Gespenster von Kensington - J.D. Álvarez - E-Book

Gespenster von Kensington E-Book

J.D. Álvarez

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Beschreibung

Es geht um das Schicksal eines Mannes namens Peter Llewelyn Davies, der zeitlebens, wie einst auch seine Brüder, unter der Vormundschaft des Autors von "Peter Pan", James Matthew Barrie, gelitten hat. Es bedrückt Peter dabei insbesondere, dass sein Ziehvater ihn zum Vorbild von Peter Pan, der Hauptfigur und Titel des Romans von Barrie, gewählt hat. Fortan versucht er erfolglos, seinem Schicksal zu entkommen.

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Seitenzahl: 104

Veröffentlichungsjahr: 2018

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J.D. Álvarez hat lange Zeit auf dem Lande gelebt. Mit 24 Jahren begann er beruflich in verschiedenen Verlagen zu arbeiten und studierte gleichzeitig an der Literaturschule in Madrid. Er hat in Spanien folgende Werke veröffentlicht: Den Roman "Der Tonfresser" (1997), den Gedichtband "Nikotin" (2005), das Buch mit den Interviews der Fotografin Ouka Leele "Dieses Licht, gerade wenn die Sonne brennt" (2006), verschiedene Erzählungen und Gedichte in den Anthologien "Das mit der Liebe ist ein Gerücht" (1999), "Der poetische Weiler II" (2000), "Tic-tac, Erzählungen gegen die Zeit" (2007), "Marathon der Schriftsteller" (2012). Er schrieb den Prolog zu dem Roman "Der Eingeladene des Niemals", von José Vaccaro, und die Anthologien "Schlag gegen die Gewalt gegen Frauen" (2014). Er ist auch Autor der Bücher "Tagebuch eines frisch gebackenen Vaters" (2014) und "Chroniken eines frisch gebackenen Vaters" (2016).

INHALT

Prolog

Fern von Sloane Square

Die Kaimane der Langeweile

Eine neue Funktion für das Ungeheuer vom Jahrmarkt

Als die Vogelscheuche die Türen zur Hölle schloss

Kleinste und feindliche Objekte, die bei jedem deiner Schritte zu berücksichtigen

Der zweite Verräter

Mit dem gebührenden Respekt

Erscheinungen und Schatten

Ein unbegründeter Verdacht

Die Rückkehr von Marcus

Zerberus

Sähe Tote und du wirst Gespenster ernten

Vielleicht ein schlechtes Gewissen

Bis zum Tiefsten

Wiederbegegnung

Der ewige Traum

Sterben muss ein schrecklich großartiges Abenteuer sein

Epilog

Prolog

Luís Alberto Cuenca

[von der Königlichen Akademie für Geschichte])

Es ist nicht einfach, Inspiration für Peter Pan gewesen zu sein. Der gute James Matthew Barrie (1860-1937), der aufgrund seines alter Ego Peter Pan (Barrie maß weniger als anderthalb Meter; sein Körper weigerte sich zu wachsen) unsterblich wurde, pflegte seinen dumasischen Hund Porthos in den Gärten von Kensington auszuführen. Dort lernte er durch reinen Zufall die Brüder George, John und Peter Llewelyn Davies kennen, die von ihrem Kindermädchen Mary Hudgson begleitet wurden. Dies geschah am Ende des XIX Jahrhunderts. Er hatte sie gleich lieb gewonnen, knüpfte eine enge Freundschaft mit ihren Eltern, Arthur und Sylvia, an, die mit dem Aufkommen des neuen Jahrhunderts zwei weitere Kinder haben würden, Michael und Nicholas (genannt Niko). Da es so kam, dass die Brüder Llewelyn Davies bald Waisen wurden, denn ihre Eltern starben im ersten Jahrzehnt des XX Jahrhunderts an Krebs, nahm sich Barrie ihrer an, wie wenn es seine Kinder gewesen wären, indem er ihnen die Zuwendung und die Zärtlichkeit zukommen ließ, die er in seiner Ehe — ohne Sex— mit der Schauspielerin Mary Ansell, die in einer Scheidung (1909) enden sollte, nie erhalten hatte.

