Gewalt im Heavy Metal - Bertram Becker - E-Book

Gewalt im Heavy Metal E-Book

Bertram Becker

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Beschreibung

Examensarbeit aus dem Jahr 2009 im Fachbereich Musik - Sonstiges, Note: 1,3, Universität Potsdam (Institut für Musik und Musikpädagogik), Sprache: Deutsch, Abstract: Der Zusammenhang zwischen Aggression und Musik ist in den letzten Jahren immer wieder diskutiert worden. Ist Musik, die kontroverse Texte beinhaltet und musikalische Formen, die den vorangegangenen Generationen meist unverständlich bleiben, dafür verantwortlich, dass ihre Hörer eine erhöhte Gewaltbereitschaft entwickeln und Straftaten begehen? Oder hat die Musik keinen Einfluss auf das Sozialverhalten und sind es vorwiegend Menschen mit gewissem Problemhintergrund, die sich zu ihr überhaupt erst hingezogen fühlen? Oder ist Musik eine Kunstform wie jede andere und sollte daher unbehelligt ihre Entwicklung vollziehen? Bei der gegenseitigen Abwägung der Standpunkte gibt es Parallelen zur aktuellen und ebenfalls immer wieder neu geführten Diskussion über gewalthaltige Computerspiele. Obwohl sich beide Phänomene in einigen Punkten auch nicht vergleichen lassen, wie z.B. das Element des selbst aktiv werdens bei Spielen, das einem eher passiven Hören von Musik gegenübersteht, so gibt es doch auf beiden Gebieten sowohl positive als auch negative Auswirkungen, die durch Studien nachgewiesen werden konnten.1 Durch den schwer nachweisbaren kausalen Zusammenhang ist ein klarer ja/nein bzw. gut/schlecht Umgang mit dem Thema unmöglich. Viele Eltern und Pädagogen2 fühlen sich verantwortlich, diesen Beziehungen auf den Grund zu gehen, mit unterschiedlichen eigenen ästhetischen Vorstellungen sowie pädagogischen Mitteln. == 1 Der Umgang mit medialer Gewalt stumpft die normalen negativen Gefühlsreaktionen auf Gewaltszenen ab. Ob es sich um Musik bzw. Songtexte, Computerspiele oder Filme handelt, ist dabei unerheblich. (Paulus: Amoklauf: Mediengewalt ist ein wichtiger Faktor (2009), Psychologie Heute, Juni 2009, Seite 34); Simulierte Gewaltszenarien, wie etwa in einigen Computerspielen, können jedoch helfen, Phobien psychologisch zu behandeln, so das Institut für Cyberpsychologie in Quebec. (Gieselmann: Ego-Shooter auf Rezept, Magazin für Computertechnik, Ausgabe KW 43, 2003) 2 Im gesamten Verlauf der Arbeit schließen die männlichen Formen ebenfalls die weiblichen Vertreter mit ein. Auf Grund der Lesbarkeit des Textes werden sie jedoch nicht separat angeführt.

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit
2 Das Gewalt-Image des Heavy Metal
2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres
2.2.2 Vance vs. Judas Priest
2.2.4 Fundamentales Christentum
3.2 Formen der Darstellung
3.3 Die Adressaten von Gewalt
3.4.1 Manowar
3.4.2 Rammstein
3.4.3 Knorkator
3.4.4 Norwegische Black Metal Bands
4.1 Schock durch Konfrontation mit Gewalt
4.3 Gewalt als Marketingstrategie
4.4 Spaßfaktor - (warum) macht die Darstellung von Gewalt Spaß ?
5 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
Anhang A: Songtexte

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1 Einleitung

Der Zusammenhang zwischen Aggression und Musik ist in den letzten Jahren immer wieder diskutiert worden. Ist Musik, die kontroverse Texte beinhaltet und musikalische Formen, die den vorangegangenen Generationen meist unverst¨ andlich bleiben, daf¨ ur verantwortlich, dass ihre H¨ orer eine erh¨ ohte Gewaltbereitschaft entwickeln und Straftaten begehen? Oder hat die Musik keinen Einfluss auf das Sozialverhalten und sind es vorwiegend Menschen mit gewissem Problemhintergrund, die sich zu ihr ¨ uberhaupt erst hingezogen f¨ uhlen?

