Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein rasanter Psychothriller, welcher durch unvorhersehbare Wendungen einen scheinbar unglaubwürdigen Schauplatz bietet, hervorgerufen durch mehrere ineinander spielende Geschichten. Im Stil eines David Peace...!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Dirk Radtke
Gift
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1.
Impressum
Kapitel 1.
Ach, wie glücklich sind die Toten.
(Friedrich Schiller)
Zwölf Stunden bis zu deinem Tod!
Die Schrift verschwamm vor seinen Augen. Der mit schwarzem Edding geschriebene Text erzeugte einen krassen Farbkontrast auf dem gelben Post-it.
Was, zum Henker…
Er blinzelte den Schleier der Nacht fort, die Erinnerungen, den Suff, den Tod, die Tränen, blinzelte und starrte auf die Worte, deren Sinn sich ihm nicht erschlossen.
>12 Stunden bis zu deinem Tod<
Oder rührte die tränenverschleierte Sicht von den dröhnenden Kopfschmerzen her, die aus einem zentralen Punkt seines Schädels entsprangen?
Verdammte Scheiße!
Er betrachtete den Inhalt der neben dem Monitor stehenden Whiskey-Flasche. Goldfunkelnd, klar und rein.
Halbleer, oder halbvoll?
Sollte er einen der Begriffe seiner seelischen Verfassung zuordnen, lautete die Antwort halbleer. Mehr als halbleer.
„Fuck!“ Martin Maars Zeigefinger zuckte zurück, nachdem die bloße Berührung des auf der Kopfhaut befindlichen Schmerzzentrums einen heftigen Stich ausgelöst hatte. „Verdammt, was…?“
Doch nicht der Alkohol?
Ein Tropfen hellrotes Blut auf der Fingerspitze.
Sein Blut.
Scheiße!
Sein Blut von seinem Schädel.
Scheiße, Scheiße!
Sein Blut von seinem Schädel auf seiner verdammten Fingerspitze!
Scheiße, was, zum Teufel…?
Er befühlte die Stelle ein weiteres Mal. Vorsichtig. Wollte sich vergewissern, dass…
„Verdammt!“
Der gleiche schmerzhafte Stich. Mehr Blut. Mehr Blut vor seinen verschleierten Augen.
Eine Platzwunde?
Er schloss die Augen, grub in seiner Erinnerung nach einem Anhaltspunkt, einer Erklärung, einer beschissenen Erklärung, doch da war nur Leere, diese unerklärliche Leere zwischen Tod und Suff und Trauer und diesen beschissenen Kopfschmerzen.
Und wenn…
Er überlegte, sich die Verletzung vielleicht selber zugezogen zu haben? Wer allnächtlich bis zur Besinnungslosigkeit säuft, kennt die Folgen unkontrollierter Bewegungsabläufe. Türrahmen verschmälern sich, Läuferkanten mutieren zu Bordsteinen. Nicht selten erwachte er mit Schrammen oder Blutergüssen, deren Ursachen sich im Nachhinein nicht mehr erklären ließen.
Nein!
Die Menge des in der Flasche vorhandenen Alkohols sprach eindeutig dagegen. Normalerweise fand er sie morgens in entleertem Zustand wieder. Nie halbleer.
Oder halbvoll?
Jemand musste ihm von hinten eins übergezogen haben.
Aber warum? Wer? Wie war derjenige unbemerkt in seine Wohnung gelangt?
Und was soll diese makabere Nachricht auf dem Zettel?
Er beugte sich aus dem Schreibtischsessel vor, um das Post-it von dem Monitor zu reißen, als er den Stich spürte.
Nicht den im Kopf.
In seiner Armbeuge.
Seine Augen weiteten sich. Schweißtropfen glitzerten auf der Stirn. Der Puls raste, während er auf einen gottverdammten Alptraum blickte.
Aus der rechten Vene lugte das Ende einer Kanüle, worauf der Zylinder einer Insulinspritze steckte; der Kolben bis zum Anschlag hineingedrückt. Ein winziger Blutstropfen verkrustete neben der Einstichstelle.
Das gibt es nicht…
Er hielt den Arm starr, wie nach der Schienung eines Bruchs, traute sich nicht ihn zu bewegen, auf die Gefahr hin, den Fremdkörper weiter in sich hineinzuschieben. Und in der Sekunde, in der sein Verstand das Gesehene verarbeitete, spürte er die Nadel.
Ein Alptraum…
Die Nadel, die sich bis weit in sein Venensystem zu schieben schien…
Ein verdammter Alptraum…
Die stechende Nadel, die sich bis weit in sein schmerzendes Venensystem zu schieben schien, hinein bis in sein verfluchtes Herz.
Ein verdammter, beschissener Alptraum!
Er kniff die Augen zusammen, hoffte auf eine aus seinen Alkoholexzessen entspringende Sinnestäuschung, kniff sie zusammen bis es schmerzte, und der Schmerz ihn in die Realität holte, und dann brauchte er sie nur wieder zu öffnen, und alles wäre wieder wie zuvor.
Kein Post-it.
Wie zuvor!
Keine Spritze.
Wie zuvor!
Keine Nachricht.
Wie zuvor!
Kein Schmerz!
Weg! Weg! Weg!
Er riss die Augen auf, starrte…
Scheiße!
…starrte auf den in seine Ader genagelten Fremdkörper, dessen Anblick sich mit der noch vor wenigen Minuten verständnislosen Notiz zu einem einzigen verstörenden Wort verknüpfte.
Gift!
Er brauchte eine Weile sich zu sammeln, die neugewonnenen Erkenntnisse sinnvoll strukturiert in seinen Schädel zu hämmern…
…in die Leere, in den Suff, in den Tod, in die Trauer.
Irgendein Wahnsinniger war in die Wohnung eingedrungen, hatte ihn bewusstlos geschlagen, um ihm die Vene mit Gift vollzupumpen.
Und jetzt?
Krankenwagen. Notarzt. Polizei.
Er brauchte Hilfe. Auf der Stelle. Musste auf der Stelle gerettet, und der Irre, der ihm das angetan hatte, gefasst werden!
Auf der Stelle!
Martin biss die Zähne zusammen, als er die Nadel aus der Vene entfernte. Ein kleiner Piekser, nichts weiter. Aber die Tatsache, das widerliche Ding aus seinem Körper zu entfernen, glich der Vorstellung einen Dolch aus dem eigenen Fleisch zu reißen.
„Scheiße!“
Er schleuderte die Spritze fort.
„Scheiße!!!“
Ein zäher Tropfen quoll aus der Einstichstelle.
„Gottverdammte Scheiße!!!“
Im selben Augenblick wurde ihm übel. Er ließ sich in den Sessel zurückfallen. Die Gedanken überschlugen sich.
Verflucht! Das Gift. Es wirkt!
Sein Magen kontrahierte. Schmerzhaft und Unerwartet. Er presste die Hand vor den Mund. Schwindel überkam ihn, ließ den Raum in unterschiedlichen Richtungen kreiseln, wie eine ausrotierende Scheibe. Dann entlud sich der Druck aus dem Bauchraum in einem erleichternden Rülpser. „Was ist mit mir los?“
Bekämpft mein Körper die Auswirkungen des Alkohols?
Die ständige Übelkeit war ihm vertraut. Ebenso der Schwindel. Das Zittern der Finger, welches er nur durch einen kräftigen Schluck aus der Flasche bändigen konnte.
Musste…
Der Gedanke machte Mut. Zumindest bot diese These eine willkommene Alternative zu den möglichen Vergiftungserscheinungen. Aber dadurch ließ sich die Existenz der Spritze samt angekündigtem Todeszeitpunkt nicht ausblenden. Sie steckte flachwinklig im Teppich, das Post-it klebte weiterhin auf dem Bildschirm, und leuchtete und leuchtete und leuchtete…
>12 Stunden bis zu deinem Tod!<
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Das Telefon. Anrufen. Hilfe holen.
