Glaube, Führer, Hoffnung - Susanne Wiborg - E-Book

Glaube, Führer, Hoffnung E-Book

Susanne Wiborg

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Beschreibung

Stettin, Frühjahr 1945. Krieg und Euphorie, Liebe und Tod: Clara S. gehört zu den wenigen Frauen, die in der pommerschen Hauptstadt zurückgeblieben sind. Während die Rote Armee auf der anderen Oderseite steht, glaubt die Vierundzwanzigjährige endlich gefunden zu haben, was sie immer gesucht hat: das wahre, das »heroische« Leben – und die große Liebe noch dazu. In ihrer Götterdämmerungs-Euphorie verfasst die junge BDM-Führerin ein einzigartiges Zeitdokument: ein Bündel Briefe, die überdauern, nachdem sie selbst Anfang Mai 1945 auf Rügen verschwindet. Rügen, Frühjahr 2015: Warum die Spuren einer verschollenen Tante suchen, deren Ende einen zum Blick in Abgründe zwingt, die eigentlich niemand mehr ausloten möchte? Können wir damit nicht endlich abschließen? Nein, denn Susanne und Jan Peter Wiborg suchen hier eben nicht eine Tante, sondern einen Prototyp, den fremden, scheinbar fernen Schatten, das »da war doch mal was, damals …« in fast jeder deutschen Familie. Hier ist es die weibliche Seite des Fanatismus: ein intelligentes Mädchen, das ursprünglich nur ein wenig mehr wollte als die in Hinterpommern vorgezeichnete Frauenrolle. Was hat sie zur ebenso naiven wie bis in den Tod gläubigen Hitler-Anhängerin gemacht?

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Seitenzahl: 429

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Susanne Wiborg/Jan Peter Wiborg

GLAUBEFÜHRERHOFFNUNG

DER UNTERGANGDER CLARA S.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

____________________

»Der Frühling so schön. Der Krieg so nah. Alles Leben gesteigert«

»Schreie der Mädchen, dann Schüsse – und dann war alles still«

1893–1920: Schwarz-weiß-rotes Vorspiel: »Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?«

1920–1929: »Alles Schöne in unserer Kindheit«

1930–1932: »Die Sehnsucht – und die bleibt nun für immer«

1933–1938: »…und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!«

1939: Zweifelsfall

1939–1943: »Immer zwischen Traum und Sein«

1944: Penthesilea

1944: »Muster arischer Schönheit«

Stettin, Januar 1945: »Bring Mutti und die Kinder raus – schnell!«

Stettin, Februar 1945: Vorsehung

Stettin, März 1945: »… den Brand würf ich hinein mit eigner Hand«

Stettin, März 1945: »Das Herz ist nicht bei mir«

Stettin, März 1945: »Es ist ein toller Krieg!«

Epilog: April 1945

2000: Verlorene Geschichte?

Februar–Mai 1945: Das Kinderbataillon

Anfang Mai 1945: »Es ist alles aus«: Sassnitz

Einschub: Der Mann zum Sterben

3. Mai 1945: Der Tag der Entscheidung

Mai 2011: Herthasee

Mai 1945: »Einen russischen General ausschalten«: Werwolf

2012: Und wieder Rügen: »Undine«

Das Gesicht des Dritten Reiches: Wer war Paul Simon?

»Nicht aber wanke in dir selber mehr«: Verblendung als Lebensmotto

 

Danksagung

Literatur (in Auszügen)

»DER FRÖHLING SO SCHÖN.DER KRIEG SO NAH.ALLES LEBEN GESTEIGERT«

____________________

»LIEBSTE MUTTI, es ist fast komisch, daß es Ostern wird, auch im Jahr des Unheils 1945. Zwar ist der Brückenkopf, der uns sicherte, nun weg. Aber dennoch wird es noch eine Weile dauern. Die Front hier ist erst mobil, wenn Danzig fällt. Das ist noch unsere Gnadenfrist. Es ist bitterschwer, was auf uns zukommt. Sieg oder tot! Wir schaffen es ja zuletzt doch noch. Unser Leben ist im Augenblick derart schön, daß Du es nicht glauben wirst und Dir auch nicht vorstellen kannst. Der Frühling so schön. Der Krieg so nah. Alles Leben gesteigert.«

Stettin 1945. Liebe und Tod, Krieg und Euphorie: Clara S., die am 29. März, einem strahlend sonnigen, ruhigen Gründonnerstag, diese Zeilen schreibt, gehört zu den wenigen Frauen, die in der pommerschen Hauptstadt zurückgeblieben sind. Stettin ist de facto aufgegeben. Die Rote Armee wartet auf der anderen Oderseite, direkt am Stadtrand. Der letzte Akt der braunen Götterdämmerung steht bevor. Ausgerechnet jetzt und ausgerechnet hier glaubt die junge Frau, endlich doch noch gefunden zu haben, was sie immer gesucht hat: das bedeutende, das heroische, das eigentliche Leben – und die große Liebe dazu. In ihrer Euphorie verfasst sie ein einzigartiges Zeitdokument: ein Bündel Briefe, die sie überdauern werden. Fünf Wochen später ist sie spurlos verschwunden.

Rügen 2015. Ende einer langen Suche. Licht und Schatten, Betonreste und Nadelbäume: die Überreste einer geheimnisvollen alten Militäranlage tief im Wald, in unmittelbarer Nähe der berühmten Kreidefelsen. Ging hier Claras Weg zu Ende? Eine bis an die Zähne bewaffnete Gruppe SS habe sich hierher zurückgezogen, heißt es, angeführt von Pommerns stellvertretendem Gauleiter. Mit ihnen Clara? Von einer rätselhaften Schießerei ist später die Rede, von den schrecklichen Schreien junger Frauen, von mehreren Toten. Was suchten sie, was suchte Clara ausgerechnet hier, weitab der Flüchtlingsströme, verborgen im tiefen Wald? Wie kam sie überhaupt in diese Gesellschaft? Es war ein Rätsel – wie so vieles an ihr ein Rätsel war.

Sie hat mich niemals angesehen. In der Wohnküche meiner Großmutter, gleich neben der Kuckucksuhr, hing das Rötelporträt eines Mädchens im Halbprofil. Die Haare zum strengen Knoten zurückgenommen, den Mund zu einem kleinen Lächeln verzogen, sah sie einfach über uns hinweg. Sie war mir unheimlich. Ihre Unerreichbarkeit irritierte mich dermaßen, dass ich immer wieder versuchte, wenigstens einmal diesen entfernten Blick einzufangen. Doch egal, aus welchem Winkel ich das Bild auch anstarrte: Sie blickte weiter in eine Ferne, die nur sie kannte, und ich stand allein da mit all meiner kindlichen Neugier. Mal wieder.

»Das ist unsere Clara«, lautete die knappe Auskunft, »deine Tante. Die haben die Russen umgebracht. Im Krieg. Vor zwanzig Jahren. Und nun frag nicht weiter, du machst Oma traurig.« Zwanzig Jahre waren eine abstrakte Ewigkeit, zweieinhalbmal meine eigene Lebenszeit. Unvorstellbar. Was »der Krieg« bedeutete, war mir dafür längst umso klarer: ein endloses, für uns Kinder lähmend langweiliges Gesprächsthema, sobald sich mehr als zwei Erwachsene trafen. Und »die Russen«, auch das wusste ich längst, waren der Inbegriff alles Unheimlichen und Bedrohlichen. Sie hatten »uns« aus einem Paradies namens Pommern vertrieben. Das Mädchen auf der Rötelzeichnung war dabei einfach verschwunden. Warum die Russen das getan hatten, konnte meine Großmutter mir allerdings nicht erklären. Das war wieder »der Krieg«, und damit musste ich mich zufriedengeben. Weiter fragen ging nicht: Dann wurde Oma traurig, und ich war schuld daran.

