Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2013

Getrieben. Durch ewige Nacht E-Book

Veronica Rossi  

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E-Book-Beschreibung Getrieben. Durch ewige Nacht - Veronica Rossi

Arias Kampf gegen Stürme, die Leben und Liebe bedrohen. Endlich haben Aria und Perry seinen Stamm erreicht. Doch seine Leute trauen ihr nicht. Um den Anfeindungen zu entfliehen, macht Aria sich gemeinsam mit Roar auf die Suche nach der Blauen Stille, dem Ort, an dem alle Ätherstürme ruhen und der auch Perrys Stamm retten kann. Während ihrer Abwesenheit taucht Kirra, die Anführerin eines befreundeten Stammes auf. Wird Perry ihren Annäherungsversuchen widerstehen? Der zweite Band der packenden Trilogie: über eine Liebe, die Missgunst und Todesgefahren ausgesetzt ist und trotzdem niemals aufgibt.

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E-Book-Leseprobe Getrieben. Durch ewige Nacht - Veronica Rossi

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Für Elisabeth und Flavio
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Peregrine  | Kapitel Eins

Aria war hier.

Perry folgte ihrem Duft und bewegte sich dabei rasch durch die Nacht. Seine Schritte waren gleichmäßig und beständig, während er den dunklen Wald absuchte, aber sein Herz pochte wie wild. Roar hatte ihm berichtet, sie sei wieder in der Außenwelt, hatte ihm sogar ein Veilchen und eine Botschaft von ihr als Beweis überbracht, aber Perry wollte es erst glauben, wenn er sie sah.

Er erreichte eine felsige Anhöhe, ließ Bogen, Köcher und Beutel fallen und sprang von Stein zu Stein nach oben. Dichte Wolken bedeckten den Himmel, der sanft im Licht des Äthers leuchtete. Sein Blick wanderte über die Hügellandschaft und blieb schließlich an einem Stück Brachland hängen, eine verbrannte, silbrige Narbe, die die Winterstürme hinterlassen hatten. Weite Teile seines Stammesgebiets, etwa zwei Tagesmärsche in Richtung Westen, sahen genauso aus.

Als er die Rauchfahne eines Lagerfeuers in der Ferne entdeckte, hielt Perry angespannt inne. Er atmete den beißenden Geruch ein, den eine kühle Windböe herantrug. Das musste sie sein. Sie war ganz in der Nähe.

»Und, irgendwas zu sehen?«, rief Reef hinauf, der etwa sechs Meter weiter unten stand. Schweiß glänzte auf seiner dunkelbraunen Haut und rann über die Narbe, die von der Nase über die Wange bis zu seinem Ohr verlief. Er atmete schwer. Noch vor wenigen Monaten waren sie Fremde füreinander gewesen. Jetzt war Reef der Anführer von Perrys Wache und wich nur selten von seiner Seite.

Perry kletterte die Felsen hinunter und landete mit einem feucht knirschenden Geräusch im schmelzenden Schnee. »Sie ist eineinhalb Kilometer östlich von hier, vielleicht auch schon näher.«

Reef fuhr sich mit dem Ärmel übers Gesicht, schob sich die Zöpfe hinter die Ohren und wischte sich den Schweiß ab. Normalerweise hielt er mühelos Schritt, aber nach zwei Tagen bei diesem Tempo machten sich die zehn Jahre Altersunterschied zwischen ihnen bemerkbar. »Du hast gesagt, sie könne uns helfen, die Blaue Stille zu finden.«

»Ja, sie wird uns helfen«, bestätigte Perry. »Sie muss sie genauso dringend finden wie wir.«

Reef trat zu Perry und kniff die Augen zusammen. »Das hast du mir in der Tat gesagt.« Er warf den Kopf in den Nacken und atmete ein, eine auffällige und animalische Geste. Im Gegensatz zu Perry spielte er seinen besonders ausgeprägten Sinn nicht herunter. »Aber deswegen sind wir nicht hier«, fügte er hinzu.

Perry konnte seine eigenen Stimmungen nicht wahrnehmen, aber er konnte sich vorstellen, welche Gerüche Reef aufgefangen hatte. Begierde – grün, scharf und lebendig. Verlangen – schwer und moschusartig. Unverkennbar. Reef war ebenfalls ein Witterer. Er wusste genau, was Perry jetzt empfand, nur wenige Augenblicke vor einem Wiedersehen mit Aria. Gerüche waren untrüglich.

»Das ist einer der Gründe«, erwiderte Perry knapp. Er hob seinen Beutel auf, warf ihn sich über die Schulter und zurrte ihn ungeduldig fest. »Schlagt hier ein Lager auf. Ich bin bei Sonnenaufgang zurück«, sagte er und wandte sich zum Gehen.

»Sonnenaufgang, Perry? Glaubst du, die Tiden wollen noch einen Kriegsherrn verlieren?«

Perry hielt inne und drehte sich zu Reef um. »Ich bin unzählige Male allein hier draußen unterwegs gewesen.«

Reef nickte. »Klar. Als Jäger.« Er nahm einen Trinkschlauch aus seinem Beutel und bewegte sich dabei beiläufig und langsam, obwohl er noch immer außer Atem war. »Aber jetzt bist du mehr als das.«

Perry blickte in Richtung Wald. Twig und Gren waren da draußen, lauschten und hielten Ausschau nach Gefahren. Sie hatten ihn beschützt, seit er sein Territorium verlassen hatte. Reef hatte recht: Hier im Grenzland ging es einzig und allein ums Überleben. Ohne seine Wache setzte er sein Leben aufs Spiel. Perry atmete langsam aus, und mit dem Atem verließ ihn auch die Hoffnung, eine Nacht allein mit Aria zu verbringen.

Reef steckte den Korken in den Trinkschlauch und verschloss ihn mit einem festen Fausthieb. »Nun? Was befiehlt mein Herr?«

Perry schüttelte den Kopf über diese förmliche Anrede – Reefs Methode, ihn an seine Verantwortung zu erinnern. Als ob er die je vergessen konnte. »Dein Herr zieht sich für eine Stunde zurück«, sagte er und trabte davon.

»Peregrine, warte. Du musst …«

»Eine Stunde!«, rief Perry über die Schulter zurück. Was auch immer Reef wollte, es musste warten.

Als er sicher war, dass Reef ihm nicht folgte, packte Perry seinen Bogen fester und begann zu laufen. Gerüche wehten ihm entgegen, als er sich durch die Bäume schlängelte. Der satte, verheißungsvolle Duft nasser Erde. Der Rauch von Arias Lagerfeuer. Und ihr Duft. Veilchen, süß und kostbar.

Perry genoss das Brennen in seinen Oberschenkeln und die frische, kalte Luft, die durch seine Lungen strömte. Der Winter war die Zeit, in der man Schutz in den Häusern suchen musste, weil dann die Ätherstürme tobten, und er hatte sich viel zu lange nicht mehr mehrere Tage im Freien aufgehalten. Jedenfalls nicht, seit er Aria auf der Suche nach ihrer Mutter zur Siedler-Biosphäre gebracht hatte. Damals hatte er sich gesagt, sie sei wieder dort, wo sie hingehörte, bei ihren Leuten, und er musste sich schließlich um seinen eigenen Stamm kümmern. Aber dann, vor nur wenigen Tagen, war Roar mit Cinder im Dorf aufgetaucht und hatte ihm erzählt, sie sei in der Außenwelt. Von diesem Augenblick an hatte er an nichts anderes mehr denken können, als wieder mit ihr zusammen zu sein.

Nun lief er einen grasbewachsenen Hang hinunter, der vom Regen aufgeweicht war, und bog in den Wald ein. Unter den Bäumen war es dunkler, denn das Ätherlicht wurde durch das Blätterdach gefiltert, aber dank Perrys hervorragender Nachtsicht, hoben sich jeder Zweig und jedes Blatt deutlich ab. Mit jedem Schritt wurde der Geruch von Arias Lagerfeuer stärker. Vor seinem inneren Auge blitzte die Erinnerung an ihre Kussattacken auf, bei denen sie sich leise wie ein Schatten angeschlichen und ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt hatte. Unwillkürlich musste er lächeln.

