Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder: Band 1 - Rita Lakin - E-Book

Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder: Band 1 E-Book

Rita Lakin

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Beschreibung

Das Alter kann diese flotte Dame nicht bremsen! Der humorvolle Cosy-Krimi »Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder« von Rita Lakin als eBook bei dotbooks. Für Abenteuer gibt es keine Altersbeschränkung! Gladdy Gold ist mit 75 Jahren die vermutlich älteste Privatdetektivin der Welt – wenn auch vielleicht die am besten ausgebildete … Aber mit dem großen Erfahrungsschatz ihrer lebenslangen Krimilektüre weiß sie schließlich ganz genau, wie man Verbrecher aufspürt. Und das muss sie auch: In ihrem sonst so friedlichen Seniorenheim in Fort Lauderdale, Florida, versterben plötzlich mehrere Damen hintereinander. Da ist doch etwas faul? Die Polizei glaubt Gladdy nicht, dass es sich um Mord handelt. Also sieht sie sich gezwungen, selbst mit ihren Mädels aus dem Seniorenheim loszuziehen und den Fall zu lösen – mit viel Charme und einer ordentlichen Prise Chaos! Fans des Serienklassikers »Mord ist ihr Hobby« werden diesen amüsanten Wohlfühlkrimi lieben: »Gladdy Gold ist der Brüller!« Washington Post Book World Jetzt als eBook kaufen und genießen: »Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder« von Rita Lakin ist der Auftakt einer Serie von humorvollen Kriminalromanen. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 332

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Über dieses Buch:

Für Abenteuer gibt es keine Altersbeschränkung! Gladdy Gold ist mit 75 Jahren die vermutlich älteste Privatdetektivin der Welt – wenn auch vielleicht die am besten ausgebildete … Aber mit dem großen Erfahrungsschatz ihrer lebenslangen Krimilektüre weiß sie schließlich ganz genau, wie man Verbrecher aufspürt. Und das muss sie auch: In ihrem sonst so friedlichen Seniorenheim in Fort Lauderdale, Florida, versterben plötzlich mehrere Damen hintereinander. Da ist doch etwas faul? Die Polizei glaubt Gladdy nicht, dass es sich um Mord handelt. Also sieht sie sich gezwungen, selbst mit ihren Mädels aus dem Seniorenheim loszuziehen und den Fall zu lösen – mit viel Charme und einer ordentlichen Prise Chaos!

Fans des Serienklassikers »Mord ist ihr Hobby« werden diesen amüsanten Wohlfühlkrimi lieben: »Gladdy Gold ist der Brüller!« Washington Post Book World

Über die Autorin:

Rita Lakin ist seit über zwanzig Jahren als Schriftstellerin, Drehbuchautorin und im Fernsehgeschäft tätig. In diesen Bereichen wurde sie immer wieder für prestigeträchtige Preise nominiert, etwa für den Edgar-Allan-Poe-Preis und den Writers-Guild-of-America-Preis. 2015 veröffentlichte sie ihre Autobiographie »The Only Woman in the Room«, die erstaunliche Einblicke in das Hollywood der 60er Jahre gibt. Heute lebt sie im kalifornischen Marin County

Bei dotbooks erscheinen in der Gladdy-Gold-Reihe von Rita Lakin »Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder«, »Gladdy Gold und der Killer auf dem Kreuzfahrtschiff«, »Gladdy Gold und der charmante Bösewicht«, »Gladdy Gold und der tote Ehemann«, »Gladdy Gold und das mysteriöse Skelett« und »Gladdy Gold und die verführerische Französin«.

***

eBook-Neuausgabe Dezember 2019

Copyright © der englischen Originalausgabe 2006 by Rita Lakin

Die englische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Getting Old Is Murder« bei Bantam Dell, A Division of Random House, Inc., New York, New York.

Copyright © der deutschen Ausgabe 2009 by RM Buch und Medien Vertrieb GmbH

Copyright © der Neuausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

This translation is published by arrangement with Dell, an imprint of Random House, a division of Penguin Random House LLC

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Bildmotive von © shutterstock / Lesia_A / Kamira / Ratana 21 / Surasaki

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ae)

ISBN 978-3-96148-268-9

***

Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected] Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Rita Lakin

Gladdy Gold und der Geburtstagsmörder

Krimi

Aus dem Englischen von Thomas Hag

dotbooks.

Fürmeine geliebte Mutter,die Gladdy Gold hätte sein können, wollen, sollen,undmeine liebste Tante Ann,die mich mein Leben lang inspiriert hat.

Alte Bäume werden stärker,alte Flüsse wilder mit jedem Tag,doch alte Menschen werden nur einsamund warten auf jemanden, der sagt,»Hallo, wie sieht's aus, hallo.«

John Prine: »Hallo In There«

Machen wir uns nichts vor.Wir alle haben dieselben fünf Verwandten.

Billy Crystal

Wenn ein Leben zählt,zählt jedes Leben.

Christliche Meditation

Die goldenen Jahre, jetzt sind sie da,die goldenen Jahre können mich mal.

Hy Binder

Tod auf Bestellung

Das Gift steckte im Schmorbraten.

In wenigen Stunden würde Selma Beller tot sein. Das war bedauerlich, da sie am nächsten Tag Geburtstag hatte und sich darauf freute. Ihr Ehemann Ernie hatte mit 79 das Zeitliche gesegnet. Nachdem sie ihn zu Lebzeiten schon immer beim Rommee und beim Shuffleboard besiegt hatte, wollte sie ihn nun auch beim Rennen auf die Acht mit der Null schlagen. Arme Selma, es sollte nicht sein.

Während sie auf ihren Tod wartete, wischte Selma Staub.

Staub war ihr Feind, den sie unbarmherzig bekämpfte. Ein zierlicher Staubwedel reichte da nicht, genauso wenig wie zarte Möbelpolituren mit Zitronenduft. Sie verwendete nur das gute alte Lysol, in der Gewissheit, dass dieser tödlichen Dosis weder Staub noch Bakterien widerstanden. Tod dem Staub, dachte sie und musste lachen. Staub zu Staub.

Selma schaute zur Uhr. Der Nachmittag war nur so dahingeflogen, es war Zeit fürs Abendessen. Schade, dass ihre beste (und einzige) Freundin Tessie sich heute um auswärtige Besucher kümmern musste. Sie hätte am Morgen einkaufen gehen sollen. Sicher, im Kühlschrank war Hüttenkäse, den könnte sie mit Pfirsich und etwas saurer Sahne anmachen. Sie rümpfte die Nase. Ihr war nach rotem Fleisch, am liebsten blutig.

