Beschreibung

Im Jahr 73 vor Christus flieht Spartakus mit siebzig Gefährten aus der römischen Gladiatorenschule in Capua und stürzt halb italien in einen Krieg der Sklaven gegen ihre Herren. Beeindruckend und spannend analysiert Arthur Koestler die Macht, die Spartakus "als Anführer" erlangt - die er nach bestem Gewissen einsetzt, um dann grandios zu scheitern. Koeslters erster Roman erzählt die Geschichte einer aus Gewalt geboreren Rebellion. Der Roman belegt wunderbar, wie aus dem talentierten Journalisten und Essayisten der große Romanautor Arthur Koestler wurde.

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Beliebtheit


Titel der englischen Originalausgabe

The Gladiators

Erstveröffentlichung 1939

Vom Autor durchgesehene und autorisierte Rückübertragung aus dem Englischenvon Franziska Meister.

© Arthur Koestler

© 2014 by Europa Verlag AG Zürich

Umschlaggestaltung und Satz: Christine Paxmann text • konzept • grafik

Umschlagbild: © Gabriel Moisa – istockphoto.com

E-Book-Konvertierung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

E-Book-ISBN 978-3-905811-94-0

INHALT

Erstes Buch: DER AUFSTIEG

Vorspiel: Die Delfine

Das Gasthaus an der Via Appia

Die Banditen

Die Insel

Der Krater

Der Mann mit dem Kugelkopf

Zweites Buch: DAS GESETZ DES UMWEGS

Zwischenspiel: Die Delfine

Die Versammlung

Der Untergang der Stadt Nola

Der gerade Weg

Der Umschwung in Capua

Umwege

Die Abenteuer des Advokaten Fulvius

Die Chronik des Advokaten Fulvius

Drittes Buch: DER SONNENSTAAT

Hegio, ein Bürger der Stadt Thurium

Der Einzug

Das neue Gesetz

Das Netz

Der Neuankömmling

Die große Weltpolitik

Die Sehnsucht

Die kleinen roten Adern

Untergang der Stadt Metapontum

Die edlen Gründe

Der Wendepunkt

Das Ende des Sonnenstaates

Der Wunsch zu beharren

Viertes Buch: DER NIEDERGANG

Zwischenspiel: Die Delfine

Die Schlacht am Garganus

Abwärts

Grabmäler

Die Unterredung

Die Schlacht am Silarus

Die Kreuze

Nachspiel: Die Delfine

Nachwort des Autors

Die unter dem Namen des Gladiatorenkrieges bekannten Ereignisse spielen sich in den Jahren 73 bis 71 vor unserer Zeitrechnung ab.

Erstes Buch

DER AUFSTIEG

Vorspiel

DIE DELFINE

Es ist noch Nacht.

Noch hat kein Hahn gekräht.

Doch Quintus Apronius, der Erste Schreiber des Marktgerichtes, ist daran gewöhnt, dass Schreiber sich früher rühren müssen als die Hähne. Er seufzt, als er mit den Zehen auf dem schmutzigen Holzfußboden nach seinen Sandalen angelt. Wieder einmal stehen die Sandalen verkehrt herum, mit der Spitze zum Bett: Das ist die erste Feindseligkeit des neuen Tages; wie viele mögen noch folgen?

Er schlurft zum Fenster und blickt in den Hof hinunter, einen tiefen, von Stockwerken umgebenen Schacht. Eine dürre alte Frau kommt die Außentreppe herauf: Pomponia, seine Haushälterin und einzige Sklavin. Sie bringt das Frühstück und den Eimer mit heißem Wasser. Pünktlich ist sie, das muss man ihr lassen. Pünktlich, alt und dürr.

Das Wasser ist lauwarm und das Frühstück abscheulich: ein zweiter Ärger. Doch dann kommen ihm plötzlich die Delfine in den Sinn, und diese Vorfreude auf die großartige Krönung seines Tages lässt ein Lächeln um seinen Mund spielen. Pomponia schwatzt nörgelnd und mürrisch herum, während sie sich im Zimmer zu schaffen macht, seine Kleider bürstet und ihm behilflich ist, die komplizierten Falten seines Schreibergewandes zu ordnen. Mit sorgenvoller und würdiger Miene steigt er die Feuerleiter hinunter, vorsichtig sein Gewand raffend, damit der Saum nicht über die Sprossen fegt; er weiß, dass Pomponia ihn vom Fenster aus beobachtet, den Besen in der Hand.

Es dämmert. Er hält noch immer sein Gewand gerafft, während er sich an den Häusern vorbeidrückt, denn ein unaufhörlicher Zug von Ochsen- und Pferdekarren bewegt sich rumpelnd und unter vielen Hüh-Rufen durch das enge Gässchen: «Bei Tage ist das Befahren der Straßen von Capua strengstens untersagt.»

Auf der Straße, welche die Verkaufsstände für Wohlgerüche und Salben vom Fischmarkt trennt, begegnet ihm eine Gruppe von Arbeitern. Es sind städtische Sklaven, wüste Gesellen mit unrasierten Gesichtern, die ausdruckslos vor sich hin starren. Ärgerlich presst sich Apronius noch dichter an die Häuserfront, rafft seinen Mantel um sich und murmelt verächtliche Worte. Die Sklaven gehen vorüber, zwei davon rempeln ihn ohne Respekt und Rücksicht an. Der Schreiber zittert vor Wut, doch er wagt nichts zu sagen: Die Männer tragen keine Ketten – verdammte neumodische Laxheit –, und die Aufseher trödeln weit hinter der Bande her.

Endlich sind alle vorüber, und Apronius kann seinen Weg fortsetzen, doch der Tag ist ihm vergällt. Immer bedrohlicher werden die Zeiten; es sind erst fünf Jahre seit dem Tode des großen Diktators Sulla vergangen, und schon ist die Welt aus den Fugen. Sulla, das war der rechte Mann, der verstand Ordnung zu schaffen und den Pöbel unterm Absatz zu halten. Ein ganzes Jahrhundert voll revolutionärer Unruhen war ihm vorausgegangen: die Gracchen mit ihren verrückten Reformplänen, die grässlichen Sklavenaufstände in Sizilien, der Terror des losgelassenen Pöbels, als Marius und Cinna den römischen Sklaven Waffen gaben und sie gegen die Partei der Aristokraten marschieren ließen. Die ganze zivilisierte Welt schwankte in ihren Grundfesten: Sklaven, rohe, stinkende Massen, drohten die Macht zu ergreifen und spielten sich schon als die Herren von morgen auf. Aber da kam Sulla, der Erretter, und nahm die Zügel fest in die Hand. Er stopfte den Volkstribunen das Maul, ließ die rebellischsten Köpfe rollen und verbannte die Anführer der Volkspartei. Sie gingen nach Spanien. Die kostenlose Brotverteilung, diese Belohnung für Tagediebe und Müßiggänger, wurde wieder abgeschafft; und es wurde eine strenge neue Verfassung erlassen – ein Jahrtausend sollte sie gelten, nein, für die Ewigkeit; aber da bekamen unglücklicherweise die Läuse den großen Sulla zu fassen und fraßen ihn auf. Das nennt man Phthiriasis.

Fünf Jahre ist es erst her – aber wie fern sind diese schönen Zeiten bereits! Wieder ist die Welt bedroht und beunruhigt, wieder gibt es unentgeltlich Korn für Faulenzer und Müßiggänger; wieder dürfen Volkstribunen und Demagogen Hetzreden halten, die das Blut aufpeitschen. Seines Führers beraubt, schwankt der Adel und schließt Kompromisse; und wieder einmal wagt sich der Pöbel hervor.

Quintus Apronius, der Erste Schreiber des Marktgerichtes, weiß, dass ihm der Tag endgültig verdorben ist; nicht einmal der Gedanke an die Delfine, diesen großartigen Höhepunkt seines Tages, vermag ihn zu erheitern. Ein hölzernes Anschlagbrett zieht seinen Blick auf sich; Plakatmaler sind dabei, es mit einer neuen Ankündigung zu versehen. Sie ist pompös und beinahe schon vollendet: Auf dem oberen Teil lässt eine grellrote Sonne ihre Strahlen in alle Richtungen gehen, und darunter ist zu lesen, dass sich Direktor Lentulus Batuatus, der Besitzer der größten Gladiatorenschule der Stadt, die Ehre gibt, die geschätzten Bürger von Capua zu einer Galavorstellung einzuladen. Das festliche Ereignis wird am übernächsten Tag stattfinden, bei jedem Wetter, denn der Direktor Batuatus wird ungeachtet der riesigen Kosten Zeltbahnen über die Arena spannen lassen, um das geehrte Publikum vor etwaigem Regen zu schützen, von der Sonne ganz zu schweigen. Darüber hinaus sollen in den Pausen wohlriechende Substanzen zerstäubt werden.

«Macht Euch auf und eilt herbei, Ihr Liebhaber festlicher Spiele, Ihr sehr geschätzten Bürger von Capua, die Ihr die Heldentaten des Pacidejanus mit anseht, des Siegers in hundertundsechs Kämpfen, und die Ihr einst den unbezwinglichen Carpophorus bewundert habt, versäumt nicht diese einzigartige Gelegenheit, die berühmten Fechter aus der Schule des Lentulus Batuatus kämpfen und sterben zu sehen …»

Dann die lange Reihe der auftretenden Mannschaften; die Hauptattraktion bildet ein Kampf zwischen dem gallischen Gladiator Crixus und dem thrakischen Arenahelden Spartakus. Ferner kündigen die Lettern an, dass einhundertfünfundfünfzig Neulinge ad gladium, das heißt Mann gegen Mann, kämpfen werden und weitere einhundertfünfzig ad bestiarium, das heißt Mensch gegen Tier. In der Mittagspause, während die Arena gereinigt wird, sollen Zwerge, Krüppel, Frauen und Spaßmacher Wettkämpfe austragen. Eintrittskarten zum Preise von nur drei As bis hinauf zu fünfzig Sesterzen sind schon im Voraus in der Bäckerei des Titus, in den Freiluftbädern des Hermios sowie bei den behördlich konzessionierten Agenten am Eingang des Minervatempels zu haben.

