Geschichten aus dem Andersraum - Stefan Längner - E-Book

Geschichten aus dem Andersraum E-Book

Stefan Längner

0,0

Beschreibung

Die Nacht liegt oftmals wie Blei auf der friedlichen Welt. Da gibt es eine weiße Dame, einen halbblinden Friedhofs-gärtner, oder einen Mechaniker, der längst tot ist. Diese Wesen sind Spiegelbild unserer Seele. Unseres Lebens. Und sie werden uns nicht ruhig schlafen lassen, solange wir nicht mit ihnen Frieden geschlossen haben. In diesem Buch werden wir ihnen begegnen. Wir können sie hassen, fürchten und vielleicht sogar ein bisschen lieb-gewinnen. Sie zeigen uns die Welt aus ihrer Sicht, ohne dass wir unsere Sicht der Dinge dabei aus den Augen verlieren müssen. Sie sind, solange wir dieses Buch lesen, allgegenwärtig. Schreckgespenster, Dämonen, vielleicht aber auch Weggefährten. Nur eins ist sicher: Man will ihnen nicht unbedingt im Dunkeln begegnen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Stefan Längner

Geschichten aus dem Andersraum

Die Rechte für die Ausgabe liegen alleine beim Autor.

Das Werk ist einschließlich aller seiner Teile urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung oder Vervielfältigung des Werkes ist ohne Zustimmung des Autoren unzulässig und strafbar. Alle Rechte sind Vorbehalten.

Ohne ausdrückliche, schriftliche Erlaubnis des Autors, darf das Werk, auch nicht Teile daraus, weder reproduziert, übertragen noch kopiert werden. Zuwiderhandlung verpflichtet zu Schadensersatz.

Alle im Buch enthaltenen Angaben wurden vom Autor nach bestem Wissen erstellt. Sie erfolgen ohne jegliche Verpflichtung oder Garantie.

Er übernimmt deshalb keinerlei Verantwortung und Haftung für etwa vorhandene Unrichtigkeiten.

Es besteht keine Absicht, diverse Orte, Firmen oder Markennamen sowie Personen des öffentlichen Lebens in irgendeiner Art und Weise zu schädigen oder negativ

darzustellen.

Stefan Längner

Geschichten

aus dem

Andersraum

Impressum

Texte © Stefan Länger 2021

Umschlag © by [email protected]

Bild(er) © Pixabay

Lektorat/Korrektorat: [email protected]

Satz: Katharina Georgi

Verlag

Neopubli GmbH

Köpenicker Straße 154a

10997 Berlin

Druck

epubli ist ein Service der neopubli GmbH Berlin

Inhalt

Inhalt

Vorwort:

Nimmermensch

Anhalter

Bäume

Herr Hinkebein

Der große Hund

Gestüt

Nimmst mich mit?

Regen

Tiefgarage

Uhrmachers Braut

Der Gehörnte

Eisgesicht

Totenfrau

Laternen in der Nacht

700 Hertz

DER LETZTE ATEMZUG

Gespaltene Persönlichkeit.

Finis tuus

Novemberabend

Neues Zuhause

Der Alte und das Mädchen

Ewige Bindung

Das 7. Geschenk

Der Vater der Weihnacht

Der Clown

Schlüsselloch

Verbotene Piste

Iglu

Mein Freund Pinocchio

Kammerjäger

Sargträger Andy Knox

Gaslaterne

Der Tod mit der Geige

Haus der Zweisamkeit

Die Vogelscheuche

Die Glocken von Dornheim

Ruth

Hemmendorf

Großmutter

Nur in der Erde find ich Ruh

Der nächtliche Pflüger

Francesca Fabula

Squeeze

Schwarzenbergstraße

Duisburg

Nachts in der Werkstatt

Slim forever

Klimperklein

Grooves End

Kälbchen

Nachwort:

Vorwort:

Liebe Leserin, lieber Leser, ich möchte Sie auf eine Reise einladen. Ich zuünde die Kerze an und setze die Wagen in Bewegung. Es geht nicht um eine Reise in eine Region dieser Erde, wie Sie sie kennen. Es ist eine Reise in den Andersraum, wo Lebewesen und Nicht-Lebewesen sich »Guten Halbtag« sagen.

Kommen Sie mit auf meinem Weg in diese Anderswelt und seien Sie Zeugen seltsamer Verbindungen.

