Geschichten des Windes - Claudia Mathis - E-Book

Geschichten des Windes E-Book

Claudia Mathis

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Beschreibung

Dunnottar Castle, Schottland im Jahre 1689: Der junge Alleinerbe des Lairds findet die geheimnisvolle Reisebeschreibung einer Weltumseglung. Sofort wird er von unbändiger Sehnsucht nach Abenteuer und fernen Orten gepackt. Gemeinsam mit seinem besten Freund wagt er es einige Jahre später, dem von Eintönigkeit und Konventionen geprägten Dasein auf der Burg zu entrinnen. Ein aufregendes Leben ohne jegliche Sicherheit oder Garantie beginnt. Als sich die beiden schließlich Richtung Westen aufmachen, eröffnet sich ihnen eine völlig neue Welt mit ungeahnten Erlebnissen, Herausforderungen und moralischen Konflikten. Wohin wird diese Reise führen?

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Seitenzahl: 872

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Claudia Mathis

Geschichten

des

Windes

Historischer

Abenteuerroman

Auflage 2021

Copyright © by Claudia Mathis

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger jeder Art, auszugsweiser Nachdruck oder Einspeicherung und Rückgewinnung in Datenverarbeitungsanlagen aller Art sind vorbehalten.

Titelbild: Pixabay Alfons Schüler

Umschlagentwurf: Claudia Mathis

Pilum Verlag, Strasshof an der Nordbahn, Österreich

ISBN 978-3-99090-038-3

für Raffael

Kommst aus dem Nichts

Bist unsichtbar

Zeigst dennoch Wirkung

Kannst überall sein

Ohne Grenzen

Ohne Schranken

Nur unsere Fantasie kann dir folgen

Wirst niemals alt

Hast alles gesehen

Wir müssen nur lauschen

R.B.B.

Prolog

Seine Augen blitzten auf. Was hatte er da gerade gelesen? Er klappte das Buch zu und schaute sich den Einband noch einmal an. Daran war nichts Außergewöhnliches zu erkennen. Durch Zufall hatte er das Buch hinter den alten Reisebeschreibungen ganz oben auf dem großen Regal entdeckt.

Warum er es herausgezogen hatte, wusste der Junge nicht. Wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt hatte er nach dem verstaubten, unscheinbaren Buch gegriffen und bemerkt, dass es ohne Titel und sogar handgeschrieben war. Die Schrift konnte er nur mit Mühe lesen, die Schreibweise kam ihm seltsam vor. Einige Worte kannte er nicht.

Es musste uralt sein.

Der Junge untersuchte das Buch erneut und fand zunächst keinen Hinweis zu dessen Autor. Erst nach einer ganzen Weile angestrengter Suche bemerkte er ganz hinten drei kleine Buchstaben: R.B.B. Was sollten sie bedeuten? Eine seltsame Aufregung überkam ihn.

Erschrocken drehte er sich um. Hatte er ein Geräusch gehört? Der Junge versteckte das Buch unter seinem Hemd und schlich zur Tür der weiträumigen Halle mit den zahlreichen Bücherregalen. Fast vergaß er seine Lampe, die er auf einen kleinen Tisch gestellt hatte. Hoffentlich wurde er nicht bemerkt. Er durfte um diese Zeit gar nicht hier sein.

Als er die schwere Eichentür einen kleinen Spalt weit öffnete, stellte er erleichtert fest, dass draußen alles ruhig war. Der Junge glitt vorsichtig hinaus. Hastigen Schrittes eilte er die dunklen Gänge entlang bis zu seinem Gemach. Erschöpft ließ er sich auf seine Schlafstätte fallen und nahm ein paar erleichterte Atemzüge.

Erst jetzt fiel seine Aufmerksamkeit wieder auf das Buch. Behutsam holte er es hervor, öffnete es zaghaft und begann aufgeregt noch einmal von Beginn an zu lesen.

I

Der Sohn des Lairds

Echte Freundschaft

Knüpft feste Knoten in dein Lebensseil

Wenn du sie als Tritt benutzt

Kannst du unerreichbare Höhen bezwingen

R.B.B.

Eins

1686 - drei Jahre zuvor

Seufzend schaute der Junge aus dem Fenster. Wieder würde es ein langer, langweiliger Tag werden und es bestand keinerlei Hoffnung auf irgendeine Art von Zerstreuung. Obwohl er das Langweiligste heute schon hinter sich gebracht hatte, den sonntäglichen Gottesdienst in der kleinen Kapelle des Castles, wusste er nicht, wie er sich hätte beschäftigen können.

Wegen dieses lächerlichen Vorfalls vorgestern durfte er sein Zimmer ein paar Tage nur zu den Mahlzeiten, zum Unterricht, zum Abtritt und zum Gottesdienst verlassen. Ansonsten war er in Stille und Einsamkeit gefangen und verfolgte die quälend langsam dahinwandernden Schatten an der Wand.

Er schaute aus dem Fenster, blickte auf den Hof und die vergnügt spielenden Kinder. Wie oft hatte er sie schon beobachtet! Stundenlang saß er dann am Fenster und tat nichts anderes. Obwohl er der Sohn des Lairds1 war, kannte er diese Kinder nicht. Sie gehörten zu den Bediensteten der Burg und waren laut seiner Eltern nicht würdig, um mit ihm zu verkehren. Nur zufällig schnappte er manchmal ein paar Namen auf, wie Baxter, Arran, Davie, Bonny, Arthur, Ivera und versuchte, diese den Kindern zuzuordnen.

Das ist so ungerecht!, dachte der Junge verzweifelt. Wieso darf ich nicht mit ihnen spielen?

Da er zudem Einzelkind war, führte er ein sehr einsames Leben. Auch mit seiner alten und strengen Amme Maiga konnte er keine Spiele spielen. Das Betreten des Burggeländes ohne Aufsicht war ihm strikt untersagt.

Vor zwei Jahren jedoch war eine positive Veränderung in sein tristes Leben getreten: er lernte lesen. Es fing damit an, dass er das Buch mit den Kindergeschichten, aus dem ihm seine Großmutter vorlas, genauer betrachtete und sie fragte, wie man diese Schriftzeichen aussprach. Mit der Hilfe seiner Großmutter lernte er die ersten Buchstaben und brachte sich die restlichen selbst bei. Auf sein Drängen hin stellten seine Eltern einen Hauslehrer für ihn ein, der ihm beim Lesen und Verstehen dessen half, was er las und später auch andere Fächer wie Geschichte und Mathematik unterrichtete.

Mr. Sutton, der extra aus Aberdeen anreiste und während der Woche mit auf dem Castle wohnte, war ein strenger, aber doch einfühlsamer Lehrer. Er bemerkte schnell die Begabung des Jungen und dessen klaren Verstand. Mr. Sutton erkannte die erstaunliche Leidenschaft für Bücher im Sohn des Lairds. Eines Tages schließlich, der Unterricht war gerade beendet, erzählte Mr. Sutton seinem Schüler von einem ganz besonderen Ort und ging mit ihm in die Bibliothek des Castles. Der Anblick der großen, mannshohen Bücherregale überwältigte den Jungen in solchem Maße, dass er beinahe das Atmen vergaß. Mr. Sutton ließ schmunzelnd seinen Schüler staunen und erklärte ihm die Anordnung der Bücher. Jedoch meinte er, dass sie noch zu schwierig zu verstehen seien für einen sechsjährigen Jungen, der gerade erst lesen gelernt hatte. Aber diese Masse an unterschiedlich dicken Werken des geschriebenen Wortes spornte den Ehrgeiz des Jungen dermaßen an, so dass er innerhalb eines Jahres harter Arbeit und nach vielen langen Abenden im Kerzenschein die Fähigkeit besaß, ganze Bücher in einer, für sein Alter, erstaunlichen Geschwindigkeit zu lesen.

Sein scharfer Verstand ermöglichte es ihm, das Gelesene so weit zu verstehen, dass er bald zum Leidwesen seines Lehrers ununterbrochen wissbegierige Fragen stellte.

Schnell kam die Zeit, in der der Junge endlich auch Bücher aus der Bibliothek lesen durfte. Es bereitete ihm die größte Freude, in den staubigen Regalen zu stöbern und die Vielfalt der Bücher zu entdecken. Schnell entwickelte sich die Bibliothek zu seinem Lieblingsort.

Der Junge fand heraus, dass die meisten Werke uralt waren und von seinem Ururgroßvater stammten. Es kribbelte ihm angenehm in den Fingern, wenn er sacht über die Rücken der edlen ledergebundenen Bücher strich, und er nahm sie stets mit großer Behutsamkeit und Ehrfurcht aus den Regalen.

Die Bücher waren nach mehreren Fachgebieten gut sortiert.Sein Ururgroßvater Cailan Afton McCunham schien ein sehr belesener und vielseitig interessierter Mann gewesen zu sein. So fanden sich ebenso Werke über Geschichte (allgemein über die Welt und konkret über Schottland), über Medizin, Völkerkunde, Geografie und vieles mehr sowie auch Romane und Erzählungen über die verschiedensten Themen darunter.

Der Junge las weiterhin begierig und eignete sich in seinen jungen Jahren bereits ein beträchtliches Wissen an. Er bemerkte zu seiner großen Freude, dass er ein ausgezeichnetes Gedächtnis besaß. Und da sein tatsächliches Leben so eintönig war, flüchtete er sich immer öfter in eine Fantasiewelt, in der er mit den Charakteren aus den Büchern zu den aufregendsten Orten reisen konnte.

