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Examensarbeit aus dem Jahr 2008 im Fachbereich Pädagogik - Berufsbildung, Weiterbildung, Note: 1,0, Universität Lüneburg (Universität Lüneburg), Sprache: Deutsch, Abstract: Für eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist es zunächst erforderlich ein einheitliches Begriffsverständnis von Gewalt und Aggression mit ihren möglichen Erscheinungsformen zu erhalten (Kap. 2). Auf diesem Definitionsverständnis aufbauend werden im Folgenden die Entstehungsursachen diskutiert (Kap. 3). Um einen umfassenden Überblick zu erhalten wird hierzu im Einzelnen auf ausgewählte Erkenntnisse der psychologischen und soziologischen Forschung eingegangen. Anschließend wird betrachtet, welche Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen, insbesondere Berufsschulen auffällig sind (Kap. 4). Da an den Berufs-schulen sowohl Haupt- und Realschulabsolventen als auch Gymnasiasten vertreten sein können, werden neben den Erscheinungen an der Berufsschule ebenfalls Aggressionsformen an den gerade genannten Schulformen in Erwägung gezogen. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird ein mögliches Täter-/Opferprofil erstellt. Des weiteren werden schulische Rahmenbedingungen in Bezug auf Gewalt analysiert. In Kapitel 5 werden die ausgewählten pädagogische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten für die Schule dargestellt und kritisch bewertet. Für einen besseren Überblick werden die Ansätze in die personale und gesellschaftliche Ebene untergliedert. Die Entstehungstheorien werden hierbei kritisch bewertet. Im Anschluss werden zwei gesamtschulische Aggressionsverminderungskonzepte vorgestellt und analysiert. Während in Kapitel 5 die Bedeutung des Sports immer wieder Beachtung findet, wird in Kapitel 6 die Bedeutung des Sportunterrichts für eine Aggressionsverminderung ausdrücklich thematisiert. Hier werden sowohl grundsätzliche Bedingungen als auch Einzelaspekte diskutiert. Das soziale Lernen spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle (Kap. 6.4). Aufgrund der hohen Komplexität des Themas wird der Schwerpunkt auf wesentliche Erscheinungsformen der Aggression an den Schulen gelegt. Besondere Arten der Gewalt wie z.B. Rechtsextremismus und Amokläufe sowie spezielle Formen sexueller Übergriffe werden hier nicht im Detail diskutiert.
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Veröffentlichungsjahr: 2008
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Hausarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für das Lehramt an
Angefertigt im Prüfungsfach: Berufs- und Wirtschaftspädagogik
1 . EX A M E N S A R B E I T
Interventionsmöglichkeiten unter besonderer Berücksichtigung des
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Abkürzungsverzeichnis
AAT Anti-Aggressions-Training AG Arbeitsgemeinschaft BGJ Berufsgrundbildungsjahr BVJ Berufsvorbereitungsjahr ca. Cirka CT Coolness-Training ebd. Ebenda engl. Englisch et al. Et alii (und andere) etc. Et cetera (und die übrigen) f. Folgende ff. Fortfolgende ggf. Gegebenenfalls i.d.R. In der Regel lat. Lateinisch o.g. Oben genannten S. Seite SIT Selbst-Instruktionstraining u. Und u.a. Unter anderem u.ä. Und ähnliche usw. Und so weiter uvm. Und viele mehr vgl. Vergleiche z.B. Zum Beispiel zit. Zitiert
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Gewalt unter Jugendlichen ist in der Medienwelt ein permanent diskutiertes Problem. Neben höchst dramatischen Fällen, wie z.B. die Ereignisse an der Hildesheimer Werner-von-Siemens-Berufsschule (2004), der Berufsbildenden Schule 6 in Hannover (2004), der Berliner Rütli-Hauptschule (2006) usw. erscheinen kontinuierlich weitere Medienberichte über das Gewaltverhalten von Jugendlichen. Allein im vergangen Jahr wurden Titel wie „Feindbild Lehrer“ (Süddeutsche Zeitung, 06.07.07), „Tritte in der Pause, das Opfer kam in die Uni-Klinik“ (Hamburger Abendblatt, 21.02.07) sowie kürzlich „Erste Schulen unter Bewachung“ (Hamburger Abendblatt 10.12.2007) gedruckt.
Hierbei entsteht zunehmend der Eindruck, dass sich eine neue Art von Aggressivität unter Jugendlichen entwickelt hat: „Die kulturellen Schranken der Gewalt verschwinden“ (Süddeutsche Zeitung, 08.05.07), „Sie prügeln, vergewaltigen -und filmen dabei“ (Hamburger Abendblatt, 07.05.2007), „Was hilft gegen Jugendgewalt?“ (Hamburger Abendblatt, 13.11.2007).
