Glaubst du an die Lüge? - Janus M. - E-Book

Glaubst du an die Lüge? E-Book

Janus M.

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Beschreibung

Wahrheit durch Freiheit
Sicherheit durch Transparenz
Gerechtigkeit durch Fairness

Doch was, wenn diese Parolen nur ein Trugbild sind? Die Hauptfigur in diesem Mind Game Novel beginnt an der makellosen Fassade der Regierung zu zweifeln, als sie ein mystisches Symbol wahrnimmt. Die Entdeckungen führen immer tiefer in ein Netz aus Lügen und Manipulationen. Ist die behauptete Freiheit nur eine Illusion? Kommt es zu einer epochalen Enthüllung oder ist es der Anfang von Wahnsinn und Paranoia? Doch die Frage bleibt – Glaubst du an die Lüge?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Janus M.

Glaubst du an die Lüge?

 

 

Gewidmet an die österreichische Leitkultur

 

Cover bei: Stefan Prodanovic

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

© Janus M.

c/o easy-shop Kathrin Mothes

Schloßstraße 20

06869 Coswig (Anhalt)

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

(durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren)

ohne schriftliche Genehmigung des Autors

reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme

verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

ISBN978–3–9505699–2–6

I

„Die Welt will betrogen sein – drum sei sie betrogen!

Hat Sebastian Brant recht oder ist diese Zeile nur ein Relikt vergessener Tage?“

„Meiner Meinung nach ist diese Aussage ein Relikt. Bei uns hat das Volk freien und unbegrenzten Zugang zu staatlichen Finanzbüchern, Protokollen, Plänen, Strategien oder Gesetzen, ohne mit der Wimper zu zucken. Transparenz ist das Fundament unserer Regierung und dass dies so ist, können wir seit über sechzig Jahren in unserer Geschichte nachverfolgen.“

„Sehr gut zusammengefasst, wir leben wirklich in einer beinahe utopischen Zeit. Hiermit beende ich die Stunde. Weil ihr alle kurz vor dem Abschluss steht, schlage ich vor, dass wir in der nächsten Einheit über eure Zukunft in Bezug auf euren Beruf, euer Studium und so weiter sprechen. Schließlich ist der Zugang zu Informationen heute so frei wie noch nie und in eurem jungen Alter stehen euch alle Türen offen.“

Gänsehaut überzieht meinen Körper beim Läuten der Glocke. Nachdenklich verlasse ich das Schulgebäude. Die Delamus, die ehemalige Hauptstraße welche heute nur als letzte Nebenroute gilt, erstreckt sich nach Süden durch das Industriegebiet, in dessen Herz stolz das Regierungsgebäude, das im Baustil der Altstadt angepasst ist, emporragt. Es ist angeblich der Schandfleck unserer Stadt Laea. Ich nehme im Bus Platz, der in Richtung meines Wohnviertels fährt. Im Zentrum blicke ich ein letztes Mal auf das Regierungsgebäude, bevor der Bus die Cardo in Richtung Norden nimmt. Die Istros und die bezaubernde Lacrima, der See inmitten des frei zugänglichen Erholungsparks, bilden die Grenze zu den Slums wo die Leute jeden Morgen umringt von Betonwänden aufstehen. Dort, wo sie den Gestank von verbranntem Schwefel und Phosphor einatmen und chlorhaltiges Wasser trinken, wo sie durch mondänes Grau und ohrenbetäubenden Lärm einer nach dem anderen in Depression und Hoffnungslosigkeit verfallen. Diesen Ort nenne ich mein Zuhause.

Diesen Aussagen kann man Gehör schenken, sie aber auch getrost ignorieren. Der Geruch von Schwefel und Phosphor steigt hier aus Thermalkratern auf, die nicht gerade schönen Wohnblöcke sind ein Produkt des großen Bevölkerungszuwachses und der Lärm kommt von der Abwesenheit natürlicher Schallabsorbierer. Trotzdem leben hier die meisten Stadtbewohner und Beschwerden über die Umstände gibt es keine. Neue Regierungspläne sehen eine Verschönerung und Kultivierung des Wohnviertels vor. Die Zukunft birgt Hoffnung und wirtschaftlichen Aufschwung.

