Gewalt im Ersten Weltkrieg - Benjamin Ziemann - E-Book

Gewalt im Ersten Weltkrieg E-Book

Benjamin Ziemann

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Beschreibung

Der Erste Weltkrieg brachte neue Formen der Massengewalt. Soldaten töteten und verwundeten einander in bislang nicht gekanntem Ausmaß. Zugleich versuchten sie, das Feuer der Waffen zu überleben oder sich dem Töten zu entziehen. Manche verweigerten sich ganz der Gewalt. Erst in der Zusammenschau von Töten, Überleben und Verweigern, so die These dieses Bandes, werden Formen und Ausmaß der Gewalt im Ersten Weltkrieg verständlich. Benjamin Ziemann bietet eine anschauliche und abgewogene Einführung in die wichtigsten Fragen und Themen, welche die Gewaltpraxis der deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges aufwirft. Die Kapitel des Bandes verbinden die systematische Analyse von Gewalt- und Verweigerungsformen mit biografischen Fallstudien zur Beobachtung und Verarbeitung der Gewalt. Damit wird nachvollziehbar, wie die Massengewalt des Ersten Weltkrieges die deutsche Gesellschaft prägte.

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Benjamin Ziemann – Gewalt im Ersten Weltkrieg

 

Benjamin Ziemann

Gewalt im Ersten Weltkrieg

Töten – Überleben – Verweigern

Titelabbildung:

»Posten im Vorgelände«, 2. Landwehrdivision, Argonnen, Nähe Gesnes,vermutlich zweite Jahreshälfte 1917. Bildquelle: Bibliothek für Zeitgeschichtein der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart, KönigsA-1

1. Auflage Dezember 2013

Satz und Gestaltung:Klartext Medienwerkstatt GmbH, Essen

Umschlaggestaltung:Volker Pecher, Essen

ISBN 978-3-8375-0887-1eISBN 978-3-8375-1309-7Alle Rechte vorbehalten© 2013 Benjamin Ziemann© Klartext Verlag, Essen 2013

www.klartext-verlag.de

Inhalt

1.     Der Erste Weltkrieg als ein Laboratorium der Gewalt. Einleitung

I.     Gewaltpraktiken

2.     Die Soldaten des Ersten Weltkrieges: Töten, Überleben, Diskurse der Gewalt

3.     Die Kriegsbereitschaft deutscher Soldaten 1914

4.     Ernst Jünger: Praktiker und Beobachter des Tötens

II.    Gewaltverweigerung

5.     Fahnenflucht im deutschen Heer 1914–1918

6.     Enttäuschte Erwartung und kollektive Erschöpfung. Die deutschen Soldaten an der Westfront 1918 auf dem Weg zur Revolution

7.     Die deutsche Armee im Herbst 1918 – ein verdeckter Militärstreik?

III.  Gewaltverarbeitung

8.     Die Weimarer Republik – eine brutalisierte Gesellschaft?

9.     Die verzögerte Abkehr von der Gewalt. Hermann Schützingers Wandlung zum Pazifisten

10.   »Etappenmilitarismus«. Reden über den Krieg in militärkritischen Bestsellern der Weimarer Republik

Anmerkungen

Abkürzungen

Abbildungsnachweis

Danksagung

1. Der Erste Weltkriegals ein Laboratorium der Gewalt.Einleitung

Wenn etwas für die Geschichte des Ersten Weltkrieges von immenser Bedeutung ist, dann ist es sicherlich die Praxis der Gewalt. Um das zu verstehen, genügt bereits ein kurzer Blick auf die Zahlen der Getöteten, Verwundeten sowie der in vielen Formen und Graden Verstümmelten und damit auf Dauer körperlich Versehrten. Allein in Deutschland wurden während des Krieges 2.037 Millionen Soldaten getötet und etwa 4.8 Millionen von ihnen verwundet, viele davon mehrfach.1 Rund 700.000 deutsche Soldaten wurden als dauerhaft »dienstunbrauchbar« aus der Armee entlassen. Knapp 90.000 von ihnen gehörten als »Verstümmelte« zu den schwerbeschädigten Kriegsinvaliden, die durch die Amputation von Gliedmaßen oder schwerste Gesundheitsstörungen dauerhaft durch den Krieg gezeichnet waren.2 Kriegs-Gewalt ist ein komplexes Aggregat von Strategien, Handlungen und technischen Vorrichtungen, die im Wesentlichen auf die körperliche Verheerung des Gegners zielen. Wie kein anderer Krieg zuvor schürte der Erste Weltkrieg zugleich kollektive Emotionen und intensivierte nationale Feindbilder und Stereotypen, mit und ohne die Unterstützung staatlicher Propaganda. Industriearbeiter, Bauern und Frauen wurden auf breiter Front für den Kriegseinsatz mobilisiert, während Schriftsteller, Intellektuelle und Professoren hochtrabende (und im Nachhinein oft nachgerade lächerlich anmutende) Begründungen für die Gerechtigkeit des Kriegseinsatzes der eigenen Nation entwarfen. Politiker und Unternehmer bemühten sich, die Organisation der für den Krieg nötigen Ressourcen sicherzustellen. Selbst in den Schulen wurden die Kinder angehalten, durch Sammlung von Rohstoffen und das Aufsagen patriotischer Gedichte zum Krieg beizutragen.3 All das bedeutete nichts weniger als den Versuch, die gesamte Gesellschaft für den Krieg zu mobilisieren und damit zugleich die Grenzen zwischen ziviler Gesellschaft und militärischer Gewaltorganisation einzuebnen. Historiker haben sich angewöhnt, dafür den Begriff des »totalen Krieges« zu benutzen.4

Der Erste Weltkrieg als »totaler« Krieg

All das sind wichtige Fragestellungen und Forschungsinteressen, die unser Bild vom Ersten Weltkrieg fundamental verändert haben. Deshalb stehen heutzutage nicht mehr nur die Kriegsziele der Diplomaten und Militärs im Zentrum – wie im Gefolge der Kontroverse um die Thesen von Fritz Fischers »Griff nach der Weltmacht« in den 1960er und 1970er Jahren – oder die sozialökonomischen Konturen der »Klassengesellschaft im Krieg«, welche die historische Forschung in den 1970er und 1980er Jahren beschäftigt haben.5 Seit den 1990er Jahren entwickelte sich zudem eine Mentalitäts- und Erfahrungsgeschichte des Ersten Weltkrieges. Sie knüpfte an Arbeiten aus der Literaturwissenschaft wie die von Paul Fussell und Bernd Hüppauf an. Diese und andere Autoren hatten mit großer Klarheit die Frage gestellt, ob der Schock und die traumatische Zäsur des Weltkrieges zur Konstituierung und Formierung von Subjektivität beitrugen und in welchen symbolischen Formen sich diese Suche nach einem mit dem Krieg kompatiblen Subjekt vollzog.6 Mit mentalitätsgeschichtlichen Fragestellungen ließ sich erhellen, wie Einzelne und verschiedene soziale Gruppen (etwa Soldaten an der Front oder bürgerliche und bäuerliche Familien in der Heimat) die Mobilisierung für den Krieg gedeutet und verarbeitet haben. Dabei gerieten auch und gerade die medialen Formen in den Blick, welche diese Verarbeitung überhaupt erst strukturierten und damit ermöglichten, wie etwa die millionenfach verschickten Feldpostbriefe, die Amateurfotografie oder die Bildpostkarten.7 Mit einer Kombination dieser Fragestellungen und Methoden ist es heute möglich, eine multiperspektivische Darstellung des Ersten Weltkrieges als einer tiefgreifenden Krise der bürgerlichen Gesellschaft zu schreiben. Dabei wird die Überformung und Erosion zivilgesellschaftlicher Bindungen durch die Belastungen des Kriegsalltages deutlich. Roger Chickering hat dies unlängst in einer faszinierenden Lokalstudie am Beispiel von Freiburg im Breisgau exemplarisch demonstriert.8

Es kommt hier nicht darauf an, dies weiter zu vertiefen und einen umfassenden Einblick in die Forschungen zum Ersten Weltkrieg zu geben. Deshalb sei hier nur ganz pauschal auf die neuere Welle von kulturhistorischen Ansätzen verwiesen, die seit den 1990er Jahren zu vielen verschiedenen Themen vorgelegt worden sind. Damit ist eine vergleichende Kulturgeschichte Europas 1914–1918 entstanden.9 In diesem Band jedoch liegt der Fokus auf Entwicklungen in Deutschland. Und gerade für die deutsche Historiografie zum Ersten Weltkrieg lässt sich festhalten, dass die Praxis der Gewalt lange Zeit bestenfalls am Rande zum Thema wurde. Die traditionelle, zumeist in amtlichem Auftrag betriebene Militärgeschichte der Zwischenkriegszeit fand nach 1945 zunächst eine relativ ungebrochene Fortsetzung. Sie erschöpfte sich weitgehend in der Darstellung strategischer und militärpolitischer Fragestellungen, welche sie aus großer Flughöhe beschrieb.10 Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Militärgeschichte bereits seit den 1920er Jahren nicht mehr nur auf die Perspektive der Offiziere und Generalstäbe beschränkt war. Gerade das Reichsarchiv, die für die Sammlung militärischen Schriftgutes 1919 gegründete und formell dem Reichsinneministerium unterstehende Institution, entwickelte wichtige Ansätze zur archivischen Sicherung und Auswertung von Selbstzeugnissen einfacher Mannschaftssoldaten. Damit entfaltete sich bereits frühzeitig eine »Militärgeschichte von unten«, welche den Erlebnissen der Soldaten Raum gab.11 Diese beschränkte sich allerdings auf die Darstellung des Frontgeschehens in populären Genres wie der viel gelesenen Reihe zu den »Schlachten des Weltkrieges«. Analytischen Tiefgang oder gar eine Fokussierung auf die Praxis der Gewalt ließ dieser Ansatz völlig vermissen.