Oder ist Musik eine Kunstform wie jede andere und sollte daher unbehelligt ihre Enwicklung vollziehen?

Bei der gegenseitigen Abw¨ agung der Standpunkte gibt es Parallelen zur aktuellen und ebenfalls immer wieder neu gef¨ uhrten Diskussion ¨ uber gewalthaltige Computerspiele. Obwohl sich beide Ph¨ anomene in einigen Punkten auch nicht vergleichen lassen, wie z.B. das Element des selbst aktiv werdens bei Spielen, das einem eher passiven H¨ oren von Musik gegen¨ ubersteht, so gibt es doch auf beiden Gebieten sowohl positive als auch negative Auswirkungen,

die durch Studien nachgewiesen werden konnten.1Durch den schwer nachweisbaren kausalen Zusammenhang ist ein klarer ja/nein bzw. gut/schlecht Umgang mit dem Thema unm¨ oglich.

Viele Eltern und P¨ adagogen2f¨ uhlen sich verantwortlich, diesen Beziehungen auf den Grund zu gehen, mit unterschiedlichen eigenen ¨ asthetischen Vorstellungen sowie p¨ adagogischen Mitteln.

1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit

Die Zusammenh¨ ange zwischen Musik und deren Auswirkungen auf das Aggressionspotential eines Menschen fallen eher in den Bereich der Psychologie und stehen daher nicht im Zentrum dieser Arbeit. Vielmehr sollen die verschiedenen

1Der Umgang mit medialer Gewalt stumpft die normalen negativen Gef¨ uhlsreaktionen

auf Gewaltszenen ab. Ob es sich um Musik bzw. Songtexte, Computerspiele oder Filme

handelt, ist dabei unerheblich. (Paulus:Amoklauf: Mediengewalt ist ein wichtiger Faktor

(2009), Psychologie Heute, Juni 2009, Seite 34); Simulierte Gewaltszenarien, wie etwa in

einigen Computerspielen, k¨ onnen jedoch helfen, Phobien psychologisch zu behandeln, so das

Institut f¨ ur Cyberpsychologie in Quebec. (Gieselmann:Ego-Shooter auf Rezept,Magazin f¨ ur

Computertechnik, Ausgabe KW 43, 2003)

2Im gesamten Verlauf der Arbeit schließen die m¨ annlichen Formen ebenfalls die weibli-

chen Vertreter mit ein. Auf Grund der Lesbarkeit des Textes werden sie jedoch nicht separat

angef¨ uhrt.

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1.1 Das Ziel der vorliegenden Arbeit5

Formen von Gewalt, die unmittelbar oder eher indirekt in der Musik verankert sind, analysiert werden. Betrachtet wird dabei nicht nur die Musik als akustisches Ph¨ anomen, sondern alles, was zu einem Titel geh¨ ort, von den musikalischen und instrumentalen Merkmalen ¨ uber den Text, das Plattencover,

das Musikvideo bis hin zur Pr¨ asentation auf einem Livekonzert. Dar¨ uber hinaus werden auch die Hintergr¨ unde nicht außer Acht gelassen, die eventuelle sekund¨ are Ziele erkl¨ aren k¨ onnten, die durch das Element Gewalt in der Musik erreicht werden sollen. Hierzu z¨ ahlen unter anderem auch die als Mittel des Marketings gezielt eingesetzten Provokationen.

Da der Bereich der gesamten popul¨ aren Musik zu groß ist, um ihn aus diesem Blickwinkel zufriedenstellend zu betrachten, werde ich mich einem Teilbereich daraus widmen, n¨ amlich dem Genre, welches wohl neben wenigen anderen am meisten mit einem gewalthaltigen Image behaftet ist: dem Heavy Metal. Selbst im Heavy Metal ist die Unterteilung in sich massiv unterscheidende Untergenres so groß, dass ich hin und wieder Einschr¨ ankungen und Zugest¨ andnisse machen werde, um ein aussagekr¨ aftiges Bild zu bekommen, welches auch den vielen Unterkategorien noch ausreichend gerecht wird. In dieser Arbeit m¨ ochte ich einer Beantwortung der folgenden Fragen n¨ aherkommen: Woher kommt das (Vor)Urteil, dass der Heavy Metal gewalthaltig ist? Was hat es mit diesem Image tats¨ achlich auf sich? Daf¨ ur werde ich mich zun¨ achst mit diesem Image und dessen Herkunft und Bedeutung befassen. Darauf folgt ein Abschnitt, der eher beschreibenden Charakter besitzt und die unterschiedlichen Formen von Gewalt im Zusammenhang mit Heavy Metal darlegt. Im anschließenden Kapitel werden m¨ ogliche Gr¨ unde aufgezeigt, die Gewalt als Stilmittel im Heavy Metal attraktiv machen. Mit den dann gewonnenen Informationen und m¨ oglichen Zusammenh¨ angen werde ich in der Lage sein, ein auf fundierten Fakten basierendes Bild des Zusammenhangs von Gewalt und Heavy Metal darzustellen. S¨ amtliche angesprochenen Songtexte sind im Anhang dieser Arbeit alphabe- tisch sortiert angef¨ ugt.