In unserer Wohnung koche ich mir etwas. Nach Speis und Trank gehe ich in mein Zimmer, setze mich an meinen mit Unterlagen überfüllten Schreibtisch und lerne für die anstehende Prüfung. Dann ziehe ich meinen Pyjama an und denke über meine Zukunft nach. Was will ich nach dem Abschluss werden? Ohne eine Antwort darauf zu finden, driften meine Gedanken ab. Am nächsten Morgen finde ich einen Zettel mit der Frage: „Wie kann man ein Monster besiegen?“ Habe ich das verfasst? Verwundert stecke ich die Notiz ein.

Während der alltäglichen Busfahrt befinde ich mich im Halbschlaf und interessiere mich nicht für die mir sattsam bekannte Außenwelt. Doch die gerade im Bus zu hörenden Regierungsparolen, das Fundament unserer Bevölkerung, hallen in mir nach:

Wahrheit durch Freiheit

Sicherheit durch Transparenz

Gerechtigkeit durch Fairness

Leicht hin und her schwankend steige ich aus. Ist es der zunehmend penetrante Geruch des Schwefels, oder die Nervosität vor der Prüfung? Ich setze mich im Klassenzimmer auf meinen Platz und kontrolliere meine Sachen. Obwohl es eine Prüfung wie jede andere ist, kann ich mich nicht konzentrieren, worauf ich auch mehrmals hingewiesen werde. Auf meinem Heimweg nehme ich den vergessenen Weg hinter dem Industriehafen zurück zum Wohnviertel. Der Wald hier ist fast komplett gerodet, aber die herabfallenden Blätter erzählen eine Geschichte über die Gründungstage der Stadt. Die Legende berichtet von einer erbitterten Schlacht mit unzähligen Verlusten auf beiden Seiten, bis abschließend der Befehl zum Abschlachten der Siedlungsbevölkerung kam. Ein Legionär weigerte sich jedoch und erwiderte, dass diese Schandtat nicht mit den Prinzipien seines Kriegsgottes Mars vereinbar sei. Daraufhin wurde er nackt an einen Schiffsbug gefesselt. Nachdem die Siedlung in Schutt und Asche gelegt worden war, stach die Armee in die See. In dieser Nacht breitete sich ein undurchdringlicher Nebel aus und es kam ein grauenvoller Sturm auf. Meterhohe Wellen zerschmetterten die gesamte Flotte und niemand bis auf den gefesselten Legionär überlebte. Als er ans Ufer geschwemmt wurde, brachte er Mars eine große Opfergabe dar und der Legionär begann daraufhin mit dem Siedlungsbau. Die Stadt wurde durch Schwefel-, Phosphor- und Erzvorkommen schnell zu einer wichtigen Handlungsstadt im römischen Reich.

Die Identität des Legionärs und die Zeit des Aufbaus der Stadt sind bis heute unbekannt. Vielleicht war es auch kein Legionär, sondern jemand ganz anderer. Keiner kann sagen, ob diese Geschichte wahr ist, oder nur die trügerische Illusion eines Dichters ist. Die ersten Aufzeichnungen der Stadt reichen in das späte Mittelalter zurück. Mit der Rodung des Waldes schwindet auch diese Legende.

