Gewalt des Glaubens: Kampf um die Freiheit - Werner Diefenthal - E-Book

Gewalt des Glaubens: Kampf um die Freiheit E-Book

Werner Diefenthal

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Beschreibung

1536 Markus berichtet seinem ehemaligen Lehrmeister und dessen Frau, was ihm und Anna in Münster während des Kampfes der von den Wiedertäufern besetzten Stadt widerfahren ist. Schließlich wird auch der wahre Grund seines Besuchs offensichtlich, denn Anna befindet sich erneut in Lebensgefahr. Vor eine schwierige Entscheidung gestellt entscheidet sich Matthias, seinem früheren Lehrjungen zu helfen und mit ihm gemeinsam den Kampf gegen ihren gemeinsamen Erzfeind aufzunehmen. »Kampf um die Freiheit«, der Abschlussband der Trilogie »Gewalt des Glaubens«, besticht erneut mit geschichtlichem Hintergrund, eingebettet in eine Handlung, welche durch Wendungen und Überraschungen den Leser in Atem hält.

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Buchbeschreibung:
Über die Autoren:
Unsere Coverdesignerin:
Impressum
Vorwort
Danksagung
Prolog
Gutshof von Marie und Matthias, August 1536
Erster Teil
Nürnberg, Juli 1532
Regensburg, 27. Juli 1532
Münster, Dezember 1532
Ravensburg, März 1533
Münster, März 1533
Zweiter Teil
Vor den Toren Münsters, August 1533
Münster, August 1533
Wittenberg, August 1533
Vor den Toren Münsters, August 1533
Münster, September 1533
Vor den Toren Münsters, Oktober 1533
Münster, Oktober 1533
Außerhalb von Münster, Weihnachten 1533
Im Gauklerlager, Neujahr 1534
Münster, Januar 1534
Außerhalb von Münster, Januar 1534
Münster, Januar 1534
Vor den Toren Münsters, Februar 1534
Münster, Februar 1534
Im Lager des Bischofs, Februar 1534
Münster, Februar 1534
Vor den Toren Münsters, Februar 1534
Münster, Februar 1534
Außerhalb von Münster, Februar 1534
Münster, Februar 1534
Vor den Toren Münsters, Februar 1534
Münster, Februar 1534
Münster, April 1534
Vor den Toren Münsters, April 1534
Münster, April 1534
Außerhalb von Münster, April 1534
Münster, April 1534
Münster, Mai 1534
Münster, August 1534
Münster, 31. August 1534
Münster, 1. September 1534
Gutshof von Marie und Matthias, August 1536
Dritter Teil
Rom, Dezember 1535
Wittenberg, kurz vor Weihnachten 1535
Vierter Teil
Gutshof von Marie und Matthias, August 1536
Nördlich von Rothenburg, August 1536
Südlich von Rothenburg, August 1536
Rothenburg, August 1536
Gutshof von Marie und Matthias, August 1536
Im Wald unweit des Gutes, August 1536
Rothenburg, August 1536
Gutshof von Marie und Matthias, August 1536
Rothenburg, August 1536
Epilog
Rothenburg, Oktober 1536
Vorschau
Irische See, 30 Seemeilen vor Cork, Oktober 1652

Gewalt des Glaubens

Dritter Teil:

Kampf um die Freiheit

Von Martina Noble / Werner Diefenthal

Buchbeschreibung:

In Münster geraten Anna und Markus in Lebensgefahr, als sie in einen Glaubenskrieg hineingezogen werden. Auch ein alter Feind trachtet ihnen weiterhin nach dem Leben. Gemeinsam nehmen sie den Kampf auf, doch Anna hütet ein Geheimnis, das am Ende alles zerstören könnte.

Über die Autoren:

Martina Noble:

Geboren 1979 in Mainz, liebt sie seit frühester Kindheit, Geschichten zu erzählen und zu schreiben. Seit 2014 schreibt sie gemeinsam mit Werner Diefenthal und hat mehrere Bücher mit ihm veröffentlicht.

Werner Diefenthal:

Geboren 1963 im Rheinland, schreibt seit mehreren Jahren und veröffentlichte 2010 seinen ersten Roman. Seit 2014 hat er mit Martina Noble eine Schreibpartnerin, mit der er gemeinsam mehrere Romane veröffentlicht hat.

Unsere Coverdesignerin:

Sandra Limberg:

Geboren 1982, Gesichterzauberin und kreativer Kopf. Gehört fest zum Team und erstaunt die Autoren immer wieder mit ihren Ideen und den Covern. Hauptinitiator des Großprojektes »Nebelreise«.

Impressum

c/o

Papyrus Autoren-Club,

R.O.M. Logicware GmbH

Pettenkoferstr. 16-18

10247 Berlin.

Telefon: +49 1752672918

[email protected]

www.trio-ars-sistendi.com / www.martina-noble.com / www.wdiefenthal.de / http://sollena-photography.de/

Titelbild und Covergestaltung:

Sandra Limberg

http://www.sollena-photography.de

Titelmodels:

Cindy Schmidt

http://www.facebook.com/cinnamonmodel/

Tim Damen

https://www.instagram.com/timbo_td/

Unsere Models wurden eingekleidet von:

Andrea Fahrbach

Gewandfantasien

www.gewandfantasien.de

Logo- und Webseitengestaltung für Werner Diefenthal:

monikakloeppelt – agentur für werbung, marketing & pr

http://monikakloeppelt.jimdo.com

Jeglicher Nachdruck, auch auszugsweise, bedarf der vorherigen Zustimmung durch die Autoren.

Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden, ebenso die Personen mit Ausnahme der historisch verbrieften. Jegliche Ähnlichkeit darüber hinaus mit lebenden oder verstorbenen Personen oder möglichen wahren Begebenheiten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Printed in Germany

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

[email protected]

www.trio-ars-sistendi.com / www.martina-noble.com / www.wdiefenthal.de / http://sollena-photography.de/

Vorwort

Mit »Kampf für die Freiheit« schließen wir die Trilogie rund um Markus und Anna ab. Ich hoffe, ihr hattet beim Lesen so viel Freude wie wir beim Schreiben.

Als wir uns im Vorfeld Gedanken zur Handlung gemacht haben, war uns klar, dass es nicht so einfach werden würde. Schließlich wollten wir ja, wie bereits bei »Im Schatten des Todes« wieder einen realen geschichtlichen Hintergrund als Rahmen mit einbauen. Bei unseren Recherchen zu Themen der Zeit stolperten wir dabei über das Thema der Wiedertäufer, das uns zunächst einmal überhaupt nichts sagte.

Doch je tiefer wir uns eingearbeitet haben, desto mehr kam uns zu Bewusstsein, dass diese Thematik erschreckende Parallelen zu Ereignissen aufweist, die sich in den letzten Jahren zugetragen haben.

Einige, nennen wir sie Fanatiker, nahmen für sich in Anspruch, die Worte des Allmächtigen als Einzige richtig zu deuten und versuchten, ein neues Reich Gottes zu erschaffen. Das passte wiederum denen nicht, die dieses Recht für sich selber in Anspruch nahmen. Und so kam es, wie es kommen musste: Krieg, Mord, Elend.

In diesen Rahmen haben wir unsere Protagonisten gesetzt und ihre Schicksale mit den geschichtlichen Ereignissen verknüpft. Es ist der Dramaturgie geschuldet, dass wir manches dabei zeitlich gerafft haben. Ich hoffe, die Historiker unter euch verzeihen uns dies.

Wir haben uns bemüht, so weit es möglich war, an die Fakten zu halten und auch die historisch verbrieften Persönlichkeiten so gut wie möglich zu beschreiben. Jeder, der sich mit geschichtlichen Recherchen befasst, weiß, wie schwierig es sein kann, verlässliche Quellen zu finden.

In unserem Fall waren diese teilweise widersprüchlich und auch unvollständig.

Tatsache ist, dass man versucht hat, in Münster ein neues Gottesreich zu errichten, welches dann in Strömen von Blut unterging. Alle Gespräche, die wir die Personen führen lassen, sind frei erfunden. Auch unsere Protagonisten sind eine reine Ausgeburt unserer Fantasie. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dies gilt ganz besonders für die Figur des Inquisitors Ferdinand von Ravensburg. Er steht stellvertretend für alle Inquisitoren, die jemals irgendwann irgendwo auf der Welt ihr Unwesen getrieben haben.

Auch sind Charakterzüge der historischen Personen, die auftreten, vielleicht nicht immer zutreffend. Wir haben uns bemüht, sie so darzustellen, wie es die Quellen beschreiben. Es ist nur leider schwierig, noch lebende Zeitzeugen zu finden.

Wie dem auch sei, wir hoffen, ihr habt auch an diesem Band Vergnügen und dass ihr uns weiter empfehlt und treu bleibt.

Werner, Martina & Sandra

Danksagung

Die darf natürlich auch nicht fehlen. Ich habe von einer Leserin dazu folgendes Feedback erhalten:

»Es ist mir egal, wo die Danksagung steht, die lese ich immer als Erstes, weil ich die immer interessant finde.«

Danke, Carmen.

Vielleicht hat es der ein oder andere schon mitbekommen: Aus dem Duo ist mittlerweile ein Trio geworden. Unsere Gesichterzauberfee und Coverkünstlerin Sandra Limberg ist jetzt ein fester Bestandteil der Truppe. Daher rührt auch unser neuer Name: Trio Ars Sistendi (Die Kunst des Darstellens) Und da sind große Dinge in Arbeit.

