Geschwisterliebe - Silke Uhlenbrok - E-Book

Geschwisterliebe E-Book

Silke Uhlenbrok

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Beschreibung

Eine junge Frau wacht in einer Höhle auf, wo sie nicht als einzige gefesselt ist. Sie und die anderen haben dort aber keine Chance, ihrem Schicksal zu entkommen. Währenddessen hat die Polizei von Seattle noch keine brauchbaren Spuren, obwohl sie nicht die Erste ist, die verschleppt wurde. Dann bekommen die beiden ermittelnden Detectives unerwartete Hilfe von Lynn, Soldatin und Schwester der entführten Frau. Von der Angst um ihre Schwester und dem Druck des Vaters getrieben, bricht Lynn die Gesetze, um den Entführer zu finden. Dabei stehen ihr manchmal ihre eigenen Gefühle im Weg. Aber auch der Entführer ist von seinen Gefühlen getrieben und so schwindet den Detectives und Lynn die Zeit.

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Seitenzahl: 289

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 1

Ihr Kopf dröhnte. Eigentlich hatte sie gestern doch gar nicht so viel getrunken. Und schon lange keine Drogen mehr genommen. Aber ihr Kopf, er dröhnte so sehr.

Sie versuchte sich aufzurichten, aber dabei wurde ihr nur ganz schummrig und schlecht. Also blieb sie lieber liegen und wartete. Irgendwann wird es ihr schon wieder besser gehen, dachte sie. Sie kannte das.

Aber irgendetwas stimmte nicht. Ihr war kalt. Der Boden war so hart und eine Kälte stieg von ihm auf. War sie etwa im Badezimmer eingeschlafen?

Sie versuchte sich zu orientieren, aber alles war so dunkel. War es schon wieder oder immer noch Nacht? Und irgendwie hatte sie ein komisches Gefühl. Sie fühlte sich richtig unwohl. So als würde sie beobachtet werden. Dieses Gefühl hatte sie schon seit länger Zeit immer mal wieder. Ihre Schwester sagte mal zu ihr: „Wenn du glaubst, dass dich jemand beobachtet, dann ist es auch so.

Glaub mir, man kann Menschen so gut beobachten und sie merken es nicht einmal, weil alle mit sich selber beschäftigt sind“. Aber wer sollte sie schon in ihrem Badezimmer beobachten? Keiner, redete sie sich ein.

Allmählich bemerkte sie aber noch was komisches.

Dieser Geruch. Es roch wie das eine Mal als ihr Vater sie und ihre Schwester mit in die Sümpfe zum Jagen genommen hatte. „Du musst auch mal die andere Seite des Lebens kennen lernen“, sagte ihr Vater, „Der Tod gehört auch zum Leben“. Blödes Gerede ihres Vaters.

Da schreckte sie auf einmal hoch. Dieser Geruch.

Durch das Hochschrecken muss sie wohl wieder zusammen gebrochen sein. Das kannte sie doch eigentlich. Nicht zu schnell aufstehen nach einem ordentlichen Kater.

Und der Gedanke durchfuhr wieder ihren ganzen Körper. Der Geruch erinnerte sie nicht nur an den Sumpf, sondern an den Geruch eines verwesenden Körpers.

Während der Jagd waren sie an einem toten Hirsch vorbei gekommen. Ihr Vater wollte, dass sie ihn sich angucken. Ihre Schwester sagte nur trocken: „um so zu stinken muss man nicht tot sein“.

Wie sehr wünschte sie sich, dass ihre Schwester hier wäre und ihr helfen könnte. Sie hoch heben, zum Bett bringen und ihr was zu Essen und Trinken machen würde. Und einen dummen Spruch los lässt.

Sie musste bei dem Gedanken ein wenig lächeln.

Aber das wichtigste war, dass ihre Schwester nicht weg gehen würde, bis es ihr wieder gut geht und die Welt wieder heile wäre.

Aber woher kam der Geruch? Und das Gefühl beobachtet zu werden, konnte sie auch nicht mehr abschütteln.

Dennoch dachte sie, sollte jetzt erst einmal dieses doofe, schwere und kalte Armband runter.

An das Armband konnte sie sich gar nicht erinnern. Als sie es abstreifen wollte, bemerkte sie, dass es fest saß. Sie konnte es nicht abnehmen. Ein Gefühl der Panik stieg in ihr auf.

Ihre Bewegungen wurden hektischer und sie kratze sich selber bei dem Versuch dieses dicke Armband ab zu bekommen. War an dem Armband etwa eine Kette? Wieso war eine dicke Kette an diesem Armband, fragte sie sich.

„Du bekommst das eh nicht runter. Das haben schon andere vor dir versucht.“

„Wer...wer ist da?“, schrie sie fast vor Schrecken.

Was für eine doofe Frage. Welcher Einbrecher sagt schon seinen Namen, dachte sie in dem Moment.

Aber die Stimme, eben noch genervt, jetzt doch etwas freundlicher, antwortete: „Ich bin Brittany. Wie heißt du?“.

„Chelsea.“ Mehr bekam sie gerade nicht aus ihrem Mund. Dabei fiel ihr auch auf wie durstig sie war.