Gleichwohl existieren neben diesen dramatischen Medienberichten Untersuchungsergebnisse, die einen gegenläufigen Gewalttrend feststellen konnten (vgl. Fuchs et al. 2005; Knopf et al. 1994 u.a.). Aufgrund dieser Veröffentlichungen drängt sich die Frage auf, wie viel Wahrheitsgehalt in diesen Medienberichten steckt und was tatsächlich in den Schulen passiert. Eltern, Schule und Politik scheinen dem Problem machtlos gegenüber zu stehen und beschuldigen sich gegenseitig.
Tatsache ist, dass dort, wo Menschen miteinander in Interaktion treten auch Konflikt- und Gewaltformen entstehen. Dies gilt sowohl für Zweierbeziehungen, Familien und andere gesellschaftliche Gruppen als auch für Staatengemein-
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schaften. Konfliktsituationen und Gewalt reichen demnach vom privaten Bereich bis hin zur gesellschaftspolitischen Ebene. Aus diesem Grunde umfasst das Thema Gewalt ein unheimlich weites Gebiet, das wegen seiner Komplexität nicht zu erforschen scheint. Dennoch ist diese Thematik nicht zuletzt auch auf-grund der Allgegenwärtigkeit von großer menschlicher Bedeutung.
Die Berufsschule im Allgemeinen verbindet entsprechend ihrer individuellen Struktur verschiedene Schultypen. In der Berufsausbildung sind je nach Ausbildungsberuf (vom Maurer/in bis zum Bankkaufmann/frau) sämtliche soziale Strukturen und Schulabschlüsse vertreten. Es kommen sowohl Haupt- und Realschulabsolventen, als auch Absolventen des Gymnasiums zusammen. Oft liegen weitere Schulstrukturen vor, die einerseits das Fachgymnasium und andererseits die Berufsvorbereitungsjahrgänge (BVJ) bzw. Berufsgrundbildungsjahrgänge (BGJ) einbeziehen. In den letzten beiden Schulformen sind Schüler1vertreten, die noch keinen Schulabschluss absolviert und keinen Ausbildungsplatz in Aussicht haben.
Viele Schüler stehen hier vor einer Perspektivlosigkeit, die ihnen eine große Ungewissheit über ihren künftigen gesellschaftlichen Status vermittelt. Für einige scheint dies ein Grund zu sein, den Schulalltag nicht ernst zu nehmen. Auf-grund eventuell existierender Unsicherheit und Resignation besteht die Gefahr, sich einer mangelnden Arbeitsmoral und Disziplinlosigkeit hinzugeben. Insgesamt kann an Berufsschulen eine Altersspanne von ca. 15-25 Jahren vorliegen. Dies ist eine Phase der Adoleszenz, in der die Jugendlichen oft körperlich erwachsen scheinen, in ihrer psychischen Entwicklung allerdings noch nicht soweit sind. Die hieraus entstehenden Identitätsprobleme können gekoppelt mit bestehender Perspektivlosigkeit Auswirkungen auf das Sozialverhalten haben. Eine der möglichen Folgen äußert sich unter Umständen in einer erhöhten Gewaltbereitschaft.
1Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird der Sammelbegriff „Schüler“ sowohl für männliche Schüler als auch weibliche Schülerinnen verwendet. Ebenso wird mit dem Begriff „Lehrer“ ver- fahren.
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Ich habe meine beiden Schulpraktika an den Hamburger Berufsschulen Schlankreye und Kieler Straße absolviert. Beide Schulen beinhalteten sowohl die Berufsausbildung für kaufmännische Berufe als auch ein Fachgymnasium sowie die Berufsvorbereitungsjahrgänge. Diese beiden Praktika ermöglichten mir einen Einblick in das Verhalten Jugendlicher an Berufsschulen. Ich konnte beobachten, dass das Arbeits- und Sozialverhalten mit abnehmenden Bil-dungsstand merkbar abfiel. Insbesondere in den Klassen des Berufsgrundbildungsjahres konnte ich eine hohe aggressive Stimmung feststellen. Diese äußerte sich unter anderem in mangelndem Arbeitsverhalten, Ausgrenzung von Mitschülern sowie in verbalen-aggressiven Äußerungen Schülern und Lehrern gegenüber. Einige Lehrer waren mäßig motiviert und sahen sich vor der Her-ausforderung, einen fließenden und reibungsfreien Unterricht zu gestalten. Eine positive Verhaltensänderung der Schüler konnte ich beim Auftreten eines bestimmten Lehrers beobachten. Es stellte sich heraus, dass dieser verschiedene Sportarbeitsgemeinschaften leitete. Über den Sport hatte er die Möglichkeit, Kontakt zu den Schülern aufzunehmen und einen respektvollen Umgang zu schaffen. Die von mir gemachten Beobachtungen sind weder wissenschaftlich belegt noch empirisch erforscht.
