Gestrandet - Colin Harvey - E-Book

Gestrandet E-Book

Colin Harvey

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Beschreibung

Mit der sicheren Landung fängt der Alptraum erst an

Als Wissenschaftler Karl Allman mit seinem Raumschiff auf einem unbekannten Planeten strandet, ahnt er nicht, dass er direkt in der Hölle gelandet ist. Schon bald wird er von blutrünstigen Wilden gejagt, die es nicht nur auf seine Ausrüstung abgesehen haben. Doch aus diesem Alptraum gibt es kein Entrinnen ...

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Seitenzahl: 652

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Das Buch

Das Buch

Als das Karl Allmanns Raumschiff von feindlichen Abfangjägern getroffen wird, bleibt ihm nur der Notausstieg und die Landung auf dem nahegelegenen Planeten. Als er nach seinem Sturz wieder aus der Bewusstlosigkeit erwacht, muss Karl feststellen, dass er auf einer kalten und kargen Welt gelandet ist und er von Bauern gerettet wurde. Erst nach und nach begreift er – und die Daten, die ihm das Schiff auf sein internes Datensystem überspielt hat, helfen ihm dabei – dass die Kultur auf Isheimur der aus den alten isländischen Heldensagas ähnelt. Und während Karl noch versucht, wieder zu Kräften zu kommen und seine Umgebung zu verstehen, versuchen die Einheimischen bereits, den »Mann von den Sternen« für ihre Zwecke zu benutzen. Karl muss fliehen und ein Raumschiff ausfindig machen, das ist ihm jetzt klar – doch die gewaltbereiten Siedler wollen ihn um keinen Preis gehen lassen. Bis Karl eine Entdeckung macht, die alles verändert …

Der Autor

Der Autor

Colin Harvey hat bereits mehrere Romane, Kurzgeschichten und Rezensionen veröffentlicht und war als Juror für die Speculative Fiction Foundation tätig. Colin Harvey ist verheiratet und lebt in Bristol.

Titel

COLIN HARVEY

GESTRANDET

Roman

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

Impressum

Titel der englischen OriginalausgabeWINTER’S SONGDeutsche Übersetzung von Winfried Czech

Deutsche Erstausgabe 02/2012Redaktion: Werner BauerCopyright © 2009 by Colin HarveyCopyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabeby Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Verlagsgruppe Random House GmbHUmschlaggestaltung: Nele Schütz Design, MünchenSatz: C. Schaber Datentechnik, WelsISBN: 978-3-641-07253-7www.heyne-magische-bestseller.de

Widmung

Für Kate,dafür, dass sie mich zu Hausegegen ein Übermaßan Realität abschirmt.

Erster Teil

ERSTER TEIL

1 Karl

10KARL

Karl träumte gerade von seiner Klon-Frau auf dem fernen Avalon, als der Plasmastrahl die Maschinen des Schiffes traf.

Gerade noch badete er mit Karla in den jodisierten Quellen unterhalb von Jodi’s Falls und seifte ihre aufwärts gerichteten Brüste unter dem warmen Licht der Sonne von Delta Pavonis ein, und schon im nächsten Moment schien ein Riese auf seiner Brust zu hocken, während die Alarmsirenen des Schiffes heulten und die Notbeleuchtung aufflackerte.

Schlagartig ließ der Druck nach, und Karl schwebte nackt unter seinem Schlafnetz auf der Brücke. »Karl, wir werden angegriffen!«, übertönte eine Stimme den gellenden Alarm. Dass die etwas zu perfekt modulierte Altstimme des Schiffes von knisternden Störgeräuschen untermalt wurde, ließ ihn ahnen, wie fatal der Treffer vermutlich gewesen war. Sein Interface funktionierte nicht; keins der üblichen Displays scrollte sein Blickfeld hinab, und da keinerlei Daten auf direktem Weg in sein Gehirn eingespeist wurden, war er gezwungen, auf die archaische Form verbaler Kommunikation zurückzugreifen. »Welche … Was für Schäden liegen vor?« Beißender Rauchgestank stieg ihm in die Nase; die Monitore – die normalerweise ohnehin nur von Passagieren benutzt wurden – waren tot.

Er hustete, seine Augen brannten, und in einer glatten Wandung tat sich unvermittelt eine Öffnung auf, aus der eine Atemmaske, die das Schiff soeben erst hergestellt hatte, mit einem angekoppelten Sauerstoffbehälter heraushüpfte.

»Ich werde das Ding nicht aufsetzen«, presste Karl zwischen einzelnen Hustern hervor. »Ich hasse es, mir irgendwelche Sachen über das Gesicht zu stülpen.«

»Du bist zwar körperlich optimiert worden, aber das heißt nicht, dass du unverwundbar bist!«, fauchte das Schiff. »Setz sie auf!«

Widerwillig gehorchte Karl.

»Danke«, sagte das Schiff. »Wir verfügen in diesem Drittel nur noch über Notenergie. Der Energiefluss im mittleren Drittel ist unregelmäßig. Der Rest des Schiffes weist keinerlei Schäden auf. Ich musste die Maschinen kurzfristig abschalten, um zu verhindern, dass du von Streuwellen aus dem Gravitationsgenerator zerquetscht wirst, und jetzt gelingt es mir nicht mehr, sie wieder anzufahren. Zurzeit versuche ich, einem zweiten Plasmastrahl, der sich uns nähert, mithilfe der Manövriertriebwerke auszuweichen, aber er hat bereits gestreut, und es ist unwahrscheinlich, dass ich ihm vollständig entgehen kann. Die Zeit bis zum Einschlag beträgt vier Minuten.«

Karl bemühte sich, die ernüchternde Nachricht zu verdauen, dass er schon so gut wie tot war. »Die müssen praktisch im gleichen Moment gefeuert haben, als sie aus dem Falt-Raum gefallen sind.«

»Der zweite Strahl kam aus einer anderen Richtung, was auf ein zweites Schiff hindeutet«, wich das Schiff einer direkten Antwort aus, »auch wenn es schwierig ist, den Raum durch den Asteroidengürtel hindurch zu scannen.« Seine Stimme klang hilflos. »Sie müssen uns identifiziert haben, bevor ich sie sehen konnte. Das Erste, was ich registriert habe, war der genau auf meine Breitseite gezielte Plasmastrahl. Mir blieben kaum drei Minuten Vorwarnzeit. Es tut mir leid, Karl.«

»Vergiss es.« Karl seufzte.

Sie würden also keine Atempause bekommen, während die anderen ihre Speicherbänke wieder aufluden. Selbst wenn es ihnen wie durch ein Wunder gelingen sollte, dem zweiten und danach auch noch dem nächsten Schuss eines dritten Schiffes zu entgehen, würde das erste Schiff bereits wieder über volle Energie verfügen und erneut feuern können.

Karl befreite sich aus dem hauchdünnen Schlafnetz, das ihn nach wie vor umgab. »Sind das die Aye-Schiffe, die wir schon früher entdeckt hatten?«, fragte er. Unwahrscheinlich, wie er wusste. Die Schiffe, die jeweils eine individuelle Künstliche Intelligenz darstellten, interagierten nur selten mit organischen Wesen, die sich ihrerseits kaum für sie interessierten. Er schwebte zu einem der toten Bildschirme. »Kannst du den hier aktivieren?«

Das Schiff schwieg so lange, dass Karl sich schon fragte, ob all seine Funktionen erloschen waren.

»Ja«, sagte es schließlich.

Auf dem Bildschirm erschien eine Sternenkarte mit der Position des Schiffes, keine drei Astronomische Standardeinheiten von Mizar-B2 entfernt. Karl hatte geglaubt, dass sie von ihrer Position am inneren Rand des Asteroidengürtels aus – umgeben von den unzähligen Ortungspunkten, zwischen denen er und das Schiff sich versteckt hatten – die Ayes gefahrlos würden ausspionieren können. Und da waren sie auch, die durch Symbole dargestellten Schiffe der Ayes in einem engen Orbit um die Chromosphäre des nächsten der vier Sterne – das zweifache Doppelsternensystem, das die Astrophysiker seit seiner Entdeckung so sehr faszinierte –, wo sie irgendwelche rätselhaften Dinge taten, mit denen die Ayes sich nun einmal beschäftigten.

Verstreut zwischen den Splittern des äußeren Gürtels schwebten drei perfekt kugelförmige Schiffe, die in ihrer Vollkommenheit ein trotziges Aufbegehren gegen die Unordnung des Universums darstellten. »Laut ihren Signaturen handelt es sich um Traditionalisten. Es tut mir leid, Karl. Du bist von Vertretern deiner eigenen Spezies beschossen worden.«

Auch wenn man darüber streiten konnte, ob die Angreifer Karl überhaupt als menschlich betrachten würden, war das nicht überraschend: Die eckige Asymmetrie seines Schiffes deutete unverkennbar auf die Radikalen hin. Die Fraktion der Puristen unter den Traditionalisten, die mit größter Wahrscheinlichkeit als Schützen infrage kamen, gingen bestimmt davon aus, dass es sich bei Karl um ein Individuum mit Mensch-Maschine-Schnittstellen handelte, was ihn für sie folglich sogar noch verabscheuungswürdiger als die von den Traditionalisten gehassten Ayes machte.

Zwischen den schematischen Darstellungen seines Schiffes und denen der Angreifer erschien das pulsierende Rund eines Plasmastrahls, Treibstoff, den der Aggressor von seinem Antrieb abgezapft hatte und durch ein Geschützrohr ausspie.

