9, 141/2, 207. – Triumphant Democracy. 1886: 209. – The Gospel of Wealth and other Timely Essays. 1900. [auch deutsch] 171. – Einleitung zu The Roosevelt Policy. 1908: 222. – Weitere, im Buche nicht erwähnte Hauptwerke C.s: The Empire of Business. 1903 (»Kaufmanns Herrschgewalt«. Leipzig 1903). – James Watt. 1905. – Problems of To-Day. Wealth, Labor, Socialism. 1908 (»Kapital und Arbeit. Die Probleme unserer Zeit«. Leipzig 1911).
Patriotismus und Politik.
Über Heimatliebe 139/40. – Schottischer Patriotismus (Wallace, Bruce) 10/1, 13, 77, 144; »das Tröpfchen schottischen Blutes« verbindet 66, 87, 24, 29; Stiftung für die schottischen Universitäten 181/2, für das Vereinigte Königreich 196. – Anhänglichkeit an Dunfermline 18/9, 75, 103, 140, 174, 194, 196: an Pittsburg 98, 174, 217.
Politischer Radikalismus in der Familie und in Dunfermline 3, 6/8. – Gegen Privilegien und Könige 7/8, 13, 201/2, 210, 211, 220.
Anhänger der Republikanischen Partei: Free-Soiler 65; für die Einheit der Union 46, 55/6, 67 – gegen die Sklaverei 45, 65, 66f., für Hebung der Negerrasse 186/7.
Politische Einwirkungen: gegen Expansionalismus in Philippinenfrage 218/9 – für Freundschaft mit südamerikanischen Staaten 214 ( Panamerikanischer Kongreß), 215 (Konflikt mit Chile) – betr. Irische Frage 209/10 – betr. Schutzzoll 118.
Gegen Krieg und Militarismus 11/2, 178, 185, 190, 205, 217/8, 219, 223. – Für den Weltfrieden 190/3 (Friedensgesellschaft, Schiedsgericht, Friedenspalast, Stiftung), 222/3.
Religion und Weltanschauung.
Frömmigkeit des Vaters 16, der Mutter 15, 33/4; kein konfessioneller Unterricht 15 – Verhältnis zum Swedenborgianismus 33/4, 138. – Anstoß am Prädestinationsdogma 15/6, 50 – Los vom dogmatischen Christentum 34, 50, 138, 201, 206 – Religionsgeschichtlicher Standpunkt, unter dem Einfluß der Entwicklungslehre (Darwin, Spencer) 138/9, 206/7 – Festhalten an Unsterblichkeit 51, 207 – Optimismus 2, 107, 202, 206.
Gegen engherzige Sonntagsheiligung 35/6, 90 – gegen Art der Predigt 2, 188 – für Musik in der Kirche 35, 90, 188 – Stiftungen von Orgeln 187/8.
Einzelne Züge.
Aufwachsen in sittlich reiner Umgebung 43 – Inniges Familienleben, im Elternhaus 16, 21/3, 36, 37/8, 59/60; im eigenen Haus 145/6 – Geben seliger als Nehmen 189f.
Freude am Landleben 62, 63, 142, 144/5, 212, 224; an Blumen 63, 144; am Schlittschuhlauf 35, Reiten 143, Fischen und Schwimmen 201, 212, 224 – gegen Tabakrauchen 43/4 – über Alkoholismus 73.
III. Persönliche Beziehungen.
Die entsprechenden Seitenzahlen sind im Register (S. 225) zu finden.
Familie: Vater William, Mutter Margaret geb. Morrison, Bruder Tom und Frau Lucy geb. Coleman, Großvater Andrew, Frau Louise geb. Whitfield, Tochter Margaret Carnegie – Großvater Thomas, Onkel Bailie, Vetter Bob Morrison – Onkel George, Vetter George (»Dod«) Lauder – Onkel und Tante Aitken; Onkel und Tante Hogan; Vetter Leander Morris.
