Global Gardening - Christiane Grefe - E-Book

Global Gardening E-Book

Christiane Grefe

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Beschreibung

Autoreifen aus Löwenzahn, Plastik aus Kartoffeln, Sprit aus Zucker oder Flugkerosin aus Algen: von einer »wissensbasierten Bioökonomie« erhoffen sich deren Förderer Lösungen für die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts. Wie können in Zeiten des Klimawandels immer mehr Menschen von immer weniger Ressourcen mit Nahrung, Energie und Materialien zugleich versorgt werden? Dabei konkurrieren Getreide und Futtermittel, Energiepflanzen, Fasern und Naturlandschaften für den Erhalt der Biodiversität schon jetzt um Flächen, Wasser und Boden. Wer in Ministerien, Konzernlaboren und Biotechnologie-Startups nachfragt, stößt auch auf andere Interessen: an neuen Forschungsgeldern, Produktideen, Märkten und der Sicherung der Ressourcen in Entwicklungsländern. In Zukunft soll die synthetische Biologie Lebensformen neu konstruieren. Ist Bioökonomie also ein »totalitärer Ansatz«, wie Kritiker warnen oder sind neue Technologien sinnvoll? Wie müssen sich Handelsregeln, Forschungspolitik und Agrarsubventionen ändern, damit globale Vielfalt erhalten bleibt? Und wer entscheidet darüber? Die Journalistin Christiane Grefe ist diesen Fragen nachgegangen, hat mit Politikern gesprochen, mit Ökologen, Naturschützern und Bauern. In spannenden Reportagen, Streitgesprächen und Analysen zeigt sie die Risiken wie die Chancen der Bioökonomie – und wie nötig eine Debatte darüber ist, welche Natur wir in Zukunft wollen.

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Seitenzahl: 445

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Christiane Grefe

GLOBALGARDENING

Bioökonomie – Neuer Raubbauoder Wirtschaftsform der Zukunft?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

INHALT

VORWORT

1 DIE BIOMASSENBEWEGUNG

Eine politische Geschichte der Bioökonomie

– »Peak Everything«: Die zentrale Herausforderung der Bioökonomie

– Von der Gentechnik-Promotion zum nachhaltigen Ressourcenmanagement

– Teufel versus Beelzebub: Wie nachhaltig ist die Bioökonomie?

– Begriffsgrabbing: Wie die Bioökonomie mal gedacht war

– Welche Technik, welche Agrikultur, welche Natur?

2 MEHR MIT WENIGER

Laborbesuche: Bioökonomie als technologische Verheißung

– Die Inventur der Natur: Organismen werden zu »Zellfabriken«

– Mikroben im Einsatz: Lecker Snacks und lecker CO2

– Monsanto will grün werden? Die Nachhaltigkeitsrezepte der Agrarkonzerne

– Drohnen über dem Acker: Der Höhenflug der Präzisionslandwirtschaft

– Die Tempomacher der Bioökonomie: Big Data beschleunigt Big Biotech

– Ingenieure des Lebens: Die neuen Verfahren der Gentechnik

– »Hope, Hype and Fear«: Die Synthetische Biologie wirft ihre Schatten voraus

– »Erst Malaria heilen, dann den Klimawandel«: Weltrettung aus Kalifornien

Leuchtendes Beispiel? …Besuch bei den Biohackern vom Glowing Plant-Projekt

– Kaskadennutzung: Bioraffiniert?

– Der Traum vom Perpetuum mobile

Streitgespräch: Das Leben bahnt sich seinen WegPetra Schwille versus Andreas Weber über Synthetische Biologie und die Natur des Lebens

3 KOHLENSTOFFBLASEN, STAPELPESTIZIDE UND CORPORATE IDENTITY-OMELETTS

Zehn Thesen, warum die Bioökonomie trotz des billigen Öls ein Thema wird

  1 Regierungen wollen sicher gehen

  2 Nachhaltigkeit wird zum globalen Mainstream

  3 Fossile Energien werden entwertet

  4 Wachstum, Wachstum, Wachstum (natürlich grünes …)

  5 Die Nahrungsmittelindustrie hat Hunger

  6 Rohstoffe werden knapp

  7 Das industrielle Agrarsystem ist am Anschlag

  8 Die Angst vor der Öffentlichkeit

  9 Forschungs- und Fördertöpfe locken

10 Jobs schaffen in entvölkerten Agrarregionen

– Eine »neue Storyline« fürs Agrobusiness?

4 DASSELBE IN GRÜN?

Kritische Fragen an die Bioökonomie

– Ein Waschmittelhersteller als Prügelknabe: Wie riskant ist Synthetische Biologie?

– Neue Konkurrenz für Kleinbauern?

– Wissen die modernen Alchemisten, was sie tun?

– Freie Fahrt für »gentechnikfreie Gentechnik«?

– Vorsorge oder Wirtschaftsfreiheit?