»Wie weit sind sie entfernt?«

»Zwei AE sonnenauswärts.«

»Vorschläge?«

»Angesichts von fünf … vier … drei Minuten Zeit bis zum Einschlag besteht die logischste Option für dich darin, von Bord zu gehen.«

»Geschenkt.« Karl starrte auf den Monitor. »Mal sehen, wie weit wir mit den Manövriertriebwerken kommen. Liegen wir genau im Zentrum des Strahls?«

»Etwas steuerbords davon, weshalb ich auch bereits in diese Richtung beschleunige.«

»Braves Mädchen. Was können wir sonst noch tun?«

»Ich kann keine weitere Energie in die Düsen transferieren.« Wie immer ignorierte das Schiff Karls vermenschlichende Bezeichnung.

Er dachte fieberhaft nach. »Was, wenn wir Luft durch die Ladebucht ausblasen?«

Das Schiff schwieg so lange, dass Karl seine Frage schon wiederholen wollte. »Das würde unsere Geschwindigkeit lediglich um ein Prozent erhöhen, und das reicht nicht. Wir benötigen sieben Prozent Schub mehr.«

»Dann öffne auch noch die Luftschleusen. Senk den Luftdruck so weit wie irgendwie möglich und dann um ein weiteres Prozent.«

»Das kann ich nicht tun, Karl. Ich bin darauf programmiert, dich zu beschützen. Das Risiko für dich ist nicht akzeptabel.«

»In die Luft gejagt werden dagegen schon?«

»Aus diesem Grund habe ich dir empfohlen, von Bord zu gehen. Du hast zwei Minuten Zeit, dich zu entscheiden. Und du solltest zwei Minuten früher verschwinden, um nicht von Trümmern getroffen oder verstrahlt zu werden. Was übrigens heißt: jetzt sofort.«

»Hak das ab, ich lass dich nicht allein zurück!« Oder den Klumpen Neutronium, der sich, eingeschlossen in einem Stasisfeld, in einem Winkel der Ladebucht befand. Wenn das Feld zusammenbrach, würde die Fracht das Schiff schneller auslöschen, als man benötigte, einen der faden Protein-Burger hinunterzuwürgen, von denen sich Karl seit einem Monat ernährte.

»Karl, das ist sentimentaler Unfug«, sagte das Schiff. »Das größte Risiko für dich liegt darin, der Raumstrahlung ausgesetzt zu werden, aber ich habe bereits ein stark gebündeltes Notfunksignal Richtung Hanghzou Relay abgesetzt, dem meiner Meinung nach von hier aus gesehen nächstgelegenen uns freundlich gesonnenen Ort, der rund vier Lichtmonate entfernt ist. Sobald das Signal dort empfangen wird, brauchen die Leute nur wenige Tage, um zu diesen Koordinaten zu springen, und bis dahin wird dich das Lebenserhaltungsgel schützen – sogar im Vakuum.«

»Es freut mich, dass du mir nicht vorgeschlagen hast, mich von unseren Gegnern aufgabeln zu lassen«, bemerkte Karl trocken.

Das Schiff ignorierte den Anflug von Humor. »Du hast für mehrere Monate Energie in deinem integrierten Gefährten, die aktiviert werden wird, sobald ich außer Reichweite bin. Noch bevor diese Energie völlig aufgebraucht ist, wird das Lebenserhaltungsgel bereits Nachschub benötigen und deshalb langsam damit anfangen, deinen Körper zu absorbieren. Allerdings werden schon vorher Nebenwirkungen auftreten – Gewichtverlust, Anämie, Ekzeme. Diese hautengen Schutzhüllen sind lediglich als kurzfristige Lebenserhaltungssysteme entworfen worden.«

Karl nickte, während er die Hände abwechselnd zu Fäusten ballte und wieder öffnete. »Ich wünschte, diese Bastarde wären in Reichweite meiner Hände.«

»Diese Reaktion wird durch das in dir freigesetzte Adrenalin erzeugt«, erklärte das Schiff und fügte hinzu: »Ich bin ein Objekt, du kannst mich ersetzen und vermutlich sogar in etwa meine Programmierung rekonstruieren. Aber ich bin ebenso wenig eine Persönlichkeit wie irgendein anderes Fahrzeug. Ich bin austauschbar; du bist es nicht. Du solltest mich jetzt durch Hangar acht verlassen.«

Karl schlug mit der flachen Hand gegen die Wand, wodurch er sich aber auch nicht besser fühlte. »Also Hangar acht. Sprich weiter, während ich unterwegs bin.«

»Da gibt es noch etwas, das du wissen solltest, Karl«, sagte das Schiff.

»Raus damit.«

»Ich habe einige Daten entdeckt, die bisher falsch archiviert waren. Dieses System wurde vor mehr als vier Jahrhunderten besiedelt.«

»Dann stammen diese Bastarde also von hier?«

»Das glaube ich nicht. Es gibt keinerlei Hinweise auf hiesigen Verkehr. Die letzten Aufzeichnungen sind über zwei Jahrhunderte alt und wurden unmittelbar vor dem Anbruch der Langen Nacht gemacht. Sollte die Kolonie überlebt haben, hat sie im Verlauf des Konflikts vermutlich eine Rückentwicklung durchgemacht. Allerdings ist ein Überleben der Kolonisten eher unwahrscheinlich. Falls der Krieg sie nicht umgebracht hat, dürfte die elliptische Umlaufbahn ihres Planeten sie erledigt haben. Während des Sommers ist er gerade noch bewohnbar, aber seine Winter sind viel zu kalt.«

»Welchen Stern umkreist er?«

»Anscheinend kreist er um das Mizra-B-Paar in einer Entfernung, die ihm ein Klima unter Marsniveau beschert.«

»Könnte ich ihn von hier aus erreichen?«

»Er ist ungefähr 18000000 Kilometer entfernt«, erwiderte das Schiff, »du würdest also etwa …«

Es folgte eine deutlich wahrnehmbare Pause, die Karl verriet, wie furchtbar schlecht die Dinge standen. Unter normalen Umständen hätte das Schiff das Ergebnis sofort liefern und parallel dazu noch etliche andere Aufgaben erledigen können.

»… drei Standardwochen benötigen«, beendete das Schiff den Satz. »Ich werde dich auf den Weg dorthin bringen«, fügte es hinzu. »Und ich werde dir alle vorhandenen Informationen überspielen. Stöpsel dich ein.«

Karl knirschte mit den Zähnen, wischte den Staub von dem Anschluss, der für derartige Notfälle neben dem Monitor angebracht war, und verband ihn mit der Schnittstelle hinter seinem rechten Ohr. »Aahh!«, stieß er hervor. »Das ist ja grauenhaft! Als würde irgendwer mit Krallen an den Fingern richtig laut über eine Steinwand kratzen!«

»Tut mir leid«, sagte das Schiff. »Wenn nicht so viele meiner Systeme ausgefallen wären …«

»Macht doch nichts«, log Karl blinzelnd. Die Symbole blitzten vor seinen Augen auf, zu schnell, um sie erfassen zu können. Später, wenn er durchs All trieb, würde er Zeit genug haben, die Daten abzurufen.

Er hangelte sich an einem Handlauf den Korridor entlang. »Das Verhalten der Ayes ist seltsam«, sagte das Schiff, als er die erste Biegung umrundete.

»Wie … meinst du das?« Er keuchte vor Anstrengung, als er sich an der Ladebucht mit dem Klumpen des superschweren Frachtguts vorbeizog, das die Flugkosten wieder hereingebracht hätte. Besonders wenn dabei Informationen über die nächste Tour herausgesprungen wären.

»Wenn ich davon ausgehe, dass sie mit dem fortfahren, was sie gerade tun, könnten ihre Manipulationen der oberen Chromosphäre dazu führen, dass sich die Temperatur der Sterne erhöht.«

»Warum sollten sie so etwas tun?«

»Das weiß ich nicht. Soweit wir wissen, haben sie bisher noch nie versucht, einen Stern zu modifizieren.«

Als er Hangar acht erreicht hatte, gönnte sich Karl eine kurze Verschnaufpause.

»Du musst jetzt gehen«, drängte das Schiff, bevor er etwas sagen konnte.

Karl riss sich die Atemmaske vom Gesicht und seufzte erleichtert. Er nickte, die Lippen zu einem schmalen Schlitz zusammengepresst, und tätschelte die Hangarwand. »Danke … äh … du weißt …«

»Keine Zeit«, unterbrach ihn das Schiff. »Geh jetzt.«

Die irisförmige Schleuse öffnete sich langsam. Dahinter kam eine drei Meter hohe Wand aus zitterndem blauen, mit Nanos durchsetztem Gel zum Vorschein. Karl zögerte einen Moment lang, riss sich dann zusammen und schob sich in das Gel hinein, das sich sofort um ihn schloss. Er spürte, wie sich der geistlose und gleichzeitig intelligente Glibber mit seiner Haut verband und ihm schleimige Finger tief in die Nasenlöcher, die Ohren, den Anus und sogar in die Harnröhre schob. Der Intellekt der Masse überstieg kaum den einer Amöbe, aber sie war darauf programmiert, in ihn hineinzukriechen und ihn mit einer zweiten Haut zu umschließen, und das tat sie mit erbarmungsloser Zielstrebigkeit. Karl hatte diese Prozedur bereits unzählige Male durchgestanden und sich dabei immer äußerst unbehaglich gefühlt.

»Wozu sollten sich Terraformer einen Planeten mit derart ungünstigen Voraussetzungen aussuchen?« Eigentlich interessierte ihn das Thema im Moment nicht übermäßig, aber es lenkte ihn immerhin davon ab, an das Gel oder – schlimmer noch – die brodelnde Masse superheißen Plasmas zu denken, die mit einer Geschwindigkeit von einer Viertelmillion Kilometern pro Sekunde auf das Schiff zuraste. Er kämpfte gegen das zunehmende Panikgefühl an, während sich das Gel tiefer in ihm ausbreitete. Es kostete ihn eine Menge Überwindung, den Mund zu öffnen und den Schleim in seine Lungen eindringen zu lassen. Das Gel bildete eine undurchdringliche Schicht über seinen Augäpfeln, und als der Film durchscheinend wurde, sodass er den Schalter zum Öffnen der Außenschleuse sehen konnte, wusste er, dass der Prozess abgeschlossen war. Die glitschige Masse hatte ihn mit einer geschmacklosen und geruchlosen Hülle überzogen, die sein empfindliches Fleisch sicher vor dem Vakuum des Weltraums abschirmte.

