Gesichter fotografieren - Georg Banek - E-Book

Gesichter fotografieren E-Book

Georg Banek

4,4

  • Herausgeber: dpunkt
  • Kategorie: Lebensstil
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Den perfekten Moment zu erwischen, ist in der Porträtfotografie besonders schwer - die menschliche Mimik ist ständig in Bewegung und schon winzige Veränderungen lassen das Gesicht nicht mehr schön aussehen. Deswegen lohnt es sich für jeden Fotografen, sich einmal genau mit diesem Thema auseinanderzusetzen. In diesem Buch vermitteln Ihnen die beiden erfahrenen Porträtfotografen und Erfolgsautoren sehr viel Detailwissen: Wie wirken welche Gesichtsformen, wie bekommen Sie Emotionen ins Bild, wie setzen Sie Licht effektiv ein oder wie kommunizieren Sie mit dem Modell sind nur einige der Inhalte.

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Seitenzahl: 151

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Cora und Georg Banek, www.artepictura.de

Lektorat: Gerhard Rossbach, Rudolf KrahmCopy-Editing: Stefanie Busam GolayLayout & Satz: Cora Banek, MainzHerstellung: Friederike Diefenbacher-KeitaUmschlaggestaltung: Anna Diechtierow, HeidelbergDruck & Bindung: M.P. Media-Print Informationstechnologie GmbH,

33100 Paderborn

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBNBuch 978-3-86490-076-1PDF 978-3-86491-350-1ePub 978-3-86491-366-2

1. Auflage 2013Copyright © 2013 dpunkt.verlag GmbHWieblinger Weg 17, 69123 Heidelberg

Die vorliegende Publikation ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Abbildungen, auch auszugsweise, ist ohne die schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und daher strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. Alle Angaben und Programme in diesem Buch wurden von den Autoren mit größter Sorgfalt kontrolliert. Weder Autor noch Herausgeber noch Verlag können jedoch für Schäden haftbar gemacht werden, die in Zusammenhang mit der Verwendung dieses Buchs stehen. In diesem Buch werden eingetragene Warenzeichen, Handelsnamen und Gebrauchsnamen verwendet. Auch wenn diese nicht als solche gekennzeichnet sind, gelten die entsprechenden Schutzbestimmungen.