Freunde: Kindheit: »Dod« Lauder, McIntosh – Jugend: »Davy« McCargo, Will. Cowley, Tom Miller, »Harry« Oliver, John Phipps, »Bob« Pitcairn – Spätere nächste Freunde: Tom Miller, Henry (»Harry«) Phipps, »Vandy« (John Vandevort).
Förderer und Gönner: Lehrer Martin, Onkel Lauder, Oberst Anderson, Edwin Stanton, Mr. Brooks u. Reid, Thomas Scott, Mr. Lombaert u. Stokes, Mrs. McMillan, Mrs. Franciscus, Miß Stewart, Miß Addison (»Schleifung des Diamanten«), Familie Wilkins.
Arbeitgeber und Vorgesetzte: in Allegheny: Mr. Blackstock u. Hay – bei Telegraphie und Eisenbahn: Mr. Brooks, Glaß, Thomas Scott, Edgar Thomson.
Mitarbeiter und Teilhaber: Bruder Tom, Borntraeger, Coleman, Curry, Eads, Frick, Dr. Fricke, Jones, Kennedy, Kloman, »Dod« Lauder, Linville, Tom Miller, Vetter Morrison, Peacock, Piper, Prousser, Schiffler, Schwab, Singer, Stewart, Charles Taylor, Walker.
Geschäftsfreunde: Chisholm, Garrett, Park, Pullman, Thomas Scott, Edgar Thomson, Whitwell, Woodruff. – Bankiers: Baring Brothers in London, Lloyd in Altoona, Junius Morgan in London, Pierpont Morgan in Neuyork, Schönberger (Exchange Bank) in Pittsburg.
Gelehrte, Schriftsteller und Philanthropen: Edwin Arnold, Matthew Arnold, Prof. Botta, R. W. Gilder, F. W. Holls, Mark Twain, John Morley, Herbert Spencer, Booker Washington, Andrew White.
Staatsmänner: Premierminister Balfour, Staatssekretär Blaine, engl. Minister John Bright, Fürst Bülow, Kriegsminister Cameron, Premierminister Campbell-Bannerman, Präsident Cleveland, Earl of Elgin, Gladstone, Lord Grey, General Grant, Senator Hale, Präsident Harrison, Staatssekretär Hay, Kaiser Wilhelm II., Präsident Lincoln, Präsident McKinley, Lord Rosebery, Präsident Roosevelt, Elihu Root, Staatssekretär Seward, Kriegsminister Stanton.
Die Geschichte seines Lebens, die vor Jahren mein Freund, der Richter Mellon aus Pittsburg, geschrieben hat, bildete für seine Freunde eine Quelle reichster Freude und Befriedigung. Das Buch hat eine besonders wertvolle Eigenschaft: es zeigt uns den Menschen. Es ist geschrieben ohne die geringste Absicht, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen, und war ursprünglich nur für seine Familie bestimmt. Genau so will auch ich meine Geschichte erzählen, nicht um mich vor der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen, sondern so, als ob ich im Kreise meiner Verwandten und erprobten, treuen Freunde säße, zu denen ich offen und ehrlich reden kann in dem Gefühl, daß selbst die unwesentlichste Episode für sie noch immer von Interesse sein wird.
Also: ich bin am 25. November 1835 in Dunfermline geboren, im Giebelstübchen eines kleinen, einstöckigen Hauses an der Ecke der Moodie Street und Priory Lane. Ich stamme, wie man zu sagen pflegt, »von armen, aber achtbaren Eltern, aus einer anständigen Familie«. Dunfermline war schon lange bekannt als Mittelpunkt des schottischen Leinenhandels. Die Carnegies lebten im 18. Jahrh. in dem malerisch gelegenen Weiler Patiemuir, 2 Meilen südlich von Dunfermline. Durch die steigende Bedeutung der Leinenindustrie in Dunfermline wurden sie dann veranlaßt, dorthin überzusiedeln. Mein Vater, William Carnegie, war Leinenweber und ein Sohn von Andrew Carnegie, nach dem ich genannt wurde.