Von einer Lichtung aus ist schon das Wohnungsviertel zu erkennen und doch ist mir dieser allvertraute Anblick heute fremd. Was ist nur mit mir los? Zwischen den subtilen Betonwänden driften meine Gedanken immer wieder ab, zu der alten Legende und den darüber kursierenden Gerüchten. Am Boden liegend finde ich mich wieder. Einen kurzen Moment lang schließe ich die Augen und spüre keine Schmerzen. Als ich wieder das Tageslicht sehe, bemerke ich ein unbekanntes Symbol an einer Hausmauer unterhalb einer Fensterbank. Es besteht aus zwei stark vereinfacht dargestellten geraden Flammen, die zu einer Acht geformt sind, davor befindet sich, leicht schräg, in einem 35°-Winkel, eine Sanduhr, welche auf einer Seite einen Riss zu haben scheint. Da die Wohnblöcke mehr als vierzig Jahre alt sind, kann dieses Symbol schon viele Tage überdauert haben. Warum bringt man eine solche Zeichnung an so einem eigenartigen Platz an? Wahrscheinlich war es einfach nur eine Markierung für Kinder, welche jetzt vielleicht schon selber Kinder haben. Verwundert darüber, folge ich weiter dem Weg zu meinem Wohnblock. In meinem Zimmer greife ich zu Kopfhörern und überlege gleichzeitig, was ich noch alles neben der Schule unternehmen will. Vielleicht einen gemütlichen Abend im Freundeskreis an der Flusspromenade verbringen, ins Kino gehen oder doch einfach Zeit für mich selber nehmen? Vielleicht auch endlich dieses Buch fertig lesen oder die Serie anschauen, welche von so vielen empfohlen wird. Wieder einmal trainieren oder meine innere Ruhe finden. Ich schaffe es nicht, den Gedankenwirrwarr zu ordnen. In diesen Delirium, kommen mir immer wieder die Ereignisse des Tages in den Sinn, die Busfahrt in der Früh, als die Parolen der Regierung so eindringlich in meinen Ohren widerhallten, meine abwesende Anwesenheit bei der Prüfung und die Gedanken an die alte Legende im Wald. Es fühlt sich alles so fremd an, mit einem Hauch von Melancholie. Doch mein gedankenverlorener Zustand wird durch den Geruch von frisch zubereitetem Abendessen und einem Ruf aus der Küche unterbrochen. Ich stoppe die Musik und schließe die Tür hinter mir.

Leicht erschöpft starte ich meinen Tag und spule mechanisch meine Morgenroutine ab. In der Schule angekommen sticht mir der Geruch von Schwefel stärker als üblich in die Nase, auch das Wasser hat einen deutlichen Beigeschmack von Chlor. Trotzdem merke ich, wie meine Morgenerschöpfung nachlässt und ich besonders konzentriert in den bekannten Klassenraum eintrete. Uns war angeboten worden, die große weiße Wand gleich links neben der Tür zu dekorieren, aber natürlich ist dem niemand nachgekommen. Hinten bauen sich die Spinde und das Pinboard auf und daran schließt die Fensterfront an, mit sehr alten und teils ersetzten Fenstern. Der Blick in den Himmel weckt in mir das Verlangen, frische Luft einzuatmen. Ich setze mich in die zweite Reihe, von wo aus ich einen guten Blick auf die Tafel habe. Die Stunden vergehen sehr schleppend und ich will einfach nur noch hinaus in die Stadt, um einen angenehmen Abend mit meinen Freunden zu verbringen. Als die Glocke läutet, mache ich einen kurzen Abstecher in die Fußgängerzone, wo ich wieder einen verstärkten Geruch von Schwefel bemerke und zu meiner Verwunderung auf einmal den Straßenverkehr auf der sonst geräuschlosen Delamus höre. Ein Blick auf die Fassaden, der verschiedenen Gebäude, lässt das sonst so kräftige Farbspiel ausgebleicht und verkommen zurück, es lassen sich sogar leichte Risse an den Wände erkennen. Ich beschleunige meine Schritte in Richtung Flusspromenade, um nicht noch mehr Zeit zu verschwenden.

Im Lokal angekommen, nehmen die Gespräche ihren Lauf. Der Geruch des Schwefels ist kaum noch wahrnehmbar und mein Blick schweift die ganze Zeit hin und her. Im nächsten Augenblick höre ich die Stimmen meiner Freunde nur als leises Summen und meine Gedanken sind wieder bei den durchdringenden Regierungsparolen und der Gründungslegende. Ich verliere das Gefühl für die fortschreitende Zeit. Plötzlich stupst mich meine Sitznachbarin an und reißt mich aus meinen Gedanken. Ich starre mein Gegenüber abwesend an. Daraufhin erklingt die Frage, was ich nach der Schule eigentlich machen will. Ich sammle mich kurz und antworte, dass ich, obwohl ich mir schon viele Gedanken darüber gemacht habe, noch nicht sicher bin.