Und auf einmal wurde ihr alles klar. Sie hatte gestern nicht zu viel getrunken. Sie hatte ein Geräusch im Badezimmer gehört und hatte nachgeguckt. Im Bad war aber nur das Fenster auf, welches sie wieder zumachte. Dann wollte Chelsea eigentlich wieder rüber ins Wohnzimmer und für die bevorstehende Prüfung lernen. Aber im Wohnzimmer angekommen, war das Gefühl beobachtet zu werden extrem stark. Dann bemerkte sie einen komischen Geruch. Eine Mischung aus Schweiß und Abfall. Chelsea wollte sich gerade umdrehen und herausfinden woher der Gestank kam, da hörte sie etwas rauschen. Etwas, was durch die Luft flog und sehr hart war, traf sie mit voller Wucht am Kopf. Chelsea sackte sofort zusammen und spürte noch kurz eine Hand an ihrem Arm, bevor alles schwarz wurde.

Chelsea versuchte nachzudenken. Was war da passiert? Wo war sie? Wer war Brittany?

Endlich fasste sie ihren ganzen Mut zusammen und drehte sich um. Chelsea konnte nur erahnen, dass dort eine andere Frau saß.

„Soll ich lieber etwas Licht anmachen?“, fragte diese.

„Äh...also...“

„Ich deute das mal als 'ja'. Als ob es mal eine schaffen würde, gleich vernünftig mit mir zu reden“, brummelte Brittany in sich hinein.

Eine? Von wem redete diese Brittany?, dachte Chelsea.

„Ist ja nicht so, als wär ich nicht in genau der gleichen Situation gewesen. Aber ich hab mich wenigstens etwas mehr zusammen gerissen und lag da nicht wie ein Häufchen Elend“, quittierte Brittany das Schweigen von Chelsea.

Bevor diese doch irgendetwas hätte sagen können, kam ihr Brittany zuvor.

„Es tut mir leid. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch mitmachen kann. Oder wohl eher muss.“

Sie holte kurz tief Luft. „Bist du bereit, dass ich das Licht anmache?“

Nein. Chelsea war nicht bereit. Sie wollte nur, dass ihre Schwester kam. Sie soll endlich kommen und ihr helfen! Sie war doch immer da, wenn sie Probleme hatte!

Und ohne Brittany zu antworten, drehte sich Chelsea wieder um, klammerte ihre Arme um die Beine und dachte nur noch: 'Komm! Bitte, Lynn, komm! Lynn!'.

Kapitel 2

Es war ein schöner sonniger Morgen in Washington D.C.. General Smith rückte seine Krawatte vor dem Spiegel zurecht als seine Frau Sarah ins Zimmer kam. Sie war schon fertig gekleidet und hatte wie immer das Frühstück vorbereitet.

Aber Sarah lächelte nicht wie sonst auch immer. Ihr Blick war sehr besorgt als sie ihren Mann anschaute.

„Ich hab schon länger nichts mehr von Chelsea gehört. Auf meine Anrufe reagiert sie im Moment auch nicht.

Jefferson, ich mach mir langsam Sorgen. Wenn ihr alles zu viel geworden ist und sie wieder...“

„Sie sich wieder nicht im Griff hat und Drogen nimmt?“, raunte Jefferson genervt.

„Sie hatte noch nie die nötige Disziplin“, setzte er hinterher.

„Jetzt fang bitte nicht wieder damit an, Jefferson.“ Sarah klang ein wenig streng, aber nur einen Moment später war sie wieder genauso zerbrechlich und ängstlich wie zuvor. „Ich mach mir einfach Sorgen und bitte dich doch nur ein wenig zu telefonieren. Vielleicht kannst du heraus finden, was bei ihr los ist ohne, dass sie es gleich wieder mitbekommt. Du weißt ja, wie sie reagiert, wenn wir uns ihrer Meinung nach zu sehr in ihr Leben einmischen.“

„Gut, Sarah. Wenn ich nach dem Frühstück zur Arbeit fahre, werde ich ein paar Anrufe tätigen.

Bist du nun zufrieden?“, versuchte er seine Frau zu beruhigen.

„Danke, Jefferson.“ Sarah lächelte ihn an, drehte sich dann um und holte das Jackett für ihren Mann.

Wie jeden Morgen saßen sich Sarah und der General beim Frühstück gegenüber. Der General war in seine Zeitung vertieft, während Sarah den Kaffee nachfüllte und sich um all die anderen kleinen Dinge kümmerte, damit Jefferson in Ruhe frühstücken konnte.

Was aber eigentlich sonst nicht passierte, war das Klingeln an der Haustür. Sarah entwich ein kleiner Aufschrei, so unerwartet war es für sie.

Sie schaute ihren Mann an und bemerkte seinen veränderten Gesichtsausdruck. So schaute er immer, wenn er schlimme Nachrichten erwartete.

Der General ging zur Tür um sie zu öffnen und Sarah folgte ihm mit etwas Abstand. Dabei knetete sie ihre Hände nervös ineinander.

Als der General die Tür aufmachte, standen dort zwei Männer. Einer, groß, sportlich und ein gepflegtes Äußeres. Der zweite war dünner, schon fast schlaksig. Eine Strähne hing in sein Gesicht, was den Mann aber nicht zu stören schien. Genauso wie die Tatsache, dass ein Teil seines Shirts aus der Hose hing und er aussah, als wäre er aus dem Bett gefallen.

„Mr. und Mrs. Smith?“, fragte der Sportliche.

„Wer will das wissen?“, entgegnete der General mit schroffer Stimme.