So war die Analyse der Gewalt im Ersten Weltkrieg, ihrer Formen, Kontexte und Auswirkungen, lange Zeit bestenfalls in Randbereichen der akademischen Geschichtswissenschaft angesiedelt. Dazu zählten zum einen kulturhistorisch arbeitende Germanisten, die sich mit der literarischen Verarbeitung des Weltkrieges beschäftigten. Dabei stießen sie zwangläufig etwa auf die Schriften von Ernst Jünger, in denen dieser die im Schützengraben ausgeübte Gewalt zum Auftakt einer neuen, technologisch bestimmten Moderne verklärte (vgl. Kap. 4).12 Ein anderes wichtiges Feld, in dem die Gewalt der Materialschlachten frühzeitig zum Thema wurde, war die Geschichte psychologischer Erkrankungen und Traumata von Soldaten und Offizieren. Zu deren Beschreibung hatten sich unterschiedliche Termini eingebürgert, die jene Psychiater und Psychoanalytiker verwendeten, die bei der Therapie dieser Symptome miteinander konkurrierten. Dazu zählten etwa »Shell Shock« in Großbritannien und »Kriegsneurose« in Deutschland und der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Die ersten Arbeiten zu diesem Thema fokussierten sich dabei auf die Gewalt, die von jenen Psychiatern selbst ausging, die ihre Patienten mit Elektroschocks und Hungerkuren mehr malträtierten als therapierten.13 Bald richtete sich der Blick aber auch auf jene erschütternden Gewalterfahrungen, die in den nervenärztlich definierten Krankheitsbildern zum Vorschein kamen.14

In dieser Perspektive ging es in der Regel um die Soldaten als Opfer einer übermächtigen, von Distanzwaffen wie Artillerie oder Maschinengewehr ausgehenden Gewalt. In ihrer Rolle als Täter wurden die Soldaten des Ersten Weltkrieges so kaum sichtbar. Ausnahmen bestätigen diese Regel. So hat der Historiker Bernd Ulrich etwa eindringlich auf Paul Plaut (1894–1960) hingewiesen, einen jüdischen Mediziner und Psychologen, der mit seinem »psychographischen« Ansatz zu den Außenseitern der Weimarer Psychologie zählte und 1938 vor den Nazis nach England fliehen musste.15 Auf der Grundlage von Fragebögen, die er während des Krieges an Soldaten im Feld verteilt hatte, bis die militärische Zensur dieses Vorhaben unterband, legte Plaut 1920 eine »Psychographie des Kriegers« vor. Anhand dieser Unterlagen diskutierte Plaut auch die Frage, ob moralische oder religiöse Einstellungen das Verhältnis der Soldaten zum Akt des Tötens beeinflussten. Seine Antwort war negativ. Moralische Reflexionen kamen, so Plaut, »als Hemmungen nicht in Betracht«, weil »der Soldat das Töten nicht als Töten im Augenblick des Handelns empfindet«. Erst im Nachhinein stellte sich bei einigen Männern »eine Art moralischen Katers« ein, der aber bald durch die »Gewohnheit überbrückt« wurde. Das Töten im Ersten Weltkrieg war demnach vor allem durch die zunehmende Routine einer tagtäglich ausgeübten Praxis geprägt.16

Fragen der historischen Analyse von Kriegs-Gewalt

Eine direkte Erörterung der Tötungsgewalt setzte gerade in der deutschen Militärgeschichte somit erst auf Umwegen und eher mittelbar ein. Dies geschah, als seit Anfang der 1990er Jahre die Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion ab 1941 in neuer Weise zum Thema wurden. Beispielhaft sei hier etwa auf die Arbeiten von Omer Bartov zur starken ideologischen Motivation der Wehrmachtstäter verwiesen.17 Im Jahr 1995, als die öffentliche Kontroverse um die Wehrmachtssoldaten gerade einem ersten Höhepunkt entgegenstrebte, veröffentlichte der in den USA lehrende Militärhistoriker Michael Geyer einen wegweisenden Aufsatz. Darin forderte er eine »Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht«, und damit auch und gerade vom massenhaften Töten, das im Zentrum des Krieges steht. In bewusst lakonischen Formulierungen skizzierte Geyer das Programm einer Geschichte der neuzeitlichen Kriege, welche diese im Kern als das »System, den Akt und die Folgen des Tötens und Getötet-Werdens« versteht. Eine solche »Geschichte organisierter Tötungsgewalt«, darauf beharrte Geyer, wäre nur dann möglich und »nur dann erträglich, wenn sie sich der Bedingungen des Überlebens« im Krieg vergewissere. Dies zum einen aus praktischen Gründen, denn jedes Gefecht und jede Schlacht produziere nicht nur Tote, sondern eben auch Verwundete und andere, unversehrte Überlebende. Darüber hinaus seien aber, so Geyer, auch Fragen des Erzählens und Erinnerns der Gewalt für diese Maxime leitend. Schließlich seien es nur »die Überlebenden, welche die Geschichte der Toten schreiben können«.18 Die Geschichte des Krieges als eine Geschichte der Tötungsgewalt ist somit auch als eine Arbeit an der kollektiven Erinnerung derjenigen definiert, die im Krieg starben, und als eine Auseindersetzung mit jenen Zeitgenossen, die ihre Geschichte erzählten.

Dieses Programm einer Kriegsgeschichte als Geschichte der organisierten Tötungsgewalt wirft unmittelbar zwei wichtige Fragen auf. Zum einen geht es um das Verhältnis von qualitativen und quantitativen Zugängen zur Analyse der Gewalt. Auf der einen Seite stehen jene, für die sich die Analyse der Gewalt weitgehend in einer »dichten Beschreibung« derjenigen Situationen erschöpft, in denen Gewalt ausgeübt wird. Gewalt erscheint damit als ein Interaktionszusammenhang, oder, sehr überspitzt formuliert, als ein Handgemenge, in dem auf kurze Distanz gehauen, gestochen oder geschossen wird.19 Besonders plastisch wird dieser Ansatz in manchen Veröffentlichungen des Soziologen Wolfgang Sofsky. Dieser beschreibt die Realität des Gefechts als einen »Angriff auf die Sinne«, versetzt den Leser auf anschauliche Weise – offenbar in enger Anlehnung an John Keegans berühmte Beschreibung des ersten Tags der Somme-Schlacht – mitten hinein in einen »Sturmlauf«, und beschreibt dann in ebenso klinischer wie grausam anmutender Detailgenauigkeit die »Wunden«, welche Kugeln und Artilleriegeschosse anrichteten.20 Kein Zweifel: solche Beschreibungen helfen, die blutige Realität des Schützengrabenkrieges nachzuempfinden und Empathie mit den Opfern zu entwickeln. Problematisch ist allerdings, dass dieser Ansatz gänzlich auf der Ebene der Beschreibung verbleibt und damit gerade in der Beschreibung der Opfer mehr einer »Fleischbeschau« ähnelt.21 Über die sozialen Energien und Vergesellschaftungsprozesse, die dafür sorgten, dass Millionen von Männern über Jahre hinweg unter solchen Bedingungen weiter Gewalt ausübten, erfährt der Leser nichts außer dem lapidaren Hinweis, dass im Krieg die Gewalt zum »Selbstzweck« wird und damit selbst den »Willen zum Töten« erzeugt.22 Was bei der Fokussierung auf die »dichte Beschreibung« von Gewalthandlungen nicht in den Blick kommt, ist die fundamentale Tatsache, dass Kriegs-Gewalt organisierte Gewalt ist. Sie wird nicht unmittelbar in der Interaktion der Kämpfenden erzeugt – sofern diese sich diese überhaupt einmal auf Blickweite näherkommen und wahrnehmen –, sondern nur durch das komplexe Gefüge des Militärs als Organisation möglich gemacht. Dieses stellt technische, personelle und institutionelle Ressourcen für die Ausübung von Gewalt bereit und muss diese immer wieder neu ergänzen.23

Auf der anderen Seite stehen jene Forscher, die Gewaltphänomene in erster Linie quantitativ verstehen, als eine Zahl von Tötungsakten und Tötungsdelikten, die sich als Zahlenreihe dann auch im Zeitablauf verfolgen und miteinander vergleichen lassen. Ein prominentes Beispiel für diese Art des Zugriffs hat unlängst der in Harvard lehrende Psychologe Steven Pinker in seiner monumentalen Geschichte der Gewalt von den Anfängen der menschlichen Vergesellschaftung bis in die Gegenwart vorgelegt. Pinker ist darin um den Nachweis bemüht, dass es seit der Frühen Neuzeit einen langfristigen evolutiven Rückgang der Gewalt gegeben habe, der nicht anders als ein Zivilisationsprozess im Sinne von Norbert Elias zu bezeichnen sei.24

Ein Markenzeichen von Pinkers Ansatz ist seine Entscheidung, die Zahl der tödlichen Opfer von Gewalt in der Geschichte auf die in der Mitte des 20. Jahrhunderts anzutreffende globale Bevölkerung zu beziehen. Nur so könne man, vor dem Hintergrund des explosiven demografischen Wachstums in den letzten Jahrzehnten, die epochale Bedeutung vergangener Kriege und Gewaltkomplexe angemessen verstehen. So berechnet, erscheint der Erste Weltkrieg bei Pinker in einer Liste der 21 opferreichsten Kriege der Weltgeschichte gerade einmal auf dem 13. Platz. Diese »Liste der schlimmsten Dinge straft« überhaupt, so Pinker, die »hergebrachte Weisheit Lügen, es habe im 20. Jahrhundert gegenüber dem friedlichen 19. einen Quantensprung der organisierten Gewalt gegeben.«25 Nun ist es gewiss richtig, dass, zumindest gemessen am Prozentsatz der Todesopfer an der Gesamtbevölkerung, der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 die Gesellschaften Mitteleuropas stärker verheert hat als der Erste Weltkrieg.26 Dennoch darf nicht vergessen werden, dass die relativ wenigen Kriege des 19. Jahrhunderts in Europa weitgehend eingehegt blieben, während zum Kontext der Gewalt im Ersten Weltkrieg auch eine weitreichende Debatte über die zunehmende Eskalation von Gräueltaten gegen Zivilisten gehört. Zudem riefen die immensen Verluste, welche der Krieg ab 1914 unter den jungen männlichen Eliten der Studenten hinterließ, nicht nur in Großbritannien eine lebhafte Debatte über die »verlorene Generation« hervor.27 Steven Pinker macht es sich also zu einfach, wenn er die Bedeutung des Ersten Weltkrieges als einer Epochenschwelle in der Ausübung der Gewalt relativieren will, und zwar gerade im Hinblick auf die Wahrnehmung der Zeitgenossen, die einen solchen Einschnitt thematisierten und konstruierten. Ungeachtet vieler Mängel seines Arguments im Detail heißt dies jedoch nicht, dass eine quantitative Analyse der Gewalt per se falsch oder unseriös wäre.28 Vielmehr gilt es, qualitative und quantitative Ansätze miteinander zu verbinden. Wie viele Menschen getötet wurden und mit welchen Gewaltmitteln ist ebenso wichtig wie die Frage, in welchen Kontexten sie getötet wurden, und ob die Täter dabei spezifische Motive verfolgten oder nur aus Routine handelten.