Wir verabschieden uns und ich werde auf meine komplette geistige Abwesenheit während unseres Treffens hingewiesen und gefragt, ob ich vielleicht krank sei und wie es mit der restlichen Woche ausschauen wird. Mit einem lässigen „Es passt schon“, trete ich meine verunsichert Heimreise an.

Erholt beginne ich den nächsten Tag und die Überlegung, heute zuhause zu bleiben, verschwindet. In der Schule angekommen, schaffe ich es trotzdem nicht, konzentriert mitzuarbeiten. Ich sitze vielmehr komplett abwesend ohne jegliche Regung an meinem Platz. Nach einem halben Tag werde ich für die restliche Woche nach Hause geschickt. Verwirrt und doch mit Verständnis für die Entscheidung, begebe ich mich auf den Heimweg, doch anstatt den Bus zu unserem Wohnviertel zu nehmen, fahre ich in Richtung Hafen, um erneut durch den schwindenden Wald zu gehen. Wieder denke ich an die Legende und als ich bei der Lichtung die ersten Häuser sehe, schaue ich mich um. Ich fühle mich beobachtet. Nach einem kurzen Sicherheitsblick gehe ich schulterzuckend weiter.

Zu Hause drehe ich Musik auf und merke, dass meine Finger instinktiv immer auf dasselbe Stück tippen. Die letzten Tage habe ich unbewusst immer dieselben Tonfolgen gehört. Jetzt versuche ich mich ganz bewusst auf den Text des Liedes zu konzentrieren. Es hallen zwei Sätze in meinem Gehör nach:

Glaubst du an die Lügen?

Deine Zeit läuft ab!

Ich drehe die Musik ab und gehe zu meinem Bücherregal. Dort greife ich zu meinem liebsten Klassiker, welchen ich schon mehrere Male gelesen habe. Doch ich lege ihn schon nach einigen Seiten zurück, weil ich sehe, dass sich auf meinen Schreibtisch die geliehenen Bücher aus der Bibliothek stapeln. Ganz oben liegt ein Werk über das antike Rom mit dem Titel „Roms faszinierendes Imperium“. Es ist ein Geschichtsbuch über den Aufstieg und Fall Roms mit Einblick in die Kulte und Religion dieser Epoche. Auch wenn ich schon viel über die Antike gelernt habe, schaffe ich es nicht, das Buch zurückzulegen. Irgendetwas hindert mich daran, eine Aura strahlt von den bedruckten Seiten aus. Ich schlage das Buch auf und blicke in das Inhaltsverzeichnis. Die Kapitel sind nach den zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen geordnet, hinzu kommt ein Abschnitt über die Armee und wichtige Legionäre, dann wird die damalige Religion mit der des antiken Griechenlandes verglichen. Es folgt ein Kapitel über diverse Kulte und abschließend das Quellenverzeichnis und ein Index. Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein ganz normales Geschichtsbuch.

Mir ist nicht nach Großereignissen und deswegen springe ich gleich zum Kapitel über die Religion. Zu meiner Verwunderung werden nicht zuerst die verschiedenen Götter und deren Vorläufern bei den Griechen aufgelistet, sondern es geht zuallererst um den Sonnengott Sol und das Fest, das zu Ehren des „Sol Invictus“ gefeiert wurde, welches später das Datum für Christi Geburt wurde, wodurch die Kirche die Heiden zum Glauben an den einen Gott bekehren wollte. Viel Neues erfahre ich nicht, trotzdem kehren meinen Gedanken immer wieder zu Sol zurück. Er war so mächtig, dass die Christen ihren eigenen Feiertag auf seinen Ehrentag verlegten. Erschöpft lege ich mich hin, doch mein Gehirn erinnert mich immer wieder an die gehörten Liedphrasen:

Glaubst du an die Lügen?