Nimmermensch

Ritter Luke umfasste den Griff seines Schwertes mit beiden Fäusten und verharrte in unerträglicher Anspannung. Die Gaslaternen waren erloschen. Stille lag über dem Land — eine atemloseTotenstille. Seine Gefährten lagen ringsum in ihrem viel zu früh vergossenen Blut. Brüder, Freunde, Söhne.

Die Armee der Toten war im Anmarsch über den Nordkamm. Nun hörte der Recke das wahnschwangere Stöhnen der Totengeister. Wirr verzerrt durch die Halbexistenz zwischen Hier und Nichts. Die Ewigkeit hatte sie leiden lassen, für frühere Sünden und Schandtaten. Ihr Bewusstsein existierte wie in einem immerwährenden Albtraum.

Rebecca, seine einzige noch lebende Begleiterin, sah ihn aus ihren braunen Mandelaugen schweigend und doch flehentlich an. Luke wandte sich in seinem Unterstand gen Norden. Gleich würden sie hier sein, um ihn und Rebecca in die Ewigkeit, kalt wie der absolute Nullpunkt, mitzunehmen.

Da brachen die ersten Schergen der jenseitigen Welt durch. Die Befestigung war nur noch nutzlose Materie. Sie strömten durch die Mauern wie totbringender Nebel. Bizarre Gestalten, vom Teufel selbst zu unheiligen Rittern geschlagen. Luke erhob die magische Klinge über seinen Kopf, trat den ersten Schattengegnern entgegen und zerteilte die Schemen mit furchtbaren Streichen. Es schien zuerst, als ob die Halbwesen von seiner heiligen Waffe abprallten, doch im nächsten Moment sah Luke, wie sie von ihr verstümmelt und getötet wurden. Wenn man sie überhaupt noch töten konnte.

Der Ritter tanzte den teuflischen Tanz, wie schon so oft. Schlag um Schlag dezimierte er die Reihen der gesichtslosen Angreifer. Mit weinerlichem Seufzen vergingen die Opfer seines Schwertes wie der letzte Atemzug eines Pestilenzopfers. Wuchtig schlug der Ritter auf die Umrisse ein, und beendete deren Existenz. Der letzte der Geister versuchte ihm die Augen zu blenden, bevor das Schwert erbarmungslos seinen nebulösen Torso durchbohrte und ihn zurück in die Hölle oder wohin auch immer schickte.

Schwer atmend, schweißgebadet stand Ritter Luke nun auf dem Schlachtfeld. Die Armee des Todes war zerschlagen, doch etwas anderes dämmerte wie ein dunkler Sonnenaufgang über seiner Welt. Da war noch eine andere Bedrohung ...

Luke erwachte wie aus einem Traum. Der Ritterstand fiel von ihm ab und er blickte sich in seinem Zimmer um. Eine Carrera-Bahn, eine Masters of the Universe Plastikburg, ein altes Puppenhaus, zwei Zauberwürfel.

Ja. Er war wieder im Jahr 1985. Er war, zumindest vorübergehend, wieder der kleine Luke Westermann. Gerade sieben Jahre alt, in der Hand sein Holzschwert, das in seinen Kinderspielen zu einer mächtigen Waffe wurde. Auf dem Boden türmte sich die Kissenburg, ein gemütliches Nest aus Sofarollen, Wolldecken und seinen Lieblingsschlafkissen. Hinter dem kuscheligen Wall lag Rebecca, seine Puppe, die seine anderen Waffen bewachte. Die Zwille, das Schweizer Taschenmesser. Er war wieder zu Hause. Er kehrte natürlich aus seinen wilden Phantasien

immer wieder hierher zurück.

Doch dies hier war eine andere Bedrohung ... und sie war immer noch da. Luke lauschte in die Stille seines Elternhauses. Etwas lauerte hier, an diesem vertrauten Ort. Seit ein paar Monaten war dieses Haus erfüllt von etwas Fremdem. Etwas, das Luke Angst machte und seinen Alltag auffraß. Früher war es hier einmal schön gewesen, doch nun.