Quintus Apronius murmelt verächtlich vor sich hin; in Rom ist man schon längst zu dem System kostenloser Spiele übergegangen, die von ehrgeizigen Politikern zum Wahlstimmenfang veranstaltet werden. Aber in diesem rückständigen Provinznest Capua muss man für ein bisschen Abwechslung doch tatsächlich noch bezahlen. Apronius beschließt, den Direktor Lentulus Batuatus, den er vom Sehen kennt, um eine Freikarte anzugehen. Der Direktor der Spiele, einer der angesehensten Bürger Capuas, ist ein häufiger Besucher der Delfine; schon lange hat Apronius seine Bekanntschaft machen wollen.

Ein wenig durch diesen Entschluss aufgemuntert, setzt Apronius seinen Weg fort; kurz darauf hat er sein Ziel erreicht, die Halle des Minervatempels, wo das Städtische Marktgericht tagt.

Die Sonne geht auf, die Kollegen erscheinen; als erste die unausgeschlafenen Unterschreiber, mürrisch auf ihre Würde bedacht. Zwei Parteien in einem Prozess sind bereits gekommen, Fischhändler, die sich um einen Stand auf dem Markt streiten; sie müssen draußen warten, bis der Gerichtsdiener sie hereinruft. Noch recht schläfrig, machen sich die Beamten in der Halle zu schaffen, rücken Bänke zurecht und ordnen die Akten auf dem Pult des Vorsitzenden. Quintus Apronius genießt ein gewisses Ansehen bei seinen Kollegen, teils wegen seiner siebzehnjährigen Dienstzeit, teils wegen seiner Stellung als ehrenamtlicher Schriftführer eines Geselligkeits- und Bestattungsvereins.

Auch jetzt ist er eifrig dabei, einen jüngeren Kollegen zum Eintritt in seinen Verein der «Verehrer der Diana und des Antinous» zu bewegen; mit wohlwollender Herablassung erklärt er ihm die Vereinsregeln. Neue Mitglieder müssen eine Eintrittsgebühr von hundert Sesterzen zahlen, der jährliche Mitgliedsbeitrag beträgt fünfzehn Sesterzen, zahlbar in monatlichen Raten von fünf As. Dafür bezahlt die Vereinskasse dreihundert Sesterzen bei der Einäscherung eines jeden verstorbenen Mitglieds, sofern kein Selbstmord vorlag. Hiervon werden fünfzig Sesterzen für das Trauergefolge abgezogen und an dieses bei der Ankunft am Scheiterhaufen verteilt.

Wer bei einer der Zusammenkünfte Streit beginnt, zahlt zur Strafe vier Sesterzen, wer tätlich wird, zwölf, und wer den Vorsitzenden beleidigt, zwanzig. Für die Bankette sind vier alljährlich wechselnde Mitglieder verantwortlich; sie haben für die Decken und Polster der Speisesofas zu sorgen, für heißes Wasser und Krüge, ebenso für vier Amphoren guten Weines, ferner für einen Laib Brot zu zwei As sowie für vier Sardinen je Mitglied. Quintus Apronius hat sich ganz warm geredet, doch sein Kollege, statt sich geehrt zu fühlen, sagt lediglich, er wolle sich die Sache überlegen. Enttäuscht und gereizt dreht Apronius diesem unehrerbietigen jungen Mann den Rücken zu.

Immer mehr Beamte kommen jetzt herein, auch die höheren und würdigeren bis hinauf zum Stadtrat, der als Richter fungiert. Huldvoll trennt er sich von seinem Gefolge, gönnerhaft nickt er Apronius zu, der ihm eilfertig den Sessel zurechtrückt und die Akten ordnet. Die gegnerischen Parteien und das Publikum strömen nun herein, die Sitzung beginnt und damit die Aufgabe des Apronius, sein Beruf und seine Leidenschaft: das Schreiben. Sein bedrücktes Gesicht hellt sich auf; mit fast zärtlichem Behagen malt er Wort für Wort auf das schöne, makellose Pergament – kein anderer hat eine so vollendete Handschrift, kein anderer führt die Protokolle so sachkundig wie Apronius, der sich in siebzehn langen Amtsjahren das uneingeschränkte Vertrauen seines Vorgesetzten erworben hat. Die Prozessgegner geraten in Hitze, die Anwälte eifern, die Zeugen werden vernommen, die Sachverständigen befragt. Akten türmen sich auf, Gesetze und Verordnungen werden verlesen – und alles das dient nur dazu, des Apronius hohe Kunst des Protokollschreibens ins rechte Licht zu setzen. Er ist der wahre Held auf dieser Bühne, die anderen sind lediglich Staffage. Als die Sonne hoch am Mittagshimmel steht und der Gerichtsdiener die Vertagung der Sitzung meldet, hat Apronius längst vergessen, worum es eigentlich ging. Doch den ganz ungewöhnlich schön gelungenen Schnörkel, den er als Abschluss unter das Protokoll der Rede des Beklagten gesetzt hat, sieht er noch mit geschlossenen Augen vor sich.

Säuberlich stapelt er die Akten und Urkunden aufeinander, grüßt den Rat mit Ehrerbietung, die Kollegen mit leutseliger Höflichkeit, presst die Falten seines Gewandes an die Hüften und verlässt die Stätte seiner amtlichen Tätigkeit. Mit großen Schritten strebt er der Taverne «Zu den Wolfszwillingen» im oskischen Viertel zu, wo den «Verehrern der Diana und des Antinous» ein Tisch reserviert ist. Bereits seit sieben Jahren, seit dem Tage seiner Beförderung zum Ersten Schreiber des Marktgerichts, nimmt er hier sein Mittagsmahl ein, das der Wirt eigenhändig nach einer vorgeschriebenen Diät für ihn bereitet – denn Apronius hat mit dem Magen zu tun –, doch wird ihm hierfür keine Extragebühr berechnet.

Nach beendetem Mahle überwacht Apronius das Auswaschen seiner Trinkschale, schnippt die Krümel von seinem Gewand und verlässt die Taverne «Zu den Wolfszwillingen». Er begibt sich nun in die Neuen Dampfbäder.

Auch hier empfängt der Wärter den ständigen Besucher mit Zuvorkommenheit, bändigt den Schlüssel zu des Apronius reserviertem Aufbewahrungsfach aus und nimmt mit nachsichtigem Lächeln das Trinkgeld von zwei As entgegen. Die geräumige Marmorhalle ist wie gewöhnlich von wimmelndem Leben erfüllt; es haben sich schwatzende Gruppen gebildet, in denen Neuigkeiten und Komplimente ausgetauscht werden; öffentliche Redner, ehrgeizige Poeten und andere Leute ergreifen die Gelegenheit zum Vortrag im Schutz dieses überwölbten Raumes und werden von ihren Zuhörern mit Zwischenrufen, Beifall und Gelächter bedacht. Apronius erfreut sich des geistigen Kitzels als Vorgeschmack zu den mannigfaltigen leiblichen Genüssen des Bades. Er schließt sich erst der einen, dann der anderen Gruppe an, schnappt ein paar Sätze aus einer Angriffsrede gegen die Abtreibung und die sinkende Geburtenzahl auf; doch erst als der nächste Sprecher ans Ende eines zotigen Histörchens gelangt ist, wendet er sich empört ab und schlendert mit gerafftem Gewand einer dritten Gruppe zu. Hier bildet ein dicker Grundstücksmakler und Agent den Mittelpunkt. Er hat eine obskure kleine Bank irgendwo im oskischen Viertel und versucht, durch das Anpreisen von Aktien einer neuen Harz-Raffinerie in Bruttium ein paar neue Kunden zu angeln. Aus reinster Menschenfreundlichkeit drängt er seine Zuhörer zum sofortigen Kauf, Harz wird ein gutes Geschäft, Harz hat eine Zukunft. Apronius zieht ein Gesicht, murmelt ein paar verächtliche Worte, geht weiter.

Den größten Zuhörerkreis, eine ganze Volksversammlung, hat natürlich wieder dieser Winkeladvokat und Skribent Fulvius, dieser gefährliche Agitator. Apronius hat schon viel über den kleinen, unbedeutend aussehenden Mann mit dem höckrigen, kahlen Schädel gehört; es heißt, er sei einmal eine große Nummer in der Demokratischen Partei gewesen, bis man ihn wegen seiner notorisch radikalen Gesinnung fallen ließ. Seitdem lebt er hier in Capua in irgendeiner elenden Dachkammer und hetzt die Leute gegen die noch von Sulla herrührende Ordnung der Dinge auf. Der kleine Anwalt spricht mit spürbarer Selbstgefälligkeit, und doch scheinen diese Narren seine Worte nur so einzuschlürfen. Voller Abscheu und mit hochgeraffter Faltenrobe drängt sich Apronius unter die lauschende Menge, nicht etwa aus Neugier, sondern weil er die treffliche Wirkung eines kräftigen Ärgers vor dem Bade auf seine Verdauung kennt.