Plötzlich nahm er vor sich eine Bewegung wahr – etwas huschte zwischen den Bäumen hindurch. Dann sah er Aria. Geschmeidig, leise und vollkommen konzentriert suchte sie die Gegend ab. Als sie ihn erblickte, weiteten sich ihre Augen vor Überraschung, aber sie dachte nicht daran, ihre Schritte zu verlangsamen. Genauso wenig wie er. Perry warf seine Sachen ab, ließ sie einfach fallen, und rannte los. Und schon im nächsten Augenblick fielen sie einander in die Arme.

Perry drückte sie fest an sich und atmete ihren Duft ein. »Du hast mir gefehlt«, flüsterte er ihr ins Ohr. Er konnte sie gar nicht nahe genug bei sich haben. »Ich hätte dich nie gehen lassen dürfen. Du hast mir so gefehlt.«

Die Worte sprudelten förmlich aus ihm heraus. Er sagte ein Dutzend Dinge, die er gar nicht hatte sagen wollen, bis Aria einen Schritt zurücktrat und lächelnd zu ihm hochschaute. In dem Moment konnte er überhaupt nichts mehr sagen. Er betrachtete ihre elegant gewölbten Augenbrauen, so schwarz wie ihr Haar, sah die Klugheit in ihren grauen Augen. Ihr fein geschnittenes, zartes Gesicht. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte.

»Du bist hier«, sagte sie. »Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest.«

»Ich bin sofort aufgebrochen, als ich …«

Aber weiter kam er nicht, denn sie schlang die Arme um seinen Hals, und dann küssten sie sich – ein unbeholfener, hastiger Kuss. Sie atmeten zu heftig und lachten zu viel. Perry hätte sich gern etwas mehr Zeit genommen und jede Sekunde ausgekostet, aber er brachte nicht die Geduld dafür auf. Und er wusste nicht, ob er selbst oder ob Aria zu lachen angefangen hatte.

»Das kann ich eigentlich viel besser«, sagte er im gleichen Augenblick, als sie verkündete: »Du bist größer. Ich könnte schwören, dass du gewachsen bist.«

»Größer?«, wiederholte er ungläubig. »Ich hoffe nicht.«

»Doch, du bist echt gewachsen«, beharrte Aria. Sie betrachtete sein Gesicht ganz genau, als wolle sie alles über ihn erfahren.

Dabei gab es kaum noch etwas, was sie nicht wusste: In den Tagen, die sie gemeinsam verbracht hatten, hatte er ihr Dinge anvertraut, über die er noch mit niemandem gesprochen hatte.

Arias Lächeln verblasste, als ihr Blick auf die Kette um seinen Hals fiel. »Ich habe gehört, was passiert ist.« Sie streckte die Hand aus, und das Gewicht auf seinem Schlüsselbein ließ nach. »Du bist jetzt ein Kriegsherr.« Sie sprach leise, eher zu sich selbst als zu ihm. »Das ist … einfach großartig.«

Er schaute an sich hinab und sah zu, wie ihre Finger über die silbernen Kettenglieder streiften. »Sie ist schwer«, meinte er. Seit ihm die Kette vor einigen Monaten überreicht worden war, hatte er keinen besseren Moment erlebt als diesen.

Aria schaute ihm in die Augen und wurde ruhiger. »Das mit Vale tut mir leid.«

Perry starrte in den schattigen Wald und musste schlucken, da er plötzlich einen Kloß im Hals spürte. Die Erinnerung an den Tod seines Bruders ließ ihn nachts wach liegen. Manchmal, wenn er allein war, raubte sie ihm förmlich den Atem. Sanft nahm er Arias Hand von der Kette und verschränkte seine Finger mit ihren. »Später«, sagte er. Sie hatten einige Monate nachzuholen. Er wollte mit ihr über ihre Mutter sprechen, hatte sie trösten wollen, seit Roar ihm die Nachricht überbracht hatte. Aber nicht jetzt, da er sie gerade erst wiederhatte. »Später … In Ordnung?«

Aria nickte und schaute ihn mit einem warmen, verständnisvollen Blick an. »Später.« Dann drehte sie seine Hand um und betrachtete die Narben, die Cinder ihm verpasst hatte. Blass und wulstig wie Wachsspuren, erstreckten sie sich gleich einem Netz von den Fingerknöcheln bis zum Handgelenk. »Bereiten sie dir noch immer Schmerzen?«, fragte sie und fuhr mit dem Finger darüber.

»Nein. Sie erinnern mich an dich … als du die Wunden verbunden hast.« Er senkte den Kopf und legte seine Wange an ihre. »Da hast du mich zum ersten Mal ohne Widerwillen berührt.«

Ihr Duft war jetzt überall, strömte durch ihn hindurch, wühlte ihn auf und besänftigte ihn gleichzeitig.

»Hat Roar dir erzählt, was ich vorhabe?«

»Ja.« Perry richtete sich auf und schaute nach oben. Er konnte die Ätherströme zwar nicht sehen, aber er wusste, dass sie über den Wolken wirbelten. Mit jedem Winter wurden sie heftiger und brachten Feuer und Zerstörung. Perry wusste, dass es noch schlimmer werden würde. Das Überleben seines Stammes hing davon ab, jenes Land ausfindig zu machen, von dem es hieß, es gäbe dort keinen Äther – dasselbe Land, das auch Aria suchte. »Er sagte, du würdest versuchen, die Blaue Stille zu finden.«

»Du hast Bliss ja gesehen.«

Er nickte. Auf der Suche nach Arias Mutter waren sie gemeinsam bis zu dieser Biosphäre vorgedrungen, aber der Äther hatte sie zerstört. Kuppeln, so groß wie Hügel, waren eingestürzt, drei Meter dicke Wände zerdrückt wie Eierschalen.

»Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Gleiche mit Reverie passiert«, fuhr Aria fort. »Die Blaue Stille ist unsere einzige Chance. Alles, was ich gehört habe, jede Information, weist in Richtung der Hörner. Zu Sable.«

Perrys Puls beschleunigte sich bei der Erwähnung dieses Namens. Seine Schwester Liv hätte den Kriegsherrn der Hörner im letzten Frühling heiraten sollen, aber sie hatte gekniffen und sich aus dem Staub gemacht. Seither war sie nicht wieder aufgetaucht. Er würde sich schon sehr bald mit Sable auseinandersetzen müssen.

»Die Stadt der Hörner ist noch immer vom Eis eingeschlossen«, erklärte er. »Wir können Rim erst wieder erreichen, wenn der Pass im Norden auftaut, und das dürfte noch ein paar Wochen dauern.«

»Ich weiß«, bestätigte Aria. »Aber ich dachte, er wäre vielleicht inzwischen frei. Sobald das der Fall ist, ziehe ich nach Norden.«

Plötzlich trat sie abrupt einen Schritt zurück und sondierte den Wald, wobei sie den Kopf blitzschnell zur einen und dann zur anderen Seite drehte. Perry war dabei gewesen, als sie festgestellt hatte, dass sie eine Horcherin war … Jedes Geräusch eine neue Entdeckung. Jetzt sah er zu, wie sich ihre Aufmerksamkeit vollkommen automatisch auf die Klänge der Nacht richtete.

»Da kommt jemand.«

»Das ist Reef«, sagte Perry, »einer meiner Männer.« Es konnte unmöglich schon eine Stunde vergangen sein. »Und es sind noch mehr in der Nähe.«

Perry spürte, wie Arias Stimmung schlagartig sank, wie eine frische, kühle Brise. Im nächsten Moment setzte fast sein Herzschlag aus, denn er hatte sich seit Monaten nicht mehr so mit einem anderen Menschen verbunden gefühlt. Seit ihrem letzten Zusammensein.

»Wann kehrst du zurück?«, fragte sie.