„Entschuldigen Sie, Mr. Smith. Ich bin Detective Nolan. Und das ist Detective Rodriguez“, sagte der Sportliche und deutete dabei auf seinen Kollegen.

„Ist was mit Chelsea passiert?“ Sarahs Stimme überschlug sich fast vor Panik.

„Wieso?“, fragte Detective Rodriguez verwundert.

„Warum fragen sie gleich nach ihrer Tochter?“

Bevor aber noch ein Wort gesagt werden konnte, machte der General den beiden Detectives klar, dass er das Gespräch nicht vor der Haustür führen wollte und wies seine Frau an die beiden Männer ins Wohnzimmer zu bringen. Dort setzen sich alle auf einen Armwink des Generals hin.

„Warum suchen Sie uns denn auf, Detectives? Und ich hoffe, Ihnen ist klar mit wem Sie hier reden.“ General Smith war es gewohnt, dass man ihm seine Fragen klar und präzise beantwortete.

Er war die Skepsis der beiden Männer nicht gewohnt.

Sarah rutschte unterdessen nervös auf dem Sofa hin und her, bis sie den strengen Blick ihres Mannes war nahm und versuchte darauf hin ruhig zu sitzen. Sie wollte aber nur noch eine Antwort, ob etwas mit Chelsea passiert war und hatte eigentlich keine Geduld auf die Klarstellung vom General seiner Macht und seiner Position.

Detective Rodriguez spürte die Abneigung und versuchte die Gemüter zu beruhigen.

„Wir müssen leider annehmen, Mr. und Mrs. Smith, dass Ihre Tochter Chelsea entführt wurde.“

Sarah entglitten bei diesen Worten jegliche Gesichtszüge und sie wurde ganz bleich. Der General saß aber immer noch genauso reglos da und starrte die beiden Detectives an.

„Und bevor Sie mich gleich mit Fragen löchern, lassen Sie mich bitte erst ausreden, General Smith“, fuhr Detective Rodriguez fort.

Jefferson nahm einen tiefen Atemzug, um sich selber ein wenig zu beruhigen und um seine Haltung wieder zu finden, sollte sie ihm auch nur ein kleines bisschen entwichen sein. Nun spürte er aber wie sich vor Anspannung die Finger seiner Frau in seinen Arm gruben und er beschloss, dass es klüger war erst diesen Rodriguez ausreden zu lassen.

„In die Wohnung ihrer Tochter wurde eingebrochen. Ein Fenster wurde aufgehebelt und es wurde ein wenig Blut auf dem Teppich im Wohnzimmer gefunden. Zur Zeit ist es in unserem Labor. Wir versuchen anhand der Zahnbürste ihrer Tochter herauszufinden, ob es tatsächlich ihr Blut ist. Haben Sie seit gestern Morgen irgendetwas von ihrer Tochter gehört? Haben Sie Anrufe von möglichen Entführern bekommen? Irgendetwas Verdächtiges in den letzten Tagen?“

„Nein, Detective. Ich versuche schon eine Weile unsere Tochter zu erreichen. Aber manchmal ist sie einfach...sie braucht manchmal Zeit für sich. Und es gab auch keine Anrufe. Oder Jefferson?“ Sarah war immer noch kreidebleich, aber sie hatte wenigstens ihre Stimme wieder finden können. Sie war für stressige Situationen einfach nicht gemacht. Das hielt ihr ihr Mann auch immer vor.

Der General schwankte jedoch zwischen der Sorge um seine Tochter, aber er war auch genervt, dass sie es immer wieder schaffte in Schwierigkeiten zu geraten. Das war bei seiner anderen Tochter nicht so, dachte er dabei stolz.

„Wieso kommen zwei Detectives den weiten Weg von Seattle, wenn in die Wohnung meiner Tochter eingebrochen wurde und noch nicht einmal klar ist, ob ihr was zugestoßen ist?“, fragte der General, sich darüber doch sehr wundernd.

„Jeff?“ Sarah verstand ihren Mann nicht. Machte er sich denn keine Sorgen?

„Ich will, dass die Männer auf den Punkt kommen.

Sie verheimlichen uns etwas, Sarah. Das kann ich nicht leiden und kostet uns alle Zeit“, antwortete Jefferson forsch, als ob er die Gedanken seiner Frau gelesen hätte.

„Ich verstehe ihre Aufregung, General Smith“ und die Stimme von Detective Rodriguez war jetzt sehr warm und weich. „Wir wollen offen und ehrlich zu Ihnen sein und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen“, bot er den beiden an. Der General nickte nur zustimmend und so atmete Detective Rodriguez tief durch, da nicht recht wusste wo er anfangen sollte. „Die Vorgehensweise und der Tatort, also die Wohnung ihrer Tochter, lassen auf einen Mann schließen, der in den vergangenen 13 Monaten schon mehrere Frauen entführt hat.“

„Was meinen Sie mit mehreren?“, unterbrach ihn der General sofort.

„Bitte, General Smith, lassen Sie mich einfach ausreden“, bat ihn der Detective vehement. „Wir vermuten, dass es mit Ihrer Tochter jetzt die sechste ist. Mehr als vermuten können wir leider nicht, da wir außer den Wohnungen nichts haben.

In den 13 Monaten wurde jeweils in die Wohnungen der Frauen eingebrochen, immer auf die selbe Art, und die Frauen sind spurlos verschwunden.“

Sarah entwich ein entsetzter Aufschrei.

