Beschreibung

Zwischen Anbetung und Ausbeutung: Das sind die beiden Pole, zwischen denen das Verhältnis von Mensch und Natur seit jeher geschwankt hat. Denn schon seit frühester Zeit haben wir unsere Umwelt beeinflusst, geformt und verändert. Von den frühen Gesellschaften als Jäger und Sammler über den ersten Ackerbau bis hin zur Industrialisierung, zu Atomkraftwerken und zur Abholzung des Regenwaldes hat der Mensch in den natürlichen Kreislauf eingegriffen. Aber natürlich hat auch die Umwelt Einfluss auf unsere Entwicklung, unser Verhalten und unsere Geschichte gehabt. Die Autoren Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork haben die 3. Auflage ihres ausgezeichneten Werks um sechs Geschichten erweitert. Es bleibt ein einzigartiger Text-Bildband, der exemplarisch von den Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur erzählt. Anschaulich und reich illustriert erläutern sie die Beweggründe des Menschen und zeigen ihre Folgen für Natur und Umwelt. Das Buch ist prämiert als »Wissenschaftsbuch des Jahres 2015« und wurde von der Deutschen Umweltstiftung zum »Umweltbuch des Jahres 2015« gekürt.

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EPUB

Seitenzahl: 569


 

 

 

 

Chidher

Chidher, der ewig junge, sprach:

»Ich fuhr an einer Stadt vorbei,

Ein Mann im Garten Früchte brach;

Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?«

Er sprach und pflückte die Früchte fort:

»Die Stadt steht ewig an diesem Ort

Und wird so stehen ewig fort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren

Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich keine Spur der Stadt;

Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,

Die Herde weidete Laub und Blatt;

Ich fragte: »Wie lang‘ ist die Stadt vorbei?«

Er sprach und blies auf dem Rohre fort:

»Das eine wächst, wenn das andre dorrt;

Das ist mein ewiger Weideort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren

Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,

Ein Schiffer warf die Netze frei;

Und als er ruhte vom schweren Zug,

Fragt‘ ich, seit wann das Meer hier sei?

Er sprach und lachte meinem Wort:

»So lang‘ als schäumen die Wellen dort,

Fischt man und fischt man in diesem Port.«

Und aber nach fünfhundert Jahren

Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich einen waldigen Raum

und einen Mann in der Siedelei,

Er fällte mit der Axt den Baum;

Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?

Er sprach: »Der Wald ist ein ewiger Hort;

Schon ewig wohn‘ ich an diesem Ort,

Und ewig wachsen die Bäum‘ hier fort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren

Kam ich desselbigen Wegs gefahren.

Da fand ich eine Stadt, und laut

Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.

Ich fragte: »Seit wann ist die Stadt erbaut?

Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?«

Sie schrien und hörten nicht mein Wort:

»So ging es ewig an diesem Ort

Und wird so gehen ewig fort.«

Und aber nach fünfhundert Jahren

Will ich desselbigen Weges fahren.

Friedrich Rückert

VERENA WINIWARTER / HANS-RUDOLF BORK

GESCHICHTE UNSERER UMWELT

66 Reisen durch die Zeit

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Jubiläumsausgabe 2019

wbgTheiss ist ein Imprint der wbg.

3., erweiterte und aktualisierte Auflage 2019© 2019 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), DarmstadtDie Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.Lektorat: Christiane Martin, KölnLayout und Satz: Katrin Kleinschrot und Karin Hauptmann, StuttgartEinbandabbildung und -gestaltung: Peter Lohse, Heppenheim

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-8062-3921-8

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:eBook (PDF): 978-3-8062-3960-7eBook (epub): 978-3-8062-3961-4

INHALTSVERZEICHNIS

1 /EIN ZEITREISEFÜHRER

2 /SECHSUNDSECHZIG REISEN DURCH DIE ZEIT

2.1 Leben mit der Dynamik der Natur

»Heut bin ich über Rungholt gefahren«

Sturmfluten und Küstenschutz an der Nordsee

Das Magdalenenhochwasser

Mitteleuropa vom 19. bis 25. Juli 1342

Umweltwandel durch den Schwarzen Tod

Die Pestpandemie in Mitteleuropa 1347 bis 1351 und ihre Folgen

Tod und Verderben in Europa

Vulkanausbrüche auf Island 1783/1784

Die Herrscher im Sahel und die Dürre

Gesellschaftlicher Umgang mit Klima und Wetter

2.2 Mensch und Natur in Agrargesellschaften

Aus Gärten und Bergen: Salz

Überlebenswichtig für Ackerbaugesellschaften

3500 Jahre nachhaltige Bodennutzung

Der Norden Chinas

Umweltschonende Landnutzung

Spanien seit dem Neolithikum

Terra Preta do Índio im Amazonastiefland

Eine präkolumbianische Erfolgsgeschichte

Die Teichwirtschaft in Europa

Von der Römischen Republik bis in das Spätmittelalter

Die Wässerwiesen von Grönland

Landwirtschaft in Eis und Schnee?

1000 Jahre Kampf gegen nasse Füße

Die Umweltgeschichte der Niederlande

Steine gegen den Kollaps

Die verborgenen Gärten der Osterinsel

Schaden durch Schutz

Der Kampf der Venezianer um ihre Wälder

In den Nachttopf geblickt

Wasser und Fäkalien in japanischen Städten

Zweierlei Schwein vereint

Die globale Zuchtgeschichte des Hausschweins

2.3 Transport, Handel und Umwelt

Baumwolle erobert die Welt

Die Faser der Industriellen Revolution

Viehhandel und Viehseuchen

Risikomanagement im frühneuzeitlichen Europa

Vögel, Fische und Experten

Die Geschichte der Guanoproduktion in Peru

Galápagos: Tourismus und invasive Arten

Empfindliche Ökosysteme im Zeitalter der Globalisierung

Schutz und Vertreibung im Nationalpark

Mit der Eisenbahn in die Wildnis von Banff, Kanada

Importe nach Australien mit Nebenwirkung

Invasive Spezies von Kaninchen bis Kröte

Transformation des Victoriasees

In kolonialer und postkolonialer Zeit

Ballast und blinde Passagiere

Ökologische Folgen des globalen Transports

Vom Flugzeug in kalifornische Seen

Forellen am falschen Ort

2.4 Koloniale Wirtschaft und Umwelt

Fiebrige Süße

Zuckerplantagen und die Ökologie tropischer Krankheiten in der Karibik

Die Mine des Todes

Quecksilber aus den peruanischen Anden

Silbernes Waldsterben in Mexiko

Holzkohle, indigene Völker und die spanische Gier nach Edelmetall

Langfristige Folgen der Ausbeutung

Die Britische Ostindien-Kompanie im nordindischen Doab

Wie eine Insel auf den Hund kam

Die britische Strafkolonie auf Van-Diemens-Land

Unterseekabel und Tropenwald

Die Geschichte der Guttapercha

Monokultur und Massengeschmack

Die Panamakrankheit der Banane

Reis im Südosten Nordamerikas

Technologietransfer und Landschaftsveränderung

Naturwald oder Savanne?

Zur Rechtfertigung kolonialer Politik in Afrika

Kakaoanbau auf São Tomé und Príncipe

Abhängigkeit bis in die Unabhängigkeit

2.5 Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise

Der wahre Preis der Metalle

Swansea und der Kupferrauch

Vergiftet im Namen des Fortschritts

Die Minamata-Krankheit

Die Gefahr lauert im Dunkeln

Nachtluft und Malaria

Der Kampf gegen den Kohlerauch

Luftverschmutzung in Großbritannien und den USA von 1860 bis 1914

Heilbutt im Atlantik

Die kurze Geschichte einer Ausrottung

Von der Anbetung zur Ausbeutung

Die Ölquellen von Baku

Der brennende Fluss von Cleveland

Was macht Umweltverschmutzung sichtbar?

Wessen Versagen?

Ölunfälle zwischen menschlicher Schwäche und lobbygesteuerten Regierungen

Die Baustelle als Habitat

Malaria am Panamakanal

Stalins »Großbauten des Kommunismus«

Diktatorische Hybris im Umgang mit Natur

Megatalsperren

Vermeintliche Siege des Menschen über die Natur

Das ökologische Erbe der Menschheit

Wendepunkte der Bodenbearbeitung

Die Plagen agroindustrieller Lebensweisen

Von »Schädlingen« und »Unkräutern«

»Zurück zur Natur!«

Lebensreform und Zivilisationskritik als Reaktionen auf die industrielle Transformation

Wertstoffe am falschen Ort

Eine Geschichte von Sparsamkeit und Verschwendung

Beherrschbare Kernkraft?

Three Mile Island Tschernobyl Fukushima Daiichi

»Land unter« im Ruhrgebiet

Die Ewigkeitskosten der Steinkohle

Willkommen in Plutopia

Richland, Osjorsk und das heiße Erbe des Kalten Kriegs

2.6 Natur und Politik

Warum schützen wir Natur?

Wurzeln und Entwicklung des Naturschutzes in Deutschland

Bau einen Zaun, so wird Natur daraus!

Das Lhalu-Feuchtgebiet in Tibet

Von bösen zu guten Eichen

Wissenschaft und Weideland in Kalifornien

Diplomatische Verwicklungen unter Wasser

Der Kampf um den Gelben Quakfisch

»Kein Strom oder Fluß, also auch nicht der Rhein, hat mehr als ein Flußbett nötig«

Johann Gottfried Tulla und die Bändigung des wilden Rheins

Kampf auf dem Wasser gegen Eis und Wind

Die Donau als Kriegsschauplatz im 18. Jahrhundert

Dünger im Frieden Grundstoff des Kriegs

Die Geschichte der Salpeternutzung

Vom »Ewigen Wald« zum Konzentrationslager

Nationalsozialismus und Natur

Der »Große Sprung« in den Hunger

In der Volksrepublik China

Agent Orange und der Vietnamkrieg

Die Natur als Gegner

Earth Day

Umweltschutz als Reaktion auf den amerikanischen Imperialismus

Umwelt als Frauensache?

Was wir engagierten Frauen verdanken

Geheimsache A-9

Uran aus Sachsen für die erste Atombombe der UdSSR

3 /AUF DEM WEG ZUR VORSORGENDEN GESELLSCHAFT?

Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsnachweise

Danksagung

Kurzglossar

Register

1 / EIN ZEITREISEFÜHRER

Liebe Leserin, lieber Leser!