Da klopfte es sacht an seine Tür. Die Klinke wurde vorsichtig heruntergedrückt und das Gesicht seines Großvaters Johann Westermann erschien im Türspalt. Luke versuchte sich ein Lächeln abzuringen. »Es ist Zeit«, raunte der drahtige Mann von Mitte fünfzig. Auch er versuchte zu lächeln, was ihm trotz seines freundlichen, schnurrbärtigen Gesichtes jedoch nur schwer gelang. »Er will dich sehen, bevor du schlafen gehst. Komm!«

Luke umfasste sein Schwert fester und nickte stumm. Er folgte seinem Opa durch den langen Flur über die Treppe, ohne sich an dem massiven, verschnörkelten Holzgeländer festzuhalten. Je tiefer er ins Erdgeschoss abstieg, umso bedrückter wurde ihm zumute. Mit jedem Schritt fühlte er sich kraftloser und matter. Schwer wie Blei. Im Erdgeschoss war es dunkel, bis auf ein gedimmtes Licht, das durch eine halb angelehnte Tür auf den Flur fiel. Johann steuerte gemessenen Schrittes darauf zu und öffnete die Tür ganz, trat zur Seite, um seinen Enkel durchzulassen. Luke verlangsamte zögernd seinen Schritt. Er blickte ängstlich an Johann vorbei, in den dahinterliegenden Raum. »Komm!« Sein Opa bedeutete ihm mit einer sanften, aber bestimmten Geste, einzutreten.

Luke bewegte sich zögernd an seinem Großvater vorbei

und betrat das Zimmer, das früher das Wohnzimmer gewesen war. Jetzt war es ein anderes Zimmer. Ein bedrückender Raum. Die Möbel waren zur Seite gerückt. Nur der Fernseher stand noch an Ort und Stelle. An der hinteren Wand, in der Ecke, stand ein Bett. Groß, weiß und klobig, mit einer Stange zum Festhalten über dem Kopfende. Luke bewegte sich zögerlich darauf zu.

In dem Bett lag ein Mann. Ein Mann wie ein Baum. Nicht wie ein großer, kräftiger Baum, sondern wie ein dürrer, verkümmerter, kahler Baum. Mit zwei schwarzen Astlöchern unter der zerzausten Krone, wo früher zwei strahlende, grüne Augen gewesen waren. Es roch streng in dem Zimmer und Luke verspürte einen eiskalten Kloß im Hals. Der Baum war bis zu den oberen beiden dünnen Ästen, die mal starke Arme gewesen waren, mit einem frischen Laken zugedeckt. Er streckte nun einen der beiden Äste nach Luke aus, um ihn mit den knochigen Zweigen zu berühren. Der Baum sprach zu Luke. Mit einer Stimme wie ein kraftloser Herbstwind in vertrocknetem Blätterwerk. »Hey, Sportsfreund. Wie gehts dir? Mir grad nicht so prächtig. Ich hoffe, du verzeihst.«

Luke blieb wie angewurzelt stehen, kurz bevor die Äste ihn an der Schulter berühren konnten. Er verzieh nicht. Er wollte den starken Baum wiederhaben. Den, der sein Vater war. »Komm!«, rauschte der Mann leise. Luke rührte sich nicht von der Stelle.

»Es ist gut, Jonas. Lass ihm Zeit«, ertönte die ruhige, sonore Stimme des Großvaters aus dem Hintergrund.

»Was macht die Schule? Sei nicht sauer, dass ich am ersten Tag nicht da war. Aber mein Radius ist eingeschränkt, wie du siehst.« Der Vaterbaum versuchte zu grinsen. »Ich verspreche dir, du wirst dich gut schlagen.« Damit meinte er nicht nur die Schule. »Immerhin heißt du Luke. Nach einem großen Jediritter.«

Luke wusste immer noch nicht, was das Wort Jedi zu bedeuten hatte. Er durfte noch nicht ins Kino.Und da wollte er auch nicht hin. Nicht ohne seinen Papa. Den alten Papa. Den, der mit ihm im Park Fangen und Verstecken gespielt hatte. Den, der mit ihm Räuberpizza gebacken hatte, die er selbst immer wieder neu erfand. »Du packst das.« Das DAS hörte sich an wie das Zischen einer Schlange. Nun schob sich der zweite Ast unter dem Laken hervor und streckte sich Luke ebenfalls entgegen.

Luke rührte sich nicht. Er krampfte seine rechte Hand um den Holzgriff des Schwertes.