— Die Namenskunde lässt keinen Zweifel zu: Peter Llewelyn Davies hat James Matthew Barrie den Namen für sein berühmtestes literarisches Werk verschafft und John und Michael diejenigen seiner gleichnamigen Brüder Darling, die, dank dem Staub der Sterne, den ihnen die Fee Tinkerbell verschaffen würde, zusammen mit ihrer Schwester Wendy nach Neverland reisen würden, der ewigen Geliebten des Peter Pan. Zwei der Llewelyns starben früh: George fiel an der Front in einer Schlacht während des Ersten Weltkriegs (1915) und Michael ertrank 1921 in Oxford, als er in Gesellschaft eines Freundes in gefährlichen Gewässern schwimmen ging. Ihr Tod ließ Barrie bis zu seinem Tode (1937) in Trostlosigkeit verharren.

Peter Pan seiner seits kämpfte im ersten Weltkrieg 1914-1918 und später wurde er Verleger und veröffentlichte unter seinem Siegel verschiedene Werke von Daphne de Maurier (die eine Cousine von ihm war). Er würde sich schließlich 1960 mit dreiundsechzig Jahren mittels des speditiven Verfahrens, sich in der Metrostation von Sloane Square in London vor einen einfahrenden Zug auf die Gleise zu werfen, sich selbst das Leben nehmen. Er hatte es satt, sich fragen zu lassen, wie er sich als Modell von Peter Pan fühlte.

Auf der Grundlage dieses freudianischen Beziehungsgeflechts hat J. D. Álvarez, Experte wie wenige in Fragen von Peter Pan, sich einen kurzen Roman, eine Nouvelle, betitelt Gespenster in Kensington, ausgedacht, in der er Peter Llewelyn Davies in ein schottisches Umfeld —.in die Stadt Kirrimuir— platziert, umd in der sein Adoptivvater geboren wurde, In diesem Kurzroman schwebt er rittlings zwischen Traum, Albtraum und einem sehr aktuellen Hauch “gore“. Álvarez stellt eine Reihe realer Personen vor, welche die imaginären Kreaturen heraufbeschwören, die das verlorene Paradies (oder ist es Hölle?) von Neverland bevölkern: Kapitän Hook und die Sirenen, unter anderen. Das Ergebnis ist sehr originell und hat mich im Stil und selbst im Thema an die plots von Neil Gaiman erinnert, des wunderbaren britischen Romanautors, des Autors des Comics The Sandeman. Die von J.D. Álvarez ausgebreitete Rahmenhandlung scheint enthüllend zu sein, denn sie wurzelt in der krankhaften Beziehung zwischen dem Schöpfer eines literarischen Mythos von der Größe eines Peter Pan und dem Jungen — jetzt ein Sechziger mit Hang zum Suizid — der die Inspiration gab zu einem Mythos ausgehend von einer zufälligen Begegnung mit Barrie in den Gärten von Kensington.

Keiner, der dafür etwas auf sich hält, dass er die Lektüre verschiedener Beiträge von James Matthew Barrie auf dem Gebiet der Erzählung und des Theaters zum Universum von Peter Pan genossen zu hat, kann Gespenster von Kensington ungestraft an vorbeiziehen lassen, denn Álvarez bietet mit diesem Kurzroman, der da beginnt, wo diese Zeilen enden, ein Produkt an, das für alle diejenigen von großem Interesse ist, die, wie ich, den Jungen lieben, der nicht wachsen wollte, und uns mit ihm identifizieren.

Die Kindheit ist jenes Reich, in dem niemand stirbt.