Diese einleitend diskutierten Problemstellungen in Zusammenhang mit Jugendgewalt zeigen die Brisanz und Aktualität der Thematik. Vor diesem Hintergrund empfinde ich als zukünftiger Handelslehrer die Auseinandersetzung mit diesem Thema in Bezug auf die Schule von großer Bedeutung und unumgänglich. Ein detailliertes Verständnis kann mir in meiner künftigen Tätigkeit helfen, diesem Phänomen nicht machtlos gegenüber zu stehen. Aus diesen Gründen werde ich in dieser Arbeit der Frage nachgehen, in welchem Maße Gewalt an der Berufsschule sowie ihren möglichen Unterformen existiert. Hierzu ist es notwendig, sich mit wesentlichen Entstehungsursachen und Erscheinungsformen ausei-nanderzusetzen.
Als künftige Lehrkraft ist es für mich von primärem Interesse, welche pädagogi- schen Interventionsmöglichkeiten entwickelt und eingesetzt werden können.
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Wichtig ist hierbei, in welchem gesamtschulischen Kontext diese Maßnahmen stehen und welche Auswirkungen diese haben können. In diesem Zusammenhang werden verschiedene Ansätze kritisch diskutiert. Meines Erachtens ist der Sport ein wichtiges Medium, um die Schüler in ihren Bezugsgruppen zu erreichen und sie für aggressive Emotionen zu sensibilisieren. In unserer Gesellschaft wird Sport oft mit Gewalt in Verbindung gebracht. In der Wissenschaft wird unter anderem diskutiert, inwiefern Sport ,nötige’ Aggression erzeugt oder gar fördert oder ob Sport hilft, mit aggressiven Emotionen umzugehen. Aus diesem Grund wird in dieser Arbeit ebenfalls der Frage nachgegangen, inwieweit Sport, insbesondere der Sportunterricht, anstatt Aggressionen zu erzeugen, zur Aggressionsverminderung beitragen kann.
Für eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik ist es zunächst erforderlich ein einheitliches Begriffsverständnis von Gewalt und Aggression mit ihren möglichen Erscheinungsformen zu erhalten (Kap. 2).
Auf diesem Definitionsverständnis aufbauend werden im Folgenden die Entstehungsursachen diskutiert (Kap. 3). Um einen umfassenden Überblick zu erhalten wird hierzu im Einzelnen auf ausgewählte Erkenntnisse der psychologischen und soziologischen Forschung eingegangen.
Anschließend wird betrachtet, welche Erscheinungsformen von Gewalt an Schulen, insbesondere Berufsschulen auffällig sind (Kap. 4). Da an den Berufsschulen sowohl Haupt- und Realschulabsolventen als auch Gymnasiasten vertreten sein können, werden neben den Erscheinungen an der Berufsschule ebenfalls Aggressionsformen an den gerade genannten Schulformen in Erwägung gezogen. Aufgrund dieser Erkenntnisse wird ein mögliches Täter/Opferprofil erstellt. Des weiteren werden schulische Rahmenbedingungen in Bezug auf Gewalt analysiert.
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In Kapitel 5 werden die ausgewählten pädagogische Präventions- und Interventionsmöglichkeiten für die Schule dargestellt und kritisch bewertet. Für einen besseren Überblick werden die Ansätze in die personale und gesellschaftliche Ebene untergliedert. Die Entstehungstheorien werden hierbei kritisch bewertet. Im Anschluss werden zwei gesamtschulische Aggressionsverminderungskonzepte vorgestellt und analysiert.
Während in Kapitel 5 die Bedeutung des Sports immer wieder Beachtung findet, wird in Kapitel 6 die Bedeutung des Sportunterrichts für eine Aggressionsverminderung ausdrücklich thematisiert. Hier werden sowohl grundsätzliche Bedingungen als auch Einzelaspekte diskutiert. Das soziale Lernen spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle (Kap. 6.4).
Aufgrund der hohen Komplexität des Themas wird der Schwerpunkt auf wesentliche Erscheinungsformen der Aggression an den Schulen gelegt. Besondere Arten der Gewalt wie z.B. Rechtsextremismus und Amokläufe sowie spezielle Formen sexueller Übergriffe werden hier nicht im Detail diskutiert.
