Gladium 2: Die Cyborgdämonin - Inka Mareila - E-Book

Gladium 2: Die Cyborgdämonin E-Book

Inka Mareila

5,0

Beschreibung

Crystal ist Außenseiterin. Sie schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Allein in Basti findet sie einen Vertrauten und Freund. Nachdem sie ein Ritual auf einem verlassenen Friedhof beobachtet, trifft Crystal auf einen Dämon. Und ohne genau zu wissen, was sie da tut, bekämpft sie ihn und gewinnt, woraufhin einige seiner Körperteile mit verschmelzen. Es dauert nicht lange, da bekommt sie einen Brief von Alexander Xandom, der sie zu sich nach Manhattan einlädt, um ihn im Krieg gegen die Purples zu unterstützen. Crystal ist davon sofort begeistert, sieht sie so doch einen Ausweg aus ihrem Lebens-Dilemma. Im Flugzeug trifft sie Basti, der sich als Vertrauensmann Xandoms ausgibt. Doch er lügt. Basti ist ein Kollaborateur der Purples, und die haben vor, Crystal kybernetisch aufzuwerten und sie in ihren Dienst zu stellen. Als CYBORGDÄMONIN … Ein packendes GLADIUM-Abenteuer aus der Feder von Inka Mareila.

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Seitenzahl: 165

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GLADIUM

Die Science-Fiction Serie von Markus Kastenholz

Band 2: Die Cyborgdämonin

von Inka Mareila

Inhaltsverzeichnis
Gladium 2
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Epilog

© 2015 Amrûn Verlag

Jürgen Eglseer, Traunstein

Umschlaggestaltung: Jürgen EglseerCoverbild: Christian PickLektorat/Überarbeitung: Markus Kastenholz

Alle Rechte vorbehalten

ISBN – 978-3-95869-245-9

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar

Cassandras Rätsel

Die Kleine sucht die Nacht und das Schwarze,

ist weder gewöhnlich, noch schwach.

Vergeblich, ihre Suche nach sich selbst.

Sie kann nicht erahnen, wozu sie imstande ist.

Ein Vertrauter wird zum Erschaffer,

erweckt eine Kreatur,

woraus sie neu entsteht.

Schatten verschmilzt mit Kristall.

Ein Mädchen, welches einst blass und krank,

wird auf dem Friedhof

zum Geschöpf der Rettung

oder des Untergangs.

Ein Kampf beginnt, in ihrem Inneren,

und um ihre Person.

Die Wahrheit zu finden ist ihr Weg.

Die Leidenschaft des Guten bedeutet ihren Schutz,

doch das Böse krallt sich gierig an den Kristall.

Auf welcher Seite sie steht,

ob sie den Tod oder das Leben wählt,

bestimmt jener, dem sie sich unterwirft.

KAPITEL 1 – CRYSTALS NACHRICHT

Der hagere junge Mann blickte starr in die Seiten eines Tagebuchs. Er las hektisch. Es waren nur die letzten Blätter, die er aus den vielen Berichten erwählt hatte, doch diese waren von äußerster Wichtigkeit. Das hatte er sofort erkannt. Denn ohne diese Zeilen hätte Basti nicht den geringsten Anhaltspunkt gehabt, seine Freundin aufzuspüren.

Der Zeitdruck raubte ihm fast den Verstand, der junge Mann wirkte ungewohnt hektisch. Doch es half alles nichts, er musste sich konzentrieren, so schwer es ihm auch fiel. Jede verpasste Information konnte ihn weitere Zeit kosten. Die Folgen waren nicht abzusehen.

Er durfte nichts übersehen!

Um ihn herum lagerten schwarze Kissen auf einem ebenso finsteren Sofa. Allein der Staub auf den wenigen dunkeln Möbeln hob sich von dem durchgehenden Schwarz ab. Selbst die Wände waren vollständig dem Gruftilook angepasst worden, und lediglich einige wenige Tücher durchbrachen die sture Tristesse. Sie brachten mit den weißen Pentagrammen darauf vor allem ein wenig Abwechslung in diesen muffigen Raum.

Ein Schrank, ein kleiner, klappriger Holzstuhl, ein viereckiger Beistelltisch, der einem Erwachsenen gerade einmal bis unter die Knie reichte und eben dieses Sofa – alles in schwarz.

Basti passte perfekt in dieses Bild.