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1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten6

1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten

Es wird kaum eine Aussage ¨ uber Heavy Metal geben, die universell g¨ ultig

ist f¨ ur alle Teilgebiete des Genres. Selbst bei einer allgemein als zutreffendIm Heavy Metal gibt es immer mindestens einenempfundenen Aussage wie”

Musiker, der Gitarre spielt.“lassen sich Ausnahmen finden wieApocalypticaoderBassinvaders.

Die Anzahl der Untergenres des Heavy Metal ist schlichtweg so un¨ uberschaubar und obskur, teilweise von Bands selbst kreiert und mit jeweils anderem ¨ asthetischen Schwerpunkt versehen, dass dieser Oberbegriff kaum als abgrenzbare musikalische Form gesehen werden kann. ZwischenTwisted Sister,die den sogenanntenGlam MetalundHair Metalad¨ aquat vertritt undTheatre of Tragedy,die wiederum als Vertreter desGothic Metalund desDoom Metalgesehen werden kann, liegen Welten. Schwenken der Blick und das Ohr weiter zuMarilyn Manson,einem Vertreter desIndustrial Metalund des sogenanntenShock Metal,so ist die Frage berechtigt, ob es ¨ uberhaupt einen ernstzunehmenden Musikgenrebegriff geben kann, in den alle drei passen k¨ onnten. Eine der wenigen Verbindungen w¨ are hier vielleicht das obige Beispiel der gemeinsam gespielten E-Gitarre.

Beim Nachschlagen des BegriffsHeavy Metalin verschiedenen Enzyklop¨ adien findet sich meist eine recht lange Liste von Untergenres. Interessanterweise sind nur etwa 2/3 der angef¨ uhrten Genrebezeichnungen deckungsgleich mit denen eines anderen Nachschlagewerkes, die ¨ ubrigen gibt es nur in einem Werk.

Dieses Verh¨ altnis h¨ angt auch vom tats¨ achlichen Umfang der jeweiligen Liste

ab.3

Und so vielf¨ altig wie die Bezeichnungen sind h¨ aufig auch die musikalischen Eigenheiten.

Der erste eigenst¨ andige Begriff, der sich kurz nach der Entstehung des Musikstils zum Ende der 1960er Jahre herausbildete, war allerdings tats¨ achlichHeavy Metal.Erst darauf folgten die stilistisch spezifischen Unterscheidungen und musikalischen Abgrenzungen, die eine eigene Namensgebung nach sich

3Zum Vergleich lagen mir die Listen der Untergenres aus dem Handbuch der popul¨ aren

Musik von Wicke & Ziegenr¨ ucker, die Unterteilung aus derRolling StoneAusgabe vom Au-gust 2007 sowie die Genrebezeichnungen aus den B¨ uchern von Weindl (2005) und Wehrli

(2005) vor. Ein kurzer Quervergleich dieser Quellen mit der popul¨ aren und h¨ aufig wissen-

schaftlich umstrittenen Wikipedia(.org) best¨ atigte das ungef¨ ahre Verh¨ altnis.