»Mit hohem Aufwand hätte es ein lohnendes Projekt werden können«, beantwortete das Schiff seine Frage. »Was die Terraformer nicht vorhergesehen haben, war der kommende Krieg. Das tun sie nie. Und das hat alles verändert.«

Aus den Eingeweiden des Schiffes stieg ein dumpfes Grollen auf, das Karl mehr fühlte als hörte, als die Eindämmungsfelder, die das Neutronium umgaben, schwächer wurden und das Raumschiff zu zerreißen begannen.

»Ich muss dich jetzt verlassen!«, rief er dem Schiff zum Abschied zu.

»Ich habe das gesamte Lebenserhaltungsgel in Hangar acht gedrückt«, erwiderte das Schiff.

Bevor Karl es fragen konnte, wozu es das getan hatte – das zusätzliche Gel würde ihm keinerlei Vorteile bringen –, öffnete sich die kleiderschrankgroße Luftschleuse. Die explosionsartig entweichende Atmosphäre schleuderte ihn ins All hinaus, und da verstand er. Das überschüssige Gel verlieh ihm zusätzlichen Schub, und als er Hals über Kopf kreiselnd durch das Vakuum trieb, segnete er stumm sein kluges, fürsorgliches Schiff.

Karl zählte im Geist die Zeit ab und fand so heraus, dass er sich alle sechs Sekunden einmal überschlug. Das Lebenserhaltungsgel verdunkelte sich, um seine Augen zu schützen, und jedesmal, wenn das gleißende Mizar-Sternenquartett durch sein Blickfeld rotierte, sah er die Sonnen in türkisblaues Licht getaucht. Sobald er den Blick von den Sonnen abwandte, wurde das Gel wieder klarer.

Obwohl es ihn mit einem perfekten Film vor dem Vakuum schützte, konnte Karl nicht verhindern, dass sich seine Brust unablässig hob und senkte; das von ihm ausgeatmete Kohlendioxid wurde von dem Schleim absorbiert und teilweise zu einem Sauerstoff-Stickstoff-Gemisch in Form einer nur wenige Mikrometer durchmessenden Pufferschicht zwischen seiner Lunge und der Gelmembran umgewandelt.

Er wusste nicht, wie lange er bereits beschleunigte, als die Stimme des Schiffes erneut in seinem Kopf aufklang. »Karl, es gibt da noch etwas, das ich dir sagen sollte. Die Ozonschicht des kolonisierten Planeten scheint …« Übergangslos verstummte die Stimme wieder.

Obwohl Karls Gesicht gerade von den Sonnen abgewandt war, verdunkelte sich die Membran plötzlich wieder. Dann spürte er einen Schlag im Rücken – trotz der Tatsache, dass das Gel eigentlich jegliche kinetische Energie absorbieren sollte –, vermutlich hervorgerufen durch den Aufprall eines Fragments des explodierten Raumschiffs.

Auch wenn es sich bei dem Schiff lediglich um eine semiorganische Maschine gehandelt hatte, war es ihm manchmal näher als eine Geliebte gewesen, und so weinte er um den Verlust.

Später, nachdem seine Tränen versiegt waren, schlief er ein. Es war ein unruhiger Schlaf, der nicht so sehr der Erschöpfung geschuldet war, ihm aber half, alles zu verarbeiten, was seit seinem abrupten Erwachen geschehen war.

Als er wieder zu sich kam, hielt er sich so lange wie nur irgendwie möglich zurück, bis er schließlich gezwungen war, sich in die ihn umgebende Membran zu entleeren und ihr zu gestatten, seine Körperausscheidungen zu absorbieren, ein zwar unangenehmer, aber unvermeidlicher Vorgang. Abgesehen von diesen Begleitumständen hätte es durchaus Spaß machen können, so durchs All zu treiben. Er fragte sich sogar, warum niemand zu Hause jemals auf die Idee gekommen war, das Lebenserhaltungsgel für eine Besichtigungstour der Nachbarwelten Avalons zu benutzen.

Ursprünglich hatten die Astronomen der historischen Erde Mizar für einen Einzelstern gehalten, ihn jedoch nach der Erfindung der ersten Teleskope zu einem Doppelstern-System erklärt. Noch später hatte sich herausgestellt, dass es sich bei beiden Sternen – Mizar-A und Mizar-B – wiederum um Zwillingspärchen handelte.

Karl durchforstete die Daten, die das Raumschiff ihm überspielt hatte, und rief sämtliche Informationen über die sieben Planeten ab, die Mizar-B, das kleinere Sonnenpärchen, umkreisten, sowie die uralten Überreste des nahezu mythischen Mizar-B3, das nach seiner Entdeckung nur kurz aufgeflackert und dann gänzlich erloschen war.

Am weitesten von den Sternen entfernt, die die Siedler Alfasol, Betasol, Gamasol und Deltasol genannt hatten, war das winzige Asgard, eine aus Eis und Methan bestehende Kugel mit einem Gesteinskern. Dann kam Walhalla, ein blauer Gigant aus Wasserstoff, Helium und Methan wie der Neptun. Der nächste Planet war der grüne Midgard, die Mizar-B-Version des irdischen Uranus, gefolgt von Vanaheim, dem größten Planeten des Mizar-Systems. Nur unwesentlich kleiner war der von zahlreichen Monden umkreiste Asagarth direkt am Rand des Asteroidengürtels, der die Bezeichnung Bifrost trug. Ragnarök, der sonnennächste kleine Planet, war von Mizar-B steril gegrillt worden. Was dem System fehlte, wie Karl erkannte, waren Terra und Venus vergleichbare Planeten, die den Terraformern die Wahl erheblich erleichtert hätten.

Vor ihm lag die letzte der sieben Welten, sein Ziel, das die Siedler Isheimur getauft hatten – Eiswelt.

Vermutlich war die Kolonie mit dem Hereinbrechen der Langen Nacht, dem eskalierenden Konflikt zwischen den beiden menschlichen Spezies, allmählich verdämmert. Auf der einen Seite die Terraformer, deren Ziel es war, fremde Welten so umzugestalten, dass sie für Menschen bewohnbar wurden, auf der anderen Seite die Pantropisten, die stattdessen die Menschen modifizieren wollten, um sie den für sie feindlichen Lebensbedingungen fremder Planeten anzupassen. Aus dem Streit der Parteien um ursprünglich einige wenige Sternensysteme war ein jahrzehntelang wütender Krieg geworden, der sich wie ein Virus immer weiter ausgebreitet hatte.

Nun, zwei Jahrhunderte später, hatte Karl nicht die geringste Ahnung, ob er Überlebende der alten Kolonie oder aber eine tote Welt vorfinden würde. Der Gedanke daran, wie ein Komet in die Atmosphäre des Planeten einzutreten, ließ seinen Mund trocken werden, aber zumindest würde seine Reise damit ihr Ende finden – sofern er Isheimur nicht verfehlte und das Gel ihn während seines Fluges ins Innere des Mizar-Systems bei lebendigem Leib auffraß.

Tage und Wochen, vielleicht sogar Monate, vergingen ereignislos. Karl hatte keinerlei Möglichkeiten, die Tage zu zählen. Er hätte die Funktionen seines internen Gefährten aktivieren können, aber die geistlosen Apparaturen in seinem Körper erinnerten ihn zu sehr an das Schiff, und er musste die Energie für wichtigere Dinge aufsparen, wie zum Beispiel für die Ernährung des Lebenserhaltungsgels.

Isheimur kroch immer näher, bis es schließlich sein gesamtes Blickfeld ausfüllte und er blaue und graue Flecken am Äquator entlang sehen konnte. Manchmal verdeckte es Mizar-B – oder vielmehr Gamasol und Deltasol, wie er den Doppelstern mittlerweile wohl besser nennen sollte.

Soweit er wusste, hatte niemand jemals versucht, aus eigener Kraft nur mithilfe einer Hülle aus Lebenserhaltungsgel auf einem Planeten zu landen, andernfalls hätte das Schiff ihm davon berichtet. Nein, dies war der erste Versuch, etwas in die Praxis umzusetzen, das bis dato nur theoretisch als durchführbar galt.

Trotzdem konnte er es kaum erwarten, den Beweis zu erbringen, denn er hatte sich immer noch nicht daran gewöhnen können, dass das Gel seine Körperfunktionen ersetzte, seine Ausscheidungen absorbierte und ihn durch intravenöse Infusionen mit nährstoffhaltiger Salzlösung versorgte. Manchmal hatte er sogar das Gefühl, als würde er allmählich den Verstand verlieren.

Hätte er seinen Gefährten aktiviert, hätte der sein Gehirn direkt mit grundlegenden Informationen füttern können, aber das wäre nicht annähernd mit dem vergleichbar gewesen, was das Schiff für ihn getan hatte; manchmal schreckte er aus verworrenen Träumen hoch, in denen er glaubte, das Schiff noch immer zu ihm flüstern hören zu können. Manchmal weinte er, wenn er aufwachte. Es schien ihm nicht richtig zu sein, dass er ein künstliches Gebilde schmerzlicher als seine eigenen Partner vermisste, aber er hatte mehr Zeit mit dem Schiff als mit den anderen verbracht.

Er fragte sich, was Karla gerade tat, wo und bei wem sie war. Obwohl er und sie eigentlich gleich sein sollten, war sie impulsiver als er. Würden sie und die anderen auf seine Rückkehr warten? Oder einen Ersatz für ihn aus der Retorte zaubern?