An seinem hautengen Hemd zeichnete sich jede Rippe ab, der dunkle Kajal unterstrich seine grünen Augen, und an seiner Röhrenjeans bestätigten Löcher, Zeichnungen und Spuren von Ruß und Dreck, dass er zu denjenigen Gothics zählte, die lediglich eine einzige Kluft besaßen.

Basti hatte nichts außer seiner »Höhle«, dem Ort, an dem sich jene trafen, die derselben Lebensphilosophie folgten wie er.

Es gab Nächte wie diese, in denen war hier so gut wie nichts los. Da diente die Höhle lediglich einigen Handvoll betrunkener Goths zum Ausschlafen ihres Rauschs. Aber gelegentlich fanden hier auch finstere Partys mit Drogen- und Alkoholexzessen statt. Die waren ebenso häufig wie Schlägereien und das endlose Herumphilosophieren, das sich ständig im Kreis drehte.

Basti begrüßte die momentane Ruhe und dass er von keinem angesprochen wurde. Um genau zu sein, er wusste nicht einmal, ob er gerade alleine war – er hatte noch keine Zeit gehabt, sich umzusehen. Sogar ein schlichtes »Hallo« in die Höhle zu rufen, war ihm in seiner augenblicklichen Verfassung zu viel gewesen. Sein Interesse richtete sich einzig und allein auf den letzten Bericht in diesem Tagebuch.

Die alte Ikea-Lampe, die auf der Sofalehne wackelte, spendete ihm genug Licht, um die Buchstaben zu identifizieren, und mit eisiger, konzentrierter Miene studierte er jedes der Worte, das Crystal niedergeschrieben hatte.

***

»Ich habe jetzt noch genau vier Stunden Zeit, dann geht mein Flug nach New York. Ich muss also noch ´ne Weile warten, ehe ich von hier verschwinde. Deswegen nutze ich die Zeit zum Schreiben. Ich hoffe, du hast den ganzen Müll der vorangehenden Seiten nur überflogen, das ist bloß ziemlich hohles Zeugs. Gefühlsduselei, unwichtig. Ich habe keine Ahnung, wer mein Tagebuch findet, aber wenigstens kann ich mir sicher sein, dass es jemand ist, der die Nacht liebt, denn keinen anderen verschlägt es hierher in die »Höhle«. Es ist nun einmal so, dass ich ausschließlich zu den Goths jemals Vertrauen fassen konnte.

Am liebsten wäre mir, du wärst es, Basti: Mein Kumpel, den ich seit einigen Tagen vermisse. Aber wenn nicht, dann hoffe ich, dass es jetzt eine andere gute Seele in den Händen hält und vielleicht bereit ist zu helfen.

Es geht um sehr viel!

Es geht um alles!

***

Doch um alles darzulegen, muss ich ganz von vorne beginnen:

Kennst du die Schmetterlingskrankheit? Epidermolysis bullosa? Oder die Mondscheinkinder, deren Krankheit als Xeroderma pigmentosum bekannt ist?

Ich will dir beide kurz erklären, das hat seinen Grund:

Bei der Schmetterlingskrankheit ist die Haut eines Erkrankten so empfindlich, fast wie ein Schmetterlingsflügel. Du darfst diesen Menschen nicht berühren, ansonsten würdest du ihn verletzten. Die Haut würde einfach aufplatzen. Und bei der Mondscheinkrankheit verhält es sich so, dass die Haut Schäden durch UV-Licht nicht heilen kann. Diese Menschen müssen das Sonnenlicht meiden, ansonsten würden sie innerhalb weniger Jahre an Krebs sterben. Ganz schön krass, was?

Das war nur die grobe Kurzfassung, aber alles andere würde dich langweilen. Sicher fragst du dich, was das mit mir zu tun hat?

Nun, ich habe eine Mischform dieser beiden Krankheiten. Ich bezeichne diese Laune der Natur als »Nachtfalter­anomalie«, denn eigentlich gibt es dafür noch keine genaue Bezeichnung. Allein deshalb bin ich einzigartig. Ich bilde zwar keine Hauttumore, zum Glück nicht, aber sobald mich das Sonnenlicht berührt, blättert Minuten später meine Haut ab, wie Pergament. Zurück bleiben rote, brennende Hautstellen, die stark nässen und nicht vollständig abheilen können. Natürlich sind hässliche Narben das Resultat, und die möchte ich natürlich vermeiden. Ein bisschen eitel bin ich nämlich auch, wer ist das nicht?