„Was ist mit den Frauen passiert?“ Sarah wusste gar nicht, ob sie die Antwort hören wollte.

„Tja, Mrs Smith. Das tut mir leid. Wie gesagt, wir wissen es nicht. Keine ist bisher wieder aufgetaucht. Deswegen sind wir auch den weiten Weg persönlich gekommen. Wir versuchen herauszufinden, ob ihre Tochter wirklich von der gleichen Person entführt wurde oder ob sie vielleicht einfach nur abgetaucht ist. Das konnten wir mehr oder weniger bei den anderen ausschließen.Von daher brauchen wir Auskunft, was sie in letzter Zeit so gemacht hat. Oder was ihre Angewohnheiten sind, ihre Hobbys. Alles was uns irgendwie weiter helfen könnte, Freunde ausfindig zu machen. Oder Gemeinsamkeiten mit den anderen Frauen zu finden. Vielleicht aber auch nur um Dinge ausschließen zu können.“

Sarah sackte in sich zusammen und brach in Tränen aus. Der General jedoch saß immer noch genauso gerade und regungslos wie zu Beginn des Gesprächs neben seiner Frau. Aber er wollte das Verhalten seiner Frau entschuldigen und sagte: „Es tut uns sehr leid, Detectives, unsere Tochter hat oft nicht viel Kontakt zu uns. Sie ist manchmal schwierig und sehr auf ihren verdammten Freiraum bedacht“, entfuhr es dem General. „Warum konnte sie auch nicht einmal auf mich hören und in Washington studieren?“, dabei sah er seine Frau strafend an. Dieser Zustand schien wohl schon so manche Diskussion ausgelöst zu haben.

Das war zu viel für seine Frau und sie rannte weinend aus dem Zimmer. Immer gab er ihrer kleinen Chelsea die Schuld, fand sie dabei.

„Entschuldigen Sie meine Frau. Wie meine Tochter bricht sie bei dem kleinsten Druck zusammen“, sagte er etwas herablassend. „Lynette ist da völlig anders.“, und nun klang der General sehr stolz.

„Wer ist Lynette?“, fragte Rodriguez irritiert.

In den Akten stand nichts zu einer Lynette. Und das wusste er genau. Auf der Fahrt nach Washington hatte er sich alles durchgelesen was es zu den Smith's gab. Und er vergaß nie etwas!

Bevor Detective Rodriguez eine Antwort bekommen konnte, schaute auch schon wieder die verweinte Mrs Smith rein.

Ihr forscher und bestimmter Ton erschreckte die beiden Detectives ein wenig.

„Ruf Lynn an! Mir ist egal wo sie steckt. Ruf sie an! Und lass sie herkommen. Sie soll mir mein Mädchen wieder bringen!“

Sarah ließ keinen Zweifel offen, dass ihr Mann in dieser Sache nicht widersprechen könnte. So fügte er sich bereitwillig und stand auf.

Ohne darüber nachzudenken standen auch die beiden Detectives auf.

„Detective Nolan, Detective Rodriguez. Bitte verlassen Sie mein Haus. Ich muss telefonieren.

Und ich werde von mir hören lassen.“

Mehr bekamen die Beiden nicht mehr in Erfahrung, denn geschickt hatte der General sie während er redete schon fast vor die Tür geschoben. Nun drückte er sie den letzten Rest mit der Tür hinaus, die er auch gleich vor ihrer Nase zu machte.

Ratlos und verwundert blieb den beiden nichts anderes übrig als sich wieder in ihr Auto zu setzen und in Richtung Seattle aufzumachen.Sie hofften beide sehr, dass der General sein Wort hielt und sich bald wieder melden würde.

Dieser war inzwischen schon eifrig am telefonieren und brüllte ständig in das Telefon.

Kapitel 3

Lynn saß mit geschlossenen Augen in der Transportmaschine auf einer alten Holzkiste. Es war sehr unbequem, da sie sich nicht einmal richtig anlehnen konnte. Hinter ihr standen nur weitere wackelige Kisten. Aber wann hatte sie es schon mal gemütlich beim Fliegen?, fragte sie sich.

Sie saß fast den ganzen Flug da als würde sie schlafen. Auf jegliche Kommunikation mit dem Piloten oder Co-Piloten hatte Lynn überhaupt keine Lust.

Vor dem Start wollte der Co-Pilot wohl nett sein und versuchte ein Gespräch mit Lynn anzufangen.

Da sie nicht auf ihn reagierte, fasste er ihr an den Arm. In dem Moment drehte sich Lynn zu ihm um und schaute ihm direkt in die Augen. In ihrem Gesicht war keine Regung, sie fixierte ihn nur förmlich mit ihrem Blick. Das wurde dem jungen Co-Piloten nach kürzester Zeit so unangenehm, dass er sich umdrehte und schnell in eine andere Richtung verschwand.

„Ich hab dir gesagt, dass wir sie besser in Ruhe lassen sollten. Die anderen hatten uns davor gewarnt.“, war der trockene Kommentar des Piloten, der alles mitbekommen hatte.

So ruhig wie sie jetzt aber im Flugzeug dasaß war sie aber keineswegs. Tief in ihrem Inneren war sie absolut unruhig.