Deine Zeit läuft ab!

Sol will sich scheinbar auch nicht zur Ruhe legen.

Durchgeschwitzt und dehydriert erwache ich, als am Morgen mein Wecker läutet, welchen ich vergessen habe abzustellen. Nach einem stärkenden Tee versuche ich die Ereignisse dieser Woche zu reflektieren. Ich denke an die geographische Beschaffenheit der Stadt, an den Gestank des Schwefels, das chlorverpestete Wasser, den penetranten Lärm des Verkehrs, die verblassenden Fassaden und das stolz emporragende Regierungsgebäude. Doch immer größere Aufmerksamkeit nehmen die Liedphrasen ein, die sich von Tag zu Tag ändern, die mich von Schlafen abhalten wollen und denen ich eine zu große Bedeutung beimesse.

Habe ich wirklich so schöne Zukunftsaussichten oder sind es nur haltlose Hoffnungen?

Bietet sich mir wirklich eine Fülle von Berufsmöglichkeiten oder sind das nur die letzten Anzeichen einer zerbrechenden Wirtschaft hinter strahlenden Trugbildern?

Ist der Zugang zu Informationen so frei wie noch nie oder ist es doch nur der Zugang zum Zensieren.

Stehen mir wirklich alle Türen offen oder sind das nur Öffnungen zu einem unbetretbaren Pfad?

Schockiert von meinen Überlegungen, setze ich mich an den Schreibtisch, greife schnell zu dem Klassiker von gestern und beginne unruhig zu lesen, dieses Mal ohne nach nur wenigen Zeilen abzubrechen.

Ich verliere erneut das Gefühl für die Zeit. Ich starre in das offene Buch und die Zeilen brennen sich mir ins Gehirn ein. Doch je intensiver ich mich auf die Buchstaben konzentriere, umso mehr zerfließen sie vor meinen Augen. Mit einem Ruck erwache ich aus meiner Trance. Meine Eltern berichten mir, dass ich kopfüber auf das Buch gefallen sei. Wieder machen mir Konzentrationsmangel und Abwesenheit zu schaffen, was ist nur los mit mir, wie kann es sein, dass ich nur noch die Aufmerksamkeitspanne einer Fliege besitze?

Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es spät am Abend ist. Ich lasse das aufgeschlagene Buch sinken und versuche, den Nebel meiner Gedanken durch Meditation zu lichten. Doch wieder ist das Ergebnis nur ein unkonzentriertes Umherschweifen der Gedanken. Immer wieder flackern vor meinem geistigen Auge einzelne Sätze auf, die ich zu entziffern und niederzuschreiben versuche. Nach gefühlten Äonen endet das Geräusch des über das Papier gleitenden Stifts und der Zettel offenbart mir die Zeilen:

Wahrheit durch Freiheit

Sicherheit durch Transparenz

Gerechtigkeit durch Fairness

Glaubst du an die Lügen?

Deine Zeit läuft ab!

Rom

Die schockierenden Widersprüche meiner Situation werden mit bewusst. Während Schweiß meinen Rücken hinunterläuft, sitze ich in meinem Sessel und fühle mich gefangen in einem zeitlosen Raum voller Stille. Unterbewusst befreie ich mich aus meinem ankettenden Sessel und lege mich ins Bett. Obwohl ich erneut einen Gedächtnisriss erlebe, stehe ich erstaunlich ausgeruht auf. Doch auf einmal bekomme ich es mit der Angst zu tun, existiert der Zettel tatsächlich oder war alles nur ein schlechter Traum? Zitternd bewege ich mich zum Schreibtisch und erkenne dort die Umrisse des Papiers, doch ich wage nicht, einen Blick darauf zu werfen. Also war es kein Traum, sondern Realität. Ich erkenne die Wörter und bleibe für einen Moment regungslos. Ich rase aus dem Zimmer und bereite mir mein Frühstück schlampig zu.