Dem Untergang ist die Römische Republik geweiht, behauptet der kleine Advokat in seiner nüchternen Art bloßer Tatsachenfeststellung. Früher einmal war Rom ein Ackerbau treibender Staat, heute ist der Bauernstand ausgeblutet und der Staat mit ihm. Die Welt ist inzwischen größer geworden, aus allen Ländern wird billiges Getreide eingeführt, darum mussten die Bauern ihr Land verkaufen und von Almosen leben. Die Welt ist größer geworden, aus allen Ländern werden billige Arbeitssklaven eingeführt, darum müssen die Handwerker hungern und die Arbeiter betteln gehen. Rom wird mit Korn überschwemmt, das in den Scheunen verkommt, aber für die Armen ist kein Brot da. Rom ist voll von Händen, die schaffen könnten, doch sie öffnen sich zum Betteln oder schließen sich zu Fäusten, nur zum Arbeiten werden sie nicht gebraucht. Schuld daran ist das Verteilungssystem; Roms Wirtschaft hat es nicht fertiggebracht, sich der größer gewordenen Welt anzupassen, sie ist im Begriff zu verkalken, und allen denkenden Köpfen ist es seit fast einem Jahrhundert klar, dass eine grundlegende Änderung notwendig ist. Aber wer auch immer diese Einsicht ausspricht, wird mundtot gemacht.

«Wir leben», so bemerkt Fulvius und streicht dabei ernst über seinen höckrigen Schädel, «in einem Jahrhundert misslungener Revolutionen …»

Der Schreiber Apronius hat nun genug. Das geht ihm entschieden zu weit. Solche Reden unterhöhlen wahrhaftig die Grundmauern aller Zivilisation. Bebend vor Zorn und doch voll heimlicher Zufriedenheit – denn er spürt, dass der Ärger die erhoffte Wirkung tut – betritt Apronius endlich das Innere des Gebäudes und damit die erste Station seines Entzückens: die Halle der Delfine.

Sie ist hell erleuchtet und strahlt einen heiteren Ernst aus. Die ganze Länge ihrer Marmorwände entlang befinden sich hohe Marmorsessel von äußerst zweckmäßiger Form, deren Armlehnen von Delfinen gebildet werden, die eine Meisterhand schnitt. Dies sind die Sitze, wo in bedachtsamer Wechselrede die Nachbarn schlichte Erkenntnisse austauschen und die Gedanken ihren Flug nehmen, während sich die Eingeweide entleeren. Denn beides harmonisch zu vereinen, ist der Zweck der Delfinenhalle.

Des Schreibers Apronius Verdruss weicht einer Hochstimmung, und sein Vergnügen steigt noch angesichts einer wohlbekannten, wohlgenährten Person, die zwischen zwei Delfinen thront: Es ist Lentulus Batuatus, der Besitzer der Gladiatorenschule, den Apronius um eine Freikarte angehen will. Der Marmorsessel neben ihm wird gerade frei; umständlich rafft Apronius sein Faltengewand, lässt sich mit zufriedenem Grunzen nieder und streichelt voll Zärtlichkeit mit jeder Hand ein Delfinenhaupt.

Dieser Revolutionär hat doch wirklich einen höchst produktiven Zorn ausgelöst. In frommer Rührung entrichtet Apronius den Delfinen ihren Zoll und beobachtet dabei seinen Nachbarn aus den Augenwinkeln. Des Direktors Stirn jedoch ist umwölkt, und mit seinen leiblichen Bemühungen scheint nicht alles so zu gehen, wie es soll. Apronius gibt sich einen Ruck und bemerkt mit einem Seufzer des Mitgefühls, dass die Hauptsache im Leben doch eine gute Verdauung sei, und dass er bereits seit Langem darüber eine Theorie entwickelt habe: Der Hauptanteil aller rebellischen Unzufriedenheiten und des revolutionären Fanatismus beruhe im Grunde auf Verdauungsstörungen oder, noch genauer gesagt, auf chronischer Verstopfung. In der Tat, so fährt er fort, habe er erwogen, diesen Sachverhalt zum Gegenstand einer philosophischen Abhandlung zu machen, die er zu schreiben hoffe, sobald seine Zeit es ihm erlaube.

Der Impresario streift ihn mit einem flüchtigen Blick, nickt dazu und antwortet missgestimmt, dass dies durchaus möglich sei.

Das sei nicht nur möglich, sondern eine feststehende Tatsache, erklärt Apronius voller Eifer. Und er schwöre darauf, dass sich mit dieser Theorie manches historische Ereignis ganz einfach erklären lasse – Ereignisse, deren Bedeutung von aufrührerischen Philosophen übertrieben werde.

Aber alle Hitze vermag den Nachbarn nicht zu erwärmen. Was ihn angehe, brummt der Direktor, so habe er seine Leute immer anständig ernährt, und er habe ihren Gesundheitszustand und ihre Diät von den besten Ärzten überwachen lassen. Aber alle seine kostspieligen Bemühungen seien von diesen elenden Burschen nur mit dem gemeinsten Undank belohnt worden.

Apronius erkundigt sich teilnahmsvoll, ob Lentulus geschäftliche Schwierigkeiten habe; seine Hoffnungen auf eine Freikarte schwinden dahin.

Die habe er allerdings, stöhnt der Impresario, es sei sinnlos, noch länger ein Geheimnis daraus zu machen: Siebzig seiner besten Gladiatoren seien ihm in der Nacht davongelaufen, und die Polizei habe trotz aller Bemühungen noch keine Spur von ihnen gefunden.

Und einmal in Gang gekommen, lässt der dicke Mann mit dem tadellosen geschäftlichen Ruf seinem Kummer freien Lauf und ergeht sich in langatmigen Klagen darüber, wie schlecht die Zeiten seien und wie viel schlechter noch die Geschäfte.

Der Schreiber Apronius lauscht ehrerbietig, den Oberkörper höchst aufmerksam vorbeugend, die Gewänder mit gespreizten Fingern gerafft. Er weiß, dass Lentulus nicht nur jenes allgemeine Ansehen genießt, das ihm seine vorteilhaften Spekulationen eingetragen haben, sondern in Rom auch eine bemerkenswerte politische Karriere gemacht hat. Nach Capua ist er erst vor zwei Jahren gekommen, um hier seine Gladiatorenschule zu gründen, die sich inzwischen bereits eines ausgezeichneten Rufes erfreut. Seine geschäftlichen Verbindungen erstrecken sich wie ein Netz über ganz Italien und die auswärtigen Provinzen; seine Agenten kaufen das menschliche Rohmaterial auf dem Sklavenmarkt in Delos, um es, nach einjähriger gründlicher Ausbildung in Mustergladiatoren verwandelt, nach Spanien, Sizilien und an die Höfe Asiens zu verkaufen. Diesen Erfolg verdankt Lentulus hauptsächlich seinem einwandfreien Geschäftsgebaren; in seinem Unternehmen werden nur erstklassige Trainer angestellt, und Spezialärzte überwachen Ernährung und Ausbildung der Schüler. Vor allem aber ist es ihm gelungen, seinen Leuten als Grundregel einzuhämmern, dass sie niemals um Schonung flehen, wenn sie geschlagen sind, sondern dass sie eine tadellose Haltung bewahren, wenn sie erledigt werden, und somit die Zuschauer nicht durch irgendwelches Getue abstoßen.

«Jedermann kann leben – aber das Sterben ist eine Kunst, die gelernt sein will», wird er nicht müde, seinen Gladiatoren einzuschärfen. Und dieser besonderen Eigenschaft, der ausgezeichneten Disziplin beim Sterben, ist es zu verdanken, dass die Gladiatoren des Lentulus durchschnittlich um fünfzig Prozent mehr Kasse gebracht haben als die anderer Schulen.

Aber selbst Lentulus wird von diesen bösen Zeiten nicht verschont; geschmeichelt und voll Mitgefühl lauscht der Schreiber dem Klagelied des großen Mannes:

«Sehen Sie, mein Lieber», erklärt ihm Lentulus, «die meisten Veranstalter von Spielen befinden sich gegenwärtig in einer sehr kritischen Lage, und schuld daran ist allein das Publikum. Es weiß qualifizierte und sorgfältig trainierte Kämpfer nicht mehr zu schätzen, und es weiß nichts von der Mühe und den Kosten, die ihre Ausbildung erfordert. Qualität soll durch bloße Quantität ersetzt werden; das Publikum verlangt einfach, dass jede Vorstellung mit dem abscheulichen Massenabschlachten der Menschen durch Tiere oder mit ähnlichen Gräueln endet. Können Sie sich vorstellen, was das für unser Geschäft bedeutet? Ganz einfach Folgendes: Bei der klassischen Form des Zweikampfs ad gladium, Mann gegen Mann, betragen die Verluste ganz offensichtlich eins zu zwei, mit anderen Worten, der Verschleiß beläuft sich auf fünfzig Prozent. Rechnen wir vorsichtshalber noch einen Spielraum von zehn Prozent für Verwundungen mit tödlichem Ausgang hinzu, so kommen wir auf einen Materialverschleiß von sechzig Prozent je Vorstellung. Nun gut, das ist die klassische Kalkulation, auf der unsere Bilanz beruht.

Nun kommt aber das Publikum und verlangt Sensationen mit Tieren. Es will nun einmal seiner Schaulust frönen und denkt nicht im Geringsten daran, dass sich der Verschleiß auf fünfundachtzig oder neunzig Prozent erhöht, wenn ich meine Gladiatoren ad bestiarium ansetze. Erst vor wenigen Tagen hat der Erzieher meines Sohnes, ein sehr befähigter mathematischer Kopf, mir ausgerechnet, dass die Chance auch der besten Gladiatoren, eine dreijährige Dienstzeit zu überleben, nur etwa eins zu fünfundzwanzig beträgt. Das bedeutet aber logischerweise, dass der Unternehmer die Kosten für das Training eines jeden Mannes in anderthalb oder zwei Vorstellungen amortisieren muss – um Ihnen nur ein paar Zahlen zu nennen.