So sind wir aufgewachsen als Kinder der Sechzigerjahre, als die Kinder der Kriegskinder. In einem Wirtschaftswunder, errichtet über so vielen so wackelig überbrückten Abgründen, dass selbst wir sie deutlich spüren konnten. Doch niemand sprach darüber, jedenfalls nicht mit uns. Wir blieben immer die, die viel zu jung waren, um den Krieg noch miterlebt zu haben, aber doch zu alt, um nicht noch indirekt von ihm geprägt zu werden. Er lauerte ständig irgendwo, kam in den banalsten Alltagssituationen unverhofft zum Vorschein. Unserem Volksschulrektor fehlte ein Bein: »der Krieg«. Der grantige Schulhausmeister, so wurde geflüstert, habe seine geistig behinderte Tochter jahrelang im Keller versteckt, »damit sie nicht abgeholt wird«. Der Krieg. Unser Vater liebte es, Heldengeschichten aus der Hitlerjugend zu erzählen, die ein einziger fantastischer Abenteuerspielplatz gewesen sein musste. Den obligaten Hinweis »da wurden wir so schrecklich verführt« fanden wir in diesem Zusammenhang eher seltsam – wozu denn bitte, wenn das alles doch so viel Spaß machte? Die Antwort, vorhersehbar: »Zum Krieg.«

Unsere Großmutter mütterlicherseits hatte »der Krieg« an die Wesermündung verschlagen, in einen eilig für Flüchtlinge hochgezogenen Wohnblock abseits der Stadt, direkt hinter dem Gaswerk. Auf der blank polierten Anrichte reihte sich Foto an Foto, die säuberlich aufgereihten Grabsteine einer Großfamilie, die es nicht mehr gab: Da war Max, unser Großvater, dick und mit Spiegelglatze am Teetisch sitzend. Tot, gestorben an einem Herzschaden »aus dem Krieg«. Dann »Onkel Günter«, jung, blond und in Uniform. Tot, »im Krieg«. Ein hübscher Junge mit auffallend lieben Augen: »Onkel Norbert«. Tot. Siebzehnjährig an einem durch Nachkriegs-Typhus verursachten Herzschaden gestorben. Und dann eben »Tante Clara«, ebenfalls blond, in einem Blumenkleid, auf dem Foto genauso abwesend in die Ferne blickend wie auf der Zeichnung. Tot. Der Krieg. Die Russen.

Dass unsere Großmutter Elise einmal eine auffallend schöne Frau gewesen sein musste, sah man ihr immer noch an. Sie hatte die siebzig überschritten, aber ihr Gesicht war so glatt, dass sie ihr Lächeln wie eine Maske tragen konnte, die all das verbarg, worüber sie nicht sprechen wollte. Dafür schrie sie nachts im Schlaf. Für uns war das in Ordnung: Wir kannten Oma nicht anders, und die ewige Doppelbödigkeit gehörte zum Alltag. Auch in dem Landstädtchen bei Hannover, in dem wir aufwuchsen, war schließlich Ungesagtes überall. Ein abfälliges »das sind Flüchtlinge« hier, ein bedeutungsschweres »die haben ihr Geschäft auch vom Juden« dort, ein schneller Themenwechsel, sobald wir zuhörten. Eine Erklärung nie. Der »Judenfriedhof« am Waldrand, abgelegen, voller wunderschöner Steine mit rätselhaften Zeichen. Die letzten stammten aus dem Jahr 1938, waren also erst ungefähr dreißig Jahre alt – doch angeblich hatte im ganzen Ort niemand eine Ahnung, was es mit diesem Platz auf sich hatte, oder wo die geblieben waren, deren Familien hier lagen – ganz allein und höchstens von uns Kindern beim Indianerspielen besucht.

Das Gymnasium passte in diesen Rahmen. Im nahen Hannover demonstrierten die Achtundsechziger, von unseren Lehrern »Langhaarige« oder »Gammler« genannt, von uns heimlich bewundert, weil sie aussprachen, was wir Jüngeren nur vage fühlten: etwas stimmte nicht in diesem Land. In unserer Schule wurde der Geist der muffigsten Fünfziger, genau genommen also der Dreißiger, wie unter einer Käseglocke konserviert. Kein Wunder, denn diese ehemalige Privatschule war eine berufliche Wiederaufbereitungsanlage, in der allzu viele der Lehrer Unterschlupf gefunden hatten, die nach 1945 entweder zu braun oder zu unqualifiziert für den Staatsdienst gewesen waren.

Entsprechend war der Unterricht. Als das Dritte Reich im Lehrplan überhaupt nicht mehr zu umgehen war, mussten wir Schüler es per Referat abhandeln. Auf Fragen gab es da nicht nur die gewohnte Nicht-Antwort. Es ging gleich einen deutlichen Schritt weiter. Uns wurde noch jedes Fragerecht abgesprochen: »Man kann über überhaupt nichts reden, wenn man nicht dabei gewesen ist«, lautete das Motto. Sehr gerne nahm ich auch die apodiktische Auskunft eines Pädagogen zur Kenntnis, den ich mit dreizehn Jahren ehrlich verblüfft fragte, ob diese Nürnberger Rassegesetze tatsächlich ernst gemeint gewesen seien. »Du bist genau die Richtige, um hier solche Sprüche zu machen«, lautete die Antwort. »So groß und blond wie du bist, wärst du doch ohnehin dabei gewesen.«

Das Mädchen an der Wand war zu dieser Zeit schon vergessen. Erfahren hatten wir wenig über unsere verschwundene Tante, kaum mehr als den Namen, Herta Clara Marie. Sie war Funktionärin im Bund Deutscher Mädel gewesen und keine fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Verschollen bei Kriegsende. Sie war fern, sie blieb fern, und sie wurde für mich bald ebenso belanglos wie die pommersche Vergangenheit meiner Familie. Ich vergaß beides. Bis ich, an der Wende zum 21. Jahrhundert, einen Stapel zerbröselnder Briefe auf grauem Feldpostpapier erbte. Clara, die junge Frau auf der Rötelskizze, hatte sie zwischen Mitte Januar und Ende März 1945 aus der »Festung Stettin« an ihre Mutter geschrieben – letzte Lebenszeichen aus einer unvorstellbaren Welt.

Da war plötzlich alles wieder da. Doch diesmal war es buchstäblich greifbar, gebannt in diese schwungvollen, steilen Zeilen: der Wahnsinn, der Abgrund, die nie beantworteten Fragen. Diese Fragen um derentwegen mein Bruder und ich unabhängig voneinander Geschichte studiert hatten: Wie war es möglich, dass wir geerbt hatten, was wir nun einmal geerbt haben? Wie konnte ein Kulturvolk dermaßen dem kollektiven Wahn verfallen? Und dann, für uns beinahe noch unverständlicher: Wie konnten die Beteiligten auf den Trümmern Europas einfach so weitermachen und uns, ihren Kindern und Enkeln gegenüber tun, als sei da nichts Gravierendes gewesen? Was war das nur für eine unheimliche, unerreichbare Generation, was für ein scharfkantiger Bruch in der Kontinuität der Erinnerungen? Warum gerade sie? Und dahinter stand das, was man sich kaum fragen mochte: Und wir selbst? Ihre Kinder und Enkel? Unterschied uns eigentlich irgendetwas von ihnen? Was hätten wir wohl getan – damals …?

Ich hatte es, wie die meisten meiner Generation, längst geschafft, halbwegs meinen Frieden damit zu machen, dass es auf manche Fragen eben keine Antworten gibt. Dass man nicht alles, was man als Tatsache zu akzeptieren hat, auch verstehen muss. Es gab Abgründe, in die ich nicht mehr ratlos blicken wollte. Wozu auch? Clara war eine Fremde. Eine, die im Frühjahr 1945 aus dem belagerten Stettin Zeilen schreiben konnte wie diese: »Und als wir neulich unbeleuchtet wegen Feindeinsicht die Uferstraße entlangfuhren, was meinst Du Muttilein, wir haben gesungen, und nun hatten unsere Lieder erst ihren eigentlichen Wert. Es war eine prächtige Stimmung, Frühling, Dämmerung, Hilde und der Gebietsführer im Wagen und drüben hörten wir Iwan krakeelen und fuhren mit entsicherter Maschinenpistole. Aber er tut uns nichts, und das Wasser ist ja breit genug. Wenn nicht irgendwo eine Schweinerei passiert, wird er nun hier und bei uns gehalten. Es ist ein toller Krieg.«

Eine erschreckende Fanatikerin – wo sollte es da noch Berührungspunkte geben? So war es eine abwehrende, eher abschließende Neugier, mit der ich nach den Briefen auch noch ein braun-rosa eingebundenes Heftchen mit ihrer großen, flüssigen Schrift durchblätterte. Es enthielt, für ihre Mutter aufgeschrieben, Claras Erinnerungen an den gefallenen Bruder. Den nannte sie da nicht etwa bei seinem Namen. Sie nannte ihn »der Junge«. Plötzlich kribbelte es mir im Nacken, als habe mich über Jahrzehnte hinweg jemand unverhofft angefasst: Das kannte ich, und zwar so gut, dass ich es plötzlich wieder hören konnte. »Der Junge«, ausgesprochen wie eine hohe Auszeichnung, wie ein Ehren- oder Adelstitel – so hatte meine Großmutter meinen jüngeren Bruder genannt.