Schließlich spürte er die ersten Ausläufer der Atmosphäre Isheimurs an dem Lebenserhaltungsgel zupfen. Er drehte sich mit den Füßen voraus, sodass er auf der hier draußen kaum vorhandenen Lufthülle zu stehen schien. Die dünnen Gasschwaden, durch die er raste, begannen zu glühen. Er breitete die Arme aus und versuchte, der Atmosphäre so viel Widerstand wie nur möglich entgegenzusetzen. Obwohl sich das Gel um seine Füße herum und unter seinen Armen sammelte, um eine isolierende Schicht zu bilden, konnte er spüren, wie die Hitze allmählich in seinen Körper kroch.

Karl bezweifelte, dass jemals irgendwer vor ihm versucht hatte, mit den Füßen voran in die Atmosphäre eines Planeten einzutauchen und auch noch lebendig auf der Oberfläche anzukommen. Trotz der nahezu undurchdringlichen Hülle aus Lebenserhaltungsgel hatte er das Gefühl, als würde er von gigantischen Händen zusammengequetscht und ein Schweißbrenner seine Fußsohlen malträtieren.

Das Brüllen der vorbeirauschenden Atmosphäre wurde lauter, lauter und immer lauter, bis die gesamte Welt nur noch aus ohrenbetäubendem Lärm zu bestehen schien. Die unsichtbaren Hände drückten immer stärker zu und ließen jeden Atemzug zu einer schier übermenschlichen Anstrengung werden. Als er schließlich das Bewusstsein verlor, war es eine Erlösung.

2 Bera

20BERA

Bera wollte ihren Kummer laut in die Nacht hinausschreien, aber damit hätte sie nur die Hunde auf dem Hof aufgeschreckt, die mit ihrem Bellen ihrerseits wieder die Schlafenden wecken würden. Ihre Nerven waren mittlerweile derart angespannt, dass sie jederzeit zu zerreißen drohten, und eine öffentliche Standpauke von Hilda wäre mehr gewesen, als sie in diesem Zustand hätte ertragen können. Also biss sie die Zähne so heftig zusammen, dass ihre Kiefermuskeln schmerzten.

Draußen auf dem Hof war es so kalt, dass ihr Atem in der mitternächtlichen Luft zu einem soliden Gebilde zu gefrieren drohte. Bera bezweifelte, dass der Himmel von Isheimur um Mitternacht mit dem irgendeiner anderen Welt vergleichbar war. Bis zum Equinox, wenn sich das Sonnenquartett von Mizar auf der anderen Seite des Planeten zu einer Linie aufreihte und nur noch die Zwillingsmonde Stor und Litid die sonst vollkommene Dunkelheit ein wenig erhellten, würden noch einmal fünf Wochen vergehen. Gamasol und Deltasol waren bereits mit einigen Stunden Abstand hinter den Horizont gesunken, während das andere Sonnenpaar zurzeit noch hoch am Himmel stand.

Dass sie auf dem steinigen Weg, der den Hang hinauf zum Grab führte, in der Lage war, zu sehen, wohin sie ihre Füße setzte, erleichterte ihr den Aufstieg zu dem Ort, wo sie um ihren toten Sohn trauern konnte; wenigstens hatte Ragnar ihr erlaubt, ihn hier statt auf freiem Feld zu beerdigen. Der Friedhof bildete eine Nische in einem von Felsbrocken derart übersäten Landstrich, dass die Fläche im Gegensatz zum Rest des Tales zu nichts sonst zu gebrauchen war. Und immerhin bewahrten die Felsen die Toten vor Leichenfledderern. Die Snolpelze waren dagegen ein ganz anderes Problem, die ließen sich nur mithilfe einer kostbaren Kugel oder eines Pfeils verscheuchen.

Bera kletterte an einem Dampfrohr vorbei, das seine Energie nicht länger an den Generator abgab; das einen Meter durchmessende Rohr war mittlerweile von dem Wassertank am Fuß des Hügels getrennt worden. Den Lavendelzweig auf den schlichten Steinhaufen ohne irgendeine Inschrift zu legen, war eine jämmerlich pathetische Geste, aber mehr konnte Bera nicht erübrigen. Der Gedanke an Pallis kleines, sich blau verfärbendes Gesicht ließ ihr erneut Tränen in die Augen treten, die ihr beinahe die Sicht raubten und auf ihren Wangen gefroren.

Sie kauerte sich vor dem Grab nieder und betete zu Wotan, zu Jahwe – zu irgendeinem der alten Götter, die vielleicht existierten, nur für alle Fälle –, und bat sie, sich Pallis anzunehmen. In der Hoffnung, dass es so etwas wie ein Leben nach dem Tod gab und man nicht nur einfach in der Erde vermoderte.

Als sie sich die Augen rieb, sah sie irgendetwas in einem flachen Bogen über die Reykleif-Hügel schießen, das kein Gestaltwandler sein konnte, und auch kein Troll war jemals so schnell gewesen. Das Gebilde strahlte blendend hell, und so vermutete sie, dass es ein Meteor war.

Mühsam richtete sie sich wieder auf und zuckte zusammen. Schmerzpfeile bohrten sich in ihre verkrampften Füße, die trotz der pelzgefütterten Hausschuhe taub geworden waren. Um sich feste Stiefel anzuziehen, hätte sie in der dunklen Schuhkammer herumschleichen müssen und wäre dabei möglicherweise über irgendeinen der dort schlafenden Knechte gestolpert. Das aber hatte sie nicht riskieren wollen. Lieber wollte sie sich die Füße abfrieren lassen, als den anderen Frauen zu verraten, dass sie immer noch um ihren geliebten kleinen Bastard trauerte.

Sofern ihr Körper sie nicht sowieso verriet. Selbst zehn Tage nach Pallis Beerdigung waren ihre Brüste noch immer deutlich sichtbar geschwollen, ihre Brustwarzen entzündet, und trotz der Stofflagen, die sie in ihren BH stopfte, wurden ihre Blusen ständig nass. Das konnte den anderen eigentlich nicht entgangen sein, aber wenn sie es bemerkt hatten, verloren sie – in einem Beispiel seltener Rücksichtnahme? – kein Wort darüber.

Bera drehte sich um und richtete den Blick hügelabwärts auf Skorradalur. Die Häuser der kleinen Bauernsiedlung, die sich an den Hügel schmiegten, bildeten drei Seiten eines Rechtecks um den großen Innenhof herum; die vierte Seite war die Scheune mit dem Skorravatn-See dahinter. Jenseits des Sees ragten uralte Windräder auf der Lee-Seite des Tales auf, deren Rotorblätter sich langsam im unablässig wehenden Wind drehten. Das offene Grasland zwischen den Windrädern war mit den Silhouetten der Schafe gesprenkelt, die die letzten langen Halme des Sommergrases abweideten.

Als Bera den geröllübersäten tückischen Hang Richtung Ragnarholt, dem größten der Bauernhäuser, hinabstieg, kam sie an dem Wassertank vorbei, in den der überschüssige Dampf aus der neueren geothermalen Leitung geleitet wurde, den die Siedler nicht zum Heizen des Hauses benötigten. Der Dampf kondensierte an der Innenwandung des großen Behälters zu Wasser, sodass niemand im Winter Wasser aus dem See holen musste, wo gefährliche Raubtiere lauerten. Es war zwar nicht mit den idyllischen Zeiten vergleichbar, als die Farm noch mit Kernfusionsenergie versorgt worden war, aber immerhin besser als gar nichts.

Trotz des allmählich zunehmenden Zwielichts musste Bera aufpassen, um sich auf dem felsigen Hang nicht einen Fuß zu verstauchen. Doch was ihr auf der einen Seite dabei half, ihren Weg zu finden, verwandelte sich auf der anderen Seite in einen Fluch, als das dumpfe Donnern von Westen her aufklang und die Hunde auf dem Hof wie verrückt zu bellen begannen. Wer auch immer gerade in ihre Richtung blickte, konnte sie gar nicht übersehen. Also beschleunigte Bera ihre Schritte und stolperte zweimal fast in Bodenmulden, die unter dem Gras verborgen waren. Sie spähte zum Wachturm hinauf, der das Haus überragte, aber Thorirs massige Silhouette hatte sich nicht bewegt. Vielleicht schlief er ja immer noch. Thorir konnte in allen Lebenslagen schlafen, aber wenn er sich dabei erwischen ließ, würde es Schläge setzen.

Der Wind frischte auf, und die Rotoren der Windräder drehten sich schneller.

Brynja erfasste Beras Geruch und kläffte.

»Pssst!«, zischte Bera, doch anstatt sich zu beruhigen, verdoppelte die kleine Hündin nur noch ihre Anstrengungen, um sich von der Leine loszureißen, mit der sie an der Wasserleitung auf dem Hof festgebunden war. Das aus dem Hahn tropfende Wasser hatte eine dünne Eisschicht auf dem Boden gebildet, auf dem Brynjas Pfoten keinen Halt fanden.

Widerstrebend kraulte Bera den kleinen Welpen hinter den Ohren. Brynja war so weiß und flauschig wie der Rest des Wurfes, aber im Gegensatz zu ihr hatten all ihre Geschwister ein neues Zuhause gefunden. Da niemand die zu klein geratene Hündin aufnehmen wollte, hatte Ragnar sie mit den Worten: »Wir können es uns nicht leisten, unsere wenigen Vorräte an nicht lebensfähige Tiere zu vergeuden, wie niedlich sie auch sein mögen«, auf den Hof verbannt. Sollte es Brynja irgendwie gelingen, mit den wenigen Bissen auszukommen, die sie erbeuten konnte, würde sie überleben, aber sie war jetzt schon bis auf die Knochen abgemagert.