Der Apparat steckte in der Ladestation hinter der Flasche. Bunnahabhain, 25 Jahre alt. Der Stoff hatte ein für seine Verhältnisse kleines Vermögen gekostet. Doch sein Abgang hätte auf eine Art Stilvoll sein sollen. Edel, seiner früheren Lebensweise angepasst. Nur dass er sein Vorhaben nicht bis zum Ende hatte durchziehen können. Jemand anderer hatte diesen Part für ihn übernommen. Wohldosiert. Ein schleichender Tod. Ungeachtet der Schachtel Imipramin und dem Rasiermesser auf dem Schreibtisch, welches ihm ein rasches Ende beschert hätte.
Hätte…
Panik breitete sich aus. Panik und Angst. Er hatte nach dem Tod greifen wollen. Jetzt griff der Tod nach ihm. Ein beschissenes Gefühl.
Sein Blick hetzte durch den Raum. Suchte Gründe, Verständnis, Hilfe.
Die Spritze…
Gift!
Das Post-it…
Ultimatum!
>12 Stunden bis zu deinem Tod!<
Sein Blick fraß sich an der Flasche fest.
Nussig, nussig, nussig…
Er erinnerte sich an den Geschmack.
Verdammt, in dieser Situation?
Für einen kurzen Moment dominierte das Verlangen, die Flasche zu greifen und sich einen kräftigen Schluck einzuverleiben.
Ohne Glas. Ohne Eis. Direkt aus der Flasche. Pur.
Die Gedanken wegspülen. Ertränken. Unwirklich erscheinen lassen…
Weg! Weg! Weg!
Aber dann durchlief ihn die Erkenntnis, möglicherweise nicht mehr zwischen Rausch und Vergiftungserscheinungen unterscheiden zu können.
Ist das wichtig?
Er wusste es nicht. Dennoch unterdrückte er die Sucht. Vorsichtshalber. Und nestelte hinter der Flasche nach dem Telefon.
Kapitel 2.
Wer den Tod nicht fürchtet, achtet das Leben nicht!
(anonym)
War es die Angst? Das Gift in seinen Adern? Oder der mangelnde Alkohol, der seine Finger in taube, fast unkontrollierbare Griffel verwandelte? Er brauchte mehrere Versuche, die drei Nummern in die Tastatur einzugeben. Das darauffolgende Freizeichen dröhnte wie ein Nebelhorn in seinen Ohren.
Wahrnehmungsstörungen? Eine Überempfindlichkeitsreaktion aufgrund beginnender Schädigung des Nervensystems?
Was wusste er darüber?
Nicht wirklich viel!
Die Doku! Der grüne Knollenblätterpilz!
Der Teufel unter den Giftpilzen…
Ich brauche Hilfe! Auf der Stelle!
„Polizeinotruf. Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Maar hier. Ich –“
„Martin? Martin, grüß dich! Wo liegt das Problem?“
Großkopf. Holger Großkopf. Spitzname Schädel, weil seine Kopfform an einen Football erinnerte. Wenn Schädel Innendienst schob, beantwortete er mit Vorliebe die eingehenden Anrufe. Niemand wusste warum.
Wo liegt das Problem?
„Schädel, hör zu! Schick mir sofort einen Wagen! Letzte Nacht bin ich überfallen worden. Irgendjemand ist in meine Wohnung eingebrochen, hat mir eins über die Birne gehauen und mich vergiftet. Bitte, du musst mir helfen!“
Aus der Muschel drang Kratzen, als riebe Schädel das Telefon über seine unrasierten Wangen. Im Hintergrund vermeinte Martin verhaltenes Gelächter zu hören. Wahrscheinlich war die Mithörfunktion aktiviert.
„Holger? Hast du mir zugehört? Ich brauch sofort einen –“
„Martin… Muss ich dir als Insider erklären, dass jedes hier eingehende Gespräch aufgezeichnet wird?“
„Was soll das Gelaber? Du musst –“
„Und von deinen Anrufen haben wir mittlerweile so viel Tonmaterial zusammen…“ Schädel überspielte sein hörbares Schmunzeln mit einem Räuspern. „…davon könnte eine Doppel-CD gepresst werden!“
„Scheiße, ja. Ich weiß, ich weiß! Aber das hier ist ein absoluter Notfall!“
„Das waren die anderen gefühlten tausend Anrufe auch, Martin.“ In seinem Tonfall schwang Mitleid. Dann Ironie. „Absolute Notfälle…“
Absolute Notfälle… Sicher!
Schädel hatte recht. Wie oft hatte Martin in der Nacht angerufen? Wenn er voll war, jemanden zum reden brauchte, jemanden, der ihn verstand. Polizisten, Gleichgesinnte, weil…
>Ernie hatte mal einen Bert! Hattest du auch Stoffpuppen?<
Verflucht, hör auf! Hör auf, hör auf, hör auf!
Was hatte der beschissene Psychiater erreicht? Was?
Gottverdammt…
„Schädel, ich weiß, dass ich dich hunderte Male mit meinen Anrufen genervt habe. Es tut mir leid. Wirklich! Ich war daneben, und… Scheiße Mann, tu mir jetzt einfach den Gefallen und glaub‘ mir, ja? Wenigstens dieses eine Mal. Ich erzähl keinen Mist, bei mir ist eingebrochen worden. Man hat mich niedergeschlagen. Keine Ahnung wer und womit. Jedenfalls hab ich ne bescheuerte Platzwunde am Kopf!“ Er tastete danach. Schmerz traf ihn wie ein Blitz. „Aber das ist nicht das Schlimmste! Als ich wach wurde, da… da steckte diese verdammte Spritze in meinem Arm. Verstehst du, was das bedeutet? Irgendetwas wurde mir injiziert. Ein Medikament, Gift, ich will’s gar nicht wissen, Schädel, ich will nur, das dieses verfluchte Zeug wieder aus meinem Körper verschwindet!“
Nach Luft schnappend, lauschte er dem Knistern im Hörer. Diesmal machte sich Schädel nicht die Mühe die Sprechmuschel abzudecken, um das Hintergrundkichern zu vertuschen. Natürlich hörten die anderen mit. Wahrscheinlich bescherten seine Anrufe einen abwechslungsreichen Dienstalltag. Vielleicht wartete man sogar auf ihn.
Wie oft hab ich mich zum Affen gemacht?
>Absolute Notfälle…<
Er wusste es nicht. Und im betrunkenen Zustand war es ihm auch egal, was die anderen über ihn dachten. Dann blendete der Alkohol das Lachen und die Kommentare aus. Aber jetzt, nüchtern, den Tod vor Augen, fühlte er sich erbärmlich, hilflos und bloßgestellt.
Ein abgewrackter Bulle bettelt um Hilfe.
„Schädel, bist du noch dran?“
Die Hintergrundgeräusche verstummten.
„Natürlich bin ich noch dran.“
„Dann tu mir bitte den Gefallen und schick einen Wagen, hörst du? Am besten auch einen Arzt! Einen, der sich auf die Behandlung von Vergiftungen versteht, okay?“
„Okay. Der Erna-Wagen ist schon unterwegs.“
Martin verdrehte die Augen. Schädels Tonfall offenbarte die Verarsche.
Zum kotzen!
Wie sollte er die Ernsthaftigkeit seiner Situation rüberbringen? Er klemmte den Hörer zwischen Kinn und Schulter, um an der Einstichstelle zu kratzen. „Ich meine es ernst, Schädel! Absolut ernst!“
„Ja. Das tatest du letzte Woche auch, als du behauptetest, ein Unbekannter würde dich von der anderen Straßenseite aus beobachten. Aber als die Erna dann bei dir eintraf, gab es außer einer kaputten Straßenlaterne nichts was in dein Haus hätte hinein glotzen können. Zumal du alle Rollladen heruntergelassen hattest. Soll ich dir den Bericht der Kollegen vorlesen?“
„Ich hab die Rollladen runtergelassen, weil mich jemand beobachtet hat!“
„Der aber nur in deiner Phantasie existierte, oder?“
Martin stöhnte, als er den Apparat wieder in die Hand nahm. Das Kratzen hatte Schmerzen verursacht, die ihm verdeutlichten, wie sehr ihm die Zeit unter den Nägeln brannte.
Oder in den Adern!
>12 Stunden bis zu deinem Tod!<
Wieder verspürte er Magenkrämpfe. Das Gift entfaltete seine Kraft. Wenn er Pech hatte, würden ihn die Symptome bereits vor Ablauf des Ultimatums handlungsunfähig machen.