»Kriegt dein alter Herr ’ne Umarmung zum Einschlafen?« Fast lag etwas Flehentliches in seiner schwachen Stimme.

»NEIN!« Luke schrie fast. »Ich packe nichts! Und du auch nicht! Steh endlich wieder auf und sei nicht so dünn! Du stinkst!«

Die beiden Äste verharrten wie in Totenstarre und in den Astlöchern sammelte sich das trübe Licht von reflektierendem Baumharz. Tränen eines Menschen mit unendlicher Sehnsucht.

Der Opa legte sanft, aber bestimmt seine warme, ruhige Hand auf Lukes Schulter. »Es ist gut! Du musst jetzt ins Bett!« Er führte Luke weg von dem Baum.Weg von diesem gruseligen Krankenbett.

Die Äste blieben ausgestreckt. »Du stinkst! Du stinkst!«, schrie Luke, als sein Großvater ihn hinausführte. Der Baum wurde immer kleiner unter seinem Laken. Stumm und klein. Mit tränennassen Astlöchern. Luke schlug mit seinem Schwert in die Luft, bevor sein Opa die Wohnzimmertür schloss. »Du stinkst!«

***

Luke erwachte aus einem unruhigen Schlaf. Er lag in seinem Zimmer, umgeben von seinen Spielsachen, neben sich auf dem Kissen Rebecca und das Holzschwert griffbereit. Blaues Licht blinkte rhythmisch an der Wand und tauchte den Raum in eine unwirkliche Aura. Draußen auf der Straße waren ungewohnte Geräusche zu hören. Ein Funkgerät knackte, wie Luke es aus dem Fernsehen kannte. Männerstimmen waren zu hören. Fremde Männerstimmen. Er zog die Decke weg, stand auf und ging zum Fenster, um hinauszuspähen. Unten stand auf dem dunklen Bürgersteig ein Ambulanzwagen mit laufendem Blaulicht. Luke konnte seinen Opa sehen, der mit einem Sanitäter sprach. Ein anderer rollte eine Trage in Richtung Haustür. Dann folgten Johann Westermann und der Gesprächspartner der Trage ins Innere des Hauses. Lukes Herz hämmerte plötzlich wie wild gegen den Brustkorb. Er sah zurück zum Bett, wo sich das das Zimmer erfüllende Blaulicht blinkend in den Glasaugen von Rebecca spiegelte. Er lief zur Tür und hinaus auf den Flur. Unten, im Erdgeschoss, hörte er Männerstimmen gedämpft miteinander sprechen. Sein Opa und wahrscheinlich der eine Sanitäter tauschten sich mit knappen Worten aus.

»Ich bin kein großer Prophet, aber es scheint, als wäre die Sache kritisch«, hörte Luke den Sanitäter sagen. »Ich weiß, er ist ihr Sohn, Herr Westermann. Aber denken Sie an Ihren Enkel. Der braucht Sie jetzt.«

»Es ist alles geregelt«, antwortete Lukes Opa mit einer Stimme, die er bei ihm noch nie gehört hatte. Er lief im Schlafanzug, mit einem schleierhaften Film vor den Augen, zur Treppe und sah, wie nun die beiden Sanitäter die Trage aus dem Krankenzimmer in Richtung Haustür schoben. Darauf lag der Baum. Sein geliebter Papa, der in diesem Moment nichts anderes war als sein Papa. Kein Baum. Kein Ding. Luke überwand die oberen Stufen der Treppe mit wenigen Schritten. Schneller als vorhin, am Abend. Diesmal aber hielt er sich am Geländer fest. Sein Vater, kurz vor der Haustür, bemerkte im Liegen, dass Luke auf der Treppe stand und sah mit seinen schwarzen Augen in seine Richtung. Dann war er verschwunden. Hinaus in die Nacht. Luke rief, nun auch mit einer Stimme, die er nie vorher an sich wahrgenommen hatte: »Bleib hier! Bitte! Du stinkst nicht. Du stinkst nicht!«

Sein Opa drehte sich zu ihm um. Kam ihm auf der Treppe mit verzweifeltem Blick entgegen. »Geh wieder ins Bett! Sofort!«

»Papa soll hierbleiben!«

»Geh wieder schlafen! Das hier ist nichts für dich!«

Für ihn war es auch nichts. »Du stinkst nicht!«

Für ihn, Johann Westermann, Vater des sterbenskranken Jonas Westermann, den die Sanitäter in diesem Moment draußen in den Krankenwagen schoben und Großvater des kleinen Luke war es auch nichts.