Die zweite wichtige Frage ist die nach der Definition von Gewalt. Das mag als eine rein akademische Angelegenheit erscheinen, ist es aber nur zum Teil. Der Soziologe Heinrich Popitz hat in einem zuerst 1986 erschienenen Buch vorgeschlagen, Gewalt zu verstehen als eine »Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt«.29 Das erscheint auf den ersten Blick lapidar, ist jedoch tatsächlich eine folgenreiche Setzung. Denn diese Definition richtet das Interesse auf die Verheerung der Körper und damit zugleich auf die »äußerste Grenze« und das »Definitivum aller Gewalt«, das im Akt des Tötens liegt.30 Damit erscheinen Zusammenhänge in anderem Licht, die man auch als Teil der Gewaltgeschichte des Ersten Weltkrieges begreifen mag. Dazu zählt etwa die Zerstörung von Landschaften und städtischen Räumen, welche Artilleriegeschosse in Schutt und Asche legten.31 In einigen Fällen sind Gebäude von besonderer kultureller Bedeutung zu Ikonen der Gewalt im Ersten Weltkrieg geworden, da ihre Zerstörung als ein besonders brutaler Akt der Barbarei erschien. Wichtige Beispiele dafür sind etwa die deutsche Beschießung der gotischen Kathedrale von Reims am 19. September 1914 oder der Fall der Universitätsbibliothek im flandrischen Leuven (auf Deutsch: Löwen), welche deutsche Truppen in der Nacht vom 25. zum 26. August in Brand steckten und zerstörten.32 Beide Ereignisse avancierten in der Weltöffentlichkeit rasch zu einem Fanal und wichtigen Symbol, das die angeblich tief verwurzelte Brutalität und Kulturlosigkeit der deutschen Kriegführung grell beleuchtete. Dabei kamen in keinem der beiden Gebäude Menschen zu Schaden, auch wenn die Zerstörung der Bibliothek im Kontext weitreichender Gewaltexzesse des deutschen Militärs gegen Zivilisten geschah, denen ingesamt 248 Bürger von Leuven zum Opfer fielen.33 Es ist gewiss kein Zufall, dass diese beiden symbolträchtigen Fälle sich schon in den ersten Wochen des Krieges ereigneten und dann so breit rezipiert wurden. Bereits aus der Perspektive des Jahres 1918, nach dem Tod von Millionen von Soldaten, erscheint die Zerstörung beider Gebäude eher als eine Art von Kollateralschaden.

Popitz zufolge gilt es, den Begriff der Gewalt nicht »zu dehnen und zu zerren, wie es üblich geworden ist«.34 Warum dies nötig ist, verdeutlicht eine neuere, wichtige Studie von Heather Jones, die den Umgang mit Kriegsgefangenen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien erörtert. Einleitend skizziert die Autorin eine bewusst recht breit gehaltene Definition des Begriffs der Gewalt, die neben der Benutzung auch die »Androhung« physischer Gewalt umfasst. Unter der Hand wird diese breite Definition in der Darstellung dann nochmals erheblich ausgeweitet. Als »violent behaviour« zählt es für Jones somit auch, wenn französische und britische Kriegsgefangene im September 1914 in Torgau von einer aufgebrachten Menschenmenge mit Beschimpfungen empfangen wurden, und eine alte Frau gleich drei Mal in ihre Richtung spuckte.35 Das gleiche gilt für einen Vorfall in Köln, bei dem Zivilisten mehrere Eimer mit kaltem Wasser über britische Kriegsgefangene ergossen.36 Nun gibt es keinen Zweifel daran, dass die betroffenen britischen und französischen Soldaten und Offiziere ein solches Verhalten als ausgesprochen demütigend begreifen konnten. Denn es widersprach dem Kodex für die ehrenvolle Behandlung von Kriegsgefangenen, der eigentlich auch unabhängig von den rechtlichen Normierungen der Haager Landkriegsordnung gelten sollte. Es ist dennoch wenig sinnvoll, jedes öffentlich benutzte Schimpfwort oder Anbrüllen gleich als »verbale« Form der Gewalt neben die physische Attacke zu stellen.37 Eine solche inflationäre Ausdehnung des Gewaltkonzeptes ist deshalb problematisch, da sie die »Verletzungs-Offenheit« (Popitz) des menschlichen Körpers als eine Grundtatsache des Sozialen ignoriert.38 Sich gegenseitig zu beschimpfen oder zu bespucken gehörte um 1900, je nach kulturellem Kontext zumindest abseits der Oberschichten, zum Alltag vieler Menschen in Europa.

Spucke lässt sich allerdings von der Wange abwischen. Eine Kugel im Bauch ist jedoch zumeist tödlich, oder sie hinterlässt zumindest eine bleibende Wunde. Nur im Krieg wurde und wird jene Grundbedingung moderner Gesellschaften systematisch außer Kraft gesetzt, nach der drastische Sanktionen riskiert, wer andere Menschen gezielt verletzt oder tötet. Die »Kriegszeit« ist, so hat Wolfgang Sofsky eindringlich formuliert, »die einzige Zeit, in der das Überleben durch eigenhändiges Töten jeden Tag gefordert wird.«39 Beschreibt man bereits das Beschimpfen von Kriegsgefangenen pauschal als »verbale Gewalt«, gerät deshalb auch ein anderer, überaus wichtiger Aspekt der Kriegsgefangenschaft aus dem Blick. Er galt im Ersten Weltkrieg zumindest für britische und französische sowie deutsche Gefangene in den Händen der westlichen Alliierten: ihre Schutzfunktion für das Leben der Gefangenen. Denn mit gewissen Unterschieden zwischen diesen Ländern lag die Todesquote der Kriegsgefangenen – hervorgerufen durch Krankheit, Unterernährung, und zu einem ganz geringen Prozent- oder besser Promillesatz auch durch körperliche Attacken seitens der Gewahrsamsmacht – im Schnitt der vier Kriegsjahre weit unter der durchschnittlichen Todesrate der aktiven Soldaten. Ein Beispiel: etwa 7.5 Prozent aller Franzosen in deutscher Kriegsgefangenschaft starben, die weitaus meisten von ihnen im Gefolge der dramatisch verschlechterten Ernährungslage im Reich. Die Todesrate der aktiven französischen Soldaten lag dagegen bei knapp 17 Prozent.40 Diese Schutzfunktion der Gefangenschaft wird noch deutlicher, wenn man den statistischen Befund durch die subjektive Wahrnehmung ergänzt: Ungeachtet der Beschimpfungen und gelegentlichen Misshandlungen, die deutsche Soldaten in alliierter Gefangenschaft erleiden mussten, gibt es auch aus dem dritten und vierten Kriegsjahr zahlreiche Selbstzeugnisse aus ihrer Feder, welche die Vorzüge der Gefangenschaft – ein Leben in Sicherheit vor Tod und Verwundung – in bunten Farben ausmalten und ihren Verwandten und Kameraden empfahlen, sich nach Möglichkeit bald gefangennehmen zu lassen.41

Plakative Thesen und ihre Probleme

Das seit den 1990er Jahren vermehrt einsetzende Interesse an der Gewaltgeschichte des Ersten Weltkrieges hat recht bald dazu geführt, dass vor allem angelsächsische Historiker mit sehr plakativen Thesen an die Öffentlichkeit traten. Zwei Beispiele dafür seien kurz genannt. Zum einen das Buch über »Face-to-Face-Killing in Twentieth-Century Warfare«, das die in London lehrende Historikerin Joanna Bourke 1999 veröffentlichte.42 Auf der einen Seite ist dies der erste, zugleich mutige und wichtige Entwurf einer Militärgeschichte, die das Töten ins Zentrum stellt. Bourke analysiert die imaginären Vorstellungen und Fantasien, welche den Soldaten ein Skript lieferten, an dem sie sich bei ihrer Arbeit im Gefechtsfeld orientieren konnten. Und sie beschreibt die Rolle der Militärgeistlichen und Militärpsychiater. Diese kümmerten sich um die Bewältigung moralischer Zweifel und psychischer Traumata, welche sich bei manchen Soldaten einstellten.43 Auf der anderen Seite stellt Bourke zwei ebenso plakative wie fragwürdige Behauptungen in den Raum. Vor allem an Beispielen aus der britischen und amerikanischen Armee im Ersten und Zweiten Weltkrieg entfaltet sie ihre Kernthese, der zufolge viele Soldaten Gefühle der Freude oder gar des Vergnügens beim Töten entwickelten. Dieses »enjoyment of killing« war Bourke zufolge eine wichtige Antriebskraft für die Dynamik der Zerstörung, die sich in beiden Weltkriegen zeigte.44 Problematisch ist zum anderen ihre Fokussierung auf das Töten von Angesicht zu Angesicht, in der direkten Interaktion zwischen den Soldaten. Wie wir unten genauer zeigen, spielten mit der Hand und im Angesicht des Gegners geführte Waffen jedoch für das Töten im Ersten Weltkrieg praktisch überhaupt keine Rolle (vgl. Kap. 2). Gewiss gab es manche Soldaten, die das Töten dennoch vor allem als einen Kampf Mann gegen Mann imaginierten und dabei ihre Fantasie spielen ließen.45 Allerdings gab es noch sehr viel mehr Soldaten, die mit Ernüchterung festellen mussten, dass die Praxis des Tötens weitgehend von der Technik reguliert wurde, und zwar in erster Linie von der Artillerie als der Hauptwaffe des Ersten Weltkrieges. Zu ihnen zählte nicht zuletzt Ernst Jünger, dessen Name in der Regel mit dem Töten von Hand assoziiert wird (vgl. Kap. 4).