Mein Großvater Carnegie war in der ganzen Gegend bekannt durch seine geniale Art, seinen guten Witz und seine unverwüstliche Laune. Er sprühte in seiner Jugend von Leben und war weit und breit bekannt als die führende Persönlichkeit der gesellschaftlichen Vereinigung Patiemuir College Er galt nicht nur im Dorfe, sondern auch in der nahen Stadt und der dazugehörigen Provinz als ein Mann, der aus der Menge herausragte. Als kluger Kopf, der viel las und das Gelesene selbständig durchdachte, kam er in Verbindung mit den radikalen Webern von Dunfermline. Diese veranstalteten in Patiemuir Zusammenkünfte, die den Namen, »College« führten; Andrew hieß hier der »Professor«. (Aus J. B. Mackie: A. Carnegie, His Dunfermline Ties and Benefactions.) [Van Dyke.]. Ich kann mich noch erinnern, daß mich einmal, als ich nach 14jähriger Abwesenheit wieder nach Dunfermline zurückkam, ein alter Mann ansprach, der gehört hatte, daß ich der Enkel des »Professors« sei, wie mein Großvater von seinen Bekannten genannt wurde. Der Alte ging ganz krumm infolge der Gicht und seine mächtige Hakennase berührte fast sein Kinn. Er hinkte durch das Zimmer auf mich zu, legte mir seine zitternde Hand auf den Kopf und sagte: »Also Sie sind Andrew Carnegies Enkel! Ja, lieber Mann, ich besinne mich noch auf die Zeit, wo Ihr Großvater und ich mit unsern dummen Streichen den vernünftigsten Menschen um seinen Verstand bringen konnten!« Ein anderer erzählte mir von meinem Großvater u. a. die folgende Anekdote: In einer Silvesternacht wurde ein altes Frauchen, ein rechtes Original im Dorfe, durch einen maskierten Kopf erschreckt, der plötzlich zum Fenster hereinguckte. Sie sah einen Augenblick hin, faßte sich dann aber schnell und rief: »Ach, das ist der verdrehte Kerl, der Andrew Carnegie!« Sie hatte recht: mein Großvater machte es mit seinen 75 Jahren noch so wie das übermütige junge Volk: er band sich eine Maske vor und erschreckte seine alten Freundinnen!
Ich glaube, meine optimistische Natur, meine Fähigkeit, die Sorgen zu zerstreuen und lachend durchs Leben zu gehen, »all meine Enten in Schwäne zu verwandeln«, wie es meine Freunde mir nachsagen, ist ein Erbteil von diesem prachtvollen alten übermütigen Großvater, dessen Namen ich mit solchem Stolz trage. Heitere Gemütsveranlagung ist mehr wert als ein großes Vermögen. Die Jugend sollte wissen, daß man sich dazu erziehen kann, daß die Seele genau so wie der Körper aus dem Schatten in die Sonne gebracht werden kann. Also auf! Bringt sie in die Sonne! Lacht den Kummer fort, wenn es nur irgend geht. Und es geht meist, wenn man ein bißchen philosophisch veranlagt ist, falls nur die Selbstvorwürfe nicht aus dem Bewußtsein eigenen Unrechttuns hervorgehen. Das bleibt freilich für immer; diese »höllischen Flecke« lassen sich nicht abwaschen. Der Richter in der eigenen Brust ist oberste Instanz und unbestechlich. Daher auch die großartige Lebensregel, die uns Burns gibt: »Fürchte nur den eigenen Tadel.« Ich habe mir diesen Wahlspruch schon in früher Jugend zu eigen gemacht, und er hat mir mehr genützt als alle Predigten, die ich je gehört habe, – und das sind nicht wenige. Allerdings muß ich zugeben, daß ich in meinen reiferen Jahren eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Freund Bailie Walker bekam. Der wurde einmal von seinem Arzt gefragt, wie er schlafe. Er antwortete, sein Schlaf sei durchaus nicht zufriedenstellend, er läge oft genug wach; »aber«, fügte er dann mit lustigem Augenzwinkern hinzu, »manchmal in der Kirche mache ich ein ganz schönes Nickerchen.« –