Jemand klopfte an die Tür.

Selma tastete nach ihrer Brille, die sie wie üblich verlegt hatte. Sie gab die Suche auf und bewegte sich so schnell wie sie konnte zur Tür, wobei sie unwillkürlich das Deckchen auf ihrem smaragdgrünen Fernsehsessel glatt strich. Noch ein schneller Blick auf die Fotos der Enkel auf dem Tisch im Flur. Sie warf den lächelnden Gesichtern eine Kusshand zu.

»Wer ist da?«, flötete sie. Niemals hätte sie ihre Tür einem Fremden geöffnet.

»Essen auf Rädern. Eine Lieferung.«

Selma blinzelte durch den Spion, und obwohl sie nur noch verschwommen sah, konnte sie die Tüten mit dem vertrauten Logo von Essen auf Rädern erkennen. Der Lieferant trug Jeans, eine Windjacke, eine Baseballkappe und eine Sonnenbrille. Er hatte beide Arme voll.

»Falsches Apartment«, sagte sie mit leichtem Bedauern.

»Mrs Beller? Apartment 215?«

»Ja, aber ich habe nichts bestellt, also ...«

»Ein Geburtstagsgeschenk für Sie, von Essen auf Rädern. Unser spezielles Einführungsangebot.«

»Wirklich?« Selma konnte es kaum glauben. »Es duftet köstlich. Was haben Sie denn mitgebracht?«

Der Lieferant schaute auf einen Zettel. »Schmorbraten. Kohlrouladen. Graupensuppe mit Pilzen, Kartoffelplätzchen mit saurer Sahne, und zum Nachtisch Apfelstrudel.«

Selma lief das Wasser im Mund zusammen. Sie hängte die Türkette aus, die Heshy, ihr Sohn, angebracht hatte, öffnete die beiden anderen Sicherheitsschlösser.

Als der Lieferant die Wohnung betrat, blinzelte sie erneut. »Kenne ich Sie nicht von irgendwoher? Sie kommen mir bekannt vor ...« Aber der Duft des Essens lenkte sie ab. »Ich kann es kaum erwarten«, sagte sie, nahm dem Boten die Tüten ab und trug sie in ihre blitzsaubere Küche. Sie stellte die Behälter auf ihren kleinen Esstisch, holte ihr bestes Geschirr aus dem Schrank und füllte die Speisen um.

»Ich hoffe nur, die Suppe ist nicht zu salzig. Mein Blutdruck, müssen Sie wissen.«

Der Bote rückte den schmiedeeisernen Stuhl für sie zurecht. Mit einem Lächeln nahm sie Platz.

»Zu Ihren Diensten, Mrs Beller.«

»Wie aufmerksam«, kicherte Selma und legte sich eine Serviette um.

Es waren ihre letzten Worte. Das Letzte, was sie sah, als sie allmählich das Bewusstsein verlor, war das Logo auf den Tüten, die der Killer ganz ruhig zusammenfaltete, und ihr letzter, verschwommener Gedanke war, dass der Schmorbraten ein wenig faserig war ...

1Gladdy legt los

Hallo, ich möchte mich vorstellen. Ich bin Gladdy Gold. Gladys, eigentlich. Ich bin selbsternannte Privatdetektivin, mit Sitz in Fort Lauderdale. Wann ich ins Detektivgeschäft eingestiegen bin? Gerade eben. Was mich qualifiziert? Die über dreißigjährige Lektüre von Kriminalromanen. Miss Marple und Miss Silver sind meine Heldinnen.

Falls Sie jemanden erwarten wie diese Wie-heißt-sie-noch-gleich – Sie wissen schon, wen ich meine, diese Detektivin, die sich bei der Lösung immer von »A« bis »Z« durcharbeitet –, nun, so eine bin ich nicht. Ich bin schon froh, wenn ich bis zum Ende dieses Buches überlebe. Ich bin immerhin 75.

Sie finden, mit 75 sei man alt? Nun, wenn man zwanzig ist, kommt es einem uralt vor, mit fünfzig scheint es nicht mehr so alt wie früher. Und für eine Neunzigjährige ist eine 75-Jährige ein Teenager. Sie sollten mal einen Blick auf die munteren neunzigjährigen alten Kickers werfen, die sich nur zu gern mit mir verabreden wollen. Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich keineswegs die alte, faltige, verwelkte Fremde, die nur noch entfernte Ähnlichkeit mit jemandem hat, den ich mal kannte, ich sehe eine schlaksige, hübsche und aufgeweckte 17-Jährige, hellwach und voller Leben, mit glänzendem braunem Haar und haselnussbraunen Augen.

Wussten Sie, dass im Alter, wenn die Gehirnzellen langsam schrumpfen, zuerst die Eigennamen flötengehen?

Mit »Wie-heißt-sie-noch« meinte ich beispielsweise Sue Grafton, oder besser gesagt ihre Detektivin Kinsey Millhone. Dieses Mal hat es nur zwei Minuten gebraucht, bis die Synapsen in meinem Hirn die Verbindung hergestellt und den Namen aus der mit Spinnweben verhangenen Schublade gezogen haben. Manchmal dauert es Tage. Und es liegt einem die ganze Zeit auf der Zunge. Armes Ding, es muss schon ganz müde sein von der Last der Informationen, die ich dort zwischenlagere.

Die Jüngeren unter Ihnen – lachen Sie ruhig. Warten Sie, bis Sie in mein Alter kommen. Dann lachen Sie nicht mehr. Dann stellen Sie sich die gleiche Frage wie wir alle: Wohin sind all die Jahre? Wie konnten sie so schnell vorübergehen? Und noch schlimmer – wo ist das ganze Geld geblieben?

Genug des Philosophierens. Die Frage, um die es jetzt geht, lautet, wie bin ich in diese Privatdetektiv-Geschichte hineingeschlittert? Vor meiner Pensionierung war ich Bibliothekarin, und wenn Sie das für einen seltsamen Berufswechsel halten, bin ich die Erste, die Ihnen zustimmt.