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1.2 Begriffskl¨ arungen und themenspezifische Besonderheiten7

zogen. Somit ist es interessant zu bemerken, dass es neben den verschiedenen Bezeichnungen, die meist aufMetalenden wieBlack Metal, Progressive Metaloder andere, es kein Untergenre gibt, welches den konkreten NamenHeavy Metaltr¨ agt. Selbst die Musik der Bands, die sich ’auf die Fahnen schreiben’, die urspr¨ unglichste aller Formen des Heavy Metal zu spielen, wird in der Regel alsTrue MetaloderPower Metalbezeichnet. Das WortMetalam Ende der Bezeichnung ist also eher alsNachnamezu verstehen, der s¨ amtliche Untergenres als eine Art musikalisch ¨ asthetischeFamiliezusammenfasst, ungeachtet der gravierenden Unterschiede, die inzwischen bestehen. Und tats¨ achlich ist im allgemeinen Sprachgebrauch h¨ aufiger nur vonMetaldie Rede, wenn es um die allgemeine Musikbezeichnung geht. Geschm¨ acker sind ja bekanntlich verschieden und auch in Bezug auf Heavy Metal sind die musikalischen Grenzen fließend, also ist es in Unterhaltungen viel naheliegender, sich alsMetal-Fan vorzustellen anstatt jedes gern geh¨ orte Untergenre aufzuz¨ ahlen oder, weil auch dort nicht jede Band gleichermaßen gef¨ allt, jede Band einzeln zu nennen. Damit jeder diese Arbeit lesen kann und sich niemand, ob Fan oder nicht, in seinem ¨ asthetischen oder Genreempfinden vernachl¨ assigt f¨ uhlt, werde ich den allgemeinen Begriff desHeavy Metalverwenden, da viele der von mir bearbeiteten Themen mit geringf¨ ugigen Einschr¨ ankungen auf s¨ amtliche Untergenres anwendbar sind. Im weiteren Verlauf werde ich auch einige Genres detaillierter vorstellen und dort selbstverst¨ andlich die entsprechenden Unterscheidungen machen.

James Hetfield, S¨ anger der BandMetallica,die f¨ ur eine Heavy Metal Band eine nahezu einzigartige Karriere und Popularit¨ at erreichen konnte, hat zu derCallUnterteilung von Heavy Metal folgende sehr treffende Aussage gemacht:” it what you will: Trash, Speed, Hardcore, Black Metal, Grindcore, Grunge, Speedcore, Acid Metal, Funk Metal, Fuck Metal..., who cares!! As long as the

attitude lives.“4

4Jeffries, Neil: Kerrang! The Direktory of Heavy Metal (1993). Vorwort

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2 DasGewalt-Imagedes Heavy Metal

Trotz inzwischen riesiger Fangemeinschaften, unz¨ ahliger Bands und einem festen Platz in der Marktwirtschaft der Musikindustrie ist der Heavy Metal nach wie vor mit einem eher negativen Image behaftet. Die Assoziationen mit dem Musikstil sind vielf¨ altig, sie reichen von Gesundheitssch¨ adigungen durch extreme Lautst¨ arken oder Drogen ¨ uber antisoziales Verhalten wie Aggression

und Gewalt bis hin zu Religionsfeindlichkeit, die teilweise sogar im Satanismus ihren H¨ ohepunkt finden soll.

Dabei ist es naheliegend, dass nicht alle Vorw¨ urfe zutreffen, denn sonst h¨ atte der Heavy Metal vermutlich auch nicht den Zuspruch, den er besitzt. Immerhin ist die einzige Band, die es jemals geschafft hat, mit 5 Alben in Folge in der ersten Woche nach Ver¨ offentlichung auf Platz 1 der US-amerikanischen Album-Charts zu landen, ausgerechnet eine Heavy Metal Band, n¨ amlich

Metallica.5Maßgeblich f¨ ur dieseBillboard 200Charts sind die Verkaufszahlen, sowohl von CDs im Laden als auch von online erworbenen Exemplaren, was die zumindest in Teilen der Gesellschaft trotz zahlreicher Vorurteile vor-handene Akzeptanz belegt.

Einfach scheint es also nicht zu sein, das unangenehme Image des Heavy Metal alsTatsachezu best¨ atigen oder alsTrugbildzu entlarven. Aus verschiedenen Gr¨ unden jedoch l¨ asst sich diesen Vorurteilen nur schwer ’zu Leibe r¨ ucken’.

Zum einen sind nicht alle Vorw¨ urfe und negativen Assoziationen in jedem Fall unberechtigt. ¨ Uberall gibt es ’schwarze Schafe’, welche eine differenzierte Sichtweise zwar nicht unm¨ oglich machen, aber die Revision liebgewonnener Vorurteile erschweren.