Der General ließ sie offiziell von einem Einsatz abberufen? Das war merkwürdig. Sonderbar. Lynn viel keine richtige Bezeichnung dafür ein. Ihr wäre es nie in den Sinn gekommen, dass dem General irgendetwas wichtiger war als ein Einsatz. Angestrengt dachte sie nach. Aber das einzige was ihr einfiel war Chelsea. Und das ließ sie äußerst nervös werden.

Kein Drogenabsturz, nicht mal die Hochzeit mit dem Teufel höchstpersönlich würde den General dazu veranlassen sie ihren Einsatz ohne Planung abzubrechen und einfliegen zu lassen.

Es musste schon was wirklich schlimmes passiert sein.

Lynn versuchte sich wieder zu beruhigen und zu konzentrieren. Anders als andere Einsätze konnte es auch nicht werden, redete sie sich selber ein.

Was gäbe es schon, was sie noch nicht gesehen hätte? Und selbst im allerschlimmsten Fall, ein Toter mehr oder weniger auf dieser Welt, was macht das schon?, dachte sie sich.

Aber bei diesem Gedanken bekam Lynn auf einmal keine Luft mehr. Alles und jeder war ihr im Grunde egal. Nur nicht ihre Schwester Chelsea.

Sie versuchte nun sich anderweitig zu beruhigen und ihre Gedanken unter Kontrolle zu bekommen, indem sie an den Einsatz dachte, den sie abbrechen musste. Würden ihre Männer es wirklich schaffen, die Zielpersonen heraus zu holen? Da musste Lynn schon fast ein wenig schmunzeln.

Natürlich zweifelte sie nicht an den Fähigkeiten ihrer Jungs. Sie hatte sie zum Teil selbst mit ausgebildet. Ihnen gezeigt wie man zur Not jegliche Zweifel und Gewissensbisse beiseite schiebt und auf jeden Fall den Auftrag zu Ende führt. Was da drüben passierte, interessierte zu Hause keinen. Nur das Ergebnis zählte. Und darin waren Lynn und ihre Männer wirklich gut.

Zur gleichen Zeit betraten die Detectives Nolan und Rodriguez das Polizeirevier in Seattle. Ihre Chefin Rose McNamara erwartete sie schon ungeduldig.

„Brad, Michael! In mein Büro!“, brüllte sie ihnen entgegen.

Die beiden schauten sich an und wunderten sich, was sie in ihrer Abwesenheit in Washington falsch gemacht haben könnten.

Im Büro hatten die beiden keine Möglichkeit irgendetwas zu sagen. In dem Moment wo Detectiv Rodriguez die Tür hinter sich geschlossen hatte, fuhr Captain McNamara die beiden auch schon äußerst harsch an: „Wisst ihr eigentlich wer mich angerufen hat? Was habt ihr diesem General Smith und seiner Frau gesagt was mit ihrer Tochter passiert ist? Wisst ihr da mehr als ich? Hab ich euch was getan? Wollt ihr mich loswerden? Wollt ihr mich ins Grab bringen?“

„Wow, wow, wow. Captain, kommen sie mal runter.“

Brad Nolan versuchte es mal wieder auf seine typisch lässige Art. „Wir verstehen gerade gar nichts. Also bitte in Ruhe von Vorne, Captain.

Oder Michael?“

Aber auch Detective Rodriguez schaute nur verständnislos. „Als erstes, wer hat sie denn überhaupt angerufen? Der General? Und wir haben nichts anderes gesagt als den fünf Eltern davor“, versuchte nun Michael ein wenig die Situation zu klären.

„Hat es etwas mit dieser Lynn zu tun?“, fragte er.

„Ich wurde von ganz oben angerufen. Und damit meine ich 'ganz oben'. Es ist eigentlich auch egal wer angerufen hat“, meinte Rose McNamara und ließ sich erschöpft in ihren Schreibtischstuhl fallen.

„Captain? Warum erzählen sie uns das dann?“, fragte Brad sichtlich irritiert und wollte sich gerade auch hinsetzen.

Durch seine Frage wieder in Rage gebracht, schwankte Captain McNamara einen Moment zwischen dem völligen Ausrasten und Zusammen brüllen ihrer beiden Detectives oder, und das hielt sie dann doch für besser, einmal durchzuatmen und von Vorne anzufangen.

„Wie gesagt, ich bekam einen Anruf. Und mir wurde sehr deutlich gemacht, dass wir keine Wahl haben als in diesem Fall diese besagte Lynn mitarbeiten zu lassen. Oder ihr unsere Ergebnisse zu geben oder was auch immer sie will“, erklärte McNamara den beiden. Die Missbilligung darüber war ihr deutlich anzusehen.

Dennoch wollte nun Michael weitere Informationen dazu erhalten: „Und wer ist eigentlich Lynn?

Wurde Ihnen das gesagt?“

McNamara verdrehte die Augen und schaute Michael etwas ratlos an, bevor sie sich an einer Antwort versuchte.

„Mir wurde gesagt, dass Lynn die Schwester von Chelsea Smith ist. Andererseits ist sie nicht die richtige Schwester. Soweit ich der Erklärung, die wirklich nicht detailliert war, folgen konnte.