Ich wohne in Lanai Gardens, Block zwei, Gebäude Q, Apartment 317 auf dem West Oakland Park Boulevard, Lauderdale Lakes. Bis vor Kurzem kümmerte ich mich um meine eigenen Angelegenheiten, aber dann starben ein paar meiner Nachbarinnen, ganz plötzlich. Wenn man bedenkt, dass die Jüngste von uns 71 ist und die Älteste 86, scheint das nicht ungewöhnlich, ich meine, wir alle stehen Schlange vor dem letzten Taxi. Früher hatten wir zum Beispiel fünf Canastatische, jetzt nur noch einen. Für den sonntäglichen Ausflug nach Hialeah brauchte der Men's Sports Club früher fünf Autos. Heute sind die einzigen Mitglieder Irving Weiss und sein Kumpel Sol aus Block drei. Auch die Rennpferde, auf die die Jungs so erfolglos setzten, sind längst im Vollbluthimmel.

Aber was ich sagen wollte – ich glaube, hier ist etwas faul.

Ich bin überzeugt, dass die Todesfälle nicht natürlicher Art sind. In Lanai Gardens geht ein Mörder um. Niemand glaubt mir, die Polizei schon gar nicht, aber ich werde es ihnen beweisen. Doch zuerst müssen Sie den Rest der Bande kennenlernen.

2Training

Es ist sieben Uhr und ein wunderbarer Freitagmorgen, wie er typisch ist im Paradies. Wie üblich wache ich eine Minute eher auf, als der Wecker klingelt. Ich koche frischen Kaffee – ein Laster, das ich nicht aufgeben will. Ich nehme eine Scheibe Vollkornbrot und stecke sie in den Toaster, erlaube mir zum Kaffee einen Teelöffel Zucker und fettarme Milch, und schon bin ich bereit für den Tag.

Ich gönne mir zwanzig Minuten, um an dem noch unfertigen Kreuzworträtsel aus der Sonntagszeitung weiterzutüfteln, die immer auf meinem Küchentisch liegt. Früher habe ich dieses Puzzle noch am selben Morgen gelöst, mit einem Tintenfüller. Jetzt dauert es manchmal eine ganze Woche, bis ich meinem ungehorsamen Gedächtnis die Antworten abgerungen habe. Frustrierend, aber in meinem Alter gibt man nichts auf, was einem noch Vergnügen bereitet.

Lanai Gardens liegt in einem der zahlreichen verstreuten Apartmentkomplexe in diesem Teil des südöstlichen Florida. Eine Menge Leute glauben, bei Fort Lauderdale handele es sich um einen schicken Ort am Meer, oder stellen sich vor, dass die College-Kids hier ihre Frühlingsferien verbringen und sich die T-Shirts ausziehen – aber wir wohnen woanders.

Unser Komplex ist nicht glamourös, aber ganz nett. Die Stuckfassaden sind in einem Pfirsichton gestrichen (die Farbe blättert erst seit Kurzem ab), Palmen wiegen sich im Wind (Vorsicht vor herabfallenden Kokosnüssen), die Rasenflächen sind gepflegt (wenn der Gärtner mal da war), es gibt Schwimmbecken und Whirlpools, Shuffleboard-Felder, Ententeiche (Vorsicht Stufe!) und Gemeinschaftsräume.

Ich ziehe mir eine Jogginghose und ein Sweatshirt an und fühle mich fit für den Morgensport, wenn man ihn so nennen will. Es ist acht Uhr und langsam kommen auch meine Mitbewohnerinnen in die Puschen.

Früher sind wir in die klimatisierten Einkaufszentren gegangen, um dort spazieren zu gehen, aber seitdem wir in den Zeitungen die Artikel über die Morde an alten Frauen gelesen haben, lassen wir es sein. Wir haben beschlossen, zu Hause zu trainieren. Trainieren? Schnell gehen, langsam gehen, schlurfen, Atem holen: alles, was der Körper noch so aushält.

Ich bin die Erste, die sich auf dem Außenflur im dritten Stock aufwärmt, das Signal für die anderen.

Meine Schwester Evvie Markowitz taucht immer als Zweite auf. Ich wohne im Gebäude Q (Q für Quinsana), sie gegenüber im Apartment 215 im Gebäude P (P für Petunie – die Bauherren standen auf Blumen). Sie ist zwei Jahre jünger als ich und stellt sich deswegen immer als die »kleine Schwester« vor. Wir ähneln einander kein bisschen. Ich bin größer, sie ist schwerer (wir sind beide ein wenig geschrumpft). Bevor wir grau wurden, war sie eine Rothaarige, ich eine Brünette. Ich war die Intellektuelle, sie die Emotionale mit Hang zur Theatralik. Ich war die Unscheinbare, sie die Schönheit. Dieses Urteil fällte unsere wohlmeinende, aber ungebildete Mutter, eine Einwanderin, die nicht verstand, welchen Schaden solche Klischees anrichten können. Sie stellte die Weichen für unsere unterschiedlichen Lebenswege. Freundinnen wurden wir erst, nachdem ich hier eingezogen bin.

Evvie beginnt mit ihren eigenen Aufwärmübungen. Jeden Morgen ruft sie mir das Gleiche über die parkenden Autos zwischen unseren Gebäuden zu. »Glad, wie hast du geschlafen?«

»Ziemlich gut!«, rufe ich zurück.

»Ich musste letzte Nacht nur drei Mal aufstehen!«, ruft sie.

»Hast du's gut. Ich fünf Mal.« Die Worte kommen von Ida Frantz, unserem kleinen Derwisch, der gerade aus Apartment 319 in meinem Gebäude tritt und sich meinem Tempo anschließt.

Mit ihren 71 Jahren hat Ida noch immer einen kompakten, drahtigen Körper. Ihr Salz-und-Pfeffer-Haar knotet sie im Nacken so fest zusammen, dass man Angst haben muss, dass es ihr die Gesichtshaut zerreißt. Ihre Haltung ist stets aufrecht, Evvie sagt, weil sie immer auf der Hut ist. »Und das letzte Mal war um drei Uhr morgens. Danach lohnte es sich nicht mehr, wieder schlafen zu gehen.«

»Und was hast du gemacht?«, ruft Evvie, obwohl sie genau weiß, wie die Antwort lauten wird.

»Ich habe meinen Sohn in LA angerufen. Um Mitternacht ist er immer noch auf.«

Evvie wirft genervt die Arme nach hinten. Wir wissen, wie sehr sich Ida um ihre Kinder bemüht, vergebliche Liebesmüh. Sie ist diejenige, die immer anrufen muss. Die Kinder rufen nie an. Und weil ihre Kinder sie verrückt machen, macht Ida uns verrückt.