Doch erstmal wieder »Danke Sandra« für all die tollen Cover, für deine Geduld, deine Zeit und dein Vertrauen.

Weiterhin auch »Danke« an Cindy und Tim, unsere Anna und unser Markus.

Ein riesiges Dankeschön auch an Andrea Fahrbach von Gewandfantasien, die uns mit den passenden Outfits versorgt hat, sowie an die evangelische Kirchengemeinde Oppenheim, dass wir in ihrer wunderschönen Kirche fotografieren durften.

Ansonsten: Danke an alle Neider und Zweifler, die uns letztlich nur darin bestärken, weiterzumachen. Neid muss man sich eben erarbeiten.

Prolog

Gutshof von Marie und Matthias, August 1536

Markus zuckte zusammen. War da nicht ein Geräusch in der Dunkelheit gewesen? Langsam streckte er sich nach seinem Schwert, das wie immer griffbereit neben ihm lag. Aber eine Hand legte sich auf seinen Arm.

»Sachte, ich bin es, Matthias«, erklang eine ruhige Stimme.

Markus fuhr hoch.

»Ist etwas geschehen?«

»Ich brauche Max«, entgegnete sein früherer Lehrmeister.

»Er liegt da hinten, neben den Pferden.«

Matthias tappte im Halbdunkel zu dem Hünen, schüttelte ihn.

»Max, ich brauche deine Hilfe.«

»Was los?«, brummelte dieser noch im Halbschlaf.

»Eine Stute fohlt, aber es will nicht kommen.«

Im Nu war Max hellwach. Wenn es etwas gab, auf das er sich verstand, dann waren es Pferde. Er sprang buchstäblich auf.

»Wo ist Mama Pferd?«

»Komm mit.«

Markus folgte den beiden in einen anderen Stall. Schon vor dem Tor hörte er die heiseren Schmerzensschreie des Tieres. Da stimmte etwas nicht, das war ihm sofort klar. Pferde blieben bei der Geburt völlig stumm.

Max ging zu dem Pferd hinüber, das mit Schaum vor dem Maul und zitternden Beinen im Stroh lag. Behutsam legte er ihm eine Hand auf die bebenden Nüstern.

»Ruhig, Mama Pferd, ganz ruhig. Lass Max sehen, was mit kleinem Pferd ist.«

Das Tier beruhigte sich unter den streichelnden Händen und dem sonoren Klang der Stimme ein wenig, stieß ein heiseres Wiehern aus. Max’ Hände tasteten langsam über den Hals, weiter zu dem aufgetriebenen Leib. Matthias und Marie, die mit verquollenen Augen daneben stand, staunten, welche Sanftheit dieser Riese an den Tag legte.

»Alles Gut, Mama Pferd. Max holt dein kleines Pferdchen, kann ja nich in Bauch bleiben. Muss auf Erde.« Er sah zu Markus und Matthias. »Ihr müsst Pferd vorne halten, darf sich nicht stellen! Wenn sich Pferd hinstellt, Kind und Mama sterben! Marie, ich brauche deine Hilfe!«

Wenn Max auch sonst sehr zurückhaltend war, so klang seine Stimme in diesem Moment befehlsgewohnt. Er schien genau zu wissen, was er zu tun hatte. Markus hatte ihn schon häufiger dabei beobachtet, wie er Stuten dabei geholfen hatte, ihre Fohlen auf die Welt zu bringen, und wusste ungefähr, was er machen musste. Er bedeutete Matthias, wie er zuzufassen hatte, und kniete sich in seine Position.

Max zeigte derweil Marie, was sie zu tun hatte.

»Immer nach hinten streicheln, immer über den Bauch.« Er nahm ihre Hände, führte sie, bis Marie alleine den Rhythmus gefunden hatte, dann kniete er sich hinter das Pferd. Mit einer Sanftheit, die man dem grobschlächtigen Kerl nicht zugetraut hätte, führte er seine Hand in den Geburtskanal.

»Ich kann Beine fühlen«, sagte er leise.

Matthias war verwundert, dass die Stute jetzt stillhielt. Bei seinen Versuchen, an sie heranzukommen, hatte sie wie wild ausgekeilt, während sie jetzt nur noch mit den Augen rollte und leise schnaubte.

»Gleich, Mama Pferd. Max tut nicht weh dem Kind!« Er zog ein wenig, das Pferd gab ein heiseres Wiehern von sich, dann ein kurzer Ruck, und das Fohlen glitt aus der hellen Stute heraus. »Könnt Mama loslassen«, brummelte der Riese zufrieden. Die Stute drehte sich zu ihrem Fohlen, schnaubte und stupste es an. Mit großen Augen sah sie dankbar zu Max, der nur vor sich hin grinste. Marie umarmte ihn.

»Du bist ein echter Held, weißt du das?«

Max wurde über und über Rot.

»Nur gut mit Pferden kann«, murmelte er leise.

Es dauerte eine Weile, dann erhob sich die Stute, die Nabelschnur riss und sie leckte ihr Kleines sanft ab.

»Fohlen jetzt auch aufstehen muss!«, befand Max. Er kniete sich neben das Neugeborene, neugierig beäugt von der Mutter. »Komm, Kleines, auf die Beine!«

Sanft half er dem Fohlen auf, das sich sofort mit noch leicht wackeligen Beinen zu seiner Mutter begab, welche wieder leise schnaubte und ihr Kleines säugte. Max nickte zufrieden.

»Alles gut! Kind und Mama gesund, wird starkes Pferd!«

Marie weinte vor Glück. Es setzte ihr entsetzlich zu, wenn eines ihrer Tiere litt, auch noch nach all den Jahren, in denen sie den Hof führten.

»Ich habe gedacht, wir verlieren sie«, sagte sie zu Markus. »Aber Max ist wirklich jemand, der sich auf Pferde versteht.«

»Das kannst du laut sagen«, erwiderte der junge Soldat schmunzelnd. »Hauptmann von Waldow sagt immer, er hat noch nie einen besseren Pferdekenner gesehen. Jedes Tier wird in seinen Händen lammfromm. Er sieht hin und weiß, was ihm fehlt, wenn es krank ist. Und er hat wohl mehr Fohlen auf die Erde geholt, als ich zählen kann.«

»Max hat Hunger«, kam es aus dem Mund des grinsenden Hünen. Das war seine Art, mit Lob umzugehen.

»Ich mache Frühstück«, lachte Marie, ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Und dann müsst ihr erzählen, was euch noch widerfahren ist. Heute wird nicht gearbeitet, es wird Regen geben. Also, ab mit euch, wascht euch. Die Kinder gehen zu einem unserer Pächter, also haben wir Zeit und Ruhe.«

Gehorsam zogen die Männer los und wuschen sich. Nach einem mehr als ausführlichen Frühstück und nachdem Marie die Kinder zum Spielen abgegeben hatte, sah Markus erst lange aus dem Fenster.

»Ihr fragt euch sicher, warum wir hergekommen sind. Es ist nicht nur, weil wir euch wiedersehen wollten. Das, was jetzt kommt, ist für mich der schwerste Teil der Geschichte. Aber ich hoffe, dass sie doch noch gut ausgeht.«

Matthias sah ihn ernst an.

»Dass du uns nicht nur aus Höflichkeit besuchst, war mir sofort klar. Und jetzt spann uns nicht länger auf die Folter.«

Markus nickte und begann.

Erster Teil

Nürnberg, Juli 1532

Markus stand neben Hauptmann von Waldow im Verhandlungssaal direkt hinter dem Stuhl Kaiser Karls V. Man hatte sie von Schmalkalden abberufen, um für seine Sicherheit zu sorgen. Der Kaiser steckte in zähen Verhandlungen mit den Vertretern des Schmalkaldener Bundes.

»Der Kaiser und der Bund«, hatte von Waldow gesagt, »in einem Raum. Das ist ungefähr so, als wenn man sich in einen Zwinger begibt, in dem es vor ausgehungerten Wölfen wimmelt.« Nach einem kurzen Seitenblick auf Bandit lächelte er. »Ich hoffe, du nimmst mir das nicht krumm«, zwinkerte er dem Wolf zu. »Aber leider darfst du nicht mit hinein.«

Markus hatte zunächst nicht begriffen, worum es ging, als man sie von Schmalkalden aus nach Nürnberg in Marsch gesetzt hatte. Sein Hauptmann hatte es ihm erklärt.

»Sieh, Markus, das ist Politik. Die Osmanen haben sich einige Gefechte mit Kaiser Karls Truppen geliefert. Sie sind wieder recht stark geworden und sitzen in Ungarn. Der Kaiser befürchtet, dass sie sich wieder Richtung Wien aufmachen, und das möchte keiner von uns.«

Markus hatte genickt. Nur zu gut war ihm die Zeit im belagerten Wien im Gedächtnis geblieben.

»Das wäre eine Katastrophe.«

»Und zwar eine gewaltige. Nun hat Kaiser Karl das Problem, dass er auf der einen Seite die Osmanen hat, die ihm im Magen liegen, und auf der anderen Seite das Bündnis, von dem man nicht weiß, ob seine Mitglieder die Gelegenheit nutzen, wenn Karl seine Heere gegen die Osmanen schickt. Einen Krieg an zwei Fronten kann der Kaiser nicht führen. Es fällt ihm schon schwer, genug Männer für einen Feldzug gegen die Osmanen zu finden. Also muss er versuchen, wenigstens für die Zeit, die er braucht, um die Osmanen zurückzudrängen, im Reich Frieden zu schaffen.« Er machte eine kurze Pause. »Und die Krone Ungarns hat er dabei mit Sicherheit auch im Blick.«

Das hatte Markus verstanden. Nicht auszudenken, wenn auf einmal im Reich selber das Bündnis mit Waffengewalt gegen die weitgehend ungeschützten katholischen Städte zöge.