Ein anderer Historiker, der zu ebenso plakativen wie pauschalen Behauptungen neigt, ist der in Harvard lehrende Brite Niall Ferguson. In seinem ebenfalls 1999 erschienenen Buch »Der falsche Krieg« stellt er ein Argument vor, das mit Joanna Bourkes erster These übereinstimmt. Ferguson diskutiert die Bedeutung positiver Faktoren für die soldatische Motivation zum Durchhalten. Dabei postuliert er zum einen, dass »viele Soldaten einfach Spaß am Töten [hatten]«.46 Daneben bemüht Ferguson aber auch die Theorie eines »Todestriebes« in der Form, in der Sigmund Freud sie erstmals während des Ersten Weltkrieges entwickelt und dann in seiner Schrift »Jenseits des Lustprinzips« 1920 systematisiert hatte. Diese Theorie scheint Ferguson gut geeignet, um »die Bereitschaft von Millionen von Männern zu erklären, viereinhalb Jahre mit Töten und Sterben zu verbringen.«47 Das Problem solch pauschaler Thesen ist noch nicht einmal so sehr, dass als ›Beleg‹ nur eine winzige Zahl von Zeugnissen angeführt wird, die in keinem Verhältnis zu den Millionen von Soldaten steht, für die sie angeblich Zeugnis ablegen sollen. Das Problem liegt auch nicht so sehr darin, dass sich unter diesen wenigen »Hinweisen« auf mögliche Quellen mit Ernst Jüngers »In Stahlgewittern« ein Text findet, dessen Charakter als literarische Stilisierung im Lichte einer radikal veränderten Quellenlage zu Jüngers Kriegserlebnis heute besser zu erkennen ist als noch 1999.48 Hinreichende Belege dafür, dass Jünger von einem Todestrieb zum Töten motiviert wurde, gibt es im Übrigen weder in »In Stahlgewittern« noch in den originalen Kriegstagebüchern (vgl. Kap. 4). Das eigentliche Problem der Erklärung des Tötens im Ersten Weltkrieg durch einen »Todestrieb« liegt darin, dass sie historisches Verstehen sowohl unnnötig als auch unmöglich macht. Unmöglich deshalb, weil sich die Existenz eines psychodynamisch und vielleicht auch somatisch grundierten Triebes mit den Mitteln der historischen Erkenntnis – also der methodisch geregelten Quellenkritik von Texten und Bildern – weder nachweisen noch widerlegen lässt. Unnötig deshalb, weil das Postulat eines »Triebes« das andere wichtige Instrument des Historikers – die methodisch kontrollierte Kontextualisierung der durch Quellen gewonnenen Einblicke in die Vergangenheit – per definitionem überflüssig macht. Ein Trieb wirkt, auch ohne dass die situativen und wechselnden Kontexte, welche die Handlungsoptionen historischer Akteure begrenzen, systematisch in Betracht gezogen werden müssen. Warum sollte man diese Kontexte dann noch einer genauen Analyse unterwerfen, indem man das Schlachtfeld oder die verschiedenen Mittel des Tötens beschreibt?

Es sollte deutlich geworden sein, warum solch plakative und pauschale Thesen zur Gewalt im Ersten Weltkrieg das historische Verstehen eher behindern denn befördern. Dasselbe gilt für schief angesetzte Metaphern, mit denen die verschiedenen Erscheinungsformen der Gewalt von 1914 bis 1918 zu einem prägnanten Bild gebündelt werden sollen. So erscheint es nur bedingt hilfreich, den Ersten Weltkrieg als eine »Orgie der Gewalt« zu bezeichnen.49 Denn die Metapher der »Orgie« suggeriert doch, dass eine Mehrzahl, wenn nicht gar alle zumindest der als Täter an der Ausübung von Gewalt beteiligten Personen dabei Lust verspürten oder gewannen. Das jedoch ist eine empirisch nicht gedeckte Unterstellung. Sie blendet die breit belegten Momente der Desillusionierung und Verstörung, der Erbitterung und der Schuldgefühle ebenso aus wie das manifeste psychische Trauma und das »Stigma der Gewalt«, das an jenen haftete, die im Krieg getötet hatten.50

Ein Laboratorium der Gewalt

Wenn man zu einer Metapher greifen will, bietet es sich vielleicht an, den Ersten Weltkrieg als ein Laboratorium der Gewalt zu interpretieren. Denn die Armeen aller beteiligten Nationen versuchten während des Ersten Weltkrieges, sich auf die Bedingungen des industrialisierten Krieges einzustellen. Dabei experimentierten sie zum einen mit neuen Waffensystemen wie dem Giftgas, dem Panzer oder der Bombardierung aus der Luft. Aber auch die Praxis des Gefechts veränderte sich. Um der Realität des Schützengrabenkrieges gerecht zu werden, erprobten die Armeeführungen stärker flexibel angelegte Formen der Verteidigung sowie neue Techniken des Angriffs, wie das deutsche Heer mit der Innovation der Stoßtrupptaktik demonstrierte (vgl. Kap. 4).51

Mit der Metapher des Laboratoriums lässt sich zugleich betonen, dass die Dynamik der Gewalt von 1914 bis 1918 nicht einem festen Plan oder Schema folgte, sondern durchaus kontingent und in ihrem Ausgang offen war. Kaum etwas belegt dies besser als das »endgame« der deutschen Kriegführung, die Offensiven im Frühjahr 1918. Anfänglich brachten sie dramatisch anmutende Geländegewinne, die nicht nur aus der Perspektive der Generäle vorteilhaft mit der jahrelangen Stagnation des Grabenkrieges kontrastierten. Doch bereits seit dem Sommer, als weitere Erfolge ausblieben, erfolgte eine sukzessive Auflösung des Heeres an der Westfront. Dass Hunderttausende von deutschen Soldaten sich in einem »Militärstreik« eigenmächtig auf den Weg nach Hause machten und damit maßgeblich zur Beendigung des Krieges beitrugen, dies konnten noch im Frühjahr 1918 nur wenige hellsichtige Beobachter vorhersehen (vgl. Kap. 6 und 7).

Einer solchen, die Kontingenz und Offenheit der Entwicklungen vor und nach 1918 betonenden Lesart stehen Interpretationen entgegen, welche die Kontinuität zum Zweiten Weltkrieg als einem genozidalen Krieg und damit auch zum Holocaust betonen. Die Metapher des Laboratoriums der Gewalt weist in dieser Lesart darauf hin, dass die Kriegführung der Jahre 1914–1918 Praktiken und Elemente jener Eskalation der Gewalt vorwegnahm, die ab 1939 zur gezielten Zerstörung ganzer Länder und zur Auslöschung von Minderheiten wie den Juden führte. Ein Beispiel für solche Kontinuitätsannahmen sind etwa die Arbeiten von Omer Bartov, in denen er die Imagination der Gewalt im Zeitalter der totalen Kriege verfolgt. Bartov behauptet in diesem Zusammenhang unter anderem, dass der Holocaust »the almost perfect reenactment of the Great War (and its own imagery of hell)« gewesen sei, wobei mit »reenactment« sowohl die Wiederholung als auch das Nachstellen und Nachspielen einer früheren Szenerie gemeint sein kann. Der einzige wichtige Unterschied bzw. die einzige wichtige »Korrektur« habe im Holocaust darin gelegen, dass nunmehr »alle Täter auf der einen Seite standen, und alle Oper auf der anderen Seite.« Ansonsten hätte es alle anderen Elemente dieses Syndroms der totalen Gewalt bereits im Ersten Weltkrieg gegeben: »Stacheldraht, Maschinengewehre, verkohlte Körper, Gas, Uniformen, militärische Disziplin, Baracken.«52

Dabei ist sich Bartov durchaus bewusst, dass es eine fundamentale Differenz gibt zwischen einem Krieg, in dem sich Soldaten nach bestimmten Regeln wechselseitig verletzen und töten, sowie einem Völkermord, der gerade durch die völlige Recht- und Wehrlosigkeit der Opfer gekennzeichnet ist. Sein Argument zielt wohl eher darauf, dass erst mit der Einführung eines durch Maschinen geprägten Schlachtfeldes die Tötung ganzer Völker und Volksgruppen denkbar und möglich wurde.53 Doch diese Annahme ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig und falsch. Falsch deshalb, weil der Völkermord an den Armeniern 1915/16 zeigte, dass Genozide auch ohne den Einsatz von komplexer Technologie durchgeführt werden können. Fragwürdig deshalb, weil es sich kaum plausibel zeigen lässt, dass die Perzeption oder Imagination der Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges die mörderische »Fantasie« jener NS-Planer anregte, die den Holocaust vorantrieben. Zudem geht mit dem Fokus auf technische Äußerlichkeiten wie Stacheldraht oder Uniformen eine wichtigere Frage verloren: In welchem Ausmaß nahmen die an der Gewalt des Ersten Weltkrieges beteiligten Täter ihre Gegner – Soldaten wie Zivilisten – als minderwertig wahr und verstanden den Krieg deshalb zugleich als einen Eingriff zur Umgestaltung ihrer Lebensverhältnisse? Erst in dieser Perspektive lässt sich feststellen, ob und inwieweit die Moral der Täter des Vernichtungskrieges ab 1939 auf Wahrnehmungen und Ressentiments der Soldaten des Ersten Weltkrieges aufbaute bzw. diesen ähnelte (vgl. Kap. 3 und 4).54 Ob Kontinuitätslinien möglicherweise in einer Glorifizierung der Gewalt nach 1918 liegen, wird unten in Kapitel 8 angesprochen.55

Zur Struktur dieses Bandes

Die Kapitel dieses Bandes bieten weder eine pauschale These an, mit der sich die Dynamik der Gewalt im Ersten Weltkrieg bündig auf den Punkt bringen ließe, noch haben sie eine umfassende Erklärung für die Eskalation der Gewalt von 1914 bis 1918 parat. Das erste Ziel wäre aus den genannten Gründen unseriös, das zweite Ziel ist aus forschungspragmatischen Gründen unmöglich.56 Der rote Faden der folgenden Kapitel liegt vielmehr im Bemühen um Differenzierung bei der Beschreibung und Analyse von Gewalt und Gewaltbereitschaft. Differenzierung ist dabei in verschiedener Hinsicht zu verstehen. Zunächst einmal zeitlich, etwa im Hinblick auf Unterschiede zwischen dem ersten und dem letzten Kriegsjahr. Dann aber auch sozial, zum Beispiel in Bezug auf Unterschiede zwischen Wehrpflichtsoldaten verschiedener sozialer Herkunft auf der einen Seite und Offizieren auf der anderen Seite.57 Sodann gilt es auch, zwischen verschiedenen Räumen der Gewaltausübung zu differenzieren. Dabei ist zunächst an die Unterschiede zwischen der Westfront und der Ostfront zu denken, wobei sogleich darauf hinzuweisen ist, dass die Praxis der Gewaltanwendung im Osten – der »vergessenen Front« – trotz vielfältiger Hinweise auf dieses Desiderat immer noch schlecht erforscht ist.58 Diskrepanzen in der Form und Bekämpfung der Gewaltverweigerung zwischen Ost und West lassen sich dagegen deutlicher erkennen (vgl. Kap. 5). Aber auch zwischen verschiedenen Abschnitten derselben Front gab es erhebliche Unterschiede in der Intensität und Praxis der Gewalt.