Edna St. Vincent Millay

Fern von Sloane Square

Es fiel ein feiner Sprühregen am Tage, an dem Peter Llewelyn Davies nach Little White Bird1 kam. Eine schwarze Katze schüttelte den Staub von ihrem Körper ab und suchte unter der Vorhalle einer Gendarmerie einen Unterschlupf. Sie schüttelte das Fell, drehte ihren Kopf und beobachtete ihn mit ihrem einzigen Auge, während sie sich eine Pfote leckte. Indem er den Koffer festhielt und seine steifen Knochen vergaß, rückte der abgezehrte Alte auf der Central Avenue auf der Suche nach dem Gasthaus vor. Schließlich stieß er darauf. Auf dem Schild hieß es:

Tinker Guesthouse. Zimmer das ganze Jahrüber

verfügbar. Nur verheiratete Paare

Bevor er eintrat, dachte er an den Namen, den er benutzen würde, um seiner neuen Identität eine Form zu geben: Ogilvi. Er hatte sich das über Monate lang ausgedacht, lange noch vor seinem vorgetäuschten Ableben. Im März fing sein Freund, Milton, der Barbier — der gleiche, der Peter seine Verlobte geraubt hatte und dem er wider aller Erwartungen vergeben hatte — an, über den Selbstmord zu scherzen, bis jener Begriff, was Ort und Zeit anbelangte, festere Form annahm, Sloane Square mit seinen geräumigen Mauern aus sichtbaren Ziegeln, bedeckt mit langen Ästen einer Efeupflanze, erschien ihm ein erlesener Ort. Nichts besser als seine von Scheinreben bedeckten Abwasserleitungen, einer Blutbahn gleich, sie und das Gebrumm der Untergrundbahn würden dem bedrückenden Krebs ein Ende machen, der dabei war, Milton zu verschlingen. Diesbezüglich hat sich Peter, bei seinen dreiundsechzig Jahren, so oft geweigert, das Unvermeidbare zu akzeptieren, dass seine Missbilligung nach ein paar Monaten seinen Sinn verlor. Trotzdem fanden sie aufgrund der Umstände zu einer Einigung: Wäre man bei dem vereinbarten Datum angelangt, würden Milton und Peter die Papiere tauschen und Milton würde sich die Kleider des Anderen anziehen, um sich danach, am 5. April 19602, um 11 Uhr 20, auf die Gleise vor den Zug zu werfen. Dieses Ereignis löste in der nationalen Presse eine großen Wirbel aus. Peter Llewelyn Davies, das Kind, das J. M. Barrie bei der Schaffung der Figur des Peter Pan inspirierte, der gleiche Junge, der, als er erwachsen wurde, die Gräuel des Krieges erleben würde, und der später Verleger der Peter Davis L.T.D. sein würde, war auf dem Sloane Square gestorben und hinterließ dort einen unkenntlichen Leichnam.

Peter Pan war gestorben, indem er sich selbst ebenso ablehnte wie die ihn umgebende Welt, das war zumindest das, was man dachte. Zu diesem Zeitpunkt spürte Peter Llewelyn, der ganz zu seinem Leidwesen ein ganzes Leben lang mit dem Fluch, das Kind zu sein, das nicht erwachsen werden wollte, leben musste, zum ersten Male die echte Bedeutung der Erleichterung, die er dadurch erfuhr, dass er sich seines Schattens3 entledigte, der damit ein für alleml in der Schublade verschwinden und mit einer Fischerleine dort festgemacht würde, für den Fall, dass er im Schilde führen sollte zu flüchten. Über James Matthew Barrie wurde zu seinen Lebzeiten viel gesagt, doch in gleicher Weise wie er seine Mutter als "Boa Constriktor der Gefühle" bezeichnete, ebenso sehr lehnte Barrie auch Peter und seine Brüder George, Jack, Michael und Nicholas ab, als diese beschlossen, den großen Schritt zu machen, erwachsen zu werden. Daraufhin brachen die Brüder Llewelyn Davies die Beziehung zu dem dementen Schriftsteller James ab und die Beziehung, die zuerst eher ein Trugbild zu sein schien, endete mit den folgenden Todesopfern und Selbstmorden. All das ging Peter Llewelyn durch den Kopf, als er einen Moment im Gehen über einer Pfütze innehielt und versuchte, seine nassen Strümpfe zu vergessen. Dann strich er sich den Mantel glatt, während er den nackten Kastanienbaum betrachtete, der das Gasthaus scheinbar beherrschte, und vollkommen entschlossen, seine Vergangenheit zu vergessen, trat er ein. An den peinlich sauberen Wänden hingen mehrere Reproduktionen von Gemälden von Klimt und Munch. Bei der Treppe hing an einem Kleiderbügel in der Garderobe aus Pinienholz eine makellose Frauenjacke mit einer engen Kragenweite. Er schlug ein einziges Mal mit der inneren Handfläche auf die Klingel am Empfangstresen. Kurz darauf erschien eine Frau mit breiten Hüften und üppigen Brüsten, die jedoch von ihrem Kleid verborgen wurden.