»Bald. Morgen früh.«

»Ich verstehe.« Ihr Blick wanderte von ihm zu der Kette um seinen Hals. Ihre Miene wirkte von Sekunde zu Sekunde distanzierter. »Die Tiden brauchen dich.«

Perry schüttelte den Kopf. Sie verstand eben nicht. »Ich bin nicht hier, um dich nur einmal kurz zu sehen, Aria. Komm mit mir zu den Tiden. Hier draußen bist du nicht sicher, und …«

»Ich brauche keine Hilfe, Perry.«

»Das wollte ich damit auch nicht sagen.« Er war zu verwirrt, um seine Gedanken zu ordnen.

Bevor er noch mehr sagen konnte, wich Aria einen weiteren Schritt zurück, die Hände auf den Messergriffen an ihrem Gürtel. Wenige Sekunden darauf trat Reef aus dem Wald und zog die breiten Schultern hoch, als er auf die beiden zuging.

Perry fluchte unterdrückt. Er brauchte mehr Zeit mit ihr. Allein.

Reef verlangsamte seine Schritte, als er sah, dass Aria in Alarmbereitschaft und bewaffnet war. Vermutlich nicht gerade das, was er von einer Siedlerin erwartet hatte.

Auch Perry bemerkte, wie sehr sie auf der Hut war. Mit der Narbe im Gesicht und dem durchdringenden Blick sah Reef wie jemand aus, dem man lieber aus dem Weg ging.

Perry räusperte sich. »Aria, das ist Reef, der Anführer meiner Wache.« Es fühlte sich seltsam an, zwei Menschen einander vorzustellen, die ihm so viel bedeuteten. Es schien ihm, als hätten sie einander eigentlich längst kennen sollen.

Reef nickte kurz und warf Perry dann einen scharfen Blick zu. »Auf ein Wort!«, forderte er und stakste steifbeinig davon.

Es ärgerte Perry, dass Reef in diesem Ton mit ihm sprach, aber er vertraute ihm. Rasch wandte er sich an Aria: »Ich bin gleich wieder da.«

Er war gerade erst ein paar Schritte gegangen, als Reef sich so ruckartig umdrehte, dass seine Zöpfe durch die Luft wirbelten. »Ich muss dir ja wohl nicht sagen, in welcher Stimmung du gerade bist, oder? Es ist der Geruch der Dummheit. Du hast uns hierhergebracht, weil du hinter einem Mädchen her bist, das dich so …«

»Sie ist eine Horcherin«, unterbrach ihn Perry. »Sie kann dich hören.«

Reef stach mit dem Zeigefinger in die Luft. »Ich möchte, dass du mich hörst, Peregrine. Du hast einen Stamm, für den du Verantwortung trägst. Du kannst es dir nicht leisten, wegen eines Mädchens den Kopf zu verlieren – schon gar nicht wegen einer Siedlerin. Hast du vergessen, was geschehen ist? Denn eines kann ich dir garantieren: Dein Stamm hat es nicht vergessen.«

»Sie ist nicht schuld an den Entführungen. Damit hatte sie nichts zu tun. Außerdem ist sie nur zur Hälfte eine Siedlerin.«

»Sie ist ein Maulwurf, Perry! Eine von denen! Das und nichts anderes werden deine Stammesmitglieder sehen.«

»Sie werden tun, was ich ihnen sage.«

»Aber vielleicht werden sie sich auch hinter deinem Rücken gegen dich wenden. Was glaubst du wohl, wie sie es aufnehmen werden, wenn sie dich mit ihr sehen? Vale mag mit den Siedlern Handel getrieben haben, aber er hat nie eine von ihnen mit in sein Bett genommen.«

Perrys Hand zuckte vorwärts und packte Reef am Kragen. Sie standen so dicht voreinander, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. Reefs Stimmung war wie ein eisiges Brennen auf Perrys Zunge. »Das reicht, du hast deine Meinung deutlich genug gemacht.« Perry ließ Reef los, trat einen Schritt zurück und atmete ein paarmal tief ein. Die Stille, die sich zwischen ihnen ausbreitete, war irgendwie zu laut.

Er wusste, dass es zu Problemen führen würde, wenn er Aria zu den Tiden mitnahm. Trotz ihrer Unschuld würde der Stamm sie für die entführten Kinder verantwortlich machen, weil sie eine Siedlerin war. Er wusste genau, dass es nicht leicht werden würde – zumindest am Anfang –, aber er würde einen Weg finden. Was auch immer als Nächstes getan werden musste, er wollte sie an seiner Seite haben. Es war seine Entscheidung als Kriegsherr.

Perry schaute zuerst in die Richtung, wo Aria wartete, und dann zu Reef. »Weißt du was?«

»Was?«, fragte Reef mürrisch.

»Du hast ein lausiges Zeitgefühl.«

Reef grinste. Er fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf und seufzte. »Kann schon sein«, räumte er ein. Der scharfe Ton war aus seiner Stimme verschwunden. »Perry, ich möchte nicht erleben müssen, wie du diesen Fehler begehst.« Er deutete mit dem Kinn auf die Kette. »Ich weiß, welchen Preis du dafür bezahlt hast, und ich will nicht zusehen, wie du sie verlierst.«

»Ich weiß, was ich tue.« Perry schloss die Finger um das kühle Metall. »Ich werde die Kette nicht verlieren.«

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Aria  | Kapitel Zwei

Aria starrte auf die Bäume und lauschte auf Perrys Schritte, die immer lauter wurden, als er zurückkehrte. Zuerst sah sie die schimmernde Kette um seinen Hals und dann seine Augen, die in der Dunkelheit aufblitzten. Perry und sie waren vorhin so schnell aufeinander zugestürmt, dass sie ihn erst jetzt, als er auf sie zukam, genauer betrachten konnte.

Er imponierte ihr. Noch wesentlich mehr als in ihrer Erinnerung. Er war wirklich größer geworden, genau wie sie vermutet hatte, und um die Schultern auch muskulöser, sodass seine hoch aufgeschossene Gestalt nicht mehr so schlaksig wirkte. Im schwachen Licht sah sie, dass er einen dunklen Mantel und eine gut sitzende Hose mit sauberen Nähten trug, nicht die zerlumpte und zusammengeflickte Jägerkleidung, in der sie ihn im Herbst kennengelernt hatte. Die blonden Haare, die sein Gesicht umrahmten, waren jetzt kürzer geschnitten – ganz anders als die langen, unordentlichen Locken, die sie an ihm kannte.

Er war neunzehn, wirkte jedoch älter als ihre Freunde in Reverie. Aber wie viele von ihnen hatten auch durchgemacht, was er erlebt hatte? Wie viele trugen die Verantwortung für Hunderte von Menschen? Keiner. Sie kamen aus völlig verschiedenen Welten. Äther, dachte Aria. Das war das Einzige, was Siedler und Außenseiter miteinander verband: Er bedrohte beide gleichermaßen.

Perry blieb ein paar Meter vor ihr stehen. Mattes Licht fiel auf sein kantiges Gesicht, und sie sah die Schatten unter seinen Augen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stoppeln am Kinn. Das kratzige Geräusch war so vertraut, dass Aria die goldenen Härchen fast an ihren Fingerspitzen zu fühlen glaubte.

»Bitte entschuldige Reefs Benehmen.«

»Schon vergessen«, sagte sie, aber das war es nicht. Sie hatte Reefs Worte noch im Ohr. Siedlerin hatte er sie genannt. Maulwurf. Schlimme Beleidigungen. Sie hatte diese Worte seit Monaten nicht mehr gehört. Bei Marron hatte sie sich mühelos eingefügt, als gehörte sie dorthin.

Sie senkte den Blick und schaute auf den Boden zwischen ihnen. Drei Schritte für sie, zwei für ihn. Wenige Minuten zuvor hatten sie einander noch in den Armen gehalten. Jetzt standen sie so weit voneinander entfernt wie Fremde. Als hätte sich gerade alles verändert.