Mein Großvater mütterlicherseits, Thomas Morrison, war eine noch merkwürdigere Persönlichkeit. Er war ein Freund von William Cobbett Englischer Publizist (1762-1835), seit 1802 Herausgeber des »Weekly Political Register« in London, das, immer oppositioneller und radikaler werdend, starken Einfluß ausübte und dem Herausgeber große Popularität verschaffte., Mitarbeiter an dessen Register und stand in dauerndem Briefwechsel mit ihm. Noch jetzt sprechen in Dunfermline alte Leute vom Großvater Morrison als von dem besten Redner und dem tüchtigsten Mann, den sie gekannt hatten. Er war der Herausgeber des Precursor, der ersten radikalen Zeitschrift in Schottland, sozusagen einer kleineren Ausgabe von Cobbetts Register. Einige seiner Schriften habe ich gelesen, und angesichts der hohen Bedeutung, die man heutzutage der gewerblichen Ausbildung beilegt, halte ich für die bemerkenswerteste eine Broschüre, die er vor einigen 70 Jahren unter dem Titel »Kopfbildung kontra Handbildung« veröffentlicht hat. Er verficht darin die Wichtigkeit der letzteren in einer Weise, die noch heute dem eifrigsten Verteidiger der gewerblichen Ausbildung zur Ehre gereichen würde. Die Schrift endet mit den Worten: »Ich danke Gott, daß ich als junger Mensch Schuhe machen und ausbessern gelernt habe.« Cobbett veröffentlichte sie im Register im Jahre 1833 mit der redaktionellen Bemerkung: »Eine der wertvollsten Erörterungen, die im Register je über diese Frage erschienen sind, ist die unseres hochverehrten Freundes und Korrespondenten in Schottland, Thomas Morrison, die wir in unserer heutigen Nummer bringen.« So bin ich anscheinend mit meiner schriftstellerischen Ader von beiden Seiten her erblich belastet; denn auch die Carnegies waren Leser und Denker.
Mein Großvater Morrison war ein geborener Redner, ein eifriger Politiker und der Führer des äußersten Flügels der radikalen Partei seines Distrikts; dieselbe Stellung bekleidete später sein Sohn, mein Onkel Bailie Morrison. Mehr als ein bekannter Schotte hat mich in Amerika aufgesucht, um »dem Enkel von Thomas Morrison« einmal die Hand zu schütteln. Mr. Farmer, der Direktor der Cleveland- und Pittsburg-Eisenbahngesellschaft, sagte eines Tages zu mir: »All mein Wissen und all meine Bildung verdanke ich dem Einfluß Ihres Großvaters«, und Ebenezer Henderson, der Verfasser der sehr guten Geschichte von Dunfermline, erklärte, daß er sein Vorwärtskommen im Leben in weitem Umfange auf den glücklichen Umstand zurückführe, daß er als Knabe in den Dienst meines Großvaters getreten sei.
Ich habe in meinem Leben genug Schmeicheleien gehört; aber kein Kompliment hat mir so viel Freude gemacht wie die Worte eines Schriftstellers in einer Glasgower Zeitung. Er hatte mich in Saint Andrew's Hall über Homerule in Amerika reden hören. Der Berichterstatter schrieb nun, daß zur Zeit in Schottland viel über mich und meine Familie, besonders aber über meinen Großvater Thomas Morrison gesprochen würde, und fuhr dann fort: »Man denke sich meine Überraschung, als ich in dem Enkel am Rednerpult in Benehmen, Bewegungen und Aussehen das vollkommene Ebenbild des alten Thomas Morrison erblickte!«
Meine auffallende Ähnlichkeit mit meinem Großvater – ich kann mich übrigens nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben – steht außer Zweifel. Ich besinne mich noch genau, daß, als ich mit 27 Jahren zum erstenmal nach Dunfermline zurückkam, sich die großen schwarzen Augen meines Onkels Bailie Morrison, der neben mir auf dem Sofa saß, mit Tränen füllten. Er war so überwältigt, daß er kein Wort sprechen konnte und aus dem Zimmer stürzte. Nach einer Weile kam er zurück und erklärte, daß irgendetwas an mir ihn oft plötzlich an seinen Vater erinnere. Das Bild verschwände sofort wieder, kehre aber immer nach einiger Zeit zurück. Es war eine gewisse Ähnlichkeit in den Bewegungen; aber was es eigentlich war, konnte er nicht genau herausfinden. Meine Mutter stellte fortgesetzt an mir Eigentümlichkeiten meines Großvaters fest. Die Theorie von der Vererbung von Neigungen wird täglich und stündlich neu bewiesen; aber wie fein ist das Gesetz, daß sogar Bewegungen eines Menschen sich auf einen andern übertragen.