Dann höre ich, was ich jeden Morgen höre. »Huhu!«, ruft Sophie aus ihrem Küchenfenster. »Ich komme! Wartet auf mich.« Glauben Sie mir, sie wird als Letzte kommen.

Gewohnheit ist sehr wichtig für uns. Ida, die stets ein Klischee parat hat, behauptet, es liege daran, dass wir uns in unserer zweiten Kindheit befänden. Außer Sophie, die, wie Ida sagt, ihre erste nie hinter sich gelassen hat.

Nun zu Apartment 216, das gegenüber von Evvies Wohnung liegt. Heraus tritt mit zierlichen Schritten Bella Fox, 83.

»Guten Morgen«, sagt sie flüsternd.

Die Mädels nennen Bella »Der Schatten«, weil sie immer einen Schritt hinter uns hertrabt. Wir haben Angst, sie zu verlieren, weil sie so vergesslich ist. Sie ist winzig, gerade mal eins sechzig, und trägt blasse Farben, die ihre scheinbare Unscheinbarkeit noch unterstreichen. Aber ich habe Bella durchschaut. Sie mag schüchtern wirken, doch auf ihre eigene scheue Weise scheut sie sich nicht, ihre Meinung zu sagen. Sie sagt, was sie will, und sie bekommt, was sie will.

»Hi, Leute. Hier kommt euer persönlicher Trainer. Alle bereit?« Das fragt Francie Charles, die gerade um die Ecke ihres Gebäudes biegt.

Ihre Ankunft ist unser Signal, die Treppen hinabzugehen, um uns unten zu treffen. Gemeinsam gehen wir den schattigen Weg entlang, der um das Gebäude führt.

Francie, die morgen 78 wird, war in ihrer Jugend eine wahre Schönheit. Sie ist groß und elegant und hat Klasse. In ihren jungen Jahren war sie Model in New York. Sie ist noch immer wunderschön. Sie ist die Einzige von uns, die wirklich fit ist, sie hat uns zu diesem Training gezwungen, auch wenn es ein wenig blutleer wirkt. »Ein bisschen ist besser als gar nichts«, pflegt sie zu sagen. Sie ist unsere Ernährungsfanatikerin und hält Vorträge über die richtige Diät, auch wenn niemand von uns die lebenslangen schlechten Gewohnheiten aufgeben will oder kann. Francies einzige Schwäche kann man auf ihrem Lieblings-Sweatshirt ablesen. »Tod durch Schokolade« steht dort, ein Geschenk ihrer Enkel, die sie anbeten. Auch heute trägt sie es.

»Wie geht's euch?«, zwitschert sie. »Ist das nicht ein herrlicher Tag? Ist es nicht schön, dass wir alle noch so lebendig sind?« So missmutig wie Ida ist, so fröhlich ist Francie, die unverbesserliche Optimistin. Sie macht jeden Tag zu einem Geschenk. Wenn Francie nicht wäre, hätte ich Florida schon längst verlassen.

Bella setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen – ihre Form des Walkings – und entschuldigt sich jedes Mal, wenn sie jemand überholt.

»Hör auf, dich dafür zu entschuldigen, dass du lebst«, ermahnt Evvie sie dauernd. Aber Bella, die ziemlich taub ist, hört sie entweder nicht oder tut so. Wir alle lieben sie, aber sie glaubt es nicht.

Wir gehen und reden dabei. Wir haben uns viel zu sagen, auch wenn wir einander ständig sehen. Und ein Dutzend Mal pro Tag miteinander telefonieren.

Unser halbstündiges Training ist fast beendet, als Sophie Meyerbeer, unsere pummelige Achtzigjährige, endlich aus dem Fahrstuhl tritt. Wie aus dem Ei gepellt, in ihrem pinkfarbenen hauteng sitzenden Jogging-Outfit. Rosa Sweatshirt, rosa Turnschuhe mit passenden Quaddeln, und ein rosa geblümter Sonnenhut. Ich sollte noch erwähnen, dass die Haarfarbe dieses Monats ebenfalls Rosa ist. Champagner-Rosa.

Als sie schließlich bei uns steht, begrüßt Ida sie spöttisch: »Schön, dass Sie es noch geschafft haben, Prinzessin.«

Sophie, naiv wie immer, hält das für ein Kompliment. Da sie unfähig ist, etwas Spontanes zu tun, muss sich Sophie immer aufbrezeln, mit Make-up und allem, bevor sie ihre Wohnung verlässt (fahputzt, wie Evvie es nennt). Ihr dritter Ehemann Stanley, der ein Vermögen in Kurzwaren und Scherzartikeln machte, hat sie heillos verwöhnt. Er behandelte sie wie ein Baby, bei ihm durfte sie keinen Finger mehr rühren. Und er bestand darauf, dass sie sich wie eine Kewpie-Puppe kleidete (wie oft haben wir nicht über ihr Sexualleben spekuliert!). Er ließ sie wohlhabend und verkorkst zurück.

»Wir sind schon fast fertig«, sagt Ida und beginnt mit dem Abwärmen, indem sie etwas langsamer geht.

»Oh.« Sophie schürzt wie ein kleines Mädchen die Lippen. »Es tut mir leid, aber ich habe letzte Nacht kein Auge zugetan. Ich hatte solch einen schrecklichen Albtraum.«

Bella bleibt stehen, froh über jede Entschuldigung, sich nicht bewegen zu müssen. »Worum ging es denn?« Sie setzt sich auf eine Bank und fächelt sich Luft zu.

Sophie erschaudert. »Ich habe geträumt, ich hätte einen Herzanfall.«

Bella steht der Mund offen, sie flattert nervös mit den Händen. »Oh ... so wie Selma.«

»Themenwechsel«, bellt Ida. Sie mag es nicht, wenn man über den Tod spricht.

»Nein, es ist mein Traum«, beharrt Sophie.

»Nur weil Selma einen Herzanfall hatte, bedeutet das noch lange nicht, dass du auch einen haben wirst«, sagt Francie freundlich, während sie mit ihren Dehnübungen fortfährt.

»Außerdem war sie übergewichtig und hat nie trainiert«, fügt Evvie kritisch hinzu.

»Ja«, meint Ida mit einem zufriedenen Grinsen. »Sie und ihre Freundin Tessie sind sogar bei den Weight Watchers rausgeflogen.«

»Vielleicht gab es eine Ursache für ihren Herzanfall«, sage ich. »Wisst ihr noch, wie sie immer den Boden poliert hat?«

»Ja«, zwitschert Sophie. »Man hätte Schlittschuh darauf laufen können.«

»Vielleicht ist sie ausgerutscht und gefallen. Oder sie hat sich vor etwas erschrocken ...«, fahre ich fort.