Doch nun durfte der Junge einige Tage nicht in die Bibliothek gehen, und er hatte gestern auch das letzte Buch auf seinem Zimmer zu Ende gelesen. Nicht einmal der Unterricht fand heute statt, da Mr. Sutton am Wochenende immer frei hatte und nach Aberdeen fuhr.

Was soll ich nur machen?

Schon öfter war ihm der Gedanke gekommen, einfach für eine Weile wegzuschleichen und sich an seinem zweiten Lieblingsort, den Stallungen des Castles, zu verstecken. Dort würde seine Lieblingsstute Vika auf ihn warten, die sich immer freute, wenn er zu ihr kam und sie streichelte. Sie war ein geduldiges und sanftmütiges hellbraunes Wesen und hatte eine etwas gedrungene Statur.

Der Junge gab sich seinen Gedanken hin und die Sehnsucht nach Freiheit wurde fast übermächtig. So reifte in ihm der Entschluss heran, dieses Mal wirklich wegzulaufen.

Berauscht von einem Gefühl der Macht und Selbstbestimmtheit öffnete er sacht die Tür seines Gemachs und schaute mutig auf den langen Gang davor. Der Junge befand sich im obersten der zwei Stockwerke des so genannten Palais, dem größten und neuesten Gebäude des Castles.

Er hatte einen langen Gang und eine gewundene Treppe vor sich bis zur großen Eingangshalle, seinem Weg in die Freiheit. Es war zum Glück gerade die Zeit der Mittagsruhe und Maiga würde schlafen - so hoffte er.

Er schlich also los. Wie ein Geist versuchte der Junge leichtfüßig an den zu dieser Stunde glücklicherweise wenigen umher gehenden Bediensteten vorbeizukommen. Viele Schweißtropfen und unzählige Augenblicke angehaltenen Atems später erreichte er die massige eisenbeschlagene Eingangstür und öffnete sie so leise wie möglich. Euphorisch stellte er fest, dass sich vor dem Gebäude niemand aufhielt, sein Herz pochte bis in die Schläfen. Vorsichtig trat der Junge ein paar Schritte heraus und drehte sich um.

Der Palaishinter ihmbestand aus vier Flügeln und der Junge bemerkte zum ersten Mal, dass an manchen Stellen etwas hellere Steine verbaut waren, als ob sie nachträglich eingefügt worden wären. Gemeinsam mit der ihm so verhassten Kapelle, aus deren Fassade auch eine Menge hellere Steine hervor blitzten, umrandete es einen großen rechteckigen Innenhof mit Brunnen und einer gigantischen Eiche in der Mitte. Der Junge schaute sehnsüchtig zu diesem Baum mit den riesigen, weit ausladenden Ästen und dem dicken gefurchtenStamm. Seine Großmutter hatte ihm erzählt, dass der Baum von seinem Ururgroßvater im Jahre 1586 gepflanzt worden war. In diesem Jahr konnte der fünfjährige Bau des Palais beendet werden. Die Eiche trotzte dem kargen Boden, gedieh prächtig und war nun genau einhundert Jahre alt.

Seine Großmutter erzählte außerdem, dass die Ururgroßmutter des Jungen unbedingt ein neues, vor allem größeres und eleganteres Wohnhaus bauen lassen wollte. Sein Ururgroßvater aber war dagegen gewesen. Er verstand den Sinn hinter solch einem Bau nicht, denn ihm genügte das alte Tower House, in dem bereits viele seiner ehrwürdigen Vorfahren gewohnt hatten. Aber schließlich konnte er sich nicht gegen den Willen seiner Gemahlin durchsetzen. Diese bekam am Ende doch meistens das, was sie sich in den Kopf gesetzt hatte. Und dieses Mal war es sogar ein ganzes Haus. Der Palais sah mit seinen verzierten Fenstereinrahmungen, den Türmchen und der Galerie im Obergeschoss sehr hübsch aus, fand der Junge.

Er schaute zurück. Über die Dächer seines Wohngebäudes hinweg erblickte er das Tower House, den eigentlichen Bergfried des Castles. Es war das höchste Gebäude der Burg. Für den Jungen sah es aus wie ein riesiger Turm, in dem man wohnen konnte. Das Tower House hatte drei Stockwerke, die durch enge Wendeltreppen miteinander verbunden waren. Er bemerkte zum ersten Mal, dass auch hier offenbar nachträglich gebaut worden war und wunderte sich, warum er das nicht schon früher bemerkt hatte.

Der Junge kannte alle Kammern des Tower Houses und sogar den großen Keller mit den uralten Steingewölben. Sein Freund Angus, der alte Verwalter des Castles, wohnte im untersten Stockwerk und hatte ihm alles gezeigt. Viele Kammern waren verstaubt und mit alten Möbeln und allerlei Gerümpel vollgestellt.Außer Angus wohnten auch noch andere Bedienstete darin, zum Beispiel Kevin, der Gärtner, der den kleinen Gemüsegarten der Burg bewirtschaftete.

Der Junge machte sich vorsichtig auf den Weg und schlich auf Zehenspitzen voran. Als er den Hof verlassen hatte, kam er zuerst an einem Haus rechts von ihm vorbei. Man nannte es Waterton`s Lodging und es war eigentlich für den Sohn des Lairds und seine Braut gedacht. Also würde er selbst eines Tages darin wohnen, bis er der Laird des Castles sein würde. Zurzeit wohnte seine Großmutter Kendra dort. Das neben dem Palais klein wirkende Haus beinhaltete einige private Gemächer sowie eine große Halle und einen Zugang zum Haupthaus.

Hinter seinem zukünftigen Wohnhaus eröffnete sich rechts von dem Jungen ein großer freier Platz, der Bowling Green. Hier wurden die seltenen Feste der Familie McCunham gefeiert. Links von diesem befand sich die Mauer des Kirchhofes, in dem die Toten der Familie McCunham begraben wurden. Sein Vater hatte einmal mit ihm die Gräber besucht und versucht, ihm seine Ahnen zu erklären. Doch der Junge erinnerte sich nur mühsam an deren Namen.

Er ging weiter, kletterte auf eine kleine Anhöhe mit Mauer und hatte plötzlich einen atemberaubenden Ausblick auf das scheinbar endlose Meer. Der kalte Wind blies ihm einen Hauch von Freiheit um die Nase, denn Dunnottar Castle2 war keine gewöhnliche Burg. Sie lag schwindelerregende 160 Fuß 3über dem Meer und wurde von steilen Sandsteinklippen begrenzt. An diesen imposanten hellroten Felswänden brachen sich schäumend die Wellen der rauen Nordsee.

Die elf Gebäude des Castles befanden sich auf einem kleinen, annähernd runden Hochplateau, welches von struppigem, kurzem Gras überwachsen war. Nur ein schmaler Pfad verband die Landzunge Dunnottar mit dem Festland. Wenn man von diesem aus die Burg betreten wollte, musste man durch das massive, stark befestigte Torhaus gehen, welches vor langer Zeit in einem Felsspalt errichtet worden war.

Aber es gab noch einen zweiten Zugang zum Castle: auf der Nordseite der Klippen befand sich eine vom Meer geschaffene Höhle, von der ein äußerst steiler Pfad zu dem ebenfalls gut befestigten Hintereingang führte. Der Junge war diesen eindrucksvollen Weg ein paar Mal gemeinsam mit seinem Vater gegangen, wenn sie im Meer gefischt hatten. Er wunderte sich jedes Mal erneut, wie viele in Stein gehauene Stufen er hinaufsteigen musste, um vom Meer endlich bis zum Hintereingang zu gelangen. Mehrmals nahm er sich vor, sie zu zählen, aber immer musste er knapp nach der Hälfte aufgeben, weil er zu sehr mit dem Atmen beschäftigt war oder ihm die Zahlen ausgegangen waren.

Bei solchen Ausflügen zum Meer erzählte sein Vater stolz von den einstigen Erbauern von Dunnottar Castle. Sie hatten, wie er sagte, diesen Platz für die Burganlage gewählt, da die Lage strategisch günstig war und sie somit die nordschottischen Schifffahrtsrouten sowie auch ein langes Stück der Küste mit ihren endlosen Hügeln kontrollieren konnten. Die imposante Festung galt lange als uneinnehmbar. Sie benötigte nicht einmal eine Festungsmauer. Der Junge kannte zwar die Bedeutung des Wortes „strategisch“ nicht, aber er genoss die Erzählungen seines Vaters und die kostbaren Stunden mit ihm allein sehr.

Obwohl der edle Laird von Dunnottar Castle ein strenger und eigenbrötlerischer Mann war, mochte ihn sein Sohn aufgrund seiner ruhigen und manchmal durchaus humorvollen Art. Auf jeden Fall war ihm seine Gesellschaft lieber als die seiner Mutter, die ihn immer noch wie einen kleinen Jungen behandelte.

Am liebsten aber mochte er seine Großmutter. Sie war immer freundlich zu ihm und erzählte ihrem Enkel viele spannende Geschichten über seine Vorfahren und oft auch schottische Sagen. Und, da sie des Lesens fähig war, las sie ihm auch aus dem Geschichtenbuch vor.

Nach diesem kurzen Ausblick über das Meer machte sich der Junge auf den Weg zu seinem eigentlichen Ziel: den Stallungen des Castles. Das langgezogene Gebäude, neben dem sich noch die Schmiede und ein Lagerhaus befanden, lag direkt an den Klippen. Je näher er kam, desto intensiver wurde der Geruch von frischem Heu, Mist und Pferden. Der Junge lauschte dem vertrauten Schnauben.