Zitternd und verzweifelt versuchte sie, in Beras Mantel zu kriechen, und stieß ihre Schnauze dabei immer wieder gegen die Bluse der jungen Frau.

Bera, noch immer in ihren Gedanken an Palli und Ragnars Erbarmungslosigkeit gefangen, biss die Zähne zusammen und löste die Leine um Brynjas Hals. Sofort wühlte sich der Welpe mit wirbelnden Pfoten unter ihren Mantel und stieß ihr so lange mit der Schnauze gegen die Brust, bis sie seufzend eine Hand unter ihre Bluse schob und den BH löste.

Spitze Zähne schlossen sich wie kleine Nadeln um ihre Brustwarzen. Bera zog die Lippen vor Schmerzen in einem stummen Schrei zurück, doch auf eine perverse Weise hieß sie sie auch willkommen. Wie weh es auch tat, für einige viel zu kurze Momente ließen die Schmerzen ihre Erinnerungen an ein winziges Gesicht verblassen, das sich blau verfärbt hatte und schließlich erstarrt war.

Schließlich aber stachen die Nadeln doch zu heftig, und Bera zog das gierige Maul des Welpens von ihren blutenden Brüsten fort. Während sie das kleine Fellbündel in den Armen wiegte und dabei ein fast lautloses Schlaflied summte, schlich sie über den Hof zur Hintertür.

Als sie erneut aufblickte, bemerkte sie zwischen den Hügeln im Nordwesten ein schwaches Glühen.

Es ist keine der Sonnen, dachte sie, und sollte es ein Feuer sein, muss da drüben irgendein Gehöft brennen.

Doch sie wusste von keinem Gehöft, das in dieser Richtung lag. Wenn man den alten Berichten Glauben schenken durfte, waren nachts zu viele Trolle unterwegs, die die Siedlungen überfielen. Und sollte dort tatsächlich eine Farm brennen, wären Hilda und die anderen längst schon auf den Hof hinausgeströmt, weil sie dann Hilferufe erhalten hätten.

Bera hob vorsichtig den Riegel an, schlüpfte in den Vorraum hinein und zog die Tür hinter sich wieder zu.

Das plötzlich aufflammende Licht blendete sie, obwohl es gar nicht übermäßig hell war. Als sich ihre Augen darauf eingestellt hatten, entdeckte sie Thorir, der mit dem Schwert in der Hand vor ihr stand und sie mit einem selbstgefälligen Grinsen musterte, weil es ihm gelungen war, sich vom Wachturm herunter ins Haus zu schleichen, ohne dass sie es bemerkt hatte.

Hinter ihm hatte sich seine Frau Hilda aufgebaut, die Arme vor der Brust verschränkt. Vor Empörung quollen ihr die Augen beinahe aus den Höhlen. »Bera Sigurdsdottir! Was, bei Isheimur, treibst du da? Hast du denn den Verstand verloren?«

Da Bera genau wusste, dass nichts, was sie sagte, ihr eine Predigt ersparen würde, ließ sie einfach nur stumm die Schultern sinken.

»Geh wieder auf deinen Posten, Schatz, während ich mich um das hier kümmere«, sagte Hilda zu ihrem Mann. Sie schaltete das Licht aus. Bera konnte in der Dunkelheit hören, wie sich Thorir entfernte. »Dummes Mädchen!«, fauchte Hilda.

»Tut mir leid«, erwiderte Bera leise.

»Papa hat dich bei uns aufgenommen, als sein alter Freund gestorben ist … Dankst du uns seine Güte damit, indem du uns nachts aus dem Schlaf reißt, sobald er außer Haus ist?«

Kannst du mir denn auch nach sechs Jahren immer noch nicht vergeben?, fragte sich Bera verbittert. Ich buhle bestimmt nicht um seine Aufmerksamkeit!

Als selbst ernannte Ersatzmutter zögerte Hilda nie damit, Bera zu »ermahnen«, wann auch immer sie das für erforderlich hielt – und das tat sie ständig. »Wir haben schon gedacht, du wärst eine Banditin. Oder sogar Schlimmeres!«

»Hast du das Geräusch draußen gehört?«, fragte Bera in dem verzweifelten Versuch, ihre Pflegemutter auf andere Gedanken zu bringen. »Wie gedämpftes Donnergrollen.«

»Kümmere dich nicht darum«, sagte Hilda. Auch wenn es Bera nicht gelungen war, Hilda mit ihrer Bemerkung abzulenken, hatte sie der älteren Frau zumindest etwas Luft aus den Segeln nehmen können. »Geh wieder ins Bett«, fuhr Hilda fort. »Und gib dir Mühe, auf dem Weg nicht über die anderen zu stolpern!«

Bera fragte sich, wie viel von Hildas Wut damit zu tun hatte, dass sie Thorir – und damit Hilda selbst – in einem schlechten Licht hatte dastehen lassen. Wenn sie sich unbemerkt von ihnen aus dem Haus schleichen konnte, würden Banditen das umgekehrt vielleicht auch tun können.

Womöglich argwöhnte Hilda aber auch, dass Thorir gar nicht geschlafen hatte, sondern von Bera dafür »bezahlt« worden war wegzusehen. Dabei konnte Bera ihr nicht einmal sagen, dass sie lieber Säure trinken würde, als sich mit Thorir einzulassen. Hilda hätte ihr ohnehin nicht geglaubt und stattdessen behauptet, das Steingrab auf dem Hügel sei der schlagende Beweis dafür, dass Bera es mit jedem Mann treiben würde.

Am nächsten Tag redete während des Frühstücks in der Küche niemand mit Bera, aber das war nicht ungewöhnlich. Sie hatte es geschafft, nicht über die schlafenden Kinder oder Knechte und Mägde zu stolpern, also war niemand wütend auf sie – jedenfalls nicht wütender als sonst.

Alle zehn Enkel Ragnars, vom kleinsten Säugling bis zu dem achtjährigen Toti, Hildas ältestem Kind, saßen um einen riesigen Tisch herum, der vor Jahrhunderten von Nanobots so gestaltet worden war, dass er wie aus Eichenholz gemacht aussah. Die Zeit hatte ihre Spuren in Form von Flecken und Kratzern in ihm hinterlassen.

Bera und die anderen Frauen eilten mit Töpfen und Tellern zwischen dem Tisch und dem großen Herd hin und her, während die Männer draußen wie üblich nach den Herden sahen.

Alle außer Yngi, klar. Bera hatte ihn bereits mit dem ersten Sonnenlicht gesehen, als der Horizont von Gamasol wie mit einem Suchscheinwerfer erhellt worden war. Sie hatte sich einmal mehr ins Freie geschlichen, um Brynja heimlich wieder an dem Wasserhahn festzubinden. Ein paar Eispfützen waren unter den Sonnenstrahlen halb aufgetaut und hinterließen schmutzig braune Flecken in Brynjas weißem Fell. Der Welpe kläffte leise, als Bera ihn zurückließ, aber sie lief schnell davon und war schon wieder im Haus verschwunden, bevor irgendjemand etwas bemerkt hatte … hoffte sie wenigstens.

Jetzt wartete sie darauf, dass die Schüssel mit Haferbrei bei ihr ankam. Nachdem alle anderen sich bedient hatten, kratzte Bera die letzten Reste des dünnen wässrigen Breis aus der Schüssel. Sie war noch nicht damit fertig, als Thorbjorg sie fragte: »Warum leckst du nicht gleich auch noch das Muster von deinem Teller?«

Beras Gesicht brannte, aber sie verzichtete darauf, Ragnars jüngerer Schwiegertochter zu antworten. Thorbjorg war gerade einmal vier Jahre älter als sie, so hübsch wie Bera unscheinbar war, und sie setzte ihre Sinnlichkeit gegenüber den Männern wie eine Waffe ein. Außerdem war sie verheiratet und damit respektabel.

»Na?«, hakte sie nach.

»Der Teller hat kein Muster«, murmelte Bera.

Thorbjorg lachte krähend. »Nein, hat er nicht, was? Wahrscheinlich jetzt nicht mehr, weil du es gestern schon abgeleckt hast. Vielleicht würden deine Titten endlich austrocknen, wenn du nicht ein derart gieriges Schwein wärst. Es ist ja wirklich nicht so, als würdest du die Milch noch brauchen.«

Bera schloss die Augen und ballte die Hände so fest zu Fäusten, dass sich ihr die Fingernägel tief in die Handflächen bohrten.

Hilda schien mitzubekommen, wie sehr Thorbjorgs Worte Bera wehtaten, und wenn es unter den Frauen eine gab, die ihren Schmerz nachvollziehen konnte, dann war sie es – besonders nachdem der Arzt ihr mitgeteilt hatte, dass jede weitere Schwangerschaft lebensgefährlich für sie sein würde. »Das reicht«, sagte sie. »Heb dir deine geistreichen Bemerkungen für später auf, Thorbjorg.«

Wie üblich flüchtete sich Bera in einen Tagtraum. Vielleicht fand sie irgendeinen Weg, es Thorbjorg heimzuzahlen. Hilda hatte ihr leidgetan, als sie die anderen darüber hatte reden hören: gerade einmal 27 Jahre alt und nach der Geburt von nur zwei Kindern bereits unfruchtbar.

»Wie sollen wir diese große leere Welt bevölkern, wenn wir nur zwei Kinder bekommen können?«, hatte Thorbjorg in Anbetracht ihres Zuchtkuhstatus selbstgefällig gefragt, und Bera hasste sie stellvertretend für Hilda dafür. Fünffache Mutter mit gerade einmal 21 Jahren. In Yngis Kopf mochte gähnende Leere herrschen, aber sein Samen war äußerst fruchtbar – sofern es denn seiner war, der unablässig in Thorbjorgs Leib heranwuchs. Thorbjorg flirtete ständig mit dem alten Ragnar; ihre Berührungen und Umarmungen hatten etwas Besitzergreifendes.