Danke, dass Sie in dieses Buch hineinblicken. Seit seiner ersten Auflage sind 5 Jahre vergangen. Zu den 60 in sich abgeschlossenen Geschichten haben wir 6 weitere erarbeitet. Wir laden Sie zu Zeitreisen um die ganze Welt ein. Jede Doppelseite ist für sich allein lesbar, die Reihenfolge bleibt Ihnen überlassen. Interessieren Sie sich gleich zu Beginn für den wissenschaftlichen Hintergrund der Auswahl und die »Moral der Geschichte«? Dann sind diese Einleitung und der Schluss die geeignete Lektüre. Wir haben beide gründlich überarbeitet, denn in 5 Jahren Forschung ist vieles passiert. Aber vielleicht wollen Sie zunächst einmal einige unserer überraschenden Zeitreisen lesen? Wir wünschen Ihnen jedenfalls anregende Stunden!

Herzlich, Ihre Verena Winiwarter & Hans-Rudolf Bork

WENN JEMAND EINE REISE TUT, SO KANN ER WAS VERZÄHLEN.1

»Das Reisen bildet sehr, es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung«, schrieb Immanuel Kant in seiner Physischen Geographie. Der österreichische Schriftsteller Franz Grillparzer sah in einer Reise »ein vortreffliches Heilmittel für verworrene Zustände« (GRILLPARZER, [1853] 2012: 101). Wenn schon das Reisen allein solche positiven Effekte hat, um wie viel mehr könnten wir von forschenden Zeitreisen profitieren? Dazu bedarf es allerdings einer offenen Haltung. Wer seine Vorurteile auf Reisen mitnimmt, findet sie flugs bestätigt. Reisen allein reicht also nicht, man muss auch das Beobachtete und vor allem sich selbst nachdenklich betrachten. Wissenschaftliche Forschung will zum Nachdenken anregen. Dank der interdisziplinären Wissenschaft Umweltgeschichte sind Zeitreisen in vergangene Umwelten inzwischen virtuell möglich. Illustrierte Forschungsreiseberichte von Tibet bis zur Osterinsel, von Grönland bis in den Sahel, von der Jungsteinzeit bis (fast) zur Gegenwart bilden den Kern dieses Buches. Wir verstehen diese Reisen als Zeitreisen nach Utopia – in eine ferne gewünschte Zukunft. Wohin die Reise geht, zeigt die Weltkarte im Vorsatz des Buches, auf der Symbole den Weg zu den sechs großen Forschungsreisethemen weisen.

Diese Forschungsreisen bieten Material zur Beantwortung großer Fragen. Wie ist es dazu gekommen, dass zu Beginn des 21. Jh. über 7 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, von denen der überwiegende Teil in Armut lebt? Wie ist es dazu gekommen, dass wir die Vielfalt des Lebens mit einer eigenen Biodiversitätskonvention der Vereinten Nationen schützen müssen – vor uns selbst? Waren menschliche Gesellschaften früher anders? Gab es je die vielbeschworene Harmonie mit der Natur, das »Paradies auf Erden«? Die Hoffnung auf ein dauerhaft harmonisches Miteinander von Natur und Menschen fängt das moderne Schlagwort der »nachhaltigen Entwicklung« ein. Umwelthistorikerinnen und -historiker werden gefragt, ob es jemals eine Zeit gegeben hat, in der die Menschen vorsorgend handelten und nachhaltig wirtschafteten. Am Ende der Reise wird sich zeigen, dass der Blick in die Vergangenheit oft unerwartete Antworten auf diese Fragen ermöglicht.

»Das Reisen bildet sehr, es entwöhnt von allen Vorurteilen des Volkes, des Glaubens, der Familie, der Erziehung. Es gibt den humanen, duldsamen Sinn, den allgemeinen Charakter. Wer dagegen nichts sah, was ihn in der Sphäre, worin er lebt, umgibt, hält leicht alles für notwendig und einzig in der Welt, weil es in seiner Heimat dafür gilt.« (Immanuel Kants Physische Geographie (1778–1793). Hrsg. von D. Friedrich Theodor Rink. Königsberg, 1802, Bd. 1: 3)

NACHHALTIGE ENTWICKLUNG ALS QUADRATUR DES KREISES?

Alle wollen nachhaltig sein. Der Weg dorthin ist aber alles andere als klar. Komplexe Modelle und nicht zuletzt Bildung und Bewusstseinsentwicklung sollen der Verwirklichung von Nachhaltigkeitsstrategien dienen. Doch die Vielzahl der Angebote und Möglichkeiten erzeugt Verwirrung. Der Brundtland-Bericht aus dem Jahr 1987 macht deutlich, dass wir für das Wohlergehen künftiger Generationen Verantwortung tragen. Eine »dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können« (WELTKOMMISSION, 1987: 51) – so definieren die Autorinnen und Autoren das Ziel, dem sich die Menschheit verschreiben sollte. Im Fokus stehen internationale und intergenerationale Gerechtigkeit sowie die gleichberechtigte Mitwirkung aller Akteure, die Partizipation.

Poetischer ausgedrückt findet sich derselbe Gedanke in einem Leitspruch der Umweltbewegung der 1970er-Jahre: »Wir haben die Erde von unseren Kindern nur geliehen.« Wertet der amerikanische Umwelthistoriker Donald Worster das Reden von nachhaltiger Entwicklung zu Recht als Ausflucht? Wir würden alle gemeinsam, so Worster, auf gleicher Höhe um einen Berg gehen, weil das wenig anstrengend sei, und einander dabei gegenseitig versichern, dass wir auf dem richtigen Weg zum Gipfel seien (WORSTER, 1995). Oft ist »Nachhaltigkeit« zum Schlagwort verkommen. Doch ist die Idee grundsätzlich zu wichtig und richtig, um sie deswegen ad acta zu legen.

Die »regulative Idee« der Nachhaltigkeit umfasst die Einsicht, dass ökonomische, kulturelle und soziale Zieldimensionen auf einem biophysischen, ökologischen Fundament ruhen. Volker Stahlmann hat eine einprägsame Darstellung des Zusammenhangs gefunden (Abbildung unten) STAHLMANN, 2008). In einer geplünderten, verschmutzten und degradierten Umwelt ist positive sozialverträgliche wirtschaftliche Entwicklung unmöglich. Eine von massiver Ungleichheit geprägte Gesellschaft ist gegenüber Umweltveränderungen sehr empfindlich und neigt dazu, natürliche Ressourcen ohne Rücksicht auf eine nachhaltige Zukunft zu nutzen. Reichtum und Macht, aber auch Zugang zu Natur und die Belastung durch Umweltschäden sind ungleich verteilt und werden, ob aus Mangel oder Überfluss, nicht nachhaltig genutzt (vgl. Kap. 2.6. Natur und Politik, S. 132). Das herrschende ökonomische System beruht auf Steigerung der Wohlfahrt und ist auf Wachstum ausgerichtet; die Erde aber wächst nicht. Können wir mit der Wahl unseres Lebensstils Einfluss auf die Möglichkeit einer nachhaltigen Entwicklung nehmen? Kann die Schaffung neuer gesellschaftlicher Organisationsformen entscheidend dazu beitragen, das Ziel der Nachhaltigkeit zu erreichen? Anregungen, wenn auch vielleicht nicht Antworten zu diesen Fragen lassen sich durch den Vergleich mit der Vergangenheit gewinnen.

Die Erde ist niemals ruhig, sie wirbelt mit unvorstellbarer Geschwindigkeit durchs Weltall. Riesige Gesteinsplatten sind in steter Bewegung. Beständig entstehen neue Arten, andere verschwinden. Flüsse verlagern ihr Bett, Böden entwickeln sich in nacktem Gestein. Eisen rostet, Kupfer überzieht sich mit Patina, Pflanzen nehmen Nährstoffe aus dem Boden auf und werden später von Mikroorganismen zersetzt. Nichts hat Bestand, alles bewegt sich in kürzeren oder längeren Zyklen. Die Menschen tragen das ihre zu dieser Dynamik bei (vgl. Kapitel 2.1. Leben mit der Dynamik der Natur, S. 14). Die Strategie »Europa 2020« der Europäischen Union nennt den Wandel von Klima und Lebenswelten unter dem Einfluss von Menschen gemeinsam mit der Sicherung von Energie und Ernährung unter den großen Herausforderungen, auf die die Politik der EU Antworten finden soll. Das Ziel ist eine gerechtere Welt, in der es dauerhaft gute Lebensqualität für alle gibt. Um eine solche Welt zu erreichen, müssen Ungleichheiten minimiert und der demographische Wandel gestaltet werden. Wie kann eine lebenswerte Welt für alle geschaffen werden? Aus früheren Phasen nachhaltiger Entwicklung, aber auch aus den Fehlern der Vergangenheit lässt sich hierzu einiges lernen. Da wir Langzeitexperimente nicht abwarten können, müssen wir die Geschichte als solche verwenden.

Soziales, Umwelt und Wirtschaft sind miteinander verbunden. Das Fundament einer Nachhaltigen Entwicklung im ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereich ist die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen (nach STAHLMANN, 2008:61).

LEBEN IM UNGEWISSEN

Die sich wandelnde Erde und die Menschen, die sie zu gestalten versuchen, sind ein komplexes, grundsätzlich nicht vollständig zu verstehendes und schon gar nicht berechenbares System. Der österreichische Kybernetiker Heinz von Foerster (1911–2002) hat dies schon früh mit der Metapher der »nichttrivialen Maschine« ausgedrückt. Damit verweist er darauf, dass von ihren inneren Zuständen abhängige Systeme unbestimmbar sind (von FOERSTER, 1993: 153ff.). Menschen und Gesellschaften können nicht nach den Lehren der Mechanik begriffen werden, so verlockend dies sein mag. Daher ist der sicherste Wegweiser in die Zukunft die Lehre aus der Vergangenheit und nicht die modellierte Prognose. Von Foerster formulierte aus der Kenntnis der Komplexität einen ethischen Imperativ: »Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!« Wie aber wissen wir a priori, welche unserer Handlungen die Anzahl der Möglichkeiten vergrößern wird – insbesondere dann, wenn wir akzeptieren, dass das Verhalten von Menschen und Erde nicht vorhersehbar ist? Es wäre schon ein großer Schritt in Richtung dauerhaft akzeptabler Lebensqualität für alle, wenn wir jene Handlungen vermeiden lernen würden, durch die wir die Wahlmöglichkeiten sicher einschränken.