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Gesichter fotografieren

Ausdrücke einfangen und inszenieren

edition espresso

Cora BanekGeorg Banek

Inhalt

Vorwort

Grundlagen

1 Jedes Gesicht ist einzigartig

2 Aufbau und Proportionen

3 Die unterschiedlichen Gesichtshälften

4 Die Schokoladenseite

5 Was macht ein Gesicht schön?

6 Charakter und Ausdruck

7 Passende Brennweiten

Gesicht

8 Hingucker Augen

9 Auf welches Auge fokussieren?

10 Exaktes Fokussieren

11 Blick in die Kamera?

12 Der Blick als Linie

13 Der Blick gegen den Bildrand

14 Blickrichtung

15 Spitzlichter und Reflexionen

16 Geschlossene Augen

17 Augenbrauen

18 Nase

19 Nasenschatten

20 Mund

21 Mund schließen

22 Zähne zeigen

23 Den Mund betonen

24 Erotik erzeugen

25 Kinn

26 Stirn und Wangen

Mimik

27 Eine universelle Sprache

28 Mimik in Bewegung

29 Spiegelneuronen

30 Die Mimik entscheidet das Bild

31 Aufgaben des Porträtfotografen

32 Mimik verstehen lernen

33 Stimmung zwischen Fotograf und Modell

34 Mimik erzeugen

35 Mit dem Modell reden

36 Mit mentalen Bildern arbeiten

37 Entspannung

38 Lachen

39 Verführung und Erotik

40 Traurigkeit

41 Negative Emotionen

Kopf

42 Ansicht und Perspektive

43 Frontale Ansicht

44 Teilprofile

45 Profil

46 Über die Schulter

47 Vertikale Perspektive

48 Kopfneigung

49 Kopf strecken

50 Körperhaltung

51 Hände am Gesicht

52 Haltung dirigieren

Frisur & Make-up

53 Frisuren und ihre Wirkung

54 Haare im Bild

55 Wirkung von Make-up

56 Fotografenwissen Make-up

57 Haut schminken

58 Augen schminken

59 Mund betonen

60 Formen des Make-ups

61 Visagistin und Hairstylistin

Accessoires

62 Kleidung

63 Schmuck

64 Accessoires

65 Brillen

66 Flüssigkeiten

Licht

67 Mit Licht gestalten

68 Licht und Schatten beurteilen

69 Natürliches Licht

70 Outdoor blitzen

71 Im Studio

72 Aufheller, Lichtschlucker und Diffusoren

73 Lichtrichtung horizontal

74 Lichtrichtung vertikal

75 Das Gesicht ausleuchten

76 Klassische Lichtführungen

77 Experimentelle Lichtsituationen

78 Licht und Farbe

Gestaltung

79 Hoch- oder Querformat

80 Farbe oder Schwarzweiß

81 Bildaufbau

82 Linienführung

83 Bildausschnitt

84 (An-)Schnitt

85 Intimität erzeugen

86 Schärfentiefe

87 Kontraste

88 High- und Low-Key

89 Gestaltung lernen

90 Am Rechner gestalten?

Von den Autoren

Index

Vorwort

Liebe Leserin und lieber Leser!

Kaum etwas ist so spannend und so facettenreich wie das menschliche Gesicht. Ein gelungenes Porträt zeigt die Gefühle, die Persönlichkeit und die Schönheit eines Menschen. Gleichzeitig sind es jedoch nur winzige Nuancen, die ein besonders gelungenes Foto von einem Kandidaten für die Löschtaste unterscheiden.

Die Stärke eines herausragenden Porträtfotografen liegt darin, diese feinen Unterschiede erstens zu sehen und zweitens fotografisch umsetzen zu können. Dazu benötigt er einerseits Talent und Übung sowie andererseits das notwendige Wissen. Letzteres ist nicht ohne Anregungen von außen möglich, die wir Ihnen mit diesem Buch geben möchten.

Wir haben dieses Buch mit einem klaren Fokus auf der Fotografie geschrieben, die Nachbearbeitung also ganz bewusst außen vor gelassen. Denn wir sind der Überzeugung, dass nur wirklich gute Porträts es verdient haben, digital veredelt zu werden, und gute Porträts entstehen während des Shootings, nicht am Rechner. Außerdem sind die Möglichkeiten und erklärten Ziele der Bildbearbeitung so umfangreich, subjektiv und vielseitig, dass sie den Rahmen dieses Buches sprengen würden.

Neben vielem Grundlagenwissen rund um das Thema Gesicht und Mimik finden Sie in diesem Buch in erster Linie jede Menge Tipps aus der jahrzehntelangen Praxis zweier Porträtfotografen. Thematische Schwerpunkte sind neben dem Gesicht und seinem Ausdruck vor allem die Lichtführung und die Gestaltung Ihrer Porträts. Dabei legen wir viel Wert darauf, Ihnen nicht nur aufzuzeigen, wie Sie mit Technik und Gestaltung Ihr Bild beeinflussen können. Wir zeigen auch, wie Sie mit dem Menschen vor Ihrer Kamera umgehen können, um Ihre Bildidee zu erreichen. Denn in diesem Zwischenmenschlichen liegt der stärkste und wirksamste Einfluss auf Ihr Bildergebnis.

Es freut uns, dass Sie sich für dieses spannend-schwierige Themengebiet interessieren und vermutlich deswegen dieses Buch in den Händen halten. Wenn Sie etwas über die vielen Möglichkeiten der Porträtfotografie lernen und sich dann in der Praxis weiterentwickeln wollen, haben wir dieses Buch genau für Sie geschrieben.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen, beim Lernen und vor allem beim Ausprobieren und Üben!

Cora und Georg Banek

P.S.: Um die Lesefreundlichkeit zu erhöhen, haben wir darauf verzichtet, bei Begriffen wie Fotograf oder Visagistin beide Geschlechterformen zu nennen, aber natürlich meinen wir sowohl Frauen als auch Männer!Auch den Begriff Modell verwenden wir der Einfachheit halber als Synonym für jeden Laien oder Profi, der vor der Kamera steht.Alle Brennweitenangaben sind kleinbildäquivalent angegeben.