»Sie hatte solche Angst vor Spinnen«, meint Bella, froh, auch etwas beitragen zu können. »Erinnert ihr euch, wie sie in Ohnmacht gefallen ist, nur weil eine winzige Spinne auf ihrem Stuhl krabbelte?«

Trotzig stemmt Ida die. Hände in die Hüften und sieht mich an. »Und? Tot ist tot. Was macht es für einen Unterschied?«

»Tatsache ist, dass niemand es der Mühe wert fand, den Fall zu untersuchen«, sage ich. »Niemand wollte wissen, was wirklich passiert ist. Wenn sie nicht allein gewesen wäre, wenn Tessie an diesem Wochenende nicht Besuch gehabt hätte, wäre sie vielleicht nicht gestorben.«

Das bringt alle zum Schweigen.

Schließlich hat Ida genug und geht auf den Fahrstuhl zu. »Na schön, ich ziehe mir jetzt meinen Badeanzug an.«

»Gute Idee«, sage ich. Ich bereue schon wieder, dass ich das Thema erwähnt habe. Was hat es für einen Sinn, die anderen zu deprimieren?

Francie legt mir den Arm um die Schultern. »He, Ida hat die Sache erkannt«, meint sie freundschaftlich und ahmt ihre Stimme nach: »Tot ist tot.« Sie kichert und ich muss auch kichern.

Die Gruppe löst sich auf, jeder geht in sein Gebäude, um sich für den zweiten Teil unserer morgendlichen Routine vorzubereiten – den Pool.

3Schwimmen

Als ich bereit bin, die Wohnung zu verlassen und zum Pool hinunterzugehen, schaue ich kurz zum Telefon, zähle bis drei – und es klingelt. Ich nehme den Hörer ab und sage: »Ja, Sophie?«

»Gehen wir zum Pool?«

»Ja, meine Liebe.«

»Kann ich mit dir gehen?«

»Nur, wenn du schon fertig bist.«

»Mhm ... es dauert nur noch eine Minute.«

Da ich Sophies Minute kenne, sage ich, was ich immer sage: »Ich geh schon mal runter. Du kannst ja nachkommen.«

Ich lege auf, bleibe aber beim Telefon stehen. Ich kenne meine Pappenheimer. Es klingelt erneut. Mein tägliches Doppel. »Ja, Bella?«, sage ich.

»Gehen wir heute zu Publix?«, fragt sie.

»Wir gehen immer freitags einkaufen.«

»Und ist heute Freitag?«

»Ja, meine Liebe. Und jetzt beeil dich und klopfe an Evvies Tür. Sie geht mit dir zum Pool. Vergiss dein Handtuch nicht.«

»Auf keinen Fall.«

Die Telefone. Nabelschnüre. Lebensadern. Um in Kontakt zu bleiben. Um der Einsamkeit zu widerstehen. Gott segne die Telefongesellschaft.

Ich gehe die drei Stockwerke zu Fuß, anstatt den Fahrstuhl zu nehmen, noch ein kleiner Beitrag zur Fitness, und schließe mich der Parade an, die Kurs auf den Pool nimmt. Wir alle tragen Badeanzüge, Sonnenhüte und Riemchenschuhe – nur dass sie an unseren runzeligen Füßen nicht so gut aussehen wie an denen der Mädchen in Miami Beach – und haben Handtücher und kleine Strandtaschen dabei. Morgenzeit ist auch Schwimmzeit, später ist es zu heiß, am Pool zu sitzen.

Francie steht am Parkplatz und plaudert mit Denny Ryan, der heruntergefallene Palmenblätter zusammenfegt. Denny ist ein Hüne Anfang vierzig, aber man möchte es nicht meinen. Er ist nicht besonders helle und hat sich deshalb eine gewisse Kindlichkeit bewahrt. Vor sieben Jahren ist seine Mutter Maureen ganz plötzlich gestorben. Es mag grausam klingen, aber es geht ihm jetzt besser. Sie war seine einzige Stütze und Versorgerin, aber sie war auch eine alte Vettel. Denny ist liebenswert, und wir steuern regelmäßig etwas zu seiner mageren Sozialhilfe bei, indem wir ihn kleinere Arbeiten auf dem Gelände verrichten lassen. Er kann einfach alles reparieren.

Bei einem dieser Jobs, Denny sollte sich in Selmas Apartment um eine lecke Dichtung kümmern, fand ausgerechnet er ihre Leiche. Der Arme hat es noch immer nicht verwunden.

Francie und Denny haben eines gemeinsam: Sie lieben die Gartenarbeit. Denny ist sehr stolz auf das Fleckchen Erde, das ihm der Seniorenrat überlassen hat, um dort Blumen und Gemüse zu züchten. Sie hätten seinen Blick sehen müssen, als die ersten seiner kleinen Sprösslinge aus dem Boden ragten.

»Guten Morgen, Denny«, sage ich.

»Hi, Mrs Gold. Raten Sie mal, was Miss Francie mir geschenkt hat. Eine neue Pflanze.« Denny würde uns niemals bei unseren Vornamen ansprechen. Das hält er für unhöflich. Nur bei Francie macht er eine Ausnahme. Er kneift die Augen zu, um die Schrift auf dem Pflanzenzettel zu lesen, und kämpft mit der lateinischen Bezeichnung. »Tu...tu...berus...herba...«

Francie und ich werfen uns einen Blick zu. »Vergiss die wissenschaftliche Bezeichnung«, sagt sie. »Es ist einfach nur eine Dahlie.«

»Dahlie«, wiederholt er lächelnd und prägt sich das Wort ein. »Dahlie ...«

»Eine sehr schöne Blume«, sage ich.

Francie hängt sich bei mir ein und gemeinsam gehen wir den gefliesten Weg entlang zum Pool. Ida führt unsere Prozession an und flucht wie üblich über die Enten, die sich hier niedergelassen haben. Ihre Exkremente verschmutzen den Weg, und das macht Ida ganz verrückt.

Die Stammgäste sitzen bereits am Pool. Jeder hat seine ihm zustehende Liege. Und wehe, einer wagte es, die Ordnung durcheinanderzubringen, dann gäbe es Krieg.