Halbvoll, oder halbleer?
Ich muss ihn bei der Stange halten! Ich muss, muss, muss!
„Hör zu, Schädel, versuchen wir es doch einfach andersrum. Stell dir vor, ich bin gar nicht ich! Versuch mich als Neutrum zu betrachten. Als eine Person, der du nie in deinem Leben begegnet bist. Tust du mir diesen Gefallen? Nur dieses eine Mal, bitte!“
Grunzen am anderen Ende der Leitung. Stühle rückten. Verhaltene Kommentare. Man bereitete sich auf die Vorstellung vor.
„Also gut…“ Schädel klang genervt. „Sie wollen also einen Einbruch melden?“
Jemand kicherte im Hintergrund. Ein anderer pfiff.
Kümmer dich nicht drum! Nur so geht das!
Dem Beamten die Ernsthaftigkeit seines Anrufes nahebringen, indem sie in der dritten Person miteinander redeten. Unpersönlicher. Distanzierter.
„Ja!“ Er gab seinen Namen und Adresse an.
„Ich habe mir Ihre Daten notiert. Gibt es irgendwelche Einbruchspuren, die auf ein gewaltsames Eindringen in Ihre Wohnung hindeuten?“
„Natürlich gibt es die…“
Er hatte noch nicht nachgesehen. Aber es musste sie einfach geben. Wie sonst hätten der oder die Täter das Haus betreten sollen?
„Können Sie mir diese kurz schildern?“
Martin ließ den Drehstuhl um die halbe Achse kreisen. Der Anblick des Raumes, der früher einmal die Bezeichnung Wohnzimmer getragen hatte, erschütterte ihn jeden Morgen neu. Bergeweise Schmutzwäsche verdeckte die wie wahllos verteilten Sitzmöbel. Dazwischen lugten Pizzakartons, McDonalds-Tüten und leere Whiskyflaschen hervor. Der im Suff umgerissene CD-Ständer hatte seine Fracht im Halbkreis über den Boden verstreut. Martin hatte keinen Sinn darin gesehen, die Sachen wieder einzusortieren. Was bedeutete Ordnung in einem chaotischen Leben? Eine Lüge!
>Hattest du auch Stoffpuppen?<
Shit!
Der ehemals beigefarbene Teppich wies Flecken auf. Es roch muffig. Zu Dienstzeiten hätte Martin in einer solchen Behausung umgehend nach der vor sich hin modernden Leiche gesucht. Jetzt war er auf dem Weg zu einer solchen zu mutieren.
„Hallo? Sie belegen gerade eine Notrufleitung. Wenn Sie mir keine eindeutigen Einbruchsspuren nennen können, sehe ich mich gezwungen, die Verbindung zu trennen.“
„Doch, Moment…“ Martin erhob sich schwerfällig. In aufrechter Position schoss sein Kreislauf schlagartig in den Keller. Es rauschte in den Ohren, während ihm ein kurzer Aussetzer das Sehvermögen raubte.
„Moment…“, hörte er sich erneut sagen, damit Schädel nicht auf die Idee kam seine Drohung wahr zu machen. „Ich gehe zur Haustür.“
Wobei „gehen“ nicht dem entsprach, was er tatsächlich tat. Mit einer Hand auf den belagerten Sesseln abstützend, tapste er vorsichtig in Richtung Korridor, hielt das Telefon fest umklammert ans Ohr.
„Martin. Leg auf. Das bringt doch nichts. Leg dich ins Bett und schlaf deinen Rausch aus.“
„Bin jetzt gleich da…“ Die Knie schwammig, der Blick durch den instabilen Kreislauf getrübt, gelang es ihm, sich vom Türrahmen des Korridors zur Türklinke zu hangeln. „Hier sind eindeutige Einbruchsspuren, Schädel, hörst du? Eindeutig…“
Schädel, hörst du…?
Während er seinem Kollegen noch zu vermitteln versuchte, er habe Spuren eines Einbruchs in seinem Haus erkannt, wich diese Erkenntnis der Tatsache, eben diese nicht vorzufinden.
>Schädel, hörst du?<
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Trotzdem bestätigte er den Einbruch.
Ein abgewrackter Bulle…
Wegen dem gelben Post-it an der Tür.
…bettelt um Hilfe.
Nicht außerhalb, sondern innerhalb der Wohnung.
„Martin? Was machst du denn?“
Er überflog die mit Edding verzeichnete Notiz. Der Hörer schepperte auf den Fliesenboden. Schädels Stimme erstarb.
Stille.
Dr. med. Roland Weihenkirchen
Innere Medizin/Toxikologie
Osterstraße 8
45886 Gelsenkirchen
Die handschriftlich verfasste Adresse schien sich wie von Geisterhand von dem Post-it zu lösen, und auf ihn zu zu schweben. In immer größer werdenden, Hoffnung versprechenden Lettern.
Nein, oh Nein!
Derjenige, der die Adresse hinterlassen hatte, räumte ihm die Option ein, seinen Tod zu vereiteln, indem er ihn auf eine Fachkraft verwies, die ihm das Leben retten konnte?
Was für ein Scheiß…?
Für wie behämmert hielt man ihn eigentlich? Und welcher Sinn steckte dahinter?
Mich anlocken…
Und dann?
Und dann?
Er öffnete die Tür, um die Außenseite des Schlosses näher zu betrachten.
Unglaublich!
Von den winzigen Kratzern alltäglicher Gebrauchsspuren abgesehen, schloss nichts auf eine gewaltsame Manipulation.
Der Eindringling hat einen Dietrich benutzt.
Oder ganz einfach einen Schlüssel…
Scheiße!
Wer…?
Er nahm das Telefon vom Boden, wusste nichts damit anzufangen, rannte damit ins Wohnzimmer, wusste nichts damit anzufangen, kickte CD-Hüllen durch den Raum, wusste nicht wo und wie anzufangen, warf wahllos Gegenstände um sich, fluchte, schimpfte, verdammte Gott und die Welt, bis er erschöpft in seinem Schreibtischstuhl zusammensank.
Gott ist tot!
>12 Stunden bis zu deinem Tod!<
Zwölf Stunden, wovon die erste gerade verstrich.
Und er nicht wusste, welchen Spielraum ihm das Ultimatum in Wirklichkeit bot. Hatte er die zwölf – oder nun runter gerechnet – elf Stunden tatsächlich zu seiner vollsten Verfügung? Oder endete der Überlebenskampf vielleicht schon mit Ablauf der nächsten Stunden? Weil er die restliche Zeit gegen ausufernde Symptome zu kämpfen hatte?
Atemaussetzer…
Es gab keine verbleibende Zeit!
Muskellähmungen…
Keine einzige Minute, in der er sich sicher fühlen konnte!
Hautbluten und Herzflimmern…
Jeder Atemzug versorgte die in seinem Körper wachsende, zerstörerische Energie, bis er - von Schwäche verzehrt - dem Tod ins Auge blickte!
Fuck! Was für ein hinterhältiges Spiel!
Das Post-it vom Monitor gerissen, zerknüllt und weggeworfen. Ein neuer Gedanke, eine Idee, eine Möglichkeit.
„Mach doch, mach doch, mach doch!“ Auf den Tisch trommelnd, feuerte er seinen Rechner an. Der Lüfter ratterte bedrohlich. Nur langsam baute sich die Benutzeroberfläche hinter dem Bildschirm auf, flackerte und flimmerte.
Liegt das am Monitor? Sehstörungen?
Je weiter er sich vorbeugte, umso schlimmer wurde es. Er hatte Mühe, dem Mauszeiger zu folgen, und somit Computer und Internet zu verbinden.
Giftnotrufzentrale.
Mit Enter bestätigte er den eingegebenen Suchbegriff. Zahlreiche Einträge erschienen, wovon er den ersten aufrief. Sofort stach ihm der gewünschte Verweis ins Auge.
Giftinformationszentren Deutschland.
Davon muss nur noch eines in der Nähe sein!
Er aktivierte den Link. Gelsenkirchen stand an fünfter Stelle gelistet. Daneben eine Kurzbeschreibung, sowie eine Telefonnummer. Martin zögerte keinen Moment, und gab die Nummer ein. Gleich nach dem ersten Läuten wurde abgenommen.