Meine Großmutter – das verstand ich erst in diesem Moment wirklich – war die »liebste Mutti« aus Claras Briefen gewesen. Elise, an deren Rollenvorstellungen Jahrzehnte, Kriege und Weltenwechsel nicht das Geringste geändert hatten. Nie hatte sie die Werte der Kaiserzeit, aus der sie stammte, angezweifelt. Ihren Enkeln gegenüber nicht, also bestimmt erst recht nicht gegenüber ihrer ältesten Tochter, die ja nur zwei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg geboren war. Ich konnte mir auf einmal nur zu gut vorstellen, was die sich hatte anhören müssen. Ein Wiedererkennen wie ein ärgerlicher Stich, ein erster, winziger Moment von Verständnis für Clara, ja, beinahe von Verbundenheit. Die Erinnerung daran, wie rigoros Elise da mit mir selbst umgegangen war. Ihre sicher gut gemeinte, aber so schmerzhaft ungerechte Forderung an eine ältere Schwester, nur ja immer hinter »dem Brüderchen«, »dem Jungen« zurückzustehen, »damit deine lieben Eltern Freude haben«.

Noch Jahrzehnte später, beim Lesen dieser zwei Worte, »der Junge«, konnte ich mich auf einmal wieder an diesen heftig aufflackernden kindlichen Zorn erinnern, den ich eigentlich längst vergessen hatte. Wie ist das wohl, wenn ein solcher Druck nicht von einer Großmutter auf Besuch ausgeht und von der Familie achselzuckend unter »Omas Marotten« abgehakt werden kann? Wie ist es, wenn so etwas Alltag ist? Ständig und überall? Wenn es irgendwelcher Zwänge nicht bedarf, weil der gesellschaftliche Konsens in diesem Punkt so völlig eindeutig ist? Kurz: Wenn man eines von Millionen Mädchen ist, denen es ganz genauso geht?

Zu Claras Zeit war die Ungerechtigkeit offiziell keine, sondern die grundlegende Lebensregel: Jungen zuerst. Wenn sie trotzdem eifersüchtig auf all das war, was ihr nicht zustand – und wie brennend sie das gewesen war, sprang einen aus ihren hinterlassenen Zeilen geradezu an –, wo hatte sie eigentlich diese Wut gelassen, die damals nicht sein durfte, am wenigsten in ihrer Familie? Hatte genau dieser brennende Wunsch nach Gleichberechtigung zu ihren Hauptantrieben gehört? Es schien absurd angesichts all dessen, was ich bisher über das Frauenbild des Nationalsozialismus gelernt hatte, und doch: Hat sie etwa den BDM als Ausweg gesehen, als ihre einzige Möglichkeit, wenigstens einigen Zwängen zu entkommen?

Durch bloßen Terror hätte das Dritte Reich nie so erfolgreich funktionieren können, wie es eben funktioniert hat: mit großer allgemeiner Zustimmung – mit einer Zustimmung, die zu unserem eigenen, so schwer anzunehmenden Erbe gehört. Die Frage lautet also eher: Wie mag es wohl gewesen sein, Teil eines ganz normalen Wahnsinns zu sein? Nicht, wie die Erwachsenen in einer Diktatur, vielleicht durch Angst diszipliniert, sondern als Kind dieser Jahre, dieses Systems, so aufgewachsen und geprägt, dass das Aberwitzige einfach Normalität ist?

So gesehen war klar: Mit der jungen Clara stand uns nicht etwa die nächste irgendwo ausgegrabene »braune Tante« gegenüber – für uns vielleicht interessant, für andere aber belanglos. Im Gegenteil: Sie ist ein Prototyp. Eine ganz normale Jugendliche, die eben nur intelligent genug war, um mehr zu wollen. Da lag ihr Problem. »Ich will etwas aus mir machen«, hatte Claras Motto gelautet. Einen Ausweg hatte sie gesucht, einen Lebenssinn jenseits der vorgezeichneten Frauenrolle. Gleichberechtigung, Bildung, eine kleine Karriere, und vielleicht, als größten Traum, sogar ein Hochschulstudium. Es ist die makabre Ironie ihres Schicksals, dass ihr diese legitimen Wünsche nur ein illegitimes System zu erfüllen scheint.

Ein System, in das sie vollendet gepasst zu haben scheint: Clara wurde schon damals als Verkörperung des Zeitgeistes gesehen. Die rätselhafte Rötelskizze, so hieß es in der Familie, sei die Vorstudie eines Gemäldes gewesen: Clara sei in ihrer BDM-Dienststelle entdeckt und ausersehen worden, als »Muster arischer Schönheit« die Reichskanzlei zu zieren. Entsprechend dankbar und mit religiöser Inbrunst hat sich die junge Frau denen verschrieben, die sie derart förderten. Sogar im Frühjahr 1945 zweifelt sie nicht, sondern ist dankbar, dass sie als Frau dabei sein darf: »Es gibt angesichts dieses Umbruchs und Abgrunds nur das Leben, seine Schönheit und Fülle, und auf der anderen Seite das Sterben – ohne Schrecken und Angst. Höher kann kein Mensch leben als wir. Und dankbar bin ich dem Geschick, das auch uns – Frauen – dieses Dasein erlaubt.«

Fünf Wochen später ist Clara verschwunden. Was von ihr bleibt, sind einige Inneneinsichten, wie sie so kaum überliefert sind. Das kurze Leben der ebenso fanatischen wie naiven Bannmädelführerin von Stettin spiegelt wie in einem Prisma die totalitären Prägungen, die aberwitzigen Träume und die trügerischen Ideale, die Clara mit fast einer ganzen Generation geteilt hat. Die Überlebenden dieser Generation haben sich nach 1945 weiterentwickelt – und diesen Abschnitt ihres Lebens fest weggepackt. Die Nazis, das waren immer die anderen. In Wahrheit ist Clara prototypisch. In nahezu jeder deutschen Familie gibt es diese verschwiegenen Ecken, diese »Da war doch was, damals – aber was genau, weiß ich nicht«-Gedächtnislücken.

Sie hat es selbst gesagt: »Es ist schwierig und sicher bestehen meine Worte nicht vor der Zensur, denn ich kann ja nicht anders, als aus der Zeit heraus zu schreiben und zu denken.« Bietet uns also am Ende ausgerechnet die uns unbekannte Tante einen Teil der Antworten, die wir immer vergeblich gesucht haben? Kann Clara erklären, wie es so weit kommen konnte? Die Banalität eines Bösen, das für sie wie für Millionen um sie herum das Gute war? Vielleicht kann sie es tatsächlich, weil sie sozusagen mitten im Satz unterbrochen wurde. Die wenigen Zeitzeuginnen, die viel später ihre Erinnerungen veröffentlichten, konnten einordnen, relativieren, redigieren, aus dem Rückblick sehen und auch verfälschen. Sie kann das nicht. Ihre wenigen schriftlichen Zeugnisse sind authentisch, eine unzensierte Momentaufnahme. Zeitstimmung, erstarrt wie ein Insekt im Bernstein. Die Chance, irgendwann ebenso über ihre Nazi-Jugend hinwegzuwachsen wie der größte Teil ihrer Generation, hat Clara sich mit ihrem inbrünstigen Glauben genommen.

Ihr fehlten die Umgebung und das Urteilsvermögen einer Sophie Scholl, die sich ursprünglich ebenso naiv begeistert wie die gleichaltrige Clara dem BDM und dem »großen Aufbau« verschrieben hatte, sich aber aus den Fängen der Ideologie lösen konnte. Claras kleine Geschichte mitten in der »großen« erwies sich als zeittypischer, als wir es je vermutet hätten. Wie in einem Prisma spiegeln Claras letzte Wochen, was eigentlich vergessen werden sollte: das Panorama eines Untergangs. Über Claras Briefe aus Stettin wurden wir auf das Schicksal von Kindersoldaten aufmerksam, die 1945 nur noch starben, um als Privatarmee den persönlichen Rückzug der pommerschen Partei- und HJ-Führung zu decken. Die Letzten von ihnen wurden vor dem militärisch aufgegebenen Stralsund in den Tod geschickt, damit sich die braunen Herren noch über den Rügendamm absetzen konnten – ein Verbrechen, das nie gesühnt, nie auch nur diskutiert wurde, weil es im größeren Schrecken versank. Über Clara stießen wir auf Fanatiker, die noch Anfang Mai 1945 als »Werwölfe« für den Endsieg kämpfen wollten. Sie brachte uns aber ebenso auf die Spur von Frauen, die es um dieselbe Zeit mit erstaunlicher Courage wagten, in Sassnitz auf Rügen offen für ein Kriegsende zu demonstrieren, trotz der Todesstrafe, die auf solchen »Defätismus« stand.