Mein Großvater Morrison war verheiratet mit Miß Hodge aus Edinburg, einer Dame von guter Bildung, vortrefflicher Erziehung und aus angesehener gesellschaftlicher Stellung. Sie starb schon früh. Damals lebte mein Großvater in ganz guten Verhältnissen; er war Lederhändler und Leiter einer Lohgerberei in Dunfermline. Aber der Friede nach der Schlacht von Waterloo ruinierte ihn, wie so viele Tausende. Infolgedessen hatten die jüngeren Kinder der Familie eine weniger frohe Jugend als der älteste Sohn, mein Onkel Bailie, der in einem gewissen Luxus erzogen war und sogar ein Pony zum Reiten hatte.
Die zweite Tochter, Margaret, war meine Mutter. Von ihr eine ausführliche Schilderung zu geben, vermag ich nicht. Sie hatte von ihrer Mutter die Würde, das feine Wesen und das Aussehen der gebildeten Dame geerbt. Vielleicht werde ich eines Tages der Welt etwas von dieser heldenhaften Frau erzählen, aber ich glaube es nicht. Sie ist mir zu heilig, um ihr Bild vor anderen zu enthüllen. Niemand hat sie jemals wirklich gekannt – niemand als ich. Nach meines Vaters frühem Tode war sie mein Ein und Alles. Die Widmungsworte meines ersten Buches sagen alles; sie lauten: »Meiner teuersten Heldin, meiner Mutter.« –
Hatte ich solchermaßen mit meinen Vorfahren Glück, so hatte ich es auch in hohem Maße mit meinem Geburtsort. Es spielt eine große Rolle, wo man geboren ist; denn Umgebung und Tradition erwecken und fördern so manche schlummernde Neigungen in einem Kinde. Ruskin bemerkt sehr treffend, daß jeder aufgeweckte Junge in Edinburg vom Anblick des Schlosses beeinflußt wird. Ebenso steht das Kind in Dunfermline unter dem Eindruck des herrlichen Klosters, des schottischen »Westminster«, das schon im 11. Jahrhundert (1070) von Malcolm Canmore Malcolm III., König von Schottland, heiratete 1069 die angelsächsische Prinzessin Margarete, die 1251 heiliggesprochen wurde; er fiel 1093 im Kampfe gegen England.und seiner Königin Margarete, der Schutzheiligen Schottlands, gegründet worden ist. Noch heute stehen die Überreste des großen Klosters wie des Palastes, in dem Könige das Licht der Welt erblickten. Dort liegt auch die Pittencrieff-Schlucht, wo sich das Heiligtum der Königin Margarete befindet und die Ruinen von König Malcolms Turm stehen, von dem es im Anfang der alten Ballade Diese berühmte Ballade beginnt mit den angeführten Versen und schildert den Schiffs-Untergang eines schottischen Großen mit seinem Gefolge. Sie ist unbekannten Ursprungs und wurde erstmalig 1765 von Percy veröffentlicht (abgedruckt in: Reliques of Ancient Poetry, Ausg. von H. Wheatley, London 1876, Bd. I, S. 98ff.). Percy hat die Lesart Dumfermeline town (= Stadt), aber Carnegie bestand darauf, daß tower (=Burg) die richtige sei.von »Sir Patrick Spens« heißt:
»Der König sitzt in Dunfermline-Burg,Er trinkt blutroten Wein.«