Mit den elf Tieren war der Stall voll. Fünf davon dienten als Transportponys, die so genannten Garrons. Da der schmale Pfad zur Burg mit ungefähr zweihundert Stufen versehen war, konnte keine Kutsche in den Burghof hineinfahren. Es wurde alles von den robusten und besonders trittsicheren Ponys getragen.

Der Junge hatte die Boxen immer wieder gezählt und die Namen der Pferde aufgesagt: die weiße Murron, die stattliche Rodin, der rotbraune Reed und wie sie alle hießen. Er liebte diese stolzen Tiere. Nur sehr selten ging Maiga mit ihm zu den Stallungen, wenn er unerbittlich darum gebettelt hatte. Es sei zu dreckig für einen kleinen Laird hatte sie immer wieder betont. Manchmal durfte er auch mit seinem Vater hierherkommen und schaute Tevin, dem Stallmeister, bei der Arbeit zu, während sein Vater sich für einen Jagdausflug fertig machte. Der Junge sehnte die Zeit herbei, in der auch er das Reiten erlernen durfte. Oft hatte er seine Eltern gefragt, wann es denn soweit sei, aber seine Mutter vertröstete ihn immer wieder und meinte, es wäre zu gefährlich. Wie er diese übertriebene Fürsorge hasste!

Obwohl er sich nur wenig körperlich betätigte, hatte der Junge eine hohe, kräftige Statur und wirkte älter als seine Altersgenossen. Er fragte sich, warum er nicht endlich auf einem Pferd durch das Gelände reiten durfte. Verärgert aufgrund dieser Gemeinheit trat er zu Vika, die ihn mit sanftem Blick aus ihren wunderschönen, dunkelbraunen Augen mit den langen Wimpern ansah. Er streichelte gerade ihren weichen, hellbraunen Hals, als er plötzlich einen Jungen hinter sich bemerkte. Dieser blickte ihn aufmerksam an.

Bis ins Mark erschrocken zuckte der Sohn des Lairds unwillkürlich zusammen. Das amüsierte den anderen offensichtlich.

„Na, hast du dich verlaufen?“, fragte der andere Junge, der ungefähr im gleichen Alter war.

Der Sohn des Lairds hatte ihn schon oft beobachtet und schnell für ihn Sympathie empfunden. Mit seinen etwas längeren blonden Haaren und der wettergegerbten Haut wirkte er verwegen und frei. Er hatte halb lange einfache Hosen und keine Schuhe an. Um seinen Hals trug er ein Lederband, welches unter seinem groben Leinenhemd verschwand.

„Ich heiße Arthur und du bist Sean, stimmt`s?“, fragte der andere Junge.

Der Sohn des Lairds benötigte eine Weile, bis er antworten konnte. Er war es nicht gewöhnt, mit anderen Kindern zu sprechen und spürte eine große Unsicherheit in sich. Doch die Erscheinung seines Gegenübers zog ihn in den Bann.

„Ich bin Sean McCunham“, sprach er dann stolz. Seinen zweiten Vornamen Afton verschwieg er, weil er sich für diesen schämte. Sein Vater hieß genauso und dessen Vater vor ihm und so weiter, aber Sean fand den Namen einfach schrecklich. „Ich bin der Sohn des Lairds von Dunnottar Castle.“

Scheinbar unbeeindruckt nickte Arthur. „Dass du der Sohn des Lairds bist, weiß ich schon. Meine Mutter erzählt manchmal von dir. Aber sonst hast du immer diese komische alte Frau dabei und darfst nicht mit uns sprechen.“

„Das ist Maiga, sie folgt mir fast überall hin“, sagte Sean niedergeschlagen. „Heute hatte ich das erste Mal Glück und den Mut, so dass ich mich fortschleichen konnte. Ich muss dann auch zurück, bevor sie bemerkt, dass ich weg bin.“

Und schon rannte er davon.

„Sehen wir uns mal wieder?“, rief ihm Arthur hinterher. Komischerweise gefiel ihm der junge Laird, aber er tat ihm auch etwas leid. Die seltsame Kleidung, die der Junge anhatte, ließ ihn schmunzeln. Warum musste er im Sommer lange Hosen und ein Hemd mit einer karierten Weste darüber tragen? Auch Schuhe in der warmen Jahreszeit waren ihm fremd. Die Kinder der Angestellten trugen nur im Winter einfache Holzschuhe. Seans Vater war kein großzügiger Laird und so bekamen seine Bediensteten nur das Nötigste.

Sean rannte so schnell er konnte nach Hause, völlig verwirrt aufgrund der unerwarteten Begegnung. Zum Glück hatte niemand das Fehlen des kleinen Ausreißers bemerkt, bevor dieser wieder in sein Schlafgemach schlüpfte. Der wagemutige Ausflug blieb ohne negative Konsequenzen für Sean. Er dachte euphorisch an den Jungen im Stall.

Ob ich ihn bald wiedersehen werde? Und warum kennt mich seine Mutter?

Zwei

- 1689 -

Sean war glücklich. Er schaute wieder einmal aus seinem Fenster, doch er hatte nicht mehr diese zermürbende Sehnsucht nach Gesellschaft und Dazugehörigkeit in sich.

Drei Jahre waren ins Land gegangen und ja: Sean hatte Arthur wiedergesehen. Sogar ziemlich oft.

In den letzten drei Jahren gab es viele Veränderungen in Seans Leben.

Er hatte neue Freunde gewonnen. Nun war es nicht mehr nur der alte Angus, zu dem er eine nähere Beziehung außerhalb seiner Familie pflegte, sondern vor allem die Familie Burton, Arthurs Familie. Fiona, die Zofe seiner Mutter war doch tatsächlich Arthurs Mutter! Sean wusste zuvor nichts über ihre Familie, sie war ja nur eine Angestellte.

Nach seinem Ausflug damals in die Stallungen hatte Sean fieberhaft nach einer Möglichkeit gesucht, diesen sympathischen Jungen wiederzusehen. Etwas mutiger geworden, befragte er seine Eltern eines Tages zu den Kindern auf Dunnottar Castle.

„Warum interessieren dich plötzlich diese Kinder?“, hatte seine Mutter Raelyn ihn gefragt. „Du bist etwas Besseres, Sean.“

„Aber Mutter“, widersprach er zum ersten Mal, „Ich beobachte sie schon lange. Sie sind so fröhlich, besonders der eine Junge, der mit den halb langen blonden Haaren.“

„Ich habe keine Ahnung, wen du meinst“, sagte seine Mutter abwehrend.

Sean ließ enttäuscht den Kopf hängen.

Da trat unerwartet Raelyns Zofe zum Tisch, die während des Essens im Hintergrund auf Anweisungen ihrer Herrin gewartet hatte. Sie räusperte sich schüchtern und signalisierte damit, dass sie zu sprechen wünschte.

„Ja, Fiona?“, sprach die Lady von Dunnottar Castle gebieterisch.

„Mylady, wenn ich etwas dazu sagen darf: der junge Laird meint sicher meinen Jungen, Arthur.“ Damit knickste sie vor der Lairdschaft und senkte wieder den Blick.

„Ja genau! Arthur heißt er!“ Sean war aufgeregt von seinem Stuhl aufgesprungen und schaute erwartungsvoll zwischen seinen Eltern und der Zofe hin und her.

„Setz dich, Junge.“ Sein Vater Alistair hatte streng das Wort ergriffen. „Was ist das für eine Aufregung? Und woher kennst du denn den Namen des Jungen?“

Die dunkelbraunen Augen des Lairds strahlten eine Mischung aus Neugier, Belustigung und Zorn aus.

Sean schoss die Schamröte ins Gesicht. Mist! Jetzt habe ich mich doch verraten. Mühsam suchte er nach einer Antwort: „Ähm… Ich war einmal mit Maiga auf dem Hof und die Kinder spielten gerade. Und da ist zufällig sein Name gefallen. Darf ich ihn kennenlernen? Bitte! Er ist doch der Sohn von Fiona und wir mögen Fiona.“

Man konnte in Raelyns Gesicht deutlich erkennen, dass sie zwiegespalten war. Sie schätzte Fiona als eine durchaus ehrbare und anständige Person ein und sie respektierte diese Frau als ihre Zofe, doch trotzdem gehörte sie zum einfachen Volk.

„Ich werde es mir überlegen und jetzt Ende der Diskussion“, ertönte die ernste Stimme der Lady.

„Vielen Dank, Mutter.“

Sean freute sich sehr über diesen kleinen Triumph und wusste, dass dieses Thema noch nicht beendet war. Er fragte höflich, ob er sich entfernen dürfe und ging vergnügt zu seinem Zimmer. Fiona, die sich wieder im Hintergrund hielt, lächelte. Sie mochte Sean und würde sich über eine Freundschaft der beiden Jungen freuen. Alistair lächelte ebenfalls. Er war erstaunt über den aufkommenden Mut seines Sohnes, gegen seine Mutter zu rebellieren. Alistair befand sich seinerseits nicht völlig im Einklang mit der Erziehungsweise seiner Gemahlin und wünschte sich für seinen Sohn schon seit Längerem mehr Freiheiten und Selbstbestimmung. Schließlich würde Sean einmal der Laird von Dunnottar Castle sein. Doch Alistair fehlte oft selbst der Mut, seiner Gattin zu widersprechen.

Als sich ein paar Tage später die Familie McCunham beim Mittagsmahl traf, verkündete Seans Mutter mit gemischten Gefühlen: „Also gut, Sean, du darfst dich mit Fionas Sohn treffen, aber nur unter Aufsicht, versteht sich.“

Sean stand vor Staunen der Mund offen.