Sollten Sie Fragen, Anregungen oder Kritik haben, dann setzen Sie sich gerne mit uns in Verbindung: [email protected]

GRUNDLAGEN

1 Jedes Gesicht ist einzigartig

Das menschliche Gesicht ist ein faszinierendes Gesamtkunstwerk. Obwohl alle Gesichter gleich aufgebaut sind, gleichen sie einander nicht wirklich, sondern sind unverwechselbare Originale. Tatsächlich ist das Gesicht der individuellste Teil des menschlichen Körpers, und nicht von ungefähr spiegelt sich in ihm die Persönlichkeit eines Menschen wider.

Die Variationen in den Formen, Größen und Abständen der einzelnen Gesichtselemente sind ausreichend, um jedem Menschen auf der Erde sein ganz individuelles Gesicht zu geben. Selbst bei eineiigen Zwillingen lassen sich feine Unterschiede feststellen. Hinzu kommen noch die Beschaffenheit und die Farbe der Haare und der Haut, auch wenn diese im Laufe der Zeit Schwankungen und Veränderungen unterworfen sind.

Gleichzeitig haben sich durch jahrhundertelange Vererbung innerhalb der einzelnen Kulturen besondere Charakteristika herausgebildet, die eine Zugehörigkeit zu einer bestimmten – kulturellen wie regionalen – Gruppe erkennbar machen.

Allerdings ist die Fähigkeit zur Unterscheidung verschiedener Gesichter individuell unterschiedlich ausgeprägt und auch zu einem großen Teil Übungssache. Am deutlichsten fallen uns die unterschiedlichen Physiognomien übrigens in der eigenen Kultur auf, bei fremden Kulturen macht uns die Unterscheidung viel mehr Mühe. So haben Europäer größere Schwierigkeiten, zum Beispiel Asiaten auseinanderzuhalten, als Europäer voneinander zu unterscheiden. Dies gilt natürlich auch umgekehrt.

2 Aufbau und Proportionen

Als das menschliche Gesicht wird der vordere Bereich des Kopfes bezeichnet, der nicht mit Haupthaaren bedeckt ist. Auch bei Haarausfall wird die obere Kopfhaut nicht mit zum Gesicht gezählt, auch wenn es bei Geheimratsecken oft tröstend heißt, dass man dann „mehr Platz für sein ausdrucksstarkes Gesicht” habe. Die Ohren werden in der Literatur zum Teil zum Gesicht gezählt, zum Teil jedoch auch nicht. Hingegen gelten die Wangenflächen bis hin zu den Ohren immer als zum Gesicht gehörend, auch wenn sie durch lange Haare oder Bartwuchs verdeckt sind.

In der Vertikalen wird das menschliche Gesicht vom Betrachter unwillkürlich in drei Zonen eingeteilt. Die Stirn nimmt mit ihrer sehr großen Fläche alleine die obere Zone ein, die mittlere Zone wird von den Augen und der Nase dominiert, der Mund sowie das Kinn bilden die untere Zone. Dem Idealtypus des menschlichen Gesichts wird dann entsprochen, wenn diese drei Zonen jeweils gleich hoch sind. In der Realität weichen sie jedoch – einmal mehr, einmal weniger – stark davon ab. Sehr deutliche Abweichungen wirken auf den Betrachter unangenehmer und unattraktiver.

Die Haare bilden eine vierte, ähnlich hohe Zone oberhalb des Gesichts, was dazu führt, dass die Augen ziemlich genau in der Mitte des Kopfes – nicht des Gesichts – platziert sind. Das Gesicht weist im Durchschnitt ein Seitenverhältnis von 2:3 auf, wobei auch hier starke Abweichungen unattraktiver erscheinen.

Die vier Zonen des Gesichts

Auch für die horizontale Anordnung der Augen gibt es ein Ideal: Wenn der Abstand der Augen zueinander genau der Hälfte der Breite des Gesichts entspricht – die Augen also jeweils in der Mitte der beiden Gesichtshälften liegen –, wird dies als besonders stimmig und schön empfunden. Liegen die Augen deutlich enger bei- oder deutlich weiter auseinander, wird auch dies als störend und unattraktiv erlebt.

3 Die unterschiedlichen Gesichtshälften

Die linke und die rechte Gesichtshälfte eines jeden Menschen unterscheiden sich voneinander – bei manchen Menschen mehr, bei anderen weniger. Ganz gleich sind die beiden Hälften jedoch nie. Eine Spielerei macht diesen Unterschied sofort deutlich: Fotografieren Sie eine Person mit gleichmäßiger Ausleuchtung direkt von vorn und schneiden Sie das Bild exakt in der Mitte auseinander. Spiegeln Sie anschließend die beiden Hälften und machen Sie drei Bilder daraus: Das Original zeigt beide Seiten, das zweite Bild zweimal die linke und das dritte zweimal die rechte Gesichtshälfte. So wird die Unterschiedlichkeit der Gesichtshälften sofort offenkundig.