Ein Fehler. Auch das hatte Reef gesagt. Hatte er recht? »Vielleicht sollte ich lieber gehen.«

»Nein – bleib.« Perry trat vor und nahm ihre Hand. »Vergiss, was er gesagt hat. Er kann sehr aufbrausend sein … Noch schlimmer als ich.«

Sie schaute zu ihm hoch. »Noch schlimmer?«

Ein Lächeln umspielte seine Lippen, dieses schiefe Lächeln, das sie so sehr vermisst hatte. »Na ja, fast.« Er trat noch näher, und sein Gesichtsausdruck wurde ernst. »Ich bin nicht gekommen, um dich nur eine Nacht lang zu sehen oder um dir meine Hilfe anzubieten. Ich bin hier, weil ich mit dir zusammen sein will. Es könnte noch Wochen dauern, bis der Pass nach Norden eisfrei ist. Wir warten, bis es taut, und suchen dann gemeinsam nach der Blauen Stille.« Er schwieg einen Moment und schaute sie eindringlich an. »Komm mit mir, Aria. Bleib bei mir.«

Bei diesen Worten breitete sich etwas Strahlendes in Aria aus, und sie prägte sie sich ein wie den Text eines Liedes – jede Note, gemessen gesprochen in seinem tiefen, warmen Timbre. Was auch geschehen mochte, diese Worte würden ihr immer bleiben. Und natürlich wollte sie nichts lieber als einwilligen, doch sie konnte die Angst nicht ignorieren, die in ihrem Magen aufwallte.

»Ich möchte ja«, räumte sie ein. »Aber es geht nicht länger nur um uns beide.«

Perry trug Verantwortung für die Tiden, und auch sie stand unter Druck. Konsul Hess, der Sicherheitschef von Reverie, hatte gedroht, Perrys Neffen Talon etwas anzutun, wenn Aria ihm nicht mitteilen konnte, wo sich die Blaue Stille befand. Das war der Grund – oder zumindest einer der Gründe – dafür, dass sie in die Außenwelt zurückgekehrt war.

Aria schaute Perry in die Augen und brachte es einfach nicht fertig, ihm von Hess’ Erpressung zu erzählen. Er konnte ohnehin nichts tun. Wenn sie es ihm sagte, würde er sich nur Sorgen machen.

»Reef meinte, der Stamm würde sich gegen dich wenden«, sagte sie stattdessen.

»Reef irrt sich.« Verärgert schaute Perry kurz in Richtung Wald. »Sie brauchen vielleicht ein wenig Zeit, um sich daran zu gewöhnen, aber sie tun, was ich sage.« Er drückte ihre Hand, und ein Lächeln ließ seine Augen aufleuchten. »Bitte sag Ja. Ich weiß, dass du es willst. Roar schlägt mich windelweich, wenn ich ohne dich auftauche. Aber es gibt noch einen anderen Grund. Vielleicht hilft er dir ja bei deiner Entscheidung.«

Er ließ seine Hand über ihren Arm wandern und fuhr mit dem Daumen über ihren Bizeps. Die Schwielen an seinen Händen, die vom Bogenschießen stammten, waren rau und weich zugleich und jagten Aria einen Schauer durch den Körper. Sie hörte, wie eine kühle Brise die Blätter der Bäume rascheln ließ, und spürte sie dann auf ihrer Wange. Bei niemandem sonst fühlte sie sich so wohl und sicher in ihrer Haut wie bei ihm.

Perry redete auf sie ein. Sie musste in ihren Gedanken zurückgehen, um nicht den Anschluss zu verpassen. »Du brauchst Tätowierungen. Es ist gefährlich, wenn du keine hast. Einen besonders ausgeprägten Sinn zu verbergen, gilt als hinterlistig, Aria. Menschen können getötet werden, wenn sie das verheimlichen.«

»Roar hat es mir erklärt«, bestätigte sie.

Da sie sich seit der Abreise aus Marrons Lager im Wald aufgehalten hatte, war das bisher kein Problem gewesen. Aber sobald sie nach Norden zog, würde sie auf andere Menschen treffen. Sie konnte nicht leugnen, dass die Horcher-Tätowierungen ihr Leben in der Außenwelt sicherer machen würden.

»Nur ein Kriegsherr kann sie gewähren«, meinte Perry. »Zufälligerweise kenne ich einen.«

»Du willst dafür sorgen, dass ich diese Zeichnungen bekomme? Obwohl ich nur ein Halbblut bin?«

Er neigte den Kopf zur Seite, und ein paar blonde Strähnen fielen ihm in die Augen. »Ja. Das will ich unbedingt.«

»Perry, was ist mit …« Aria verstummte. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Frage aussprechen sollte, die sie seit Monaten quälte, aber sie musste es wissen – selbst wenn es bedeutete, dass sie etwas erfuhr, was ihr den Boden unter den Füßen wegziehen würde. »Du hast mir erzählt, dass du nur mit einer anderen Witterin zusammen sein kannst, und ich bin nicht …« Sie biss sich auf die Lippe und beendete den Satz nur in Gedanken. Ich bin nicht wie du. Ich bin nicht das, was du willst.

Ihr Gesicht wurde ganz heiß, als er sie anschaute. Egal, was sie sagte oder nicht sagte, er konnte ihre tiefe Verunsicherung wittern.

Perry kam noch näher und fuhr ihr mit den Fingern sanft übers Kinn. »Seit ich dich kenne, denke ich über viele Dinge anders. Und das ist nur eines davon.«

Plötzlich konnte Aria es sich nicht vorstellen, ihn zu verlassen. Sie musste einen Weg finden, das zu verhindern. Der Stamm würde sie hassen, weil sie eine Siedlerin war – daran bestand kein Zweifel. Und wenn sie und Perry Hand in Hand im Dorf ankamen, würden die Tiden sämtliches Vertrauen in seine Urteilskraft verlieren. Aber was wäre, wenn sie und Perry die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkten? Auf etwas, das sie beide brauchten? In ihrem Kopf nahm eine Idee Gestalt an.

»Hast du den Tiden irgendwas über mich erzählt?«, hakte sie nach.

Er runzelte die Stirn. Mit dieser Frage schien er nicht gerechnet zu haben. »Ich habe ein paar Leuten erzählt, dass du helfen würdest, die Blaue Stille zu finden.«

»Mehr nicht?«

»Ich habe mit niemandem über uns gesprochen, falls du das meinst.« Er zuckte die Schultern. »Das ist privat … eine Sache zwischen dir und mir.«

»Dann sollten wir es auch dabei belassen. Ich werde dich als eine Verbündete begleiten, aber uns halten wir da raus.«

Perry lachte, doch es klang matt und freudlos. »Ist das dein Ernst? Du meinst, wir sollen lügen?«

»Es wäre ja nicht gelogen. Das ist nichts anderes als das, was du gerade gesagt hast: Wir halten es privat. Auf diese Weise können wir den Stamm daran gewöhnen. Wir sprechen erst über uns, wenn wir eine genauere Vorstellung davon haben, wie deine Leute darauf reagieren werden. Roar wird Stillschweigen bewahren, wenn wir ihn darum bitten. Aber was ist mit Reef?«

Perry nickte, doch sein Kiefer war angespannt. »Er hat mir Treue geschworen. Er wird tun, was ich von ihm verlange.«

Das Geräusch eines knackenden Zweigs lenkte Arias Aufmerksamkeit auf die Dunkelheit des Waldes. Drei unterschiedliche Schritte bildeten sich heraus, einer davon schwerer als die anderen. Der Rest von Perrys Wache näherte sich ihnen. Sie sprachen leise, aber die einzelnen Stimmen unterschieden sich in Arias Ohren deutlich voneinander und waren so einzigartig wie die Gesichtszüge eines Menschen. »Die anderen kommen.«

»Lass sie kommen«, erwiderte Perry. »Das sind meine Männer, Aria. Ich habe nichts vor ihnen zu verbergen.«

Sie wollte ihm ja glauben, doch sie mussten klug vorgehen. Als neuer Anführer war er darauf angewiesen, dass sein Stamm hinter ihm stand. Aber Aria konnte nicht leugnen, dass eine Tätowierung ihre Chancen erhöhen würde, die Blaue Stille zu finden – ganz zu schweigen von den Vorteilen, die Perrys Begleitung auf ihrem Weg nach Rim bot. Er war ein Jäger, ein Krieger und ein Überlebenskünstler. Keiner bewegte sich mit einer solchen Leichtigkeit im Grenzland wie er. All das waren gute Gründe, ein paar Wochen bei den Tiden zu bleiben, ehe sie nach der Blauen Stille suchten. Sie und Perry würden alles erreichen, was sie wollten, wenn sie nur ein wenig Geduld und Umsicht zeigten.