Allerdings gerät das uns vertraute Denken in einfachen Ursache-Wirkungs-Beziehungen schnell an seine Grenzen. Schwellenwerte, bei deren Überschreitung ein System in einen neuen Zustand gerät, der keine lineare Weiterentwicklung des alten ist, überraschen uns. Auch die Einbeziehung von Rückkopplungen in unsere Vorstellungen von Natur und Menschen fällt oft schwer. Die Abholzung großer Waldflächen in Mexiko ab dem 16. Jh. hat zu einer dauerhaften Veränderung des lokalen Klimas geführt. Rückkopplungsprozesse bewirken auf den kahlen Berghängen mit erodierten Böden, dass dort keine Waldvegetation mehr wächst: Bäume beschatten die Erde, verteilen Nährstoffe, bieten Aufenthaltsräume für Tiere, verhindern Erosion, weil ihre Blätter starke Regentropfen abbremsen und im Laub langsam versickern lassen. Werden Bäume flächig gefällt, kann der Boden so heiß und trocken werden, dass neue Bäume keine Wachstumschance haben.

Alle Forschungsreiseberichte enthalten Hinweise auf Nebenwirkungen: Komplexe Systeme verändern sich aufgrund vieler Faktoren, die gleichzeitig wirken und einander gegenseitig beeinflussen. Daher sind Nebenwirkungen der Regelfall. Sie können gravierend sein und erschweren ein Handeln mit dem Ziel vermehrter Wahlmöglichkeiten auch bei aller Einsicht und Zuversicht.

Wenn der Umwelthistoriker Rolf Peter Sieferle und der Chemiker Ulrich Müller-Herold recht haben, dann sind wir allerdings einer »Risikospirale« ausgesetzt, die sich nicht so einfach beseitigen lässt. Jede Intervention in natürliche Systeme hat neben den erwünschten oder zumindest vorhergesehenen Folgen auch unbeabsichtigte Wirkungen, von denen die gesamte Menschheitsgeschichte gekennzeichnet ist (SIEFERLE & MÜLLER-HEROLD, 1996). Wie wirkt sich die Risikospirale aus? Schon früh wurden Vorräte angelegt: ein gutes Mittel gegen das Risiko schwankender Ernteerträge. Mit der Vorratshaltung wandelten sich Mäuse, Ratten und Insekten, denen gelagerte Nahrungsmittel willkommenes Futter sind, zu Vorratsschädlingen – ein neues Risiko war entstanden. In trockenen Gebieten mit fruchtbaren Böden schien Bewässerung Probleme zu lösen. Bereits in den alten Hochkulturen Mesopotamiens wurden Bewässerungssysteme angelegt. Der Nachteil? Flusswasser, das auf Felder geleitet wird, enthält viel mehr gelöste Salze als Regenwasser. Wird der bewässerte Boden nicht regelmäßig gespült, lagert sich in ihm mehr und mehr Salz ab und er wird unfruchtbar. Bis heute sind die Böden Mesopotamiens durch diesen Eingriff vor vielen Jahrtausenden sehr viel unfruchtbarer, als sie einmal waren. Dieser Effekt wurde bereits in den 1950er-Jahren beschrieben (JACOBSEN & ADAMS, 1958). Auch die zur Gewinnung fruchtbaren Ackerlands vorgenommene Trockenlegung niederländischer Moore hatte Nebenwirkungen, mit denen das Land bis heute kämpft. Die Risikospirale verdeutlicht, dass die auf den ersten Blick erfolgreiche Bewältigung eines Risikos häufig neue, unbekannte Risiken birgt.

KONZEPTUELLE WEGWEISER FÜR EINE KOMPLEXE WELT

Jede Gesellschaft, die mit der Komplexität ihrer Welt umgehen und sie ordnen will, muss eine Grenze ihres eigenen Verantwortungsbereichs ziehen. Dafür wird ein Gegenüber definiert, vor dem das Eigene Kontur gewinnt, dieses »Außen« ist die in der Menschheitsgeschichte lange Zeit als unbegreiflich empfundene und mythologisierte, danach zunehmend erforschte Natur. Diese wird, ob durch Mythos oder durch Forschung abgebildet, der für selbst gestaltet gehaltenen Sphäre der Kultur und Gesellschaft gegenübergestellt, wie die britische Anthropologin Mary Douglas (1921–2007) beschrieben hat. Sie sah bei allen Kulturen ein Ordnungsbedürfnis für die Welt, das ein Außen schafft. Dieses Außen hält sie für notwendig, um der kulturellen Konstruktion eine Grenze zu geben. Erst über diese Differenz wird geklärt, was das »Innen«, die Kultur, ausmacht. Es geht darum, wie Douglas sagt, eine grundlegende Ordnung in das Chaos der Wahrnehmungen einzuziehen (DOUGLAS et al., 1985). Wir brauchen also das Konstrukt eines Außen, der Natur, um uns von ihr unterscheiden und damit auf uns konzentrieren zu können.

DIE ZEIT SEIT 1850 – EIN UMWELTHISTORISCHER SONDERFALL

Heute leben wir im Zeitalter der Globalisierung. Niemals vorher konnten Rohstoffe, andere Waren und Menschen in solchem Umfang und über solche Distanzen transportiert werden, wie heute (vgl. Kapitel 2.3 Transport, Handel und Umwelt, S. 52). Nie zuvor waren einige Menschen so einflussreich und mit so vielen Gütern ausgestattet. Niemals zuvor wurden natürliche Systeme so sehr verändert und unter Druck gesetzt. Seit 2009 hat eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe sich mit den Grenzen beschäftigt, innerhalb derer die Menschheit ihr Überleben sichern kann. (Abbildung oben). Drei Grenzen sind mit hoher Sicherheit bereits überschritten: die Folgen von Eingriffen in die biogeochemischen Kreisläufe von Stickstoff und Phosphor und das Artensterben liegen noch deutlicher außerhalb des Toleranzraums als der Klimawandel. Neue Substanzen umfassen auch synthetische Chemikalien wie DDT oder Dioxin sowie künstliche Elemente wie Plutonium, modifizierte Lebensformen genetisch veränderte Organismen. Die graue Farbe zeigt nur an, dass eine Quantifizierung schwierig ist, nicht, dass es sich nicht um große Probleme handelt (STEFFEN et al., 2015).

Frontispiz eines LANDWIRTSCHAFTLICHEN HAUSBUCHES aus dem 18. Jahrhundert Unterhalb der intensiv genutzten Kulturlandschaft ist zu lesen: »Natur mit Kunst genau vereint, bezwingt was sonst unmöglich scheint.«

Das erstmals 2009 publizierte Konzept der »Planetaren Grenzen« prägt inzwischen die internationale Umweltdebatte. Der Status der Kontrollvariablen für wichtige ökosystemare Belastungsgrenzen ist hier für 2015 dargestellt. Die grüne Zone ist der sichere Überlebensraum für die Menschheit, er ist mit einer dicken Linie abgegrenzt. Weiter außen folgen die Zone der Unsicherheit (zunehmendes Risiko), dunkelrot ist die Hochrisikozone. Die Mitte der Abbildung stellt keine Werte von o für die Sektoren dar, weil die Variablen normiert wurden. Die für den Klimawandel angezeigte Regelgröße ist die atmosphärische CO2-Konzentration. Prozesse, für die die Grenzen auf globaler Ebene noch nicht quantifiziert werden können, werden durch graue Sektoren dargestellt; dies sind die Belastung durch atmosphärische Aerosole, neue Substanzen und modifizierte Lebensformen sowie die funktionale und genetische Vielfalt der Biosphäre. Globale Mittelungen sind zwar problematisch, zur Verdeutlichung der Probleme ist ihre Verwendung jedoch unvermeidbar. (STEFFEN et al., 2015).

Erst die unbeherrschte und scheinbar unbegrenzte Nutzung fossiler Energieträger – der schnelle Verbrauch von über Jahrmillionen angesammelter und zersetzter Biomasse – ermöglicht das extreme Ausmaß an Eingriffen in die Systeme der Erde. Entsprechend groß sind die Nebenwirkungen. Schon vorher haben Menschen lokal und regional massiv in die Natur eingegriffen. Viele Geschichten dieses Buches zeigen, dass unsere Umweltprobleme nicht mit der Industriellen Revolution angefangen haben (vgl. Kap. 2.2. Mensch und Natur in Agrargesellschaften, S. 28). Sie werden mit dem absehbaren Ende des fossilen Zeitalters auch nicht plötzlich enden. Die auf fossiler Energie basierende Technologie hat uns kurzfristig beispiellose vorwiegend wirtschaftliche Erfolge ermöglicht. Der erfolgreiche Kampf gegen Krankheiten und die immer besser beherrschte Kunst, Energie zu gewinnen, sind zweifelsohne großartige Leistungen. Doch auch hier gibt es Rückkopplungen und unerwünschte Nebenwirkungen.

Seit den 1970er-Jahren wird versucht, den menschlichen Gesamteinfluss auf die Umwelt messbar zu machen, dafür »Indikatoren« zu entwickeln, um feststellen zu können, ob unsere Schutzmaßnahmen die gewünschte Wirkung haben. Der US-amerikanische Biologe und Umweltpolitiker Barry Commoner (1917–2012) schlug 1972 vor, den menschlichen Einfluss auf die Umwelt als Produkt der Anzahl der Menschen, ihres Reichtums und ihrer Technologie zu messen. Diese »IPAT«-Formel ist viel kritisiert worden, hat aber den Vorteil, die historische Entwicklung sichtbar zu machen. Seit 1900 hat sich unser Einfluss auf die Umwelt mehr als vertausendfacht (siehe Abb. Seite 12).

Können wir von der Technik, die uns dahin gebracht hat, wo wir heute stehen, Lösungen erwarten? Menschen entwickeln und nutzen Technik. Sie haben damit die Möglichkeit und die Verantwortung, über ihren Einsatz zu entscheiden. Der technikkritische Philosoph Günter Anders hat bereits 1956 darauf aufmerksam gemacht, dass Technologie eine immer größere Kluft (»prometheisches Gefälle«) zwischen Menschen und den von ihnen hergestellten Produkten schafft. Die Kluft zwischen den Fähigkeiten des Denkens, Wissens und Herstellens sowie den möglichen Konsequenzen des individuellen und kollektiven Handelns von Menschen wird immer größer. Wir können viel mehr herstellen, als wir nutzen und verantworten können (ANDERS, 1956). Haben Menschen etwas geschaffen, können sie es nicht mehr folgenlos beseitigen – ob es nun Atombomben oder Spurengase in der Atmosphäre sind. Heute ist schon vieles für die Zukunft vorentschieden. Der Blick in die Geschichte lehrt, wie viel (vgl. Kap. 2.5. Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise, S. 96).

Die IPAT-FORMEL: Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt resultiert nach Barry Commoner (1972) aus der Anzahl der Menschen, deren Reichtum und der Technologie.