Weiterführende und ergänzende Nebengedanken zu den bearbeiteten Themengebieten sind in Fußnoten angeführt.
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In der vorherrschenden Fachliteratur existieren eine Vielzahl verschiedener Definitionsansätze. Für die Begrifflichkeiten Aggression sowie Aggressivität und Gewalt herrscht kein einheitlicher Wortgebrauch. Der etymologische Ursprung des Wortes Aggression liegt im lateinischen Wort „aggredi“. Zu deutsch bedeutet dies „etwas angehen“, „sich annähren“ oder „in Angriff nehmen“. Ein Großteil der Definitionen basieret daher auf dem Interpretationsansatz, in dem es sich um eine gerichtete Aktivität in Verbindung mit einem „gesteigerten Ausdruck von Lebensenergie“ (Portmann 2004: 10) handelt. Somit kann unter Aggression zunächst ein vitales Grundvermögen zur Bewältigung des Alltags verstanden werden. Unter diese allgemeine Begriffsbestimmung fallen Tätigkeiten wie „selbstbewusstes Auftreten, Wetteifern, ehrgeiziges Arbeiten, zupackendes Helfen usw.“ (Nolting 2005: 15). Aggression kann somit als Synonym für Aktivität gewählt werden. Folglich besitzt der Begriff sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Um eine genauere Einteilung zu erhalten, verwenden Verres/Sobez folgende Aufteilung (vgl. Verres& Sobez 1980: 33):
Zunächst erfolgt die Gliederung der Aggression im engeren und schließlich im weiteren Sinne. Während die Definition im engeren Sinne eine positive Aktivität
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voraussetzt, schließt die weite Definition an einer destruktiven Handlung an (vgl. Verres & Sobez 1980: 33).
Im Volksmund wird Aggression oft als schädigende Tätigkeit oder Beeinträchtigung gegenüber Menschen oder Gegenständen verstanden (vgl. Verres & Sobez 1980: 34). Auch in der Fachliteratur wird zunehmend mit dieser Form der Interpretation gearbeitet. So bezeichnet Fröhlich-Gildhoff Aggression als „eine zielgerichtete und beabsichtigte körperliche oder verbale Tätigkeit, […] die zu einer psychischen oder physischen Verletzung führt.“ (Fröhlich-Gildhoff 2006: 15). Ferner werden in diesem Zusammenhang drei Ebenen herausgestellt. Es wird zwischen der Motivationalen-, Emotionalen- und der Verhaltensebene unterschieden (vgl. Scheithauer 2003 in: Fröhlich-Gildhoff 2006:15). Die Motivationale Ebene ist geprägt von persönlichen Werten und Normen. Hier entstehen Absichten wie zum Beispiel Feindseligkeit. Die Emotionale Ebene wird von der Gefühlslage des Ausführenden bestimmt. Demnach wird Aggression durch Ärger, Frustration u.ä. erregt. Die Verhaltensebene beschreibt die Unterteilung in direkte, indirekte, verbale oder körperliche Aggression. Die einzelnen Unterformen werden in Kap. 2.1.2 näher betrachtet.
Ein weiteres Verständnis von Aggression wird bei Selg, Mees & Berg folgendermaßen zusammengefasst. Als Aggression wird Verhalten bezeichnet, „bei dem schädigende Reize gegen einen Organismus (oder ein Organismussurrogat) ausgeteilt werden. Dieses Verhalten muss als gerichtet interpretiert werden (vom Wissenschaftler, nicht vom Opfer und nicht vom Täter)“ (Selg et al. 1997: 7). Hieraus können zwei Leitgedanken abgeleitet werden. Zum Einen geht es um dieIntentionder Aggression und zum Anderen um die resultierendeSchädigung.Über diese beiden Merkmale besteht in der Literatur größtenteils Übereinstimmung (vgl. Meier 2003: 19). Nolting ergänzt diese beiden Merkmale um ein drittes, dieNormabweichungbeziehungsweiseUnverhältnismäßigkeit(Nolting 2005:14; Meier 2003: 19). Es gilt demnach herauszufinden, ob eine Normabweichung vorliegt oder nicht. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht immer eindeutig. Beachtet werden muss die Relation zwischen der Handlung und der zugrunde liegenden Situation. So würde eine Schädigung, die aus einer Not-
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wehrsituation heraus entsteht nicht unbedingt als Aggression gewertet werden. Der Angreifende mit seiner offensiven Haltung würde jedoch als aggressiv beurteilt werden (vgl. Nolting 2005: 15f). Ob eine Schädigungsabsicht als Hauptziel vorliegt oder die Schädigung lediglich eine Nebenwirkung darstellt, die bei der durchgeführten Handlung in Kauf genommen wird, ist meist fraglich. Beim ersten Fall ist eine bewusst feindselige Einstellung zu erkennen. Während im zweiten Fall nicht die Schädigung das eigentliche Ziel ist. Diese wird jedoch rücksichtslos als Folge hingenommen. Im Regelfall ist diese für den Handelnden bedeutungslos (vgl. Verres/Sobez 1980: 41). Eine Unterscheidung der beiden Formen kann aus externer Perspektive nur schwer wahrgenommen werden.