Die Unterschiede fangen bei den Augen und beim Schwung der Augenlider an, aber auch die Wangenknochen, die Nasenflügel, die Lippen und das Kinn unterscheiden sich von ihrem jeweiligen gespiegelten Pendant. Außerdem sind die beiden Gesichtshälften unterschiedlich breit.

Neben den genetischen Vorgaben liegt ein Grund für diese Unterschiede darin, dass die jeweiligen Gesichtshälften von unterschiedlichen Regionen des Gehirns gesteuert werden. Die – von der Person selbst aus gesehene – linke Gesichtshälfte wird von der rechten Hirnhemisphäre gesteuert. Dort werden die Emotionen, die Träume und die Kreativität erzeugt und verarbeitet. Der Sitz von Emotionen und Kunst beeinflusst die linke Gesichtshälfte so, dass sie weicher, verletzlicher, aber auch erstaunter und naiver wirkt als die rechte.

Genau umgekehrt verhält es sich mit der rechten Gesichtshälfte eines Menschen. Diese wird von der linken, der Verstandesseite des Gehirns gesteuert, in der Sprache, Logik und analytische Fähigkeiten verortet sind. Diese Gesichtshälfte wirkt in der Regel offener, wacher, dynamischer, aber auch reservierter, entschlossener und ernster.

Die beiden Gesichtshälften werden also von den jeweils überkreuz liegenden Gehirnhälften gesteuert und deswegen unterschiedlich genutzt und bewegt, was sich mit zunehmendem Alter immer stärker im Gesicht ablesen lässt. Dabei ist die linke Gesichtshälfte die emotionale, nicht bewusst steuerbare Seite, in der man sehr viel deutlicher ablesen kann, wie sich jemand gerade tatsächlich fühlt und in welcher Stimmung er ist. In der rechten, bewusster steuerbaren Gesichtshälfte hingegen zeigen wir uns so, wie wir von anderen wahrgenommen werden wollen. Dass wir bei unserem Gegenüber vor allem auf diese Seite achten, ist für das soziale Miteinander auch sehr sinnvoll. Denn wüssten wir immer, wie andere sich tatsächlich in unserer Gegenwart fühlen und was sie über uns denken, würde dies noch mehr Konflikte schaffen, als wir ohnehin schon erleben.

4 Die Schokoladenseite

Als Fotograf können Sie das Wissen über die Unterschiedlichkeit der beiden Gesichtshälften nutzen, um ganz bewusst entweder die öffentliche oder die persönliche Seite zu betonen. Wenn Sie die rechte Gesichtshälfte hervorheben, wirkt die Person beherrschter, distanzierter und kontrollierter, aber auch aufgeschlossener, aktiver und freundlicher. Setzen Sie hingegen die linke Gesichtshälfte Ihres Modells stärker in Szene, wirkt das Ergebnis emotionaler, echter und unmittelbarer, aber eben auch müder, verschlossener und unfreundlicher. Die Betonung einer Gesichtshälfte können Sie ganz einfach durch eine entsprechende Perspektive oder durch das eingesetzte Licht erreichen. So haben Sie es bei inszenierenden Porträts in der Hand, Ihr Modell auf eine ganz bestimmte Weise – passend zur Bildidee – wirken zu lassen.

Wenn es Ihnen jedoch darum geht, den Menschen einfach nur besonders gut aussehen zu lassen, suchen Sie sich gezielt die sogenannte „Schokoladenseite” aus. Von den Modellen – aber auch von den Betrachtern – wurde in unzähligen Versuchen in den überwiegenden Fällen ihre linke Gesichtsseite als die schönere empfunden und als Schokoladenseite bezeichnet. Dies galt selbst dann, wenn man Versuchspersonen gespiegelte Fotos vorlegte. Bei einigen Menschen ist das Selbstbild jedoch vor allem durch den Blick in den Spiegel geprägt. Ihnen fällt es manchmal schwer, sich auf einem Foto wiederzuerkennen und anzunehmen, weil es für sie seitenverkehrt ist. In besonderen Ausnahmefällen hilft es da, das Foto vertikal zu spiegeln, um die gewünschte Akzeptanz zu erreichen. Allerdings ist dieses Vorgehen in der Porträtfotografie recht verpönt.