Sie als Außenstehender und das Publikum denken natürlich, dass die Arena eine Goldgrube ist», sagt Lentulus mit bitterem Lächeln. «Sie werden sich wundern, wenn ich Ihnen sage, dass ein derartiges Unternehmen, wenn es mit Verantwortung geführt wird, jährlich höchstens einen Gewinn von zehn Prozent abwirft. Manchmal frage ich mich wirklich, warum ich mein Geld nicht in den Grundbesitz stecke oder selber die Landwirtschaft betreibe. Schließlich bringt auch ein schlechter Boden seine sechs Prozent im Jahr …»

Apronius sieht seine Hoffnung auf eine Freikarte endgültig begraben, und obendrein soll er wohl gar noch Trost spenden. «Nun, den Verlust von nur fünfzig Mann werden Sie doch sicherlich überwinden können», sagt er aufmunternd.

«Siebzig Mann», verbessert ihn der Direktor erbittert, «und zwar siebzig der besten Leute. Einer von ihnen ist Crixus, mein gallischer Gladiatorentrainer, wahrscheinlich haben Sie ihn schon bei der Arbeit gesehen: ein düster blickender, schwerer Mann mit einem Seehundskopf und langsamen, gefährlichen Bewegungen. Ein riesiger Verlust. Und Castus, der kleine, bewegliche Bursche, bösartig und scharf wie ein Schakal. Und noch eine ganze Anzahl hervorragender Kämpfer: Ursus, ein wahrer Riese; Spartakus, ein ruhiger, sympathischer Typ, der immer so ein hübsches Fell um seine Schultern trug; Oenomaus, ein vielversprechender Anfänger, und noch viele andere. Ein erstklassiges Material, das kann ich Ihnen versichern, und sehr umgängliche Leute.»

Beim Aufzählen seiner Verluste hat die Stimme des Impresarios einen wahrhaft tragischen Tonfall angenommen. «Jetzt werde ich den Einlass um fünfzig Prozent ermäßigen müssen, und dabei habe ich schon mehrere Hundert Karten an die Animierklatscher und Freikartenjäger verteilt.»

Apronius schluckt dies hinunter und beeilt sich, die Unterhaltung auf eine allgemeine, mehr philosophische Ebene zu bringen. Es müsse – so bemerkt er – für die Gladiatoren ein merkwürdiges Gefühl sein, nur so von einer Vorstellung zur anderen und immer im Schatten des Todes zu leben. Er, Quintus Apronius, könne sich jedenfalls nur schwer in den Gemütszustand einer solchen Kreatur versetzen.

Lentulus lächelt, denn er ist es gewohnt, dass Laien solche Ansichten äußern.

«Wissen Sie, man gewöhnt sich daran», sagt er. «Sie als Beamter ahnen natürlich nicht, wie schnell sich Menschen mit den ungewöhnlichsten Umständen abfinden können. Es ist wie im Kriege; und außerdem – kann nicht jeden von uns stündlich sein Schicksal ereilen? Nebenbei gesagt, haben diese Leute, denen ein festes Dach über ihrem Kopf und dazu ein nahrhaftes, gutes Essen sicher ist, in Wirklichkeit ein besseres Los gezogen als ich, der ich die ganze Verantwortung auf meinen Schultern trage und dazu die täglichen Sorgen und geschäftlichen Schwierigkeiten habe. Sie können es mir glauben – manchmal beneide ich meine Schüler fast.»

Apronius bestätigt durch Kopfnicken, dass das Dasein eines Gladiatorenschülers doch manches für sich haben könne.

«Aber sehen Sie, der Mensch ist eben niemals zufrieden, das scheint in seiner Natur zu liegen», fährt der Direktor in seinen pessimistischen Betrachtungen fort. Ganz kurz vor einer Vorstellung, fügt er hinzu, gebe es unter den Leuten immer eine gewisse Unruhe und eine Menge dummes Geschwätz. Diesmal sei es irgendwie durchgesickert, dass der Direktor durch den Wunsch der Öffentlichkeit gezwungen werde, die überlebenden Ad-gladium-Sieger einem Kampf ad bestiarium auszusetzen. Begreiflicherweise seien die Männer von dieser Idee nicht begeistert gewesen; es habe ein paar sehr unangenehme Szenen gegeben, und so sei es schließlich in der letzten Nacht auf bisher noch ungeklärte Weise zu dem bereits besprochenen Ereignis gekommen.

Obgleich er, Lentulus Batuatus, der am meisten Betroffene sei, könne er bis zu einem gewissen Grade die Empörung der Leute durchaus verstehen. Das Verhalten der Öffentlichkeit erbittere ihn, Lentulus, sogar noch weit mehr als die geschäftliche Seite der Sache; es handle sich da zum Beispiel um den neuesten Aberglauben, dass frisches Gladiatorenblut gewisse Frauenleiden heilen könne. Er wolle sich und seinem werten Zuhörer eine Beschreibung der unglaublichen Szenen ersparen, die sich seitdem in der Arena ereignet hätten. Seine eigene Gesundheit sei jedenfalls durch alle diese Ereignisse so mitgenommen, dass er das Wort «Blut» nicht mehr hören könne, ohne dass ihm übel werde, und sein Arzt habe ihm dringend empfohlen, so bald wie möglich eine Badekur in Bajae oder Pompeji zu machen.

Der Direktor seufzt und beschließt seine Erzählung mit einer resignierenden Handbewegung, die sich eben sowohl auf die Vergeblichkeit seiner physischen Anstrengungen wie auf den allgemeinen Zustand der Welt beziehen kann. Apronius sieht ein, dass für heute keine Hoffnung besteht, bei diesem Mann etwas zu erreichen; er erhebt sich enttäuscht von seinem Marmorsitz, ordnet die Falten seines Gewandes und verabschiedet sich. Während seines Nachtmahls in der Taverne «Zu den Wolfszwillingen» lässt ihn seine verdrießliche Stimmung nicht los; geistesabwesend, vergisst er wahrhaftig, das Spülen seiner Trinkschale zu überwachen.

Dämmerung umfängt das enge Straßengewirr des oskischen Viertels, als er sich auf den Heimweg begibt. Nicht einen Augenblick kann er seinen Gram vergessen, dass es ihm misslang, eine Freikarte zu ergattern. Bitterkeit erfüllt ihn, als er die Außentreppe zu seiner Wohnung hinansteigt; was nützen ihm seine siebzehn Amtsjahre? Er bleibt eben ausgeschlossen von den Festen des Lebens, nicht einmal armselige Brosamen fallen für ihn ab.

Mechanisch streift er die Kleider von seinem hageren Körper, faltet sie sorgfältig zusammen und legt sie auf den wackligen Schemel, dann löscht er das Licht. Von der Straße dröhnt das Echo rhythmischer Schritte herauf: Die städtischen Sklaven kommen von der Bauarbeit zurück. Er sieht ihre ausdruckslosen, jedoch nichts Gutes verheißenden Gesichter vor sich, als ob sie ihn wieder beiseitestießen und ohne Entschuldigung weitergingen.

Quintus Apronius, der Erste Schreiber des Marktgerichtes, starrt traurig in das Dunkel seines Schlafgemaches. Arbeitet man dafür ein ganzes mühseliges Leben, das voll von Kümmernissen und Entbehrungen ist? Kann es in einer solchen Welt noch Götter geben?

Seit seiner Kindheit ist Apronius den Tränen nicht so nahe gewesen. Vergebens wartet er auf den Schlaf, voller Angst vor den Träumen, die er bringen wird. Denn er weiß, es werden böse und garstige Träume sein.

1

DAS GASTHAUS AN DER VIA APPIA

Die Via Appia verlief südwärts mit ihrer endlosen Folge von Meilensteinen, Bäumen und Bänken. Sie war mit großen, quadratischen Steinen gepflastert; an ihren Schräghängen wuchsen in regelmäßigen Abständen Kaktushecken; Steine wie Pflanzen waren mit einer Schicht mehligen Staubes bedeckt. Es war still und sehr heiß.

Beim zweiten Meilenstein südlich von Capua stand das Gasthaus des Fannius. Obwohl man sich in der geschäftlich lebhaftesten Zeit des Jahres befand, war das Gasthaus leer. Die Zeiten waren schlecht und unsicher; es reiste nur, wer unbedingt musste; gewalttätiger Pöbel lungerte haufenweise umher und machte Handel und Wandel unsicher. Seit der Mittagszeit waren keine möglicherweise als Gäste infrage kommenden Fremden aufgetaucht, abgesehen von zwei vornehmen Reisegesellschaften, die sich auf dem Wege nach Bajae befanden und in deren Augen das Gasthaus des Fannius nicht einmal existierte.

Fannius stand hinter dem Schanktisch und hörte seinem Buchhalter zu, der ihm die Rechnungen vorlas. Der Raum war von beißendem Rauch erfüllt, es roch nach Thymian und Zwiebeln. Zwei geschminkte Kellnerinnen würfelten an einem Tisch, wer den nächsten Gast zu bedienen habe. Das männliche Personal bestand aus starkknochigen, stiernackigen Männern, die mit jeder Situation fertig wurden; sie waren jetzt in den Ställen beschäftigt oder hielten ihren Nachmittagsschlaf im schattigen Hof unter Wolken von Fliegenschwärmen.