An diesen Beispielen wird deutlich, dass eine objektive Beurteilung oft gewissen Grauzonen unterliegt und eine klare Trennung somit nicht immer möglich ist. Aggression als Verhaltenseigenschaft kann von außen nur interpretiert werden. Nach außen wirksame Aggressionen können an verschiedenen Merkmalen festgemacht werden. Aggressives Gedankengut kann jedoch von Betrachtern im Regelfall kaum wahrgenommen werden. Die Tatsache, dass das Ausmaß aggressiven Verhaltens auf „das soziale Urteil des Betrachters“ (Fröhlich-Gildhoff 2006: 15) beruht, beweist die Schwierigkeit eine einheitliche Einteilung zu erhalten. Jedoch liegt es in der Natur psychologischer Begriffe, dass sie durchlässig (permeabel) sind und dynamisch erläutert werden. Sie müssen gegenüber Veränderungen offen sein und Entwicklungen erlauben (vgl. Selg et al. 1997: 3).
Gemäß den vielfältigen Definitionen liegt eine breite Menge von Erscheinungs-formen der Aggression vor. Die Ausprägungen dieser einzelnen Formen unterscheiden sich je nach Einschränkungen in der Begriffsbestimmung. In diesem Kapitel wird ein Überblick über die meistgenannten Erscheinungsformen gege- ben.
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Zunächst können auf der Verhaltensebene typische Aggressionsmuster festgestellt werden, die in vielen Definitionen des Gewaltbegriffes vorgefunden werden. Eine grobe Unterteilung kann in körperliche, verbale, nonverbale und relationale Aggressivität vorgenommen werden (vgl. Nolting 2007: 20).Körperliche Aggressionenkönnen im Regelfall schnell ausgemacht werden (Schlagen, Treten etc.). Alsverbal-aggressivwird zum Einen nach dem Inhalt (Drohen, Hetzen etc.) und zum Anderen auch in Wort und Ton aggressiv (Anschreien, Beschimpfen) unterschieden. Anders erfolgt dienonverbale Aggression,bei der böse Blicke, Drohgebärden u.ä. verwendet werden. In derrelationalen Aggressivitätwerden Personen z.B. ignoriert, ausgegrenzt oder verleumdet.
Eine gängige Unterscheidung der verschiedenen Ausdrucksformen wird in der nachstehenden Tabelle veranschaulicht (vgl. Fröhlich-Gildhoff 2006: 16).
Nolting unternimmt eine Differenzierung nach Motiven der Aggression. Hierzu beruft er sich auf zwei Grundtypen (1.)Affektive Aggressionund (2.)Instrumen-
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telle Aggression(vgl. Nolting 2007: 125). Die Affektive Aggression wird durch Emotionen wie Ärger, Wut und Rachegelüste geschürt und hat im Regelfall eine Schädigung zur Absicht. Bei der Instrumentellen Aggression hingegen steht ein Nutzeffekt im Vordergrund, bei dem die Schädigung u.U. nur als Mittel zum Zweck eingesetzt wird (Erreichung von Anerkennung, Erlangung von Gegenständen etc.). Es dominiert somit entweder der Effekt oder der Affekt (vgl. Nolting 2007: 125). Differenzierungen, die über diese zwei Grundtypen hinausgehen, werden kurz in der folgenden Abbildung dargestellt (vgl. ebd.). In der Praxis treten diese Formen häufig als Mischformen auf.
Während bei Nolting die Intentionen reaktiv und aktiv zugeordnet werden, unternehmen Selg et al. eine Dreiteilung inspontane, reaktiveund Aggressionauf Befehl(vgl. Selg et al. 1997: 15). Eine spontane Reaktion ist dadurch gekennzeichnet, dass von außen kein Anlass erkennbar ist, während bei reaktiver Aggression ein Anlass vorliegt und rekonstruiert werden kann. Bei der Reaktion auf Befehl wird der Anlass über eine weitere Person oder Personengruppe in- struiert.