Aber das ist eigentlich auch egal, da wir keine andere Wahl haben als sie in den Fall zu integrieren. Wie auch immer das aussehen soll.“

Dann nickte sie Rodriguez und Nolan zu und die beiden verstanden sofort, dass sie nun gehen sollten. Bevor sie aber die Tür erreicht hatten, fiel McNamara noch etwas ein: „Ach, und sie ist ein Navy Seal. Oder so was in der Art. Das habe ich auch nicht ganz verstehen können, weil es ja eigentlich keine Frauen da gibt. Oder gab. Hat wohl was mit dem General Smith, ihrem Vater oder auch nicht ihr Vater, zu tun. Auf jeden Fall ist sie beim Militär. Und sehr speziell. Das war das Wort mit dem sie mir beschrieben wurde.“

McNamara kramte, während sie noch redete, in ihren Unterlagen herum und versuchte noch etwas zu finden.

„Captain...“ versuchte Michael es bei seiner Chefin um vielleicht doch noch nützliche Informationen zu erhalten. Aber er wurde sofort wieder unterbrochen.

„Ja, du hast ja recht. Kurz und knapp. Wir müssen sie in dem Fall, bis Chelsea Smith gefunden wurde, aufnehmen und ihr alles zur Verfügung stellen, was sie braucht. Außerdem hat keiner von uns ihr Befehle zu erteilen. Soll für unsere Gesundheit besser sein. Wurde mir gesagt.“

McNamara verdrehte die Augen als sie das sagte.

„Naja, und das fand ich doch sehr merkwürdig...“

Brad und Michael schauten sich verblüfft an. Als wenn das bisher noch nicht merkwürdig genug wäre.

„...wenn etwas aus dem Ruder gerät, sollen wir direkt im Pentagon eine bestimmte Nummer anrufen.

Das wurde mir wortwörtlich so gesagt.“

„Was soll denn bitte wie aus dem Ruder geraten?“, fragte ein sichtlich irritierter Brad.

„Tja, mein lieber Detective Nolan“, und McNamara sprach das mit einer gekünstelten Überheblichkeit aus, „wenn ich mal darauf eine Antwort wüsste.

Das einzige was ich daraufhin erfuhr, war: 'das werden sie dann schon merken'. So, und nun ab an die Arbeit!“

Brad und Michael wussten, dass das ihr Stichwort war zu gehen und jetzt bloß keine weiteren Fragen zu stellen. Wobei die beiden zu gerne gewusst hätte, wann denn ihr 'neuer Partner' eintreffen würde.

Sie versuchten nun, wie bei den anderen vermissten Frauen zuvor auch, ihre Gewohnheiten, Hobbys und Tagesrhythmen herauszufinden.

Dafür machten sich Nolan und Rodriguez auf um Kommilitonen, Nachbarn und Professoren zu befragen.

Kapitel 4

Chelsea wusste nicht, wie lange sie da zusammen gekauert lag. Sie muss zwischendurch auch eingeschlafen sein. Sie starrte weiterhin die Wand an während sie Brittany fragte: „wie lange bist du schon hier?“

„Welchen Monat haben wir denn?“

Chelsea erschrak ein wenig bei der Frage: „Juli.“

„Hm...“, Brittany versank kurz in ihren Gedanken, bevor sie traurig antwortete: „Dann bin ich schon über ein Jahr hier. Man verliert hier unten die Zeit und merkt nur, das es wärmer und kälter wird.“

„Vermisst dich denn keiner?“, fragte Chelsea ungläubig.

„Ich denke schon.“

„Warum wurdest du dann noch nicht gefunden?“

Brittany lachte auf einmal. Aber es war kein freudiges Lachen. Es war voller Hoffnungslosigkeit.

„Hier findet uns keiner!“

„Meine Schwester findet mich!“, entgegnete Chelsea sicher.

„Na dann, Chelsea. Klammer dich an dem Gedanken fest. Jennifer sagte das gleiche über ihren Dad.

Und was hat es ihr geholfen? Nichts.“, nun war Brittanys Stimme voller Zorn und Wut.

„Wer ist Jennifer?“

„Die nette junge Frau, die mir sagte, dass es November ist.“ Brittany verdrehte dabei genervt die Augen. Sie versuchte damit nur ihre Tränen zu verbergen, denn sie wollte nicht wieder weinen.

Das brachte sowieso nichts, dachte sie sich verbittert.

„Wo ist Jennifer jetzt?“ Chelsea überging Brittanys Gereiztheit.

„Das möchtest du nicht wissen! Und ehrlich gesagt, kann ich es nur erahnen. Ich war nicht dabei, als er sie wegbrachte.“

„Wegbrachte?“, fragte Chelsea hoffnungsvoll.

„Er hat sie garantiert nicht ins Krankenhaus gefahren. Und viel Leben war nicht mehr in ihr drin, als er mit ihr fertig war.“

Chelseas Kehle schnürte sich zu. Sie wollte nicht verstehen, was ihr da gesagt wurde. Sie wollte es einfach nicht. Sie wollte nur noch schreien. Nach ihrer Schwester rufen, damit sie endlich kommt.

Den bösen Jungen ordentlich verprügelt und ihm klar macht, dass er so was nie wieder machen sollte. Aber sie wollte nicht gleich wieder vor Brittany weinen. Und sie hatte Angst, dass sie nur noch sarkastischer werden würde und sogar über sie lachen könnte. Andererseits war ihr gerade auch schmerzlich klar, dass Lynn sie jetzt nicht hören könnte. Würde sie überhaupt schon vermisst werden? Sie wollte sonst immer nur ihre Ruhe. Hatte ihren Eltern oft gesagt, dass sie sich schon melden würde und sie ihr mal endlich ihren Freiraum lassen sollten. Doch jetzt wünschte sie sich nichts sehnlicher als mit ihren Eltern reden zu können. Sogar wenn ihr Vater ihr nur wieder einen endlosen Vortrag über Disziplin und Ehrgeiz vortragen würde.