Bis vor kurzem behalf ich mir mit einigen Cremes und einer calciumreichen Ernährung. Ich schlief tagsüber, um in der Nacht zu leben und all das zu tun, was man so tut. Außer in der Sonne zu liegen, natürlich. Das war nicht schön, aber es war okay. Was blieb mir anderes übrig? Zur Not verwendete ich auch UV-abweisende Folien, und ich hatte sogar einen Anzug, mit dem ich mich tagsüber heraus wagen konnte. Wenn es wirklich nicht anders ging.

Ich fand es nicht weiter schlimm, so zu sein, denn ich hatte mich ja, zwangsläufig von Geburt an, daran gewöhnt. Ich kannte es nur so, und auch die kalte Nacht kann schön sein. War also alles im grünen Bereich.

Mittlerweile jedoch hat sich so viel verändert, dass ich selbst vor dem Tageslicht keine Angst mehr haben muss – wenn auch nur bedingt. Generell bevorzuge ich aber, nach wie vor, die Dunkelheit. Die Macht der Gewohnheit …

***

Nolens volens war ich durch meine genetische Absonderlichkeit in die Gothic-Szene gerutscht.

War wohl der Reiz des schönen Schwarzen, obwohl ich da eine Ausnahme innerhalb meiner Clique bildete. Deren innere Einstellung zu Weltschmerz, (Todes-)Sehnsucht, Düster­romantik und Interesse an Mystischem und Okkultem teile ich nämlich nicht. Das sind mir einfach zu viele Klischees. Ich hebe mich sogar äußerlich von ihnen ab, weil ich Visual-Kei mit Gothic vermische. Visual-Kei ist eine asiatische Bewegung und erinnert ein wenig an einen düsteren Anime-Style. Ich kombiniere dazu unterschiedliche modische Elemente wie Gothic und Punk, aber auch stilisierte Schuluniformen und Fantasiekostüme.

Mir gefällt es, aber dadurch nahm mich bis dato keiner so richtig ernst, ich war immer das Küken hier in der Höhle, das man belächelte. Ich hatte dadurch aber auch sozusagen »Welpenschutz« und konnte mir mehr erlauben als die anderen. Was ich natürlich nie ganz ausreizte. Ich wollte nicht riskieren, dass die Stimmung mir gegenüber umschlug. Außerdem genoss ich das Behütet-Sein in vollen Zügen und passte mich halbwegs an. Klar, ich musste noch mehr als genug Angst haben vor schrägen Vögeln, die sich dort rumtrieben und die unter regelmäßigem Kontrollverlust litten. Aber ich wurde nie im Stich gelassen, wenn ich Hilfe brauchte.

Hier, an diesem Ort, wo du das Buch gefunden hast, stehen sich alle gegenseitig bei, und im Großen und Ganzen darf man sich sicher fühlen.

Und schön war es auch, dass sich keiner meiner Freunde, die du vielleicht schon kennengelernt hast, je vor meiner »Pelle« geekelt haben, wenn ich doch nicht verhindern und mal UV-Licht abbekommen hatte.

Bisher habe ich mich immer gefragt, warum es gerade mich erwischt hat. Denn obwohl ich zu der Schwarzen Szene gehörte, bin ich eigentlich kein depressiver Mensch, sondern eher fröhlich. Von meiner Art her eher unauffällig und … ja, manche behaupten sogar: richtig höflich.

Ich würde selbst die Sonne lieben, wenn sie mich nicht umbringen könnte.

Basti, mein Kumpel, hing immer mit mir rum. Auch wenn ich ihn verloren habe, wie es scheint, gehe ich davon aus, dass er noch lebt. Er ist gleich alt, auch 21, hat keinen Job – genau wie ich – und meistens gammelten wir hier in der »Höhle« ab, einer Stammkneipe, in der ausschließlich die Gothics regieren.

Wenn du das Buch in den Händen hältst, heiße ich dich herzlich willkommen und erkläre dir, wenn du magst, deine Umgebung ein bisschen. Hier gibt es kleine Zimmer. Viele Räume, die mit Sofas ausgestattet sind. In manchen Zimmern geraten die Leute ins Vögeln. Klar, ist besser, als im Freien. Doch Basti und ich nutzten diesen Ort, um einfach gemeinsam zu entspannen. Wir zogen uns Gras oder Alk rein und laberten. Grufti-Musik begleitete unsere Quatschorgien, und erst wenn die Sonne aufging, pennten wir weg. Das war mein Leben. Komplett öde, eintönig und ohne Reize, die mich wach machten. Mir sozusagen in den Hintern traten, damit ich ihn endlich bewegte. Es war langweilig.