Er dachte kurz an Schmalkalden und den bitterkalten Winter zurück. Nach dem misslungenen Entführungsversuch Steffan Rabensteiner zu Döhlaus hatte er von ihm und Ferdinand von Ravensburg nichts mehr gesehen oder gehört. Dieser war seltsamerweise nur wenige Tage nach dem Vorfall abgereist. Gerüchten zufolge war er wieder zurück nach Ravensburg gezogen, aber genaues wusste Markus nicht. Im Grunde genommen wollte er es auch nicht wissen.

Seit Tagen wurde bereits verhandelt. Zunächst war es darum gegangen, ob und wie viele Soldaten jedes der Lager mit in den Saal nehmen durfte. Von Waldow hatte sich am Ende durchsetzen können, dass er gemeinsam mit Markus, von Gaisberg, Georg Bachmüller und Fritz Astheimer die persönliche Bewachung des Kaisers übernehmen würde. Man traute ihnen eine gewisse Neutralität zu, die man der persönlichen Leibwache des Kaisers absprach.

Die Gespräche ermüdeten Markus, aber von Waldow hatte ihm eingeschärft, dass er keinen Moment unaufmerksam sein durfte.

»Auch bei solchen Aufträgen musst du für deine Männer ein Vorbild sein. Gähnst du, werden auch sie gähnen. Schläfst du ein, ist die Katastrophe schon passiert. Mir ist klar, dass du nicht alles verstehst, was vor sich geht. Mir geht es nicht anders. Trotzdem musst du stets alles im Auge behalten. Man weiß nie, ob sich nicht irgendwo ein Attentäter verbirgt.«

Immer wieder rief der junge Soldat sich diese Worte in Erinnerung, sah von einem zum anderen, achtete auf jede Bewegung, vor allem von den Soldaten, die auf der anderen Seite standen. Seine Hand ruhte unablässig auf dem Schwertgriff, bereit, sofort den Kaiser mit seinem eigenen Leben zu verteidigen. Dieser sah noch kranker aus als sonst. Sein Gesicht war schneeweiß, die Lippen blutleer. Es schien ihm große Mühe zu bereiten, seine wahren Gedanken über die Lutheraner für sich zu behalten, aber es blieb ihm keine Wahl. Und das wusste er.

Markus kniff die Augen zusammen, als die Verhandlungspartner sich erhoben. Mit einer mehr als nur angedeuteten Verbeugung verließen die Mitglieder des Bundes den Saal, nachdem man den Beratern des Kaisers ein Dokument ausgehändigt hatte. Endlich konnte Markus sich etwas entspannen.

Der Kaiser las das Dokument, knirschte mit den Zähnen. Notgedrungen musste er einem Kompromiss zustimmen, der ihn in arge seelische Bedrängnis brachte.

»Und Ihr seid Euch sicher, dass es der einzige Weg ist?«, fragte Karl leise seine Berater, die ihm den Vertragsentwurf vorlegten.

In diesem waren die Ergebnisse der Verhandlung festgeschrieben. Sie besagten, dass der Kaiser und die Protestanten eine gegenseitige Rechts– und Friedensgarantie abgaben und die protestantischen Reichsstände in den Reichslandsfrieden aufgenommen wurden. Mit diesem Vertrag wurde das Wormser Edikt aus dem Jahr 1521, in dem Luther und die Protestanten unter die Reichsacht fielen, aufgehoben. Somit würde ihnen die Ausübung ihrer Religion ohne Repressalien ermöglicht.

Der Vorteil war, dass Karl sich dadurch die Zeit erkaufen konnte, um sich mit den Türken zu befassen, und keine Sorgen um einen möglichen Konflikt im Reich machen musste. Einer der Berater beugte sich zum Kaiser herüber.

»Hoheit, die Optionen, die wir haben, sind äußerst beschränkt. Ihr wisst, wendet Ihr Euch gegen die Osmanen, so kann es hinter Eurem Rücken dazu führen, dass das Bündnis die Gelegenheit ergreift und die Reformation mit dem Schwert weiter ausgebreitet wird.«

Karl sah zur Decke des Saales. Das war ein Albtraum. Es würde einen Krieg an zwei Fronten bedeuten, den er weder personell noch finanziell in der Lage war zu führen. Er saß buchstäblich in der Falle.

»Was wird der Papst dazu sagen?«, murmelte er leise.

»Hoheit, verzeiht, aber Ihr müsst Euch entscheiden. Mit Sicherheit wird der Heilige Vater nicht sehr erbaut sein, um es vorsichtig auszudrücken. Doch er ist nicht an Eurer Stelle. Würde er Euch mit finanziellen Mitteln helfen, nun, dann könnte man vielleicht ein weiteres Heer unterhalten, das die Gefahr hier im Reichsgebiet beenden könnte. Aber so …«

Karl nickte erneut.

»Nun denn, lasst die Abgesandten wissen, dass wir diesen Vertrag unterzeichnen werden.«

Er erhob sich und ließ sich von Markus und Hauptmann von Waldow in seine Gemächer begleiten. Am nächsten Tag unterzeichnete man den Vertrag, der allgemein als ›Nürnberger Anstand‹ bezeichnet wurde.

Als der Kaiser Nürnberg verlassen hatte, atmete von Waldow auf.

»Das ist ja noch einmal gut gegangen. Du hast gute Arbeit geleistet, Markus.«

»Danke, Hauptmann. Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich in der Stadt umsehe?«

Von Waldow grinste.

»Umsehen? So nennst du das?« Ihm war klar, dass der junge Mann seine Schritte zu einer der Huren lenken würde und konnte es ihm nicht verdenken. »So lange du und das, was du dir ›ansehen‹ willst, heil bleiben, habe ich nichts dagegen.«

Markus lächelte. Er hatte gehört, dass auf der anderen Seite der Stadt ein Gauklerlager sein sollte und hoffte, dass es Silvanus war und er Anna sehen konnte. Aber zwei Stunden später kam er enttäuscht zurück. Es waren fremde Fahrensleute gewesen und sie hatten auch nichts von Silvanus und seiner Truppe gehört oder gesehen. Das Angebot einer hübschen Hure hatte er jedoch nicht abgelehnt und sich so zumindest etwas entspannen können.

Als er im Lager seiner Einheit ankam, wartete bereits von Gaisberg auf ihn und grinste ihm entgegen.

»Ausgevögelt?«, lächelte er. »Dann komm, der Hauptmann will dich sehen. Er hat Besuch und will, dass du dabei bist.«

»Besuch? Wer denn?«

»Was weiß ich, sieht aus wie ein Bischof.« Er legte den Kopf schief. »Du scheinst es ja mit diesen Eminenzen zu haben.«

Er spielte damit auf das freundliche Verhältnis von Markus auf Konrad von Thüngen, dem Erzbischof von Würzburg an. Markus grinste.

»Na, wenn mir das hilft, in den Himmel zu kommen … so oft wie ich sonst sündige können gute Beziehungen nicht schaden!«

Etwas später saß er mit seinem Vorgesetzten und Bischof Franz von Waldeck zusammen. Der Geistliche hatte Markus lange angesehen.

»Du bist also Markus«, hatte er mit leiser Stimme gesagt. »Konrad von Thüngen hat mir von dir erzählt. Er meinte, du wärest, trotz deiner Jugend, sehr weise.«

»Ihr schmeichelt mir, Eure Eminenz. Ich bin nur ein einfacher Soldat.«

Von Waldeck lächelte.

»Auch, dass du sehr bescheiden bist, hat er mir berichtet. Aber genug geplappert, wir haben wichtige Dinge zu bereden.«

Sie setzten sich an einen Tisch. Der Geistliche legte seine Hände zusammen.

»Als ich Konrad von Thüngen um Rat bat, hat er mir gesagt, ich solle mich an Euch«, er blickte Hauptmann von Waldow an, »wenden und an dich.« Ein kurzer Blick zu Markus folgte. »Er meinte, Eure Truppe wäre eine der besten, die er kennt. Nun, die ganze Angelegenheit ist, um es gelinde auszudrücken, sehr problematisch.« Er wandte sich direkt an den Hauptmann. »Sagt mir, habt Ihr die Namen Bernd Rothmann oder Jan Matthys schon einmal gehört?«

»Die Namen sind mir bekannt«, erwiderte von Waldow. »Sind das nicht Wiedertäufer?«

»In der Tat, das sind sie. Ihre Auffassung der Taufe ist in den Augen der katholischen Kirche nichts anderes als Ketzerei. Und, so weit ich weiß, ist auch Martin Luther kein Freund dieser Sekte.«

»Entschuldigt, Eminenz, aber was genau sind diese Wiedertäufer?«

Markus konnte nicht anders, er musste diese Frage stellen, hatte er doch bisher noch nie etwas davon gehört.

»Diese Anabaptisten legen das Neue Testament für sich so aus, dass sie zum Beispiel den Staat und die Kirche trennen wollen. Das alleine ist schon absurd! Doch noch schlimmer ist es, dass sie für die Taufe ein aktives, also selber abgelegtes, und persönliches Glaubensbekenntnis voraussetzen.«

Markus dachte kurz nach.

»Also taufen sie keine Säuglinge?«

»So ist es. Ein von den Eltern abgelegtes Bekenntnis lehnen sie ab. Was das heißt, kannst du dir bestimmt denken, oder?«

Der junge Mann nickte. Ein nicht getauftes Kind, das starb, würde niemals in den Himmel kommen, so hatte er es verstanden.