Stimmenschwall näherte sich vom Torweg her. Ehe sich Fannius aufgemacht hatte, um zu sehen, was es gebe, wurde die Tür bereits aufgestoßen, und eine lärmende Menge drängte herein. Sofort war der Raum voll, denn es waren fünfzig oder sechzig Leute. Sie trugen merkwürdige Dinge bei sich, wie man sie im Zirkus sehen konnte. Die meisten waren ziemlich einfältig und grölten und lachten ohne Anlass. Einer von ihnen trug ein Tierfell um die Schultern statt anständiger Kleider. Verlegen standen sie herum und schielten nach den Kellnerinnen. Dann bat einer, im Hof einen Tisch für sie aufzustellen.

Fannius besah sich diesen Menschenhaufen und befahl hierauf seinen Leuten ohne besondere Eile, Bänke und Schemel nach draußen zu tragen. Im Hof waren große Tische hufeisenförmig zusammengestellt. Die Kellnerinnen zogen ihre Augenbrauen nach, schnitten einander Gesichter und begannen, den Tisch zu decken. Nachdem sich die Gäste gesetzt hatten, herrschte erwartungsvolles Schweigen. Es waren mehrere Frauen darunter. Am Kopfende des Tisches saß ein dicker Mann mit hängendem Schnurrbart und Fischaugen; er trug eine silberne Halskette und glich einem traurigen Seehund. Die Kellnerinnen kamen und gingen; sie stellten Krüge und Pokale auf den Tisch. Der dicke Mann fegte sie mit den Ellenbogen hinunter auf den Boden.

«Weg damit!», sagte er. «Wir wollen ein ganzes Fass.» Die irdenen Krüge zerbrachen auf den Pflastersteinen, die Gäste lachten alle. Eine der Frauen, eine schlanke, dunkle, schlug mit ihrer kindlichen kleinen Faust auf den Tisch.

Fannius ging langsam zu dem Dicken hin, und seine stiernackigen Diener bauten sich hinter ihm auf wie eine Mauer. Als er des Dicken Schulter berührte, wurde alles still. Fannius hatte nur noch ein Auge, er war untersetzt und hatte breite Schultern. Nachdenklich sah er seine Kundschaft an und dann über sie hinweg.

«Welche Arena hat euch Urlaub gegeben?», fragte er. Der Dicke nahm die lästige Hand von seiner Schulter und sagte: «Wer viel fragt, kriegt viel Antwort. Wir wollen unser Fass.»

Fannius blieb eine Weile stehen und sah seine Gäste an. Die Gäste sahen Fannius an und schwiegen. Das dauerte eine Weile; dann gab Fannius mit dem Auge ein Zeichen, worauf seine Leute ein Fass herbeirollten. Als der Zapfen herausgezogen war, ging Fannius davon. Die Mädchen kamen, um die Becher zu füllen, doch die Gäste hatten sich um das Fass gedrängt und bedienten sich selbst. Dann wollten sie zu essen haben. Als die Kellnerinnen aufgetragen hatten, aßen und tranken die Leute und wurden sehr lustig. Die stiernackigen Bediensteten standen einer neben dem anderen an die Wand gelehnt und sahen zu.

Als es zu dunkeln begann, rief der Dicke nach dem Besitzer. Fannius kam herbei. Mehrere Gäste schliefen über den Tisch gelehnt, andere hatten eine Kellnerin auf dem Schoß; die Kellnerinnen waren jetzt auch sehr lustig.

Der Dicke, der noch ebenso trübselig war wie zu Anfang, verlangte von Fannius für die ganze Gesellschaft Nachtlager. Einige von seinen Leuten protestierten und riefen, dass sie weitermüssten. Doch der Dicke meinte, dass dieser Ort für die Nacht ebenso geeignet sei wie jeder andere. Fannius schwieg. Das zierliche dunkle Mädchen rief, der dicke Mann habe recht, und man könne an alle Türen Wächter stellen. Darauf sagte der Dicke, es sei nun genug geredet worden, der Wirt solle Betten und Bettzeug fertig machen. Doch Fannius antwortete, dass er weder Betten noch Bettzeug habe und dass seine Gäste doch bezahlen und gehen möchten.

Die Gäste verhielten sich ruhig. Als sie eine ganze Weile still gewesen waren, sagte der Mann mit dem Tierfell, Fannius solle keine Angst haben, denn sie hätten Geld genug, um die Rechnung zu bezahlen. Er hatte ein breites, gutmütiges Gesicht, das ganz mit Sommersprossen bedeckt war; seine eckigen Glieder und seine Art zu sitzen – die schweren Ellbogen auf die Knie gestützt – erinnerten an einen Holzfäller aus dem Gebirge. Fannius sah ihn an, und der Mann mit dem Tierfell sah Fannius an, worauf dieser den Blick abwandte. Einer der Gäste, ein magerer kleiner Bursche, lachte unangenehm auf und warf Fannius einen Geldbeutel zu. Dieser ergriff ihn und sagte, dass die Gäste nun gehen möchten. Aber sie rührten sich nicht. Fannius wartete ein wenig, dann gab er mit dem Auge ein Zeichen, worauf seine stiernackigen Männer näher kamen. Jetzt erhob sich der Dicke, Fannius trat einen Schritt zurück. Sie standen dicht voreinander. Fannius sah den Dicken an und meinte, er sei in seinem Leben schon mit größeren und gröberen Banditen fertig geworden. Sein plötzlicher Zugriff war schnell und gewandt, doch der Dicke stieß ihm seine Knie in den Bauch, sodass der Wirt gegen die Wand geschleudert wurde, wo er sich wimmernd wand.

Da erhob einer der Stiernackigen den Arm, und dann stürzten sie alle auf den Dicken. Die Schlafenden wachten auf, die Kellnerinnen kreischten, die Schemel splitterten, und das Krachen der Krüge, gegen die sie geschleudert wurden, übertönte das Knacken der Knochen. Aber die merkwürdigen Waffen der Gäste waren den Keulen der Wirtshausdiener überlegen, und so dauerte der Kampf nicht lange.

Der ganze Hof war ein wogendes Hin und Her. Die Diener wurden zurückgetrieben und drängten sich bei der Scheune zusammen. Die Kellnerinnen verbanden sie, doch zwei von ihnen brauchten ihre Hilfe nicht mehr und wurden hinausgetragen. Die Gäste lungerten unentschlossen herum, machten Witze und beschimpften die Stiernackigen. Diese schwiegen dazu. Einige sahen Fannius an, der sich immer noch an der Wand krümmte.

Der magere kleine Bursche ging geziert zu Fannius hinüber und beugte sich über ihn. Fannius drehte seinen Kopf auf die andere Seite und spuckte aus. Der Kleine trat bedachtsam mit seiner Fußspitze in Fannius’ Leistengegend. Dieser würgte auf.

«Erst lässt du dir ein Auge ausschlagen, und nun ist etwas anderes flöten gegangen», sagte der Kleine, «so geht es den Leuten, die überall Händel anfangen. Und ausgerechnet auch noch mit Crixus.» Er lachte und tätschelte den Bauch des Dicken. Der dicke Crixus aber lachte gar nicht. Er sah wie ein Seehund mit hängendem Schnauzbart und betrübten Augen aus.

Die stiernackigen Diener standen noch schweigend vor der Scheune zusammengedrängt und wurden von einigen bewaffneten Gästen bewacht. Der Mann mit dem Fell um die Schultern ging über den Hof und blieb vor den Dienern stehen. Alles sah dorthin.

«Was sollen wir nun mit euch machen?», fragte der Mann mit dem Tierfell die Diener. Diese sahen ihn an. Er hatte ruhige, aufmerksame Augen. Das gefiel ihnen.

«Wer seid ihr überhaupt?», fragte einer von ihnen.

«Rate einmal!», rief der kleine Bursche. «Senatoren wahrscheinlich.»

Da sagte einer von den Stiernackigen: «Es ist uns gleich, ob ihr hier schlaft, wenn ihr nur am Morgen verschwunden seid.»

«Verbindlichsten Dank», sagte der Mann mit dem Fell und lächelte. Alles lachte, und selbst ein paar von den Stiernackigen stimmten ein.

«Wir werden euch für die Nacht zu den Kühen sperren», sagte der Mann mit dem Fell.

«Von Rechts wegen sollten wir euch kaltmachen», sagte Crixus. «Wenn einer von euch zu fliehen versucht, wird er sofort erledigt.»

Die Männer wurden in den Kuhstall geschlossen und die eisernen Riegel davorgelegt. Zwei der Gäste blieben zur Bewachung zurück. Zwei andere wurden als Posten an den Außeneingang gestellt.

Die Mädchen machten sich daran, die Betten zu richten, und waren auf eine anstrengende Nacht gefasst.

Hundert kampanische Söldner marschierten über die Landstraße. Sie waren am Nachmittag ausgesandt worden, um die Flüchtlinge zurückzuholen, und vier Stunden lang hatten sie vergebens die kleinen Ortschaften und Seitenpfade durchstreift. Sie hatten Späher ausgeschickt, die nach einer Weile mit der Auskunft zurückkamen, dass hier und da Bauern und Feldhüter die entsprungene Horde gesichtet hätten. Aber keine von diesen Spuren hatte zu irgendeinem Ziel geführt; jeder hatte die Entlaufenen gesehen, aber niemand konnte sagen, wohin sie gegangen waren, und vielleicht wollten sie es auch nicht sagen.