„Danke!“

Sean sprang auf, umarmte seine überrumpelte Mutter und dann seinen Vater, der sich über die stürmische und ungewohnte Vertrautheit seines Sohnes freute.

Raelyn strich ihr Kleid glatt, nestelte an ihrer Frisur herum und sagte streng: „Aber jetzt wird gegessen.“

***

Die Treffen der Jungen, die sich als sehr bereichernd für beide erwiesen, wurden immer häufiger und zunehmend länger, und es entwickelte sich eine innige Freundschaft zwischen Sean und Arthur. Obwohl die Jungen unterschiedliche Charaktere hatten, entdeckten sie doch viele Gemeinsamkeiten in ihren Interessen und Meinungen. Seans eher zurückhaltende und durchdachte Art ergänzte sehr gut Arthurs Verwegenheit, die ihn in so manche unangenehme Situation geraten ließ. Besonders an seinem Freund gefiel Sean dessen Humor. So viel wie mit Arthur hatte Sean noch nie zuvor gelacht.

Zuerst durften sich die Jungen nur im Palais treffen, unter der Aufsicht von Maiga oder Fiona, aber Seans Eltern wurden mit der Zeit immer großzügiger. Besonders Seans Mutter bemerkte bald, wie gut dieser Kontakt ihrem Sohn tat. Sean wirkte nun deutlich fröhlicher und aufgeschlossener und das rührte ihr sonst so verstocktes Mutterherz sehr. So durften die Jungen bald, gemeinsam mit der Aufsichtsperson, auf dem Burggelände spazieren gehen und sich sogar in den Stallungen aufhalten. Dass Arthurs Vater Tevin der Stallmeister der Burg war, entpuppte sich hierbei als glückliche Fügung, da auch er die Kinder beaufsichtigen dufte. Die Stunden bei den Pferden waren den Jungen die liebsten. Hier hatten sie sich schließlich kennengelernt und auch Arthur mochte die Tiere sehr. Sean durfte Tevin auch bei der Stallarbeit helfen, was für einen Adligen undenkbar war, und er genoss diese körperliche Tätigkeit sehr. Natürlich musste er sich danach sofort umziehen und gründlich waschen, da seine Mutter diesen grässlichen Mistgeruch verabscheute.

Der Umgang mit den einfachenMenschen bewirkte, dass sich Seans Persönlichkeit und Selbstwertgefühl mehr und mehr entfalten konnten. Er wurde allgemein lockerer und selbstsicherer in seinem Auftreten, und mutiger. So traute er sich immer mehr gegenüber seinen Eltern und forderte vermehrt seine Bedürfnisse und Wünsche ein. Es bereitete ihm fast keine Bauchschmerzen mehr, als er sie schließlich darum bat, auch einmal Arthurs Familie besuchen zu dürfen. Er war zuvor, außer bei Angus, nie in einer Wohnung der Angestellten gewesen. Alistair hatte nichts dagegen, aber Raelyn befürchtete, dass ihr Sohn die höfischen Umgangsformen und das gute Benehmen verlernen würde. Eine Weile sträubte sie sich gegen diesen Vorschlag, doch Seans Drängen wurde immer energischer und auch Fiona redete ihr gut zu.

So kam es, dass Fiona eines Tages den jungen Laird mit zu sich nach Hause nehmen durfte. Sean wurde ab diesem Tag ein häufiger und gern gesehener Gast im Hause Burton und Seans Mutter behielt ihre Bedenken fortan für sich.

Für Sean war es sehr interessant und aufschlussreich, Arthurs Familie kennenzulernen. Er bekam dadurch immer mehr mit, wie es Menschen ging, die in weniger Reichtum als er und seine Familie lebten. Er spürte, dass sie ein bewussteres Leben führten und die Dinge, die sie hatten, mehr schätzten. Arthur musste nicht so auf die Etikette achten wie er selbst und wirkte dadurch wesentlich freier. Gutes Benehmen stand bei der Familie Burton nicht an oberster Stelle, obwohl sie sich gegenseitig und auch dem Laird gegenüber als sehr respektvoll erwiesen. Durch die zahlreichen angenehmen Stunden im Hause Burton entwickelte Sean immer mehr Argwohn gegenüber seinem Stand als Adeliger und fühlte sich zunehmend zu den einfachen Menschen hingezogen.

Die Zeit verging und Sean hatte die Burtons sehr ins Herz geschlossen. Er lernte auch Fiona viel besser kennen, die er bis jetzt nur als zurückhaltende Zofe seiner Mutter erlebt hatte. Im Haus des Stallmeisters entpuppte sie sich als liebenswürdige, warmherzige und starke Frau sowie hingebungsvolle Mutter. Sean ertappte sich manchmal dabei, wie er sich vorstellte, dass Fiona seine Mutter wäre. Sie hatte immer ein offenes Ohr für ihre Kinder und nun auch für Sean. Fiona vermittelte ihm das Gefühl, wirklich willkommen zu sein und schenkte ihm ihre ganze Aufmerksamkeit, obwohl sie im Palais, im Haushalt und mit den Kindern genug zu tun hatte. Am meisten beeindruckte ihn, dass sie überhaupt nicht selbstsüchtig war. Sie opferte sich bedingungslos für ihre Mitmenschen auf. In der Familie McCunham waren alle ziemlich egoistisch, fand Sean.

Auf ihre eigene Art war seine Mutter Raelyn auch liebenswürdig, aber sie schien meist mit den Gedanken woanders zu sein und kränkelte viel. Bei ihr drehte sich alles um ihre Gesundheit und um das Verhalten als privilegierte Person. Und Seans Vater hatte meistens keine Zeit für ihn. Seine Großmutter war zwar sehr lieb, aber doch auch oft mit sich selbst beschäftigt.

Weiterhin staunte Sean jedes Mal wieder darüber, wie liebevoll Arthurs Eltern miteinander umgingen. Hier spürte er nicht die Mauer der Etikette und Höflichkeit, die zwischen seinen Eltern existierte. Bei Fiona und Tevin wirkte alles sehr herzlich und natürlich. Sean konnte spüren, dass sich diese zwei Menschen sehr mochten.

Neben einem liebevollen Elternhaus hatte Arthur noch etwas, was sich Sean sehnlichst wünschte: Geschwister. Arthurs siebzehnjähriger Bruder Rory sollte traditionell nach Tevin der nächste Stallmeister werden, doch Sean hatte von Anfang an begriffen, dass der verträumte Jugendliche nicht für diese Arbeit geboren war. Er zeigte keinerlei Begeisterung für die Tiere und ging nur lustlos und widerwillig mit seinem Vater in den Stall. Sean beobachtete des Öfteren, wie sich Vater und Sohn stritten, weil Rory nicht gründlich und schnell genug arbeitete.

Und dann gab es noch Shona, Arthurs Zwillingsschwester. Sie hatte das gleiche blonde Haar wie Arthur, Rory und Fiona und trug es meist in zwei langen geflochtenen Zöpfen. Nur am Sonntag, wenn die Familie Burton mit in die Kapelle zum Gottesdienst ging, war ihr Haar zu einem Kranz geflochten.

Shona überragte den zwei Jahre jüngeren Sean und erreichte fast Arthurs Größe. Sie war aufgeweckt und lustig wie ihr Zwillingsbruder und strahlte viel Selbstvertrauen und Lebensenergie aus. Sie half ihrer Mutter fleißig im Haushalt, aber wann immer sie Zeit hatte, ging sie zu den Ställen. Shona liebte Pferde und teilte somit diese Leidenschaft mit Sean. Als Tochter des Stallmeisters durfte sie beim Versorgen der Tiere helfen und sie konnte sogar reiten, was für einfache Mädchen eigentlich nicht üblich war.

Sean sah oft neidisch zu, wie liebevoll die drei Burton-Geschwister miteinander umgingen und wie eng ihre Verbindung zueinander war, besonders die der beiden Zwillinge. Sie waren enge Vertraute und konnten sich, wenn nötig, auch als Einheit gegen ihre Eltern behaupten. Natürlich gehörten auch kleinere Streitigkeiten dazu, aber die Kinder versöhnten sich meistens schnell wieder. Sean hatte niemanden, mit dem er sich gegen seine Eltern verbünden konnte. Doch nun, da er ein enger Freund von Arthur war, wurde er quasi mit in die Familie aufgenommen. Und das tat sehr gut.

Eines Tages erzählte Arthur seinem Freund, dass er noch einen Bruder habe: Jamie. Dieser war das älteste Burton-Kind und jetzt achtzehn Jahre alt. Er sollte eigentlich nach Tevin der Stallmeister von Dunnottar Castle werden, denn so gebot es die lange Tradition der Familie Burton. Doch Jamie schlich sich vor über zwei Jahren des nachts davon und wurde seitdem nicht wieder gesehen. Tevin suchte ihn verzweifelt mit ein paar Freunden ganze drei Tage lang, doch erfolglos. Fiona war am Boden zerstört gewesen und alle fragten sich, warum der Junge weggelaufen war und wo er sich nun aufhielt. Lebte er überhaupt noch?

Nach dieser Enthüllung war Sean sehr erschüttert gewesen und dachte oft an diesen Bruder. So etwas würde er seinen Eltern nie antun, sagte er sich. Er versuchte sich vorzustellen, wie Jaimie aussah und was er jetzt wohl machte. Dass er tot war, wollte Sean nicht glauben.