Fossile Energie treibt Gesellschaften an. Die Verteilung der Lasten und des Nutzens ist jedoch sehr unterschiedlich. Der lächelnde Plantagenarbeiter, der französischen Kindern eine Bananenstaude bringt – als ideale Nahrung, wie der erläuternde Text zu dieser Postkarte betont – steht für die Ausbeutung von Menschen überall dort, wo sie sich nicht wehren (können) und gezwungen sind, sich für den Reichtum Weniger opfern zu lassen (vgl. Kap. 2.4. Koloniale Wirtschaft und Umwelt, S. 70). Und so schließt sich der Kreis zur Nachhaltigkeit: Die sozialen, wirtschaftlichen und Umweltprozesse müssen in eine Balance gebracht werden, wollen wir dauerhaft eine ausreichende Lebensqualität für alle Menschen ermöglichen.

WERBEPOSTKARTE für FRANZÖSISCHE BANANEN des 1932 gegründeten »Comité interprofessionnel bananier pour la défense de la banane des colonies françaises«. Auf der Rückseite ein Rezept für Bananenmilch als Kindernahrung.

EIN FORSCHUNGSREISEFÜHRER

Umweltverschmutzung, Proteste dagegen, die Staubstürme im Amerika der 1930er-Jahre – denen die betroffene Region ihren Namen Dust Bowl (Staubschüssel) verdankt –, die Zerstörung von Urwäldern und das Aussterben von Spezies waren früh Themen der Umweltgeschichte. Wichtige Fragen wurden behandelt: Wie funktionierte die Landwirtschaft vor der Industriellen Revolution? Gab es eine Holznot im 18. oder im 19. Jh.? Sind die Quellen zu Holzknappheit und Waldfrevel Ausdruck einer realen Knappheit oder eines Expertenstreits? Welche Maßnahmen wurden in den verschmutzten und unhygienischen Städten des 19. Jh. gesetzt, um gesündere Lebensbedingungen und eine sauberere Umwelt zu schaffen? Welche Änderungen haben Menschen über die Jahrhunderte an einem Flusssystem wie dem Columbia River in den USA vorgenommen, und wie wurde über die verschiedenen, einander ausschließenden Nutzungen verhandelt? Wie hat sich das Klima in Europa seit dem Mittelalter entwickelt und wie kann Klimarekonstruktion in Kombination natur- und geisteswissenschaftlicher Methoden unternommen werden? (WINIWARTER & KNOLL, 2007)

Umweltgeschichte ist auch eine Geschichte der Macht über Ressourcen und des Konflikts um Nutzungen. Gerade die Geschichte der Kolonien handelt von Ausbeutung und Zerstörung – von Brasilien bis Indonesien, von Peru bis Lesotho, von Massachusetts bis Sibirien (vgl. Kap. 2.4. Koloniale Wirtschaft und Umwelt, S. 73). Die thematische Breite der englischsprachigen Umweltgeschichte und die Menge an Monographien, Sammelbänden und Zeitschriftenbeiträgen sind inzwischen sehr groß. Neuere Themen, die sich gerade erst in Entwicklung befinden, sind die Umweltgeschichte der Kriege, die Umweltgeschichte des Bodens, die Umweltgeschichte der (Natur-)Katastrophen sowie umwelthistorische Untersuchungen zum Mittelalter.

Die Umwelteffekte menschlicher Eingriffe treten manchmal schleichend und manchmal sehr schnell ein. Sie wirken auf alle Umweltsysteme und damit auf alle Lebewesen. Überraschungen sind normal. Wir vermögen ausgestorbene Tiere nicht wieder lebendig zu machen. Können wir verhindern, dass weitere aussterben? Wir vermögen die Natur früherer Zeiten nicht wiederherzustellen. Können wir aber für ihre und damit unsere Zukunft Vorsorge tragen? Dafür müssen wir über frühere Nutzungen und den Zustand vergangener Landschaften Bescheid wissen. Umweltgeschichte ist die Wissenschaft von den Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt in der Vergangenheit für die Zukunft. Wir wünschen eine gute (Forschungs-)Reise!

Natur, Kultur und Umwelt

Wir verwenden in diesem Buch »Natur« oder »Umwelt« nahezu synonym, denn auch »Umwelt« verweist auf ein »Außen«, um das wir uns bemühen und sorgen. Während der Begriff Natur in Europa seit der Antike verwendet wird, ist die Begriffsgeschichte des Wortes Umwelt weit kürzer. In der deutschen Sprache wurde es 1800 erstmals als Begriff genutzt (WINIWARTER, 1994). Für das Verhältnis der beiden Wörter haben die deutschen Historiker Wolfram Siemann und Nils Freytag die folgende Konstellation vorgeschlagen: Der Mensch sei auf Natur angewiesen, diese wiederum werde durch Existenz und Einwirkungen des Menschen zur Umwelt, die ihn umgibt, aber auch formt (SIEMANN & FREYTAG, 2003: 12f.).

Wie hängt Kultur mit Natur zusammen? Natur wird zweifelsohne durch Menschen als das Gegenstück zur Kultur konstruiert und durch das Ziehen der Grenze zum Anderen, dem Außen, konstituiert. Das Außen gilt als ungekocht, roh, ungezähmt, wild, nicht kultiviert, wenngleich vielleicht kultivierbar. Erst diese Abgrenzungsarbeit erlaubt die Konstitution eines »Innen«, der Heimat, der Kultur. Ohne die Natur als das Außen, für die angelsächsische Welt insbesondere »die Wildnis«, ist Kultur nicht denkbar. Das Außen ist demnach bedeutungsvolle und notwendige Voraussetzung für ein Innen (HAZELRIGG, 1995). Jenseits der Konstruktion tritt uns die fundamentale Natur etwa als Vulkanausbruch oder Wirbelsturm doch ebenso als innere Natur unserer Eingeweide oder als neurobiologisches Substrat unserer Kognition entgegen.

Ob wir »böse« oder »gute« Natur sehen, hängt unmittelbar mit Machtverhältnissen in einer Gesellschaft zusammen (STEINBERG, 2002: 25 ff). Eine historisch besonders wirkmächtige Form dieser Zuschreibung ist die Naturalisierung von fremden Gesellschaften als »edle Wilde« oder aber »unzivilisierte Barbaren«. Für beide Zuschreibungen ist die angenommene Naturnähe der Fremden (früher daher der Begriff »Naturvölker«) konstitutiv, deren Bewertung aber diametral verschieden.

Die Frage, was Natur ist und sein sollte, wurde erst in der Industriegesellschaft explizit zum Thema politischer Auseinandersetzungen (BÖHME, 1996: 86). Die Zuschreibung zu »Natur« oder »Kultur« ist allerdings seit langer Zeit eine politische Frage, mit der Machtansprüche verbunden sind (STAUBER, 1995: 103–123). Der US-amerikanische Geograph Clarence Glacken (1909–1989) hat in einem ideengeschichtlichen Überblick zur europäischen Literatur gezeigt, dass es bis zum Ende des 18. Jh. drei dominante Naturkonzepte gab. Das erste geht davon aus, dass der Planet für die Menschen gemacht ist; eine klare Hierarchie ist die Folge. Das zweite Konzept korreliert Umweltfaktoren mit individuellen und kollektiven Eigenschaften von Menschen, es wird auch als »Umweltdeterminismus« oder »Naturdeterminismus« bezeichnet. Das dritte fokussiert auf die Rolle des Menschen als aktivem Beeinflusser der Natur, als Kultivator von Natur. Die Rolle des Menschen als Zerstörer von Natur wird – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erst seit dem 19. Jh. thematisiert (COLLINGWOOD, 2005; GLACKEN, 1967 und 1988: 158–190). Umwelthistorikerinnen und -historiker entwickelten ein Interaktionsmodell, in dem die Konstruktion »Natur« als selbstorganisiertes System konzeptualisiert wird, das mit dem ebenso selbstorganisierten System der Kultur in Wechselwirkungen steht (SIEFERLE, 1997, FISCHER-KOWALSKI & WEISZ, 1999). Ein solches System reproduziert sich in ständigen, nicht zielgerichteten Prozessen immer wieder selbst. Das »Tun« und »Sein« eines solchen Systems ist nicht voneinander zu unterscheiden; das Produkt des funktionalen Zusammenwirkens seiner Bestandteile ist genau jene Organisation, die die Bestandteile produziert.

Die Systeme Natur und Kultur entwickeln sich beide unabhängig voneinander und evolutionär, das heißt ungerichtet aufgrund von unabhängigen Mechanismen der Variation und der Selektion. Festzustellen ist eine Tendenz zu höherer Komplexität, die vor allem durch höheren Differenzierungsgrad (etwa der sinnlichen Wahrnehmung) gekennzeichnet ist. Ist ein solches, der Unabhängigkeit der beiden Systeme Rechnung tragendes Modell entwickelt, können Wechselwirkungen (Interaktionen) benannt und erforscht werden.

ÜBERSCHWEMMUNG DER SEINE am 30. Januar 1910 in Neuilly, Frankreich. (Postkarte)

STURMFLUTMARKEN im Hafen von Tönning unten rechts Vor und nach dem BERGRUTSCH vom 22.4.1935 bei Oberaudorf, Bayern. (Postkarte)

UNWETTERKATASTROPHE am 8. Juli 1927 in Berggießhübel, Sachsen. (Postkarte)

 

 

 

 1 Matthias Claudius (1998): aus dem Gedicht »Urians Reise um die Welt« [1786] In: Der Mond ist aufgegangen. Gedichte Frankfurt am Main und Leipzig (Insel) 161ff.

2 / SECHSUNDSECHZIG REISEN DURCH DIE ZEIT

2.1Leben mit der Dynamik der Natur

Der britische Wirtschaftswissenschaftler Thomas Robert Malthus (1766–1834) veröffentlichte 1798 seine nationalökonomische Bevölkerungstheorie. Er ging davon aus, dass mit steigender Ressourcenverfügbarkeit die Bevölkerungsdichte exponentiell zunehmen würde. Da Ressourcen dagegen selbst bei intensiver Bewirtschaftung nur linear und nicht exponentiell anwachsen, würden sie bei mehr Essern wieder knapp; die Bevölkerung würde verarmen und durch Krieg, Hunger und Seuchen reguliert, wenn dies nicht durch vorbeugende Einschränkung des Bevölkerungswachstums durch Verhütung (damals im Wesentlichen Enthaltsamkeit) verhindert würde. Entweder käme es zur Erhöhung der Sterberate oder man müsse dieser Entwicklung durch Senkung der Geburtenrate vorbeugen, so Malthus. Er zog daraus den fatalen Schluss, dass die Unterstützung von Armen unterbleiben sollte, um ihre Vermehrung zu vermindern. Malthusianisches Denken ist bis heute verbreitet.