Bera wünschte, Thorbjorg hätte statt Hilda eine Fehlgeburt erlitten. Nachdem die anderen sie allein gelassen hatten, war sie in Hildas Zimmer gegangen und hatte gefragt: »Gibt es irgendetwas, das ich tun kann, Hilda? Es tut mir so leid, von deinem …« Sie war mitten im Satz verstummt, unsicher, welches Wort angemessen gewesen wäre. Verlust? Das klang zu harmlos. Fehlgeburt? Zu klinisch. Also hatte sie den Satz unbeendet gelassen.

Doch Hilda schien sie trotzdem verstanden zu haben und hatte den Kopf geschüttelt. »Ich möchte einfach nur allein sein.«

Das war die letzte halbwegs zivilisierte Unterhaltung gewesen, die sie geführt hatten. Zwischen ihnen hatte nie so etwas wie Freundschaft bestanden, aber solange sich Bera Ragnars ältester Tochter gegenüber angemessen unterwürfig verhalten hatte, waren sie ohne Feindseligkeit miteinander ausgekommen. Doch schon einen Monat später, zwei Monate nach dem Frühjahrsmarktfest, war Beras Periode ausgeblieben, und kurz darauf hatte sie gewusst, dass sie schwanger war. Dass sie sich weigerte zu verraten, wer der Vater war, bedeutete, dass keinem anderen Haus gegenüber irgendwelche Ansprüche geltend gemacht werden konnten. Und in den Augen der anderen hatte sie damit praktisch zugegeben, dass sie bereit war, sich jedem beliebigen Mann hinzugeben.

»Bera!«, riss Hilda sie zur Belustigung der anderen lautstark aus ihren Gedanken.

»Schon wieder Tagträume«, sagte Toti. Wie die meisten Kinder hatte er ein untrügliches Gespür dafür, wer am besten als Ziel für Spott und Hohn taugte. »Bera hat Tagträume«, trällerte er. »Bera träumt von ihrem Freund!«

»Das reicht jetzt, kleiner Mann!«, ermahnt Hilda ihn. »Hör auf damit, oder ich streiche deine Zeit beim Orakel!«

»Entschuldigung.« Bera begab sich zum Waschbecken, um die Töpfe abzuspülen, ohne erst die Aufforderung dazu abzuwarten.

»Du wirst heute die Wäsche waschen«, sagte Hilda und fuhr mit gesenkter Stimme fort: »Ich habe niemandem von deinem nächtlichen Ausflug erzählt, aber das werde ich, sollte das noch einmal passieren. Wir können es uns nicht leisten, den Hof draußen zu heizen.«

»Aber ich habe doch die Tür hinter mir sofort zugezogen!«

»Und wir hätten eine Suchmannschaft losschicken müssen, wenn du von Räubern entführt worden wärst«, fügte Hilda hinzu. »Du bist so was von selbstsüchtig, Bera!«

Bera verschluckte die bissige Erwiderung, dass sie garantiert die Letzte war, die man zu retten versuchen würde, sollte sie von Banditen, von Trollen oder von Gestaltwandlern geraubt werden.

Später, als sie die große Blechwanne mit der schmutzigen Wäsche füllte und heißes Wasser hineinlaufen ließ, fiel ihr auf, wie merkwürdig es war, dass die Gestaltwandler stets im gleichen Atemzug mit Trollen, Banditen, Snolpelzen und anderen Raubtieren genannt wurden. Dabei waren sie so selten, dass niemand – sofern Bera es beurteilen konnte – jemals nachweislich von ihnen angegriffen worden war. Vielleicht würde sie ein paar Nachforschungen dazu anstellen, falls es ihr später gelang, fünf Minuten Zeit beim Orakel zu bekommen.

Sie schaffte es gerade noch, den Wasserhahn zuzudrehen, bevor das kochend heiße Wasser über den Rand der Wanne laufen konnte. Trotz Hildas Schimpftiraden herrschte in Skorradalur wirklich kein Mangel an Erdwärme und heißem Wasser. Es war schon eine Schande, dass sie laut Aussage des Orakels nicht länger über die Mittel verfügten, Isheimurs grenzenlos vorhandene schwache Thermalenergie zu einer Form von ausgewachsenem Vulkanismus zu steigern.

Bera war es gewohnt, per Hand zu waschen. Schon als sie damals aus dem Norden gekommen war, waren der Farm endgültig die letzten Ersatzteile für die uralte Waschmaschine ausgegangen, und die Norns weigerten sich, derartige Bauteile als lebenswichtig zu betrachten, weshalb sich alle entsprechenden Anfragen über das Orakel als vergebens erwiesen hatten. Aber sie hasste es, dass das Wäschewaschen die Haut ihrer Hände rissig werden ließ, und vom anstrengenden Auswringen der nassen Kleidungsstücke schmerzten ihr die Arme und die Schultern. Trotzdem blieb ihr nichts anderes übrig, als unter Aufbringung all ihrer Kraft die triefenden Blusen und Hemden in die Mangel zu hieven, die Rollen zu fixieren und die Kurbel zu drehen, nachdem sie den anfänglichen Widerstand überwunden hatte.

»Möchtest du, dass ich dir helfe?«, erklang eine Stimme hinter ihr.

Sie zuckte zusammen und drehte sich um. »Oh, Yngi, hast du mich erschreckt!«, stieß sie hervor. Isheimur allein mochte wissen, wie es Yngi mit seinem Klumpfuß geschafft hatte, sich ihr unbemerkt zu nähern.

Sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht verbarg seine Gefühle in etwa so gut wie eine Fensterscheibe, und sie bemerkte seine Enttäuschung. »Ich weiß, dass du das nicht gewollt hast«, fügte sie hastig hinzu, »aber du solltest lieber hüsteln oder dich räuspern, oder …«

»Okay, Bera.« Seine rosigen Züge hellten sich auf. »Brauchst du Hilfe bei der Wäsche? Ich bin stärker als du, auch wenn ich nicht so klug bin.«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein, danke, Yngi. Ich bin fast fertig.«

Er drehte sich um und wollte gerade gehen, als Thorbjorgs Stimme die Luft wie ein Messer durchschnitt. »Yngvar Ragnarsson, halt dich von dieser Hure fern!«

Yngi krümmte sich vor Verlegenheit, und Bera wirbelte herum. Die Wut über eine Demütigung zu viel gewann die Oberhand über ihre Selbstbeherrschung. Doch bevor sie zu einer Erwiderung ansetzen konnte, ertönte ein schriller Schrei vom Hof her: »Großpapa! Da kommt Großpapa!«

Bera und Thorbjorg eilten auf den Hof hinaus, Yngi humpelte ihnen hinterher. Mittlerweile standen beide Sonnen hoch am Himmel, und Bera musste im grellen Licht blinzeln. Sie folgte dem Blick der anderen Richtung Westen, von wo die Männer nach einer Woche, die sie auf dem Sommermarktfest verbracht hatten, zurückkehrten.

Die beiden Männer an der Spitze der Gruppe ritten struppige isheimurische Pferde, die einem großen Mann gerade einmal bis zur Brust reichten, aber außerordentlich kräftig waren. Ragnar prahlte gern damit, dass sein Pferd das stärkste auf ganz Isheimur war, und das musste der stämmige buttermilchfarbene Hengst auch sein, um seinen Herrn und dessen Besitztümer zu tragen, die zusammen mindestens 150 Kilo wogen. Arnbjorn ritt auf einem nicht viel kleineren Pferd an seiner Seite.

Überraschenderweise trugen die beiden anderen Pferde keine Reiter. Ragnars Pachtbauern gingen zu Fuß neben ihren Tieren, die irgendetwas hinter sich herzogen, aber Bera konnte nicht erkennen, was es war. Die Nachhut des kleinen Zuges bildeten Ragnars älteste Söhne. Beide waren unausstehlich gewesen, seit Ragnar sich bereit erklärt hatte, sie zum Sommermarkt mitzunehmen, und Bera vermutete, dass sie jetzt sogar noch eingebildeter sein und es für unter ihrer Würde erachten würden, sich weiter mit Kindern abzugeben. Einer von ihnen hatte früher mal mit Bera geflirtet, aber in dem Moment, als er erfahren hatte, dass sie schwanger war, wieder damit aufgehört. Vermutlich würde er sich jetzt nicht einmal mehr dazu herablassen, mit ihr sprechen.

»Komm schon, Bera!«, riss Hilda sie aus ihrem Tagtraum. »Sie sind noch zehn Minuten entfernt, also mach dich noch einmal kurz an die Arbeit.«

Bera widerstand der Versuchung, darauf mit einem zackigen »Jawohl, Gebieterin«, zu antworten. Sarkasmus würde ihr nur eine weitere Standpauke einbringen. So wandte sie sich wieder dem Auswringen der nassen Kleidung zu, bis das Geschrei ihrer Stiefneffen und -nichten ihr verriet, dass Ragnar auf dem Hof angekommen war. »Was denn?«, dröhnte seine grollende Stimme. »Kriegt euer Großpapa denn keine Umarmung?«

Einen Moment lang spürte spürte sie, wie sich der Welpe unter ihrer weiten Jacke regte, dann aber wieder einschlief, und sie betete, dass Brynja noch ein bisschen länger schlafen würde.

Bis sie sich zu den anderen gesellt hatte – wobei sie allerdings etwas Abstand hielt –, lagen sich die Frauen, Kinder und Männer bereits in den Armen. Auch die Frauen von Ragnars Pachtbauern waren aus ihren Häusern herausgestürmt, und die ganze Gesellschaft hatte sich in eine wild durcheinander wimmelnde Menge verwandelt. Nur Ragnar stand traurig lächelnd einige Schritte abseits.