Des Weiteren erfordert die korrekte Deutung teilweise verschleierter, ironischer, obsz¨ oner, kritischer, provokanter oder anderweitig kontroverser Inhalte einiges an Engagement, was wom¨ oglich nicht jedes Elternteil oder jeder Erzieher bereit ist zu investieren, um das Bild des Heavy Metal klarer, wenn auch nicht zwingend besser, werden zu lassen. In einfachen Schemata zu denken ist immer leichter, als genauer hinzusehen. Außerdem gibt es immer wieder ¨ Außerungen von Musikern, Kritikern

oder der Presse, die das vorliegende Image zu best¨ atigen scheinen. WennSalsa,etwa Klaus Miehling, seines Zeichens Musikwissenschaftler, selbst”

5Billboard 200, ArtikelMetallica Scores Fifth No. 1 Albumvom 17.09.2008

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2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres9

lateinamerikanische T¨ anze, Jazz und sogar Rock“als eindeutig so genannte

Gewaltmusikbezeichnet6und im Zuge dessen den Heavy Metal als”die ex-tremste Auspr¨ agung“benennt7

, so bildet sein Buch zu dem Thema ein ¨ Argernis in der Welt der Musikwissenschaft und erschwert ¨ uberdies den sachlichen und kl¨ arenden Umgang mit der Thematik enorm.

2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres

Um dieses scheinbar sehr fest sitzende negative Image des Heavy Metal genauer zu untersuchen und um Ursachen f¨ ur etwaige Vorurteile zu finden ist ein Blick in die Entwicklung des Genres hilfreich.

Sehr viele der meist negativen Assoziationen h¨ angen bereits mit den beiden Bands zusammen, die r¨ uckblickend als die Pioniere des Heavy Metal bezeichnet werden k¨ onnen:Black SabbathundLed Zeppelin.

Tatsache ist, dass niemand die Absicht hatte, einen neuen Stil zu erschaffen, dass vielmehr eine Vielzahl von Zu- und Unf¨ allen dazu gef¨ uhrt hat.Earth(sp¨ aterBlack Sabbath)war eine ganz normale Blues und Jazz Band, deren Mitglieder aus schlechtergestellten Arbeitervierteln aus Birmingham in England kamen und deren Alltag bestimmt war von harter k¨ orperlicher Arbeit in der Metallindustrie, die nahezu ganz Birmingham beherrschte. Rob Halford, S¨ anger der BandJudas Priest,beschreibt in einem Interview Episoden seiner Schulzeit in Birmingham. Direkt neben seiner Schule gab es eine riesige Stahlfabrik, deren Maschinen so laut waren, dass die Schulb¨ anke davon leicht erzitterten. Neben dieser Belastung, die den ganzen Tag andauerte, wurden in regelm¨ aßigen Abst¨ anden Ventile entl¨ uftet und der Dampf der Stahlfabrik wehte in die Schulfenster. Er beschreibt diese Situation als Gef¨ uhl, der Stahl

(Metal ) w¨ urde direkt in seinen K¨ orper dringen, als atmete er ihn f¨ ormlich ein.8In diesem Umfeld hatte Tony Iommi, Gitarrist beiEarth,1968 einen Unfall in einer solchen Stahlfabrik, der die maßgebliche Gestaltung des Heavy Metal Sounds nach sich ziehen sollte. W¨ ahrend eines Einsatzes an einer Stahlschneidemaschine, an der er nur Aushilfe leistete, verlor er am linken Mittel- und Ringfinger das jeweils erste Fingerglied. Er fiel eine Zeitlang in starke Depressionen, wollte sich jedoch nicht damit abfinden, nie wieder richtig

6Miehling, Klaus: Gewaltmusik (2006). Seite 12

7Ebd. Seite 11

8Heavy - The Story of Metal (2006), Interview mit Rob Halford

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2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres10

Gitarre spielen zu k¨ onnen. So baute er sich, entgegen den Empfehlungen und Erfolgswahrscheinlichkeiten, die ihm die ¨ Arzte gaben, seine eigenen Prothesen,

indem er unter furchtbaren Schmerzen geschmolzene Plastikdeckel auf die noch vorhandenen Fingerenden klebte. Sobald es ihm m¨ oglich war, die Schmerzen bei jedem Ton auszuhalten, spielte er wieder Gitarre, doch hatte sein Spiel nun einen langsamen, schweren, depressiven und gepeinigten Charakter, der ganz automatisch durch die Schmerzen beim Spielen entstanden war. Um seinem inneren Gef¨ uhl mehr Luft zu machen, stimmte er zus¨ atzlich h¨ aufig die tiefe E-Saite der Gitarre auf D und sogar C# herunter.