Am äußersten Ende des Pools sitzt Enya Slovak auf einer solchen Liege, ganz allein. Mit ihren 84 Jahren ist sie nur noch die zerbrechliche Erinnerung an eine Frau, die einmal sehr schön war. Sie trägt einen breitrandigen Sonnenhut, der weniger dazu dient, sich vor der Sonne zu schützen als vor uns. Als Jacov, ihr Mann, noch lebte, zwang er sie geradezu, an den verschiedenen Aktivitäten teilzunehmen, die im Clubhaus stattfinden. Die Feiertage waren ihm wichtig, besonders das gemeinsame Essen zum Passahfest. Enya ließ diese Feiern stets über sich ergehen, aber als Witwe kann sie endlich das sein, was sie wirklich sein will– allein. Ich grüße sie, sie nickt und vertieft sich sofort wieder in ihr Buch. Enya lernte ihren Ehemann nach dem Ende des Krieges kennen. Beide waren aus Dachau befreit worden, und beide hatten ihre gesamte Familie verloren. Wenn ich Enyas gehetzten Blick sehe, habe ich das Gefühl, als hätte sie das Konzentrationslager nie verlassen.

Auf der anderen Seite des Beckens sitzt eine Gruppe, die ebenfalls stets gemeinsam auftaucht. Wir nennen sie die Zugvögel. Es sind Kanadier, wohlhabende Hausbesitzer, die jeden Winter nach Miami fliegen, weil es zu Hause so bitterkalt wird. Sie sind freundlich, bleiben aber meistens unter sich.

Die beiden Frauen neben den Zugvögeln sind eine Geschichte für sich. Harriet Feder und ihre Mutter Esther. Arme Harriet, sagen wir und es klingt, als wäre es ein Doppelname – Arme-Harriet. Als sich Esther nur noch im Rollstuhl fortbewegen konnte, hat Harriet ihre Wohnung in Miami aufgegeben und ist neben ihr eingezogen. Das ist jetzt schon vier Jahre her. Ich könnte schwören, dass Esther, die aussieht wie ein Spatz und isst wie ein Ochse, gesünder ist als wir alle zusammen. Dennoch hat sie ihre 44-jährige Tochter an sich gebunden und ihr das eigene Leben geraubt. Harriet sieht gar nicht schlecht aus, ein bisschen Make-up könnte nicht schaden, eine flottere Frisur ... sie ist so ein nettes Mädchen. Leider hat sie die schweren Knochen ihres verstorbenen Vaters geerbt. Und dass sie jeden Tag ins Fitnessstudio geht, hilft auch nicht eben. Zu viele Muskeln. Esther prahlt damit, dass niemand von ihrer Seite der Familie früher als mit 95 gestorben ist. Sie ist erst 77. Esther ist gewiss kein schlechter Mensch, aber sie ist sehr fordernd. Bring mir dies, tu das ... Arme Harriet. Verstehen Sie, was ich meine?

Am seichten Ende des Pools sitzt ein Pärchen, das Händchen hält und dabei hin und her wackelt wie zwei rosige Äpfel am Baum. Hinter ihrem Rücken nennen wir sie die »Bobbsey Twins«, Hyman und Lola Binder, auch bekannt als Hy und Lo, wenn wir Karten spielen, aber dazu später. Lola könnte auch mal gut ohne Hy auskommen, aber das ist genau das Problem. Sie weicht nie von seiner Seite. Seit 64 Jahren sind sie verheiratet und in all der Zeit hat sie nicht einen einzigen Gedanken gehabt, den er ihr nicht eingepflanzt hätte. Sie sind noch immer ineinander verliebt; wenn man Obsession als Liebe bezeichnen kann. Hy ist klein und pummelig; Lola ist größer und dünner. Der schönste Tag in Hys Leben muss der gewesen sein, an dem die Kinder ausgezogen sind. Einmal bemerkte ich zu Irving Weiss, dass er und Hy die einzigen Männer seien, die in unserem Block übrig geblieben seien. Irving, ein Mann weniger Worte, schüttelte den Kopf und sagte: »Dann bin ich allein.«

Ich schaue zum lieben Irving hinüber, der neben seiner Frau im Schatten sitzt. Sein Leben ist die Hölle, aber man hört nie ein klagendes Wort von ihm. Millies Alzheimer wird immer schlimmer, aber wehe man schlägt Irving vor, sie in ein Pflegeheim zu stecken. Keine Chance. Millie sitzt da und weiß nicht mehr, dass all ihre Freunde bei ihr sind. Sie starrt auf ihr Kleid hinab, zupft am Saum und murmelt vor sich hin. Wir helfen Irving abwechselnd, sie anzuziehen oder zu baden, wir kaufen für die beiden ein und es bricht uns das Herz mit anzusehen, was aus der witzigen, warmherzigen Millie geworden ist, die wir einst kannten.

Denny Ryan kommt an den Pool, eine Rose in der Hand. Er geht zu Millie und reicht sie ihr, flüstert ihr etwas zu. Sie scheint ihm zu antworten.

Francie und ich gehen ebenfalls zu ihr und geben ihr einen Kuss auf die Wange. Sie starrt uns mit leeren Augen an. »Guten Morgen, Millie«, sagen wir.

»Siehst du sie?«, stößt Millie schrill hervor. Irving zuckt zusammen. Es geht wieder los. »Siehst du die Kinder? Da, sie sitzen auf dem Zaun. Nein, nein! Schau nicht hin! Reiz sie bloß nicht!«

Francie und ich reagieren stets verstört auf ihre Halluzinationen, aber Denny, Gott segne ihn, geht auf ihre Hirngespinste ein. »Ja«, sagt er, »ich sehe auch Geister.«

»Machen sie dir Angst, Denny?« Ihn scheint sie immer zu erkennen, im Gegensatz zu uns.

»O ja«, antwortet er. »Sie machen mir auch Angst.«

Millie erschaudert. »Sie wollen uns holen.«

Irving legt den Arm um sie. »Ich beschütze dich.« Erbost macht sie sich frei und ruft: »Nein, das kannst du nicht, sie sind zu stark.« Jetzt schauen alle zu ihr, und jeder reagiert auf seine persönliche Weise, mit Trauer, Mitleid, Angst oder gar Entsetzen. Nur das Es-hätte-auch-mich-treffen-können bleibt unausgesprochen. Irving hilft ihr von der Bank auf. »Wir gehen lieber wieder rein«, sagt er.