Der Abteilung waren einige von Lentulus’ Sklaven beigegeben worden, die bei der Identifizierung behilflich sein sollten. Sie waren am aufgeregtesten, denn sie fühlten sich ihrem Herrn für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich. Den Söldnern war die ganze Sache ziemlich unangenehm. Sie sollten die Entflohenen möglichst lebend wieder einfangen – so war die freundliche Idee der Herren Stadträte in ihren Dampfbädern. Dafür gab es keine Belohnung, weder an Auszeichnungen noch an Kriegsruhm, und die Aussicht auf einen Ringkampf mit Gladiatoren war nicht gerade erfreulich. Jeder wusste, dass diese Leute kaum etwas anderes als Tiere waren, trainierte Raubtiere, und sie hatten überdies nichts zu verlieren. Doch abgesehen davon verfügten sie über so ungewöhnliche Waffen wie Netze, Lassos, Dreizacke und Wurfspieße, die alle Kampfregeln außer Geltung setzten.

Als es dämmerte, hielt der Zug bei einem Wirtshaus am sechsten Meilenstein an, kurz nach der Abzweigung des Weges, der nach Calatia führte. Es schien, als ob der Expedition kein Erfolg beschieden sein sollte, und den Soldaten war das recht. Die meisten waren ältere Leute, verarmte Handwerker und Händler, beschäftigungslose Arbeiter und verelendete Bauern. Sie hatten sich wegen der Aussicht auf tägliche Rationen, regelmäßigen Lohn und die Altersversorgung für die Hilfstruppen anwerben lassen. Im Aussehen glichen sie eher ländlichen Milizen als römischen Legionären.

Sie aßen und tranken.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang machten sie sich auf den Heimweg. Der Mond war nur eine Sichel, und es war sehr dunkel. Auf halbem Wege kam ihnen einer ihrer berittenen Späher entgegengesprengt, der einen atemlosen, hinkenden Mann mit sich führte. Er war böse zugerichtet; er sagte, dass er Fannius heiße und dass die Entlaufenen in sein Wirtshaus eingedrungen seien, die Diener getötet und ganz allgemein ein gräuliches Durcheinander angerichtet hätten. Jetzt schliefen sie bei seinen Mädchen, und wenn man das Haus umstelle, könne man sie ganz leicht fangen, wie Ratten in einer Falle. Danach erkundigte er sich, ob er eine Belohnung bekomme.

Die Soldaten hätten ihn am liebsten umgebracht. Sie waren verdammt müde und schwer vom Wein. Aber ihr Hauptmann hatte seinen Ehrgeiz, und so setzten sie ihren Marsch fort. Etwa eine Meile hinter der Weggabelung lag ein Gutshof. Die Knechte wurden geweckt, und die Abteilung erhielt Fackeln. Zwanzig Minuten später erreichte man das Wirtshaus des Fannius.

Das Gebäude schien ausgestorben und verlassen zu sein; die Fackeln rauchten. Nachdem man das Haus umzingelt hatte, klopfte der Hauptmann mit dem Griff seines Schwertes an die äußere Tür. Sie war sehr solide und aus hartem Holz. Es kam keine Antwort. «Vielleicht sind sie schon fort», sagte ein Soldat. Sie mussten sich dazu entschließen, die Tür aufzubrechen.

Zehn Männer wurden auf den Gutshof zurückgeschickt, um Äxte zu holen. Wieder verging die Zeit. Das Haus hatte nur zwei kleine Fenster, eins nach vorn und eins nach der Seite, von der aus man die Felder überblicken konnte, und beide lagen im Obergeschoss. Alle anderen Fenster sahen auf den Innenhof. Es half nichts, man musste auf die Äxte warten.

Die Söldner setzten sich nieder, einige schliefen ein. Sie warteten. Von Zeit zu Zeit ging einer an die Tür, klopfte und rief ein paar Scherzworte; innen jedoch blieb alles totenstill. Vielleicht waren sie wirklich fort. Das ganze Unternehmen erschien ihnen allen völlig sinnlos.

Nach etwa einer Stunde kamen die Äxte, und die Männer machten sich daran, die Tür einzuschlagen. Es war wirklich eine solide Tür. Als sie endlich nachgab, hörte man innen immer noch keinen Laut. Fannius sollte den Weg zeigen, doch er überließ die Führung lieber dem Hauptmann. Der Rest drängte nach. Sie gelangten in einen viereckigen Hof, der im Fackelschein seltsam gespenstisch wirkte. An jedem Fenster des Obergeschosses standen Gladiatoren und blickten herab.

Der Hauptmann – er hieß Mammius und war ein vielversprechender junger Mann – erhob seine Stimme zu unnötiger Lautstärke. «Macht keinen Unsinn!», brüllte er und wandte seinen Kopf nach allen Richtungen, denn er wusste nicht, an welches Fenster er sich wenden sollte. «Kommt herunter, jeder Widerstand ist zwecklos!» Als er geendet hatte, war es auf dem Hof so still wie zuvor.

«Zeige uns die Treppen», sagte der Hauptmann zu Fannius. Dieser wies auf das Küchengebäude. Der Hauptmann ging zur Treppe. «Geh lieber nach Haus», ertönte eine gleichmütige Stimme. Der Hauptmann hielt an.

«Wollt ihr nun freiwillig kommen oder nicht?», fragte er. Oben wurde gelacht.

«… und der alte Nicos ist auch dabei!», rief jemand aus einem der Fenster. «Überbringst du uns Grüße und Küsse unseres Herrn?» Nicos, ein alter Sklave des Lentulus, sah hinauf. «Seid keine Esel», sagte er, «kommt nach Haus. Der Herr ist sehr ärgerlich.»

Wieder wurde gelacht.

Die Söldner standen herum und starrten hinauf zu den Fenstern. «Wo ist Spartakus?», fragte Nicos und blickte suchend umher. Der Mann mit dem Tierfell lehnte sich aus einem Fenster auf der anderen Seite des Hofes und rief grinsend ein freundliches «Ave, Nicos!» herab.

«Kannst du ihnen keine Vernunft beibringen?», fragte ihn Nicos. «Du warst doch sonst verständiger.» Der mit dem Tierfell lächelte und gab keine Antwort.

Die Fackeln verbreiteten Rauch statt Licht. «Kommt ihr nun also oder nicht?», fragte der Hauptmann und ging wieder ein paar Schritte zur Treppe.

«Bleib, wo du bist, du geschälte Zwiebel!», bellte es aus einem Fenster über der Treppe. Der Hauptmann tat wieder ein paar Schritte voran. Dann kam etwas Formloses heruntergesaust, und der Hauptmann fand sich fluchend auf dem Boden wieder; seine Hände und Füße mühten sich vergeblich in dem Netz ab, das sich über ihm zusammenzog. Die Männer in den Fenstern brüllten vor Vergnügen.

«Zieht ihn rauf!», schrie einer, dessen Stimme lauter als die der Übrigen war. Der Hauptmann fluchte so fürchterlich, dass seine Stimme brach und sich überschlug. Einige Söldner näherten sich zögernd der Treppe in der Absicht, ihren Hauptmann zu befreien; der eine fiel gleich und schrie gellend, der andere hielt inne, und nun schien die Hölle los zu sein; Messer, Steine, Wurfspieße und ganze Möbelstücke kamen aus den Fenstern geflogen.

Die Soldaten warfen die Fackeln weg und rannten umher, ihre Schilde über die Köpfe haltend; aber die Schilde nützten ihnen nichts, denn die fürchterlichen Wurfgeschosse kamen von allen Seiten. Einige machten den Versuch, ihre Speere und Piken nach oben in die Fenster zu werfen, aber die Waffen fielen jedes Mal zurück. Die Fackeln rauchten und erloschen, und die vollständige Finsternis machte alles nur noch schlimmer. Am schlimmsten aber war das Gebrüll von oben. Die Soldaten versuchten, an den äußeren Torweg zu kommen, aber sie fanden die Tür verriegelt, und wer sich zu ihr vorwagte, wurde niedergestochen oder erhielt einen Keulenschlag. Dann stürmten die Gladiatoren die Treppen hinab in den Hof und drängten die Soldaten in eine Ecke. Über ihren Köpfen wurden neue Fackeln entzündet und aus den Fenstern gehalten, sodass sie ein wohlbeleuchtetes Ziel abgaben und keine Möglichkeit zur Verteidigung hatten. Die Stimme, die zuvor «Zieht ihn rauf!» gerufen hatte, wurde von Neuem vernehmlich: «Werft die Waffen weg!» Danach wurde es ruhiger.

Mehrere Soldaten legten ihr Schwert nieder und setzten sich auf den Boden, die anderen blieben stehen. Einer schrie, dass sie ihre Waffen behalten sollten. Darauf ging Crixus in die Mitte des Hofes und forderte den Mann auf, vorzutreten. Er rührte sich nicht. Crixus wiederholte seine Aufforderung: Mann gegen Mann zu kämpfen, sagte er, sei entschieden vernünftiger, als dass sich alle gegeneinander und durcheinander die Köpfe einschlügen. Die Soldaten fanden diesen Vorschlag gut und machten eine Gasse frei für den Mann, der gesagt hatte, sie sollten ihre Waffen behalten. Aber der rührte sich nicht. So legten sie alle ihre Waffen nieder und setzten sich in eine Ecke des Hofes.

Nachdem die Gladiatoren alle Waffen eingesammelt hatten, trugen sie diese die Treppe hinauf; sie machten Witze und waren in glänzender Laune. Die Toten und Verwundeten wurden in den Schuppen getragen; tot waren Fannius und auch der Hauptmann, der in seinem Netz niedergetrampelt worden war. Castus, der kleine Bursche mit dem wiegenden Gang, sagte, dass der Schuppen ihr Spoliarium sei; so hieß der Ort, an den die Leichen aus der Arena getragen wurden. Alles lachte. Sie holten die Knechte aus dem Kuhstall und stießen sie zu den Soldaten in die Ecke. Die Knechte machten dumme Gesichter, sie hatten in ihrem Stall das ganze Getöse mit angehört und es vorgezogen, zu bleiben, wo sie waren.