Die dänische Agrarökonomin Ester Boserup widersprach allerdings in den 1960er-Jahren der malthusianischen Theorie. Bevölkerungswachstum führt nach ihren Untersuchungen in Entwicklungsländern zur Intensivierung des Anbaus. Ungenutztes Land wird kultiviert, Brache durch permanenten Ackerbau ersetzt, verstärkte Düngung und Bewässerung bewirken höhere Flächenerträge. Damit wird eine wachsende Bevölkerung ernährbar.

Malthus sah Katastrophen als Folge von Überbevölkerung an. So lassen sich die Hungersnöte, die 1783 bis 1785 in Europa wüteten, nachdem der isländische Laki-Vulkan ausgebrochen und seine Asche- und Gasemissionen zu einem extrem kalten Winter und zu einem feuchten und kühlen Sommer 1784 geführt hatten, aber nicht erklären. Auch das verheerende Hochwasser von 1342, bei dem innerhalb einer Woche das Relief und die Böden Mitteleuropas dauerhaft verändert wurden, hat seine Ursachen nicht allein in den Handlungen von Menschen, sondern auch in der Dynamik der Natur.

Mit dieser Dynamik zu leben und sie aktiv zu nutzen, war notwendige Voraussetzung für das Überleben. Menschen sind Teil der Natur und von Ökosystemen1, die sie durch Eingriffe oft in einer (nicht erwarteten) Weise verändern, die ihnen mehr Schaden als Nutzen bringt. Natürliche Systeme verändern sich ständig. Ein längerfristiger, langsamer Wandel wie der nacheiszeitliche Meeresspiegelanstieg mit den resultierenden Küstenveränderungen ist schwer wahrzunehmen; Reaktionen setzen daher oft erst verzögert ein. Die kleinen Lebewesen, mit denen wir in den Ökosystemen leben, sind hingegen oft schneller als Menschen – jedes Jahr entstehen neue Infektionskrankheiten, gegen die neue Impfstoffe entwickelt werden müssen. Der Spanischen Grippe erlagen von 1918 bis 1920 mindestens 25 Millionen der vom Krieg geschwächten und teils mangelhaft ernährten Menschen. Wie viele Opfer Infektionskrankheiten insgesamt forderten, ist kaum festzustellen. Die Pestpandemie in der Mitte des 14. Jh., die als »Schwarzer Tod« bezeichnet wird, wütete insbesondere unter der städtischen Bevölkerung. Und doch: Am Verlauf von Grippe- und Pestepidemien waren die Menschen beteiligt: Durch Handel und Transport verbreiteten sie die Erreger. Auch die Wirkungen von Hochwassern und Dürren hängen davon ab, wie Gesellschaften organisiert sind und wie sehr die herrschenden Eliten die Dynamik der Natur in ihre Pläne einbeziehen.

»ELB-KLONDYKE«. Tiefster Wasserstand der Elbe seit 1800, 227 cm unter Null. Goldsucher am Kronenpfeiler im Flussbett der Elbe, Juli 1904 Dresden (Sachsen). (Postkarte)

HOCHWASSER am 9. Februar 1909 in Nürnberg, Bayern. (Postkarte, gelaufen am 22.4.1910)

Stich der ÜBERSCHWEMMUNG am 12. März 1879 in Szeged, Ungarn. (Postkarte)

Der STURM vor der Küste von GREAT YARMOUTH (Vereinigtes Königreich) trieb 1902 Wassermassen gegen den Ort – so wie auch im Jahr 2013. (Postkarte, gelaufen 1903)

Schäden des großen KANTŌ-ERDBEBENS vom 1.9.1923 in YOKOSUKA, Japan. (Postkarte)

 

»HEUT BIN ICH ÜBER RUNGHOLT GEFAHREN«

Sturmfluten und Küstenschutz an der Nordsee

Das Leben an der Küste hat gewichtige Vorteile: Zugang zu den Ressourcen des Meeres, die Möglichkeiten des Handels sowie fruchtbares Marschland für Ackerbau und Viehhaltung. Daher wurden an der niederländischen und der deutschen Nordseeküste auch sturmflutgefährdete Gebiete erschlossen und besiedelt. Dazu war ein hoher technischer Aufwand nötig. Die ersten Deiche dienten zunächst dem Schutz vor dem mittleren Tidenhochwasser. Hohen Wintersturmtiden vermochten sie aufgrund ihrer steilen Außenböschungen und unzureichenden Höhe noch nicht standzuhalten. Sturmfluten richteten daher immer wieder Schäden an. Am 29. September 1014 waren zahlreiche Todesopfer an der flandrisch-holländischen Küste zu beklagen und am 2. Oktober 1134 verschlang das Meer ganze Dörfer an den Küsten der Grafschaften Brabant und Walcheren. Die Menschen wichen der Gefahr nicht. Sie begannen, sich durch bessere Bauten zu schützen.

»In jenen Tagen, als Konrad eben zur höchsten Stufe des Priestertums befördert war und sich noch beim Erzbischof in der Harburg aufhielt, die am Ufer der Elbe liegt, brach im Monat Februar, und zwar am 17. [Februar 1164], ein großes Unwetter mit heftigen Stürmen, grellen Blitzen und krachendem Donner los, das weit und breit viele Häuser in Brand setzte oder zerstörte; überdies entstand eine Meeresflut so groß, wie sie seit alters unerhört war. Sie überschwemmte das ganze Küstengebiet in Friesland und Hadeln sowie das ganze Marschland an Elbe, Weser und allen Flüssen, die in den Ozean münden; viele Tausend Menschen und eine unzählige Menge Vieh ertranken. Wie viele Reiche, wie viele Mächtige saßen abends noch, schwelgten im Vergnügen und fürchteten kein Unheil, da aber kam plötzlich das Verderben und stürzte sie mitten ins Meer« (HELMOLD VON BOSAU, Slawenchronik, 20087: 339, Zeilen 24–35).

Ab der Mitte des 12. Jh. ließen adelige Grundherren in den Marschen des Rhein-Maas- und des Schelde-Deltas jeweils etwa einen Quadratkilometer umfassende Flächen um die Siedlungen eindeichen. 100 Jahre später waren bereits größere Gebiete der Deltas durch miteinander verbundene Ringdeiche geschützt. In den Poldern wurde Getreide für die Stadtbewohner Flanderns angebaut. Deichverbände organisierten die Instandhaltung der Küstenschutzbauten; aktiver Sturmflutschutz wurde auf kommunaler Ebene betrieben. Danach begann die Anlage küstenparalleler Deiche in Holland und Flandern. Doch auch sie vermochten nicht, die Verwüstungen durch Sturmfluten entscheidend zu mindern: Das Ausmaß der Schäden der Julianenflut übertraf nach Auffassung der Chronisten am 17. Februar 1164 alles Dagewesene. Eine Marcellusflut zerstörte am 16. Januar 1219 Deiche in Friesland und am 1. Januar 1287 brach die Luciaflut weit in das Land am Unterlauf der Ems ein. Die Clemensflut zerstörte am 23. November 1334 Deiche an der englischen Kanalküste, an der Themse, in Flandern, Holland und Friesland. Die einzelnen Sturmfluten trafen jeweils unterschiedliche Küstenabschnitte. Dutzende Sturmfluten bewirkten so große Zerstörungen, dass sie in historischen Berichten Erwähnung finden. Doch zumeist hielten die Deiche und bestätigten, dass dem Meer Siedlungsraum abgewonnen werden konnte. Langfristig erwies sich dies in vielen Gegenden aber dennoch als Irrglaube.

STURMFLUTABLAGERUNGEN am alten Hafen der Hallig Langeneß in Nordfriesland.

Die auch als Grote Mandränke bezeichnete Flut am Marcellustag, dem 16. Januar 1362, zerriss an der deutschen Nordseeküste viele Deiche und drang tief in das Sietland ein. Besonders groß waren die Landverluste in den nordfriesischen Uthlanden. Überreste von Warften, Wegen und Deichen, Brunnen, Ackerstreifen und Torfstichen, die die Flut zerstört oder überdeckt hatte, bezeugen noch heute im Watt, dass fruchtbare Landschaften mitsamt wohlhabender bäuerlicher Familien untergegangen waren. Sagenumwoben ist das Schicksal des Ortes Rungholt in der nordfriesischen Edomsharde.

Warum hat diese Flut derart verheerende Schäden angerichtet? War die natürliche Fluthöhe außergewöhnlich? Oder hatten Menschen die dramatischen Schäden mit zu verantworten? Waren die Deiche zu niedrig und zu instabil gewesen? Durch Entwässerung was das Land abgesunken. Denn wenn Marschland trocken gelegt wird, kommt es zur Torfzehrung. Auch zuvor wasserreiche Sedimente hatten sich dadurch gesetzt. So vermochten die Grote Mandränke 1362 und nachfolgende Sturmfluten in den durch anthropogene Eingriffe tiefer liegenden Tälern Priele einzureißen und die Uthlande zu teilen. Weiter südlich wurde Eiderstedt vorübergehend vom Festland abgeschnitten und die Insel Strand bildete sich. Positiv waren die Veränderungen für einige nunmehr nah an der vorgerückten Küste liegenden Orte – Husum konnte sich als Hafenort etablieren.

Nach dieser Marcellusflut verheerten schadensreiche Sturmfluten vorerst andere Küstenräume. Die Menschen blieben auf dem eingeschlagenen Weg, immer höhere Schutzbauten zu errichten; sie glaubten an die technische Machbarkeit.

»Heute bin ich über Rungholt gefahren

Die Stadt ging unter vor fünfhundert Jahren

Noch schlagen die Wellen da wild und empört

Wie damals, als sie die Marschen zerstört

Die Maschine des Dampfers schütterte, stöhnte

Aus den Wassern rief es unheimlich und höhnte:

Trutz, Blanke Hans.«

Auszug aus dem Gedicht »Trutz, Blanke Hans« des Pellwormer Hardesvogtes Detlef Lilienchron aus dem Jahr 1882 (MEIER, 2005: 110)

Am 11. Oktober 1634 suchte mit der Burchardiflut die zweite große Katastrophe die Reste der Uthlande und der südlich angrenzenden Gebiete heim. Die etwa 220 km2 große Marschinsel Strand zerriss in zwei kleine Teile. Pastor Lobedantz bilanzierte die Schäden der einen Nacht für die Insel Strand: 6123 Tote (etwa drei Viertel der Bevölkerung), 1336 zerstörte Häuser, sechs beschädigte Kirchen, 28 umgefallene Mühlen und etwa 50.000 tote Pferde, Rinder, Schafe und Schweine (MEIER, 2005: 128ff.).

Die großen Mandränken bewirkten 1362 und 1634 zwar die größten Verluste an Menschen und an fruchtbarem Marschland, doch auch die Weihnachtsflut 1717 und die Februarflut 1825 verliefen in einzelnen Küstenabschnitten dramatisch.