»Und wer ist dieser Matthys?«

Markus sah den Bischof neugierig an. Der seufzte.

»Wir wissen nicht viel über ihn, aber es scheint, als ob er sich als Anführer der Wiedertäufer fühlt. So weit wir in Erfahrung bringen konnten, stammt er aus Amsterdam. Er ist ein glühender Verfechter dieser Abscheulichkeit, die er als ›den wahren Glauben‹ tituliert. Nicht genug, er nennt seine Prediger ›Apostel‹ und verhöhnt damit unseren Erlöser. Es heißt, er lehnt die Verbreitung seiner Lehre alleine durch Worte ab und wird auch nicht davor zurückschrecken, seine Überzeugung mit Feuer und Schwert zu verbreiten. Und nur Gott alleine weiß, wie viele Tote es dann geben wird.«

Markus nickte. Er hatte verstanden.

»Aber was hat das mit uns zu tun, Eminenz?«, fragte jetzt von Waldow.

»Dazu komme ich gleich, lieber Hauptmann. In Münster lebt Bernd Rothmann, einer der schlimmsten Anabaptisten. Die Handwerkergilden unterstützen ihn. Und diese Gilden sind sehr, sehr mächtig!« Er seufzte. »Wir haben diesen Rothmann bereits mit einem Predigtverbot belegt und ihn auch des Landes verwiesen. Aber«, er hob die Arme, ließ sie wieder sinken, »bisher konnten wir es nicht durchsetzen. Im Gegenteil, dieser Rothmann ist stärker denn je. Seine Anhänger schützen ihn.«

Von Waldow kratzte sich am Kopf.

»Sagt, Eure Eminenz, hat das am Ende nicht auch damit zu tun, dass Münster eigentlich zur Zeit keinen Bischof hat?«

Von Waldeck zuckte zusammen.

»Ich sehe, Ihr seid mehr als gut informiert. Es stimmt, ich bin noch nicht der eingesetzte Bischof, aber ich bin zuversichtlich, es in absehbarer Zeit zu werden.«

Der Hauptmann zog die Augenbrauen hoch. Er hatte von den Streitigkeiten um den Bischofssitz gehört, als er am Vorabend mit einem der Hauptleute des Kaisers zu Abend gegessen hatte. Er war allerdings der Meinung gewesen, es ginge ihn nichts an. Jetzt wurde er allerdings eines Besseren belehrt.

»Ich gehe davon aus, dass Ihr nicht gekommen seid, um Hilfe zu erbitten.«

»Ihr habt wieder Recht.« Er reichte von Waldow ein gesiegeltes Dokument, das er aus der Tasche seiner Robe zog. »Lest selber.«

Der Hauptmann brach das Siegel und las. Es war eine Order, sich mit von Waldeck nach Münster zu begeben und für Ordnung zu sorgen, nötigenfalls auch mit Gewalt. Bernd Rothmann war zu ergreifen und außer Landes zu schaffen. Er sah Markus an und las ihm das Dokument vor. Als er geendet hatte, blickte er wieder zu von Waldeck.

»Ihr erwähntet noch Jan Matthys. Ist er ebenfalls in Münster?«

»Nicht, dass ich wüsste«, erhielt er zur Antwort. »Aber es gibt Gerüchte, nach denen er sich in die Stadt begeben will.«

»Hoffen wir, dass es bei den Gerüchten bleibt.« Er erhob sich. »Eminenz, wir stehen Euch zur Verfügung. Aber wir brauchen noch zwei oder drei Tage, bis wir abmarschbereit sind. Es ist ein weiter Weg nach Münster, da müssen wir uns vorbereiten, vor allem, was Proviant und Waffen betrifft. Wir wollen nicht ins offene Messer laufen.« Er wandte sich an Markus. »Du gehst gleich los und siehst nach den Pferden. Ich muss wissen, ob sie alle gesund sind. Und bereite Max darauf vor, dass es ein harter Marsch wird, vor allem für die Tiere. Er weiß dann, was zu tun ist.«

Markus erhob sich. Von Waldeck stand ebenfalls auf und reichte ihm die Hand.

»Du hast nicht sehr viel gesagt, aber an deinen Augen sehe ich, dass du begriffen hast, worum es geht.«

Als der junge Soldat gegangen war, stützte sich von Waldow auf dem Tisch ab.

»Also, Eure Eminenz, ich wollte das jetzt nicht vor einem Untergebenen mit Euch diskutieren, auch wenn Markus schon beinahe mein Vertreter ist. Aber ich sage Euch offen: Diese Sache schmeckt mir nicht! Gerade eben hat der Kaiser einen Vertrag ausgehandelt, der den Frieden im Reich sicherstellt, und jetzt kommt Ihr und ich soll möglicherweise in den Kampf ziehen.« Er hob die rechte Hand, als von Waldeck etwas erwidern wollte. »Ja, ich weiß, es geht nicht gegen den Bund oder die Lutheraner an sich. Doch mit etwas bösem Willen kann man daraus eine Kriegshandlung konstruieren, die mich den Kopf kosten kann. Ist Euch das klar?«

Von Waldeck schluckte, dann nickte er.

»Ja, Hauptmann. Das ist mir klar, aber es war weder Konrad von Thüngen noch mir bewusst, dass ein solcher Vertrag geschlossen werden könnte. Und die Gefahr, dass die Lutheraner sich dadurch erheben, ist gering, da Martin Luther die Wiedertäufer ebenfalls ablehnt. Nicht nur das, wenn man dem, was uns zugetragen wurde, Glauben schenken darf, dann ist er sogar der Meinung, dass man diese Ketzer allesamt auf den Scheiterhaufen stellen sollte. Und sein Wort hat einiges Gewicht. Ich bin allerdings der Auffassung, das es genügen sollte, der Schlange den Kopf abzuschlagen. Und wir dürfen auf keinen Fall Märtyrer aus ihnen machen.«

»Da habt Ihr nicht ganz unrecht. Nun, ich habe meine Befehle. Diese werde ich befolgen. Doch seid gewiss, dass ich nicht gegen die Menschen in Münster die Waffen erheben werden, so lange sie uns nicht direkt angreifen. Es ist eine heikle Mission. Ich werde das auch so meinen Männern mitteilen. Ich denke, ich habe mich klar ausgedrückt.«

»Das habt Ihr, Hauptmann. Ich danke Euch für die offenen Worte.«

»Dankt mir, wenn wir diese Angelegenheit heil überstanden haben.«

Regensburg, 27. Juli 1532

Ferndinand von Ravensburg hätte vor Freude am liebsten laut gejubelt. In seiner Hand hielt er ein Dokument, las es immer und immer wieder.

»Endlich! Danke, Herr, dass du in deiner unendlichen Weisheit die Herzen derer erleuchtet hast, die hier getagt haben.« Er erhob sich von seinem Schreibtisch. »STEFFAN!«, rief er in den Flur.

Der Gerufene erschien auf der Stelle aus einem anderen Raum, in dem er über Verhörprotokollen brütete. Es gab wenig zu tun in Regensburg, das machte ihm zu schaffen. Aber treu erledigte er seine Arbeit, immer auf der Suche nach einer Hexe.

»Eminenz?«, fragte er leise.

»Ich möchte, dass du uns etwas Wein besorgst, aber nicht dieses verdünnte Traubenwasser! Es gibt etwas zu feiern! Spute dich. Bald schon werden wir diese Stadt verlassen und endlich auf Hexenjagd gehen können.«

Steffan wollte eine Frage stellen, doch nach einem Blick auf den Inquisitor lief er zum nächsten Wirtshaus und erstand einen Krug vom besten Wein. Wieder zurück, hielt ihm von Ravensburg das Dokument hin. Er las es und schluckte.

»Constitutio Criminalis Carolina. Was bedeutet das, Eminenz?«

»Das, mein junger Freund, heißt, dass es eine einheitliche Gesetzgebung im Reich gibt. Wenn jemand angeklagt wird, egal, ob es hier oder in Würzburg geschieht, gelten überall die gleichen Richtlinien. Und es wird überall das gleiche Urteil geben. Es gibt keine unterschiedlichen Auffassungen mehr!«

»Aber was bedeutet das für uns?«

»Mein lieber Steffan, mir ist entfallen, dass du leider nicht so gebildet bist. Es bedeutet, dass die peinliche Befragung jetzt festgeschrieben wurde. Fehlen Beweise oder ein Geständnis, darf diese durchgeführt werden.« Er lächelte. »Bisher waren wir dabei immer wieder darauf angewiesen, dass man uns unterstützt hat. Es hat zwar nie Probleme deswegen gegeben, aber mit großer Sorge sehe ich, dass man immer mehr dazu übergeht, allzu sehr human zu sein. Mit dieser Criminalis jedoch sind wir im Recht!«

Steffan nickte.

»Also heißt das, wir dürfen jetzt eher foltern?«

»So lege ich es aus. Und darum, mein junger Freund, werde ich dir zur Feier dieses Tages ein Geschenk machen.« Er ging zu einer Truhe, aus der er ein in Leinen eingeschlagenes Paket holte und an zu Döhlau übergab. »Öffne es, du hast es dir verdient.«

Steffan blieb der Mund offen stehen, als er das Leinen abgewickelt hatte. In seiner Hand hielt er eine schwarze Kutte, gleich der, die von Ravensburg trug, dazu ein schweres Kreuz aus schwarzem Holz, verziert mit vier Rubinen.