»Papa! Ich liebe dich!«, schrie Luke und konnte, obwohl er es unbedingt wollte, nicht weinen.

***

Schwere, tiefe Herbstwolken verhingen den vormittäglichen Himmel über dem Friedhof der Nachbargemeinde

Errlichsen. Der Glockenschlag der nahen Kirche hallte zu der kleinen Gruppe von Trauernden am offenen Grab. »Was Gott gibt, kann er wieder nehmen«, vernahm Luke die Stimme des Pastors und verstand die Worte nicht. In seinem kleinen Anzug stand er verloren neben seinem Opa über dem Sarg, der in der Tiefe ruhte. Eine Rose löste sich aus seiner Hand und fiel leise auf den schweren Eichendeckel. ... du stinkst! ... nein ... du stinkst nicht. Bitte bleib ..., hämmerte es irgendwo in Lukes Kopf. Blaulicht. Fremde Männerstimmen. Seitdem war sein Papa für ihn für immer in dieser Holzkiste verschwunden. Er blickte hoch zu Johann. Sein Opa stand da, starrte geradeaus. Seine Lippen bewegten sich fast unmerklich, als würde er mit einer weit entfernten Person sprechen, die nicht mehr antworten konnte. Ein paar Leute, die Luke nicht oder nur flüchtig kannte, standen mit ihnen um das Grab herum und bedachten Luke immer wieder mit gut gemeinten, verlegen wohlwollenden Blicken.

Johann bückte sich und nahm mit einer kleinen Schaufel Asche aus einem bereitstehenden Behälter, um sie ins Grab auf den Sarg herunterrieseln zu lassen. Luke versuchte immer noch zu weinen, aber es kam keine einzige Träne. Nichts war in ihm außer Leere, wo einst Jonas Westermann gewesen war. Die Trauergemeinde setzte sich in Bewegung und zog Luke und seinen Opa mit sich, einen schmalen weißen Kiesweg entlang. Der Pastor, ein hagerer, freundlicher Mann Anfang vierzig erschien neben Johann und nickte Luke liebevoll zu. Dieser schlug den Blick nieder auf seine schwarzen Lackschuhe und versuchte immer noch, seinem gegangenen Vater ein paar Tränen zu schenken. Es ging nicht und er fühlte sich schmutzig.

Sie kamen am Standbild eines lebensgroßen Engels aus weißem Kalkstein vorbei. Aus pupillenlosen Augen schien es auf die Menschengruppe herabzustarren. Luke fiel ein Stück zurück, während der Pastor gedämpft mit Johann sprach: »Ich hörte, Sie haben jetzt das Sorgerecht? Sie werden natürlich, wenn sie möchten, von unserer Gemeinde jegliche Unterstützung ...«

Luke stieß mit dem Fuß einen größeren Kiesel vor sich her und kämpfte immer noch um Tränen. Er hatte gehört, bei Beerdigungen weinten die Menschen. Wer das nicht tat, war böse. Das Engelsstandbild ragte über ihm in die Höhe und ihm war, als schelte es ihn dafür, dass er nicht weinen konnte.

»Lymphdrüsenkrebs .« Der Pastor war inniglich mit Johann ins Gespräch vertieft, als sie zum Ausgang des Friedhofs kamen. Eine angerostete Eisenpforte, die leise in den Angeln quietschte. Luke trottete hinterher, inmitten der anderen Trauergäste. Er blickte zurück zu dem mahnenden Engel. Ihm war, als blicke die Figur nun hinter ihm her, während sie vorher geradeaus gesehen hatte. Luke verengte die Augen zu Schlitzen und stieß hart die Luft aus. »Du stinkst nicht«, flüsterte er, als er, immer noch den Engel anstarrend, mit den anderen durch die Pforte ging. Er zog eine Hand aus der Hosentasche und winkte zaghaft. »Auf Wiedersehen, Papa«, kam es über seine Lippen.