„Hallo? Mein Name ist –“
Am anderen Ende der Leitung lief eine Bandansage. Unscheinbare Hintergrundmusik. Eine wohlklingende Frauenstimme bestätigte zunächst den Anruf beim Giftinformationszentrum Gelsenkirchen, verwies dann aber auf einen Dr. med. int. Winfried Maternus in der Ückendorfer Straße, mit dem Hinweis, dort vorstellig zu werden. Nachdem die Ansage ein weiteres Mal wiederholt wurde, brach die Verbindung ab.
Und das bei einem Notfall? Warum nicht gleichauf ein Beerdigungsinstitut hinweisen?
Martin kannte die Adresse. Nur diesen Internisten nicht. So lange er denken konnte, war dort ein Zahnarzt ansässig gewesen. Aber Veränderungen waren nichts Ungewöhnliches. Vielleicht konnte der Mann helfen, wenn er schon von der Giftnotrufzentrale angepriesen wurde.
Er musste helfen!
Scheiße!
Dann kam der Schlag. Imaginär. Direkt in die Magengrube. Er wankte. Sog Luft tief in die Lungen. Erbrach sich auf den Boden…
Blackout.
… und kam zu Fall.
>Ernie hatte mal einen Bert! Hattest du auch Stoffpuppen?<
Es kommt hoch! Verdammt, es kommt alles wieder hoch!
11 Stunden.
Die Zeit tickte rückwärts, sein Leben tickte rückwärts, die Zeit tickte mitsamt seinem beschissenen Leben rückwärts, tickte, tickte rückwärts, in eine dunkle Zukunft, tickte rückwärts in den Tod, in den Tod, in den Tod.
Der Teufel unter den Giftpilzen…
Die Wohnung drehte sich, als er die Augen aufschlug. Sein Erbrochenes stank erbärmlich. Die Hüfte schmerzte vom Sturz.
Reiß dich zusammen!
Wieder die Krämpfe, deren Schmerzregion sich jetzt ringförmig in die Nierengegend ausbreitete.
Auf mit dir!
Er stieß sich vom Boden ab, vorsichtig, nicht in die stinkende Lache zu fassen. Die Klinke gab ihm weiteren Halt, während er den restlichen Nebel aus seinen Gedanken atmete.
Weiter! Weiter!
Ungelenk rupfte er die Daunenjacke vom Haken und streifte sie über. Ignorierte den säuerlich riechenden Fleck auf der Brust. Für Kosmetik blieb keine Zeit. Sein Äußeres musste hintanstehen. Es ging um sein Leben. Beidhändig leerte er die Aluschale auf dem Schrank neben dem Ausgang, stopfte das Gewirr aus Schlüsselbunden, Handy und Portemonnaie in die Taschen, und machte sich auf den Weg.
Kapitel 3.
So, wie du glaubst, so wird dir geschehen.
(Jesus)
Dunkle Häuserblöcke hinter dunklen Bürgersteigen auf denen dunkle Menschen krabbelten.
Gift…
Dunkle Bäume, deren dunkles blattloses Geäst bis weit in die dunkle Wolkendecke reichte.
Gift…
Dunkle Gedanken in einem dunklen Leben über dunklen Straßen in eine dunkle Zukunft.
Gift…
All diese Eindrücke huschten hinter schmierigen Autofenstern vorbei, während er seinen in die Jahre gekommenen Corsa über den Asphalt trieb, huschten vorbei, huschten vorbei und vorbei.
Der kürzeste Weg zu Maternus‘ Praxis führte über die Osterstraße. An der Adresse des Toxikologen vorbei.
Ein verdammter Zufall?
Was spräche dagegen, dort vorbeizuschauen? Es lag auf dem Weg, und kostete nur die zusätzliche Zeit, die Martin brauchte sich dort umzusehen.
Er passierte Hausnummer 16, die Einstichstelle juckte.
Kein Umweg, nur anhalten.
14, Hausnummer 12, der Wunsch nach sofortiger Hilfe verzerrte die Realität.
Nur aussteigen und nachsehen.
Selbst wenn jemand versuchte, ihn in eine Falle zu locken, was würde geschehen? Derjenige, der ihm das Gift verabreicht hatte, hatte doch bereits die Möglichkeit gehabt ihn aus dem Weg zu schaffen.
Wozu also ein weiteres Spektakel?
10, Hausnummer 8, ein Versuch, ein dünner Grashalm.
Dünn, dünn, aber immerhin…
Hektisch bremsend lenkte er den Corsa halb auf den Bürgersteig. Die Vorderradfelge knirschte über den Bordstein, Rollsplitt spritzte zur Seite. Mit zusammengekniffenen Augen lugte er durch die abgedunkelte Heckscheibe, und überprüfte die Hausnummer auf dem Blechschild neben der Eingangstür.
Was für eine Baracke!
Ein von wildem Wein bewucherter Backsteinbau aus den 1930er Jahren, der den Bomben des Krieges wie durch ein Wunder getrotzt hatte. Jetzt, drei Tage vor Weihnachten, war das leuchtendrote Herbstlaub verweht. Die verbliebenen knochigen Verästelungen erinnerten an einen urzeitlichen Parasit, der dem maroden Gemäuer an die Substanz wollte.
In so einer Bruchbude praktiziert ein Arzt?
Dem Zustand des Bauwerkes nach zu urteilen hätte er eher einen Polnisch-sprachigen Bautrupp samt Abrissbirne erwartet.
Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen!
Das Haus seines ehemaligen Schulfreundes wies von außen ähnliche charakteristische Merkmale auf wie diese Kaschemme. Doch im Inneren erschlug einen das Ambiente luxuriöser Einrichtung. Sein Freund nannte den Zustand die Distanz zwischen Altertum und Moderne. Martin fand, er sei einfach nur zu faul, die Fassade zu renovieren.
Vielleicht verhält es sich bei diesem Altbau ebenso?
Was er nach Betrachtung der wurmstichigen Haustür bezweifelte. Dahinter würde er eher von einem herabstürzenden Balken erschlagen.
Wenigstens nachsehen…
Draußen schlug ihm eisiger Wind entgegen. Geschliffene Klingen, die sein Gesicht zerschnitten. Innerhalb weniger Sekunden erglühten seine Wangen feuerrot. Er zog die Daunenjacke vor der Brust zusammen. Nur wenige Schritte bis zur Tür, und im Haus erwartete er angenehme Wärme.
Anstelle der Türklingel lugten zwei dünne Drähte aus der Wand.
Willkommen im Horrorhaus!
Er klopfte. Das Pochen drang hohl durch das Gebäude. Niemand reagierte darauf.
Die Bude ist leer! Die verdammte Bude steht einfach nur leer!
Nach einem weiteren Versuch drückte er gegen die Tür. Sie ließ sich problemlos öffnen. Trockene Lackfragmente rieselten zu Boden. Ein Windstoß wehte sie in den Flur.
„Hallo?!!“ Sein Atem verflüchtigte sich über eine silbrig aufsteigende Nebelwolke ins Nichts. Hier drin war es nicht wärmer als draußen. Das Mauerwerk verströmte eisige Kälte. Der Putz schien schon vor Jahren von den Wänden gefallen zu sein. Nur vereinzelte Stellen zeugten davon, dass es überhaupt welchen auf den Backsteinen gegeben hatte.
„Hallo?!! Ist hier jemand?!!!“ Die Worte hallten kalt zurück.
So kalt, wie ich mich bald anfühle, wenn mir nicht geholfen wird!
Niemand schien sein Eindringen registriert zu haben.
Wenn es überhaupt jemanden gibt, der dazu in der Lage ist.
Bislang erweckte das Innere des Hauses den gleichen Eindruck wie sein Äußeres. Eine abrissbereite Substanz, dessen Schicksal in naher Zukunft durch schweres Gerät besiegelt werden würde.
Tage, die ich nicht mehr erleben werde…
Wenn nicht bald ein Wunder in dieser Ruine geschehe.
Martin brüllte. Schrie Weihenkirchens Namen. Doch dadurch wirbelte er nur Staubpartikel auf. Derjenige, dessen Name zu der Adresse gehörte, existierte nicht. Hatte wahrscheinlich nie existiert. Das ganze war eine Finte. Ein Spaß. Ein verfickter, makaberer Spaß.