Jetzt kamen auch die Kellnerinnen wieder zum Vorschein, doch niemand beachtete sie. Die Gladiatoren standen im Kreis; einige von ihnen gingen nach oben, um weiterzuschlafen. Unter den Soldaten in der Ecke saß Nicos an die Wand gelehnt, er war schon alt. Der Mann mit dem Tierfell schritt über den Hof auf ihn zu.

«Ihr werdet ein böses Ende nehmen», sagte Nicos.

«Hör mal, Nicos», antwortete der Mann mit dem Fell langsam, «glaubst du, dass die Arena ein schönes Ende ist?»

Alles im Hof hörte zu.

«Dies ist alles gegen die Ordnung und das Gesetz», sagte Nicos. «Wohin soll das führen?»

«Zur Hölle mit der Ordnung und dem Gesetz!», rief Castus, der Kleine mit dem wiegenden Gang. Aber keiner lachte.

«Was wird der Herr sagen, wenn wir ohne euch zurückkommen?», fragte Nicos.

«Es ist noch gar nicht heraus, ob ihr überhaupt zurückkommt», gab Castus zur Antwort. Darauf waren sie alle still.

«Du könntest mit uns gehen, Nicos, das weißt du», sagte der Mann mit dem Tierfell.

«Ich bin nicht vierzig Jahre lang ein ehrlicher Diener gewesen, um als Wegelagerer und Meuchelmörder zu enden», erwiderte Nicos. Es hatte sich allmählich ein ganzer Kreis von Gladiatoren um ihn gebildet.

«Und was wollt ihr mit denen da machen?», fragte Nicos und wies mit dem Kinn auf die Soldaten, von denen sich jetzt mehrere auf dem Erdboden ausgestreckt hatten. Es waren fast alles ältere Leute.

Die Gladiatoren schwiegen. Sie standen in Gruppen zu dritt und viert und starrten auf die unbewaffneten Soldaten in ihrer Ecke. Einige davon schnarchten, andere saßen auf den Pflastersteinen und redeten.

«… wenn wir zurückkommen», sagte einer von den älteren Soldaten, «so werden wir alle entlassen, falls nicht Schlimmeres geschieht. Vielleicht kommen wir auch alle ans Kreuz.»

«Das geschähe euch recht», sagte einer der Gladiatoren.

«Warum?», fragte der Soldat.

Jetzt gesellten sich noch mehr Gladiatoren zu der Gruppe. «Die Frage ist die, ob ihr überhaupt zurückkommt», meinte Castus.

«Wollt ihr uns alle miteinander töten?», fragte ein anderer Soldat.

«Dich zuerst», antwortete der kleine Bursche, «du lausiger Sohn einer Hündin.»

«Sei still», sagte der mit dem Tierfell. Darauf schwieg Castus. Wie die anderen Gallier trug er eine kleine silberne Halskette.

Die Gladiatoren standen jetzt vor der Ecke der Soldaten auf einem Haufen und traten schweigend von einem Fuß auf den andern.

«Das Vernünftigste für alle wäre, wenn ihr mit uns zurückkämt», sagte Nicos.

«Denk erst nach, Nicos», erwiderte der Mann mit dem Tierfell bedächtig, «und dann rede.» Nicos sagte nichts darauf.

«Versetze dich einmal in unsere Lage, Nicos», nahm Oenomaus das Wort, ein junger Gladiator, der ziemlich schmächtig und scheu wirkte. «Stelle dir einmal vor, dass dir jemand einen Speer gibt und mir einen anderen, und dass er dann verlangt, wir sollen uns aufspießen, damit die andern ihren Spaß daran haben.»

«Ich habe den Beruf nie von dieser Seite aus gesehen», gab Nicos zu.

«Aber so steht es damit», versetzte der mit dem Tierfell, «denk nur darüber nach.» Nicos tat es und antwortete nicht.

«Hört mit dem Gewäsch auf», sagte Crixus, der verdrossen an der Wand lehnte.

«Was wollt ihr jetzt machen?», fragte Nicos. Die Gladiatoren schwiegen.

«Wir werden uns in den Senat wählen lassen», antwortete Castus. Niemand lachte.

«Lukanien ist voll von Hügeln und Wäldern», sagte Oenomaus und sah den Mann mit dem Tierfell schüchtern an.

«Die Welt ist groß», sagte der Mann mit dem Fell, «komm mit uns, Nicos.»

«Nach Lukanien?», fragte einer von den Soldaten, ein früherer Schafhirt mit breiten Backenknochen und gelben Pferdezähnen. «Wenn ihr dort vom Wege abkommt, können sie euch lange suchen …»

«… und ganze Herden von Wildpferden», sagte ein anderer Soldat, «und die Hirten in Lukanien sind alle Räuber. Ihre Herren zahlen ihnen keinen Lohn, so müssen sie nehmen, was sie kriegen können.»

«Es gibt dort auch Wild und Fische, soviel man haben will, die Bäche sind voll davon», sagte der Schafhirt, «ich würde ganz gern mit euch nach Lukanien gehen …»

«Ich auch», sagte der andere. «Der Sold reicht gerade nur für Polenta und Salat.»

«Sie werden euch alle aufhängen, das wird passieren», meinte Nicos. «Ihr habt ja nicht einmal einen Anführer.»

«Hört mit dem Gewäsch auf», sagte Crixus und kam von seiner Mauer herbei. «Wir wählen einen Anführer, und dann nichts wie weg.»

«Crixus wird noch Tribun!», rief ein Gladiator, und alles lachte.

«Nehmt ihr mich mit?», fragte der Schäfer.

«Man wird sie alle aufhängen», sagte ein alter Soldat.

Der Morgen dämmerte, und der Himmel über dem Hof färbte sich grau. Die Fackeln wurden ausgelöscht. Der Hof sah noch geräumiger und merkwürdig verändert aus.

«Ich möchte auch mitgehen», sagte einer der Knechte.

«Und was soll aus dem Wirtshaus werden?», fragte ein anderer.

«Vielleicht wollen sie uns alle wegen Fannius aufhängen», äußerte der Erste. «Oder sie stecken uns in die Bergwerke …»

Die Stiernackigen steckten die Köpfe zusammen und beratschlagten. Dann standen sie alle auf und gingen auf die Gladiatoren zu. «Zurück mit euch!», schrie Castus, der kleine Bursche.

«Wir würden alle mit euch gehen, wenn ihr uns mitnehmen wollt», sprach der Wortführer der Knechte.

Die Gladiatoren betrachteten sie voller Bedenken. «Wir würden euch aber keine Waffen geben», sagte Castus. Darauf berieten sich die Knechte aufs Neue.

«Sie sagen, dass schon Waffen da sein werden, wenn es nötig ist», sprach dann der Wortführer, «und dass der dort der Anführer sein soll.» Er wies auf Spartakus. Dieser sah ihn mit seinem ruhigen, aufmerksamen Blick an, wandte sich hierauf ab und grinste Crixus zu.

«Du bist hier der Dickste», sagte er. Crixus sah ihn trübe an. Das heiterte die Gladiatoren auf. Die Gallier wollten Crixus zum Anführer haben, alle anderen waren für Spartakus. Schließlich einigte man sich auf beide.

Wieder wurde alles still. Die Gladiatoren standen verlegen herum. Nun hatten sie also gewählte Befehlshaber. Die Knechte gingen in die Scheune, holten ein paar Keulen und Äxte herbei und verteilten sie unter sich. Dann stellten sie sich in einer Reihe an der Wand auf. Die Gladiatoren sahen schweigend zu. Nun ging der mit dem Fell hinüber zu der Soldatenecke. «Und was sollen wir mit euch machen?», fragte er.

«Nehmt uns mit», sagte der Schafhirt mit den Pferdezähnen. «Ich kenne die Wälder von Lukanien gut.»

«Wir haben keine Waffen für sie», widersprach Crixus. «Und außerdem sind sie zu alt.»

«Wer sagt denn, dass wir mitwollen?», fragte ein anderer Soldat. «Man wird euch fangen und aufhängen, alle zusammen.»

Die Soldaten zögerten und berieten untereinander. Der Hirt und ein paar andere traten vor.

«Wir werden dich mitnehmen», sagte Spartakus zu dem Schafhirten. Dieser tat einen Luftsprung und lief hinüber zu den Gladiatoren. Der ihm zunächst stehende Gladiator rückte ein wenig zur Seite.

«Was ist denn mit dir los?», fragte Crixus.

Der Hirte warf den Kopf in den Nacken und ging wieder zu den Knechten. Einer davon gab ihm einen Knüppel. Der Hirt zeigte seine Pferdezähne und zog den Knüppel prüfend durch die Luft.

Der mit dem Fell fragte die anderen Soldaten, die vorgetreten waren, nach ihrem Alter und früheren Beruf. Über jeden stimmten die Gladiatoren ab, über ein paar waren die Meinungen geteilt, und dann stritten sie eine Weile. Die ganze Angelegenheit war sehr komisch. Nur einige der jüngeren Soldaten wurden angenommen, sie traten zu den Stiernackigen an die Mauer und erhielten eine Keule, ein Schwert oder einen Dreizack. Die Abgewiesenen gingen zurück und setzten sich wieder auf die Pflastersteine.

Die Dämmerung gewann jetzt an Macht und färbte den Himmel rot. Das Marienglas in den Fensterrahmen begann zu funkeln. Crixus und der Mann mit dem Fell standen nebeneinander und lauschten dem Gewirr der erregten Stimmen.

Nach einer Weile wandte sich Crixus an den anderen: «Wenn wir beide uns jetzt davonmachten», sagte er und schnaubte hörbar, «so würden sie uns nie kriegen. Wir könnten nach Alexandria gehen. Es gibt eine Menge Frauen in Alexandria.»