»Was …?«

»Ich möchte, dass du dies in Zukunft trägst! Die Rubine stehen für die Wunden Christi. Je einer an jeder Hand, einer an den Füßen und einer, wo der Speer des Soldaten unserem Herrn in die Seite gestoßen wurde.«

Steffan von Döhlau verbeugte sich tief.

»Ich danke Euch, Eminenz.«

»Geh und zieh sie an, ich will sehen, wie es aussieht.«

Nach nur wenigen Augenblicken hatte zu Döhlau sich umgezogen. Von Ravensburg nickte.

»Sehr gut! Nun ist für jeden sichtbar, zu wem du gehörst.«

Zum ersten Mal, seit Steffan von Rabensteiner zu Döhlau in Schmalkalden die Niederlage gegen Markus erlitten hatte, fühlte er sich wieder gut.

Münster, Dezember 1532

»Verdammt! Und das vor unseren Augen!«

Von Waldow tobte. So hatte Markus seinen Vorgesetzten lange nicht mehr gesehen. Aber er verstand, warum der Hauptmann so reagierte.

Nicht genug, dass man nicht verhindern konnte, dass in Münster in allen Stadtkirchen jetzt evangelische Prediger zu den Menschen sprachen. Auch das vom mittlerweile ernannten Bischof von Waldeck verhängte Handelsverbot mit der Stadt und die Beschlagnahmung von Vieh der umliegenden Bauernhöfe zeigte keinerlei Wirkung. Es war von Waldow schwergefallen, den Bauern ihre Rinder, Schweine und Schafe zu nehmen. Im Traum sah er immer wieder die weinenden Frauen und Kinder; die Männer, deren Existenz er damit möglicherweise vernichtet hatte. Dennoch tat er seine Pflicht, wurde allerdings immer missmutiger und gereizter.

Und gerade hatte Markus ihm gestehen müssen, dass sich eine wahre Katastrophe ereignet hatte.

»Wer war dafür verantwortlich?«, fauchte von Waldow mit geballten Fäusten. »Wer hatte dafür Sorge zu tragen, dass eben dies nicht geschieht?«

»Linhard Karlin, Hauptmann. Er war mit zehn Männern zum Schutz eingeteilt.«

»Schaff mir diese Missgeburt sofort her!«, blaffte von Waldow. »Wer ist auf die glorreiche Idee gekommen, ihn einzuteilen?«

Markus verzog keine Miene.

»Ihr, Hauptmann.«

Von Waldow stutzte einen Moment, dann fiel es ihm wieder ein.

»Stimmt. Er hatte darum gebeten, diese Aufgabe zu übernehmen.« Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen. »Es schien ja nicht so, als ob es wirklich schwierig werden würde und er sollte zeigen, dass er Männer führen kann. Was ist mit den anderen?«

»Sitzen da und brüten vor sich hin. Sie verstehen nicht, wie das geschehen konnte.«

»ICH AUCH NICHT!«, erklang plötzlich eine Stimme vom Eingang. »Hauptmann, wie erklärt Ihr mir das?«

Bischof Franz von Waldeck trat ein, sein Gesicht zornesrot. Von Waldow sprang auf und sah dem Geistlichen ins Gesicht.

»Ich kann es nicht erklären, noch nicht.«

»Sagt mir, wie kann es sein, dass Eure Männer eine einfache Aufgabe nicht erfüllen können? Ihr solltet die bischöflichen Berater in Telgte schützen! Wisst Ihr, wie wichtig diese Beratung war? Es sollten weitere Maßnahmen gegen Münster beschlossen werden, und jetzt haben diese dickköpfigen Münsteraner sie in ihrer Gewalt. Damit sind mir die Hände gebunden.«

»Eure Eminenz, mir ist klar, was das bedeutet. Aber gebt mir die Möglichkeit, mit den Männern zu sprechen, damit ich weiß, was geschehen ist. Entschuldigt mich bitte.«

Er gab Markus einen Wink, mit ihm zu kommen, und suchte nach Karlin. Er fand ihn in einem Zelt, wie er vor sich hinstarrte. Wider Erwarten war er nüchtern. Der nur mittelgroße Mann war, wie alle wussten, oft betrunken. In diesem Zustand war er jedoch ein Kämpfer, der vor nichts und niemandem Angst hatte. Vor einem Kampf wurde er regelrecht abgefüllt. Nüchtern jedoch war er unscheinbar und glänzte nicht gerade durch Verlässlichkeit. Als von Waldow und Markus eintraten, sprang er auf.

»Hauptmann, ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Von Waldow betrachtete ihn von oben bis unten. Als er mit seinem Trupp losgezogen war, hatte er eine blitzsaubere Uniform getragen. Jetzt allerdings sah sie aus, als habe er damit schon in Wien die Osmanen bekämpft, verdreckt, zerrissen und schlecht sitzend. Das war der Anblick, den von Waldow von ihm gewöhnt war.

»Was ist geschehen? Du bist zu mir gekommen, hast mich angefleht, dir endlich ein Kommando zu geben. Und jetzt hast du mich enttäuscht.«

Karlin zuckte zusammen, als wenn ein Peitschenschlag ihn getroffen hätte.

»Die Berater haben uns nicht mit in das Gebäude gelassen. Wir mussten draußen warten. Und es war kalt. Also habe ich nur zwei Männer abgestellt, die den Eingang bewachen sollten. Dass die Münsteraner bereits im Haus waren, wussten wir nicht.«

»Und du bist nicht auf die Idee gekommen, vorher nachzusehen, ob alles in Ordnung ist?«

»Doch, wir haben von oben bis unten alles durchkämmt. Aber wie sollten wir erkennen, ob die Bediensteten dort Münsteraner sind oder nicht? Als am Abend keinerlei Lichter aufflammten, wurde ich misstrauisch und wir sind hineingegangen. Es war niemand mehr da. Keine Spur! Im Keller fanden wir einen Verschlag, der uns am Morgen entgangen war, darin waren die echten Bediensteten, gefesselt und geknebelt. Sie erzählten uns, dass man sie vor Sonnenaufgang, als sie alles vorbereiteten, überfallen und eingesperrt hatte.«

»Habt ihr die Verfolgung aufgenommen? Und wie sind sie aus dem Haus überhaupt herausgekommen?«

»Ich habe die beiden Männer befragt, die vor dem Hauptportal Wache gehalten haben. Dort ist niemand herausgekommen. Dass es einen zweiten Ausgang gab, der durch den Keller führt, habe ich übersehen.«

»Noch einmal: Wo warst du und wo waren die anderen Soldaten? Ich verlange eine Erklärung, warum nur zwei Männer Wache gestanden haben! Warum wurde das Haus nicht komplett bewacht?«

Karlin senkte den Kopf.

»Ich fürchte, das ist meine Schuld. Ich war … nun …«

»SAG NICHT, IHR WART BEI HUREN!«

»Doch, Hauptmann.«

»DAS DARF NICHT WAHR SEIN!« Von Waldow brüllte jetzt in einer Lautstärke, die Markus noch nie gehört hatte. »IHR HABT GEVÖGELT UND IN DER ZEIT VERSCHWINDEN DIE MÄNNER, DIE IHR SCHÜTZEN SOLLTET?«

Der Soldat sank immer mehr in sich zusammen und sehnte sich nach etwas zu trinken.

Markus tat er schon wieder fast leid, aber Karlin hatte sich eines massiven Pflichtvergehens schuldig gemacht und würde dafür bestraft werden, gemeinsam mit den Männern, für die er verantwortlich gewesen war. Zum Glück befanden sie sich nicht in einem Krieg. In dem Fall wäre er als Verantwortlicher möglicherweise sogar hingerichtet worden. Markus fasste den Hauptmann am Arm.

»Wir müssen zum Bischof.«

Langsam beruhigte sich von Waldow.

»Ja, du hast Recht.« Er wandte sich ab, marschierte aus dem Zelt, gefolgt von Markus. Nachdem er tief durchgeatmet hatte, drehte er sich noch einmal um und ging zu Karlin zurück. »Ich hoffe, dir ist klar, dass ich dich dafür einsperren muss. Du bleibst hier, bis Astheimer und Bachmüller dich holen. Auch deine Männer werden bestraft. Wie, das erfährst du noch.«

Bischof von Waldeck hörte zu, was der Hauptmann berichtete, und stöhnte auf.

»Ich wusste, dass sie raffiniert sind, aber damit konnte wohl niemand rechnen.«

»Eminenz, ich werde die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.«

»Das werdet Ihr, da bin ich mir sicher. Aber wie bekommen wir die bischöflichen Berater wieder zurück? Und, was noch wichtiger ist, was wird uns das am Ende kosten?«

»Könnt ihr nicht mit ihnen verhandeln?«, warf Markus ein.

»Verhandeln ja, aber ich werde es nicht selber tun. Das lässt meine Position nicht zu. Ich brauche jemanden, der neutral ist.« Er strich sich über das Kinn. »Und ich habe eine Idee. Hauptmann, ich möchte, dass Ihr und Eure Männer die Stadt genau beobachtet. Wir waren zu nachlässig, das hätten wir schon vorher machen sollen. Niemand geht hinein, niemand geht hinaus! Und zwar so lange, bis ich etwas anderes sage.«

Damit verließ er das Zelt. Markus schüttelte grimmig den Kopf.

»Da waren mir die Osmanen lieber, da wusste man wenigstens, gegen wen man kämpfte.«

Jetzt musste von Waldow wieder lächeln.