Dann schlang Yngis Frau Thorbjorg die Arme um ihn. »Willkommen daheim, Papa!« Vielleicht bildete sich Bera das nur ein, aber sie glaubte zu sehen, wie er eine Grimasse schnitt, bevor seine dunklen breiten Gesichtszüge wieder so ausdruckslos wie zuvor wurden.

Er sah zu Bera hinüber. Sie begrüßte ihn mit einem kleinen Lächeln, das er jedoch mit einem finsteren Gesichtsausdruck erwiderte, worauf sie schnell den Blick abwandte, um sich nicht anmerken zu lassen, wie verletzt sie war. Alles, was du tun musst, ist, ihm den Namen des Vaters zu nennen. Denk dir einen aus, wenn es sein muss.

Nur dass es für den Mann, dessen Namen sie genannt hätte, einem Todesurteil gleichgekommen wäre, sofern es überhaupt einen solchen Namen gab – und wie alles andere auf Isheimur war auch das Namensrecht hier festen Regeln unterworfen. Bera fragte sich, wie es sein mochte, auf einer Welt zu leben, die sich nie vom Rest der Menschheit abgesondert hatte, die nie von einem – verglichen mit dem Rest der Galaxis – scheinbar verrückten Drang getrieben worden war, eine andere Sprache zu sprechen und an alten Sitten und Gebräuchen festzuhalten. Wie mochte es wohl sein, einfach den Namen anzunehmen, den man haben wollte, sich zu kleiden, wie es einem gefiel, zu tun, wonach einem zumute war …?

»Was ist das denn?«, erkundigte sich Hilda, während sie auf eine Trage deutete, die von den beiden Pferden der Pachtbauern gezogen wurde.

»Hast du den Lärm letzte Nacht gehört?«, fragte Ragnar. »Ein Meteorit war ganz in der Nähe unseres Lagers eingeschlagen. Es hat sich so angehört, als wäre ein kleiner Vulkan ausgebrochen, also sind wir hingelaufen, um nachzusehen. Hat uns eine halbe Stunde gekostet. Als wir da angekommen sind, haben wir nur diesen Burschen im Schnee gefunden.« Er deutete auf die Tragbahre.

Bera kam ein paar Schritte näher, um einen Blick auf den Fremden zu werfen, und keuchte unterdrückt auf. Der Mann, der reglos auf dem Transportschlitten lag, war völlig nackt, seine Haut hatte einen derart dunklen Kupferton, dass sie fast schon purpurrot wirkte, und seine breite Brust hob und senkte sich unter unregelmäßigen Atemzügen. Abgesehen davon gab er keinerlei Lebenszeichen von sich. Seine Augen waren geschlossen. Bera hatte noch nie einen Mann mit derart präzise definierten Muskeln gesehen, so straff und sehnig, dass es ihr den Atem raubte. Das Gesicht unter dem kahl rasierten Schädel war ebenso eindrucksvoll mit den wie von einem Bildhauer gemeißelten Wangenknochen und seiner nahezu unmenschlich anmutenden Symmetrie. Ihr Blick wanderte an seinem Körper abwärts. Sie errötete, sah kurz weg und betrachtete seinen Unterleib dann erneut. Es war ein ohne jeden Zweifel beeindruckender Anblick. Trotzdem zwang sie sich, ihre Aufmerksamkeit auf die Schienen an seinen Beinen zu richten.

»Wir müssen ihn zudecken!«, sagte Ragnars ältere Schwiegertochter Asgerd und streckte die Hand nach der Decke eines Pferdes aus. »Sein Anblick erschreckt die Kinder!«

Ragnar hob eine Hand und brachte seine Schwiegertochter zum Schweigen. »Man darf solche Brandwunden nicht abdecken.« Er deutete auf den Unterleib und die unverkennbar gebrochenen Beine des Mannes, die vor ihrer schweren Verletzung lang, stark und muskulös gewesen sein mussten.

Es fiel Bera nicht ganz leicht, ihre Aufmerksamkeit wieder auf Ragnar zu richten und ihm zuzuhören. »Er hat geschrien und sich im Schnee herumgewälzt. Wir konnten ihn nicht einfach so zurücklassen. Ich hatte die Wahl, ihn entweder zu töten – und habe es nicht fertiggebracht, ihm kaltblütig das Genick zu brechen – oder ihn mit uns nach Hause zu nehmen.«

»Können wir denn von unserem Essen überhaupt etwas für ihn abzweigen?«, fragte Asgerd, die dünnen Lippen zu einem schmalen Strich zusammengepresst, was so viel hieß wie: Nein, können wir nicht.

»Das müsst ihr mir sagen«, erwiderte Ragnar mit einer Handbewegung, die auch Hilda und Thorbjorg mit einschloss. »Schließlich fällt die Haushaltsführung in euren Verantwortungsbereich. Ich würde nicht mal im Traum daran denken, mich in eure Domäne einzumischen.«

Was du nicht sagst, dachte Bera ironisch. In Wirklichkeit zögerte Ragnar nie, genau das zu tun, wenn er es für nötig erachtete.

»Natürlich können wir das, Herr.« Wie immer hatte Thorbjorg ein untrügliches Gespür dafür, aus welcher Richtung der Wind wehte, und so gab sie Ragnar genau die Antwort, von der sie glaubte, dass er sie erwartete.

Ein Lächeln hellte sein finsteres Gesicht auf. Er rieb sich die Hände. »Dann wäre das also geklärt.«

»Woher wissen wir, dass er kein Vagabund ist?«, fragte Asgerd.

»Darüber haben wir uns zuerst auch Gedanken gemacht«, erwiderte Ragnar. »Wir waren fast schon bereit, ihn seinem Schicksal zu überlassen, bis Bjarney darauf hingewiesen hat, dass ein Vagabund, der sich widerrechtlich auf fremdem Land aufhält, zur Fronarbeit gezwungen werden kann, sobald er sich wieder erholt.« Er zuckte die Achseln. »Und wenn er nicht überlebt, wird er uns auch nichts wegessen.«

»Hmmpf«, machte Hilda abfällig, verzichtete aber darauf, ihrem Vater zu widersprechen.

»Komisch«, fügte Ragnar hinzu, »dass der Schnee um ihn herum blau gefärbt war.«

Bera glaubte, einen besorgten Unterton aus Ragnars Stimme herauszuhören, ohne dass sie hätte sagen können, woran es lag. War es die Farbe des Schnees oder die Tatsache, dass er sich überhaupt verfärbt hatte, die Ragnar zu schaffen machte? Ihn verunsichert zu erleben war so ungewöhnlich, dass sie ihn einfach anstarren musste.

Als er ihren Blick bemerkte, riss er sich zusammen und wirkte sofort wieder so beherrscht und selbstsicher wie sonst immer. »Da haben wir ja auch schon jemanden, der diese Aufgabe übernehmen kann. Bera, ich brauche jemanden, der dafür sorgt, dass sich unsere neue Investition auch auszahlt. Du wirst dich um unsere neue Arbeitskraft kümmern.«

Bera sah zu Boden und nickte stumm.

Offenbar verwechselte Ragnar ihre Zurückhaltung mit Ablehnung, andernfalls wären seine nächsten Worte bestimmt nicht so grob verletzend ausgefallen (Jedenfalls hätte er so etwas nie gesagt, bevor du schwanger geworden bist, dachte sie). »Na, jetzt stell dich mal nicht so an, Mädchen! Freu dich drauf! Du solltest sogar dankbar dafür sein, weil du jetzt etwas hast, worüber du nachdenken kannst und was dich von deinem toten Bastard ablenkt.«

Bera spürte, wie ihr die Tränen heiß in die Augen schossen, und so stürzte sie sich regelrecht auf die Bahre, um ihre Gefühle vor den anderen zu verbergen.

Anscheinend hatte Ragnar trotzdem mitbekommen, wie ihre Augen feucht geworden waren, denn sie hörte ihn gedämpft stöhnen und murmeln: »Du hättest eben keine Schande über mein Haus bringen und gleich für den ersten Mann, der bereit war, deine Flachbrüstigkeit zu ignorieren, die Beine breit machen sollen. Meine geliebte Gunnhild würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie sehen könnte, was aus dir geworden ist.«

Bera hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschrien, dass sie mit Freuden sofort nach Hause gegangen wäre, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger geworden war, wäre nicht der Vulkan auf Surtsey ausgebrochen, aber das hätte ihr auch nicht geholfen. Ihre Familie war tot, und sie musste jetzt irgendwie weiterleben.

Also schwieg sie, zerrte stattdessen den Fremden von der Trage und zerkratzte ihm dabei versehentlich den Rücken auf dem rauen Felsboden, worauf er schreiend aus seinem komaähnlichen Zustand hochschreckte.

»Yngi! Thorir!«, rief Ragnar. »Fasst mal mit an!«

Die beiden Männer halfen ihr, den Fremden zurück auf die Trage zu legen und die Befestigungen der Zugstangen von den Sätteln der Pferde zu lösen. »Wo möchtest du das Ding hinhaben?«, erkundigte sich Thorir lautstark. Für Beras Geschmack stand er viel zu dicht neben ihr.

»Schafft es zu den Tieren rein«, sagte Ragnir.

Vor Anstrengung keuchend, hoben die Männer die Trage hoch und stapften damit zu den Ställen. Bera folgte ihnen in das warme, nach tierischen Ausdünstungen riechende Halbdunkel und ließ den Blick kurz über die Pferde schweifen, von denen drei ihr gehörten. Doch das Netz von Verpflichtungen, in das sie sich verstrickt hatte, fesselte sie zu eng an Ragnars Familie, als dass sie während ihrer Schwangerschaft auch nur gewagt hätte, von einer Flucht zu träumen.