Drei weitere Monate später und Dank Seans unerbittlichem Drängen, wurde es Sean und Arthur schließlich gestattet, sich für kurze Zeit ohne Aufsicht auf dem Burggelände zu bewegen. Sean musste allerdings versichern, dass er dabei einen Bogen um die anderen Kinder machte, die wirklich kein guter Umgang waren.

Diese neue Freiheit war für Sean wie eine Offenbarung, denn er nahm so das Burggelände ganz anders und viel intensiver wahr. Die Luft wirkte nun frischer, die Gebäude beeindruckender, die Wege steiniger und die Pflanzen grüner. Und die unerreichbare Krone des Eichbaums strahlte eine neue Faszination aus.

„Ich bin schon oft da hochgeklettert“, prahlte Arthur, als Sean wieder einmal sehnsüchtig am Baum emporblickte. „Ist ganz einfach. Soll ich es dir zeigen?“

Verblüfft nickte Sean und schaute staunend zu, wie sein Freund den Stamm hochkletterte und sich an den niedrigeren Ästen emporhangelte. „Wie kannst du so klettern? Das schaffe ich nie!“

„Versuchs doch mal! Soll ich dir helfen?“

In den nächsten Tagen war nun die Eiche das Ziel ihrer Streifzüge und Sean lernte Stück für Stück, mit Arthurs Hilfe, den Baum zu erklimmen. Besonders schwierig war dabei, dass er sich nicht schmutzig machen durfte. Sean erreichte zwar nie denselben Grad von Arthurs Kletterkunst, war aber trotzdem mächtig stolz auf seine neuen Fähigkeiten.

Anfangs fühlte sich Sean noch beobachtet, wenn er mit Arthur draußen war (und seine Mutter tat dies wirklich, zum Glück nie, wenn Sean am Baum übte), aber da nach seinen Ausflügen selten irgendwelche negativen Kommentare von seinen Eltern kamen, wurde er immer mutiger. Die Jungen entwickelten neue Spiele, wie das Versteckspiel auf dem Kirchhof zwischen den Gräbern und sie trauten sich, Pasteten oder andere Leckereien aus der Küche zu stehlen. Die anderen Kinder mieden Sean und nun auch Arthur, weil sie meinten, dass sie sich für etwas Besseres hielten. Doch Arthur schien das egal zu sein.

Eines Tages nahm Sean seinen Freund mit in die Bibliothek. Arthur war sofort begeistert und staunte über diese Fülle an Büchern.

„So viele Bücher! Die kann ich ja gar nicht zählen! Wer hat die alle gesammelt?“, fragte Arthur, der zuvor nur die Bibel gesehen hatte.

„Mein Ururgroßvater. Er liebte Bücher.“

„Kannst du die lesen? Keiner aus meiner Familie kann lesen. Meine Eltern erzählen uns immer die biblischen Geschichten und schottische Sagen.“

„Ja, ich kann lesen. Sehr gut sogar!“, prahlte Sean und war froh, auch einmal etwas besser als Arthur zu können.

„Ach quatsch, du lügst!“, sagte Arthur. Ungläubig zog er ein beliebiges Buch aus dem Regal heraus und gab es Sean. „Los! Lies!“

Dann hörte er erstaunt zu, wie sein Freund tatsächlich aus dem Buch vorlas. Arthur war so fasziniert, dass er unbedingt auch lesen lernen wollte. Begeistert davon, seinen Freund mit der Faszination für Bücher angesteckt zu haben, brachte Sean Arthur ab diesem Tag das Lesen bei. Arthur war kein dummer Junge und begriff schnell. Es machte beiden viel Spaß, die Fortschritte mitzuerleben und bald konnte auch Arthur leichtere Passagen vorlesen.

Weiterhin verbrachten die Jungen einen Großteil ihrer Zeit bei den Pferden und Seans Wunsch, selbst reiten zu können, wurde immer größer. Besonders, weil Arthur als Sohn des Stallmeisters auch reiten konnte. Als Sean wieder einmal Shona beim Reiten zusah, wurde er wütend und eilte aufgebracht auf direktem Weg zu seinen Eltern.

„Mutter, Vater, ich muss unbedingt reiten lernen! Sogar Shona kann das und sie ist ein Mädchen!“

Alistair und Raelyn McCunham saßen gerade im Speisesaal und genossen ihren Nachmittagstee. Sie hatten seit einiger Zeit die Abmachung, dass ihr Sohn nicht mehr unbedingt bei dieser Zeremonie dabei sein musste.

„Sean, setz dich doch erst einmal“, sprach Raelyn verwirrt aufgrund seines stürmischen Auftretens. Sie war gerade in Gedanken ganz woanders gewesen. Sean setzte sich brav und sammelte sich.

„Nun der Reihe nach, Sohn“, erklang die tiefe, sonore Stimme von Alistair.

„Also, wie ich bereits gesagt habe: ich muss jetzt reiten lernen!“, sagte Sean noch einmal.

Seine Eltern blickten sich an.

Raelyn verdrehte die Augen. „Sean, das hatten wir doch schon: es ist zu gefährlich. Ich wüsste nicht, was ich machen sollte, wenn dir etwas geschieht. Du bist unser einziges Kind.“

„Ja, Mutter, ich weiß. Aber ein richtiger Junge kann reiten und außerdem liebe ich Pferde! Vika ist ganz sanft und würde mich nie abwerfen. Bitte, Mutter!“

Sean war ganz aufgelöst.

Jetzt schaltete sich sein Vater ein. Seine Stirn stand in Falten. Wie konnte er hier vermitteln? Er war schon lange insgeheim der Meinung, dass sein Sohn reiten lernen sollte und nun sagte er zu seiner Gemahlin: „Meine Sonne. Irgendwann muss der Junge es lernen, das gehört sich nun einmal so. Wisst ihr was? Ich werde es ihm selbst beibringen. Dann bin ich dabei und kann ihn vor Unfällen schützen.“

„Au ja, Vater! Ihr seid zu gnädig. Wann fangen wir an?“ Aufgeregt hüpfte Sean um den langen Eichentisch.

Seine Mutter war völlig überrascht. Konnte ihr Gemahl das ernst meinen? Nach längerem innerem Ringen sprach sie, über sich selbst verblüfft: „In Ordnung, meinetwegen. Aber ihr müsst mir versprechen, äußerst vorsichtig zu sein.“

Und das versprachen beide.

Ab diesem Tag übten Vater und Sohn gemeinsam jeden freien Nachmittag. Sean hatte sich am Anfang schwergetan, sich in den Rhythmus seines Pferdes Vika einzufinden. Auch empfand er es als äußerst anstrengend, das Gleichgewicht zu halten und das Tier mit den Schenkeln zu lenken. Sie macht ihrem Namen, der Siegerin bedeutet, alle Ehre, dachte er dabei häufig.

Nach so einem Nachmittag taten ihm meistens die Beine und der Rücken weh. Aber Sean blieb hartnäckig, und sein Vater war sehr geduldig. Als es leichter ging, konnte Sean das Reiten zunehmend genießen.

„Vater, ich kann fliegen!“, schrie er eines Tages von Vikas Rücken aus und Alistair klatschte begeistert in die Hände.

„Ja, Sean. Du machst das wunderbar!“, rief er stolz seinem Sohn zu. Auch Alistair fühlte sich plötzlich leichter.

Sean durfte nun allein weiter üben und es machte ihm viel Spaß. Leider stand der Winter vor der Tür und es wurde zunehmend kälter. Sean konnte bald nur noch selten seine Runden auf Vika über den Burghof drehen.

Doch an einem sonnigen Nachmittag im Dezember sattelte Sean sein Pferd und trabte zum Haus der Burtons. Fiona hörte einen Reiter, schaute aus dem Fenster und bemerkte, dass es Sean war. Sie freute sich immer, wenn der Junge kam. Sie mochte ihn sehr gern. Als sie die Tür öffnete, hatte Sean sein Pferd schon angebunden. Seine Kapuze war verrutscht und ganz außer Atem trat er näher.

„Sean, was ist denn los?“, wollte Fiona ihn fragen, aber dieser hatte bereits die schweren Winterstiefel abgestreift, war ins Haus geschlüpft und die Treppe zum Zimmer der Zwillinge hoch gerannt. Fiona fragte sich kopfschüttelnd, was die Kinder wieder ausheckten.

„Hier, lies das!“, forderte Sean Arthur aufgeregt auf und zeigte ihm ehrfurchtsvoll ein Buch. Arthur, der gerade träumend auf seinem Bett gelegen hatte, schreckte hoch: „Was ist denn, Sean? Musst du mich so erschrecken?“

Sean fuchtelte immer wieder mit einem dünnen Buch vor seiner Nase herum. Als er das erstaunte Gesicht seines Freundes erblickte, beruhigte er sich etwas. „Hier, ich habe ein geheimnisvolles Buch in der Bibliothek gefunden. Du glaubst nicht, was da geschrieben steht!“

Drei

- 1689 -

„Mei…ne R…Reise mit Fran…cis Dra…ke - mein grö…ßtes Aben...teu.er“,

las Arthur stockend.

„Soll ich weiterlesen?“, fragte Sean vorsichtig.