Einige Akteure in Claras Schicksal erwiesen sich als Staatsverbrecher, deren Massenmorde kaum auch nur für eine Randnotiz im finsteren »Who’s who?« des Dritten Reiches ausgereicht haben – ganz einfach weil das, was sie getan hatten, in Deutschland in der Menge der Mörder und der Masse der Gräueltaten schlicht und einfach unterging. Nach 1945 interessierte es kaum noch jemanden. Pommerland war praktischerweise abgebrannt, die alten Kameraden blieben auch weiterhin bestens vernetzt, und die Zeitströmung kam ihnen entgegen. Vertriebenen-Nostalgie stand in der Bundesrepublik weit höher im Kurs als ein nüchterner Blick auf Ursache und Wirkung des großen Verlustes. Sich mit den Verbrechen der pommerschen Gauleitung auseinanderzusetzen hätte bedeutet, den bequemen kollektiven Opferstatus aufzugeben – einzugestehen, dass das verlorene Land eben nicht erst 1945, sondern schon 1933 untergegangen war.

»SCHREIE DER MÄDCHEN, DANN SCHÜSSE – UND DANN WAR ALLES STILL«

____________________

CLARA WAR MIT VIERUNDZWANZIG gestorben. Wie genau war sie umgekommen? Diese erste Frage, mit der wir ihr Schicksal sozusagen von hinten aufrollen wollten, schien ausnahmsweise kein Rätsel zu sein. In dem Bündel Briefe, das unsere Großmutter hinterlassen hatte, gab es ein Schreiben vom November 1947. »Wenn ich ehrlich sein soll«, schrieb da eine junge Frau, die Clara gekannt hatte und die letzten Kriegstage auf Rügen gewesen war, »habe ich schon immer mit Bangen auf einen Brief von Ihnen gewartet. Und nun ist er da, und ich hätte schon längst antworten müssen. Seien Sie mir deshalb nicht böse, aber wenn man nichts Gutes weiß, dann kann man sich so schwer zur Antwort aufraffen. Sie möchten nun gern etwas über Ihre Clara wissen, und ich kann Ihnen nicht viel und nichts Genaueres sagen.«

Clara, das wenigstens erfuhr die Familie nun, sei bis zum Schluss mit dem NS-Funktionär zusammengeblieben, der ihr in der »Festung Stettin« die Liebe ihres Lebens bedeutet hatte. Diesem viel älteren Geliebten, dem Kreisleiter von Deutsch-Krone, sei sie nach Rügen gefolgt. Dort hätten sich die beiden Anfang Mai dem stellvertretenden pommerschen Gauleiter Paul Simon und dessen Sekretärin und Geliebter, einer jungen Frau in Claras Alter, angeschlossen. »Sie lebten dort in Höhlen«. »Eines Abends oder nachts« habe ein junger SS-Mann aus der Höhle, in der diese vier Personen sich aufhielten, Schreie der Mädchen, dann Schüsse gehört, »… und dann war alles still.« Der Ohrenzeuge sei, ohne nachzusehen, panisch geflüchtet, weil er annahm, »die Russen hätten die Höhle entdeckt und alle erschossen«.

Später kam noch der Brief einer Freundin, die Rügen mit einem der letzten Schiffe verlassen hatte: Clara hätte sich leicht mit den anderen Kolleginnen in Sicherheit bringen können, habe sich jedoch strikt geweigert, ihre große Liebe zu verlassen. Glücklich habe sie in diesen letzten Tagen gewirkt, so entrückt verliebt, dass sie von keinem Drängen mehr zu erreichen war. Die ersten Pommerntreffen nach dem Krieg brachten noch ein letztes Mosaiksteinchen: die »Höhlen«, in denen die Russen die Gruppe getötet hätten, hätten am Herthasee gelegen, im dichten Wald der Stubnitz, in der Nähe des Königsstuhls. Clara, »die Russen« und Rügen gingen gemeinsam als das gruselige Ungesagte in die Familiengeschichte ein. Um zwei Historikern, meinem Bruder und mir, Jahrzehnte später eine eindrucksvolle Lektion zu erteilen: Trau niemals solchen Überlieferungen!

Denn daran, dass es die Rote Armee gewesen war, die die Gruppe kurz vor Kriegsende erschossen hatte, zweifelte nie jemand. »Die Russen« standen bei all denen, die ihren Rachefeldzug erlebt hatten, nun einmal für den Inbegriff von Angst und Schrecken. »Das kann man nicht abschütteln«, sagte unsere Mutter, Claras jüngste Schwester, die bei Kriegsende elf Jahre alt gewesen war, »niemals. Zu uns Kindern waren sie immer sehr nett, sehr herzlich, aber wir haben natürlich gespürt, wie sehr die Erwachsenen sich vor ihnen fürchteten. Manche Soldaten nahmen uns Kleine gern auf den Schoß, schenkten uns Essen, sangen uns vor und versuchten, uns von ihren eigenen Kindern zu erzählen. Aber dabei tranken sie, und wir mussten mittrinken. Rübenschnaps, und Mutti hatte solche Angst. Wir auch, denn wir spürten ja, dass die Stimmung jederzeit umschlagen konnte. Dass man nie sicher war. Du kannst dir einfach nicht vorstellen, wie entsetzlich das war.«

Ein bisschen konnte ich das schon: Obwohl unsere Mutter die Ursachen ihrer Heimatlosigkeit sehr realistisch beurteilte, reichte allein das Wort »die Russen« aus, dass mir vor Angst der Magen kribbelte – ein Grauen, das auch ohne Worte weitergegeben worden war. Und – das ging mir viel später auf – es muss genau dieselbe Angst gewesen sein, mit der eine ganze Generation anderer europäischer Kinder bei dem Wort »die Deutschen« aufwuchs.

Russische Schüsse in den Höhlen am Herthasee – mit diesem Wissen starb unsere Großmutter, und später auch unsere Mutter. Als die überlebende Schwester Christel Ende der Neunzigerjahre nach Rügen zu reisen begann, hatte sie ebenfalls keinerlei Zweifel an dieser Geschichte. Claras Grab, davon gingen wir alle aus, sollte vor Ort leicht zu finden sein. Es gab nur zwei Friedhöfe, die da infrage kamen, größere Kriegsgräberstätten bei Sassnitz. Die Russen hätten, so hieß es, die Toten des Kriegsendes penibel zusammentragen und beerdigen lassen, Bestattungen außerhalb von Friedhöfen habe es nicht gegeben. Jedoch: In den Friedhofs- und Standesamtsregistern vom April/Mai 1945 fand sich keine einzige junge Frau mit Schussverletzungen. Mehr noch: Dort war überhaupt keine Frau verzeichnet, auf die Alter und Beschreibung Claras auch nur annähernd gepasst hätten.

Dazu kam: Am Herthasee gab es keine Höhlen. Zwar erzählte der alte Superintendent von Bergen, »da oben am Herthasee« habe es »Unterstände« gegeben, da seien »die« hingegangen, und ja, da sei bei Kriegsende auch »was gewesen«. Nur: Genaueres wusste er nicht. Eine konkretere Spur stammte von einer Frau, die in der Stubbenkammer aufgewachsen war: ein Teil des Waldgebiets sei im Dritten Reich militärisches Sperrgebiet gewesen. Es sei immer reichlich SS dagewesen, und es habe auch eine Militäranlage mit einer Torbaracke gegeben. Vielleicht wären die Schüsse da gefallen?

Nur, und das erwies sich als der springende Punkt: Auf Rügen war 1945 gar nicht mehr gekämpft, also auch nicht geschossen worden. Die Insel wurde kampflos übergeben, und zwar am Morgen des 5. Mai. Was für Claras Tod erst einmal gar nichts bedeuten musste: Auf eine Gruppe Fanatiker, die Widerstand leistete, wäre ganz sicher sofort geschossen worden. Bevor nämlich die Rote Armee die großen Wälder der Stubnitz, am äußersten nördlichen Ende Rügens, betrat, waren die Soldaten vor versprengten, kampfentschlossenen SS-Einheiten gewarnt worden, sicher entsprechend nervös und garantiert nicht bereit, so kurz vor Kriegsende noch irgendwelche Risiken einzugehen.

Aber die Geschichte, die uns über 40 Jahre lang so logisch und sicher erschienen war, wackelte plötzlich. Christel nahm noch einmal Kontakt zu der Briefschreiberin von 1947 auf. Wie bei vielen, die diese traumatischen Tage durchlebt hatten, waren sie auch dieser alten Dame präzise ins Gedächtnis eingebrannt. Sie erinnerte sich ganz exakt: Sie selbst hatte den Sassnitzer Hafen früh am 4. Mai verlassen, mit einem Schiffskonvoi, zunächst an Bord der maroden, vom Eisbrecher »Stettin« geschleppten Eisenbahnfähre »Versailles«. Weil die den Dienst versagte, waren die Flüchtlinge später an Bord eines größeren Dampfers umgeladen worden, auf dem auch Gauleiter Franz Schwede-Coburg floh. An Bord dieses Schiffes, auf der Reede vor Kopenhagen, hatte ihr der Ohrenzeuge von der Schießerei in den »Höhlen« berichtet, vor der er geflohen war.