Eltern?

Nein, die habe ich nicht, brauche ich auch nicht. Ich bin bei meiner Oma groß geworden, aber die war mit meiner Krankheit total überfordert. Meine Mum war ein Junkie, die wollte mich nicht haben. Ich war wohl kein Kind der Liebe, sondern eine schnelle Nummer irgendwo. Ein Unfall. Sie hat mich dann Oma gegeben. War wohl besser so.

Meinen Vater habe ich zwar vor fünf Tagen kennengelernt, aber wenige Stunden nach unserem Treffen war er tot. Ich musste alles mit ansehen. Mehr will ich dazu nicht schreiben.

Der Tod meines Vaters ist ein Kapitel, das ich verdrängen muss, damit es nicht ganz so schmerzt. Tut trotzdem verdammt weh, ist alles noch viel zu frisch. Er war nun einmal mein Vater, jedenfalls biologisch. Egal.

Wichtig für dich zu wissen ist nur, dass ich seinen Tod rächen werde.

Bis ich 13 war, hab ich bei Oma gewohnt, dann bin ich abgehauen. Ich hab sie nicht mehr ausgehalten, wie sie versucht hat, mich wegen meiner Krankheit wie in Watte einzupacken. Und wahrscheinlich hat sie mich auch nicht mehr ausgehalten. Passiert eben …

Basti hatte ich dann auf der Straße kennengelernt. Er hat mich davon abgehalten, in meiner Not anschaffen zu gehen. Hat mich in die Höhle gebracht, und dort lebte ich acht Jahre vor mich hin. Bis heute. Denn mein altes Leben ist definitiv vorbei. Doch auch dazu später.

Die Höhle ist also so was wie ein Dauerhotel für gestrandete Grufties. Gleichzeitig eine Kneipe sowie Treffpunkt für alle, die Schwarz über alle Maßen lieben. Seitdem ich diese Höhle als mein Zuhause erkannte, war ich mir sicher, dass das mein Leben ist – und auch bleibt. Ich bin ja praktisch dafür geboren worden eine »Fledermaus« zu sein, wie wir hier zu den Nachtmenschen sagen.

Ist voll okay gewesen. Aber jetzt nicht mehr.

Basti und ich hatten eigentlich keine Probleme, außer dass manche aus unserer Clique des Öfteren austickten. Damit warne ich dich gleich mal vorsichtshalber, denn viele hier versuchen manchmal, Blut zu saugen. Als wären sie Vampire. Oberpeinlich! Pass‘ also auf dich auf.

Basti und ich hatten uns deswegen mit Fliegenklatschen ausgestattet, die wir täglich mit Knoblauch einrieben. (Du findest diese Abwehrinstrumente im Schrank, im obersten Fach. Würde ich dir empfehlen.) Wann immer uns die Irren zu nahe kamen, haben wir ihnen eine geklatscht. Das war sowas von bescheuert … Basti und ich haben uns danach halb kaputt gelacht.

Die meisten der Höhlenbewohner sind gescheiterte Existenzen. Also: Pass bloß auf dein Geld auf! Und du solltest dich nicht so genau umschauen. Wie es da aussieht – echt übel! Naja, wahrscheinlich hast du dich schon umgesehen.

An den Geruch konnte ich mich gewöhnen, aber nicht an die Unordnung. Die Höhle liegt ja in einem uralten Gewölbekeller eines verlassenen Restaurants. War einst ‘ne ur-deutsche Küche mit eigener Metzgerei, direkt daneben. Der Standort war allerdings deren Genickbruch, war einfach zu weit ab vom Schuss. Das Gebäude steht vor ´nem kleinen Wald, daneben befindet sich der alte Friedhof. Der ist »Fledermaus-Revier«. Wie gesagt: Praktisch am Arsch der Welt. Kein Wunder, dass die pleite gemacht haben.

Tja, die Besitzer der Höhle gingen Bankrott, und einen Monat später machten sich die »Schneevisagen« – wie ich sie nenne – darin breit.