Während er Millie davonführt, folgt Denny ihnen, als müsste er sie beschützen. Eine Weile herrscht Schweigen, aber die Stimmung bessert sich bald wieder. Wir sehen Millies Niedergang schon lange zu.

Das, was wir im Pool veranstalten, kann man wohl kaum Schwimmen nennen. Die Einzige, die wirklich schwimmt, ist Francie. Die anderen gehen. Hin und zurück, die Breitseite des Pools, wir gehen und plaudern.

Hy Binder stapft durch das Wasser auf uns zu. »Achtung«, flüstert meine Schwester Evvie mir zu. »Witzattacke.«

Ich stöhne auf.

»Hey, Gladdy.«

Ich versuche ihm auszuweichen, aber ich bin zu langsam. Er boxt mich gegen den Arm, wie immer. Jedes Mal bin ich hinterher voll blauer Flecken. »Kennst du den schon? Ich hab ihn mit der E-Mail bekommen. Sechs alte Typen« – es geht immer um alte Typen – »sitzen im Altersheim herum, rauchen Zigarre und trinken Schnaps, als eine heiße Frau hereinkommt und mit den Wimpern klimpert. Sie hält ihre Handtasche hoch und sagt: ›Wenn ihr erratet, was da drin ist, dürft ihr es heute Nacht mit mir treiben, umsonst.‹ Einer der Alten sagt: ›Ein Elefant?‹ Sie überlegt kurz und sagt: ›Na gut, das lass ich mal gelten.‹«

Er schüttet sich aus vor Lachen über seinen eigenen Witz. »Hast du's kapiert?« Der Witz hat das gleiche Niveau wie Hy. Ich paddele davon und er kehrt zu Lola zurück, äußerst zufrieden mit sich selbst.

Evvie schüttelt den Kopf. »Meschuggener. Der Mann ist ein Idiot.«

Ich seufze. »Aber er ist unser Idiot.«

»Und da kommt noch einer«, meint Francie.

»Hall-o, da bin ich.« Unsere geliebte Sophie kommt angewatschelt, in einem neuen farblich abgestimmten Ensemble. Sie muss Hunderte davon haben. Dieses ist zitronengelb, genau wie der Schirm, der die bösen Sonnenstrahlen abhalten soll. Sie kommt gerade rechtzeitig, um uns dabei zuzusehen, wie wir aus dem Pool steigen und zum Duschen gehen ...

Als wir vor ein paar Jahren mal zusammensaßen und uns gegenseitig unsere Sorgen vorjammerten, hat der alte Irving etwas sehr Weises gesagt: »Stellt euch vor, ihr könntet eure Probleme hier auf den Tisch legen und sie gegen die eines anderen tauschen. Glaubt mir, ihr würdet eure eigenen lieber behalten.« Wenn ich mir die Bewohner unseres Abschnitts anschaue – Enya, die das Konzentrationslager in sich trägt; Millie mit ihrem Alzheimer und Irvings Bürde; Esther im Rollstuhl; Harriet und ihre Einsamkeit; und all die verwitweten Frauen, die allein zurechtkommen müssen –, Irving hatte recht.

Woher sollten wir auch wissen, dass wir unsere Sorgen bald alle miteinander teilen würden?

4Zum Chauffeur bestimmt

Ich habe geduscht und mich umgezogen. Jetzt sitze ich in meinem Apartment und warte auf die anderen. Unsere regelmäßigen vormittäglichen Einkäufe stehen an. Das Telefon klingelt.

»Es geht um Leben und Tod. Ich muss zu Publix. Ich habe praktisch gar nichts mehr«, flüstert Bella panisch, eine Frau, deren Vorräte reichen, um ganz Miami mit einer Mahlzeit zu versorgen.

Ich versichere ihr nochmals, dass wir natürlich auch zu Publix fahren. Kaum habe ich aufgelegt, ruft die Nächste an.

Dieses Mal ist es Sophie, unser Modepüppchen. »Oi«, seufzt sie und lässt einen ihrer verballhornten philosophischen Sprüche fallen, die sie so liebt: »Schmutzige Wäsche und Lügen haben sich angesammelt.« Ich warte. Es stellt sich heraus, dass sie etwa dreißig Kleidungsstücke in der Reinigung abgeben will. Natürlich übertreibe ich. Aber nur leicht.

Als Nächste erinnert mich meine Schwester Evvie daran, dass sie ihre neueste Besprechung bei der Lanai Gardens Free Press einreichen muss. Die Zeitschrift wurde vor zwanzig Jahren gegründet, von Evvie selbst und einer Gruppe frustrierter Ex-New Yorker, die das Kino, das Theater und die Kunst liebten. Jeder liest die Free Press, sie ist der Puls von Lanai Gardens. Hier findet man die Ankündigungen der Hadassah-Treffen – die Zusammenkünfte der zionistischen Frauenorganisation –, der religiösen Feiertage und der Clubaktivitäten. Der größte Renner aber sind Evvies Filmkritiken. Die Mädels und ich gehen jeden Sonntagabend ins Kino, und danach schreibt Evvie eine Besprechung. Sie hat eine begeisterte Leserschaft.

Ida ruft an und verkündet mit ihrer keinen Widerspruch duldenden Stimme, dass sie zur Bank muss. Manchmal glaube ich, dass ihr der feste Dutt die Luft zum Gehirn abschneidet. Sie geht jeden Freitag zur Bank und weiß, dass ich jedes Mal dort anhalte. Trotzdem ruft sie mich an, um mich daran zu erinnern – ich schätze, auch um dem Telefongott zu huldigen.

Natürlich müssen alle zur Apotheke, um ihren Vorrat an Medikamenten aufzufüllen, ganz zu schweigen von Vitaminen, Dr. Scholls Einlegesohlen und Abführmitteln. Francie hat uns auf ein Kräutermittel namens Brain Pep gebracht. Sie schwört, dass Ginkgo biloba, Gotu-Kola und Schizandra (ich habe die Namen nicht erfunden) das Gedächtnis stärken. Bei mir wirkt es schon mal nicht.

Irving erinnert mich sanft, die Dinge auf seiner Einkaufsliste nicht zu vergessen. Dinge, die seine Millie braucht. Als würde ich die vergessen.

»Hat sich mittlerweile jeder gemeldet?« Es ist Francie, die anruft, um zu erfahren, ob schon alle bei mir angerufen haben.

»Alle vollzählig angemeldet«, antworte ich.

Wir lachen über die Absurdität unserer Telefongespräche. Wir wissen, dass alle vor ihrem Anruf bei mir schon alles miteinander durchgekaut haben. Aber warum melden sie sich zum Schluss alle bei mir?