»Ja, Markus, das ist Politik. Etwas, wovon wir einfachen Soldaten nicht viel verstehen. Wir führen nur das aus, was die Herrschaften sich ausdenken.« Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Nun zu Karlin. Von Gaisberg soll ihn sich vornehmen. Verschärfter Drill und Nachtwachen. Wenn er dienstfrei hat, wird er in Ketten gelegt, außerdem erhält er für zwei Wochen nur Wasser und Brot, seine Männer für eine Woche. Und ich will, dass sie alle sofort die Stadttore bewachen.«

Markus nickte. Er fand, dass Karlin mehr Glück als Verstand gehabt hatte.

Ravensburg, März 1533

Steffan von Rabensteiner zu Döhlau patrouillierte durch die Stadt. Seit einigen Wochen hielten sie sich wieder hier auf, um die letzten verbliebenen Hexen zu jagen. Stolz trug er die Kutte und das Kreuz, das von Ravensburg ihm geschenkt hatte.

Bei ihm waren fünf Soldaten, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten und auf seine Befehle warteten wie gut dressierte Hunde. Sie sahen in jedes Schankhaus, klopften wahllos an Türen, verschafften sich überall Zutritt, um Spuren von Hexerei zu finden. Als sie um eine Ecke kamen, blieb zu Döhlau stehen.

»Das darf nicht sein!«, stöhnte er leise. Er wandte sich an die Soldaten. »Ihr durchkämmt hier in dieser Straße die Häuser, ich sehe mich dort drüben um.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er los und folgte einer Gestalt, die er gesehen hatte und die ihn in innere Aufruhr versetzte. Von fern leuchteten die roten Haare, die anmutige Gestalt fesselte die Blicke aller, die ihr begegneten.

»Du verdammte Hexe bist also auch wieder in der Stadt. Und dieses Mal ist niemand da, der dich beschützt!«

Leise murmelte Steffan vor sich hin und näherte sich der Frau, die keinerlei Verdacht schöpfte. Als sie in eine dunklere Gasse einbog, zögerte der Soldat der Inquisition nicht. Mit ein paar kurzen Sätzen war er hinter ihr, sein linker Arm flog nach oben und er hielt ihr den Mund zu. Ein leises Röcheln und ein Zucken ihres Körpers waren die Folge.

»Hab ich dich, du Hure des Satans! Damit hast du nicht gerechnet, nicht wahr, Anna!«

Die Frau versteifte sich, undeutliches Gemurmel war die Antwort. Langsam drehte zu Döhlau sie herum und erstarrte. Vor ihm stand nicht diejenige, die er zu erkennen geglaubt hatte, sondern ein junges Mädchen im ähnlichen Alter, mit denselben flammendroten Haaren. Er fluchte lautlos und löste die Hand über ihrem Mund.

»Anna? Isch bin nisch Anna. Isch heiß Martha. Und watt soll datt? Wer sindse? Watt wollnse?«

»Halt den Mund, Hexe!«, zischte zu Döhlau. Ihm wurde klar, dass er ein Problem hatte. »Halt einfach dein Maul!«

Seine Gedanken rasten. Sollte er sie einfach gehen lassen? Oder mit einem Vorwand verhaften? Martha begriff langsam, wen sie vor sich hatte. Ihre Knie gaben nach.

»Oh nein, ihr seid de Inquisition. Isch hab nischt jemacht. Nur einjekauft für de Herrschaft. Bitte, isch jeh jeden Tach inne Kirche. Und gehurt hab isch och nich! Noch niemals hab isch mit nem Mann watt jemacht, datt wolln de Herrschaften nisch. Bitte bitte …« Jetzt brach sie in Tränen aus.

»Wie alt bist du?«

»Fuffzehn, Herr.«

Zu Döhlau sah sie von oben bis unten an. Ihre Wangen waren nass von den Tränen und sie schluchzte ununterbrochen, dann gab sie sich einen Ruck.

»Isch weiß nich, wattse von misch wolln, aber isch weiß, ihr müsst misch jehen lassen.« Zu Döhlau frage sich, woher sie auf einmal den Mut nahm, sich mit ihm anzulegen, und bekam gleich die Antwort. »Mein Herr iss der Bruder von de Bischof, dem werd isch datt allet verzähln. Und der wird dann …«

Jetzt reichte es zu Döhlau. Mit der flachen Hand schlug er ihr ins Gesicht, sodass ihr Kopf zur Seite flog.

»Ich sagte, du sollst das Maul halten!«

In ihm kochte jetzt alles hoch. Anna, die er nicht hatte auf den Scheiterhaufen bringen können, Markus, der ihm entwischt war. Als Martha anfangen wollte, zu schreien, packte er sie an den Haaren und hieb ihren Kopf mehrmals gegen die Hauswand. Es knirschte, das Blut spritzte, dann erschlaffte das Mädchen.

Zu Döhlau stand über ihr, schwer atmend, starrte auf den leblosen Körper hinab.

»Oh mein Gott, was hab ich getan?«

Ihm war klar, wenn das herauskam, dann würde auch von Ravensburg ihn nicht schützen können. Er sah sich um, es war niemand zu sehen. Er beugte sich nach unten, drehte das Mädchen auf den Rücken, zerriss ihr das Oberteil, sodass ihr Brüste freilagen, und zerrte ihr den Rock hoch. Als er ihr nacktes Geschlecht sah, würgte es ihn, aber er riss sich zusammen, und verschwand schnell aus der Gasse, ging eine Runde und traf wieder auf die Soldaten.

»Und, etwas gefunden?«, fragte er und bemühte sich, nicht aufgeregt zu klingen.

»Nein, Herr. Nichts.«

»Nun, dann kehren wir ins Quartier zurück.«

Als sie gerade abrücken wollten, drang ein lauter Schrei an ihre Ohren.

»MORD! HILFE!«

Sie rannten los in die Gasse, aus der die Stimme kam. Ein Mann stand an der Hauswand, festgehalten von einigen anderen. Steffan trat zu der Gruppe, fragte forsch.

»Inquisition. Was ist hier los?«

Eine Frau, die sich über den leblosen Körper am Boden gebeugt hatte, richtete sich auf.

»Ich habe gesehen, wie der da«, sie zeigte auf den Mann, der immer noch festgehalten wurde, »sich hier über etwas gebeugt hat. Mir kam das komisch vor und als ich näher kam, da war mir klar, was los war. Er hat das arme Ding umgebracht und wollte sich wohl gerade an ihr vergehen.«

Zu Döhlau hätte laut lachen können. Das war köstlich, fand er.

»Du wolltest also eine Leiche schänden? Ich denke, das wird dir sehr schnell leidtun. Bringt ihn ins Verlies.« Er wandte sich an die Frau. »Würdet ihr das bezeugen?«

»Jederzeit.«

»Sehr gut, dann möchte ich Euch bitten, mitzukommen, damit wir alles protokollieren können. Auch ihr«, er wandte sich an die Männer, »werdet uns begleiten.« Er stellte sich vor den Mann, der festgehalten wurde. »Und du, du solltest beten.«

Ein undeutliches Genuschel war die Antwort und zu Döhlau erkannte, warum er nichts verstand.

»So, man hat dir also bereits die Zunge herausgeschnitten. Mal sehen, ob wir dich nicht doch irgendwie zum Reden bringen können.«

Eine Woche später wurde der arme Tropf, der zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war, für schuldig des Mordes und der versuchten Leichenschändung befunden und gerädert.

Münster, März 1533

»Habt Ihr gehört, wie die Wahlen ausgegangen sind?«

Von Waldow, der auf einem abgesägten Baum saß, blickte auf, als Markus völlig außer Atem zu ihm lief.

»Ich nehme an, noch mehr schlechte Nachrichten?«

»Das kann man so sagen.«

Der Auftrag, der sie nach Münster geführt hatte, entwickelte sich mehr und mehr zu einem Albtraum. Seit mehreren Monaten lagerten sie vor der Stadt, beobachteten, und versuchten alles, damit es ruhig blieb, nachdem zu Weihnachten alles eskaliert war. Die bischöflichen Berater, die man entführt hatte, waren dank der Vermittlung durch Philipp von Hessen wieder unversehrt freigekommen, nachdem der Landgraf einen Kompromiss hatte erzielen können. Dieser besagte, dass in allen Klöstern und Kirchen der katholische Ritus weiterhin vollzogen wurde, man aber die evangelischen Prediger in der Stadt duldete und es schien, als ob man einen dauerhaften Frieden ausgehandelt hatte.

»Dann lass mich an den schlechten Nachrichten teilhaben«, brummte von Waldow.

»Der gesamte Stadtrat ist evangelisch.«

Der Hauptmann stöhnte auf. Waren im vergangenen Jahr einige Stadträte bereits zurückgetreten, war jetzt das geschehen, wovor sich Bischof von Waldeck am meisten gefürchtet hatte.

»Sag das nochmal«, forderte von Waldow Markus auf. »Ich hoffe, es ist nur ein schlechter Scherz.«

»Leider nein, Hauptmann. Das gesamte Gremium ist evangelisch.«

»Das wird unserem Freund, dem Bischof, noch weniger schmecken als mir«, sagte von Waldow leise. »Und das bedeutet, dass wir wohl noch einige Zeit hier verbringen werden.«

Er erhob sich und winkte Markus, ihm zu folgen. Er rief von Gaisberg, Astheimer und Bachmüller zu sich in sein Zelt. Als alle eingetroffen waren, blickte er sie nacheinander an.