Auf meine Kosten. Ich bin ein Idiot!
Er lehnte sich gegen die Wand. Tonlos lachend. Kopfschüttelnd, über sich selbst. Putzbröckchen bröselten aus den Mauerfugen, klackerten auf die ausgetretenen Holzdielen.
>Martin. Leg auf. Das bringt doch nichts.<
Fuck!
Das Geräusch kam aus der oberen Etage.
Eine knisternde Tüte, in die etwas hineingestopft wird. Mal lauter, mal leiser. Also war doch jemand anwesend?
Weihenkirchen?
Oder irgendein Penner, der oben vor dem Wetter Schutz suchte?
„Hallo?!“, rief er die Treppe hinauf. „Doktor Weihenkirchen? Sind Sie da oben?“
Das Knistern verstarb, um einen Wimpernschlag später wieder einzusetzen.
„Darf ich zu Ihnen rauf kommen?“
Keine Antwort. Nur die Geräusche.
Martin begutachtete den Zustand der Holztreppe.
Nicht gerade solide!
Die Benutzung schien riskant. Die Dielen wölbten sich an den Seiten in die Höhe, sodass sich fingerdicke Fugen zwischen den Stößen gebildet hatten. Risse verliefen längst der Holzfasern. Aber die mittig der Stufen reduzierte Staubschicht bestätigte, dass jemand die Treppe erst kürzlich benutzt haben musste.
Rauf!
Jede Stufe ächzte und knarrte in unterschiedlicher Weise, was die Treppenanlage noch bedrohlicher wirken ließ. Knackend wie dünne Zweige. Knackend wie herausbrechende Zähne. Knackend wie spröde, splitternde Knochen.
Die Knochen verwester Leichen.
Ich bewege mich über die Knochen verwester Leichen.
Eine über den Rücken hinab kriechende Gänsehaut ließ ihn frösteln.
Was für ein beschissener Alptraum!
Oben blickte er in einen schmalen Korridor. Der Linoleumbelag rissig, unförmige Wülste an den Rändern. Von den Wänden schälten sich die Tapeten breitflächig ab. Es roch nach Schimmel, Staub und Verfall. Drei offene Türen zu drei nebeneinanderliegenden Räumen.
Martin spähte um den ersten Türrahmen. Spärliches Licht fiel durch das zersplitterte Holz der geschlossenen Blendläden in einen ausladenden Raum. Ein vermoderter Schreibtisch, daneben ein von Flugrost überzogener Kleiderständer.
Verfall…
Ein Regalsystem voller toter Schmeißfliegen, Dreck und Spinnweben.
Verfall…
Mittig des Raumes hing ein Kronleuchter von der Decke. Überall Pappkartons, in einer Ecke ein aufgerollter Teppich.
Überall Verfall…
Wieder gewann er den Eindruck, hier räume jemand die letzten Dinge aus dem Haus, bevor dieses dem Erdboden gleichgemacht würde.
Ein Schritt über den Abhang hinaus…
„Doktor Weihenkirchen? Sind Sie hier oben?“
Keine Antwort. Kein Rascheln. Nichts.
„Hallo? Mein Name ist Martin Maar. Ein… Ein Bekannter gab mir Ihre Adresse. Er meinte, Sie könnten mir vielleicht helfen?“ Er trat zwischen den Türrahmen des nächsten Raumes. Ähnliches Chaos: Pappkartons, vollgestopfte Mülltüten, eine schiefe Stehlampe. Ansonsten Staub, Schmutz und auf dem Boden verstreute Zeitschriften, spärliches Licht durch zersplitterte Blendläden, Dunkelheit in den hinteren Bereichen.
Überall Verfall…
Martin wandte sich um, den Raum zu verlassen. Dabei streifte er die Lampe. Nur einen Hauch, dass er die Berührung gar nicht bemerkte. Dafür aber den Knall, als das Ding neben den Säcken zu Boden krachte.
Er wirbelte erschrocken herum. Sah ein fauchendes schwarzes Bündel wie aus dem Nichts auf ihn zu schießen. Instinktiv nahm er die Arme vor das Gesicht.
Keine Sekunde zu spät.
Die Krallen schlugen in seine Jacke. Nylon riss unter dem Gewicht des fauchenden Katers. Federn quollen durch den zerfetzten Stoff. Martin schrie. Aus Wut, Schreck und Hilflosigkeit. Das Vieh verbiss sich in seinen Unterarm. Die spitzen Zähne gruben sich schmerzhaft ins Fleisch, wozu der Kater wie ein Baby plärrte und wütend mit den Beinen strampelte.
„Scheiße!“
Martin holte Schwung. Drehte sich. Schleuderte das am Arm hängende Tier wie ein Hammerwerfer vor sich her.
„Scheiß-Vieh!“
Die Hinterläufe knallten gegen einen der Pappkartons, hebelten ihn in die Höhe. Der Kater schrie, fauchte, verlor den Halt, krachte in eine Mülltüte, überschlug sich auf dem Boden, worauf er mit gesträubten Fell und buschigem Schwanz über den Flur die Treppe hinunter polterte.
„Verdammtes Scheiß-Vieh!!“
Sein Herz raste. Daunen rieselten aus dem Ärmel. Wut kochte in seinen Adern. Hier oben war niemand. Kein Mensch, kein verdammter Arzt, der das verdammte Gift in seinem Blut neutralisierte.
Nur Verfall…
Und eine wildgewordene, bescheuerte Katze, die ihm um ein Haar die Augen ausgekratzt hätte.
Wär ich doch an dieser verfluchten Baracke vorbeigefahren!
Piepsen, Piepsen, hektisches Piepsen, fordernd und durchdringend…
Stille.
Was ist denn…?
Martin dachte an sein Handy, an den Eingang einer SMS. Doch dafür klang es zu karg, zu entfernt, und entsprach nicht dem gewohnten Signal.
Er wartete, ob sich das Geräusch wiederholte, und…
Piepsen, Piepsen, hektisches Piepsen…
Stille.
Ein Pieper?
Spärliches Licht durch zersplitterte Blendläden. Dunkelheit in den hinteren Bereichen, dort wo das Piepsen herkam.
Licht!
Er ging zum Fenster, öffnete es, um den Blendladen beiseite zu schieben, als die verfaulten Streben eine nach der anderen aus der Halterung rutschten und hinab auf den Bürgersteig prasselten.
Die ganze Bude bricht auseinander!
Er blinzelte gegen das einfallende Licht, gegen den grauen Winterhimmel, gegen kahle Bäume und aufragende Laternen, gegen schwebenden Staub, Mülltüten, Pappkartons, gegen eine umgestoßene Stehlampe, auf dem Boden verstreute Zeitschriften, und gegen die in einem zerschlissenen Arztkittel auf einer altertümlichen Behandlungsliege befindlichen Leiche.
Verflucht, was ist denn…?
Er kniff die Augen zusammen.
Eine Täuschung…
Durch einen Bündel Kleidungsstücke.
Eine einfache Täuschung…
Durch einer rundlich in Kopfhöhe zusammengedrückten Tüte.
Eine einfache, harmlose Täuschung…
Durch einen Baseballschläger, der an einen herunterhängenden Arm erinnerte.
Eine einfache, harmlose, beschissene Täuschung…
Durch eine achtlos dazu geworfene Hose.
Genau! Was sonst? Was…?
Oder hatte er eine Schaufensterpuppe vor sich? Manche Leute besaßen solche Dinger, stellten sie sich ins Fenster, oder drapierten sie auf einem Sessel, und…
Nein! Verdammt, nein!
Er schluckte. Brauchte keinen Schritt näher zu treten, um einen Irrtum auszuschließen.
Schaufensterpuppen bluteten nicht!
Teufel, auch…
Genauso wenig, wie sie Pieper mit sich herumtrugen.
Was für ein Irrsinn? Wer piept einen Toten an?
Der noch nicht lange dort liegen konnte. Blut tropfte aus den Fasern des Kittels, Blut sammelte sich am Boden zu einer dunklen Lache, Blut aus dem Herzen des Toten, aus dem ein Messergriff in die Höhe ragte, Blut, Blut, überall Blut…
Das ist nicht wahr!