Im 19. und im 20. Jh. waren die Deiche an der niederländischen Küste weiter ausgebaut worden. Allerdings waren sie durch deutsche Bombardierungen während des Zweiten Weltkriegs und Beschädigungen durch die Niederländer zur Beeinträchtigung der deutschen Besatzung in einem schlechten Zustand. Sie wurden in den ersten Jahren nach dem Krieg instand gesetzt.

Am 31. Januar 1953 warnte das königliche niederländische meteorologische Institut um 11 Uhr per Fernschreiben nur jene Gemeindeverwaltungen, die den Wetterbericht abonniert hatten, vor einem Sturm mit gefährlichem Hochwasser. In den 18-Uhr-Nachrichten des Rundfunks wurde ein schwerer Sturm angekündigt – allerdings ohne Warnungen. Nachts sendete der Rundfunk nicht; Notfallprogramme mit Informations- und Evakuierungsplänen gab es nicht. In den frühen Morgenstunden wurden Wasserstände von mehr als 4 m über dem niederländischen Nullpegel NAP gemessen. Vor allem an der Südwestküste der Niederlande brachen an mehr als 80 Abschnitten die Deiche und binnen weniger Stunden wurden mehr als 130.000 Hektar Kulturland geflutet. Viele Menschen wurden im Schlaf überrascht, 1835 starben. Tausende Häuser wurden zerstört, Zehntausende beschädigt. In den Folgejahren wurde der Küstenschutz in den Niederlanden erfolgreich reorganisiert und hocheffektiv ausgebaut.

In Deutschland waren nach der Hollandflut zuerst die Deiche an Weser und Ems verbessert worden. Die noch vergleichsweise schlecht geschützte Stadt Hamburg wurde in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962 von einer katastrophalen Sturmflut heimgesucht. Fast ein Sechstel der Stadtfläche wurde geflutet; mehr als 300 Menschen starben. Die Bemessungsgrenzen wurden danach auf 100-jährliche Sturmtiden ausgelegt. So richtete die am 3. Januar 1976 in Hamburg noch höher auflaufende Sturmflut des Orkans Capella kaum Schäden an.

Seit mehr als zwei Jahrtausenden kämpfen Küstenbewohner mit immer ausgefeilteren technischen Verfahren gegen die Wirkungen des »Blanken Hans«. Heute stehen nicht nur Naturschutzinteressen neuen Eindeichungen an der deutschen Nordseeküste entgegen. Die Eindeichungen reduzierten die Speicherräume und bewirkten vor allem in den Flussmündungen höher auflaufende Fluten. (MEIER, 2005; BEHRE, 2008)

Folgen der STURMFLUT vom 6. November 1911 an der nordfriesischen Nordseeküste. (Postkarte)

 

DAS MAGDALENENHOCHWASSER

Mitteleuropa vom 19. bis 25. Juli 1342

Gelegentlich ziehen Tiefdruckgebiete vom zentralen Mittelmeer über die Adria und den Balkan vorbei an den Alpen nach Österreich, Tschechien und Deutschland. Meteorologen bezeichnen diese Tiefdruckstraße nach der Systematik des deutschen Meteorologen Wilhelm Jacob van Bebber (1841–1909) als Vb-Zugbahn und die Wetterlage als Vb-Großwetterlage. In heißen Sommern transportieren solche Mittelmeertiefs manchmal große Wassermassen über die Vb-Zugbahn nach Mitteleuropa; anhaltend starke Niederschläge in einem ungewöhnlich großen Raum sind die Folge. Binnen Stunden werden dann die oberflächennahen Bodenspeicher aufgefüllt, und ein Teil des Regenwassers beginnt über die Oberfläche vegetationsarmer Äcker hang- und talabwärts zu fließen. Auch von versiegelten Flächen strömt dann Wasser in die Oberflächengewässer. Starke, lang anhaltende Hochwasser resultieren daraus. So lösten starke Vb-Niederschläge 1997, 2002 und 2013 unter anderem an Oder, Elbe und Donau sehr starke Überschwemmungen aus. Viele weitere extreme Hochwasser wurden in den vergangenen Jahrhunderten von Tiefdruckgebieten hervorgerufen, die vom Mittelmeer über Österreich und Tschechien nach Deutschland und Polen zogen.

Außergewöhnlich hohe Wasserstände traten an der oberen Donau, an Mittel- und Niederrhein, Weser, Elbe und zahlreichen Nebenflüssen während der Magdalenenflut im Juli 1342 auf. Zeitgenössische Quellen erlauben eine zeitliche Rekonstruktion des Ereignisses: Am 19. Juli erreichten die heftigen Niederschläge Franken und Thüringen. Die Front zog in den folgenden Tagen langsam weiter nach Nordwesten und am 22. Juli über die deutsche Nordseeküste. Von der oberen Donau bis nach Nordfriesland, vom Rhein bis zur Oder »fiel Regen auf die Erde wie im 600. Jahre von Noahs Leben« (Michaelis de Leone Canonici Herbip olensis annotata historica, BORK, 1988).

Der extrem starke Abfluss vermochte im Juli 1342 selbst in kleinen Tälern verheerende Schäden anzurichten. So riss der Reiherbach im Dorf Winnefeld im südniedersächsischen Solling mehrere am Talrand errichtete Gebäude fort. In der Aue finden sich talabwärts im Schotterkörper des Juli 1342 Tausende Keramikbruchstücke und Ziegelfragmente. (BORK & BEYER, 2010) An Main und Lahn, an Werra, Fulda und Weser, an der Elbe und ihren Nebenflüssen sowie an der oberen Donau riss das Magdalenenhochwasser Brücken und Gebäude ein; viele Menschen ertranken. Die Abflussmengen des Juli 1342 übertrafen diejenigen der Oderflut 1997 und der Elbfluten 2002 und 2013 um das Dreißig- bis Hundertfache (BORK, 1988; BORK et al., 1998, 2006).

Diese Ereignisse im Jahr 1342 gelten als »Naturkatastrophe«, doch diese Einschätzung hält einer genauen Unter suchung nicht stand, menschliche Landnutzung hatte entscheidenden Anteil. In mehreren langen hochmittelalterlichen Phasen der Klimagunst und des Bevölkerungswachstums war ein massiver Landesausbau erfolgt: Die Wälder Mitteleuropas waren weitgehend gerodet und in Acker- und Dauergrünland umgewandelt worden. Durch die Art des Pflügens waren viele Wölbäcker entstanden. Während zu Beginn des Frühmittelalters noch fast 90% der Oberfläche Deutschlands von Wäldern bedeckt waren, schrumpfte die Waldfläche bis 1300 auf unter 15%: Nur noch Teile der Alpen, der höheren Lagen der Mittelgebirge, Feuchtstandorte in Auen und nährstoffarme Standorte in Norddeutschland waren waldreich. So trafen die Extremniederschläge im Juli 1342 auf kaum durch Vegetation geschützte Landschaften mit oftmals ausgelaugten Böden.

In den wasserdurchlässigen Böden der norddeutschen Restwälder versickerte der Niederschlag vollständig. Unter Wald waren selbst in den Mittelgebirgen Abflussbildung und Bodenerosion gering. Auf bereits abgeernteten hängigen Äckern und im Sommergetreide vermochte der sich rasch bildende Oberflächenabfluss jedoch große Massen von Bodenpartikeln fortzureißen. Die wertvolle Krume wurde oft flächenhaft abgetragen. Der Abfluss strömte in Dellen zusammen und floss konzentriert in Bahnen hang- und talabwärts. Hier entstanden zunächst kleine Rillen, die sich binnen weniger Stunden verbreiterten und vor allem vertieften. Bis zu mehreren Kilometern lange und bis zu vielen Metern tiefe, verzweigte Schluchtensysteme waren das Resultat. Besonders dramatisch war die Zerschluchtung in hügeligen Lösslandschaften mit Wölbackerbau in Gefällerichtung. Dort strömte der Oberflächenabfluss in die Furchen zwischen die Wölbäcker und von dort talwärts. Der Abfluss in den Furchen fiel am unteren Ende einer Wölbackerflur in die dort soeben im Tal einreißende große Schlucht. Der über die Schluchtwand hinunterstürzende Abfluss riss dann in der Furche zwischen zwei Wölbäckern eine schmale Schlucht furchenaufwärts ein. Die Wölbäcker waren danach nicht mehr bearbeitbar und fielen wüst. Die Schluchten stürzten in den auf den Starkniederschlag folgenden Tagen und Wochen zusammen, die Rutschmassen blieben oft bis heute erhalten. In den folgenden Jahrzehnten brachte der Abfluss schwächerer Starkniederschläge Sediment in die verstürzten Wölbackerschluchten, das sich in den Hohlräumen der Rutschmassen und später auf ihnen ablagerte. Schließlich waren die schmalen Wölbackerschluchten soweit verfüllt, dass wieder gerodet und Ackerbau aufgenommen werden konnte.

Eisen-, Keramik- und Ziegelbruchfunde aus dem SCHOTTERKÖRPER DER FLUT wohl vom 22./23. Juli 1342 in Winnefeld (Niedersachsen).

Von einem Hochwasser am 8. Juli 1927 im Kurort Berggießhübel (Sachsen) angeschwemmte VIEHKADAVER. (Wohlfahrtspostkarte)

Manche Gemarkung verlor durch flächen- und linienhafte Bodenerosion während dieses kurzen Ereignisses einen erheblichen Teil ihres Ackerlandes. In den sandreichen Lockersedimenten Norddeutschlands dauerte es nur wenige Jahrhunderte, bis sich unter Wald neue humose Böden gebildet hatten, die dann ackerbaulich genutzt werden konnten. In den tieferen Lagen der Mittelgebirge wurden jedoch die dort häufig flachgründigen Böden im Juli 1342 manchmal bis zur Obergrenze des Festgesteins abgetragen. Hier wird erst die nächste Kaltzeit mit Permafrost die Standorte mit neuem Lockergestein überziehen, in denen sich dann in der darauffolgenden Warmzeit wieder ackerbaulich nutzbare Böden bilden können – das könnte in etwa 120.000 Jahren der Fall sein.

Ohne Eingriffe der Menschen wären die Landschaften Mitteleuropas mit Ausnahme der höheren Alpen und besonders nasser Standorte fast vollständig bewaldet. Auch stärkste Niederschläge würden dann – abgesehen von Mittel- und Hochgebirgsstandorten mit geringmächtigen Böden – zwischengespeichert und langsam über die Bodenund Grundwasserpfade in die Oberflächengewässer sowie über die Verdunstung in die Atmosphäre geführt werden. Starke Hochwasser sind also außerhalb der alpin beeinflussten Gewässer durch Menschen ermöglicht.