Ein weiterer Aspekt der Differenzierung in der Gewaltanalyse knüpft an die oben diskutierten Überlegungen von Michael Geyer an. Demnach ist es nötig, neben den Bedingungen des Tötens auch die des Überlebens in den Blick zu nehmen. Denn die Chance des Überlebens gehörte zu jenen Bedingungen, welche die Praxis des Tötens determinierten. Die Soldaten des Ersten Weltkrieges nahmen nicht an einer Kamikaze-Aktion teil, an deren Ende stets die notwendige Selbstzerstörung stand. Sie orientierten sich vielmehr an Erwartungen darüber, ob und wann ihre Beteiligung am Kampf zu ihrem Überleben beitragen würde. Hinzu kommt ein Weiteres: zu jeder Armee im Krieg gehört auch die Geschichte derjenigen, die sich entweder von vornherein nur widerstrebend am Töten beteiligen, oder die bei einer sich bietenden Gelegenheit versuchen, sich dem Dienst an der Waffe und damit dem Töten und Getötet-Werden zu entziehen. Man kann diese Soldaten als »Kriegsunfreiwillige« (Michael Geyer) bezeichnen, im Unterschied zu jenen zumeist noch jungen Kriegsfreiwilligen, die sich vor allem im Sommer und Herbst des Jahres 1914 aus eigenem Antrieb zum Dienst an der Waffe meldeten.59 Die Geschichte derjenigen Soldaten, die sich dem Mitmachen an der Maschinerie der Gewalt entzogen, ob für kurze Zeit oder auf Dauer, ist immer noch ein bestenfalls marginales Thema in der Geschichtsschreibung und öffentlichen Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges.60

Dazu haben wohl vor allem zwei Dinge beigetragen. Zum einen die Tatsache, dass die Verweigerung der Soldaten nur in seltenen Ausnahmen in der spektakulären Form der Meuterei erfolgte. Solche Szenen des kollektiven Widerstands, in denen eine ganze Division oder gar Armee sich gegen ihre Vorgesetzten wandte und politisch-militärische Forderungen aufstellte, blieben im Ersten Weltkrieg eine seltene Ausnahme. Von den großen kriegführenden Mächten in der Mitte und im Westen Europas war bis zum Waffenstillstand nur die französische Armee davon betroffen, und zwar im Frühjahr 1917.61 Die »Kriegsunfreiwilligen« handelten also zumeist nicht als eine Gruppe mit klar umrissenem Profil und in »heroischen Akten« der Renitenz, sondern auf eigene Faust. Sie nutzten die Nischen und Scharnierstellen in dem bürokratischen Apparat der Millionen mobilisierenden Massenheere dazu, dem Militär »ein Schnippchen« zu schlagen und möglichst unbemerkt abzutauchen.62 Hinzu kommt zweitens, dass diese individuellen Verweigerer der Gewalt oft zu den marginalisierten Gruppen in den Nationalstaaten Europas gehörten: zu den oft illiteraten und nur aspekthaft in die Nation integrierten Kleinbauern oder zu den nationalen Minderheiten (vgl. Kap. 5). Ihr Verhältnis zur »Sprache der nationalen Verpflichtung«, welche die öffentliche Praxis und symbolische Repräsentation der Wehrpflicht im Krieg regelte, war also von vornherein gebrochen.63 In der stets auf den Nationalstaat bezogenen Kriegserinnerung der Jahre nach 1918 hatten diese Gruppen deshalb keinen Platz. Nichts verdeutlicht dies besser als das Schicksal der Kriegserinnerungen des elsässischen Bauernsohnes Dominik Richert. Darin schildert Richert auch jenen Moment im Sommer 1918, als er, der von Beginn an ein »Kriegsunfreiwilliger« gewesen war, schließlich zu den Franzosen überlief. Das Manuskript lag über Jahrzehnte hinweg unbeachtet in einem deutschen Militärarchiv, bis der Historiker Bernd Ulrich es in den 1980er Jahren entdeckte und publizierte.64

Aus diesen Überlegungen, in denen die Differenzierungen in der Praxis der Gewalt sowie die Verbindungen zwischen dem Töten, Überleben und Verweigern im Zentrum stehen, ergibt sich die Struktur des vorliegenden Bandes. Die Kapitel des ersten Abschnittes diskutieren Gewaltpraktiken. Dabei gibt es zunächst einen breit angelegten Überblick über die Kontexte, in denen sich das Töten und Überleben der Soldaten des Ersten Weltkrieges vollzog (Kap. 2). Dies geschieht in vergleichender Perspektive, welche die wichtigsten kriegführenden Nationen auf dem europäischen Kriegsschauplatz einbezieht. Neben nationalen Unterschieden werden dabei auch die übergreifenden Gemeinsamkeiten deutlich, die es in der Kriegsbereitschaft und in der sprachlichen Ausdeutung der Gewalt etwa bei Soldaten aus dem bäuerlichen Milieu oder der sozialistischen Arbeiterschaft in verschiedenen Ländern gab. Das folgende Kapitel fokussiert sich auf die Kriegsbereitschaft der deutschen Soldaten in den ersten Monaten des Krieges im Jahr 1914 und auf die vielen widersprüchlichen Erfahrungen, die sie in der ersten Begegnung mit der Realität des maschinisierten Krieges machten (Kap. 3). Dabei treten wichtige Unterschiede in der Perzeption des Gegners und potenziellen Opfers der Gewalt zwischen Ost und West hervor. Am Schluss dieses Abschnittes steht eine biografische Fallstudie zu Ernst Jünger als einem Praktiker des Tötens (Kap. 4). Der Kriegsfreiwillige und Stoßtruppleutnant Jünger ist in vielen Darstellungen zu einer Art Kronzeugen für Interpretationen geworden, welche die Radikalisierung der Gewalt im Ersten Weltkrieg zentral stellen. Wie bereits erwähnt, dienen dafür seine literarischen Schriften als Vorlage oder ›Materialgrundlage‹, insbesondere »In Stahlgewittern« (1920). Aufgrund der Veröffentlichung von Jüngers originalen Kriegstagebüchern besteht heute die Möglichkeit, einen neuen, zugleich distanzierten und differenzierten Blick darauf zu werfen, wie Jünger tatsächlich Tötungs-Gewalt ausübte und in seinem Nahumfeld beobachtete.

Im zweiten Abschnitt dieses Bandes rückt die Gewaltverweigerung in den Mittelpunkt. An erster Stelle steht dabei ein breit angelegter Überblick über die wichtigste Verweigerungsform im deutschen Weltkriegsheer, die Fahnenflucht oder Desertion, ihre Kontexte, Motive und praktischen Hindernisse (Kap. 5). Auch wenn eine exakte Bestimmung des Ausmaßes der Fahnenflucht nicht möglich ist, lassen die vorhandenen Zahlen erkennen, dass Desertion alles andere als ein marginales Phänomen war. Zugleich wirft ein wichtiger Quellenfund ein Schlaglicht auf die Tatsache, dass Gewaltverweigerung auch die Gegengewalt des militärischen Apparats provozierte. Denn im Kontext der Hinrichtung eines elsässischen Fahnenflüchtigen ließ ein Offizier 1917 durchblicken, dass solche Exekutionen häufig stattfanden, um potenzielle Deserteure abzuschrecken. Das folgende Kapitel konzentriert sich dann auf jenen Moment im Jahr 1918, in dem an der Westfront Gewaltbereitschaft in massenhafte Verweigerung umschlug (Kap. 6). Die Enttäuschung hochgespannter Erwartungen setzte unter den deutschen Truppen einen folgenreichen Prozess des Stimmungswandels in Gang, in dessen Gefolge nur noch der baldige Friede zählte. Im Kontext dieser Welle der Enttäuschung kam es zu einem »verdeckten Militärstreik« (Wilhelm Deist), der durch massenhafte individuelle Drückebergerei das deutsche Heer von innen aushöhlte. Doch diese Interpretation des Geschehens in den letzten Kriegsmonaten ist nicht unbestritten geblieben. Auf der Basis neu erschlossenen Quellenmaterials versuche ich deshalb, zu einer Klärung strittiger Fragen beizutragen und die genauen Konturen der Verweigerung im Herbst 1918 aufzuzeigen (Kap. 7).

Abschließend geht es um das Problem der Gewaltverarbeitung. Die Kapitel dieses Abschnitts werfen die Frage auf, in welcher Form die Gewalterfahrung des Weltkrieges die deutsche Gesellschaft nach 1918 prägte. Dabei geht es zunächst um die äußerst kontrovers diskutierte Frage der »Brutalisierung« der deutschen Veteranen in der Weimarer Republik (Kap. 8). Dieses Thema verbindet die Gewaltpraxis während des Krieges mit den Nachwirkungen und der Reintegration in die zivile Gesellschaft danach. Die »Brutalisierung« der Weimarer Gesellschaft und Kultur ist nicht zuletzt deshalb ein ebenso wichtiges wie kontroverses Thema, weil sie sich mit der Frage nach den Ursprüngen und Möglichkeitsbedingungen des Nationalsozialismus verbindet.65 Politische Gewalt war eine Konstante der NS-Bewegung. Ob dies seine Ursprünge in den Jahren 1914–1918 hatte, ist immer wieder zu fragen. Auch beim Thema Gewaltverarbeitung gilt es jedoch zu differenzieren. Pauschale Thesen über eine ganze Generation von Soldaten, die im Krieg brutalisiert worden seien, sind verfehlt. Denn eine erhebliche Zahl deutscher Kriegsteilnehmer unterstützte nach 1918 pazifistische Ziele. Auch das war allerdings nicht einfach eine unmittelbare Konsequenz des an der Front Erlebten, sondern setzte biografische Brüche und Lernprozesse voraus. Diesen Fragen geht eine biografische Fallstudie zu Hermann Schützinger nach (Kap. 9). Schützinger ist heute nur noch wenigen Experten ein Begriff. Ende der 1920er Jahre war er dagegen als moderater Sozialdemokrat und Führer des Reichsbanners in ganz Deutschland derart bekannt, dass Postkarten mit seinem Konterfei gedruckt wurden. Die pazifistische Abkehr von der Gewalt war in Schützingers Fall besonders langwierig und komplex, weil er als aktiver bayerischer Offizier in den Krieg gezogen war und an der Front bis kurz vor dem Waffenstillstand 1918 die militärische Karriereleiter weiter erklomm.