Er hustete, schrie.
Das kann nicht wahr sein!
Würgte, schrie.
Das kann gottverdammt nicht wahr sein!
Sein Magen rebellierte. Speichel im Mund. Schwindel ließ der Raum schwanken.
Oder schwanke ich?
Draußen rumpelte ein Schwertransporter vorbei. Das Haus erzitterte, Putzbröckchen brachen aus der Decke, der verfluchte Pieper setzte endlich aus.
Stille.
Was jetzt? Was jetzt? Was jetzt?
Martins Blick wanderte zu dem Gesicht des Toten - ein glattrasierter, von pockennarbiger Haut überzogener Schädel. Über die Oberlippe verlief ein waagerecht rasierter Bartstrich, ein weiterer senkrecht über das Kinn, der das Ganze zu einem durch die Lippen durchbrochenen T formte.
Ist das der verdammte Arzt? Dr. Weihenkirchen?
Der Arztkittel legte die Vermutung nahe. Und zerstörte gleichzeitig die Hoffnung auf schnelle Hilfe.
Jeder kann sich so einen scheiß Kittel überziehen…!
Er musste sich sicher gehen. Den Toten untersuchen.
Vielleicht finde ich einen Hinweis auf deren Identität.
Vorsichtig näherte er sich der Leiche, das Gesicht aschfahl, der Magen im Schleudergang, der Mund voller Spucke und Ekel.
Scheiß drauf, Martin, scheiß drauf! Du muss die Wahrheit wissen!
Und die herauszufinden, bedurfte es keiner umfangreichen Durchsuchung. Hinter dem Kragen lugte etwas Metallisches hervor, ein Namensschild, aus der Kitteltasche ein Kugelschreiber. Mit spitzen Fingern nahm er ihn an sich, wischte etwas schleimiges Dunkles davon ab, bis er sich sicher war, ihn vernünftig gesäubert zu haben. Dann schlug er damit den Kragen um.
Dr. med. R. Weihenki…
Den Rest des Namens verschmierte das Blut.
Das ist der verdammte Typ, an den ich mich wenden sollte!
Jemand hatte ihn kaltblütig ermordet. Erstochen. Warum? Wusste jemand, dass Martin seine Hilfe in Anspruch nehmen wollte?
Ich muss die Polizei informieren!
Eine logische Konsequenz!
Aber wie werden die Kollegen reagieren? Schädel?
>Absolute Notfälle…<
Erst die Story vom Einbruch, dem Niederschlag und der Vergiftung. Jetzt der Fund einer Leiche. Der Leiche, die ihm zu Lebzeiten hatte helfen sollen das verfluchte Gift in seinen Adern zu neutralisieren. Das klang nicht nur krank.
>Bernd. Leg auf.<
Das klang Paranoid.
Genauso wird man mich einstufen. Krank und Paranoid!
Er sah es bildlich vor sich. Wie sie sich mit tränenden Augen vor Lachen auf die Schenkel klopften. Die Story würde alles toppen, und vielleicht käme tatsächlich jemand auf die Idee, die aufgezeichneten Gespräche auf eine CD zu brennen. Oder bei youtube hochzuladen.
Aber ich muss es tun. Es ist meine verdammte Pflicht!
Er kramte das Handy heraus, betrachtete das Display, ließ es wieder sinken, betrachtete den Toten, das Blut, das Handy, hob es und ließ es wieder sinken.
Er konnte nicht anrufen. Nicht jetzt. Der Mann war tot, niemand konnte ihm mehr helfen. Selbst wenn er Schädel von der Wahrheit überzeugte, es würde nur unnötige Zeit in Anspruch nehmen. Man würde ihn dazu drängen vor Ort zu warten, um ihn mit sinnlosen Fragen zu bombardieren. Fragen, auf die er keine Antworten hatte. Antworten, nach denen er selber suchte.
Suchen, suchen, suchen…
Vielleicht würde er den Fund später melden.
Später…
Leichen verschwanden nicht von selbst.
Kapitel 4
Die nicht nach dem Sinn des Lebens suchen, vergeuden ihr Leben
(Ramana Maharishi)
Grau, grau, und grau…
Zu dieser schmuddeligen Jahreszeit wirkte die ohnehin trostlose Ückendorfer Straße noch deprimierender. Als seien die zahlreichen unter der Stadt verlaufenden Flöze an die Oberfläche geholt und Häuser drum herum gebaut worden.
Grau, grau, und grau…
Schmutziggraue Fassaden reihten sich in eigenwilligen Baustilen hintereinander, die Bürgersteige von wenigen trüb dreinblickenden Menschen bevölkert.
Grau, grau, und grau…
Die von Martin angesteuerte Praxis fügte sich in ihrem Erscheinungsbild nahtlos in die düstere Vision einer seelenlosen Stadt. Der Eingang lag nach hinten versetzt, ein freier Parkplatz auf die Schnelle nicht zu entdecken, also parkte er den Corsa kurzerhand vor der dem Haus zugehörigen Garage.
Drinnen roch es nach Desinfektionsmitteln. Nichts Ungewöhnliches für eine Arztpraxis. Der Empfangsbereich war schlicht und zweckmäßig eingerichtet. Keine Nachdrucke abstrakter Schmierereien in billigen Rahmen an den Wänden. Dr. Maternus schien Geschmack zu beweisen, indem er auf die sonst in Praxen üblichen Kunstwerke verzichtete. Der Eindruck war gepflegt, was ihm ein sicheres Gefühl vermittelte.
Sicher…
Die Sprechstundenhilfe stand mit dem Rücken zu ihm und zwängte einen Aktenordner zurück in eine Ansammlung weiterer. Als Martin grüßte, wirbelte sie herum, die Hand flach auf die Brust gepresst. „Um Gottes Willen, Sie hätten –“
„Sie?!“ Martin konnte seine Überraschung nicht verbergen. „Aber Sie waren doch…?“
Das Lächeln der jungen Frau hob ihre maskulinen Gesichtszüge hervor. Die schmale Designerbrille verstärkte die eckige Kopfform, die struppige Kurzhaarfrisur schien nach einem Griff in die Steckdose entstanden zu sein. „Hallo, Herr Maar. Schön, Sie wiederzusehen.“
„Daniela?“ Er trat an den Tresen. „Sie… Sie arbeiten jetzt hier?“
Hoffnung…
Daniela stützte ihre Ellbogen auf der Theke ab und bettete das Kinn auf ihre Handballen. Breite Schultern deuteten auf intensives Krafttraining hin. „Noch nicht lange. Hab die Annonce in der Zeitung gelesen, mich einfach mal beworben und voila…“ Sie vereinnahmte den Empfangsraum mit einer ausladenden Geste. „Es hat geklappt! Es ist nicht so, dass ich bei Doktor Kern unzufrieden gewesen wäre, aber -“
Verdammte Hoffnung…
„Daniela, hören Sie bitte!“, unterbrach er ihren Redeschwall. Normalerweise hätte es ihn interessiert, warum die langjährige Sprechstundenhilfe seines Psychiaters den Arbeitsplatz gewechselt hatte. Doch die Zeit rannte davon. Die Übelkeit nahm seit Betreten der Praxis zu. Das mochte an dem Geruch liegen, an der nagenden Angst, oder…
Mochte…
Scheiße…
Hoffnung!
„Ich brauche Hilfe! Sofort! Ich bin hier, wegen… Naja, das klingt jetzt vielleicht ein bisschen sonderbar, aber der Doktor ist mir empfohlen worden, weil… Ich bin… Man hat mich vergiftet!“
„Vergiftet?“ Daniela zog die Brauen zusammen. „Wie denn das? Haben Sie was Falsches gegessen? Pilze, oder so was in der Art?“
„Nein, nein…“ Er versuchte die Einstichstelle freizulegen, doch der Ärmel ließ sich nicht weit genug hinauf schieben. „Irgendjemand hat mir etwas injiziert. Was, weiß ich nicht.“ Er schilderte ihr Einzelheiten und die begonnenen Symptome, schälte sich umständlich aus der aufgeplusterten Jacke, Federn rieselten zu Boden. „Da, sehen Sie? Da steckte die Spritze drin!“
Sie begutachtete den winzigen Punkt in seiner Ellbeuge, befühlte ihn mit ihrem Finger, wonach sie den Kopf schüttelte. „Scheint definitiv kein Laie am Werk gewesen zu sein.“
„Was? Wieso… Ich meine, woran erkennt man das?“ Er suchte den Arm nach Auffälligkeiten ab. Konnte aber nichts entdecken. „Ich sehe nichts!“
Sehe nichts…
Dafür überkam ihn die Vision eines wahnsinnigen Arztes.