Perrys Wachen näherten sich; ihre Schritte klangen mit jeder Sekunde lauter.

Aria stellte sich auf die Zehenspitzen und legte Perry die Hände auf die Brust. »So ist es am besten – am sichersten«, flüsterte sie. »Vertrau mir.« Rasch presste sie ihre Lippen auf seinen Mund, aber das war nicht annähernd genug. Sie nahm sein Gesicht in beide Hände, spürte die weichen Stoppeln, die sie so vermisst hatte, und küsste ihn noch einmal, nur entschlossener und leidenschaftlicher, ehe sie sich zurückzog.

Als Reef und die beiden anderen Männer auftauchten, standen sie und Perry mehrere Schritte voneinander entfernt – die Distanz zwischen Fremden.

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Peregrine  | Kapitel Drei

Zwei Tage später trat Perry aus einem Eichenwäldchen, und vor einem wolkenverhangenen Himmel erschien oben auf einer Anhöhe das Dorf der Tiden. Zu beiden Seiten der unbefestigten Straße zogen sich sanft wogende Felder bis zum Fuß der Berge, die das Tal einrahmten.

Während seiner Kindheit hatte er sich oft vorgestellt, wie es wohl wäre, der Kriegsherr der Tiden zu sein. Aber diese Phantasien waren nichts im Vergleich zu dem Gefühl, das er jetzt verspürte. Es war das erste Mal, dass er in sein Herrschaftsgebiet zurückkehrte. Zwischen Himmel und Erde gehörten jede Person, jeder Baum und jeder Stein ihm.

Aria trat an seine Seite. »Ist das das Dorf?«

Perry rückte Bogen und Köcher auf seinem Rücken zurecht, um seine Überraschung zu überspielen. Auf dem Weg hierher hatte sie ihm nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als Reef, der sie keines Blickes würdigte, oder Gren und Twig, die nicht aufhören konnten, sie anzustarren. Sie hatte jede Nacht auf der entgegengesetzten Seite des Feuers geschlafen und tagsüber kaum ein Wort gesagt. Wenn sie mit ihm gesprochen hatte, dann nur kurz und unterkühlt. Er verabscheute es, sich verstellen zu müssen, aber wenn es ihr dadurch leichterfiel, mit ihm in sein Dorf zurückzukehren, würde er eben mitspielen. Zumindest für den Augenblick.

»Ja, dahinten liegt es«, bestätigte er nun.

Den ganzen Tag hatte es bereits nach Regen ausgesehen, und jetzt nieselte es leicht. Er wünschte, die Wolken würden sich teilen und den Blick auf die Sonne oder den Äther freigeben – auf irgendein Licht –, aber der Himmel war schon seit Tagen bedeckt.

»Mein Vater ließ es ringförmig anlegen. Ist leichter zu verteidigen. Wir haben Holzwände, die sich zwischen den Häusern schließen, wenn wir angegriffen werden. Das höchste Gebäude … Siehst du das Dach da drüben?« Er zeigte mit dem Finger darauf. »Das ist das Kochhaus. Der Mittelpunkt des Stammes.«

Perry schwieg, als Twig und Gren an ihnen vorübergingen. Er hatte Reef am Morgen vorgeschickt, um den Tiden ihr Kommen anzukündigen und alle wissen zu lassen, dass Aria als Verbündete unter seinem Schutz stand. Er wollte, dass ihre Ankunft so reibungslos wie möglich verlief. Da Twig und Gren vor ihnen gingen, trat er näher an Aria heran und deutete auf den verbrannten Streifen Land im Süden.

»Im Winter ist ein Äthersturm direkt durch diesen Wald dort gefegt. Er hat einen Teil unseres besten Ackerlands vernichtet.«

Ein kurzer Schauer lief ihm über den Rücken, als er ihre Stimmung auffing. Hellgrün, ein Geruch nach Minze. Sie war wachsam und sehr nervös. Er hatte vergessen, wie es war, sich einem anderen Menschen hinzugeben und dessen Stimmung nicht nur zu wittern, sondern selbst zu empfinden. Aria wusste nichts von diesem Band zwischen ihnen. Er hatte ihr im Herbst nichts davon erzählt, denn damals hatte er geglaubt, er würde sie nie wiedersehen. Aber sobald er mit ihr allein war, würde er das nachholen.

»Allerdings hätte der Schaden größer sein können«, fuhr er fort. »Wir konnten verhindern, dass sich das Feuer weiter ausbreitete und auf das Dorf übersprang.«

Er beobachtete sie, während ihr Blick über den Horizont streifte. Das Tal der Tiden war kein großes Territorium, aber es war fruchtbar, lag in der Nähe des Meeres und ließ sich gut verteidigen. Ob sie das erkennen konnte? Es war ein gutes Stück Land, sofern der Äther es in Ruhe ließ. Doch Perry wusste nicht, wie lange ihnen noch blieb. Ein Jahr? Höchstens zwei, bevor das alles nur noch verbrannte Erde war.

»Es ist viel schöner, als ich es mir vorgestellt hatte«, gestand Aria.

Er atmete erleichtert auf. »Wirklich?«

Aria schaute ihn an; ihre Augen lächelten. »Wirklich.« Dann wandte sie sich ab, und Perry fragte sich, ob sie vielleicht zu dicht beieinandergestanden hatten. Konnten sie sich nicht unterhalten, wenn sie so taten, als wären sie Verbündete? War ein Lächeln bereits zu viel? Dann sah er, was sie gehört hatte.

Willow stürmte über den Weg auf sie zu, Flea an ihrer Seite. Der Hund preschte als Erster heran, legte die Ohren an und blieb mit gebleckten Zähnen vor Aria stehen.

»Keine Angst«, beruhigte Perry sie. »Er tut nichts.«

Aria wich nicht von der Stelle, wippte aber auf den Fußballen vor und zurück, um schnell reagieren zu können. »Er sieht aber nicht so aus«, wandte sie ein.

Roar hatte ihm erzählt, dass sie sich in den letzten Monaten zu einer geschickten Kämpferin entwickelt hatte. Jetzt bemerkte Perry den Unterschied. Sie wirkte stärker und reaktionsschneller und schien besser mit Angst umgehen zu können.

Er zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden, und kniete sich auf den Boden. »Sacht, Flea. Nicht so hastig.« Flea bewegte sich vorsichtig vorwärts und beschnüffelte Arias Stiefel. Er wedelte langsam mit dem Schwanz, ehe er schließlich an ihr hochsprang. Perry strich ihm über das drahtige, schwarzbraune Fell. »Er gehört Willow. Die beiden sind unzertrennlich.«

»Dann ist das Willow?«, fragte sie.

Perry richtete sich auf und sah, wie Willow an Gren und Twig vorbeistürmte und sie dabei hastig begrüßte. Dann sprang sie in seine Arme, wie sie es schon im Alter von drei Jahren getan hatte. Mit dreizehn war sie eigentlich etwas zu groß dafür, aber da es ihn zum Lachen brachte, setzte Willow dieses Ritual fort.

»Du hast gesagt, du würdest nur ein paar Tage fort sein«, sagte sie vorwurfsvoll, als Perry sie absetzte. Sie trug ihre übliche Montur – staubige Hosen, staubige Stiefel, staubiges Hemd und rote Stoffstreifen, die sie in ihr dunkles Haar geflochten hatte. Sie stammten von den Teilen eines Rocks, den ihre Mutter im Winter für sie genäht hatte und den Willow jedoch beim Tragen zerrissen hatte.