Robert Bruces König Robert Bruce († 1329) trat in den Kämpfen, die nach dem durch den Tod Wilhelms des Löwen (1290) erfolgten Aussterben des schottischen Königshauses um die Thronfolge entstanden, als Kronprätendent auf, trug 1314 einen entscheidenden Sieg über den englischen König Eduard II. bei Bannockburn davon und wird als der Begründer der Freiheit Schottlands verehrt.Grab liegt im mittleren Teil des Klosters. Dicht dabei ruht die Königin Margarete, und manch anderer aus königlichem Geblüt schläft in ihrer Nähe den letzten Schlaf. Wahrlich, glücklich ist das Kind, das in dieser romantischen Stadt geboren wird: drei Meilen nördlich vom Firth of Forth auf der Höhe gelegen, mit weiter Aussicht auf das Meer, nach Süden mit dem Blick auf Edinburg und im Norden ganz deutlich die Spitzen der Ochils vor Augen. Und alles ist umweht von dem Zauber der mächtigen Vergangenheit, in der Dunfermline einst in nationaler wie religiöser Hinsicht die Hauptstadt von Schottland war.
Das Kind, dem es vergönnt ist, in einer solchen Umgebung aufzuwachsen, atmet mit der Luft Poesie und Romantik ein, nimmt mit jedem Blick auf seine Umgebung die Geschichte und Überlieferung seiner Heimat in sich auf. Sie werden ihm in seiner Kindheit zu einer wirklichen Welt. Die harten Tatsachen kommen später im Leben, wenn man in die Alltagswelt der krassen Realitäten hineingestoßen wird; auch dann noch, und bis zum Lebensende bleiben die ersten Eindrücke im Gedächtnis haften; manchmal verschwinden sie vielleicht auf kurze Zeit, aber immer wieder kommen sie zum Vorschein und erfüllen unsere Gedanken und verleihen unserem Leben Licht und Farbe. Kein aufgewecktes Kind aus Dunfermline kann sich dem Eindruck des Klosters, des Palastes und der Schlucht entziehen. Sie berühren seine Seele, sie entfachen den im Inneren schlummernden Funken zur Flamme, sie machen etwas Anderes und Größeres aus ihm, als es geworden wäre, wenn es an einem weniger günstigen Orte zur Welt gekommen wäre. Auch meine Eltern waren in dieser anregenden Umgebung geboren, und daher stammt ohne Zweifel der starke Hang zum Poetischen und Romantischen, den beide besaßen. –
Als mein Vater es durch die Weberei zu einigem Wohlstand gebracht hatte, zogen wir von der Moodie Street in ein viel wohnlicheres Haus nach Reid's Park. Die vier oder fünf Webstühle meines Vaters standen hier im unteren Stockwerk; wir wohnten im oberen, das seinen Zugang, wie das bei älteren schottischen Häusern üblich war, von der Straße aus über eine Treppe außen am Hause hatte. In diesem Hause beginnen meine ersten Erinnerungen. Die älteste reicht seltsamerweise bis zu einem Tage zurück, an dem ich eine kleine Landkarte von Amerika sah; sie wurde über einen Rollstab gewickelt und war etwa zwei Quadratfuß groß. Auf dieser Karte suchten mein Vater, meine Mutter, Onkel William und Tante Aitken die Stadt Pittsburg und zeigten auf den Eriesee und die Niagarafälle. Kurze Zeit danach wanderten mein Onkel und Tante Aitken nach dem Lande der Verheißung aus.