„Es tut mir leid. Ich kann manchmal nicht mehr.

Und das wir lieb und nett zueinander sind bringt auch nichts. Das hier ist eh bald wieder zu Ende.“ Brittanys Stimme war ruhig. Aber es schwang auch viel Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit mit.

„Inwiefern zu Ende?“ Chelsea verstand es nicht oder wollte es auch nicht verstehen.

„Ich erzähl dir alles, aber du musst mir vorher versprechen nicht zu kreischen, heulen oder gar nichts mehr zu sagen!“, forderte Brittany.

Chelsea zögerte kurz. Was sollte dieses komische Versprechen? Aber was hätte sie für eine Wahl, außer im Unklaren zu bleiben? Lynn sagte immer: 'wenn du weißt was auf dich zukommt, kannst du dich darauf einstellen. Dann weißt du auch, ob es sich lohnt zu kämpfen oder deine Kräfte zu schonen und auf den richtigen Moment zu warten.'

Lynn sagte aber auch mal: 'wenn ich sterbe, dann soll es schnell und unerwartet sein.' Chelsea überlegte noch kurz, aber sie entschied sich lieber für Klarheit über ihre Situation.

„Okay, ich verspreche es dir“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme.

„Gut. Ich hätte es dir sowieso erzählt. Was sollten wir auch sonst hier unten machen außer reden?!“, sagte Brittany deprimiert. „Er holt sich immer mal wieder eine neue Frau. Er scheint was bestimmtes zu suchen. Einen bestimmten Typ oder so. So scheint es mir jedenfalls. Als er mich hierhin brachte, war da schon eine andere.“

Brittany's Stimme wurde ein bißchen zittrig. Sie holte tief Luft und redete wieder normal weiter: „Wie jetzt bei dir auch. Sie hieß Grace, glaub ich. Sie war schon lange bei ihm. Konnte sich nicht mal mehr an das Jahr erinnern, wann sie entführt wurde. Sie war völlig fertig. Konnte höchstens noch ein, zwei Sätze sagen, bevor sie vor Erschöpfung zusammen gebrochen war. Sie war total dünn, blass. Musste schon ewig hier gewesen sein. Das einzige, was sie mir sagte und mir geholfen hat, war: 'denk an was anderes. Versuch dich zu entspannen und denk an irgendetwas schönes.' Das sag ich dir jetzt auch. Genauso wie jeder vor dir.“

„Brittany?“, fragte Chelsea ängstlich, nachdem sie eine Weile nichts mehr gehört hatte.

Brittany schwieg noch immer. Man hörte nur ihr leises, langsames Atmen. War da noch jemand?

Chelsea hatte auf einmal das Gefühl noch ein leichtes Schnaufen zu hören. Bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, war Brittany aber wieder aus ihren Gedanken erwacht.

„Entschuldige. Ich war gerade wieder in Gedanken zu Hause. Ich denk dann immer… Egal, ich werd sie eh nie wieder sehen.

Naja, ich war noch nicht lange hier, da brachte er Grace raus. Er packte sie wortlos an ihren Haaren und schleifte sie wie ein bekloppter Höhlenmensch nach draußen. Ich hörte dann nur noch einen kurzen Schrei von ihr und am nächsten Morgen kam er alleine wieder.

Seit dem war ich für ihn da. Er kommt ständig. Er ist einfach nur...“ Ein leichtes Würgen war von ihr zu hören. „...brutal und ekelig. Nach ein paar Wochen kam er mit einer Neuen. Ich dachte, das war's. Jetzt bringt er mich um. Aber nach ein paar Tagen, packte er sie und nicht mich und schleifte sie wieder an den Haaren nach draußen.

So ging es immer weiter. Nur die Abstände waren unterschiedlich.“

Brittany schwieg wieder. Sie saß einfach da, die Hände um die Beine geschlungen und starrte durch Chelsea hindurch. Die lag immer noch zusammen gekauert auf dem Boden und traute sich nicht umzudrehen. Chelsea wollte diesmal Brittany nicht mehr aus ihre Gedanken holen.

Aber Brittany holte wieder tief Luft und dadurch zog Chelsea sich noch ein bisschen weiter zusammen. Sie hatte genug für einen Tag gehört.

Eigentlich sogar genug für ihr ganzes Leben, fand Chelsea.

„Einmal packte er mich und nicht die Andere an den Haaren. Da hab ich schon wieder gedacht, dass war 's mit mir. Er wollte mich schon raus ziehen, da hat 'Sie' zum ersten Mal was gesagt. 'Sie' redet nie. Ich hab es auch kaum verstanden, aber er brachte mich wieder zurück und ließ uns erst mal in Ruhe. Als er wieder kam, holte er sich die Andere.“ Brittany schien sich schon fast einen Spaß daraus zu machen, das 'Sie' geheimnisvoll zu betonen. Jedenfalls wollte sie eine bestimmte Reaktion und Frage von Chelsea damit provozieren.

Und das hatte sie damit auch geschafft.

„Wer ist SIE?“

Kapitel 5

Eigentlich war es ein schöner Tag. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und ein leichter frischer Wind blies durch die Bäume. Aber das interessierte sie nicht. Dafür war sie ja nicht nach Seattle geflogen.