Ärzte wussten mit Spritzen umzugehen!
Er sah Maternus mit wehendem, blutverschmiertem Kittel auf ihn zu rauschen…
Ärzte wussten mit Spritzen umzugehen!
…ein irres Grinsen auf den Lippen.
Ärzte wussten mit Spritzen umzugehen!
Aus seiner erhobenen Faust ragte eine mächtige Kanüle, die er ihm in den Hals rammen wollte.
In den Hals, in den Hals, nicht den Hals…
>Hattest du auch Stoffpuppen?<
Fuck! Es hört nicht auf…
Bäng! Bäng! Zwei Schüsse!
Hört nicht auf…
Zwei Schüsse in seinem Kopf, in seiner Erinnerung, in ihrem Hals!
Nicht auf…
Sein Blick huschte über die verschlossene Sprechzimmertür. Wer hockte dahinter? Was hockte dahinter?
Werd jetzt bloß nicht paranoid!
„Genau! Man sieht nichts!“
Er starrte sie an. „Bitte, was?“
„Ich meine, man sieht keine grünen, gelben oder blauen Flecken um die Einstichstelle herum.“
„Blutergüsse?“
„Genau! Solche unschönen Spuren hinterlassen meistens Anfänger, wenn sie eine Vene zum ersten Mal punktieren.“
„Also war derjenige, der mir das angetan hat, vom Fach? Ein Arzt? Ein Mediziner? Oder…“
Eine Sprechstundenhilfe?
„Schwer zu sagen.“ Sie wandte sich einem Plastikschrank zu.
Schwer zu sagen?
Der Drang fortzulaufen wurde plötzlich unerträglich.
Nimm dich zusammen, du brauchst Hilfe! Wo willst du hin?
„Junkies sind auch nicht vom Fach. Manche spritzen besser, als ein erfahrener Arzt.“
Die Antwort klang nicht gerade beruhigend. Ganz im Gegenteil. Sie erweiterte die Gruppe Tatverdächtiger.
Martin beobachtete, wie Daniela in den Fächern kramte und nacheinander Spritzen, Kanüle und Tupfer in die Handfläche legte. Vom Schreibtisch nahm sie eine Flasche Sprühdesinfektion und drapierte alles auf einem Plastiktablett.
Er fixierte die zusammengesuchten Utensilien. „Was haben Sie vor?“
„Ihnen Blut abnehmen, was denn sonst? Irgendwo müssen wir schließlich nach dem vermeintlichen Gift suchen, oder?“
„Ja, aber…“
Sie legte den Kopf schief.
„Ich meine, sollten Sie das nicht vorher mit dem Arzt absprechen?“
„Bei Vergiftungserscheinungen gehört die Blutabnahme zur Routineuntersuchung. Das muss der Doktor nicht extra anordnen.“
Das klingt plausibel!
Auch wenn er den Eindruck gewann, nicht wirklich ernst genommen zu werden. Wahrscheinlich vermutete Daniela entgegen seiner Ausführungen eine harmlose Intoxikation. Die Ruhe, die sie an den Tag legte, sprach zumindest dafür.
>Haben Sie was Falsches gegessen?<
Nein! Nur noch nichts Richtiges getrunken…
„Kommen Sie mit?“
„Ja… Ja, natürlich!“ Martin folgte ihr in einen schmalen Raum mit einem dreibeinigen Schemel vor einer Kunstlederbezogenen Liege. Das Modell ähnelte dem, worauf Weihenkirchen gelegen hatte. Nur nicht so heruntergekommen.
„Wenn Sie sich lieber hinlegen möchten?“, bot Daniela an.
„Nein, danke!“ Er setzte sich auf den Hocker, den nackten Arm auf der Liege platziert. „Das geht auch so.“
„Okay.“
Von da an sah er weg. Starrte in den ovalen Spiegel ihm gegenüber.
Jesus Christus!
Ihm glotzte Trauer, Angst und Sorge entgegen. Ein Abbild wochenlanger Exzesse. Nicht mehr das markant männliche Bullengesicht, wie man es ihm nachgesagt hatte. Der Alkohol hatte den attraktiven Mittdreißiger in ein aschfahles Gespenst verwandelt. Falten zerteilten die Haut. Die Augen glasig, als lägen die blauen Pupillen am Grunde eines tiefen Sees.
Ich seh` aus wie ein gottverdammter Penner…
Genauso fühlte er sich auch. Und das lag an den Giften, die er seinem Körper vor der unfreiwilligen Injektion in hohen Dosen zugeführt hatte. Ungeachtet seiner damaligen Lebensgefährtin und dem ungeborenen Leben gegenüber, welches sie in sich trug.
Leben, leben, leben…
>Ich werde es nur zu besonderen Anlässen auflegen!<
Carolas Gesicht tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Wie sie ihn wortlos mit vorwurfsvollen Blicken strafte. Er konnte ihr die Entscheidung nicht verübeln, ihn verlassen zu haben. Bei Gott, das konnte er wirklich nicht!
Gott ist tot!
Bäng! Bäng!
Etwas Dünnes wurde um seinen Oberarm gelegt und stramm gezogen.
„Wissen Sie, viele Intoxikationen werden einfach nicht ernst genommen…“
Die Sprühflasche zischte. In der Ellbeuge wurde es feucht und kalt.
„…oft plagen sich die Patienten über Tage hinweg mit Unwohlsein und meist harmlos erscheinenden Symptomen herum…“
Ein Tupfer trocknete die Haut. Plastik knisterte und riss.
„…in den meisten Fällen kann immer noch im Nachhinein behandelt werden…“
Er hielt die Luft an. Jeden Moment musste der Schmerz einsetzen. Doch er blieb aus.
„…aber manchmal… Tja, manchmal kommt dann jegliche Hilfe zu spät!“
Der Teufel unter den Giftpilzen!
Ein flüchtiger Seitenblick. Die schemenhafte Andeutung einer in seiner Vene steckenden Kanüle samt Zylinder. Die Punktion war fachmännisch und schmerzfrei durchgeführt worden.
Von einer Sprechstundenhilfe!
Wie leicht wäre es nun für Daniela, ihm weiteres Gift zu verabreichen? Er sah ja nicht hin. Hatte sie ihm bereits einige Einheiten in die Adern gedrückt?
Reiß dich zusammen! Du bist bei einem Arzt! Du kennst Daniela! Warum sollte sie dir etwas antun?
Richtig.
Einfach nur logisch denken!
Natürlich!
Worin lag die Logik auf den ermordeten Toxikologen gestoßen zu sein? Wer trachtete ihm mit Hilfe morbiden Aufwands nach dem Leben?
Was ist daran verdammt nochmal logisch?
„Bin gleich soweit…!“
>aber manchmal… Tja, manchmal kommt dann jegliche Hilfe zu spät!<
Er zuckte zusammen.
„Nur noch einen Moment still halten, bitte, Herr Maar.“
„Entschuldigung. Ich wollte nicht –“
„So. Schon fertig!“
Die Schlinge um seinen Arm lockerte sich. Dann verspürte er Druck. Daniela presste einen Tupfer auf die Einstichstelle. Drei mit dunkelroter Flüssigkeit gefüllte Spritzen lagen nebeneinander auf dem Tablett.
Mein Blut.
Welches sich samt Zylindern zu drehen begann.