Nickend überreichte Arthur ihm das Buch und sagte schnell: „Handschrift kann ich noch nicht so gut lesen.“

Sean bemerkte, dass Arthur sich schämte und las schnell weiter:

„Am 15. November im Jahre 1577 ging es endlich los. Ich hatte auf der Pelican angeheuert, dem größten Schiff, auf dem ich jemals gewesen bin. Sie war eine niedrige Galeone mit drei Masten, hatte sieben Luken auf jeder Seite und vier im Bug und konnte 100 Tonnen laden. Es waren allerlei Waffen und Munition an Bord, 14 Kanonen unter Deck und zwei Kanonen im Bug. Die Mannschaft bestand aus 70 Seeleuten. Neben unserem Schiff, dem Flaggschiff, fuhren noch vier weitere Schiffe in der kleinen Flotte: die Elisabeth, die Marigold, die Swan und die Christopher. Insgesamt waren wir 164 Männer, die von dem bekannten Seefahrer Francis Drake befehligt wurden. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Welt zu umsegeln und wir waren verrückt genug, uns seinem Vorhaben anzuschließen.

Es war strahlend blauer Himmel, als wir um fünf Uhr nachmittags die Segel setzten und aus der Bucht von Plymouth4 fuhren. Doch als wir immer weiter Richtung Südwesten segelten, zogen plötzlich tiefschwarze Wolken auf und es entwickelte sich ein Sturm, der größer war als alle, die ich je erlebt hatte. Also mussten wir so kurz nach unserem Start im Hafen von Falmouth5 Schutz suchen. Doch der Sturm war so gewaltig, dass wir von unserem Schiff und der Marigold die Masten kappen mussten. So fuhren wir dreizehn Tage nach Beginn unserer Reise wieder in unseren Heimathafen, um alles reparieren zu können…“

„Eine Weltreise! Wie aufregend! Sie mussten die Masten kappen!“ Arthur war ganz Feuer und Flamme. „Lies weiter!“

„…In dieser Zeit hatte ich die erste richtige Gelegenheit, unseren Generalkapitän näher kennenzulernen. Er überwachte die Arbeiten sehr genau und kannte sich in vielen Dingen gut aus. Auch auf unserer späteren Reise, die immerhin fast drei Jahre dauern sollte, bemerkte ich, dass Francis Drake in sämtlichen seefahrerischen Angelegenheiten sehr bewandert war. Er kannte sich außerdem in militärischen und medizinischen Dingen gut aus. So rettete er uns mehrmals das Leben.

Er hatte ein glänzendes Gedächtnis und eine vorzügliche Beobachtungsgabe. Francis Drake redete viel, auch mit Männern, die keine hohe Position einnahmen. Aber vielleicht sollte ich zuerst sein Äußeres beschreiben. Auf seinem untersetzten Körper mit den kräftigen Gliedern saß ein runder Kopf, den braunes Haar und ein Vollbart schmückten. Seine schönen Augen blickten meist hell und fröhlich daher und suchten stets den Augenkontakt des Gegenübers. Francis Drake benahm sich sehr menschlich, auch gegenüber seinen Gefangenen. Er mochte Musik und malte neu entdeckte Arten von Pflanzen und Tieren gern mit Wasserfarbe nach.

Aber wie jeder Mensch hatte er neben seinen vielen guten Eigenschaften auch diejenigen, die seinen Mitmenschen nicht gefielen. So war unser Kapitän arrogant und prahlerisch. Außerdem stellte er eine gewisse Wankelmütigkeit bei Freundschaften zur Schau und war sehr anfällig gegenüber der öffentlichen Meinung. Dass er bei dem Beginn dieses großen Abenteuers erst 33 Jahre alt war, zeigte allerdings, welche großen Fähigkeiten und Erfahrungen unser Kapitän aufwies. Ich hörte ihn einmal sagen, dass er bereits mit dreizehn Jahren mit der Schifffahrt begonnen hatte. Er war am Fluss Medway6 im Südosten Englands als Sohn eines puritanischen Schiffskaplans aufgewachsen…“

„Hast du schon einmal etwas von ihm gehört oder gelesen?“, fragte Arthur unvermittelt.

„Nein, aber er muss damals sehr bekannt gewesen sein“, antwortete Sean.

„…Als dann schließlich alles zur Zufriedenheit unseres Generalkapitäns war, konnten wir am 13. Dezember zum zweiten Mal starten. Nun ging es besser voran und wir fuhren an den Kapverdischen Inseln vorbei nach Südamerika…“

Sean blätterte einige Seiten weiter.

„Dann beschreibt der Autor die Fahrt über den Atlantischen Ozean. Er schreibt, dass er noch nie so lange ohne Land gefahren war und oft Angst hatte“, erklärte Sean.

„…In Brasilien sind wir ein Stück den großen Fluss Rio de la Plata hinauf gesegelt, um unsere Vorräte aufzufüllen. Unsere Hauptprobleme bei der Reise stellten sich schnell heraus: das Wetter, die Besorgung von frischem Trinkwasser und das Zusammenhalten der Flotte.

Auf dem Fluss fanden wir mehrere Felseninseln, auf denen eine große Anzahl von Robben lagerten. Sie waren nicht scheu und wir konnten etliche von ihnen töten. Aus meiner Heimat wusste ich, wie gut ihr Fleisch schmeckt und freute mich sehr, dass wir einige von ihnen als Proviant für unsereWeiterreise verwendeten.

Wir fuhren weiter nach Südwesten an der Küste entlang. Auf einer unserer Landungen am Festland, um wieder Trinkwasser aufzufüllen, kamen uns eines Tages Eingeborene entgegen.

Sie waren von großer Anmut, sauber, kräftig gebaut und hatten Federn im Haar. Bis auf einen Lendenschurz waren sie nackt. Sie trugen ihr Haar sehr lang und damit es sie nicht behinderte, war es mit einer Rolle aus Federn der großen Laufvögelhochgesteckt. Die Eingeborenen hatten ihre Körper mit verschiedenen Farben in vielfältigen Mustern bemalt. Einige schmückten ihr Gesicht mit Schwefel oder Ähnlichem, andere malten ihren ganzen Körper schwarz und nur ihr Hals war vorn und hinten frei gelassen. Sie beteten Sonne und Mond an und waren sehr schnell zu Fuß…“

„Hast du so etwas schon mal gehört? Menschen, die sich den Körper bemalen und mit Federn schmücken! Außergewöhnlich! Lies weiter!“, staunte Arthur.

„…Wir fuhren immer weiter nach Süden, um die berühmt-berüchtigte Magellanstraße zu durchqueren, die Durchfahrt zum Pazifik, dem größten entdeckten Ozean. Sie war nach dem berühmten Seefahrer Ferdinand Magellan benannt, dem Vorbild unseres Kapitäns. Magellan hatte die erste Weltumseglung absolviert. Bei dieser Passage musste Drake sein ganzes Können zeigen. Neben großen Stürmen und widrigen Winden machten uns die vielen Krümmungen und Engpässe der Wasserstraße stark zu schaffen. Oft dachte ich, dass wir nicht weitersegeln könnten. Das Land auf beiden Seiten war sehr hoch und gebirgig…“

„Hier beschreibt er noch eine Weile die Schwierigkeiten der Durchfahrt“, erklärte Sean und blätterte weiter.

„…Kurz vor dem Pazifik zeigten sich unzählige Inseln und weil kein eindeutiger Weg sichtbar war, ruderte unser Kapitän mit ein paar Männern in Booten herum, um die Möglichkeiten einer Durchfahrt zu erkunden. Es war alles sehr nervenaufreibend, aber Drake ermutigte uns immer wieder.

Endlich erreichten wir den Pazifik und segelten die Westküste Südamerikas hinauf. Und wieder kamen wir in einen großen Sturm. Zu unserem großen Bedauern verloren wir die Marigold und wurden stark nach Süden abgetrieben. Wir entwickelten Todesangst, so dass sich die Mannschaft der Elisabeth entschied, nach England zurückzukehren. Als der Sturm endlich vorbei war, blieb unser Schiff, das Drake in Golden Hind umbenannte, allein zurück. Wir hatten einen Anker verloren und waren entsetzlich erschöpft von den Strapazen…“

„Die haben Mut! Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das sein muss, auf einem Schiff in einen Sturm zu kommen!“, kommentierte Arthur.

„…An der Küste von Peru suchten wir einen Platz, um auszuruhen und Lebensmittel sowie frisches Wasser aufzunehmen. Wir waren noch nicht lange vor Anker, als wir in einen gemeinen Hinterhalt gerieten. Die dort lebenden Eingeborenengriffen uns hinterrücks an und verletzten einige Männer von uns, Francis Drake dabei schwer. Unser erster Schiffsarzt wurde sogar getötet. Die Eingeborenen hielten uns für Spanier, die Leute, die sie jahrelang unterdrückt hatten. Deshalb waren sie uns so feindlich gesinnt…“

Arthur riss die Augen auf. Er war sprachlos.

„…Unser Kapitän erholte sich zu unser aller Glück wieder und wir konnten weitersegeln. Wir kamen an Valparaiso vorbei. Die Küste war steil und wir suchten ständig nach Nahrungsmitteln und Trinkwasser…“

„Hier beschreibt er die anstrengende Suche nach den Dingen, die sie so dringend für ihre Weiterreise brauchten. Sie kamen dabei immer wieder in Kontakt mit Eingeborenen. Aber Francis Drake und seine Mannschaft waren ihnen gegenüber sehr misstrauisch. Der Autor beschreibt, dass es eine äußerst strapaziöse Fahrt war und sich die Seeleute ständig neuen Gefahren stellen mussten.“

Sean übersprang ein paar Seiten.