An eine heute weitgehend vergessene Facette der Verarbeitung des Ersten Weltkrieges in Deutschland erinnert auch das letzte Kapitel dieses Bandes (Kap. 10). Es stellt zwei literarische Bestseller der zwanziger Jahre vor, die sich in militärkritischer und pazifistischer Absicht dem »Etappenmilitarismus« widmeten, also der Korruption und moralischen Verkommenheit der deutschen Besatzungsherrschaft in Belgien und Nordfrankreich. Ihre Autoren, Heinrich Wandt und Wilhelm Appens, waren – in unterschiedlichen Schattierungen – überzeugte Sozialisten, die beide auch im demokratischen Weimarer Staat Sanktionen bzw. offene Repression als Reaktion auf ihre Kritik erleiden mussten. Das Ziel der Analyse und Kontextualisierung ihrer Texte ist nicht etwa die Frage, inwieweit diese die Realität der deutschen Herrschaftspraxis in der Etappe authentisch wiedergaben. Dies muss der Forschung zur deutschen Okkupationspolitik in Belgien und Nordfrankreich vorbehalten bleiben, die nach langer Verzögerung nun an Dynamik gewinnt.66 Im Zusammenhang der Leitfrage dieses Bandes ist vielmehr relevant, wie Appens und Wandt das abseits der Front gelegene Etappengebiet zu einem Ort besonderer Gewaltsamkeit konstruieren, während aus der zeitgenössischen Perspektive der Frontsoldaten gerade die Abwesenheit von Gewalt und Lebensgefahr die Besonderheit der Etappe ausmachten. Darin spiegelt sich wohl nicht zuletzt das Bemühen wider, der Frage nach der Verantwortung deutscher Soldaten für das Töten im Krieg durch Dethematisierung auszuweichen.

Abschließend sei kurz auf einige wichtige Aspekte des Themas hingewiesen, die in diesem Band nicht erörtert werden. Dazu zählt zum einen der Krieg in den deutschen Kolonien. Die dramatische Radikalisierung der Gewalt in den deutschen Kolonialkriegen des frühen 20. Jahrhunderts ist in den letzten Jahren intensiv diskutiert worden. Für den Weltkrieg ist dabei etwa an Deutsch-Ostafrika zu denken, wo eine zahlenmäßig eher geringe deutsche »Schutztruppe« unter Paul von Lettow-Vorbeck mit der Hilfe einer weitaus größeren Zahl indigener Träger und Soldaten bis 1918 gegen alliierte Truppen hinhaltenden Widerstand leistete. Der dafür nötige Guerillakrieg zerstörte die über Jahrzehnte etablierte koloniale Ordnung und setzte damit neue Gewalt frei.67 Ein anderes Thema, das ich hier nicht berücksichtigen konnte, ist die langfristige Perspektive der Medialisierung und Erinnerung des Ersten Weltkrieges, auch über das Jahr 1945 hinaus. Dafür waren neben Romanen und Gedichten auch Filme bereits in der Zwischenkriegszeit ein zunehmend wichtiges Medium, in dem die Praxis der Gewalt symbolisch verdichtet und gedeutet wurde.68 Schließlich kommt in diesem Band auch die Geschlechtergeschichte der Gewalt nur ganz kursorisch zur Sprache. Dabei ist der Zusammenhang von Männlichkeitsbildern und Gewaltpraktiken in den letzten Jahren vermehrt in den Blick gekommen (vgl. Kap. 4). Für das deutsche Weltkriegsheer steht die Forschung hier aber, im Unterschied etwa zu Großbritannien, noch ganz am Anfang.69

Wenn von 2014 bis 2018 an die hundertjährige Wiederkehr des Ersten Weltkrieges erinnert wird, geschieht dies in Deutschland – mehr noch als in jedem anderen Land – auch unter der Fragestellung, welchen Platz die Gewalt dieses Krieges in der von Gewalt geprägten Geschichte Europas bis 1945 hatte, als direkte soziale Praxis und in ihren politischen und kulturellen Nachwirkungen. Damit rückt eine Dimension des Krieges ins Blickfeld, die lange Zeit nur am Rande behandelt wurde. Zu ihrer systematischen Analyse einen Beitrag zu leisten, ist das Ziel dieses Bandes.

I.Gewaltpraktiken

2. Die Soldaten des Ersten Weltkrieges:Töten, Überleben, Diskurse der Gewalt

Die Frage, warum es die Soldaten des Ersten Weltkrieges knapp vier Jahre unter extrem unwirtlichen Bedingungen an der Front aushalten konnten, ist oft gestellt worden. Im Kern zielt sie auf das Verständnis jener Ressourcen, die es ihnen erlaubten, Gewalt unter Bedingungen auszuüben, die den Täter mit einer hohen Wahrscheinlichkeit an einem gewissen Punkt selbst zum Opfer werden ließ. Ein solches Verhalten scheint auf den ersten Blick dem Verständnis von Gewalt als einer Machtaktion zu widersprechen. Gewalt ausüben heißt demnach, einem Opfer Schmerz zuzufügen, um daraus Gewinn, Selbstbestätigung oder andere Vorteile zu ziehen. Warum Millionen von Männern bereit waren, ohne die unmittelbare Aussicht auf eine solche Gratifikation ihr eigenes Leben in einem von Gewaltmitteln dominierten und zerfurchten Raum zu verbringen, scheint deshalb immer wieder fraglich, wenn nicht sogar rätselhaft. Es ist jedoch nicht empfehlenswert, diese Frage im Sinne eines Rätsels beantworten zu wollen, für das ein simples Lösungswort gefunden werden muss. Ebenso problematisch ist es, die Antwort auf einfache Entgegensetzungen zuzuspitzen, die dann eine Entscheidung für eine der beiden Seiten verlangen.

Ein Beispiel dafür ist die Debatte um »Zwang« oder »Konsens« als Grund für die Durchhaltebereitschaft der Soldaten. Sie wird auch im angelsächsischen Raum geführt, hat aber ihre eigentliche Heimat in Frankreich. Dort tobt seit den 1990er Jahren eine erbitterte Kontroverse über die Kriegsbereitschaft der poilus. Deren Durchhaltebereitschaft basierte, so die eine Seite, zu einem großen Teil auf der authentischen Motivation, die eine nationalistische Kriegskultur bereitstellte. Die französischen Soldaten fochten für Frankreich als Verkörperung von Freiheit und Zivilisation, und der Hass gegen den in ihrer Wahrnehmung zentralen Feind dieser Werte – also das deutsche Kaiserreich – trieb sie voran. Auf der anderen Seite stehen jene Historiker, die den Zwang betonen, den ein straffes Disziplinarsystem und die gerade in der Ahndung der Meutereien im Frühjahr 1917 brutale Militärjustiz ausübten. Die poilus kämpften, so die Antwort dieser Seite, weil die repressive Maschinerie des Militärs ihnen keine andere Wahl ließ.1 Es ist unschwer zu erkennen, warum die Vertreter der zweiten Lesart die besseren Argumente auf ihrer Seite haben. Die Vertreter des Ansatzes der »Kriegskultur« können zumeist nur auf die Zeugnisse von Intellektuellen verweisen, um die Wirkung von Feindbildern als Motivation nachzuweisen. Davon abgesehen ist es auf den ersten Blick plausibel, dass Soldaten in ein rigides disziplinarisches Korsett eingezwängt waren, welches ihre Handlungsoptionen dramatisch einengte.

Dennoch bietet die zweite Lesart keineswegs eine umfassende Erklärung des Geschehens auf dem Schlachtfeld an. Denn selbst das Anwenden von Zwang und Repression kann nicht zur Gänze erklären, warum die Soldaten auf dem Gefechtsfeld ihre Waffen effektiv einsetzten oder warum sie an die Front zurückkehrten, obwohl sie dort bereits einmal eingesetzt oder gar verwundet worden waren. Das historische Begreifen dieser Zyklen der Gewalt- und Einsatzbereitschaft erfordert ein Verständnis der Widersprüche, die das Leben und Handeln der Soldaten bestimmten. Dazu soll im Folgenden zunächst das Töten und Sterben im Krieg analysiert werden. Unser Wissen darüber entstammt allerdings zu einem großen Teil den Berichten derjenigen, die dem Töten entronnen sind. Die genaue Untersuchung des Überlebens muss in einem zweiten Schritt folgen, da die Bedingungen des Sterbens auch die des Überlebens sind und die Chancen des Überlebens maßgeblichen Einfluss auf die Bereitschaft hatten, sich weiterhin am Töten zu beteiligen. Schließlich war das Töten eingebettet in tradierte Deutungsmuster der Soldaten und in ihr Bemühen um Sinnstiftung. Erst in diesem dritten Analyseschritt kann anhand der kulturellen Aufladung des Krieges differenziert werden, ob und bei welchen Soldaten die Gewaltbereitschaft bereits in der Vorkriegszeit ausgebildet oder neu entwickelt, nur vorübergehend oder dauerhaft vorhanden oder exzeptionell groß war. Viele der quantitativen Angaben und individuellen Beispiele in diesem Kapitel beziehen sich dabei auf das deutsche Weltkriegsheer. Soweit das auf knappen Raum möglich ist, wollen wir versuchen, die Entwicklungen in den wichtigsten am Krieg beteiligten europäischen Armeen vergleichend im Blick zu behalten.