– »Große grüne Konvergenz«: Formiert die Bioökonomie neue Wirtschaftsmacht?

– »Healthy Ageing«: Technologie statt Sozialpolitik?

– Alles gebacken?

– Biobasierte Nachhaltigkeitssimulationen?

– Ressourcenschonend oder ressourcenblind?

– »Saison für Landjäger?«

Stummer Frühling in Mecklenburg-VorpommernVon Michael Succow

– Der letzte Strohhalm

– 154,09 Euro für ein Blaukehlchen: Die Ökonomisierung der Natur

– Wertschöpfung versus Schöpfung

Streitgespräch: Da ist Macht unterwegsStreitgespräch: Franz-Theo Gottwald vs. Carl-Albrecht Bartmer über Staat und Wissenschaft, die Chancen und Risiken der Bioökonomie und die Eigenrechte des Lebens

5 ICH ZEIG DIR MEIN GELD

Der Streit um die Erneuerung der »alten Bioökonomie« in Entwicklungsländern

– Folgenreiche Fehler: Die Hybris der Entwicklungspolitik

– Das Biospritwunder, das keins war

– »Sexy Africa«: große Korridore, große Ergebnisse, große Sprünge nach vorn?

– Philantropischer Kolonialismus

Bauernsterben

– Moringa, Malabar und Matembele: Biogemüse oder Biofortifizierung?

– Energieberatung im Miombowald

– Ein großes Bioökonomie-Forschungsprojekt für kleine Lösungen

6 WENIGER IST MEHR

Die Bioökonomie von unten

– Die Vögel sind wieder da: Wie die Landwirtschaft zugleich produzieren und regenerieren kann

– Tradition wird modern: Wie Bauern und Wissenschaftler zusammenarbeiten

– Die neuen Stadt-Land-Koalitionen

– Politiker fördern Ernährungs-Initiativen

– Die permanente Wiederauferstehung: Kreislaufwirtschaft funktioniert am besten dezentral

– Nichts gegen Technik

– Bürger denken mit: Die Forschungswende

– Die Mühen der demokratischen Ebene

Streitgespräch: Die Vermessung der NachhaltigkeitBenedikt Härlin versus Juan Gonzalez-Valero über die Zukunft der globalen Landwirtschaft

Streitgespräch: Stimmt die Chemie?Hermann Fischer versus Jörg Rothermel über Bioraffinerien, die Zukunft der Chemie und die Chancen dezentraler Vielfalt

7 WERDEN SIE GÄRTNER …

Regeln für nachhaltige Bioökonomie

– Aktuelle politische Baustellen

– »Klingt gut, ist aber gefährlich«

– Das Herz der Bioökonomie muss Gerechtigkeit sein«

 

Anmerkungen

Literaturauswahl

Dank

» Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet.«

Michael Succow, Moorforscher und Naturschützer

VORWORT

Das erste Buch, an dem ich mitgeschrieben habe, war dem »Big Mac« auf der Spur. Woher kommen eigentlich die immer gleichen Zutaten? Das wollten wir Autoren wissen, als McDonald’s in den 1980er Jahren nach Europa expandierte und noch nicht im Traum daran gedacht hätte, mal einen Bioburger zu servieren. Schon damals wurden wir bei unserer Recherche mit Problemen konfrontiert, mit denen die Welt heute in ungleich größerer Intensität und Verwobenheit ringt: Entwaldung, Artenschwund, Einheitszuchtbullen, Gentechnik, Pestizidduschen, Expansion der Futterpflanzen, Landflucht der Kleinbauern. Das zu erzählen, soll daran erinnern: Diese Dramen haben lange Schatten.

In jenen 1980ern las ich auch erstmals Texte zur »Bioökonomie«. Mit diesem Begriff hatten Ökonomen in den USA eine Wirtschaftsweise beschrieben, die sich auf der Grundlage der Sonnenenergie in ökologische Grenzen fügen und vom permanenten Wachstumszwang befreien sollte. Da bedeutete Bioökonomie, die ökonomischen Entscheidungen an den unausweichlichen Rahmen der Naturgesetze zu binden und nach sozial bereichernden Möglichkeiten in der Selbstbegrenzung zu suchen.

Kaum nötig zu erwähnen, dass daraus – außer neuen Photovoltaik- und Windkraftanlagen – erst mal nichts wurde. Wahrscheinlich wären wir heute weiter bei der dreifachen Herausforderung, den Klimawandel zu bekämpfen und zugleich trotz schwindender Ressourcen in Zukunft neun Milliarden Menschen mit allem zu versorgen – wären nicht die neoliberalen Jahrzehnte dazwischengekommen, in denen solche Denkansätze erst einmal verschwanden.