Die Mitglieder seiner Band nahmen diese stilistische Ver¨ anderung im Spiel Iommis mit Interesse auf, da noch niemand zuvor so gespielt hatte. Unter ihnen war auch der begnadete S¨ anger Ozzy Osbourne, der seine eigene schwierige Lebenssituation zu meistern hatte. Regelm¨ aßig in Straftaten verwickelt und am Rande des Alkoholismus, schlug er sich mit Nebent¨ atigkeiten durch. Der Aussage Osbournes nach soll sein Vater ¨ uber ihn ebenfalls eine entsprechendeMy father said to meMeinung gehabt haben. In einem Interview sagt er:” before he died, he always expected me to be in prison all my life, you know,

because I just wouldn’t conform to the system.“9

Bassist Geezer Butler lieferte den Großteil der Texte und hatte großes Interesse an mystischen und religi¨ osen Themen sowie an Horror. Er war außerdem einer der ersten Bassisten, die ihr Instrument herunterstimmten, um den Gitarristen in den entsprechend tiefen Tonlagen mit ebenfalls tiefen T¨ onen zu unterst¨ utzen und nicht oktavieren zu m¨ ussen. W¨ ahrend der Zeit der Ver¨ anderung des Bandsounds durch Iommis Spiel und die daraus folgenden Anpassungen der Bandmitglieder kam es zu einem Albtraum des Bassisten, der ihn und auch die Mitglieder vonEarthzutiefst erschreckte. Dieser Traum bildet die Thematik zum TitelBlack Sabbath,in welchem der Protagonist in der Nacht von einer unheimlichen Gestalt am Bettrand heimgesucht wird und dessen angsteinfl¨ oßender Charakter die Band zu einer entsprechenden Umbenennung inspirierte. Nach diesem Ereignis beschloss die Band, von nun an so gruselig wie m¨ oglich zu spielen, mit welchen Mitteln auch immer. Die Band wollte dasLet’s scare people!“lautete musikalische Pendant zum Horrorfilm kreieren.”

die Devise. Das depressive Spiel Iommis, die erheblich d¨ uster werdenden Texte vom Bassisten Butler sowie der extrovertierte Gesangsstil Osbournes waren

9Ebd. Interview mit Ozzy Osbourne

Page 11

2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres11

daf¨ ur wie geschaffen.

Neben der immer d¨ usterer werdenden Musik vonBlack Sabbatherreichte eine weitere Band die ¨ Offentlichkeit,Led Zeppelin.1968 gegr¨ undet und ebenfalls aus Birmingham, werden sie h¨ aufig nicht als Mitbegr¨ under, sondern vielmehr als richtungsweisend in der Entwicklung des Heavy Metal gesehen. Musikalisch sind sie jedoch eher noch demHard Rockzuzuordnen, wobei sie diesen stark ver¨ anderten, haupts¨ achlich durch den Gesangsstil Robert Plants und die beeindruckenden F¨ ahigkeiten des Schlagzeugers John Bonham.Led Zeppelinhatte andere Ziele alsBlack Sabbath,anstatt so gruselig wie

m¨ oglich, wollte die Band so erfolgreich werden wie m¨ oglich.10F¨ ur diesen sich auch einstellenden Erfolg bildete selbst die mystische und okkulte Aura, die die Band umgab, kein Hindernis. Im Gegenteil, die Fans schienen davon eher begeistert und angezogen zu werden. Ursache daf¨ ur war haupts¨ achlich Jimmy Page, der ein großer Bewunderer des okkulten AutorsAleister Crowleywar. Er sammelte alles, was er im Zusammenhang mit Crowley finden konnte und diese Passion wurde gekr¨ ont durch den Kauf desBoleskine Houseam Ufer des Loch Ness, in dem Crowley selbst eine Zeit lang lebte. Dieses Haus soll angeblich magische und b¨ osartige Kr¨ afte freisetzen k¨ onnen, nicht nur als heilige St¨ atte zur Zeit Crowleys, sondern bereits davor. Neben dem Brand einer Kirche, bei dem zahlreiche Gemeindemitglieder ums Leben kamen, soll es dort auch