Die Trauergemeinde löste sich langsam auf. Alle drückten Johann noch einmal die Hand, sagten ein paar anteilnahmsvolle Worte, strichen Luke über den Kopf. Hier ein »Alles Liebe euch beiden« und ein »Ihr müsst jetzt stark sein«. Der Pastor brachte Luke und Johann zum Auto. Er drückte zuerst Johann die Hand, verneigte den

Kopf, wendete sich dann in gebückter Haltung an Luke: »Dein Opa passt jetzt ganz doll auf dich auf. Der Herr ist mit dir und mit deinem Opa. Das weiß ich genau.«

Dann entfernte er sich gemessenen Schrittes in Richtung Kirche, während ein nieseliger, in die Kleidung schleichender Regen einsetzte.

Sie fuhren schweigend in Richtung Dornheim, dem kleinen 2000-Seelen-Ort mitten in Deutschland, an dessen Rand Lukes Elternhaus lag. Der Regen verstärkte sich um ein Vielfaches und Armeen schwerer Tropfen attackierten das Dach des zehn Jahre alten Mercedes. Die Scheibenwischer arbeiteten auf Hochtouren und kamen nicht wirklich gegen die sichttrübende Flut an. Es war schlagartig dunkler geworden. Verschwommene Umrisse von Bäumen und einzeln stehenden Häusern, Strommasten und Verkehrsschildern flitzten draußen an den Fenstern vorbei. Luke saß mit hängenden Schultern auf dem Rücksitz und konnte an nichts denken. Nicht länger als einige Sekunden jedenfalls. Es roch im Auto künstlich und abgestanden nach Vanille.Was einem kleinen Duftbaum, der am Rückspiegel baumelte, geschuldet war. Johann, der früher beim Autofahren meistens gesummt oder gepfiffen hatte, sagte kein Wort. Auch das Autoradio schwieg mit den Insassen im Chor. Luke drehte sich um und sah durch die wassertriefende Heckscheibe hinaus auf die vorbeiziehende Straße. Es war nur wenig Verkehr an diesem Sonntagvormittag im November auf der regengepeitschten Landstraße. Sie überholten eine Ordensschwester im orangenen Regencape, die auf einem alten Mofa durch den Regen tuckerte. Wohl auf dem Weg von oder zu irgendeinem hilfsbedürftigen Menschen. Luke konnte ihr Gesicht nicht richtig ausmachen, in dem Brodeln und Spritzen jenseits der Autoscheiben. Sie fiel rasch zurück und verschwand hinter einer Kurve. Da hielt Johann den Wagen an einer Kreuzung mit einer Ampel, die kurz vor dem Eintreffen des Mercedes auf Rot gesprungen war. Luke beobachtete, wie die Ordensschwester wieder hinter der Biegung auftauchte und sich ihnen näherte. Sie blieb kurz hinter ihnen stehen, setzte einen Fuß auf den überspülten Boden und wartete einige Meter hinter dem Autoheck. Luke sah genauer hin. Irgendetwas hatte sich verändert. Die Schwester trohnte in gerader Haltung halb auf ihrem Gefährt. Kein Gesicht zu erkennen. Luke wurde plötzlich eiskalt. Etwas war nun anders als eben. Das Regencape! Es war doch eben noch orange gewesen — nun umhüllte es nachtschwarz die Konturen des Frauenkörpers! Von da, wo das Gesicht sein sollte, starrte Luke unergründliche Leere an. Durch das Grau in Grau erschien die Schwester nicht mehr wie eine liebevolle Helferin in der Not. Sie wirkte befremdlich und seelenlos. »Bitte fahr«, flüsterte Luke. Und dann lauter: »BITTE FAHR, OPA!«

Die Ampel sprang auf orange, dann auf grün, und Johann gab wieder Gas. Die Schwester, oder was immer da draußen war, blieb starr an Ort und Stelle stehen. Sie oder es hob eine konturlos wirkende Hand auf Gesichtshöhe und winkte. Sie winkte dem davonfahrenden Luke zu. Luke kniff unwillkürlich die Augen zu, öffnete sie wieder und sah die nun wieder in Orange gegen den Regen gewappnete Schwester, ohne sich weiter um ihn zu kümmern, im Regen um die Ecke biegen. Einem ihm unbekannten Ziel entgegen. Luke konnte immer noch nicht weinen. Er fühlte sich in diesem Moment auch, als würde er nie wieder lachen. Was war das eben gewesen? Welchen Streich hatte ihm seine Fantasie gespielt? Er wollte am liebsten auf der Stelle in einen tiefen, bleiernen Schlaf fallen.