Wichtig war hier das Auslaufdatum der »Versailles«, denn anhand dessen war es ganz einfach nachzurechnen: Um vier Uhr früh am Morgen des 4. Mai war die »Versailles« voll beladen gewesen, gegen 6.40 Uhr verließ sie im Schleppzug den Sassnitzer Hafen. Der Ohrenzeuge der Schießerei hatte dieses Schiff noch erreicht, muss also allerspätestens gegen sechs in Sassnitz gewesen sein. Vom Herthasee zum Sassnitzer Hafen sind es etwa acht Kilometer Kopfsteinstraße. Ein Fußweg durch den Wald wäre zwar kürzer, aber im Dunkeln für Ortsfremde wohl kaum zu finden. Die Schießerei in der Höhle musste also spätestens irgendwann in der vorhergehenden Nacht stattgefunden haben – und das war der Abend des 3. Mai 1945.

Rügen aber wurde erst am 5. Mai um 3.20 Uhr früh für »geräumt« erklärt. Die letzten deutschen Schiffe verließen Sassnitz erst nach sieben Uhr früh. Die Vorhut der Roten Armee erreichte die Stadt sogar erst gegen Mittag dieses Tages. Bis die großen Wälder durchkämmt und die Küste dahinter besetzt waren, dauerte es noch einmal drei Tage länger. Das konnte nur eines bedeuten: »Die Russen« hatten ein buchstäblich todsicheres Alibi: Sie kamen als Schützen nicht infrage, weil sie überhaupt noch nicht vor Ort gewesen sein konnten, als die Schüsse fielen. Clara musste tot gewesen sein, bevor der erste Rotarmist seinen Fuß auf die Insel setzte.

Auch das hätte noch nicht allzu viel am Kern der Sache geändert. Massensuizide, bevor der Feind eintraf, waren in dieser Endzeit an der Tagesordnung. Hatten also die Männer im Götterdämmerungswahn irgendwo in diesem riesigen Wald, dicht am sagenumwobenen Herthasee, im gegenseitigen Einvernehmen erst ihre Geliebten erschossen, dann sich selbst? Das schien jetzt naheliegend. Es schien zu den Fakten zu passen und den Fall wieder so abzuschließen, wie er uns vorher abgeschlossen erschienen war. Aber nun ließ es mir keine Ruhe mehr: Irgendetwas, irgendetwas, das ich inzwischen gelesen hatte, passte nicht in dieses Bild.

Im Brief war ein damals noch sehr frischer Eindruck wiedergegeben: »Eines Tages oder eines Abends war K. in seiner Höhle und hörte nebenan aus der Höhle, in der sich die anderen vier Personen befanden, Schreie der Mädchen, dann Schüsse und dann war alles still. K. nahm daraufhin an, dass die Russen die Höhle entdeckt und alle erschossen haben. Er ist dann geflüchtet.«

Das war es: Die Reihenfolge stimmte nicht. Ebenso wenig wie die ganze Szene. Erst die Schreie der Mädchen, dann die Schüsse? Und vor allem: eine Schießerei, die sich für den Ohrenzeugen, immerhin einen kriegserfahrenen jungen SS-Mann, so sehr nach einem feindlichen Überfall anhörte, dass er floh, ohne sich auch nur einmal nach den Kameraden umzusehen? Umso merkwürdiger, als eine kleine Gruppe in dieser Lage total aufeinander angewiesen gewesen war. Ein vereinbarter Suizid wäre kein Grund gewesen, derart in Panik zu geraten. Kurz darauf auf dem Schiff eine Lüge zu erzählen wäre erst recht nicht nötig gewesen: Einmal hätte der junge Mann ja einfach schweigen können, zum anderen war so etwas in diesen Tagen der beinahe selbstverständliche und auf keinen Fall ehrenrührige letzte Ausweg.

Aber diese Schilderung klang beim besten Willen nicht nach Einvernehmen. Mehr noch: Wir wussten inzwischen, dass die Gruppe über reichlich Giftkapseln verfügt hatte. Schüsse wären also nicht einmal nötig gewesen, geschweige denn von so entsetzlichen Schreien der Frauen begleitete Schüsse, dass ein Ohrenzeuge sich nichts anderes als einen feindlichen Überfall vorstellen konnte und buchstäblich blind wegrannte. An diesem Punkt – seltsames Gefühl, aber eben keine Fakten – wären wir wohl für immer stehen geblieben, wäre da nicht der erste dieser vielen verrückten Zufälle ins Spiel gekommen, die sich so häuften, dass wir sie, mangels einer besseren Erklärung, »Claras Vorsehung« nannten. Für eine andere Recherche kaufte ich mir das Buch »Schiffsschicksale Ostsee 1945« – fand darin genau die Geschichte, die ich seit meiner Kindheit kannte: »Während sich der Gauleiter von Pommern, Schwede-Coburg, unerkannt auf einem Schiff nach Westen absetzte, blieb sein Stellvertreter Simon und der Kreisleiter von Deutsch-Krone mit einer kleinen Gruppe von SS-Angehörigen freiwillig auf Rügen zurück. Diese Gruppe begab sich in die Wälder der Stubnitz und richtete sich in der Nachrichtenstelle in der Nähe des Herthasees ein. Hier spürten sie sowjetische Soldaten auf, und bei dem anschließenden Schusswechsel wurden Simon und weitere SS-Angehörige erschossen.«

Der Autor aber, so erfuhr ich dann, hatte sich da geirrt. Die Schießerei, so bestätigte Wolfgang Müller in einem Telefonat, habe, wie er später erfuhr, in der Tat schon deutlich vor dem Eintreffen der Roten Armee stattgefunden. Und: Es habe einen Überlebenden gegeben, nämlich Paul Simon. Der stellvertretende Gauleiter, genau genommen seit der Flucht seines Chefs sogar der letzte Gauleiter Pommerns, sei von einem Stabszahnarzt auf einer Wiese vor Sassnitz erkannt und aufgegriffen worden – und zwar am Morgen des 5. Mai 1945, kurz nach der Abfahrt der letzten deutschen Schiffe. Simon habe nicht nur geschockt und desorientiert gewirkt, er habe auch eine Schussverletzung an der rechten Hand gehabt.

Die habe er sich, so habe er erklärt, selbst beigebracht. Selbst nach Jahrzehnten hatte sich der Zahnarzt noch deutlich seiner damaligen Verblüffung und Ratlosigkeit erinnert: Simons Erklärung hielt er für schlichtweg absurd – aber wie kam der hochrangige NS-Funktionär dann zu einer so frischen Schusswunde? An einem Ort, an dem doch überhaupt noch nicht geschossen worden war? In seiner Ratlosigkeit sperrte der Stabszahnarzt Simon zunächst kurz auf dem Dachboden des Sassnitzer Rathauses ein. Nach ein paar Stunden, noch bevor die Russen eintrafen, ließ er ihn jedoch wieder laufen. Was dem theoretisch bis dahin mächtigsten Mann Pommerns wenig nützte: Die Rote Armee erwischte ihn trotzdem, allerdings nur für kurze Zeit. Auf dem Weg in das berüchtigte russische Internierungslager Fünfeichen soll Paul Simon geflohen und anschließend spurlos verschwunden sein. Niemand hatte je wieder von ihm gehört.

Die ganze Geschichte von einem wahnwitzigen, aber doch irgendwie folgerichtigen kollektiven Freitod brach in sich zusammen. War Claras Untergang grausamer gewesen, als wir es ohnehin schon angenommen hatten? Claras überlebende Schwester Christel war Stammgast bei Pommern-Treffen und hatte dort die Frage gestellt, auf die ihre Mutter keine Antwort mehr gewollt hatte: Was genau ist aus meiner Schwester geworden? Die Antwort war die übliche gewesen: vage. »Die waren noch da oben am Herthasee« und »da war was, aber was genau, weiß ich nicht« – mehr wollte niemand je gehört haben. Paul Simon blieb spurlos verschwunden.

Inzwischen jedoch hatte Christel einen Tipp bekommen: Es gebe da einen Freundeskreis alter pommerscher HJ- und BDM-Führer und Führerinnen, die fest zusammenhielten, sich regelmäßig einmal jährlich und nur auf persönliche Einladung hin träfen, inzwischen wieder in Vorpommern. Sie bekam sogar eine aktuelle Adresse. Nicht eingeladen, aber kurz entschlossen, fuhr sie hin.