Das Desaster von 1342 erzwang durch den Bodenverlust eine Extensivierung der Landnutzung. Das kann als Selbstregulation des Systems verstanden werden, doch war diese mit großem Leid für viele verbunden. Heute – besonders nach den Oder-, Elb- und Donaufluten von 1997, 2002 und 2013 – versuchen staatliche Institutionen zumindest die Zwischenspeicherung von Abflusswasser durch die Schaffung von neuen Retentionsräumen in den Auen zu ermöglichen und damit die Situation der Unterlieger zu verbessern. In größerem Umfang ist dies nur in kaum besiedelten Auenabschnitten möglich, nur sehr eingeschränkt an Rhein und Donau. Also gilt es, zukünftig die Abflussbildung zu mindern. Von Äckern sollte auch bei stärksten Niederschlägen kein Wasser abfließen – eine vor allem durch Flureinteilung und Fruchtfolgewahl sowie durch weniger die Böden verdichtende Techniken realisierbare Forderung. Niederschlagswasser, das auf versiegelte Flächen trifft, müsste vor Ort vollständig versickern, statt dass es so rasch wie möglich in die Oberflächengewässer geleitet wird. Die Umsetzung dieser Forderung bedingt einen erheblichen finanziellen und technischen Einsatz. Am schwersten umzusetzen ist die einfachste Lösung: die Vermeidung weiterer Versiegelung und der Rückbau versiegelter Flächen. Hier ist ein Umdenken dringend erforderlich, Vb-Großwetterlagen sind ein übliches Wetterphänomen. Es liegt an den Menschen, wie sie sich auswirken.

(BORK et al., 1998, 2006; BORK & BEYER, 2010; BORK, 2013)

Eine FLUTWELLE riss wahrscheinlich am 22./23. JULI 1342 im Dorf Winnefeld im Solling (Niedersachsen) eine Dorfstraße fort. Schnitt durch die östliche Flanke der fortgerissenen Straße mit dem Schotterkörper vom Juli 1342 und darüber jüngeren Ablagerungen.

 

UMWELTWANDEL DURCH DEN SCHWARZEN TOD

Die Pestpandemie in Mitteleuropa 1347 bis 1351 und ihre Folgen

Nach 1351 verdreifachte sich der Waldanteil Mitteleuropas innerhalb von weniger als zwei Jahrhunderten. Um 1300 hatte der Bewaldungsgrad unter 15% gelegen; umfängliche Rodungen hatten zur geringsten Waldbedeckung der letzten 10.000 Jahre geführt. Was führte zur Umkehrung dieser Entwicklung? War die Landwirtschaft so effektiv geworden, dass ausgedehnte Flächen nicht mehr für den Ackerbau benötigt wurden? Hatten sich die Ernährungsgewohnheiten geändert? Nein, die Bevölkerungsdichte war wesentlich zurückgegangen. Am Ende des Jahres 1351 lebten in Mitteleuropa nur noch gut halb so viele Menschen wie 50 Jahre zuvor. Kalte Winter und Frühjahre, Bodenerosion und Überschwemmungen hatten wiederholt zu gravierenden Ernteausfällen und Hungersnöten geführt. Allein im Jahr 1315 soll jeder zehnte Bewohner Mitteleuropas verhungert sein – Zahlen aus dieser Zeit sind immer nur Schätzungen, doch sie zeigen die Dynamik.

Die Ursachen von UNTERERNÄHRUNG und STERBLICHKEIT. Verändert nach WHO, UNICEF 1992.

Mitte des düsteren 14. Jh. kam es bei der durch Hunger geschwächten Bevölkerung zu einem Massensterben. Unmittelbare Ursache war die Pest, der »Schwarze Tod«. Beginnend in den 1330er-Jahren im Osten Chinas erreichte sie über die Seidenstraße und südasiatische Handelsrouten 1347 Damaskus, Athen, Neapel, Sardinien, Korsika, Genua, Marseille und Dubrovnik. Im Jahr darauf hatte sie sich nach dem östlichen Spanien, nach Frankreich, Südengland, Italien und Südosteuropa ausgebreitet. 1349 kam sie in Portugal, Mittelengland und Irland, Westdeutschland, Österreich und Ungarn an, 1350 in Schottland, Ost- und Nordostdeutschland, in Dänemark, West- und Südskandinavien und den Baltischen Staaten sowie 1351 in Nordschweden, Finnland und Russland. Nur küstenferne Teile Polens, Teile von Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Brandenburg sowie Mailand und ein Abschnitt der nördlichen Pyrenäen blieben weitgehend verschont.

Etwa 60 bis 80% der Menschen in den von der Pest betroffenen Regionen infizierten sich, 75 bis 90% der Erkrankten starben. Die Pest suchte hauptsächlich die Bevölkerung der Städte heim. Ihre Ausbreitung begann oft in Häfen. In Europa starb wohl ungefähr ein Drittel der gesamten Bevölkerung, Schätzungen gehen von etwa 25 Millionen Menschen aus. In vielen Gebieten dauerte es mehr als anderthalb Jahrhunderte, bis die Bevölkerungszahlen der Zeit vor 1347 wieder erreicht worden waren. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pestpandemie der Mitte des 14. Jh. waren dramatisch. Schuldige wurden gesucht; Menschen jüdischen Glaubens wurden verdächtigt, die Epidemie gezielt, insbesondere durch die Vergiftung von Brunnenwasser, ausgelöst zu haben. Judenpogrome resultierten.

Doch wodurch wurde die Pest wirklich ausgelöst? Welche Krankheitsbilder und welche Ausbreitungsmechanismen besitzt sie? Das überaus anpassungsfähige Bakterium Yersinia pestis löst die hochansteckende Infektionskrankheit aus, die allgemein als »Pest« (lateinisch: pestis, übersetzt: Seuche) bezeichnet wird. Das Bakterium kommt bei den Wüstenrennmäusen in Asien endemisch vor; sie erkranken üblicherweise nur leicht. Beißen Insekten (vorwiegend Flöhe) diese Nager, können diese das Bakterium danach auf zahlreiche weitere Säugetierarten übertragen – auch auf den Menschen. Die wichtigsten Überträger von Pestepidemien beim Menschen sollen in der Vergangenheit infizierte schwarze Hausratten, braune Wanderratten und untergeordnet auch Hausmäuse gewesen sein. Epidemiologische Studien legen einen Zusammenhang zwischen der Massenvermehrung von Ratten und der Pestepidemie beim Menschen nahe. Wurde das Pestbakterium durch Flohbisse erst einmal auf den Menschen übertragen, so konnte sich die Krankheit durch Tröpfcheninfektion sehr rasch weiter ausbreiten.

Bereits vor der Pest in der Mitte des 14. Jh. hatte es zahlreiche verheerende Seuchenzüge gegeben, die ebenfalls mit der Pest in Verbindung gebracht werden. So trat eine bedeutende Pestepidemie um 541/42 n. Chr. nahezu im gesamten Mediterranraum auf (die Justinianische Pest). Es folgten Pestwellen unter anderem in den Jahren 544/545 in Irland, 590, 593, 680, 749/750 in Italien, 664 bis 666 und 684 bis 687 in England. Auch nach 1351 erreichte die Pest in Europa Dutzende Male epidemische Ausmaße. Frankfurt a. M. war 1356 erneut betroffen sowie norddeutsche, dänische, niederländische und englische Städte durch verschiedene Epidemien von 1358 bis 1362. Im frühen und im späten 15. Jh. führten zwei Pestpandemien zum Tod von etwa der Hälfte der Bevölkerung Islands. Die Große Pest von London forderte 1665/1666 allein in der englischen Hauptstadt etwa 70.000 Todesopfer. Von 1709 bis 1711 starben in Polen, Litauen und Ostpreußen mehr als 200.000 Menschen an der Pest – um nur einige Beispiele zu nennen. Aufgrund katastrophaler hygienischer Zustände gingen von Konstantinopel auch noch in der frühen Neuzeit wiederholt Pestepidemien aus. Nach 1771 gab es keine Pestepidemien mehr in Europa. In einigen Regionen der Erde tritt die Pest bis heute auf, ist aber bei geeigneter Antibiotikagabe beherrschbar.

Die Ursachen der Pest

Seit der Entdeckung des sehr ansteckenden Pestbakteriums Yersinia pestis im Jahre 1898 ging man davon aus, dass es auch für die Pestpandemie Mitte des 14. Jh. verantwortlich war. In jüngster Zeit gab es jedoch Zweifel an der Letalität der von Yersinia pestis hervorgerufenen Erkrankung, am Infektionsweg und an der Bedeutung des Zwischenwirtes Ratte. Für die Mitte des 14. Jh. liegen kaum Berichte über Rattenplagen vor und eine hohe Nagetierdichte scheint eine wichtige Voraussetzung für die Übertragung zu sein. Auch für andere der Pest zugeschriebene Epidemien in der Antike und im Frühmittelalter war kein Kausalzusammenhang zur Massenausbreitung von Ratten eindeutig nachweisbar. Dennoch wurde bereits im Altertum das massenhafte Auftreten von Nagetieren als Vorbote der Pest angesehen. In der biblischen Überlieferung zu den Philistern wird die Opferung von Mäusen zur Abwehr der Pest beschrieben (I Sam. 5,6 ff). Ein Team um die Archäologin und Forensikerin Verena Schünemann und die Anthropologin Kirsten Bos konnte durch Analysen alter DNA kürzlich eine bislang unbekannte und heute nicht mehr existente Variante des Pestbakteriums Yersinia pestis an gut erhaltenen Skelettresten von Pestopfern nachweisen, die 1348 bis 1350 in einem Massengrab auf dem East-Smithfield-Friedhof in London bestattet worden waren (SCHÜNEMANN et al., 2011). Damit ist das Pestbakterium Yersinia pestis erstmals an einem Ort eindeutig als Verursacher der Pest in der Mitte des 14. Jh. nachgewiesen worden.

Können besondere Umweltbedingungen zur Ausbreitung der Pest beigetragen haben? Ein Kausalbezug ist (noch) nicht nachgewiesen. Die spätantiken und frühmittelalterlichen Pestwellen wie die Pestpandemie der Jahre 1347 bis 1351 traten vorwiegend in Zeiträumen mit ungünstiger Witterung, insbesondere in Jahren mit niedrigen Temperaturen und hohen Niederschlägen, mit Überschwemmungen und Missernten auf. Unterernährte Menschen, die in feuchten Häusern lebten, waren immunologisch geschwächt und damit wohl besonders anfällig.