Perry lächelte. »Es waren ja auch nur ein paar Tage.«

»Kam mir aber wie eine Ewigkeit vor«, erwiderte Willow und musterte Aria argwöhnisch mit ihren dunkelbraunen Augen.

Als man sie das erste Mal aus Reverie hinausgeworfen hatte, war Aria eindeutig als Siedlerin zu erkennen gewesen. Sie hatte mit schriller, abgehackter Stimme gesprochen, ihre Haut war weiß wie Milch und ihr Geruch muffig und abstoßend gewesen. Diese Merkmale waren inzwischen verblasst, doch jetzt fiel sie aus einem anderen Grund auf – derselbe Grund, weshalb Twig und Gren sie die letzten beiden Tage angestarrt hatten, wenn sie sich unbeobachtet fühlten.

»Roar hat mir schon gesagt, dass eine Siedlerin kommen würde«, verkündete Willow schließlich. »Er sagte, ich würde dich mögen.«

»Ich hoffe, er hat recht«, antwortete Aria und tätschelte Flea den Kopf. Der Hund saß inzwischen dicht neben ihrem Bein und hechelte freudig.

Willow hob das Kinn. »Flea scheint dich jedenfalls zu mögen, dann tue ich es vielleicht auch.« Stirnrunzelnd schaute sie zu Perry hoch, der ihre Stimmung wahrnahm. Normalerweise verströmte Willow einen klaren Zitrusduft, aber jetzt schob sich ein dunkler Farbton in die Ränder seines Sichtfelds, der ihm verriet, dass etwas nicht stimmte.

»Was ist passiert, Will?«, fragte er.

»Ich weiß nur, dass Bear und Wylan auf dich warten und nicht besonders glücklich aussehen. Ich dachte, das solltest du wissen.« Willow zuckte die Schultern und lief dann davon, dicht gefolgt von Flea.

Perry steuerte auf das Dorf zu und fragte sich, was ihn dort wohl erwartete. Bear, ein Baum von einem Mann, mit sanftem Herzen und von der Feldarbeit ständig schmutzigen Händen, hatte die Leitung über alles, was im Dorf mit Landwirtschaft zu tun hatte. Der schlanke, mürrische Wylan war der oberste Fischer der Tiden. Die beiden stritten ständig darüber, wo die größeren Ressourcen der Tiden lagen – ein nie enden wollender Kampf zwischen Land und Meer. Perry hoffte, dass es sich nur darum handelte.

Aria ging selbstbewusst neben ihm, als sie durch das Haupttor auf den Platz in der Mitte des Dorfes gelangten, aber er witterte den kühlen Ton ihrer Angst. Er sah sein Zuhause mit ihren Augen – ein Kreis von Hütten aus Holz und Stein, verwittert von der salzigen Luft – und fragte sich erneut, was sie wohl dachte. Das Dorf war nicht annähernd so komfortabel wie Marrons Delphi und erst recht kein Vergleich zu all dem, was sie aus den Biosphären gewohnt war.

Sie trafen kurz vor dem Abendessen ein – eine schlecht gewählte Zeit. Dutzende von Leuten liefen umher und warteten darauf, zu Tisch gerufen zu werden. Andere standen an den Fenstern und Türen ihrer Häuser und glotzten mit großen Augen. Einer von Grays Jungen zeigte mit dem Finger auf sie, während der andere neben ihm kicherte. Brooke erhob sich von einer Bank vor ihrem Haus, schaute von ihm zu Aria und wieder zurück. Schuldbewusst erinnerte sich Perry mit einem Mal an eine Unterhaltung, die er im Winter mit ihr geführt hatte. Er hatte Brooke gesagt, sie könnten nicht zusammen sein, weil er zu viel um die Ohren habe. Dieses »zu viel« war Aria gewesen – das Mädchen, von dem er zu jener Zeit geglaubt hatte, dass er es nie mehr wiedersehen würde.

Nicht weit entfernt standen Bear und Wylan und unterhielten sich mit Reef. Als sie zu ihnen herüberschauten, verstummten alle drei. Einem Instinkt folgend, steuerte Perry auf sein Haus zu. Er würde sich noch früh genug um die beiden kümmern. Die einzige Person, deren Hilfe er jetzt gut hätte gebrauchen können, war jedoch nirgends zu sehen: Roar.

Perry blieb vor der Tür seines Hauses stehen und schob mit dem Fuß einen Korb Kleinholz aus dem Weg. Er schaute Aria an, die an seiner Seite stand, und hatte das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen. Willkommen? Hier bist du sicher? Aber all das schien ihm viel zu förmlich.

»Es ist klein«, sagte er schließlich.

Dann trat er ein und zuckte zusammen, als er die überall herumliegenden Decken und die schmutzigen Becher auf dem Tisch sah. Kleider türmten sich in der Ecke zu einem Haufen, und an der gegenüberliegenden Wand war ein Stapel Bücher umgefallen. Das Meer lag eine halbe Stunde entfernt, aber auf den Bodendielen unter seinen Füßen knirschte Sand. Allerdings hätte es viel schlimmer aussehen können – für ein Haus, in dem ein halbes Dutzend Männer lebten.

»Die Sechs schlafen hier«, erklärte Perry. »Ich habe sie kennengelernt, nachdem du …« Er brachte es nicht über sich, nachdem du gegangen warst zu sagen. Er wusste nicht, warum, aber er konnte es einfach nicht aussprechen. »Sie gehören jetzt zu meiner Wache, und sie sind alle gezeichnet. Reef, Twig und Gren hast du ja schon kennengelernt. Die Übrigen sind Brüder: Hyde, Hayden und Straggler, der Nachzügler. Alle drei Seher. Strag heißt eigentlich Haven, aber … du wirst schon sehen. Der Spitzname passt zu ihm.« Er rieb sich das Kinn und zwang sich, den Mund zu halten.

»Hast du vielleicht eine Kerze oder eine Lampe?«, fragte Aria.

Erst jetzt fiel ihm auf, wie düster es war. Für ihn zeichneten sich alle Umrisse im Inneren des Raumes scharf ab, aber Aria – oder jeder andere – konnte nicht viel erkennen. Während Perry nie vergaß, dass er ein Witterer war, fiel ihm oft erst in Momenten wie diesem wieder ein, dass er noch einen zweiten extremen Sinn besaß: Er war ein Seher, doch die wirkliche Stärke seiner Augen lag in der unübertroffenen Nachtsicht. Aria hatte dies einmal als Mutation bezeichnet, als eine Auswirkung des Äthers, der diesen Sinn bei ihm stärker geschärft hatte als bei anderen. Er selbst betrachtete das Ganze jedoch eher als einen Fluch – eine Erinnerung an seine Mutter, eine Seherin, die bei seiner Geburt gestorben war.

Perry öffnete die Fensterläden und ließ das trübe Licht des Spätnachmittags herein. Draußen auf der Lichtung verbreitete sich die Neuigkeit von Arias Ankunft wie ein Lauffeuer. Aber dagegen konnte er wohl nichts tun. Er verschränkte die Arme, und sein Magen krampfte sich zusammen, als er beobachtete, wie Aria den Raum in sich aufnahm. Er konnte nicht glauben, dass sie tatsächlich hier war, hier in seinem Haus.

Aria trat neben ihn ans Fenster und betrachtete Talons Sammlung geschnitzter Falken auf der Fensterbank. Perry wusste, dass er mit Bear und Wylan reden musste, aber er konnte sich nicht losreißen.

Er räusperte sich. »Talon und ich haben sie geschnitzt. Die von ihm sind die gelungenen. Aber der Falke, der wie eine Schildkröte aussieht, ist von mir.«

Aria nahm die Figur in die Hand und sah sie sich aufmerksam an. Ihre grauen Augen besaßen einen warmen, sanften Ausdruck, als sie zu ihm hochblickte und sagte: »Den mag ich am liebsten.«

Perrys Blick wanderte zu ihren Lippen. Sie waren allein. So nah waren sie einander das letzte Mal gewesen, als er sie in den Armen gehalten hatte.