Eine so harmlos nett wirkende, kleine, alte Dame mit vertrauenerweckender BDM-Vergangenheit, die jederzeit fröhlich bereit war, zuzugestehen, dass früher alles nicht so schlimm gewesen sei, wurde von den alten Kameraden freundlich aufgenommen. Nur Auskünfte, die bekam sie trotzdem nicht. Gern schwatzten die älteren HJ- und BDM-Chargen über die wunderbaren braunen Zeiten und über ihre so »idealistische« Kollegin Clara – bloß, wenn es um das Ende, um die letzten Tage und Wochen in Pommern ging, litten sie plötzlich unter verblüffenden kollektiven Gedächtnisschwächen. Die einzige Reaktion, die beim Thema »Kriegsende« und »Rügen« regelmäßig kam, war ein: »Die Jungs taten uns natürlich schrecklich leid«, gefolgt von einem hastigen: »… aber es war ja alles nur für die Flüchtlinge.« Nach Jungs suchte Christel nicht und fragte deshalb nicht konkreter nach – sie war sich sicher, es ginge um die deutschen Soldaten.

Dafür kam sie mit Mitteilungen aus einer Welt zurück, die selbst ihr, die die pommersche Vergangenheit gerne mal verklärt betrachtete, nur noch bizarr erschien. Am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts war sie auf ein Paralleluniversum gestoßen, in dem gealterte Berufsjugendliche virtuell immer noch kurze Hose und Hitlerjugend-Fahrtenmesser trugen, einander mit »Kamerad« anredeten und von den Zeiten »unserer schönen und erfolgreichen Arbeit für die deutsche Jugend« schwärmten. Wozu diese Arbeit geführt hatte, wollten sie allerdings nicht diskutieren, und so war das Ergebnis dieser ersten, tastenden Recherche völlig klar: »Die verschweigen mir was.«

Aber was? Was gab es da für ein Geheimnis, das noch Jahrzehnte nach Kriegsende so dringend gehütet werden musste? Was hatte Claras Schicksal damit zu tun? Was überhaupt mit der pommerschen Gauleitung, zu der sie schließlich nicht gehörte? Wer war dieser Paul Simon, über den die gängige Literatur so gut wie keine Auskunft gab? Was war aus ihm geworden? Doch hinter all den Fragen nach dem Ende stand immer die nach dem Anfang: Wer war eigentlich Clara? Das so durchschnittliche Mädchen mit dem alles andere als durchschnittlichen Ende? Schnell zeigte sich: Nicht erst sie hatte für den Großteil einer Generation gestanden. Ihre Familie tat es ebenso. Sie war die Verkörperung der ungezählten, unspektakulären deutschen Durchschnittsfamilien. Mit einer Ausnahme: Elise, Claras Mutter, war hier die erste Frau gewesen, der aus eigener Kraft das Ausbrechen aus einem vorgegebenen engen Rahmen gelang. Bildung, Berufstätigkeit, Aufstieg – das klingt heute völlig selbstverständlich. Damals war es ein enormer, weil bis dahin beispielloser Schritt für ein junges Mädchen von so einfacher Herkunft gewesen. In ihrem hinterpommerschen Heimatstädtchen war Elise ungewöhnlich gewesen, doch der lokale Schein trog. In ganz Deutschland hatte sie diesen ersten, tastenden Schritt in eine andere Lebensform zum ersten Mal mit derart vielen Frauen geteilt, dass nicht einmal das Dritte Reich mit all seinem brutalen Druck diesen Aufbruch hatte völlig rückgängig machen können.

Claras Familie hätte jederzeit für eine ganze Schicht deutschen, preußischen, pommerschen Kleinbürgertums Modell stehen können: bescheidene Wurzeln, dann ein kleiner Aufstieg im Kaiserreich, dessen Risse unter der glänzenden Oberfläche verborgen blieben. Auf den Schock des Ersten Weltkrieges folgt ein Weltwechsel, dem sie sich verweigern, eine Chance, die sie ausschlagen. Die kurze Scheinblüte der Weimarer Republik bringt ihnen zwar Wohlstand, macht sie aber nicht zu Demokraten. Sie wollen ihren Kaiser zurück. Der zeitbedingte Fall folgt mit der Weltwirtschaftskrise. Am Ende der ganz große Absturz ins Dritte Reich, der ihnen wie den meisten Deutschen lange wie ein glänzender Wiederaufstieg scheint: endlich wieder ein starker Mann an der Spitze!

Cammin könnte überall gewesen sein. Zwischen dem Gedeihen der pommerschen Kleinstadt im trügerischen Glanz der Kaiserzeit und ihrem Untergang in Hybris und Verbrechen, Feuer und Schutt des Dritten Reiches liegt nur ein gutes Vierteljahrhundert. Claras Lebenszeit. Gebrannt hat auch hier, wie überall in Deutschland, zuerst die Synagoge, sechseinhalb Jahre später dann die ganze Stadt. Was von dem alten pommerschen Bischofssitz blieb, ist heute das polnische Kamien.

1893–1920:SCHWARZ-WEISS-ROTES VORSPIEL:»ICH BIN EIN PREUßE, KENNT IHR MEINE FARBEN?«

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CLARA SELBST HAT ES FESTGEHALTEN: Sie war eine Enttäuschung. »Ich hätte, wenn es nach Wunsch gegangen wäre, der Junge sein sollen.« Als sie am 29. Oktober 1920 als erstes Kind von Max und Elise Sabrowski in Cammin geboren wurde, galten in Hinterpommern noch die Wertvorstellungen der eben beendeten Kaiserzeit. Da musste das erste, das privilegierte und bevorzugte Kind ein männlicher »Stammhalter« sein. Herta Clara Marie, so wurde das blonde Mädchen getauft, war also nur eine Zwischenlösung, das Versprechen auf den ersehnten Sohn. Kein individuelles, sondern ein gesellschaftliches Werturteil, doch als wie drückend Clara ihre angeborene Zweitklassigkeit schon sehr früh empfunden haben muss, hat sie selbst später eindrucksvoll geschildert.

Die Geburt ihres Bruders nämlich beschreibt sie in einem ihrer wenigen erhaltenen Selbstzeugnisse und verrät dabei sehr viel mehr über ihr Zurückgesetztsein, als sie beabsichtigt hat:

»Ich kenne ihn nur aus dem Erzählen der Großen, diesen schönsten Tag in unserer jungen Familie. Ein Jahr und noch ein bißchen darüber war ich alt und nun war der 3. Januar der Jubeltag. Der Junge tat in Mutters großem Schlafzimmer seinen ersten Schrei. ›Seht, wie der kleine Großvater Müller‹, hat Mutti glücklich gesagt, und sie erzählte später, Vater wären die Tränen des Glücks nahegestanden. Er sah genauso aus – und das war es eben – wie ein buntes Kinderbildchen, nach dem sich Mutti immer einen Sohn gewünscht hatte. Alle kamen, um den Kronprinzen zu grüßen, und diesen Rang konnte ihm in der Sippe niemand streitig machen, er war der erste Sohn und Enkel und hat seiner hohen Stellung alle Ehre gemacht.«

Die hohe Stellung wurde festgehalten: Mit dem neugeborenen Sohn Günter – und nicht etwa mit der Ältesten Clara – auf dem Arm, posierte Vater Max nun stolz für ein Atelier-Foto, zusammen mit seinem Vater und seinem Großvater – vier Generationen, die von 1834 bis 1922 reichten. Die Frauen blieben draußen. Es war ein symbolischer Schritt, denn mit Karriere und Stammhalter war die Bürgerlichkeit endlich erreicht. Max hatte seinen Vater, einen Gerber aus Masuren, und die Handwerker- und Kleinbauernfamilie seiner Frau endgültig hinter sich gelassen. Er war, ein Jahr nach Claras Geburt, fest im Bürgertum etabliert. So schien es wenigstens. In Wirklichkeit stimmte zweierlei nicht: Das Kaiserreich, die Welt, der die junge Familie ebenso fest verhaftet war wie die meisten ihrer Landsleute, war zwei Jahre zuvor untergegangen. Und die Karriere, die den Weg zum sozialen Aufstieg ebnete, hatte nicht Max gemacht, sondern die Frau, die nicht auf diesem »Es ist erreicht«-Bild zu sehen war: Claras Mutter Elise. Sie hatte den Aufbruch, den auch ihre Tochter eine Generation später versuchen würde, tatsächlich geschafft – ganz gegen jede Wahrscheinlichkeit.