eine Enthauptung gegeben haben.11Crowley selbst hat es gekauft um dort ungest¨ ort okkulte Riten zu vollziehen.12Dieses okkulte und mystisch umwobene Image umgab mit der Zeit auch Gitarristen Jimmy Page und sp¨ ater die gesamte Band. Das f¨ uhrte letztendlich dazu, dass dem TitelStairway to Heaven1971 satanische Heilsbekundungen zugesprochen wurden, die beim R¨ uckw¨ artsabspielen der Platte h¨ orbar sein sollten. Diese Unterstellung wurde scheinbar best¨ atigt durch das omin¨ os symbolhaft bzw. gar nicht betitelte Album, auf dem der Song enthalten ist. Heute allgemein alsLed Zeppelin IVbekannt, sind auf dem Album 4 Symbole zu sehen, und kein expliziter Titel. (siehe Abbildung 1) Die Symbole stehen von links nach rechts f¨ ur die Bandmitglieder vonLed

10Ebd. Zusammenfassung Led Zeppelin

11Iverson, Thor: The Led Zeppelin FAQ (1994), Interview mit Jimmy Page, gef¨ uhrt von

Steve Pinder

12Crowley, Aleister: The Confessions of Aleister Crowley (1979), Kapitel 22.

Page 12

2.1 Ursachen in der Geschichte des Genres12

Abbildung 1: Symbole auf dem 4. Album vonLed Zeppelin: Led Zeppelin IV

Zeppelin:Jimmy Page, John Paul Jones, John Bonham und Robert Plant.13Dabei ist bei genauerer Betrachtung das Symbol f¨ ur Plant (englisch f¨ urPflanze)auch eher einfallslos als mystisch.

Aus welcher Ecke um das Seelenheil der Jugend besorgter Menschen die Vorw¨ urfe derartiger sogenannterBackmasking-Botschaftenzuerst kamen, ist nicht mit Sicherheit nachzuweisen, doch warStairway To Heavender erste Titel einer Heavy Metal oder Hard Rock Band, dem so etwas unterstellt wurde. Wenn es auch damals niemandem aufgefallen ist, so ist eine gewisse Absurdit¨ at des Vorwurfs bereits dadurch erkennbar, dass sich niemand einig war ¨ uber die

eigentlichen Worte, die bei der R¨ uckw¨ arts-Version zu h¨ oren sein sollten. Die Band selbst hat in Interviews immer wieder Abstand von solchen Techniken

genommen und dementiert, r¨ uckw¨ artige Texte unter ihrer Musik zu haben.14Nahezu alle Bands des Heavy Metal beziehen sich in irgendeiner Weise aufBlack SabbathoderLed Zeppelin,wollen imitieren, erweitern und ver¨ andern, womit die musikalischen Vorfahren begonnen haben. So werden auch Elemente wie Horror, Okkultismus, soziale Probleme, Gewalt, Schmerzen und Tod immer wieder aufgegriffen und thematisch verarbeitet. Bereits mit diesen beiden Bands der Anfangszeit sind sowohl die Grundsteine f¨ ur die musikalische Entwicklung, als auch f¨ ur etliche Vorurteile gegen¨ uber dem Heavy Metal gelegt. Sp¨ atere Weiterentwicklungen einiger ¨ asthetischer Merkmale entstanden zwar aus verschiedenen Zielstellungen heraus, h¨ angen aber doch fast immer mit den gleichen Emotionen zusammen, die auchBlack Sabbath, Led Zeppelinoder andere Bands der fr¨ uhen Heavy Metal Phase bewegten. Dazu geh¨ ort etwa die starke Stahl- und Lederzentriertheit beiJudas Priest,das ¨ ubertrieben

kraftvolle, m¨ annliche Posieren beiManowar,grenzwertiger Gesang als Wut-oder Frustrationsgeschrei, d¨ ustere Horrorszenarien bis hin zum skurrilen und schockierenden Auftreten einesAlice CooperoderMarilyn Manson.Gepaart

13Schulps, Dave: Interview mit Jimmy Page inTrouser Press,Oktober 1977.

14Davis: The Hammer of the Gods, The Led Zeppelin Saga (1985), Seite 335