5 Was macht ein Gesicht schön?

Wenn ein Gesicht als schön empfunden wird, ist das immer auch mit subjektiven und individuellen Vorlieben verbunden. Dennoch wurde in vielen wissenschaftlichen Untersuchungen nach bestimmten Kriterien gesucht, die ein Gesicht attraktiv und schön machen. Und tatsächlich gibt es einige sehr aufschlussreiche Versuche, die aufzeigen, dass es tatsächlich objektive Kriterien für die Schönheit eines Gesichts gibt – und zwar unabhängig vom persönlichen Geschmack oder von individuellen Vorlieben und über alle Kulturen hinweg.

Grundlage der meisten solcher Experimente sind Fotos von Menschen, die von vielen Personen hinsichtlich ihrer Attraktivität bewertet werden. Dabei werden Fotos von realen Menschen ebenso bewertet, wie Bilder, bei denen die Gesichter mehrerer Menschen zu einem einzigen Durchschnittsgesicht zusammengefasst wurden. Auch gezielt digital veränderte Gesichter werden den Probanden vorgelegt. Dabei zeichnen sich insgesamt fünf Faktoren ab, die zu überdurchschnittlich hohen Attraktivitätswerten führen:

Menschen mit sehr symmetrischen Gesichtszügen – sowohl was die vertikale Verteilung der drei Gesichtszonen als auch was eine möglichst hohe Ähnlichkeit zwischen der rechten und der linken Gesichtshälfte betrifft – werden als besonders schön empfunden. Diese Bewertung wurde sogar bei Naturvölkern und Neugeborenen nachgewiesen.

Früher wurde davon ausgegangen, dass ein Gesicht umso attraktiver wirkt, je mehr es dem Durchschnitt aller Gesichter entspricht. Mittlerweile weiß man jedoch, dass eher das Fehlen extremer Gesichtszüge – beispielsweise kleiner Augen, einer großen Nase, starker Augenbrauen, schmaler Lippen oder eines fliehenden Kinns – als schön empfunden wird.

Auch eine gleichmäßige, reine Haut mit einer leicht bräunlichen Farbe ist ein sehr positiver Faktor. Beim Zusammenführen oder Morphen der Gesichter zu einem Durchschnitt wird insbesondere die Haut glatt und rein gezeichnet – was diesen Gesichtern zusätzliche Attraktivität verleiht.

Auch das sogenannte Kindchenschema ist eine positive Verstärkung für ein als schön empfundenes Gesicht. Zu den Merkmalen des Kindchenschemas zählen große runde Augen und eine große Stirnregion mit einer eher kleinen Nase und einem kleinen Kinn zusammen mit rundlichen Wangen. Dieses Schema darf jedoch nicht vollständig ausgeprägt sein, um attraktivitätssteigernd zu wirken, und muss mit Merkmalen für die sexuelle Reife kombiniert werden, beispielsweise hohen Wangenknochen, vollen Lippen und dichtem Haar. In dieser Kombination wirkt sich das Kindchenschema vor allem auf Frauengesichter positiv aus; bei Männern muss der Anteil sehr viel kleiner sein, um einen positiven Effekt zu haben.

Ein weiterer Faktor sind positive Emotionen wie Lächeln oder Lachen. Diese führen bei jedem Betrachter dazu, dass er ein Gesicht als angenehmer und anziehender empfindet.

Die Universalität dieser Ergebnisse liegt darin begründet, dass die symmetrischen, durchschnittlichen Gesichter eine hohe genetische Gesundheit signalisieren – eines der wichtigsten Kriterien bei der Partnerwahl. Dies ist uns quasi als Geschmacksmuster in die Gene programmiert.

Dennoch hat der individuelle Geschmack ebenfalls seinen Anteil, weswegen Menschen andere Vorlieben entwickeln können. Die Schönheit im Auge des Betrachters kann also auch anderweitig entstehen. Außerdem ist beim Fotografieren von Menschen nicht immer die Schönheit der entscheidende Beweggrund.