Wenn man die Kellerstufen neben dem ehemaligen Restaurant herunterläuft, befindet man sich schon im Eingangsbereich. Die klapprige Holztür schützt kaum mehr vor Kälte oder Eindringlingen, aber wer will hier schon rein, der nicht zur Szene gehört? Bisher gab‘s noch keinen, der freiwillig eintreten wollte, ohne dazuzugehören. Abgesehen natürlich von den sturzbesoffenen Obdachlosen, die sich gelegentlich hierher verirren. Jedenfalls besteht diese kleine Gruftikneipe auch aus einem größeren Bereich, in dem die Saufgelage oder kleine Liveauftritte von schrägen Bands stattfinden. Bands, die eher abschrecken als Anhänger heranzuziehen. Die Clique sagt immer:

»Unsere Höhlenmucke ersetzt die besten Wachhunde. Gruftimusik wirkt nachhaltig.«

Vielleicht hast du schon mitbekommen: Dem großen Vorzimmer schließt sich ein schmaler Flur an, von dem rechts und links Durchgänge abgehen, die allein von Vorhängen geschützt werden. Welchen Raum du benutzt, bestimmst du. Aber nur wenn du einen ausgibst und wenigstens für eine ganze Nacht lang dafür sorgst, dass der »Sprit« in Strömen fließt. Dann gehörst du zu den durchaus beliebten Schleimern. Die werden hier »Vampisser« genannt. Ansonsten, wenn du nicht die Kohle für Alk hast, werden dir die Leute schon sagen, wo du nächtigen darfst.

Das WC empfehle ich niemandem, da geht auch keiner mehr drauf. Weder zum Wichsen, zum Fixen und erst recht nicht zum Kacken. Wir haben unseren edlen Abort neben dem Restaurant in einer wackligen Latrine. Sehr altmodisch, aber da sorgt die frische Luft zuverlässig dafür, dass keiner wegen des Geruchs das Kotzen kriegt. Das passt schon.

Nachts ziehen die Leute gerne über den Friedhof. Im Suff fallen immer blöde Sprüche, ich meine, das kennt man ja: Kaum hat man ein bisschen was intus, lacht man über jeden Scheiß. Und die Grabsteine bieten Gesprächsstoff. Immerhin verwesen hier in Münster edle Herrschaften. Hab schon viel gelernt, seitdem ich hier bin.

Da liegen zum Beispiel Alexander Heimbürger, der war Zauberkünstler. Friedrich Wilhelm Grimme, Schriftsteller und Heimatdichter. Freiherr Ernst Friedrich Wilhelm von Bülow, der war Kommandierender General des VII. Armee-Korps, Marcus Krüsmann, ein Jurist und Politiker, bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten Bürgermeister der Stadt Limburg an der Lahn.

Heinrich Brüning, Reichskanzler von 1930 bis 1932, Willi Henkelmann, der war ein berühmter Motorradrennfahrer. Außerdem Maria Euthymia, die wurde am 7. Oktober 2001 in Rom von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Moondog, mein Lieblingstoter, war US-amerikanischer Komponist, und Blinky Palermo ein bekannter Maler.

Faszinierend ist, wenn man, wie Basti, viel über die Typen sagen kann. Manchmal zündeten wir Kerzen an, stellten sie auf ein Grab, und dann erzählte Basti über denjenigen, der dort begraben lag. War meist echt lustig, oft aber auch gruselig. Je nachdem, was meinem Kumpel eben so einfiel. Nicht alles von dem war wahr, er mischte gern sein fundiertes Wissen mit seiner ausgefallenen Phantasie. Wenn er dann ‘ne Story zu Ende hatte, begannen wir mit einer kleinen Gedenkfeier. Wir beteten für den Toten und baten darum, dass seine Seele uns beschützen möge und all so ein Zeugs.

War aber mehr Gaudi als ernst gemeint, obwohl manche echt an so was glauben.

(Übrigens: An deiner Stelle würde ich mich von allen fern halten, die sich selbst als »Medium« bezeichnen und meinen, sie könnten mit ihren Ahnen Kontakt aufnehmen. Keiner, der hier herumrennt und so etwas von sich behauptet, tickt normal, sondern zählt eher zu den Psychos.)

Solch irre Zeremonien dauerten dann immer so anderthalb Stunden. Die Reste unserer Spirituosen gossen wir dann aufs Grab, die Jungs pinkelten noch drauf, und die Grablichter ließen wir natürlich stehen.