***

Drei Tage, nachdem sein Vater für immer in der großen Holzkiste in der Erde verschwunden war, saß Luke am Abend im Wohnzimmer, das nun plötzlich wieder das Wohnzimmer war. Das große, klobige Krankenbett war im Keller verschwunden und die Möbel standen wieder wie gewohnt. Hier war dahingesiecht worden, jetzt wurde hier wieder gewohnt. Johann hatte kein Wort über das Siechtum verloren, als er die Möbel zurechtgerückt und das Bett demontiert und in den Abstellraum im Keller gebracht hatte.

Es hatte die ganzen drei Tage geregnet. Der Regen hatte seit zwei Stunden endlich aufgehört. Der Wind sang sein Lied und spielte unselig auf Bäumen und Regenrinnen. Das Regenwasser gluckerte in Sturzbächen in den Gullis. Luke, der Jedi, saß im Schneidersitz auf dem Teppich und blätterte allein in einem Fotoalbum. Erinnerungen liefen wie ein Film vor seinen Augen ab. Da waren Fotos von seiner Mutter, die schon kurz nach seiner Geburt an einem Hirngerinnsel gestorben war. Luke wusste nicht, was ein Hirngerinnsel war, hatte das Wort nur ein paar Mal von Johann und Jonas gehört, aber es hörte sich schlimm an und war es wohl auch, denn seine Mutter war ja tot. An sie hatte Luke keine Erinnerungen. Sie war eine hübsche Frau gewesen. Braune Augen hatte sie gehabt, wie Lukes Puppe Rebecca. Und braunes Haar. Auch wie Rebecca. Luke hatte grüne Augen und rotbraunes Haar und er fand, dass er die Nase seiner Mutter hatte. Da waren Fotos von ihr, auf denen sie lachte und Faxen machte. Auf einigen war sie mit Luke schwanger. Und da war sein Papa. Jonas, der Pirat, Jonas der Hobbykoch, Jonas der Zauberer etc. etc. Luke arbeitete sich von Seite zu Seite. Er lauschte ab und zu auf den Wind, biss sich in die rechte Hand, kniff sich in die linke Wange. Er konnte immer noch nicht weinen.

Sein Blick blieb auf einem Foto hängen, das Jonas in einem Batmankostüm zeigte. Auf dem Arm hielt er den kleinen Luke im Robin-Dress. Luke konnte sich dunkel erinnern, dass das Bild vor drei Jahren zum Karneval entstanden war.

Ping, ping, ping, ping, ping. Metallische Schläge hallten von draußen an sein Ohr. Irgendwo im Garten schlug jemand Eisen auf Eisen. Ping, ping. Luke schrak auf. Überlegte kurz und wusste, was das sein musste. Aber um diese Zeit?

Er klappte das Fotoalbum zu, stand damit auf und trug es zurück zu dem großen Bücherschrank mit der Glastür. Er stellte das Buch in die unterste Reihe und schloss die blankpolierte Tür. Eine hochaufgeschossene Silhouette huschte über das Glas. Dunkel und schlank. Luke drehte sich herum und sah zu dem Kleiderständer in der hintersten Ecke, über dem ein brauner Mantel hing. Er zuckte die Schultern und lief aus dem Wohnzimmer über den Flur und die Kellertreppe hinunter. Im gut aufgeräumten Keller brannte an der Decke eine nackte Glühbirne. Die Außentür stand offen. Ein kühler Windhauch wehte Luke entgegen. Er trat ins Freie, in den abendlichen, dunklen Garten hinaus. Der Halbmond, eine mattsilberne Säbelklinge, stach durch die Wolken und Luke erkannte auf dem Rasen die Umrisse seines Großvaters, der mit einem schweren Gegenstand etwas in den nassen Boden schlug. Ping. Luke näherte sich und sah, was er vermutet hatte. Trotzdem fragte er: »Was machst du, Opa?«

Johann ließ, als er Luke bemerkte, den massiven Vorschlaghammer sinken und nahm Haltung an. »Ich mache, was ich jedes Jahr um diese Zeit mache. Weißt du doch. Ich stelle Krähenschreck auf. Die alte Scheuche. Sag bloß, du erinnerst dich nicht an Krähenschreck.«

Luke nickte im Dunkeln. »Doch, tue ich. Aber jetzt?«