„…Bei der Insel Caines gerieten wir in ein starkes Erdbeben, was wir auch auf unserem Schiff extrem spürten. Besonders schlimm aber empfand ich den Kälteeinbruch, der uns bald ereilte. Wir waren nördlich von Guatulco7. Es war gerade Juni, als die Temperaturen plötzlich von großer Hitze in schneidende Kälte umschlugen. Das Fleisch gefror sogleich, nachdem wir es vom Feuer genommen hatten. Die Taue und Takelwerke waren so steif, dass die Arbeit, die sonst drei Männer leisten konnten, nun sechs Männer und nur mit großer Anstrengung bewältigen konnten. Die Mannschaft war enorm niedergeschlagen, aber unser Kapitän ermutigte uns ohne Unterlass und gab uns Hoffnung…“

„Das muss hart gewesen sein“, sagte Arthur kurz. Er wollte schnell weiter hören.

„…Als wir vom Land aufbrachen und Richtung offenes Meer segelten, wurde es wärmer…“

„Weiter geht es um die Überfahrt über den Pazifischen Ozean“, erwähnte Sean. Einige Seiten später las er weiter.

„…Nach 68 Tagen ohne Land zu sichten kamen wir schließlich zu den vier Gewürzinseln8. Der König einer der Inseln war sehr freundlich zu uns und versorgte uns reichlich mit Lebensmitteln…“

Wieder blätterte Sean weiter.

„…Als Nächstes gingen wir vor einer kleinen Insel südlich von Celebes9 vor Anker. Wir verbrachten ganze 26 Tage dort, weil wir einige Reparaturarbeiten zu erledigen hatten. Wir bauten eine Schmiede, um notwendige Eisenteile für das Schiff herzustellen. Dafür mussten wir viel Holzkohle brennen. Die Insel verfügte über ausreichend Lebensmittel und generell gute Lebensbedingungen. So konnten sich unsere erschöpften und kranken Seeleute wieder vollständig erholen.

Die Insel war komplett bewaldet und verfügte über allerhand merkwürdiges Getier. So gab es unzählige Fledermäuse, welche teilweise größer als ausgewachsene Hühner waren und eine erstaunliche Geschwindigkeit aufzeigten. Es sah seltsam aus, wie sie in Trauben kopfüber an den Bäumen hingen.

Ebenso große Mengen fanden wir auch von Riesenkrebsen, die so groß waren, dass bei einer Mahlzeit vier hungrige Männer allein von einem Tier satt wurden. Sie wohnten an Land und hatten Baue so ähnlich wie Kaninchen. Wegen diesen Tieren nannten wir unseren derzeitigen Aufenthaltsort die Krebsinsel.

Aber die für mich erstaunlichsten Lebewesen waren leuchtende Würmer, die nachts als feuriger Schwarm durch die Luft flogen. Ich hatte vorher noch nie leuchtende Tiere gesehen und die glitzernde Pracht faszinierte mich…“

Hier hatte Sean etwas zu sagen: „Diese Würmer würde ich gern einmal sehen. Stell dir vor: sie fliegend und leuchten! Aber jetzt hör zu: es wird noch spannender.“

„…Nun komme ich zum interessantesten Teil meiner Reise. Als ich nämlich eines Tages wieder einmal beim Holz holen war, entdeckte ich eine Höhle am Meer. Mir hatte die Felsformation gut gefallen und deshalb bin ich etwas auf den Felsen herumgeklettert. Neugierig ging ich in die Höhle hinein, soweit das Tageslicht mir leuchtete. Ich wollte bereits umkehren, weil es doch zu dunkel wurde, da spürte ich etwas Hartes an meinem rechten Fuß. Erschrocken trat ich einen Schritt zurück. Doch da es sich nicht bewegte, näherte ich mich dem Gegenstand wieder. Es war eindeutig kein Felsen. Ich blinzelte, damit ich besser sehen konnte und erkannte schließlich, dass es sich um eine große Truhe handelte.

Ich machte mich gleich daran, sie zu öffnen. Zum Glück war das Schloss so verrostet, dass es nach einiger Mühe doch aufging. Als ich den schweren Deckel öffnete, erschrak ich. Die Truhe war bis oben hin mit Goldmünzen gefüllt! Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Automatisch fing mein Gehirn an zu arbeiten. Was sollte ich nur mit dem ganzen Gold machen?

Ich hatte keine Lust, es durch so viele Teile zu teilen, wie wir Männer auf dem Schiff waren. Also entschloss ich mich nach langem Hin und Her schweren Herzens, mir die Lage zu merken (1 Grad und 40 Minuten südliche Breite) und irgendwann noch einmal herzukommen. Ich war noch jung, meine Hoffnung darauf war groß. Ich versuchte, die Truhe noch ein Stück weiter in die Höhle zu schieben, aber sie war viel zu schwer! Nachdem ich mir eine Handvoll der Münzen in die Tasche gesteckt hatte und mir schwor, sie keinem Menschen zu zeigen, trat ich den Rückweg an, bei dem ich mich ständig umdrehte, um mir alles genau einzuprägen…“

Seanerinnerte sich an den Abend, als er das erste Mal von dem Schatz gelesen hatte und ein wohltuender Schauer durchfuhr ihn.

„Ein Schatz! Es wird ja immer besser!“, frohlockte Arthur. „Hat er die Lage der Höhle noch näher beschrieben?“

„Ja, ziemlich ausführlich sogar“, antwortete sein Freund und las ihm die Beschreibung vor. Arthur staunte und versuchte, sich die Felsen und die Höhle vorzustellen. Dann las Sean weiter.

„…Ich ließ mir bei meinen Kameraden wegen des Schatzes nichts anmerken, was eine große Herausforderung für mich war. Nachdem wir alles repariert und wieder das Nötigste geladen hatten, stachen wir erneut in See. Wir hatten eine lange Fahrt ohne Land vor uns, wir überquerten nämlich den Indischen Ozean. Zum Glück gelangten wir ohne größere Gefahren und Zwischenfälle zum Kap der Guten Hoffnung im Süden Afrikas. Dann segelten wir die Westküste des schwarzen Kontinents hinauf bis nach Sierra Leone. Und weiter ging es zu den Kanarischen Inseln.

Nach zwei Jahren, zehn Monaten sowie vielen Strapazen und Verlusten kamen wir am 26. September im Jahre 1580 wieder in unserem Heimathafen Plymouth an. Unser Kapitän wurde bei unserer Ankunft als Nationalheld gefeiert. Er genoss zu seiner großen Freude Ruhm in ganz Europa. Francis Drake wurde sogar 1581 Gastgeber der englischen Königin!

Ich hatte mich während der Fahrt vom Schiffsjungen zum 1. Steuermann des Kapitäns hochgearbeitet und bin ein guter Freund von Francis geworden. Dieser legte ein gutes Wort für mich beim Gesandten der Königin ein und so durfte ich zu meinem großen Erstaunen mit zu dem Treffen kommen. Ich war sehr aufgeregt!

Fast ohnmächtig vor Stolz betrat ich am 4. April mit Francis die Kapitänskajüte der Golden Hind und wartete auf Ihre Majestät, die Königin von England. Als Ihre Hoheit die Kajüte betrat, kniete ich mich etwas unbeholfen nieder, mein Freund weitaus geschickter neben mir. Königin Elisabeth I. sprach ein paar huldvolle Worte und zückte plötzlich ein Schwert. Sie schlug uns beide zum Ritter! Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte und stammelte irgendetwas Unverständliches. Mit zitternden Knien erhob ich mich wieder und traute mich nicht, in ihr Hohes Antlitz zu schauen. An diesem Abend haben wir ausgiebig gefeiert.

Sir Francis Drake, der durch seine Weltumseglung reich geworden war, (unter anderem weil wir unterwegs spanische Schiffe gekapert hatten), kaufte sich das Anwesen Buckland Abbey in Devonshire und wurde ein Landedelmann. Ich besuchte ihn einige Male dort und bin dann...“

„Und dann ist eine Seite herausgerissen worden, ich würde so gern wissen, wie es weitergeht“, sagte Sean nachdenklich.

„Was? Es fehlt eine Seite? Zeig mal her.“

Sean reichte Arthur das Buch und dieser untersuchte es genau.

„Weiter hinten steht noch etwas geschrieben. Hast du das auch gelesen?“

Sean antwortete aufgebracht: „Natürlich! Aber das ist nicht so spannend. Irgendwelche Gedanken über das Leben.“

„Schade“ sagte Arthur und gab Sean das Buch zurück.

Dann schwiegen beide Jungen eine Weile betreten. Die Geschichte hatte sie vollkommen gefesselt. Viele Fragen schwebten im Raum, eine drängte sich dabei in den Vordergrund. Arthur sprach sie schließlich aus:

„Ob er den Schatz jemals geholt hat?“

„Ich weiß es nicht. Ich würde zu gerne zu dieser Insel fahren und danach suchen“, entgegnete Sean.

Arthur nickte und fragte: „Weißt du, wer das Buch geschrieben hat?“

„Keine Ahnung. Wie kommt ein handgeschriebenes Buch in die Bibliothek?“

„Hm, wie heißen denn deine Ahnen? Es muss jemand sein, der im 16. Jahrhundert gelebt hat“, entgegnete Arthur.

„Ich kenne niemanden mit diesen Initialen. Ein Rätsel, dass ich wohl nie lösen werde.“ Sean ließ enttäuscht den Kopf hängen.

„Wer weiß?“, sagte Arthur aufmunternd.

Die zwei Freunde hatten bei ihrem Ausflug in die Vergangenheit völlig die Zeit vergessen. Draußen wurde es bereits dunkel und Sean musste nach Hause. Behutsam steckte er das Buch in seine Jacke, verabschiedete sich von Arthur und seiner Familie, zog seine Wintersachen an und ritt heim zum Palais.

Beide Jungen träumten in dieser Nacht vom Seefahren und vom Schatz finden.