Der umgekehrte Kausalzusammenhang – die Umweltwirkung von Pestpandemien – ist hingegen nachweisbar. So resultierten die eingangs geschilderten drastischen Landschaftsveränderungen zweifellos vor allem aus dem Massensterben durch die Pest der Jahre 1347 bis 1351 in Mitteleuropa. Eine besonders starke Dynamik erfasste aufgrund der Wiederbewaldung ausgedehnter Gebiete die regionalen Energie-, Wasser- und Stoffhaushalte. Die Grundwasserstände fielen und viele Feuchtgebiete trockneten aus. So änderte sich auch das regionale Klima. Der mittlere Abfluss der großen Flüsse reduzierte sich nach Modellrechnungen um bis zu ein Viertel. Die Hochwasser vieler Fließgewässer wurden seltener und weniger stark. Die Waldvegetation schützte die Böden; dort trat fast keine Bodenerosion mehr auf. Mit dem rasch nachlassenden Nutzungsdruck auf die Landschaften Mitteleuropas konnten sich auch die Ernährungsgewohnheiten der überlebenden Menschen ändern. Vor 1347 konnte der größte Teil der Bevölkerung fast nur über Getreideprodukte und Gemüse ernährt werden, mit der Folge zeitweilig starker Mangel- und Unterernährung. Das energetisch aufwendiger zu produzierende, teure Fleisch stand fast nur der Oberschicht zur Verfügung. Mit der Wiederbewaldung wuchsen die Wildtierbestände und gewann die Haltung von Schweinen und Rindern in Wäldern an Bedeutung. Der Fleischkonsum der Menschen nahm zu. Die Pest hatte also nicht nur das Sozialsystem und die Umwelt verändert, sondern sogar die Ernährungsgewohnheiten der Menschen in Mitteluropa. (GRASSL, 1982; BORK et al., 1998; COHN, 2002; WINIWARTER & KNOLL, 2007; HOFFMANN, 2010)

Im Jahr 1679 floh Kaiser Leopold I vor der Pest aus Wien. Zum Dank für die Rettung der Stadt ließ er eine PESTSÄULE erbauen. Das 1693 geweihte Monument steht im Herzen der Innenstadt Wiens.

 

TOD UND VERDERBEN IN EUROPA

Vulkanausbrüche auf Island 1783/1784

Die Skaftáfeuer erleuchteten tags wie nachts den Himmel. Dazu kamen ohrenbetäubendes Donnern und grelle Blitze, Ascheniederschlag und übelriechende Gaswolken, die seit Wochen die Menschen im Süden Islands verängstigten. Zeitweise schossen Dutzende Lavafontänen entlang einer mehr als 20 km langen Spalte wohl bis mehrere Hundert Meter in die Höhe. Lava wälzte sich die Täler hinab, fruchtbare Weiden für Jahrtausende verschlingend. Auf Einzelgehöften in den betroffenen Tälern wohnende, verängstigte Menschen flohen zu Nachbarn und Verwandten. Am fünften Sonntag nach Trinitatis, dem 20. Juli 1783, bewegte sich ein Lavastrom unaufhaltsam auf eine kleine Kirche im südisländischen Kreis Kirkjubæjar zu. Es gab offenbar keinen sicheren Platz mehr für die hier lebenden Menschen, weshalb sich Pastor Jón Steingrímsson mit seiner Gemeinde in der Kirche Kirkjubæjarklaustur versammelte, um nach etlichen Jahren des Wohlstands gottergeben den sicheren Tod zu erwarten. Der Gottesdienst endete und die Laven hatten die Kirche immer noch nicht zerstört. Einige Männer prüften draußen, wie lange es noch dauern werde. Doch der Lavastrom war während des Gottesdienstes keinen Meter näher gekommen, die Lava hatte sich oberhalb Schicht für Schicht aufgetürmt und so die nachfließenden Laven umgelenkt. Die nunmehr fröhliche Gemeinde verließ die Kirche in größter Dankbarkeit (STEINGRÍMSSON, 1788 [1998]: 48ff.).

Blick auf KRATER, der vom 8. Juni 1783 bis zum 7. Februar 1784 durch die AUSBRÜCHE AN DER ISLÄNDISCHEN LAKI-SPALTE entstanden.

Dieses außergewöhnliche Ereignis gab Jón Steingrímsson Anlass, nicht nur die Geschehnisse vom 20. Juli 1783 niederzuschreiben, sondern die am 8. Juni 1783 beginnenden und am 7. Februar 1784 endenden Ausbrüche des isländischen Vulkans Laki mit ihren verheerenden Folgen detailliert zu erläutern (STEINGRÍMSSON, 1788 [1998]: 27f.): Das streng riechende Regenwasser war manchmal gelblich, manchmal bläulich. Die Menschen litten unter Atembeschwerden und verloren gelegentlich fast das Bewusstsein. Die Zugvögel waren geflohen und die zurückgelassenen Eier aufgrund ihres Gestankes und des schwefligen Geschmacks kaum mehr essbar. Desorientierte Pieper, Zaunkönige und Bachstelzen wurden beobachtet und schließlich ganze Scharen tot aufgefunden. Eisen wurde rostrot und der schwefelreiche Niederschlag färbte Holz grau. Das grüne und saftige Gras bleichte aus und verwelkte. Männer versuchten die Asche von den Weiden zu rechen, damit die Rinder das Gras erreichen und fressen konnten. Einige Bauern mähten und wuschen das Gras, um es dann an die Rinder zu verfüttern. Aber alles war vergebens, wenn nicht altes Heu eingemischt wurde. Der Milchertrag sank. Die Säuren des Niederschlags ätzten Brandflecken in das Fell der Schafe. Niemand hatte vorhergesehen, dass es am besten gewesen wäre, die Schafe zu schlachten, als sie noch viel Fleisch auf den Knochen hatten.

Über eineinhalb Jahre hatte diese zu den größten Vulkanausbrüchen der jüngeren Erdgeschichte gehörende Eruption auf Island angedauert. Die Lava bedeckte im Februar 1784 schließlich eine Fläche von 565 km2. 14,7 km3 Laven und Tephra waren eruptiert. Mehr als 100 Millionen Tonnen Schwefeldioxid, 15 Millionen Tonnen Fluorwasserstoff und 7 Millionen Tonnen Chlorwasserstoff wurden freigesetzt. Etwa 10.000 Menschen, ein Viertel der Bevölkerung Islands, kamen zu Tode. 187.000 Schafe (79% des Bestandes) und 27.000 Pferde (76% des Bestandes) verendeten.

Die Auswirkungen waren auch in Europa spürbar; im Juni 1783 häuften sich Erwähnungen der in zeitgenössischen Quellen als »Herrauch«, »Höhenrauch« oder »Höhennebel« bezeichneten Aerosolwolke der Laki-Eruptionen. Im Schönberger Kirchenbuch ist zu lesen: »Anno 1783 war in den Monaten Juni, Juli und August in dem ganzen Deutschland, ja fast in ganz Europa, ein sonderbarer trockener Nebel, von den Gelehrten ein Herrauch genannt. Bei dem heitersten Wetter konnte man die Sonne von morgens 7 bis abends 7 Uhr nicht sehen; wenn sie durch den Nebel hervorbrach, war sie blutrot. Die Blätter aus vielen Bäumen versengten, und wenn die Bäume wieder Laub getrieben hatten, geschah das bei nicht wenigen zum andern, ja wohl zum 3. Male, so daß sie abstarben. Einige wollten das der Kälte in einigen Nächten zuschreiben« (CLASEN, 1898: 122).

Menschen in ganz Europa klagten im Sommer 1783 über Kopfschmerzen und Atembeschwerden. Die schwefelreichen Gase und die indirekt ebenfalls auf die Vulkanausbrüche in Island zurückzuführende extreme Witterung erhöhten die Mortalität in einigen Regionen Europas offenbar deutlich. So waren im August und im September 1783 sowie im Januar und Februar 1784 in England insgesamt etwa 20.000 zusätzliche Todesopfer zu beklagen.

VULKANITE der Ausbrüche an der Laki-Spalte 1783/84 (Süd-Island).

Die vulkanischen Aktivitäten an der Laki-Spalte beeinflussten über mehrere Jahre das nordhemisphärische Klima stark. So folgte in Mitteleuropa auf den heißen und trockenen Sommer 1783 ein außergewöhnlich strenger und schneereicher Winter mit kurzen Warmlufteinbrüchen. In Wien fielen die Temperaturen auf – 27 °C und in Heidelberg auf – 30 °C. In Köln wurden Schneehöhen von 150 cm und in Würzburg von 180 cm verzeichnet. Einer der niederschlagsreichen Warmlufteinbrüche führte Ende Februar 1784 zu einer plötzlichen Schneeschmelze, zu starker Abflussbildung und damit zu einer der verheerendsten Überschwemmungskatastrophen der Neuzeit. Die Eisdecke riss vom 26. bis 28. Februar 1784 auf den mitteleuropäischen Flüssen nahezu gleichzeitig auf. Die Flüsse schwollen rasch an. Eisschollen stauten sich an Brücken. Mitgerissene Baumstämme wirkten als Stoßkeile. Am 27. Februar 1784 wurden Brücken über die Werra in Hannoversch-Münden, jene über die Lahn in Weilburg und über die Regnitz in Bamberg durch Eisgang und Hochwasser zerstört. Einen Tag später waren Brücken über den Main in Würzburg, über die Donau in Regensburg und in Linz sowie die Karlsbrücke in Prag betroffen. Am 1. März wurden die Elbbrücken in Dresden und in Meißen beschädigt. An der Elbe gingen am Rittergut Tauschwitz 600 Faschinen verloren, 16 Dämme wurden zerstört. Zahlreiche flussnahe Häuser wurden eingerissen. Der 13-jährige Ludwig van Beethoven flüchtete erfolgreich mit seinen Eltern in den ersten Stock des Hauses seiner Gastfamilie in Bonn. Viele andere starben. (GLASER, 2008: 233–238; NEBEL, 2011)

Gärten, Äcker und Wiesen wurden mit Sediment bedeckt. Diese Bodenmassen stammten von ackerbaulich genutzten Hängen, auf denen das Schmelz- und Regenwasser die Krume oftmals flächig fortgespült und gelegentlich auch tiefe Schluchten eingerissen hatte. Im Osten Brandenburgs bewirkte flächenhafte Erosion auf einigen Hängen der Märkischen Schweiz eine derart starke Abnahme der Bodenfruchtbarkeit, dass sie aufgeforstet werden mussten. Die Vernichtung von Ackerland förderte, wie Berichte aus Südwestdeutschland belegen, sogar die Auswanderung. (BORK et al., 1998)