Sie stand vor der Polizeiwache und einen kurzen Moment zögerte sie hinein zu gehen. Die Menschen darin schauten immer so rechtschaffen. Als würden sie alles richtig machen. Die Gesetzeshüter. Aber Lynn wusste nur zu gut, dass dem nicht so war.

Wie oft hatte sie als Kind mitbekommen, dass die Anderen wegschauten, wenn es angenehmer für sie war. Oder sogar genau die Dinge machten, vor denen sie sie hätten schützen sollen. Lynn hatte mal die Hoffnung, dass die Polizei ihr hätte helfen können. Sie aus diesem Drecksloch rausholen. Aber das taten sie nie. Dann hatte Lynn schon fast alles aufgegeben. Sich aufgegeben. Bis sie merkte, dass sie die Dinge auch selber in die Hand nehmen konnte. Seit dem tat sie das immer wieder. Mal mehr mal weniger in der Grauzone der Legalität. Und in ihren Einsätzen im Ausland war es definitiv keine Grauzone mehr. Bei dem Gedanken musste Lynn ein wenig schmunzeln. Sie hatte schon vor langer Zeit Gefallen gefunden an der definitiven Nicht-Grauzone.

Aber jetzt war sie hier und wollte wissen, was mit ihrer Schwester ist. Und leider war sie, um Chelsea wieder zu bekommen, auch auf die Hilfe dieser Polizisten angewiesen. Wie sehr Lynn es hasste von anderen abhängig zu sein. Aber es ging um Chelsea. Daran wird sie sich wohl noch oft erinnern müssen.

Also holte sie kurz tief Luft, fokussierte ihre Gedanken und war wieder voll und ganz die Alte.

Konzentriert und ruhig.

Das war sehr wichtig für ihre Arbeit. Aber auch schon immer ein großer Bestandteil ihres Lebens, sonst hätte sie ihre Kindheit wohl nicht überlebt. Denn egal wohin sie ging, sie erfasste ihre ganze Umgebung. Jeden Menschen, der vielleicht eine Gefahr darstellen oder einfach nur hinderlich sein könnte. Sie erfasste jeden Weg, den sie zur Flucht nutzen könnte oder jeden Gegenstand, der ihr zur Verteidigung oder zum Angriff helfen könnte. Das alles in kürzester Zeit und perfekt zu schaffen, dabei hatte ihr der General immens geholfen. Ihre Mutter und Chelsea hatte das immer genervt, wenn sie mal Essen waren und der General von Lynn erst bis ins kleinste Detail wissen wollte, wo was und wer war. Und auch wirklich erst dann, wenn sie alles aufzählen konnte, war an die Bestellung des Essens zu denken.

Inzwischen war Lynn in der dritten Etage angekommen und sie konnte dort gleich die Anzahl der anwesenden Personen, die damit verbundene Anzahl der Waffen, den kürzesten Weg nach draußen und Gegenständen zur Verteidigung aufzählen. Es lief schon alles so unbewusst ab, dass dies weder Außenstehender bemerken würde noch Lynn Zeit kostete. Dann trat sie an den nächstbesten Polizisten heran und fragte nach Captain McNamara. Den Namen hatte sie noch auf dem Weg nach Seattle vom General erfahren.

Der Polizist fragte natürlich gleich worum es gehen würde und zeigte Lynn nicht einfach den Weg. Wie sie solche Zeitverschwendung hasste. Am liebsten hätte sie ihm mit einem Schlag ins Gesicht das Nasenbein gebrochen, es dann auf den Schreibtisch gedrückt und mit entsicherter Waffen an seinem Hinterkopf klar gemacht, dass sie ihre Frage nicht wiederholen würde. Das war jedenfalls ihr erster Reflex und für gewöhnlich bekam man so auch einfacher was man wollte. Und denn Spaß sollte man ja auch nicht vergessen, dachte Lynn schmunzelnd. Aber es ging um Chelsea und außerdem war sie nun auch wieder in den Staaten. Hier konnte sie nicht nach Belieben handeln. Also musste sie nett lächeln und reden bis er ihr endlich den Weg zum Captain zeigen würde.

„Es geht um die entführten Frauen. Genauer gesagt um Chelsea Smith. Der Captain weiß über mich Bescheid. Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn sie mir sagen, wo ich den Captain finde.“ Das 'Arschloch' verkniff sich Lynn noch gerade.

„Sind sie Lynn?“, fragte eine Stimme verwundert neben ihr.

„Sind sie der Captain?“, fragte Lynn genervt zurück.

„Nein, ich bin Detective Michael Rodriguez. Ich arbeite mit meinem Partner an dem Fall. Wollen Sie mir jetzt auch sagen ob Sie Lynn sind?“, fragte Michael. Aber er musste sich eingestehen, dass er was anderes erwartet hätte. Mehr so ein Mannsweib. Groß, kräftig, muskulös.

Wahrscheinlich kurze Haare und eine raue Stimme durch Zigaretten und Whiskey. Aber vor ihm stand eine etwa 1,65 Meter große Frau. Schlank, zwar durchtrainiert, aber definitiv kein Muskelprotz.

Sie hatte lange blonde Haare, die in einem Pferdeschwanz zusammen gebunden waren. Das einzige was passte war die raue Stimme. Oder es war einfach nur ihr forscher Tonfall. Fast wie der vom General, fand Michael.