"Guten Abend, haben Sie noch freie Zimmer für Ledige?" sagte er mit ätzender Stimme und ließ dabei den Hut auf den Empfangstresen fallen.

Die Hauswirtin richtete den Blick auf das Rinnsal Wasser, das aus seinem Hosenbein auf den Boden liefs. Sie runzelte die Stirn und forschte:

"In ihrem Alter und noch nicht verheiratet? Jedermann würde sagen, Sie hätten dazu genug Zeit gehabt."

"Als ich aus dem Krieg zurückkehrte, fand ich zufällig meine Verlobte mit meinem guten Freund Milton im Bett. Seither hatte ich aus diesem offensichtlichen Grund kein Interesse mehr an den Frauen gefunden. Übrigens, ein eindrucksvolles Exemplar, der Kastanienbaum, den Sie da draußen stehen haben", antwortete er.

Margaret Manering nahm einen Schlüsselbund vom Schlüsselbrett und legte ihn auf den Empfangstresen.

"Ich werde Ihnen Zimmer Nr. 24 geben. Es wird gewöhnlich nicht benutzt, weil das Bett für eine Person mittlerer Länge gedacht ist, Sie verstehen; zu klein für die Unerfahrenen und zu kalt für einen alten Junggesellen. Es handelt sich um einen Irrtum bei einer Bestellung und es kam nie jemand, um es auszuwechseln. Man kann beinahe sagen, dass Sie es einweihen werden. Sie werden schlafen wie ein Baby, das versichere ich Ihnen."

"Danke", sagte er.

"Dies ist das Formular für ihre Anmeldung, Sie müssen Ihren Namen eintragen und in dem Kästchen nebendran unterschreiben", sagte sie und reichte ihm einen Füllfederhalter.

Peter Llewelyn Davies unterschrieb mit falschem Namen und reichte ihr die Mappe zurück. Daraufhin steckte er die Schlüssel in seine Tasche und betrachtete dabei unauffällig die Finger von Margaret. Sie waren füllig und hatten Rillen, hatten insgesamt aber etwas Kindliches und Infantiles, wie wenn in der Tiefe ihres Inneren noch etwas von einem Glauben an den Menschen existierte.

"Erster Stock, rechter Gang", sagte sie, "Wie viel Tage werden Sie hier bleiben, Herr ... Ogilvi?", forschte Sie, warf einen Blick auf das Blatt und legte die Mappe in eine der Schubladen.

Peter nahm seinen Koffer und setzte den Hut auf. Indem er die Treppe hinaufstieg, antwortete er auf halbem Wege:

"Das hängt von verschiedenen Dingen ab. Ich bin dabei, mir ein Haus zu suchen, das zum Verkauf ansteht.

Wenn Sie von einem wissen, wäre ich Ihnen für jegliche Information, die Sie mir vermitteln könnten, dankbar. Ich könnte mich rasch einrichten. Aber darüber werden wir später sprechen. Ich muss mir die Kleider ausziehen, etwas Trockenes anziehen und ausruhen. Die Reise war lang und in meinem Alter erträgt man das noch schlechter", sagte er und schüttelte dabei den Schlamm von den Hosen.

"Fragen Sie Marcus Crow. Seit er in Rente ging, dieser Schuft, kennt er sich bis ins Kleinste in allem aus, was im Umkreis von Little White Bird bis einschließlich zum Haus dieser Hexe von Kittie Holmes geschieht. Er wird Sie