Nach einem kurzen Augenblick legte Aria die Schnitzerei wieder auf die Fensterbank und trat einen Schritt zurück. »Bist du sicher, dass ich hierbleiben kann?«

»Ja. Du kannst das Schlafzimmer haben.« Von seinem Standort aus konnte er das Bett seines Bruders sehen, auf dem eine verschossene, rote Decke lag. Es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte nicht dort übernachten müssen, aber er sah keine andere Möglichkeit. »Ich schlafe da oben«, erklärte er und deutete mit dem Kinn auf den Dachboden.

Aria lehnte ihren Umhängebeutel gegen die Wand, warf einen Blick zur Eingangstür und lächelte über ein Geräusch, das seine Ohren nicht hören konnten.

Eine Sekunde später fegte Roar wie ein dunkler Blitz herein. »Endlich!«, rief er. Dann umarmte er Aria und hob sie hoch. »Wieso habt ihr beide so lange gebraucht? Nein, sagt nichts …« Er schaute zu Perry. »Ich kann es mir schon denken.« Dann setzte er Aria wieder ab und griff nach Perrys Hand. »Gut, dass du wieder da bist, Per.«

»Was habe ich verpasst?«, erkundigte sich Perry grinsend.

Doch noch bevor Roar antworten konnte, drängten Wylan, Bear und Reef ins Haus. Sofort herrschte betretenes Schweigen. Die drei blieben sekundenlang einfach stehen, die Augen auf die einzige Fremde unter ihnen gerichtet. Die Stimmungen im Raum wurden schärfer, heizten sich auf und leuchteten rot vor Perrys Augen. Sie wollten sie nicht hierhaben. Er hatte gewusst, dass sie so reagieren würden, aber trotzdem ballten sich seine Hände zu Fäusten.

»Das ist Aria«, stellte er sie vor und unterdrückte den Drang, sich neben sie zu stellen. »Sie ist ein Halbblut … halb Siedlerin, halb Außenseiterin, wie Reef euch ja schon erzählt hat. Sie wird uns helfen, die Blaue Stille zu finden, und genießt im Gegenzug dafür unseren Schutz. Während ihres Aufenthalts hier bei uns wird sie die Zeichnungen der Horcher erhalten.«

Die Worte kamen ihm nur schwer über die Lippen, wie Kieselsteine, die aus seinem Mund rasselten. Sie entsprachen zwar der Wahrheit, aber eben doch nur zum Teil und erschienen ihm deshalb eher wie eine Lüge. Perry sah den fragenden Ausdruck in Roars Augen.

Seine großen Hände ringend, trat Bear vor. »Entschuldige, dass ich frage, Perry, aber wie soll uns ein Maulwurf helfen?«

Wylan murmelte etwas vor sich hin. Blitzschnell richtete Aria den Blick auf ihn, und auch Roar erstarrte. Beide waren Horcher und hörten genau, was er sagte.

Perry spürte eine heiße Woge der Wut und hätte Wylan am liebsten eine Ohrfeige verpasst. Doch dann wurde ihm bewusst, dass das, was er fühlte – das, was ihn gepackt hatte –, in Wahrheit Arias Stimmung war. Er holte tief Luft und versuchte, sich zu beherrschen. »Hast du etwas zu sagen, Wylan?«

»Nein«, erwiderte der. »Nein, ich wollte nur überprüfen, ob ihre Ohren auch funktionieren«, sagte er mit einem hämischen Grinsen. »Und sie funktionieren.«

Reef legte Wylan eine Hand auf die Schulter und übte dabei so viel Druck aus, dass der schmächtige Mann zusammenzuckte. »Bear und Wylan haben mir gerade erzählt, was während unserer Abwesenheit passiert ist.«

Perry wappnete sich für einen Bericht über ihren neuesten Streit. »Lass hören.«

Bear verschränkte die Arme vor der breiten Brust und runzelte die dichten Augenbrauen. »Letzte Nacht hat es im Vorratsraum gebrannt. Wir glauben, dass es der Junge war, den Roar mitgebracht hat. Cinder.«

Beunruhigt warf Perry Roar und Aria einen Blick zu. Die beiden waren die Einzigen, die von Cinders einzigartiger Fähigkeit wussten: Der Junge konnte den Äther kanalisieren. Stillschweigend hatten sie Cinders Geheimnis bisher streng gehütet.

»Niemand hat gesehen, was er genau getan hat«, wandte Roar ein, da er Perrys Gedanken las. »Er ist weggelaufen, bevor ihn irgendjemand schnappen konnte.«

»Dann ist er also weg?«, fragte Perry.

Roar verdrehte die Augen. »Du kennst ihn doch. Er wird zurückkommen. Wie immer.«

Perry bog die Finger seiner vernarbten Hand. Wenn er nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, wie Cinder eine ganze Gruppe von Krähern getötet hatte, er hätte es nicht geglaubt. »Wie hoch ist der Schaden?«

Bear deutete mit dem Kopf zur Tür. »Ist wohl einfacher, wenn ich es dir zeige«, meinte er und ging hinaus.

Perry blieb auf der Türschwelle stehen und drehte sich zu Aria um. Sie zuckte kurz verständnisvoll die Schultern. Sie waren noch keine zehn Minuten hier, und schon musste er sie wieder verlassen. Das gefiel ihm überhaupt nicht, aber er hatte keine andere Wahl.

 

Die Vorratskammer im hinteren Teil des Kochhauses war ein langer, aus Stein gemauerter Raum mit hohen Holzregalen an den Wänden, auf denen sich Getreidesäcke, Tontöpfe mit Kräutern und Gewürzen und Körbe mit Frühlingsgemüse stapelten. Normalerweise hingen Lebensmitteldüfte in der kühlen Luft, doch als Perry jetzt eintrat, schlug ihm der schwere Geruch von verbranntem Holz entgegen. Darunter nahm er eine Spur des beißenden Äthers wahr – ein Geruch, den auch Cinder verströmte.

Der Schaden beschränkte sich auf eine Seite der Kammer. Ein Teil eines Regals war völlig verbrannt.

»Er muss eine Lampe fallen gelassen haben«, bemerkte Bear und fuhr sich nachdenklich über den dichten, schwarzen Bart. »Wir waren schnell zur Stelle, aber trotzdem haben wir eine Menge verloren. Wir mussten zwei Getreidesäcke wegwerfen.«

Perry nickte. Eigentlich konnten sie es sich gar nicht leisten, auf diese Lebensmittel zu verzichten. Die Tiden waren bereits auf knappe Rationen gesetzt.

»Der Junge bestiehlt dich«, sagte Wylan. »Er bestiehlt uns. Wenn ich ihn das nächste Mal sehe, jage ich ihn aus dem Dorf.«

»Nein«, widersprach Perry. »Schick ihn zu mir.«

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Aria  | Kapitel Vier

»Alles in Ordnung?«, flüsterte Roar, als die anderen gegangen waren.

Aria atmete auf und nickte, obwohl sie sich nicht ganz sicher war. Abgesehen von Roar und Perry hatten alle Anwesenden sie verachtet … Dafür, wer sie war. Dafür, was sie war.

Eine Siedlerin. Ein Mädchen, das unter einer Kuppel lebte. Ein Maulwurf-Flittchen, wie Wylan leise vor sich hin gemurmelt hatte. Sie hatte sich zwar dagegen gewappnet, vor allem nachdem Reef sie tagelang kalt angestarrt hatte, aber trotzdem hatte das Ganze sie schwer getroffen. Und dann wurde ihr klar, dass es Perry genauso ergehen würde, wenn er nach Reverie käme. Schlimmer noch: Die Wärter in Reverie würden jeden Außenseiter sofort töten.