1. Töten und Sterben

Es folgen zunächst einige quantitative Daten zu den Todesopfern, Verwundeten und Erkrankten. Diese vermitteln ein Bild davon, wer im Ersten Weltkrieg an der Front starb und wer tötete. Diese Zahlen geben so auch eine detaillierte Vorstellung von der inneren Schichtung der Gewaltopfer und -mittel.2 Sie tragen somit nicht nur zu einer tieferen Kenntnis der demografischen Folgen des soldatischen Kriegseinsatzes bei, sondern geben auch erste Hinweise über strukturelle Hintergründe der Differenzierung des Fronterlebnisses. Vor allem aber weisen sie darauf hin, dass die Tötungsgewalt im Ersten Weltkrieg in räumlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht strukturiert war. Und Strukturierung heißt dabei immer auch Differenzierung, was schlicht – und überspitzt formuliert – bedeutet, dass nicht alle gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges an einem Tag und an einem Ort starben. Dies ist eine banale Einsicht. Dennoch fällt auf, wie viel Mühe es selbst renommierte Soziologen und Sozialhistoriker des Krieges kostet, sie zu verstehen und zu beherzigen. Denn in vielen Darstellungen konzentriert sich das Interesse immer noch auf diejenigen, die in den Materialschlachten der Jahre ab 1916, also etwa bei Verdun oder an der Somme, »gefallen« sind. Diese Zahlen werden von einigen Historikern gerne angeführt, um das Grauen des Ersten Weltkrieges symbolisch zu verdichten. So kann man etwa lesen, dass bei Verdun insgesamt »rund 420.000 Soldaten getötet« worden seien.3 Tatsächlich hatte die bei Verdun eingesetzte 5. Armee während der Dauer der Schlacht von Februar bis Dezember 1916 einen Ausfall von »nur« – und dieses Wort ist hier durchaus angebracht – 81.668 Toten und Vermissten zu verzeichnen.4 Die tödlichen Verluste der französischen Truppen bis Ende 1916 bewegten sich in einer ähnlichen Größenordnung. Selbst wenn man unterstellt, dass bis Kriegsende noch weitere Soldaten auf diesem Schlachtfeld fielen, ist die Angabe von 420.000 um mehr als das Doppelte überhöht. Hätte es tatsächlich rund 200.000 deutsche Gefallene bei Verdun gegeben, wäre fast jeder zehnte tote deutsche Soldat an diesem einen Ort gestorben. Davon kann jedoch keine Rede sein. Tatsächlich dienen solche Angaben eher der Dämonisierung des Kriegsschreckens denn seiner nüchternen Analyse.

Es ist eine richtige Strategie, sich der Form und Dynamik des Tötens über die Zahlen der Opfer anzunähern. Aber dies müssen Daten sein, welche Auskunft über die Rhythmen und Konfigurationen des Tötens geben und überdies Vergleiche erlauben. In einem ersten Schritt sei dafür zunächst auf die Quote der pro 1.000 Kriegsteilnehmer Gefallenen verwiesen. Im Ersten Weltkrieg waren dies 34 Getötete pro 1.000 Soldaten. Demnach war der Erste Weltkrieg, worauf Michael Geyer hingewiesen hat, »für das deutsche Heer nicht sehr viel tödlicher« als der Krieg von 1870/71, in dem die preußische Armee das von Napoleon III. beherrschte Frankreich besiegt hatte. Denn dort hatte die Todesquote bei 30 von 1.000 Kriegsteilnehmern gelegen. Der Unterschied zwischen beiden Kriegen lag also nicht so sehr in der unterschiedlichen Zerstörungskraft des industrialisierten Krieges und seiner maschinell gefertigten Waffensysteme. Er lag vielmehr in der Länge des Krieges (52 Monate hier, nur 12 dort, wobei sich die eigentliche Kampfzeit auf sechs Monate reduzierte) und in der Möglichkeit, von 1914 bis 1918 einen viel größeren Anteil der männlichen Bevölkerung für das Militär zu mobilisieren: knapp ein Fünftel, verglichen mit 3.6 Prozent im Krieg von 1870/71.5 Das unbestreitbare Grauen des Ersten Weltkrieges war also nicht das unmittelbare Resultat einer immens vergrößerten Durchschlagskraft tödlicher Waffensysteme, auch wenn bestimmte Waffen, wie wir gleich sehen werden, eine zentrale Rolle beim Töten spielten. Die fundamentale Bedingung für das gesamte Ausmaß des Tötens und Sterbens in den Jahren 1914–1918 war vielmehr die Fähigkeit des Staates, personelle Ressourcen über einen langen Zeitraum zu mobilisieren, auch über eine Krise der Mobilisierungsfähigkeit hinweg. Diese trat in Deutschland, wie in den meisten anderen beteiligten Nationen, 1917 ein. Sie zeigte sich hier etwa in den Lebensmittelprotesten der Frauen und der Streikbewegung im April dieses Jahres.6 Auch deshalb gilt es, neben den Zwangsmitteln des Staates im dritten Abschnitt dieses Kapitels die Diskurse der Gewalt zu analysieren. Denn sie stellten emotionale Ressourcen bereit, welche den betroffenen Männern diese Mobilisierung erleichterten.

Die Strukturierung und Differenzierung des Tötens zeigt sich sodann vor allem darin, dass das Sterben sehr ungleichmäßig über die vier Kriegsjahre verteilt war. Die drei ersten, durch den Bewegungskrieg geprägten Monate brachten im Westen Verlustraten für die gesamte deutsche Armee, die auch während der Materialschlachten des Jahres 1916 im Durchschnitt aller Truppen an der Westfront nicht einmal annähernd wieder erreicht wurden. Dies gilt im Übrigen für die französische wie auch für die deutsche Armee, auf deren Datenmaterial wir uns hier konzentrieren.7 Die Statistiker berechneten hier eine monatliche Verlustquote, auch »Gesamtausfall« genannt. Dieser ergab sich aus der Zahl der in einem Monat als gefallen und vermisst gemeldeten Soldaten sowie aus der Zahl all jener, die längerfristig krank oder verwundet waren. Von diesem Betrag zog man jene ab, die als »dienstfähig« wieder zur Truppe zurückkehrten. Die Verlustquote der deutschen Truppen an der Westfront betrug 12.4 Prozent im August und 16.8 Prozent im September 1914. Über den ganzen Kriegsverlauf bis zum Juli 1918 hin lag die durchschnittliche Monatsquote im Westen dagegen nur bei 3.5 Prozent. Einen Anstieg der Verlustzahlen, der den Verhältnissen der ersten Kriegsmonate zu Spitzenzeiten annähernd gleichkam, brachte erst wieder das letzte Kriegsjahr. Die Frühjahrsoffensive des Jahres 1918 erzeugte im März und April im deutschen Westheer eine Verlustquote von 6.0 bzw. 6.8 Prozent. Vor allem die Rückzugskämpfe der letzten Kriegsmonate hatten noch sehr viel höhere Verluste zur Folge, auch wenn die lückenhafte Datengrundlage detaillierte Aussagen erschwert.

Gravierend war auch die Differenz zwischen den Fronten. Die deutschen Verbände an der Ostfront wiesen bereits 1916/17 nur noch ein gutes Drittel des im Westen gezählten Gesamtausfalls auf. Als Folge der im Osten seit dem 7. Dezember 1917 geltenden Waffenruhe mit Russland sank diese Zahl im folgenden Jahr auf noch nicht einmal ein Zehntel des im Westen anzutreffenden Wertes ab. Von der Dynamik des Tötens her gesehen, ist der zumeist anzutreffende Fokus auf die Westfront also durchaus berechtigt. Denn dort starb man häufiger und über einen längeren Zeitraum als im Osten. Dramatische Ungleichgewichte bestanden schließlich in der Verteilung des Sterbens auf die Altersgruppen. Annähernd die Hälfte aller Gefallenen in der deutschen und der britischen Armee waren der Altersgruppe der 19 bis 24- Jährigen zuzurechnen. Soldaten im Alter von über 35 Jahren stellten insgesamt etwas mehr als 30 Prozent der Mannschaften, machten aber nur gut ein Zehntel der Toten aus.8 Dabei verschoben sich die Gewichte erst im Verlauf des Krieges so zu den jüngeren Altersklassen. In den beiden letzten Kriegsjahren stellte bereits die kleine Gruppe der 18 bis 20-jährigen Soldaten knapp ein Viertel aller Toten! Vor allem die während des Krieges neu eingestellten Wehrpflichtigen waren somit einem extrem hohen Risiko ausgesetzt.

Einige der in diesen dürren Zahlen zusammengefassten Sachverhalte gilt es kurz zu vertiefen. Im Hinblick auf die Frage nach den Bedingungen der Gewaltbereitschaft ist zunächst von Bedeutung, dass der Krieg gerade zu Beginn besonders verlustreich war, also zu einem Zeitpunkt, als ein Teil der Soldaten eine überschäumende, die anderen zumindest noch eine erhebliche Kriegsbereitschaft mit an die Front brachten (vgl. Kap. 3). Vergleichbares gilt für die jüngsten, familiär nicht gebundenen Soldaten. Diese waren den Selbstzeugnissen zufolge im Schnitt überaus positiv zu ihrer Rolle als Soldat und zur Möglichkeit der »Bewährung« im Kampf eingestellt. Gerade sie waren es, die insbesondere in der Infanterie die intensivsten Kämpfe erlebten und am Gewalthandeln aktiv wie passiv weitaus mehr beteiligt waren als ältere Soldaten. Anders gewendet, töteten und starben im Verlauf des Krieges also vor allem jene jungen Männer, die dazu am ehesten bereit waren. Viele Familienväter im Alter von 30 bis 45 Jahren hingegen waren vorwiegend in solchen Einheiten und Funktionsbereichen der Armee eingesetzt, welche für die Mobilisierung unabdingbar waren, am Kampfgeschehen aber nur sporadisch teilnahmen. Trotz aller physischen Strapazen, die der Krieg dennoch für sie bedeutete, war ihre Verpflichtung zur Teilnahme am Töten somit oft nur symbolisch und ihr Risiko zu Sterben deutlich geringer.