Rasch sah er weg. „Und was jetzt?“
„Jetzt schicke ich Ihr Blut ins Labor, wo man es auf gängige Giftarten untersuchen wird“, sagte Daniela. „Ach so, haben Sie Ihre Versichertenkarte zufällig bei sich?“
„Können Sie das Blut denn nicht an Ort und Stelle untersuchen? Ich meine…“ Er blickte auf die Armbanduhr, die seine Zeit unaufhaltsam herunter zählte. „Wie lange wird das denn dauern?“
Sie brach die Kolben ab, verschloss die Kanülenaufsätze mit den passenden Stopfen, worauf sie die Röhrchen in einen wattierten Umschlag schob. „Ein paar Stunden vielleicht? Schließlich weiß das Labor ja nicht, wonach gezielt gesucht werden soll.“
Ein paar Stunden…
Die dritte verstrich.
„Herrje, Daniela!“ Er packte sie an den Schultern und rüttelte sie. „Ich habe vielleicht keine paar Stunden mehr!“
„He, was soll denn das? Wenn Sie jetzt hysterisch werden, bringt uns das auch nicht weiter!“
„Entschuldige, Daniela! Ich wollte nicht grob zu Ihnen sein. Wirklich nicht! Es ist halt nur…“ Er nahm die Hände von ihr, wischte sich über das Gesicht. „Gott, ich meine… Kann die Sache nicht irgendwie beschleunigt werden? Heutzutage –“
„Ich werde im Labor nachfragen. Versprochen! Wenn ich denen die Dringlichkeit erkläre, werden die ihr Blut vielleicht sofort untersuchen.“
Vielleicht…
„Außerdem müssen Sie noch zu Dr. Maternus rein. Bestimmt weiß er einen Rat, Ihnen aus der Misere zu helfen. Was war mit der Karte?“
Bevor er sie aus seinem Portemonnaie wurschteln und überreichen konnte, fixierte sie den Tupfer mit einem Streifen Klebeband. „Nicht dass Sie sich Ihre Sachen versauen…“
Er zog die Jacke über. Hatte sie den Kotzfleck auf seiner Brust nicht bemerkt? Wozu also so ein Gehabe? „Daniela, bitte! Kann ich jetzt endlich zum Doktor rein?“
„Natürlich. Kommen Sie mit!“
Sie verließen den Raum. Schritten am Wartezimmer vorbei. Es war leer.
Um diese Zeit?
Normalerweise müsste es kurz vor Weihnachten brechend voll sein. Patienten, die sich für die anstehenden Feiertage ihre notwendige Dosis Medikamente verschreiben ließen. Alleinstehende Rentner, die noch einen kurzen, unbedeutenden Plausch mit dem Arzt halten wollten, bevor sie die Einsamkeit der nächsten Tage in die Gesprächslosigkeit verdammte. Aber davon fehlte jegliche Spur. Kein dreckiger Schneematsch auf dem Linoleum, keine verkrusteten Salzränder. Entweder der Doktor beschäftigte eine Putzfrau in Vollzeit, oder er war der erste Besucher an diesem Morgen?
Von welchem Zeitraum an gemessen?
Der verwaiste Raum wirkte beängstigend. Als wären Maternus‘ Patienten ihm schon vor längerer Zeit unter der Hand weggestorben.
Eine Geisterpraxis…
In der Daniela ihren Lebensunterhalt verdiente.
Sicher! Was sonst? Was…?
Entsprangen die wirren Gedankengänge aus der voranschreitenden Vergiftung? Geistige Verwirrtheitszustände? Das Gehirn von Toxinen überschwemmt? Zersetzt, nicht mehr fähig sinnvolle Verknüpfungen zu erstellen? Bald würde er nur noch zerzaustes Zeug von sich geben, jeglicher Möglichkeit vernünftige Äußerungen zu tätigen beraubt. Ein Zombie, der nur noch vegetierte, bis auch diese Existenzform für ihn endete.
Ein abgewrackter Bulle…
„Was ist denn? Warum kommen Sie nicht?“ Daniela stand vor der Sprechzimmertür, die Hand auf die Klinke gelegt. Sie war voraus gegangen, während er sich nicht vom Anblick des leeren Warteraums hatte lösen können.
Was, wenn all die Patienten vor mir nach der Audienz mit Dr. Maternus nicht wiedergekehrt waren?
>Nicht dass Sie sich Ihre Sachen versauen…<
Sie hat den Kotzfleck ignoriert! Warum hat sie den verdammten Kotzfleck ignoriert?
„Herr Maar!?“
„Was?“
Ein Schatten in seinem Augenwinkel. Er wich instinktiv aus. Prallte mit der Schulter gegen die Rigipswand. Die Abtrennung vibrierte, knackte, ein Riss klaffte in dem porösen Material.
Was war das?
Daniela eilte auf ihn zu. „Was ist denn los mit Ihnen? Ist Ihnen schlecht geworden?“
Er blickte um sich. Gehetzt. Suchte nach dem, was er zu sehen geglaubt hatte. Den Schatten. Oder was auch immer an ihm vorbeigezogen war. Eine irrende Seele?
Ich glaub, ich dreh durch!
„Da war… Haben Sie…? Ich…“ Seine Blicke zuckten den Gang entlang, ins Wartezimmer und zu Daniela. „Ich hab mich erschrocken!"
„Wovor denn?“
„Ich bin mir nicht sicher, es…“ Er rieb die Stirn mit dem Handrücken, worauf ein glänzender Schweißfilm verblieb. „Gott, was ist mit mir los? Ich glaub, ich verlier den Verstand!“
Gott ist tot!
Bäng! Bäng!
Scheiße, hör auf…!
Daniela schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Das tun Sie nicht! Bestimmt nicht!“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Wenn Sie wirklich unter den Symptomen einer Vergiftung leiden, könnten diese unter anderem Halluzinationen auslösen. Farbveränderungen, Bewegungen starrer Gegenstände, so was in der Art. Einige Patienten berichteten davon, Stimmen oder Geräusche gehört zu haben.“
Halluzinationen? Ich halluziniere?
Martin lauschte in sich hinein. Versuchte, die Schrecksekunde aufzuarbeiten; der Schatten, die irrende Seele, eine Erinnerung, die sich nicht fassen ließ, bis sie vollständig aus seinem Bewusstsein verschwand. Wie ein Traum, der nach wenigen Augenblicken verblich.
Wirklichkeit oder Halluzination?
Er war sich nicht sicher. „Ja. Ja, vielleicht haben Sie recht. Ich habe mich bestimmt nur geirrt.“
Sie nickte zustimmend. Sah ihn wie das kleine Kind an, als das er sich fühlte. „Wollen wir dann zum Doktor rein?“
Er zögerte. „Ja, natürlich!“
Kapitel 5
Doktor Maternus hing an einem dicken, gedrillten Hanfseil, dessen eines Ende sich um seinen Hals schlang, während das andere an einen Stahlhaken an der Decke geknotet war. Ein Schuh lag neben dem zu Boden gestürzten Schreibtischstuhl unter ihm, der umgekippte Rollwagen mit der Hängeregistratur nicht weit davon entfernt, die Akten fächerförmig über den Teppich verteilt. Er musste das Büromöbel durch unkontrollierte Zuckungen umgestoßen, und dabei den Schuh verloren haben. Die letzte Tat seines Lebens.
Danielas Schrei hallte durch die Praxis. Martins eigener blieb ihm in der Kehle stecken, die Augen auf den Toten gerichtet.
Was, zum Teufel, geht hier vor?
Das bläulich verfärbte Gesicht.
…starrt mich an.
Die verdrehten Augäpfel.
…starren mich an.
Die Zunge, die wie ein schlaffer Lappen aus dem Mund hing.
…starrt mich an, starrt mich an, starrt mich an…
Martin umfasste ihre Schultern, drehte sie behutsam, dass sie dem Leichnam gemeinsam den Rücken zukehrten.
„Lassen Sie uns rausgehen!“ Er schob sie aus dem Raum voller blauer Gesichter, verdrehter Augäpfel und schlaffer Zungen, schob sie aus dem Tod, der Realität, dem Wahnsinn, der ihnen die Hand reichte, bis er sich von ihr lösen und die Tür schließen konnte, den Anblick verbergen konnte, die Realität aussperren konnte, wegsehen und vergessen konnte, und…
Und dann?
Daniela sah ihn an. Tränen in den Augen. „Ich hol einen Notarzt!“
„Was?“
„Einen Notarzt!“ Sie ging zum Empfangstresen hinüber, griff zum Telefon.
Sie steht unter Schock!
„Wozu das denn?“