»Wie ihr wohl gehört habt, wurden in Münster die Stadträte neu gewählt. Das Ergebnis ist, nun, nicht wirklich gut.«

Er nickte Markus zu, der das Ergebnis wiederholte. Die Männer schüttelten ungläubig die Köpfe.

»Was machen wir jetzt?«, fragte von Gaisberg.

»Das, was wir die ganze Zeit schon machen. Wir beobachten, wir sorgen für Ruhe und Sicherheit. Aber wir müssen einiges ändern. Ich will, dass niemand mehr alleine in die Stadt geht. Patrouillen sind immer zu dritt zu gehen. Volle Bewaffnung! Jeder achtet auf seine Kameraden. Bordell- und Wirtschaftsbesuche sind vorläufig gestrichen. Die Messen werden von allen besucht, ebenfalls bewaffnet.« Astheimer wollte etwas sagen, aber von Waldow schnitt ihm das Wort ab. »Ich weiß, Waffen in der Kirche. Aber das ist eine Ausnahmesituation und ich hoffe, dass wir das nur für eine kurze Zeit machen müssen. Ich will nicht unvorbereitet sein, falls dieser Rothmann die Massen aufwiegelt.«

Er entließ die Männer und sah Markus an.

»Markus, du bist jetzt schon viele Jahre bei uns. Auch, wenn du eine Weile, nun ja, dich nicht mehr zu uns zugehörig gefühlt hast, so bist du doch wieder der, den ich in dir immer gesehen habe. Darum werde ich morgen früh verkünden, dass du ab sofort mein Vertreter bist.«

Markus fiel die Kinnlade nach unten.

»Hauptmann … wieso … ich meine, sollte nicht eher von Gaisberg …?«

»Es war seine Idee. Er meinte, er wäre zu alt für den Posten. Du bist jung, du bist gescheit. Und«, er sah ihn lange an, »du hast es dir verdient.«

In der Tat hatte Markus in den letzten Monaten mehr als eifrig seinen Dienst versehen. Er hatte die Wachpläne ausgearbeitet, die Männer eingeteilt und dafür gesorgt, dass immer genug Proviant vorhanden war. Außerdem war er ruhig, besonnen und gerecht, und die Soldaten mochten ihn und vertrauten seiner Führung.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

»Sag nichts. Ich möchte, dass du die Patrouillen zusammenstellst und für Disziplin sorgst. Ich weiß, dass die Männer murren werden, weil sie nicht mehr ins Wirtshaus und ins Bordell dürfen. Vielleicht fällt dir eine Lösung ein?«

Von Waldow grinste. Er wusste, dass Markus sehr gute Kontakte in der Stadt hatte. Nicht nur in den Wirtshäusern war er gern gesehen, auch bei den Huren war er ein willkommener Gast. Es hatte bisher nie größeren Ärger wegen der Soldaten gegeben, dafür waren ihm alle dankbar.

»Ich werde sehen, was ich organisieren kann«, lächelte Markus zurück.

Dann verließ er das Zelt, um die neuen Pläne auszuarbeiten und den Männern die schlechten Neuigkeiten mitzuteilen. Welch ein gelungener Auftakt seiner neuen Position!

Zweiter Teil

Vor den Toren Münsters, August 1533

Es war brütend heiß. Die Sonne brannte unbarmherzig auf die Erde und die Männer, die in ihren stickigen Zelten saßen, nieder. In Anbetracht der großen Hitze hatte Hauptmann von Waldow alle Tätigkeiten auf ein absolutes Minimum reduziert.

Er trat aus seinem Zelt, sah sich um. Die Hitze ließ die Luft flirren. Seine Soldaten waren ausgelaugt. Die ständige Anspannung machte sich bemerkbar. Seit im März der gesamte Stadtrat von Münster evangelisch geworden war und man Rothmann mit der Ausarbeitung einer neuen Gottesdienstordnung beauftragt hatte, waren sie in ständiger Alarmbereitschaft. Als Rothmann die Erwachsenentaufe einführen wollte, war es zu Streitigkeiten gekommen, in dessen Verlauf sich die evangelische Gemeinde gespalten hatte und alle Kirchen geschlossen worden waren. Die Bevölkerung war jedoch auf der Seite Rothmanns.

Im Moment herrschte wieder Ruhe in der Stadt. Es war ein wackeliger Frieden, das war von Waldow klar. Es genügte ein einziger Funke, um einen Flächenbrand zu entzünden, in dessen Zentrum er mit seinen Männern stehen würde. Dazu kam die unerträgliche Hitze, welche die Menschen in der Nacht nicht schlafen und zunehmend aggressiver werden ließ.

Von Waldow hatte seine Männer daher beauftragt, nur Präsenz zu zeigen, sich aber nach Möglichkeit aus allen Streitereien herauszuhalten. Er hielt eine Hand hoch und beschattete seine Augen, die den Himmel nach Wolken absuchten.

»Nichts«, murmelte er, »keine Wolke. Kein Regen. Ein weiterer Tag in der Hölle. Wir werden bei lebendigem Leib gebraten.«

»Und es wird noch schlimmer, Hauptmann«, drang eine Stimme von rechts in sein Ohr.

Er drehte sich um.

»Markus! Was hast du zum allgemeinen Elend heute beizutragen?«

»Es gibt Gerüchte, Hauptmann.«

»Und was sagen sie?«, brummte der Hauptmann.

»Es ist jemand gekommen.«

»Markus, bitte, ich habe heute keine Lust auf Ratespiele. Mein Hirn ist weichgekocht.«

»Ja. Es ist …«, er stockte, dann fuhr er leise fort. »Auf der anderen Seite der Stadt wurde ein Wagen gesehen.«

Der Hauptmann ahnte, was kommen würde.

»Sag mir bitte, dass ich mich irre, aber es ist unser alter Freund, oder?«

»Ja. Von Ravensburg ist mit seinen Leuten angekommen. Ihr wisst, was das bedeutet?«

»Dass wir jetzt richtig in der Scheiße sitzen! Auf der einen Seite der Konflikt in der Stadt, dann dieser Anabaptist und jetzt der Inquisitor! Das riecht gewaltig nach Ärger.«

Markus nickte. Seit Schmalkalden hatten sich ihre Wege nicht mehr gekreuzt. Man hörte zwar immer wieder von den Prozessen des von Ravensburg, aber er schien lange nicht mehr so schlimm zu wüten, wie es seinerzeit in Rothenburg geschehen war.

»Ich hoffe, dass wir nicht zwischen alle Fronten geraten«, sinnierte der junge Mann, als er plötzlich eine ihm wohlbekannte Stimme hörte.

»HALT! HOL MICH DER TEUFEL!! WENN DAS NICHT MEIN FREUND MARKUS IST!«

Dieser drehte sich langsam um, als wenn er Angst hätte, in das Antlitz des Teufels zu sehen. Doch stattdessen blickte er in das grinsende Gesicht von Silvanus.

»Oh mein Gott!«, entfuhr es von Waldow, der bereute, am heutigen Tag aufgestanden zu sein. »Ihr fehlt uns noch zu unserem Unglück.«

»Hauptmann! Ich freue mich auch, Euch wohlbehalten zu sehen.«

»Was zum Kuckuck wollt Ihr hier?«

»Wir sind Fahrensleute, Gaukler, Komödianten. Wir sind überall, wo es etwas zu verdienen gibt.«

Markus sah sich indes hoffnungsvoll um. Etwas entfernt entdeckte er die Wagen der Truppe und auch einige bekannte Gestalten, aber Annas unübersehbarer Rotschopf war nicht dabei. Er griff Silvanus an die Schulter, ein unruhiges Gefühl breitete sich in seiner Magengrube aus.

»Wo … wo ist Anna?«

Das Grinsen Silvanus’ reichte nun bis fast zu seinen Ohren, und er zwirbelte den schwarzen Schnurrbart, der seit ihrer letzten Begegnung deutlich gewachsen war.

»Schau dich um in unseren Wagen der Wunder! Sicher wird auch für dich etwas dabei sein!«

W

Im Wagen war die Luft wie zum Schneiden, die Temperaturen standen einer Sauna in nichts nach, aber die kleine Gruppe im Inneren wagte es nicht, die Fenster zu öffnen.

Anna starrte konzentriert auf das kleine Feuer, das in einer Keramikschale unter dem gusseisernen Töpfchen brannte, und zählte leise vor sich hin. Der Mohnsaft, den sie herzustellen versuchte, durfte nicht zu lange kochen, sonst war er verdorben.

Tariq der Sarazene beobachtete sie zufrieden und ein wenig amüsiert.

»Du wirst sehen, bald weißt du instinktiv, wann du ihn von der Flamme nehmen musst.«

Anna wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Im Augenblick habe ich das Gefühl, dass ich es nie lernen werde!«

Elisabeth sah kurz zu ihr hinüber.

»Das wirst du. Wahrscheinlich schneller als wir alle zusammen. Du hast ein helles Köpfchen und einen Ehrgeiz, von dem ich nur träumen kann.«

Anna warf der Hebamme einen dankbaren Blick zu. Das Haar der älteren Frau war mittlerweile fast völlig ergraut. Seit ihre Tochter in Ravensburg bei der Hexenprobe umgekommen war, hatte sie sich nicht nur äußerlich verändert, was die Haarfarbe mehr als deutlich zeigte. Sie misstraute jedem und war ständig auf der Hut, was sich auch jetzt wieder darin zeigte, dass sie aus dem Fenster spähte und mit Argusaugen die Umgebung beobachtete.