Wer tötete, das lässt sich mittelbar an der Aufschlüsselung der Waffen ablesen, die für Verwundungen und Todesfälle sorgten. Dabei ergibt sich, dass Tod und Verwundung – zumal mit zunehmender Dauer des Krieges – in der Mehrzahl aller Fälle eine Folge artilleristischen Beschusses waren. Nicht weniger als 76 Prozent aller von Ende 1914 bis 1917 verwundeten französischen Soldaten wurden von Artilleriegeschossen getroffen. Bei einer Stichprobe unter den britischen Truppen, deren Repräsentativität allerdings unklar ist, ergab sich ein entsprechender Wert von 58.5 Prozent.9 Auch hier erlauben die Zahlen des deutschen Sanitätsberichtes weitere Differenzierungen. Demnach basierten die Verwundungen von etwa zwei Millionen deutschen Soldaten, die vom 2. August 1914 bis Ende Januar 1917 in Feldlazaretten behandelt wurden, zu 43 Prozent auf Artilleriegeschossen, und immerhin noch zu knapp 51 Prozent auf Gewehr- und Pistolenschüssen. Die Gewichte verschieben sich bereits für diesen Zeitraum hin zur Artillerie, zieht man eine – deutlich kleinere – Stichprobe von Gefallenen heran. Demnach waren bis Anfang 1917 knapp 55 Prozent der Toten Opfer der Artillerie und nur 39 Prozent das Opfer von Handfeuerwaffen. Dieser Befund weist auf die deutlich höhere lethale Wirkung hin, die selbst ein Treffer durch Granatsplitter in der Regel hatte. Ein deutlich anderes Bild ergibt sich, wenn man den Blick vor allem auf die zweite Kriegshälfte richtet. Dafür liegen Zahlen einer deutschen Armee an der Westfront aus dem Frühjahr 1917 vor. Handfeuerwaffen und Maschinengewehre verursachten dort knapp 18 Prozent, Artilleriegeschosse 76 Prozent sowie Handgranaten rund ein Prozent aller Verwundungen. Mit der blanken, von Hand geführten Waffe (Säbel, Dolch, Seitengewehr) wurden gerade einmal 0.1 Prozent aller Wunden beigefügt.10 Diese Zahlen aus der zweiten Hälfte des Krieges geben insgesamt ein treffendes Bild über die Relevanz der verschiedenen Waffen. Die Zahl der durch Giftgas geschädigten Soldaten, so ist zu ergänzen, dürfte bei rund 3 Prozent der Verwundeten gelegen haben.11 Auch wenn die Begegnung mit dem Giftgas so eher eine Ausnahme blieb, war dies ein Kampfmittel, das allein wegen seiner Unberechenbarkeit und Unsichtbarkeit panikartige Reaktionen auslösen konnte und die Fantasie der Soldaten deshalb – trotz seiner geringen Verbreitung – mit Furcht erfüllte.12

Diese Auflistung der durch die Kampfmittel des industrialisierten Krieges verursachten körperlichen Verheerungen vermittelt allerdings noch kein vollständiges Bild vom Sterben der Soldaten. Denn trotz einer gegenüber früheren Kriegen stark verbesserten medizinischen Versorgung ist in der deutschen Armee knapp ein Zehntel, in der österreichisch-ungarischen etwa ein Sechstel und in der französischen circa ein Fünftel aller im Verlauf des Weltkrieges gestorbenen Soldaten nicht der Waffeneinwirkung, sondern einer Erkrankung zum Opfer gefallen.13 Vor allem in der enorm großen Gesamtzahl der erkrankten Soldaten werden die destruktiven Auswirkungen deutlich, die bereits die lange Dauer der Kriegsteilnahme, die Witterungsverhältnisse und vor allem die sich im Kriegsverlauf rapide verschlechternde Ernährungslage auf die Soldaten hatten. Immerhin behandelten die deutschen Militärärzte im Verlauf des Krieges genauso viele Magen-Darm-Erkrankungen wie Verwundungen.14 Insbesondere die weltweite Grippeepidemie im Sommer und Herbst 1918 erreichte die erschöpften und physisch ausgelaugten Armeen aller Länder und machte auch an der Front sichtbar, dass der Weltkrieg in gewisser Hinsicht als ein Hungerkrieg zu verstehen ist.

Die Differenzierung der Gewaltmittel macht klar, dass die herkömmlichste wie auch die neueste Art zu Töten marginal waren. In Kriegsromanen und anderen Formen der populären Darstellung des Krieges kursieren unzählige Geschichten über Soldaten, die ihre Aggressionen gegen den Feind beim Sturmangriff auf grauenhafte Weise entluden, indem sie mit dem Bajonett auf dessen Körper eindrangen. Töten als Handarbeit, ob aus entfesselter Gewaltbereitschaft oder aus Notwehr, war aber zumindest an den Hauptschauplätzen des Weltkrieges in der Realität eine sehr seltene Ausnahme. Darin zeigt sich ein gravierender Unterschied gegenüber dem Krieg von 1870/71, dem letzten, den deutsche Truppen in Europa ausgefochten hatten. Dort waren auf jede einzelne Verwundung durch die blanke Waffe bereits 54 durch eine Schusswaffe gekommen. Dieser Wert stieg jedoch bereits für die Jahre 1914 bis 1917 auf 1:174, also um mehr als das Dreifache.15 Das Zahlenmaterial der deutschen Sanitätsbehörden hält hier noch eine weitere interessante Vergleichsmöglichkeit bereit. Denn die Zahl der tödlichen Verwundungen durch Schusswaffen, die auf jeden mit der blanken Waffe getöteten Soldaten entfiel, hatte sich von 1870/71 bis 1914/18 kaum erhöht. Sie lag im Deutsch-Französischen Krieg bei 1:319, im Ersten Weltkrieg dann bei 1:359. Was bedeutet dies? Es heißt, sich von der Vorstellung zu lösen, dass die technischen Waffensysteme des Ersten Weltkrieges per se ein effizienteres Töten ermöglicht haben. Geschickt geführt und im Nahkampf platziert, war das Bajonett eine beinahe ebenso tödliche Waffe wie ein Gewehr oder Maschinengewehr. Was im Ersten Weltkrieg passierte, war nicht die gezielte, sondern die massenhafte, breit gestreute Anwendung von tödlichen Gewaltmitteln. Es war nicht in erster Linie die Präzision des Schützen, sondern der Durchsatz von Material, der die Maschinerie des Tötens in Schwung hielt. Auch dies lässt sich mit einer Zahl veranschaulichen, die auf Unterlagen einer deutschen Reserve-Division vom März und April 1916 beruht. Demnach benötigte der Gegner an diesem Frontabschnitt nicht weniger als 329 Artilleriegeschosse, um einen einzigen deutschen Soldaten zu verwunden oder zu töten.16

Die entscheidende, seinen Charakter schlechterdings prägende Destruktionskraft des Weltkrieges war also die Artillerie. Dies hatte weitreichende Folgen sowohl für die Täter als auch für die Opfer dieser Waffe. Für die Tätigkeit des Artilleristen war zunächst die Unsichtbarkeit des Gegners prägend. Der durch seine Tagebücher aus dem »Dritten Reich« bekannt gewordene Romanist Victor Klemperer, bereits 1914–1918 ein hellsichtiger Chronist der Zerstörung, hat mit Erstaunen registriert, dass es an den Geschützen seiner Batterie in Frankreich so ruhig zuging wie auf dem heimischen Übungsgelände auf dem bayerischen Lechfeld.17 Diese distanzierte, mit den Folgen ihres Tuns nicht unmittelbar konfrontierte Form der Gewaltanwendung der Artilleristen ist ein typisches und wichtiges Beispiel des durch die moderne Waffentechnik bewirkten »prometheischen Gefälles« (Günther Anders). Die Intensität der technisch gesteigerten Tötungshandlungen des Artilleristen überstieg seine moralische Wahrnehmung bei weitem; denn wenn überhaupt, wurde er mit den Folgen seines Tuns erst in einigem zeitlichem und räumlichem Abstand konfrontiert. Und auch den Moment des Todes beobachtete er nicht, sondern – wenn überhaupt – nur die leblosen Körper der zu einem anderen Zeitpunkt getroffenen Opfer. Eines »Todestriebes« bedurfte es für diese Form der Gewaltanwendung nicht, deren Normen durch die Technik vorgegeben waren.18

Auf der Seite der Opfer löste die flächendeckende Zerstörungskapazität der Artillerie eine analoge Reflexion aus. Obwohl in den Unterständen tief eingegraben, konnten die Infanteristen das Geheul der Granaten intensiv wahrnehmen (vgl. Kap. 4). Als einzige Reaktion blieb ihnen nur das Abwarten, was den Eindruck des hilflosen Ausgeliefertseins an eine nicht beeinflussbare Gewalt provozierte. In der Wahrnehmung der Soldaten verselbständigten sich die artilleristischen Kriegsmittel deshalb. Sie wurden so zu einer gleichsam automatisch wirkenden Potenz. Sachen, nicht Personen töteten bzw. »forderten Opfer«, wie es in den Feldpostbriefen hieß.19 Auf beiden Seiten der Front erschienen Töten und Sterben im »Artilleriekrieg« (Ernst Jünger) deshalb als ein anonymes Geschehen. Die Soldaten erlebten sich primär als Opfer des Krieges. Sie beschrieben mit schonungsloser Genauigkeit vor allem die ausgebrannte »Schlacke« dieser Form der Destruktion, also umgepflügte Landschaften, zerfetzte Körper, verendetes Vieh und völlig zerstörte Ortschaften. Die Artillerie zerstörte aber nicht nur Sachen und Körper, sondern ihre Gewalt drang auch in die Seele der Opfer ein. Dies ist ein im Verlauf des Weltkrieges erstmals aufgetretener, für ihn spezifischer Zusammenhang, über den auch die differenzierteste Analyse des »body count« keine Auskunft gibt und der dennoch nicht vergessen werden darf. Die schockartig hereinbrechende Erfahrung einer übermächtigen Waffe löste bei den Betroffenen die »kohärente Selbstwahrnehmung« der eigenen Person auf, zerstörte »die Grenze zwischen Selbst und Gewalt«.20 Diese Eindrücke und die dadurch ausgelösten psychischen Erregungen fanden Ausdruck in Unruhezuständen, nervlichen Zusammenbrüchen und den Zuckungen der »Kriegszitterer«. Wichtiger als die sich um das Phänomen des »shell-shocks« bzw. der Kriegsneurosen rankenden medizinischen Kontroversen ist hier die Feststellung, dass kriegerische Gewalt 1914–1918 nicht nur den Leib, sondern auch die persönliche Integrität der Soldaten zerstören konnte.