Vier

- 1690 -

Dasneue Jahr begann genauso eisig wie das alte aufgehört hatte. Bis weit in den April hinein plagte der Winter die Bewohner der schottischen Highlands.

Sean und Arthur nutzten die Zeit im Haus, indem sie gemeinsam Bücher lasen, denn das Thema Meer und Seefahrt ließ sie nicht mehr los. Sie suchten alle Bücher aus der Bibliothek heraus, die irgendetwas damit zu tun hatten. Sean war wieder einmal fasziniert davon, welche Vielzahl an Büchern sein Vorfahre gesammelt hatte.

Beiläufig fragte er seinen Freund eines Tages:„Was ist das nun eigentlich für ein Stein an deinem Hals? Warum machst du so ein großes Geheimnis darum?“

Der glänzende, rötliche Stein war Arthur immer wieder einmal aus dem Kragen gerutscht und Sean hatte ihn dann kurzzeitig bewundern können. Wenn er ihn danach fragte, wich Arthur immer aus oder antwortete mit einer Gegenfrage, so auch jetzt: „Warum willst du das wissen?“

„Es interessiert mich eben!“, entgegnete Sean schmollend. „Bitte, Arthur! Wir wollten doch keine Geheimnisse voreinander haben.“

„Wer sagt das? Nur weil dein Leben langweilig ist, muss ich dir alles erzählen?“

Das war gemein. Arthur bemerkte zwar, dass er etwas Ungerechtes gesagt hatte, wollte aber nicht nachgeben.

„Mein Leben soll langweilig sein? Wenn du wüsstest!“, entgegnete Sean entrüstet. „Wenn du mir nichts über deinen blöden Stein sagen willst, bitte.“

Sean schaute beleidigt aus dem Fenster.

„Er ist nicht blöd!“, sagte Arthur schnippisch und machte sich abrupt daran, nach Hause zu gehen.

Sean wollte ihn daran hindern, ließ es dann jedoch resigniert bleiben und schaute seinem Freund traurig zu, wie dieser seinen Mantel anzog und zur Tür ging. Arthur hielt kurz inne, mit der Klinke in der Hand, doch dann schlüpfte er ohne einen Gruß oder Blick hinaus.

Dies war das erste Mal, dass sich Sean und Arthur richtig gestritten hatten. Stur, wie sie beide waren, herrschte die nächste Zeit Funkstille. Sean fragte sich ständig, warum Arthur so eigenartig reagiert hatte. Um nicht an Arthur denken zu müssen, las Sean weiter fleißig Bücher und flüchtete in seine Fantasiewelt.

Zu seiner großen Freude fand er Texte zur Geschichte von Dunnottar Castle. Zu gerne hätte er sie seinem Freund gezeigt oder vorgelesen, aber sein Stolz ließ nicht zu, dass er den ersten Schritt auf Arthur zuging. Also studierte Sean die Schriften allein.

Er fand heraus, dass die Burg im Jahr 1296 vom englischen König Edward I. eingenommen wurde. Ein Jahr später eroberte sie der schottische Nationalheld William Wallace zurück. Danach kam es auf der Burg immer wieder zum Herrschaftswechsel zwischen Engländern und Schotten, bis nach der Schlacht von Bannockburn im Jahr 1314 durch einen weiteren schottischen Helden - Robert the Bruce - endlich Ruhe einkehrte, da er als Robert I. schottischer König wurde.

Sean war überrascht, dass im 16. Jahrhundert die schottischen Reichsinsignien auf Dunnottar Castle aufbewahrt wurden, also das Schwert, das Zepter und die Krone des Königs. So wichtig war sein Zuhause! Außerdem konnte das Castle zwei Besuche schottischer Könige verzeichnen. 1562 hielt sich Königin Maria Stuart auf Dunnottar Castle auf und 1580 König James I.

1651 herrschte Bürgerkrieg auf den Britischen Inseln und der Feldherr des Parlamentsheeres Oliver Cromwell belagerte die Burg mit seinen Truppen. Erst nach acht Monaten konnte sie eingenommen werden. Doch die Reichsinsignien wurden zur Freude Seans gerettet, da eine mutige Pfarrersfrau sie aus der Burg geschmuggelt und unter einer nahen Kirche vergraben hatte.

Sean staunte. Wie gerne hätte er das alles Arthur erzählt. Sean vermisste ihn schmerzlich.

Plötzlich fiel ihm ein, dass die Belagerung noch nicht so lange her gewesen war, erst 39 Jahre. Aufgeregt räumte er die Bücher auf und eilte zu den Gemächern seiner Großmutter. Diese war jetzt schon seit einiger Zeit im Palais untergebracht, damit sich die Familie besser um sie kümmern konnte. Kendra hatte das stolze Alter von 71 Jahren erreicht und im letzten halben Jahr körperlich deutlich abgebaut. Seans Eltern wollten ihrem Sohn zwar verheimlichen, dass sie sich Sorgen um sie machten, aber Sean merkte es ihnen trotzdem an.

Kendras geistige Fähigkeiten hatten allerdings noch kein bisschen nachgelassen. Um seiner Großmutter Freude und Abwechslung zu bereiten, besuchte Sean sie nun häufig und sie unterhielten sich viel. Kendra erzählte ihrem Enkel Geschichten aus der Vergangenheit und andere Dinge, die sie beschäftigten und Sean ließ sie an den Dingen teilhaben, die er erlebte und vor allem las.

Sean trat näher an Kendras Bett und begrüßte sie. Die blasse alte Frau lag zusammengesunken auf ihrem Lager.Dann nahm er ihre Hand und sagte:

„Guten Tag, liebe Großmutter. Wie geht es Euch?“

„Ach, es geht, mein Junge. Schön, dass du mich besuchst.“

Sean kam direkt zur Sache. „Ich habe in einem Buch die Aufzeichnung gefunden, dass Dunnottar Castle vor 39 Jahren belagert wurde. Könnt Ihr mir etwas davon erzählen?“

Seans Augen glänzten vor Aufregung und er schaute Kendra erwartungsvoll an.

„Ja, mein Junge, ich erinnere mich, sehr lebhaft sogar. Das war eine schlimme Zeit damals, und ich denke nicht gern daran.“

„Bitte, liebe Großmutter! Ihr müsst es mir erzählen!“

Kendra schaute skeptisch. „Bist du denn schon alt genug für solche Geschichten, mein Kind?“

Sean nickte aufgeregt.„Ich bin schon elf und habe Einiges über Schlachten und Kriege gelesen. Ich fürchte mich nicht.“

Kendra lächelte. „Gut, mein Junge. Dann will ich es dir erzählen, damit die Geschichte unserer Familie nicht verloren geht.“

Die alte Frau rückte sich in ihrem Bett zurecht und schaute nachdenklich in die Ferne, wobei ihre Stirn in Falten lag.

„Es begann damit, dass Mitte November im Jahre 1651 plötzlich die Glocke der Burgkapelle läutete. Da sonst nur am Sonntag die Glocke erklang, wusste jeder, dass es sich um ein Notsignal handeln musste. In den letzten Monaten kamen immer wieder Nachrichten von Kämpfen zwischen den Engländern unter dem Parlamentarier Oliver Cromwell und den königstreuen Schotten, so dass die Bewohner der Burg bereits Vorräte an Proviant und Munition einlagerten, falls sie von der Umgebung abgeschnitten werden sollten. Die Leute auf der Burg befanden sich in Alarmbereitschaft und waren auf das Schlimmste gefasst.

Als ich die Glocke vernahm, wusste ich, was zu tun war. Schon als ich im Jahre 1636 auf das Castle kam, wurde mir erklärt, dass sich alle bei einem Notfall in der Kapelle zu versammeln hatten. Also schickte ich sofort nach meinen Kindern Alistair, deinem Vater, und Ennis, deinem Onkel und wir eilten in die Kapelle. Dein Großvater Aidan musste sich bei seinem Vater Hamish einfinden, dem damaligen Laird von Dunnottar Castle, um ihm zu helfen, die Bedrohung oder was es auch immer war, abzuwenden. Als wir in der Kapelle ankamen, hatte sich schon der Großteil der Burgbewohner versammelt.“

„Wie alt war mein Vater damals?“

„Alistair hatte dein Alter und Ennis war acht Jahre alt, soweit ich weiß.“

„Und die anderen aus unserer Familie? Wer war noch da?“

„Dein Urgroßvater Hamish hatte schon ein stolzes Alter erreicht, ich denke, so Mitte 60. Er war noch sehr rüstig, kann ich mich erinnern. Seine Frau Ivera hingegen, die ein ähnliches Alter hatte, war sehr schwach und wurde auf einer Trage in die Kapelle gebracht. Die Brüder deines Großvaters waren etwas älter als ich, so um die 40 Jahre.“

„Wie hießen diese Brüder? Hatten sie Familie?“, wollte Sean wissen.

„Du willst es ganz genau wissen, mein Junge.“ Kendra lächelte. „Das waren Gawyn, der ältere, mit seiner Frau Cailin. Sie hatten vier Kinder. Und der zweite, Dusten mit Sinann und drei Kindern. Dein Großvater war der Jüngste“, erklärte Kendra.

„Großmutter! Ihr habt ein fabelhaftes Gedächtnis! Darf ich noch etwas fragen?“

„Ja, mein Kind.“Und wieder zeigte sich ein Lächeln auf ihrem faltigen Gesicht.

„Wie viele Menschen versammelten sich damals in der Kapelle? Ich weiß, ich bin neugierig. Aber ich möchte mich in die Geschichte hineinversetzen können.“