Diese kleinen roten Lichter überall, die liebe ich einfach. Sie erinnern mich an Irrlichter, wenn sie in der Ferne zittern, und am schönsten war es hier, wenn Nebelschwaden über den Friedhof waberten. Ich war ja sehr oft dort, da machte mir diese Stimmung keine Angst mehr, ich hab mich dran gewöhnt. Du darfst nicht vergessen: Ohne meine Krankheit wäre ich ein ganz normale junge Frau, jedenfalls bis zu dieser einen Nacht …

Danach änderte sich alles.

Ich kann nicht leugnen, dass ich ein gewöhnliches Leben meinem aktuellen vorgezogen hätte! Ich würde alles dafür geben wenn ich normale Eltern, ein herrlich spießiges Heim, gute Noten, eine Ausbildung und nicht zuletzt Gesundheit vorweisen könnte. Aber bei mir war und ist eben alles anders. Ist immer so. Man wünscht sich immer das, was man nicht hat.

Ich finde mein Leben keineswegs schön, wobei ich meine Krankheit außen vor lasse, denn es geht jetzt allein um meine Lebensart und das, was ich erst vor wenigen Tagen erfahren musste.

Seither machen mich Gedanken an meine Zukunft ganz kirre! Außerdem weiß ich, dass es der Gesellschaft egal ist, was mit mir passiert, die wissen nicht mal, dass es mich gibt.

Die wissen nicht einmal, in welcher Gefahr die Erde schwebt!

Bisher befand ich mich im Graben der Gesellschaft, war Abschaum und nichts, was ich tat, war wirklich sinnvoll. Stattdessen schlug ich die Zeit tot. Wäre es dir egal, wenn plötzlich so ein schwarzer Typ mit Sense an der Tür klingelt und dir dann entgegen haucht, dass er der leibhaftige TOD ist und er dich morgen holen wird. Nein?

»Mir schon!«, hätte ich vor wenigen Tagen noch leichtfertig geantwortet. Mir wäre es echt wurscht gewesen, wenn ich gewusst hätte, dass morgen alles vorbei ist. Ich hatte keine Angst davor zu sterben. Kein bisschen! Wofür lebte ich denn überhaupt? Siehste! Kein Ziel – kein Grund, weiter zu leben.

Solange ich noch was zu lachen hatte, war es auch okay. Aber wie ich ja schon mehrmals angedeutet habe: Es hat sich etwas Grundlegendes verändert, und das ist so abgefahren, dass ich keinen Plan habe, ob ich das halbwegs plausibel rüberbringen kann. So, dass du es verstehst.

Vor allem: Würdest du mir helfen, wenn du das erfährst, was ich weiß?

Ach so, ich heiße übrigens Crystal. Sorry, dass ich das jetzt erst schreibe, hab ich ganz vergessen.

Komischer Name, nicht wahr? Aber den hat mir meine bescheuerte Mutter gegeben. Die hat mich im Crystal-Rausch (Crystal ist auch die Bezeichnung für Metamfetamin) zur Welt gepresst, und prompt bekam ich den Namen. Na toll! Zum Glück hat sie mich nicht während des Kackens bekommen …

Ist eigentlich ´ne coole Droge. Die unterdrückt Müdigkeit, Hungergefühl und Schmerz. Crystal Meth verleiht kurzzeitig Selbstvertrauen, ein Gefühl der Stärke und gibt dem Leben eine ungewohnte Geschwindigkeit. Aber natürlich nicht nur Positives, auch Persönlichkeitsveränderungen, Psychosen und nicht zuletzt Paranoia aufgrund von Schlafentzug. Das ist leider weniger schön.

Vor allem: Wenn du dich einmal dran gewöhnt hast, willst du immer mehr. Wie bei Drogen halt üblich … Und das geht ins Geld. Ich war mal abhängig, deswegen wollte ich »arbeiten«, um meine Sucht zu finanzieren. Da ich nur nachts rausgehen konnte, war es logisch, auf den Straßenstrich zu gehen. Hab ich aber dann doch nicht gemacht. Dank Basti!

Was meine Mutter angeht, die hat bestimmt mit ihrem Drogenkonsum viel in meiner Genetik verpfuscht. Letztendlich schiebe ich es ihr in die Schuhe, dass ich so »unnormal« zu Welt kam. Zum Glück sieht mir das auf den ersten Blick niemand an.