Aus derselben Zeit erinnere ich mich auch, welch tiefen Eindruck auf mich und meinen Vetter George Lauder (»Dod« genannt) die Gefahr gemacht hat, die über uns schwebte, weil eine Aufrührerfahne in unserer Bodenkammer versteckt war. Diese Fahne war angefertigt worden, damit mein Vater oder mein Onkel oder irgendein anderer braver Radikaler aus unserer Familie sie bei einem Zuge während der Corn Law-Agitation »Korngesetze« war in der Zeit der englischen Freihandelsbewegung die volkstümliche Bezeichnung für die englischen Schutzzölle auf die Weizeneinfuhr.tragen sollte, und ich glaube, sie ist auch von einem Familienmitgliede getragen worden. Nun war ein Aufstand in der Stadt gewesen und eine Abteilung Kavallerie war in der Guildhall einquartiert. Meine beiden Großväter, alle Onkels, auch mein Vater waren als eifrige Versammlungsredner hervorgetreten, und die ganze Familie war in höchster Aufregung. Deutlich, als ob es gestern gewesen wäre, erinnere ich mich noch, daß ich mitten in der Nacht von einem Schlage an ein Hinterfenster des Hauses aufgeweckt wurde. Einige Männer kamen und teilten meinen Eltern mit, daß Onkel Bailie Morrison ins Gefängnis geworfen worden sei, weil er es gewagt hatte, eine verbotene Versammlung abzuhalten. Der Sheriff hatte ihn einige Meilen vor der Stadt, wo die Versammlung stattgefunden hatte, durch Soldaten festnehmen lassen und ihn, gefolgt von einer ungeheuren Volksmenge, in der Nacht nach der Stadt gebracht. Man befürchtete schwere Unruhen, denn die Menge drohte ihn zu befreien. Später erfuhren wir, daß der Bürgermeister ihn gebeten hatte, an ein Fenster zu treten, das nach der High Street hinausging, und die Menge zum Fortgehen aufzufordern. Er tat das mit den Worten: »Jeder Freund der guten Sache kreuze seine Arme.« Das taten sie, und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Nun gehet heim in Frieden.« [Die Regierungsbeamten ließen klugerweise die Sache im Sande verlaufen … Mr. Morrison empfing den Beweis für die Dankbarkeit und Hochschätzung seiner Mitbürger, indem er in den Rat und in das Stadtparlament gewählt wurde. Kurz danach wurde er Stadtkämmerer. So wurde der patriotische Reformer, den die Kriminalbehörden als Gesetzesverächter brandmarken wollten, durch die Wahl seiner Mitbürger selbst Mitglied einer Behörde und erhielt noch dazu ein glänzendes Zeugnis seiner Vertrauenswürdigkeit und Unbescholtenheit. – Aus: Mackie, A. Carnegie.] Mein Onkel war, wie alle Mitglieder unserer Familie, ein streng moralischer Mann und beobachtete gewissenhaft die Gesetze, aber er war anderseits durch und durch ein Radikaler und eifriger Bewunderer der amerikanischen Republik.
Man kann sich denken, welche bitteren Worte im engeren Kreise fielen, während all das sich in der Öffentlichkeit zutrug. Klagen und Angriffe gegen die monarchisch-aristokratische Regierung wie gegen alle Arten von Privilegien, anderseits die Großartigkeit der republikanischen Regierungsform, die Überlegenheit Amerikas, eines Landes, das von unserer Rasse bevölkert war, der Heimat freier Männer, wo jedes Bürgers vornehmstes Recht die Gleichberechtigung mit allen anderen war, – das waren die aufregenden Gesprächsstoffe, bei denen ich aufwuchs. Ich hätte als Kind einen König, einen Herzog oder einen Lord totschlagen können und hätte ihre Ermordung als einen Dienst gegen den Staat und somit als besondere Heldentat betrachtet. So stark ist die Wirkung der ersten Kindheitseindrücke, daß es lange gedauert hat, bis ich mich überwinden konnte, respektvoll von irgendeiner bevorzugten Menschenklasse oder Person zu reden, die sich nicht selbst irgendwie ausgezeichnet und dadurch das Recht auf allgemeine Hochachtung erworben hatte. Ich blickte immer noch mit einer gewissen Ironie auf jeden reinen Stammbaum: »er ist nichts, hat noch nichts getan; nur ein Zufall hat ihn in diese Stellung gebracht; er ist ein Betrüger, der sich mit fremden Federn schmückt; das einzige, was er vor anderen voraushat, ist die Zufälligkeit seiner Abstammung. Mit seiner Familie ist es wie mit den Kartoffeln: das Beste liegt unter der Erde.« Ich wunderte mich, daß kluge Menschen in einem Lande leben konnten, wo andere Menschen in Vorrechte hineingeboren wurden. Ich wurde nicht müde, immer wieder die einzigen Worte, die meinem Zorn Luft machten, zu zitieren:
»Einst gab es einen Brutus, der so gernDes alten Teufels Hof als einen KönigGeduldet hätt' in Rom.«
All das war natürlich nur ein bloßes Nachplappern dessen, was ich zu Hause hörte.