Cammin in Pommern war ein Städtchen wie aus dem Sehnsuchtsbild der Vertriebenenverbände: weltabgeschieden, backsteingotisch und schwarz-weiß-rot. Viel Wasser, in dem sich die Türme vieler Kirchen spiegelten, ständiger Wind vom hohen Himmel. Wolken und Wasser, das klassische pommersche Blau-Weiß, getupft mit Ziegelrot, Schilfgrün und Findlingsbraun. Der alte Bischofssitz thronte hoch über dem Stettiner Haff, von der offenen Ostsee nur durch eine Sandbrücke getrennt. Etwa 60 Kilometer oderaufwärts lag die Hauptstadt Stettin.

In den Zwanzigerjahren, als Clara geboren wurde, stand der Stolz der 6000 Camminer auf die große Hansestadt-Vergangenheit in keinem Verhältnis mehr zur aktuellen Bedeutung des Städtchens. Die war vernachlässigbar, dafür war die vergangene Glorie umso allgegenwärtiger: im schmucken mittelalterlichen Rathaus mit dem filigranen Klinkergiebel, und vor allem im Dom, der als die schönste Kirche Pommerns galt. Streng und schwer beherrschte die rote Kathedrale seit mehr als siebenhundert Jahren das Stadtbild. »Nordisch Rothenburg« nannte sich das romantische Städtchen gern, und seine vier geschwungenen Hauptstraßen bildeten die bauchige Form einer Hansekogge, deren Mitte Marktplatz und Rathaus umschloss. Der Seewind pfiff überall und hatte im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verheerende Flächenbrände angefacht. Auch unter Kriegen hatte Cammin reichlich gelitten: Hinterpommern war zeitweise schwedisch gewesen, regelmäßig von den ungeliebten brandenburgischen Nachbarn gebrandschatzt und im Dreißigjährigen Krieg völlig verwüstet worden. Dabei hätte Pomerania, das Land am Meer, ursprünglich als Musterbeispiel gelungenen Multikultis herhalten können: Wendisch-slawische Urbevölkerung und deutsche Siedler waren hier – vergleichsweise – friedlich miteinander verschmolzen.

Die Namen der frühen Pommernherzöge, etwa Bogislaw VIII., der 1418 seine letzte Ruhe in Cammin gefunden hatte, zeugten deutlich vom slawischen Erbe. Das legendäre Herrscherhaus der Greifen, dem sie angehört hatten, starb zwar aus, blieb aber allzeit präsent. Es hinterließ seiner Provinz den Pommerschen Greifen als Landeswappen, heute besser bekannt als Gryffindor: ein aufrecht schreitendes Fabelwesen aus Adler und Löwe, leuchtend feuerrot mit goldenem Schnabel und goldenen Klauen.

1871, mit der Gründung des Deutschen Reiches, schienen Krieg und Herrscherwechsel, Flächenbrand und Zerstörung, Flucht und Elend für Cammin in unvorstellbare Ferne gerückt. Der Optimismus der Gründerjahre hatte auch die preußische Küstenprovinz ergriffen, gekoppelt mit der Euphorie über die endlich erlangte deutsche Einheit. Politische und wirtschaftliche Macht lagen hier fest in den Händen adliger Großgrundbesitzer, das niedere Volk wusste, was sich gehörte, und votierte brav für seine angestammten Herrscher. Reichstagswahlen waren de jure frei, gleich und geheim. De facto waren sie alles andere als das: Frauen besaßen kein Stimmrecht und blieben so von allen öffentlichen Entscheidungen ausgeschlossen. Für die Wahlen zum preußischen Abgeordnetenhaus galt sogar noch das feudale Dreiklassenwahlrecht, das Wählerstimmen nach Steueraufkommen gewichtete und Frauen selbstverständlich ausschloss.

Im Kaiserreich war das eine Selbstverständlichkeit, die höchstens in den fernen Großstädten zaghaft infrage gestellt wurde. Im ländlichen Hinterpommern ganz sicher nicht. Neben dem Adel gab dort die protestantische Kirche den Ton an, und die stand nicht eben für Gleichberechtigung. Obwohl die Ostseeprovinz in Deutschland als rückständig galt, obwohl immer noch viele ihrer Einwohner nach Westen abwanderten, verzeichnete auch Pommern nach der Reichsgründung ein kleines Wirtschaftswunder: Das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich, auch wenn es mit durchschnittlich 576 Mark im Jahr an drittletzter Stelle im Deutschen Reich lag.

Als Claras Mutter 1893 in Cammin geboren wurde, schien sie die Verkörperung biederen deutschen Durchschnittsglücks: Das kleine Mädchen, Tochter des Maurergesellen Wilhelm Müller und seiner Frau Marie Dorothea, wurde auf den Namen Elise getauft – und war damit das sprichwörtliche Lieschen Müller. Auch ihr Heimatstädtchen hätte als Symbol jener europäischen Epoche dienen können, die der Österreicher Stefan Zweig das »goldene Zeitalter der Sicherheit« nannte: ein festgefügtes Universum, in dem jeder seinen Platz hatte, jeder damit zufrieden war, die Währung auf solidem Gold basierte und der große Heilsbringer Fortschritt unaufhaltsam voranschritt. So sah es jedenfalls aus.

Die kleine Welt spiegelte die große: 1900, als Elise zur Schule kam, schwelgte Cammin mit dem ganzen wilhelminischen Deutschland im patriotisch-optimistischen Überschwang: Das zwanzigste, das »Jahrhundert des Fortschritts«, konnte nur großartig werden, ganz besonders für Deutsche, für die Aufsteigernation Europas! Sie waren die Größten, und Preußen war im Reich noch einmal eine Größe für sich. Zu Kaisers Geburtstag am 27. Januar, zum Sedantag im September ebenso wie zu allen anderen offiziellen Anlässen sangen die Camminer Schulkinder im Chor die Preußenhymne, aufgestellt in Reih und Glied, die Mädchen in weißen Kleidern und mit großen Haarschleifen, die Jungen im Matrosenanzug. Und, wie hätte es anders sein können: Es war Elises Lieblingslied:

»Ich bin ein Preuße, kennt ihr meine Farben?Die Fahne schwebt mir weiß und schwarz voran.Dass für die Freiheit meine Väter starben,Das deuten, merkt es, meine Farben an.Wie werd ich bang verzagen,Wie jene will ich’s wagen.Sei’s trüber Tag, sei’s heitrer Sonnenschein,Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.«

Elise, blondbezopft und mit ihren großen, ernsten blauen Augen auffallend hübsch, war genauso brav, gefügig und fleißig, wie es sich für ein Mädchen gehörte. Doch die angepasste Oberfläche trog: Sie war nicht nur brav, sie war auch ehrgeizig – weit mehr, als sie es hätte sein dürfen. Elises Leben war geradlinig vorgezeichnet: Schulzeit und Kindheit endeten mit vierzehn Jahren, mit der Konfirmation zu Ostern. Nur »höhere Töchter«, Kinder von Gutsbesitzern oder Geldadel, hatten danach noch eine Chance auf weitere Ausbildung. Alle anderen gingen entweder als Dienstmädchen »in Stellung«, wurden Verkäuferin oder halfen einfach daheim, bis sie heirateten und Kinder bekamen. Darunter selbstverständlich möglichst viele Söhne, denn der Kaiser brauchte Soldaten, die Familie »Stammhalter«. Sozialer Aufstieg, vielleicht sogar ein wenig Selbstbestimmung waren für ein Mädchen wie Elise allenfalls über eine ungewöhnlich vorteilhafte Ehe möglich. Eigene Kraft war nur zum Dienen gefragt.

So gehörte es sich, und Elise wäre nie auf den Gedanken gekommen, irgendetwas anzuzweifeln, das sich so gehörte. Das tat ein braves Mädchen einfach nicht. Und doch, und doch …: Wie gerne hätte sie nach der Volksschule die Präparanden-Klasse besucht, die auf das Camminer Lehrerseminar vorbereitete, doch beides kostete nicht nur Geld, es war auch Jungen vorbehalten. Wie gerne hätte sie mehr gelernt und wäre schließlich – die kühnste, größte und unerreichbarste aller ihrer Sehnsüchte – sogar Volksschullehrerin geworden. Das war einer der höchsten Berufsabschlüsse, die einer Frau im Kaiserreich offenstanden.