6 Charakter und Ausdruck

Auch wenn uns die Werbung manchmal etwas anderes vorgaukelt: Die allermeisten Menschen haben kein symmetrisch aufgebautes Gesicht. Doch je mehr sich die beiden Gesichtshälften voneinander unterscheiden und je stärker die Gesichtsproportionen von den Mittelwerten abweichen, desto individueller, charakteristischer und einfacher ist die Person wiederzuerkennen.

Solche Gesichter haben Ecken und Kanten, entsprechen keiner Norm und wirken oft genau deswegen ganz besonders außergewöhnlich spannend und faszinierend. Somit sind sie eine perfekte Voraussetzung für ausdrucksstarke Charakterporträts, die ein Genre bilden, das mehr kann, als Schönheit abzubilden. Mit Charakterporträts lässt sich die Persönlichkeit von Menschen einfangen und vorstellen, lassen sich (Lebens-)Geschichten erzählen.

Dies funktioniert deswegen so gut, weil das Gesicht nicht immer gleich bleibt. Es verändert sich im Laufe der Jahre: Die gesunde oder ungesunde Lebensweise, die Schicksalsschläge und jedes freudige Lachen hinterlassen ihre Spuren im Gesicht. Es wird immer stärker zum sichtbaren Ausdruck des Inneren, des Charakters und der persönlichen Einstellung zum Leben, die jeder Mensch an den Tag legt. George Bernhard Shaw hat dies einmal in dem Satz zusammengefasst „Ab dreißig ist jeder für sein Gesicht selbst verantwortlich”.

Genau diese individuellen Lebensgeschichten sind für das soziale Wesen Mensch außerordentlich interessant und spannend, und zwar unabhängig davon, ob sie auf überwiegend positiven oder negativen Erlebnissen beruhen. Deswegen sind eben auch Charaktergesichter so ein fotogenes Motiv. Deshalb kann und sollte jeder Mensch auch zu seinen Falten stehen.

7 Passende Brennweiten

Die Proportionen des menschlichen Gesichts sind in der Realität anders, als wir sie mit unseren Augen wahrnehmen. Wenn wir uns mit einem Menschen unterhalten, sein Gesicht intensiv betrachten, konzentrieren wir unseren Blick sehr stark. Dabei nehmen wir nur in einem kleinen Blickwinkel von ungefähr zwanzig Grad scharf wahr und richten unsere Aufmerksamkeit besonders auf die Regionen mit den meisten relevanten Informationen: Augen, Nase und Mund. Dementsprechend wenig fallen die Randbereiche des Kopfes optisch ins Gewicht, was dazu führt, dass wir Gesichter schlanker wahrnehmen, als sie sind.

Objektive mit einer Brennweite von 85 bis 135 Millimetern – bezogen auf das Vollformat – imitieren diese menschliche Sichtweise sehr gut. Bei Kopf- und Oberkörperbildern geben diese Brennweiten den Kopf etwas schlanker, also besonders vorteilhaft, wieder und sind deswegen völlig zu Recht die Standardobjektive im Genre Porträt.

Kürzere Brennweiten lassen den Kopf hingegen breiter und damit unvorteilhafter erscheinen – dazu gehören bereits Brennweiten zwischen 50 und 70 Millimetern. Bei Weitwinkelobjektiven mit 35 Millimetern und weniger Brennweite kommt noch eine sehr unschöne Verzeichnung hinzu, welche die Proportionen des Gesichts teils sogar extrem verzerrt. Die näher an der Kamera gelegene Nase wird übergroß, die nur wenige Zentimeter weiter entfernten Ohren werden jedoch sehr klein abgebildet. Solche Objektive sollten Sie nur einsetzen, wenn Sie – mit Zustimmung des Modells – eine völlig überzeichnete Karikatur schaffen wollen.

Aber auch längere Brennweiten sind nicht wirklich für Gesichtsporträts geeignet. Die Telebrennweiten ab 150 Millimetern rauben dem Gesicht seine räumliche Ausdehnung und bilden es sehr flächig ab. Diese Zweidimensionalität widerspricht unserer Art zu sehen und wirkt deswegen etwas künstlich. Allerdings ist dieser Effekt nicht so stark und so deutlich sichtbar wie bei den Weitwinkelobjektiven. Deswegen wird fälschlicherweise manchmal auch das 200-Millimeter-Tele als geeignetes Porträtobjektiv angegeben.