Sie wandte sich von der Tür ab und ließ den Blick durch den gemütlichen, unordentlichen Raum schweifen: auf einer Seite ein Tisch mit bunten Stühlen, in den Regalen dahinter Schalen und Töpfe in allen Farben. Vor der Feuerstelle zwei abgewetzte, aber bequem aussehende Ledersessel. An der gegenüberliegenden Wand Körbe mit Büchern und Holzspielzeug. Der Raum war kühl und ruhig und roch schwach nach Rauch und altem Holz.

»Das ist also sein Zuhause.«

»Ja«, bestätigte Roar.

»Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich hier bin. Es wirkt wärmer, als ich gedacht hätte.«

»Früher war es noch einladender.«

Noch vor einem Jahr hatte Perrys ganze Familie in diesem Haus gelebt. Jetzt war er der letzte Verbliebene. Aria fragte sich, ob die Sechs deshalb hier schliefen; sicherlich gab es andere Häuser, in denen sie unterkommen konnten. Vielleicht vermisste Perry seine Familie in einem vollen Haus ja nicht so sehr. Aber das bezweifelte sie: Niemand würde je die Leere füllen können, die der Tod der eigenen Mutter hinterlassen hatte. Menschen konnte man nicht ersetzen.

Aria dachte an ihr Zimmer in Reverie. Ein kleiner Raum, spärlich möbliert und ordentlich, mit grauen Wänden und einem Wandschrank. Dieses Zimmer war einmal ihr Zuhause gewesen, aber sie verspürte keine Sehnsucht danach. Inzwischen kam es ihr so einladend vor wie das Innere eines Stahlcontainers. Sie vermisste lediglich, wie sie sich dort gefühlt hatte: sicher. Geliebt. Umgeben von Menschen, die sie akzeptierten. Die sie nicht Maulwurf-Flittchen nannten.

Ihr wurde bewusst, dass sie jetzt kein Zuhause mehr hatte. Keine Dinge wie die geschnitzten Falken auf der Fensterbank. Keine Objekte, die bewiesen, dass sie existierte. All ihre Habseligkeiten waren virtuell und befanden sich in den Welten. Sie waren nicht real. Sie hatte nicht einmal mehr eine Mutter.

Ein Gefühl der Schwerelosigkeit überkam sie. Sie fühlte sich wie ein Ballon, der sich von der Leine gelöst hatte und aus nichts als Luft bestand.

»Hast du Hunger?«, fragte Roar hinter ihr, der von ihren Gedanken nichts mitbekam und leicht und fröhlich wie immer klang. »Meistens essen wir im Kochhaus, aber ich könnte uns was holen.«

Sie drehte sich um. Roar lehnte mit der Hüfte am Tisch, die Arme vor der Brust verschränkt. Er war von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, genauso wie sie selbst.

Er lächelte. »Nicht so komfortabel wie bei Marron, stimmt’s?«

Sie hatten die vergangenen Monate gemeinsam in Delphi verbracht, während Roar eine Verletzung am Bein auskurierte. Die Wunden, von denen Aria sich erholen musste, waren tiefer gewesen. Nach und nach, Tag für Tag, hatten sie einander zurück ins Leben geholfen.

Roar lächelte übers ganze Gesicht. »Ich weiß. Du hast mich vermisst.«

Aria rollte die Augen. »Es ist kaum drei Wochen her, seit ich dich zum letzten Mal gesehen habe.«

»Schrecklich lange Zeit«, meinte er. »Also, essen?«

Nachdenklich blickte Aria zur Tür. Sie durfte sich nicht verstecken, wenn die Tiden sie akzeptieren sollten. Sie musste sich ihnen stellen. Also nickte sie und sagte: »Dann mal los.«

 

»Ihre Haut ist viel zu glatt – wie bei einem Aal.«

Die vor Boshaftigkeit triefende Stimme drang an Arias Ohren.

Der Stamm hatte zu tuscheln begonnen, noch bevor sie sich zusammen mit Roar an einen der Tische gesetzt hatte. Aria nahm den schweren Löffel und rührte in der Schale mit Eintopf vor ihr, während sie versuchte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren.

Das Kochhaus bestand aus einem großen, rustikalen Raum – halb mittelalterliche Halle, halb Jagdhütte – und war vollgepackt mit langen, auf Böcken stehenden Tischen und Bänken. Überall brannten Kerzen, und zwei große Feuerstellen spendeten Wärme. Kinder spielten Fangen zwischen den Bänken, und ihre Stimmen mischten sich mit dem Brodeln von kochendem Wasser und dem Knistern des Feuers. Dazu kamen das Klappern von Löffeln und das Schmatzen von Menschen, die redeten, aßen und tranken. Ein Rülpser. Lachen. Hundegebell. All das wurde durch die dicken Steinmauern noch verstärkt. Aber trotz des Lärms konnte Aria nicht umhin, das gehässige Flüstern herauszufiltern.

Zwei junge Frauen unterhielten sich am übernächsten Tisch. Die eine war eine hübsche Blondine mit leuchtend blauen Augen – dasselbe Mädchen, das Aria beobachtet hatte, als sie Perrys Haus betreten hatte. Das musste Brooke sein. Ihre jüngere Schwester Clara befand sich in Reverie. Vale hatte sie genau wie Talon im Tausch gegen Lebensmittel verkauft.

»Ich dachte, Siedler sterben, wenn sie Außenweltluft atmen«, wunderte sich Brooke.

»Tun sie auch«, erwiderte das andere Mädchen, »aber ich hab gehört, sie soll nur ein halber Maulwurf sein.«

»Es hat sich tatsächlich jemand mit einer Siedlerin gepaart?«

Arias Finger schlossen sich fester um den Löffel. Sie beleidigten ihre Mutter, die nicht mehr lebte, und ihren Vater, den sie nicht kannte. Dann begriff sie plötzlich: Die Tiden würden das Gleiche über sie und Perry sagen, wenn sie die Wahrheit erführen. Sie würden davon sprechen, dass sie sich paarten.

»Perry sagte, sie soll Zeichnungen bekommen.«

»Ein Maulwurf mit einem besonders ausgeprägten Sinn«, lästerte Brooke. »Unglaublich. Was ist sie denn?«

»Eine Horcherin, glaube ich.«

»Das heißt also, sie kann uns hören.«

Gelächter.

Aria biss die Zähne zusammen.

Roar, der die ganze Zeit still neben ihr gesessen hatte, beugte sich zu ihr hinüber. »Hör gut zu«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Jetzt erzähle ich dir mal das Wichtigste, was du wissen musst, während du hier bist.«

Reglos starrte Aria in ihre Eintopfschale, und ihr Herz schlug wie wild gegen ihre Rippen.

»Du darfst auf keinen Fall den Schellfisch essen. Den haben sie viel zu lange gekocht.«

Aria rammte ihm den Ellbogen in die Rippen. »Roar!«

»Ich meine es ernst. Zäh wie Leder.« Roar schaute über den Tisch. »Stimmt’s Old Will?«, wandte er sich an einen grauhaarigen Mann mit schlohweißem Bart.

Obwohl Aria sich bereits monatelang in der Außenwelt aufgehalten hatte, staunte sie noch immer über Falten, Narben und andere Zeichen des Alters. Damals hatte sie sie als abstoßend empfunden. Jetzt lächelte sie fast beim Anblick dieses lederartigen Gesichts. In der Außenwelt trugen Körper ihre Erfahrungen wie Andenken.

Willow, das Mädchen, das Aria bereits kennengelernt hatte, saß neben dem alten Mann. Aria spürte, wie sich ein Gewicht auf ihren Fuß legte, und entdeckte Flea unter dem Tisch.

»Großvater, Roar hat dich was gefragt«, teilte Willow ihm mit.

Der alte Mann spitzte die Ohren und beugte sich zu Roar vor. »Was hast du gesagt, mein Hübscher?«

Roar hob die Stimme und erklärte: »Ich habe Aria gewarnt, dass sie den Schellfisch nicht essen soll.«

Old Will musterte sie, die Lippen zu einem verärgerten Ausdruck zusammengekniffen.