Ragnars Gestalt tauchte im Türrahmen auf. »Ich erwarte, dass du dich gut um ihn kümmerst.«

Sie verzichtete auf eine Antwort.

Nachdem er verschwunden war, zog sie Brynja unter ihrer Fellkleidung hervor. Sie weinte lautlos, während sie den Welpen an der Brustwarze, die sie letzte Nacht geschont hatte, nuckeln ließ. »Wie Romulus und Remus«, murmelte sie. »Nur genau anders herum.«

»Hoffen wir, dass die Geschichte nicht in Tränen endet«, hörte sie Ragnars Stimme in ihrem Rücken und zuckte erschrocken zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass er noch einmal zurückgekehrt war. Glücklicherweise war er so sehr in den Anblick des Fremden im Stroh versunken, dass er den Welpen in ihren Armen übersah und wahrscheinlich annahm, ihre Bemerkung hätte sich auf den nackten Mann bezogen. Er starrte ihn weiter an, und es fiel ihm sichtlich schwer, seinen Widerwillen zu verbergen. »Es ist eine isländische Tradition, Fremde zu fürchten, aber dieser kahlköpfige Mann würde mir auch Sorgen machen, wenn er kein Fremder wäre. Seine Anwesenheit bedeutet Ärger … Wir werden ihn Loki nennen. Das scheint mir ein passender Name für ihn zu sein.«

»Ich werde mein Bestes für dich tun«, versprach Bera und drehte sich ein wenig zur Seite, um Brynja vor Ragnars Blicken zu verbergen.

Ragnar schüttelte seine Grübeleien ab. »Das wirst du«, sagte er. »Uns steht eine kritische Zeit bevor. Sobald das Getreide reif ist, müssen wir es sofort einlagern. Dazu werden wir jede helfende Hand brauchen, die wir bekommen können. Der Fremde kann uns unsere Gastfreundschaft durch seine Arbeitskraft vergelten – falls er überhaupt wieder gesund wird.«

»Und wenn nicht? Oder was, wenn er sich zwar wieder erholt, aber körperbehindert bleibt?«

»Dazu wird es nicht kommen«, erklärte Ragnar. Sein raubtierhafter Gesichtsausdruck ließ Bera erschaudern. »Bevor das passiert, wird er einen Unfall erleiden. Ist das klar?«

Bera nickte und schluckte schwer.

3 Loki

30LOKI

Die Welt hinter deinen Augen ist von Schmerzen und Staunen durchdrungen, und das Durcheinander der schrillen Stimmen, die deine Aufmerksamkeit fordern, macht alles noch fremdartiger:

»Das Mizar-Quartett besteht aus Zwergsonnen vom Sol-Typ im Stadium der Wasserstofffusion …«

»Die isheimurische Sprache hat sich als ein Gemisch aus Standard und Isländisch erwiesen …«

Einige der Stimmen ergeben beinahe einen Sinn, die meisten aber plappern einfach nur Unfug. Jede wird von einem betäubenden Schwindelgefühl und kleinen Schocks begleitet, die durch die Tiefen deines Körpers laufen. Hin und wieder riechst du ein Brennen. Manchmal schmeckst du Farben, kannst flackernde spöttische Schatten hinter deinen Augenlidern hören.

»Absolute Helligkeit nutzt die gleiche Konvention wie optische …«

Du bist dir vage bewusst, dass die Nanophyten in dir – die deine Muskelspannung aufrechterhalten, selbst während du dahinsiechst – auf beinahe subatomarer Ebene einen verzweifelten idiotischen Kampf gegen die kannibalistischen Zellen des in deinem Körper verbliebenen Lebenserhaltungsgels führen. Die Inhibitoren scheinen zu versagen, entweder durch Zufall oder aufgrund eines Konstruktionsfehlers, und sollten sie sich selbst überlassen bleiben, werden sie dich bei lebendigem Leib auffressen.

»Die Lange Nacht war der längste Konflikt seit dem Hundertjährigen Krieg …«

»Ich werde nicht einfach aufgeben und sterben!«, schreit eine seltsam vertraute Stimme auf.

»Die Bevölkerung Isheimurs dürfte unter genetischen Veränderungen und Krankheiten leiden …«

Die Stimme des Mannes namens Ragnar ist ein Grollen, das einem Mund voller missgestalteter Zähne entspringt, seine Worte sind unverständlich.

»Papa: Geschätzte Größe 1,80 Meter, Gewicht 80 Kilogramm …«

Die Frau an seiner Seite antwortet mit leiserer Stimme. Ihr Haar ist heller, ihre Züge ebenso unsymmetrisch wie die des Mannes, eine Schulter hängt ein wenig herab.

»Ödipus: Der Sohn von König Laius und Iokaste von Theben …«

Du begreifst, dass die Stimme, die sich zu sterben geweigert hat, deine eigene ist, aber sie klingt fremdartig in deinen Ohren. Sie sollte von ihrer Tonlage her ein Alt sein, ist stattdessen aber ein Tenor. Ist dein Kehlkopf bei dem Unfall vielleicht verletzt worden?

»Die Pantropie hat in dem Maß an Zustimmung verloren, in dem das Terraforming einfacher geworden ist …«

Der Unfall. Die Schmerzen nehmen zu, als ein Erinnerungsfetzen mit seiner perfekten Klarheit unvermittelt die dazugehörigen Qualen liefert: den Geruch von brennendem Staub, die Isolationsschicht, die Hitze. Nach einer Weile tut dir die Kehle vom Schreien weh, ein Schreien, das langsam zu einem Wimmern herabsinkt.

»Ein Quasar bei absoluter Helligkeit … 25.5 strahlt hundertmal heller als unsere Galaxie …«

Das Mädchen – noch kaum eine Frau – streicht dir über den Kopf. »Pst, Papa, er kannske dich skilja«, sagt sie. Aus ihren Brüsten qillt Milch, und ein Teil von dir registriert, dass nirgendwo Geräusche eines Babys zu hören sind, obwohl die Milchproduktion ihrer Brüste darauf hindeutet, dass sie irgendwann während der letzten drei Wochen entbunden haben muss. Der rationale Bereich deines Verstandes speichert diese Information für einen späteren Gebrauch ab, während der animalische Bereich, der die Kontrolle über dich hat, dich auf allen vieren zu ihr kriechen und nach ihrer Kleidung grabschen lässt.

»Die Menschheit hat erst nach vier Jahrhunderten Raumfahrt andere intelligente Lebensformen entdeckt …«

»Neh!« Das Brennen, das ihre auf dein Gesicht und deinen Schädel niederprasselnden Schläge hervorruft, ist marginal verglichen mit den Qualen, die durch deinen Körper toben, aber es reicht aus, dich innehalten zu lassen. Du starrst zu ihrem dunklen Haar empor, zu den weit auseinanderstehenden Augen und dem vollen Mund, und du fragst dich, wie ihre Lippen wohl schmecken, wenn du sie ihr aus dem Gesicht reißen würdest.

»Ödipus war für tot gehalten und bei einem Schäfer zurückgelassen worden, wurde aber adoptiert …«

»Er frisst wie ein hungradur Dyr«, sagt Bera. Sie wird in dem Maß mit jedem Satz verständlicher, in dem das Sprachnetz seine Wirkung zu entfalten beginnt. »Er ist an dem Stück Fleisch, das wir ihm vorher gegeben haben, beinahe erstickt, aber jetzt kann er elda Nahrung zu sich nehmen. Kein weiteres Stillen …«

»Ein isländischer Häuptling war Politiker, Anwalt und Polizist in einer Person …«

Ein Rest von Schamgefühl lässt dich von ihr fort in einen Winkel des Raumes krabbeln.

»Getreide wurde nur in begrenzten Mengen in Island angebaut …«

»Ahh, er übergibt sich! Er saut meine besten Stiefel ein!« Papa versetzt dir einen Tritt. Du knurrst, aber du bist viel zu sehr damit beschäftigt, die Pfütze Erbrochenes vor dir anzustarren, um ihn anzugreifen.

»Das Mizar-B-Paar besitzt ungefähr die 1,6fache Masse von Sol …«

»Nein, Papa! Er weiß nicht, was er tut. In dem Zustand, in dem sein Bati ist, konnte er das Pferdefleisch noch nicht verdauen.«

»In Island konnte die Position des Häuptlings gekauft und verkauft werden …«

»Na schön, dann halt ihn mir vom Leib. Oh, was macht er denn jetzt? Er frisst ja seine eigene Kotze!«

»Nanotechnologie erfordert einen gewaltigen Energiebedarf …«

Das unverdaute Pferdefleisch schmeckt immer noch annähernd wie zuvor, auch wenn jetzt eine unangenehme Note hinzugekommen ist, vielleicht die hochgewürgte Gallenflüssigkeit, aber da gibt es auch noch einen salzigen und einen metallischen Geschmack. Wenn du die Augen zusammenkneifst, kannst du auf Vergrößerungsmodus umschalten und winzige Gebilde zwischen den Fleischfetzen herumkriechen sehen, die für das nicht optimierte menschliche Auge unsichtbar sind. Du hast Nanophyten zusammen mit der Nahrung erbrochen. Von irgendwoher kommt dir die Erkenntnis, dass Erbrochenes ungefähr genauso ätzend wie Batteriesäure ist. Die winzigen Gehäuse der Nanophyten müssen nahezu unzerstörbar sein, um der Magenflüssigkeit widerstehen zu können.

»Schafzucht war die am weitesten verbreitete Form der Nutztierhaltung auf Island …«

Du weißt, dass du das Erbrochene essen musst, um dir die Nanophyten wieder einzuverleiben, aber Bera klammert sich an dir fest und versucht dich wegzuzerren, während du das hochgewürgte Fleisch wieder hinunterschlingst.

»Isheimur verfügt über einen geringeren Wasseranteil als Terra …«