Doch Elise Müller war die Tochter eines Maurergesellen. Im Sommer schuftete ihr Vater mindestens zehn Stunden täglich für 32 Pfennig pro Stunde. Davon musste noch möglichst viel für den langen, kalten pommerschen Winter zurückgelegt werden. Dann gab es keine Baustellen, also auch kein Geld. Eine Ausbildung für eine Tochter hätte Wilhelm Müller nie unterstützen können. Mit einem Sohn hätte das schon anders ausgesehen: Dessen Ausbildung war eine Investition der gesamten Familie in die Zukunft. Dafür wurde geschuftet, zusammengelegt und notfalls jahrelang gezielt gespart, damit der Geförderte später seine Eltern unterstützen konnte. So etwas lohnte für eine Tochter nicht: Sobald die heiratete, ging sie ins Eigentum ihres Ehemannes über und musste, wenn es so weit war, dessen Eltern versorgen.

Elise verbarg ihre Sehnsucht sorgfältig, und mit wem hätte sie auch über grenzüberschreitende Träume sprechen sollen? Von allen Autoritätspersonen, von Eltern, Pfarrer und nicht zuletzt vom »Herrn Lehrer« (so, und nicht etwa mit dem Namen wurde diese verkörperte Obrigkeit angesprochen), hatte sie dasselbe gelernt: Gute Kinder waren brave Untertanen der Erwachsenen, so wie gute Erwachsene brave Untertanen des Kaisers waren. Lautete doch das meistzitierte Bibelwort in Preußendeutschland: »Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit, ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.« Worte, die generationenlang prägten – bis ins Dritte Reich. Kinder standen ganz unten in dieser angeblich göttlichen Ordnung, und gute Kinder gehorchten, statt sich Dinge in den Kopf zu setzen, die ihnen nicht zustanden.

Wohin also mit Elises drängender Sehnsucht nach Bildung und Herausforderung, Selbstbestätigung und Aufstieg, die sie damals kaum sich selbst, erst viel, viel später einer ihrer Töchter und niemals ihrer Enkelin anvertraute? Sie wusste doch, wie schwer beide Eltern schon für das schufteten und sparten, was ihr geboten wurde. Ihren kleinen Aufstieg bedeutete ein Häuschen in der Mühlenstraße mit Geflügel im Hof und einem Schwein im Stall, ihr soziales Glück war der Schulbesuch für ihre Töchter und die Anerkennung, die die fleißige Familie im kleinen Nachbarschaftsrahmen genoss. Das war alles, und das würde alles bleiben. Millionen Mädchen in ähnlicher Lage, darunter auch Elises Schwester Röschen, fügten sich ganz selbstverständlich in solche Umstände. Auch Elise wusste, dass alles, was ihr blieb, ein sehnsüchtiger Blick auf das Lehrerseminar war, in eine Welt, in der es gestärkte weiße Blusen, Wandtafeln und Gelehrsamkeit statt Arbeitskitteln, Spülstein, Schweinefüttern und schmutziger, monotoner Hausarbeit gab. Die Welt, die ihr verschlossen bleiben sollte.

Ostern 1908 verließ Elise Müller die Volksschule, vierzehn Jahre alt, frisch konfirmiert und damit offiziell erwachsen. Sie hatte allerbeste Zeugnisse, eine bestechend akkurate Handschrift, und dazu diese sorgsam gezügelte, aber fast körperlich spürbare Strebsamkeit. Damit eroberte sie immerhin, was für ein Mädchen wie sie als große Auszeichnung galt: eine Stelle in der Buchhandlung von Formazin & Knauff, einem der größten Unternehmen der Stadt. Es lag am Marktplatz, also mitten im Zentrum, und war ein florierender Gemischtwarenladen mit Buchhandlung, Druckerei, Zeitungsverlag und der Agentur der »Stettin-Wollin-Cammin-Dievenower Dampfschiffahrts-GmbH«.

Das Geschäft war vielseitig, das Leben einer Verkäuferin war alles andere als das. Elise war todunglücklich, aber der Realitätsschock hinderte sie ebenso wenig an penibler preußischer Pflichterfüllung, wie irgendetwas anderes sie je daran gehindert hätte. Nun konnte sie zu Hause endlich Geld abliefern, das Leben wurde einfacher für die Müllers, und siebzehnjährig leistete sich Elise ihr erstes Erwachsenen-Foto. Sie trägt darauf eine weiße Schleife im hochgesteckten Haar, winzige herzförmige Ohrringe und führt ihr bestes, selbst genähtes weißes Spitzenkleid vor, zu dessen zarter Stickerei ihre kräftigen, sichtbar arbeitsgewohnten Hände einen deutlichen Kontrast bilden. Elise wirkt reif über ihre Jahre, unvorstellbar erwachsen für einen Teenager, und ihre ernsten Augen sind sogar noch ein wenig ernster geworden.

Elise Müller tat ihre Pflicht, doch verbergen konnte sie ihre tiefe Unzufriedenheit nicht. Was mit ihrer Entlassung hätte enden können, wurde ihre Chance: Statt seine frustrierte Verkäuferin energisch auf ihren Platz zu verweisen, tat ihr Chef das zu dieser Zeit, an diesem Ort noch Beispiellose: Direktor Knauff übernahm die junge Frau, ihrer bestechend schönen Handschrift wegen, zunächst ins Büro. Dann bot er ihr nicht nur Fortbildung, sondern sogar Aufstieg und Verantwortung an: Sie wurde zur Buchhalterin ausgebildet und avancierte schnell auf einen entsprechenden Arbeitsplatz – die einzige Frau unter älteren Kollegen. Elise nutzte ihre Chance für eine kleine Karriere, mit der sie deutlich aus dem Rahmen fiel. Zumindest im abgeschiedenen Cammin, denn im größeren Rahmen stand sie wieder für einen Prototyp. Überall im Deutschen Reich gab es für junge Frauen erstmals Erfolge wie den ihren, kleine private Aufstiegsgeschichten im Wirtschaftswunderland Deutschland. Auch dieser erste Aufbruch in die Moderne trug dazu bei, der Kaiserzeit ihren verklärenden goldenen Schimmer zu verleihen.

Nun war die eben noch durchschnittliche Maurerstochter plötzlich das erste Mädchen, das es in seinem Heimatstädtchen zu einer derartig gut dotierten, verantwortungsvollen Stellung gebracht hatte. Elise wusste jetzt, was sie wert war. Fotos aus jener Zeit zeigen sie hoch aufgerichtet in schneeweißer Bluse, stolz und bescheiden zugleich, nun sogar mit einem kleinen Lächeln, mit zuversichtlichen Augen und gelassenem Selbstbewusstsein. Ihren neuen Rang bekräftigte sie mit einer symbolischen Handlung: Von ihrem ersten ersparten Geld leistete Elise sich den einzigen großen Luxus ihres Lebens: eine kleine goldene Uhr, die 60 Goldmark kostete, für damalige Verhältnisse ein Vermögen. Die trug sie nun an einer goldenen Kette um den Hals, als hoch geschätztes Sinnbild ihres Erfolges und ihrer Zuverlässigkeit gleichermaßen.

Ihre adrette und zielbewusste Erscheinung zog regelmäßig die Blicke auf sich, besonders den des um ein Jahr älteren Max Sabrowski. Er arbeitete in derselben kleinen Welt am Marktplatz, aber aus genau umgekehrten Gründen: Das Ziel seiner Eltern war es gewesen, ihn Lehrer werden zu lassen, doch Max hatte sich strikt geweigert. Dabei hatte sein Vater so große Hoffnungen in die Zukunft gerade dieses ältesten Sohnes gesetzt, der als der Begabteste seiner sieben Kinder galt. Für Gottlieb Sabrowski wäre das Lehramt eine Traumkarriere gewesen, denn er selbst war in Masuren geboren, auf einem Bauernhof im Kreis Oletzko, dort, wo Ostpreußen, Russland und Litauen in einem weltvergessenen, seengesprenkelten Winkel an einem kaiserlichen Hauptzollamt aufeinanderstießen.

Mochte seine Muttersprache auch, wie die der meisten Masuren, Polnisch gewesen sein, so legte Gottlieb doch allergrößten Wert darauf, ein deutscher, ein durch und durch patriotischer und kaisertreuer Untertan zu sein. Er hatte das elend stinkende und ebenso elend schwere Gerberhandwerk erlernt und sich dann gen Westen aufgemacht. Gekommen war er bis Cammin, wo er eine Bauerntochter aus dem Ostseedorf Hoff geheiratet hatte. Die schnell wachsende Familie lebte in einem idyllischen, aber kärglichen Fachwerkhäuschen am Aschenberg, direkt unterhalb der Altstadt. Gottlieb brachte seine Familie als selbständiger Gerber durch, und war zusätzlich noch Kirchen- und Schuldiener. Für eine Schule zu arbeiten, war für ihn ein sozialer Aufstieg, auf den er stolz war. Was für ein Traum, wenn einer seiner Söhne Lehrer werden könnte!