Wie soll es weitergehen? Am besten wäre es, den Zettel zu verbrennen, zum Arzt zu gehen und nie wieder daran zu denken. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Zurück in meinem Zimmer, nehme ich ein Feuerzeug und bewege mich vorsichtig zum Schreibtisch. Zögernd strecke ich meine Hand aus, aber ab einem gewissen Punkt schaffe ich keinen Millimeter mehr. Etwas hindert mich daran, dieses Stück Papier zu vernichten. Mit letzter Kraft lege ich das Feuerzeug auf dem Tisch, greife mit beiden Händen nach dem Zettel und lege ihn in die Schublade. Wieder in der Küche, denke ich über mein weiteres Vorgehen nach. Da ich es ja offensichtlich nicht schaffe, das Papier zu vernichten, muss ich eine andere Möglichkeit in Erwägung ziehen. Zurück im Zimmer öffne ich die Schublade und in einem kurzen Moment vollen Bewusstseins betrachte ich die einzelnen Phrasen genauer. Ich weiß, dass ich mich nicht vor meinen Ängsten verstecken kann. Ich schreibe auf ein Blatt vier Fragen, mit denen ich konfrontiert bin:

„Wie stelle ich mir meine Zukunft vor?

Welche Berufsmöglichkeiten habe ich wirklich, nachdem die Schule abgeschlossen sein wird, oder gibt es irgendein Studium, welches mich interessiert?

Wie frei ist der Zugang zu neutralen Informationen?

Welche Türen stehen mir offen und welche könnte ich mir durch einen Beruf oder ein Studium zusätzlich öffnen oder versperren?“

Auf die Rückseite des Zettels schreibe ich die Regierungsparolen und die zwei markanten Liedphrasen. Trotzdem baut sich vor mir ein Enigma auf: Warum habe ich das Wort „Rom“ vorhin mit Graphit aufgeschrieben? Mein Grundwissen über die Antike ist meiner Meinung nach sehr gut und das geliehene Buch prahlt nicht mit bahnbrechenden Neuigkeiten. Um meine Verunsicherung abzumildern, schreibe ich auf der Seite mit den vier Fragen in eine Ecke klein das Wort „Rom“. Außerdem nehme ich mir vor, dass ich das Buch erneut durchgehen werde, vielleicht habe ich ja etwas Wichtiges übersehen. Daraufhin hänge ich das zuletzt beschriebene Blatt an die Wand vor meinem Schreibtisch. Ich spüre, wie eine schwere Last von meinen Schultern genommen worden ist.

II

Ich unternehme einen kurzen Spaziergang durch den Erholungspark, der direkt an unser Wohnviertel grenzt. Obwohl ich schon mein ganzes Leben in dieser Stadt verbracht habe, ist mir nie die bezaubernde Schönheit dieses Parks aufgefallen. Man geht hier auf einem gepflasterten Weg eine Allee entlang, nimmt die Düfte von Zirben und Blumen wahr und der Schwefel ist kaum noch zu bemerken. Es gibt immer wieder Sitzmöglichkeiten und den Mittelpunkt des Parks bildet ein prachtvoller, im gotischen Stil gehaltener Springbrunnen. An warmen Tagen hat man durch den See eine angenehme Möglichkeit zum Abkühlen, wobei sich am Horizont die Umrisse der Gebäude abzeichnen. Der Lärm des Straßenverkehrs wird durch singende Vögel und das Geschnatter von Enten, Gänsen und Schwänen überdeckt. Kurz vor der Grenze zum Wohnviertel gibt es sogar einen Spielplatz. Auf einer Bank sitzend, rufe ich mir alte Aussagen in Erinnerung und denke, wie man darauf kommen kann, die Meinung zu vertreten, dass alles nur eine schöne Fassade sei und man erst das wahre Gesicht der Stadt sieht, wenn man zu lange im Industriegebiet gearbeitet habe. Erst dann erkenne man das wahre Gesicht der Regierung und deren scheinbare Transparenz. Anscheinend brauchen die was zu reden und erkennen nicht, in welchem Wohlstand wir doch leben.

---ENDE DER LESEPROBE---