Dunfermline ist lange Zeit hindurch als die radikalste Stadt im ganzen Königreich bekannt gewesen. Das gereicht der radikalen Sache um so mehr zur Ehre, als sich in den Tagen, von denen ich spreche, die Bevölkerung von Dunfermline zum größten Teil aus selbständigen kleinen Fabrikanten zusammensetzte, deren jeder einen oder mehrere Webstühle sein eigen nannte. Sie waren nicht an eine feste Arbeitszeit gebunden, sondern arbeiteten im Akkord; sie bekamen von den größeren Fabrikanten das Material zur Verarbeitung geliefert und webten zu Hause.
In jenen Zeiten gingen die Wogen der politischen Erregung hoch, und oft konnte man nach dem Mittagessen in der ganzen Stadt kleine Gruppen von Männern sehen, die in ihren Arbeitsschürzen auf der Straße standen und eifrig politisierten. Die Namen Hume, Cobden und Bright Richard Cobden (1804-65) und John Bright (1811-89), englische Politiker, Führer der freihändlerischen Manchesterpartei, später Minister; vgl. S. 190, Anm. 1.waren in jedermanns Munde. So klein ich war, zogen mich doch oft diese Gruppen an, und ich hörte gespannt der Unterhaltung zu, die von einem ganz einseitigen Standpunkt aus geführt wurde. Der Refrain war immer: es muß anders werden! Die Bürger gründeten Klubs und abonnierten auf die Londoner Zeitungen. Die Leitartikel wurden jeden Abend öffentlich vorgelesen, seltsamerweise von einer der Kanzeln der Stadt. Oft las mein Onkel Bailie Morrison vor, und da er und andere noch einen Kommentar zu den Artikeln gaben, war das Ganze recht aufregend.
Solche politischen Versammlungen fanden häufig statt; ich interessierte mich natürlich ebensosehr dafür, wie irgendeiner unserer Familie, und nahm oft daran teil. Gewöhnlich sprach einer meiner Onkels oder mein Vater. Ich erinnere mich, daß eines Abends mein Vater in einer großen Versammlung außerhalb der Stadt in den Pends sprach. Ich hatte mich zwischen den Beinen der Zuhörer mit hineingedrängt, und bei einem besonders heftigen Beifallssturm konnte ich meine Begeisterung nicht zurückhalten. Ich sah zu dem Mann auf, unter dessen Beinen ich Schutz gefunden hatte, und erzählte ihm, daß es mein Vater sei, der da sprach. Da hob er mich auf seine Schultern und ließ mich dort oben sitzen. In eine andere Versammlung nahm mich mein Vater mit, um John Bright zu hören, der für J. B. Smith als den liberalen Kandidaten für den Stirling-Landtag agitierte. Zu Hause übte ich dann Kritik und meinte, daß Mr. Bright nicht richtig sprechen könne, denn er sage ja » men«, wenn er » maan« meine; er sprach nämlich das a nicht so breit aus, wie wir es in Schottland gewohnt waren. Daß ich in einer solchen Umgebung zu einem eifrigen jungen Republikaner heranwuchs, dessen Motto lautete: »Nieder mit allen Privilegien!« ist kein Wunder. Ich wußte damals noch nicht, was Privilegien waren, aber mein Vater wußte es.