Weil ich die Einzige von uns Mädels bin, die noch fahren kann und ihr Auto noch nicht abgegeben hat. Denny besitzt den alten Ford Fairlane seiner Mutter, den wir manchmal als Taxi benutzen. Er holt auch schon mal unsere Besucher vom Flughafen ab und bringt sie wieder hin – für ein Entgelt, das wir selbst festgesetzt haben –, er wäre zu schüchtern, darum zu bitten. Hy Binder fährt auch noch, aber niemand bei Verstand würde sich zu ihm in den Wagen setzen außer Lola, die keine andere Wahl hat. Gott schütze sie – er glaubt, er nimmt am Daytona 500 teil, dem legendären Autorennen.

Harriet arbeitet; das schließt sie aus. Und Francie hat sich von ihrem Wagen verabschiedet, nachdem sich ihr Wagen wieder einmal von ihr verabschiedet hatte.

»Nun denn«, sagt Francie, »viel Spaß beim Chauffieren.«

»Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?« In meinen alten Chevy passen sechs, auch wenn es dann etwas eng wird. »Zur Not kannst du dich auf Idas Schoß setzen.«

»Und mich von ihren Haarnadeln stechen lassen?«

»Und bei Sophie?«

»Und mich von ihrem Sonnenschirm aufspießen lassen?«

»Feigling.«

»Masochist.«

»Was kann ich machen? Sie brauchen mich doch so.« Wie oft haben wir uns nicht schon auf diese Weise geneckt!

Im Singsang sagen wir die Litanei auf. »Nehmt euch ein Taxi! Fahrt mit dem Bus! Geht zu Fuß! Bleibt zu Hause!«

Lächelnd lege ich auf. Ich liebe diese wunderbare Frau. Sie ist meine Seelengefährtin. Was würde ich nur ohne sie anfangen?

5Fahrt in die Stadt, mit Hindernissen

Wir fahren in die Stadt oder versuchen es zumindest.

»Glad, können wir jetzt endlich los? Die Hitze bringt mich schon jetzt um.« Evvie beschwert sich mit Recht. Wir warten schon ewig auf die Nachzügler. Der Bürgersteig brennt unter unseren Füßen.

Zuerst stellte Bella fest, dass sie ihren Einkaufszettel auf dem Küchentisch vergessen hatte. Dabei lebt sie in ständiger Angst, etwas zu vergessen. Also hastete sie in ihr Apartment zurück. Dann fiel Sophie, die niemand anderem den Sieg im Zuspätkommen gönnt, ein, dass sie noch ihre Sonnenschutzcreme holen musste, obwohl es vom Parkplatz bis zum Einkaufszentrum nur ein paar Schritte sind.

»Wir können auch ohne sie losfahren«, schlage ich vor.

»Warum nicht. Heckle und Jeckle treiben mich noch in den Wahn«, meint Evvie, die ungeduldige Führerin.

»Bella! Sophie! Beeilt euch gefälligst!«, kräht Ida, die so wenig Geduld wie keine Zweite hat.

Sophie winkt fröhlich aus dem Fenster. »Ich bin gleich so weit. Obenrum bin ich schon fertig, aber der Rest muss noch festgezurrt werden.«

Ida hat ohnehin schlechte Laune. Auch an diesem Morgen war ihr Briefkasten leer. Sie hat ein ziemlich teures Geschenk an eines ihrer Enkelkinder geschickt. (Niemals würde sie zugeben, dass es sich dabei um Bestechung handelt.) Niemand hat sich bislang die Mühe gemacht, sich zu bedanken oder auch nur zu bestätigen, es erhalten zu haben.

Ich öffne meinen Briefkasten nie, wenn sie in der Nähe ist. Ich bekomme so viele wundervolle Briefe von meinen Enkeln in New York, dass ich schon Schuldgefühle entwickele.

Ich habe wirklich Glück gehabt. Umso mehr tut Ida mir leid.

Evvie klopft mit dem Fuß auf den Boden, was nichts Gutes verheißt. »Ich habe Meyer versprochen, dass ich meinen Artikel vor zwölf einreiche. Wenn wir nicht sofort losfahren, ist er nicht mehr da. Ich bringe diese beiden Meschuggeners um.«

Sie ist wütend. Noch nie hat sie einen Artikel zu spät abgegeben.

Die Fenster und Türen sind offen, während wir noch immer warten. Als ich die Nachzügler kommen sehe, ziehe ich den Sonnenschutz von der Windschutzscheibe und schalte die Klimaanlage ein. Inzwischen sollte es kühl genug sein, um einzusteigen. Und wir warten noch immer.

Ida liest, um ihr Temperament zu zügeln, die Nachrichten, die auf dem Zettelbrett neben dem Aufzug angeschlagen sind. »Habt ihr das gelesen, Mädels?« Wir drehen uns zu ihr um.

»Schon wieder so ein Flyer, auf dem vor diesem Kerl gewarnt wird, der ältere Frauen umbringt. Es heißt, man soll abends nie allein ausgehen und gefährliche Viertel meiden.«

»Dann brauchen wir an unserem Verhalten nichts zu ändern«, meint Evvie. »Wir gehen doch alle vor neun ins Bett, und aus unserem Viertel kommen wir auch nie raus.«

»Es besteht die Gefahr, dass einem der Mörder nach Hause folgt.« Ich lese über Idas Schulter hinweg. »Dieser Kerl verschafft sich Zutritt zu den Apartments, ohne Fenster oder Türen aufzubrechen.«

»Wie kann das sein?«, meint Evvie. »Man muss schon ziemlich bescheuert sein, wenn man jemanden hereinlässt, den man nicht kennt.«

»Es passiert aber immer wieder. In den Krimis, die ich lese, kommt es ständig vor, auf alle möglichen Arten. Ein Typ mit Blumen im Arm tut so, als sei er ein Lieferant. Dem würde man doch die Tür aufmachen, oder? Ein Telegrammbote. Oder jemand in der Uniform eines Polizisten. Oder jemand sagt, deine Kinder hätten einen Unfall gehabt und er sei der gute Samariter, der dich holen soll ...«

Ida und Evvie sind einen Augenblick lang still. »Ich verstehe, was du meinst«, sagt Evvie.

Ich muss wieder an Selma denken, und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. »Und vielleicht war es bei Selma auch kein Herzinfarkt oder ein Unfall ...«