Der Mann mit dem Tierfell sah ihn aufmerksam an: «Wir beide allein – das wäre sehr viel einfacher», sagte er.

«In Puteoli gibt es alle möglichen Leute», fuhr Crixus fort. «Wenn man Geld hat, fragt kein Kapitän nach den Papieren.»

«Nein», bestätigte Spartakus.

Crixus sah ihn schweigend an.

«Es geht nicht», sagte der mit dem Fell.

Crixus antwortete nicht.

«Vielleicht später», meinte Spartakus.

«Ja, später, wenn wir alle aufgehängt sind», sagte Crixus.

Der Mann mit dem Fell dachte eine Weile nach und betrachtete die Gladiatoren, die hin und her liefen und sich fertig machten. «Es geht nicht – jetzt nicht», sagte er. «Willst du allein gehen?», fragte er nach einer Pause und sah Crixus an. Dieser gab keine Antwort. Er ließ Spartakus stehen und ging zur Mauer hinüber. Die Gladiatoren beratschlagten lärmend, was zu tun sei. Sie waren jetzt alle sehr heiter.

Plötzlich sprang der im Tierfell auf den Tisch. Er hob seine Arme, als wollte er einen Baum fällen: «Wir gehen!», rief er, so laut er konnte. «Wir gehen nach Lukanien!» Er verzog das sommersprossige Gesicht zu einem Grinsen.

Die Gladiatoren schrien alle miteinander zustimmend auf und machten sich bereit. Die Knechte und die zum Mitgehen ausgesuchten Soldaten standen noch immer an der Mauer.

«Nun, wollt ihr kommen?», rief Spartakus zu ihnen hinüber.

«Wir haben Ja gesagt», antwortete ihr Wortführer ernst.

Die übrigen Soldaten saßen auf den Steinen und sahen zu, ein paar schliefen noch. Die Gladiatoren nahmen ihnen ihr Geld ab und alles, was sie noch an Dolchen oder Messern hatten. Einer widersetzte sich und starb deshalb, die anderen sahen zu. Es waren ältere Männer, die wussten, dass sie entweder entlassen oder in die Bergwerke geschickt würden.

Jetzt kamen die Frauen über den Hof gegangen; sie hatten alles von den Fenstern aus mit angesehen. Die schlanke Dunkle blieb vor Spartakus stehen, der polternd vom Tisch sprang. Die stiernackigen Knechte sahen sich in stummer Überraschung an, sie wunderten sich über diesen plötzlichen Wechsel von Nachdenklichkeit und schnellem Handeln. Aber ihnen gefiel auch diese jähe Heftigkeit.

«Und was nun?», fragte das Mädchen und hob ihr Gesicht zu Spartakus auf.

«Wir gehen nach Lukanien», antwortete er.

«Dann werden wir eine lustige Zeit in den Wäldern haben.»

«Eine sehr lustige Zeit», sagte der Mann mit dem Fell und lächelte ihr zu. «Man wird uns alle aufhängen.»

Er ging hinüber zu Nicos. «Kommst du mit uns, Nicos?», fragte er.

«Nein», antwortete Nicos. Er saß an die Mauer gelehnt und sah sehr alt aus.

«Lebe wohl, Vater!», sagte Spartakus.

«Lebe wohl!», sagte Nicos.

In ungeordnetem Haufen stießen und drängten sich die Gladiatoren durch den Torweg auf die Straße. Die Knechte und Soldaten marschierten hinter ihnen, den Schluss bildeten die drei Frauen.

Sie zählten jetzt über hundert.

Es war schon fast Tag.

2

DIE BANDITEN

Sie hatten nach Lukanien gehen wollen, doch als sie in die rauen, gebirgigen Gegenden kamen, wo es wenig Felder und nur geringe Beute gab, kehrten sie um. Denn das Land Kampanien, ein gelobtes, gesegnetes Land, gibt keinen Menschen wieder frei – nicht einmal einen Räuber. Es ist zugleich ein launisches Land; sein lockerer schwarzer Boden trägt dreimal im Jahr Frucht, und es bedeckt sich mit Rosen noch vor der Zeit des Säens. Der berauschende Duft seiner Gärten dringt ins Blut; auf dem Berge Vesuv wachsen Kräuter, deren Extrakt Jungfrauen in Bacchantinnen verwandelt. Im Frühling galoppieren die brünstigen Stuten die hohen Klippen hinauf, drehen den Rücken dem Meere zu und werden von dem glutheißen Wind trächtig.

Die Hölle hatte im Lande Kampanien ihren schönsten Vorhof errichtet. Die großen Teufel trugen Gewänder von schneeigem Weiß, in die prächtigsten Falten gelegt; die kleinen Teufel dienten ihnen in unterwürfiger Verehrung und träumten davon, wie sie die großen umbringen könnten. Ebenso alt wie seine Hügel war der Kampf um die Herrschaft über Kampanien, den Kornspeicher der römischen Legionen, den begehrtesten aller nationalen Reichtümer. Schon seit den Zeiten des Tiberius Gracchus hatten Patrioten versucht, das Land den reichen Grundbesitzern zu entreißen und es unter die Besitzlosen aufzuteilen; aber man hatte sie ertränkt, totgeschlagen oder gesteinigt, und die Wucherer und Spekulanten waren zurückgekehrt. Den Bauern und kleinen Pächtern wurde von der Aristokratie das Blut bis auf den letzten Tropfen ausgepresst, sie wurden hinausgedrängt und ihr Besitz aufgekauft. Es gab kein Entrinnen. An die Stelle der Bauern traten die großen Gutsbesitzer, und die frei geborenen Arbeiter wurden durch die Sklaven beiseitegedrängt, deren Masse jeder Krieg wieder neu auffüllte. Es gab kein Entrinnen. Die Banden der heruntergekommenen kampanischen Bauern durchstreiften das Land, ergaben sich der Räuberei und verbargen sich in den Bergen. Es gab kein Entrinnen.

Im Lande Kampanien gingen Gerüchte um.

Eine Räuberbande von noch nicht da gewesener Kühnheit überfiel Wirtshäuser und Schenken, plünderte die Reisenden aus, raubte ganze Wagenladungen von Gütern, brannte die schönen Landsitze nieder, stahl den Ochsen von der Krippe und den Zuchthengst aus dem Gestüt. Die Banditen waren überall und nirgends. Die eine Nacht kampierten sie vielleicht bei den Sümpfen des Clanius-Flusses, die nächste in den Wäldern der Verginia-Berge. Es wurden Soldaten gegen sie ausgesandt, eilig zusammengestellte Regimenter aus den kleineren Städten; aber die Soldaten desertierten oder schlossen sich den Banditen an. Deren Zahl wuchs Tag für Tag; sie verbreiteten Schrecken und erregten Bewunderung, denn sie achteten das Leben nicht und spotteten über den Tod.

Im Lande Karopaoien gingen Gerüchte um. Sklaven und Ackerknechte saßen zusammen und redeten von den Banditen, wenn die Sonne hoch am Himmel stand und die Dämonen des Mittags über die Felder schlichen und den schlafenden Aufsehern böse Träume eingaben. Die Räuber hatten zwei Anführer: einen dicken Gallier, der traurig aussah und grausam war, und einen Thraker mit leuchtenden Augen, der ein buntes Tierfell trug. Es war auch eine dunkle, schlanke Frau dabei, die noch wie ein Kind aussah, aber sie war eine thrakische Priesterin, die die Sterne deuten und Zukünftiges voraussagen konnte. Sie gehörte dem Mann mit dem Tierfell, aber sie schlief auch mit anderen und weckte in allen Männern die gleiche Leidenschaft.

Es waren auch keine gewöhnlichen Banditen, sondern Gladiatoren. Solche Banditen hatte es in Kampanien noch nie gegeben, denn Gladiatoren sind ja kaum als Menschen anzusehen, sondern dazu bestimmt, in der Arena zu sterben. Aber andererseits waren sie schließlich doch Menschen, und sie hatten recht, wenn sie nicht sterben wollten.

Sie schlachteten den Hirten heimlich die Schafe, rissen die Trauben in den Weingärten ab und nahmen für ihre Leute nur die besten Renner aus den Gestüten und für die Traglasten nur die ausdauerndsten Maultiere. Wo sie gewesen waren, wuchs kein Gras mehr, und kein Mädchen war so wie zuvor, und kein Fass blieb im Keller zurück. Wer ihnen Widerstand entgegensetzte, wurde erschlagen, und wer weglief, gefangen; aber wer sich ihnen auf Gnade und Ungnade auslieferte, wurde vielleicht von ihnen mitgenommen, und es gab sogar Leute, die darum baten. So war es mit diesen Gladiatoren.

Im Lande Karopaoien gingen Gerüchte und Geschichten um. Die Frauen erzählten sie beim Kühemelken und die älteren Männer, wenn sie des Nachts in ihren dumpfen Gewölben nicht schlafen konnten und dicht zusammenkrochen, um sich ihre Gedanken über das Vieh, das Wetter und den Tod mitzuteilen.

Im Lande Kampanien gingen Gerüchte um, grausige und rührende Geschichten. An einem Tage waren die Banditen hier und am nächsten dort, sie konnten überall und zu jeder Zeit auftauchen. Reisende wagten das Land nur noch unter bewaffnetem Schutz zu durchqueren, aber manchmal nützte auch das nichts. So hatte eine Dame, die nach Salernum reiste, Capua durch das Albanische Tor mit fünfzig numidischen Reitern und fünf Gepäckwagen verlassen; aber sie kam in Suessula ganz allein und splitternackt auf einem Eselskarren an.