An dem kleinen Fenster auf der anderen Seite saß Cristoff. Früher war er unter dem Namen ›Cristoff das Tier‹ bekannt gewesen, aber seit der Begegnung mit der Inquisition war die Truppe vorsichtig geworden.

Cristoff, der an Albinismus litt und am ganzen Körper völlig haarlos war, hatte sich zuvor mit Haaren, Fell, Federn oder anderen wundersamen Dingen beklebt und sich in einen Käfig sperren lassen, wo er brüllend und knurrend eine große Schau abzog. Die Leute hatten stets wirklich geglaubt, es mit einem echten Tiermenschen zu tun zu haben und teilweise horrende Summen gezahlt, um ihn sehen zu dürfen. Manchmal hatte er sich sogar mit Bartholomeus’ Bären einschließen lassen.

Seit dem Tod Simons, der Cristoffs bester Freund gewesen war, traute der gerade 15-jährige Junge sich jedoch nicht mehr, den Tiermenschen zu spielen. Zu groß war die Angst, jemand könne ihn für einen Dämon halten und an die Inquisition ausliefern. Seither hatte er sich von Wilhelm Haase in der Waffenkunst ausbilden lassen und half dabei, die Truppe zu schützen.

Das tat er auch jetzt. Es war gefährlich, was Anna, Elisabeth und Tariq trieben. Zwar stellten sie nur Medizin her, momentan den Mohnsaft, der Kranke in Schlaf versetzte und so auch längere Operationen ermöglichte, aber Häscher der Inquisition würden auch darin Teufelswerk sehen.

Darum blieben auch die Fenster des Wohnwagens geschlossen, obwohl es im Inneren so überwältigend nach Alkohol roch, dass Anna glaubte, beim nächsten Atemzug betrunken zu sein. Plötzlich sprang Cristoff auf die Füße, blickte angespannt nach draußen.

»Ich glaube, ich sehe einen Soldaten!«

Im selben Moment erklang ein schriller Schrei. Barbara! Anna erkannte die Stimme sofort! In fliegender Eile löschte sie das Feuer, und der gesamte Tisch mit allen darauf aufgebauten Zutaten und Gefäßen wurde unter eine Vorrichtung gerollt, die man herunterklappen konnte. Innerhalb von Sekunden sah die Medizinküche aus wie eine harmlose Kleiderkiste.

Die vier Verschwörer stürmten nach draußen, und im ersten Moment kam Anna die Sommerhitze nach dem Glutofen im Inneren von Tariqs Wohnwagen vor wie ein laues Lüftchen.

Sie eilten auf Barbaras Wagen zu, in dem auch Anna ihre Nächte verbrachte. Ein junger Mann stolperte gerade heraus und schützte seinen Kopf vor zahllosen Gegenständen, die Barbara ihm hinterherwarf.

»Verschwinde, elender Spanner!«, schrie sie. »Such dir gefälligst deine eigene Hure! Zusehen gibt es nicht!«

Als der Gejagte sich aufrichtete und lachend die Hände hob wie um sich zu ergeben, traute Anna ihren Augen nicht. Es war Markus! Oder zumindest jemand, der ihm verdammt ähnlich sah! Seit ihrer letzten Begegnung war er gewachsen – oder machte es nur den Eindruck, weil er sich ganz anders hielt und bewegte? Er war stets ein wenig unsicher gewesen, ein wenig verlegen, immer zweifelnd, ob er den Aufgaben, die man ihm anvertraute, auch wirklich gewachsen war. Der Mann, der dort stand, hatte keinen Zweifel in sich. Man sah auf den ersten Blick, dass er wusste, wozu er in der Lage war. Sein Haar war unverändert lang, aber in der Sonne heller geworden, und er trug nach wie vor einen kurzen, gepflegten Bart. Anna blieb stehen wie vom Donner gerührt. Sein Anblick traf sie wie ein Schlag aus heiterem Himmel, und sie war sich nicht sicher, ob der Schlag ihr Herz oder eher ihren Magen getroffen hatte.

Vielleicht beides gleichzeitig!

W

»Ihr habt mir gerade noch gefehlt!«, brummte Conrad von Waldow.

»Ich freue mich, dass Ihr mich vermisst habt, Hauptmann«, konterte der Gauklerfürst sichtlich gut gelaunt. »So trifft man sich wieder.«

Der Hauptmann packte Silvanus am Arm und zog ihn mit sich. Als sie außer Hörweite der Wagen waren, ließ er ihn los und näherte sein Gesicht dem des Gauklers auf Handbreite.

»Verdammt, Silvanus, Ihr seid wie eine der biblischen Plagen. Immer, wenn Ihr auftaucht, dann weiß ich, es wird noch schlimmer, als es ohnehin schon ist.« Mit knappen Worten berichtete der Soldat ihm, was in Münster vor sich ging. »Ihr seht, Ihr seid mit Sicherheit nicht gerade zum passenden Zeitpunkt hier aufgetaucht. Münster ist ein Pulverfass.« Er seufzte. »Und die Plage der Menschheit soll auf der anderen Seite der Stadt sein.«

»Von Ravensburg? Hier? Scheiße!«

»Ja, Scheiße. Ich gebe Euch den guten Rat: Dreht um und sucht das Weite. Und zwar so schnell, wie Ihr nur könnt.«

»Das würde ich zu gerne, Hauptmann, aber meine Leute und auch die Pferde sind erschöpft. Wir brauchen ein paar Tage Ruhe. Und wir brauchen Vorräte, Wasser, Heu und Hafer für die Pferde. Aber«, er hob die Arme, »dazu brauche ich Geld. Und das muss ich erst verdienen.« Er legte den Kopf schief. »So leid es mir tut, aber ich fürchte, Ihr werdet eine Weile mit unserer Gesellschaft leben müssen.«

»Das habe ich befürchtet. Ich kann allerdings nicht für Eure Sicherheit oder die Eurer Truppe garantieren. Wenn der Inquisitor wieder einige Eurer Leute verhaftet, seid ihr auf euch allein gestellt.«

»In Ordnung. Wir werden unser Lager etwas entfernt aufschlagen, aber noch nah genug, dass die Menschen zu uns finden, und wir werden die Besuche in der Stadt auf das absolut Notwendige beschränken«, antwortete Silvanus mit einem Nicken.

Von Waldow verdrehte die Augen.

»Ihr seid sturer als ein Maulesel. Und noch eines: So lange Ihr hier seid, werdet Ihr Anna bei Markus lassen.«

Conrad von Waldow wollte verhindern, dass Markus’ Konzentration litt. Silvanus seufzte.

»Die Liebe. Dagegen haben wir kein Kraut, nicht einmal Tariq kennt eines, das dagegen hilft. Nun, Hauptmann, ich drücke es mal so aus: Ich erwarte von Anna, dass sie sich an den Kosten, die wir haben werden, in angemessenem Maß beteiligt. Wie sie das macht, das überlasse ich ihr. Ansonsten kann sie Markus zuschanden reiten, solange sie danach noch ihre Pflichten erfüllen kann.«

Mit dröhnendem Gelächter entfernte Silvanus sich und rief seine Leute zusammen.

W

Markus standen die Tränen vor Lachen in den Augen. Barbara hatte ihn im Halbdunkel des Wagens scheinbar nicht erkannt, aber auch er hatte sie im ersten Moment für Anna gehalten.

Er kannte den Wagen und war einfach hineinspaziert. In einem der Betten saß eine rothaarige Frau gerade auf einem Mann, der genüsslich die Augen verdrehte. Erst als sie ihm den Kopf zuwandte, erkannte Markus, dass es Barbara war. Für eine Erklärung blieb allerdings keine Zeit, denn die Frau gebärdete sich wie eine Furie, bewarf ihn mit allem, was ihr gerade in die Finger fiel, und schrie ihn dabei an. Ihr Freier verzog nur das Gesicht, scheinbar war Markus im unpassendsten Moment aufgetaucht. Dem blieb nur der strategische Rückzug, der allerdings weniger elegant ausfiel, als er aus dem Wagen stolperte und der Länge nach hinschlug. Er rappelte sich auf, klopfte sich den Staub ab und lachte.

»Da hat jemand aber wirklich keine Zeit verloren«, sagte er zu sich selber.

Er stutzte. Seine durch den stetigen Drill geschärften Sinne verrieten ihm, dass ihn jemand ansah, und er drehte sich langsam um. Ein Stück entfernt stand Anna, ihr Haar leuchtete in der Sonne, und sah ihn einfach nur an. Markus’ Herz setzte einen Schlag lang aus, dann stürzte er auf sie zu, packte sie und wirbelte sie herum.

Auf einen solchen Ansturm war Anna gar nicht gefasst gewesen. Sie stieß einen erschrockenen Schrei aus, als sie den Boden unter den Füßen verlor und klammerte sich unwillkürlich an dem überschwänglichen Soldaten fest.

Die Rothaarige versuchte, ernst zu bleiben. Es war so viel passiert, und sie mussten vernünftig sein! Aber gegen die pure Wiedersehensfreude in seinem Blick war sie einfach machtlos und brach in helles Gelächter aus, genoss es für einen Moment, von den kräftigen Armen festgehalten zu werden.

Schließlich blieb er stehen, ließ sie aber nicht auf den Boden zurück, hielt sie einfach auf dem Arm und blickte sie an. Anna zwinkerte ihm verschmitzt zu.

»Ich weiß nicht, was es ist, das dafür sorgt, dass sich unsere Wege immer wieder kreuzen … der Teufel, der liebe Gott oder einfach nur Glück?«

»Es ist mir egal, wie man das nennen mag. Die Hauptsache ist, dass du da bist.«