Und jetzt ist die Bioökonomie wieder da. Von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt, macht sie seit einigen Jahren in den USA und Europa und zunehmend weltweit politische Karriere. Sie ist also nicht mehr nur das Projekt einer Handvoll grüner Außenseiter. Im Gegenteil: Nun treiben Politiker und Manager in Industrie- und Regierungsetagen die Bioökonomie voran, weltweit, von Washington über Brüssel bis Berlin, von São Paulo bis Pretoria. Und wenn sie von ihr reden, dann greifen sie tief ins Repertoire politischer Superlative: »Wirtschaftsform des 21. Jahrhunderts«, »neue Welle zur Globalisierung der Wirtschaft«, »nächste Stufe der industriellen Revolution«. Ja, einige stellen ihre Vision tatsächlich mit der neolithischen Revolution, der Agrarrevolution und der industriellen Revolution in eine Reihe; also mit Menschheitssprüngen, die von technologischen Innovationen, aber auch enormen gesellschaftlichen Umbrüchen begleitet waren. Ein Grund, genauer hinzuschauen bei einem schillernden und spannungsgeladenen Begriff beziehungsweise dem Projekt, für das er steht.

Im Jahr 2010 war mir der Begriff Bioökonomie erstmals wieder begegnet – allerdings erkannte ich ihn da kaum wieder. Als Bioökonomie propagierten Politiker und Wissenschaftler nun die »wirtschaftliche Nutzung biologischer Erkenntnisse« mit dem Ziel, fossile Ressourcen zu ersetzen. Aus der übergreifenden Theorie einer ökologischen Wirtschaftsweise war eine PR-Floskel geworden, um unter einem neuen, populär klingenden Schlagwort Forschungsgelder für die Biotechnologie und die umstrittene Gentechnik zu mobilisieren und der Landwirtschaft neue Absatzquellen zu erschließen. Vielen Umweltschützern galt und gilt der Begriff schon deshalb als »verbrannt«, wie ein Beamter im Umweltministerium formuliert. Doch die Bundesregierung trieb das Projekt weiter voran, mit einem ständig sich wandelnden und wachsenden Radius der Ziele.

Heute gilt die Bioökonomie, kurz gefasst, als jener Teil der »Green Economy«, der biogene Ressourcen nutzt. Der Begriff schließt die gesamte Ernährungspolitik und -wirtschaft ein und entscheidet über nicht weniger als den Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. So wird die Bioökonomie als Dach über sämtlichen Wirtschaftsbranchen und -sektoren beschrieben, die aus Tieren, Wald- und Ackerfrüchten, Fischen, Mikroorganismen und Algen Produkte herstellen. Eine große Effizienzrevolution soll sie in Gang setzen, und das zugleich bei allen »Sechs F«: Food, Feed, Fuel, Fiber, Flowers & Fun – so schön knapp wie im Englischen kriegt man es auf Deutsch kaum hin. Alle Dinge, die uns ernähren, kleiden, fortbewegen und pflegen, aus denen wir Häuser bauen und Alltagsgegenstände herstellen, sollen zunehmend aus biologischen Quellen hergestellt und mit biologischem Wissen optimiert werden. Dabei wird nach Antworten auf komplexe Fragen gesucht: Wie lassen sich Pflanzen und Flächen für Lebensmittel, Futtermittel, Treibstoffe, Papier und Fasern, Blumen und Erholungsgebiete am zielstrebigsten und mit möglichst großer Ausbeute nutzen? Kann »Biomasse«, der Stoff der Bioökonomie, wundersam vermehrt werden, indem alles technologisch (vor allem biotechnologisch) ergiebiger gemacht und vielfältiger verwendet wird; und das, so die jüngste Ausweitung der Definition, in möglichst geschlossenen Kreisläufen? Die Überschrift für all dies lautet, wie könnte es anders sein: Nachhaltigkeit. Doch mehr noch betonen Regierungen und Industrien die Chancen für Innovationen, neue Produkte und Wirtschaftswachstum. Bioökonomie: Das klingt nicht nur metaphorisch, sondern ganz konkret nach der Hoffnung, jetzt aus Stroh Gold zu machen. Mit der Wachstumskritik der Bioökonomie aus den 1980ern haben diese weiterhin ausgreifenden Konzepte wenig gemein. So bleibt nicht nur der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker einigermaßen erstaunt über die »Usurpierung eines sexy Begriffs«. Doch er macht weiter Karriere, und das stachelte meine Neugierde an.

Immerhin planen die Regierungen mit einiger Kühnheit etwas Richtiges: Sie wollten, so begründen sie ihre Vorstöße, die Forschungs-, Agrar-, Wirtschafts-, Verbraucher- und Entwicklungspolitik beim Thema (Bio-)Ressourcen nicht mehr neben- oder gegeneinander agieren lassen, sondern miteinander im Einklang auf Nachhaltigkeit trimmen. Das ist umso wichtiger nach dem politisch bedeutsamen Jahr 2015, in dem sich die Weltgesellschaft auf Klimaschutz-Verpflichtungen und universelle nachhaltige Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals) geeinigt hat. Denn nun gewinnt die Diskussion an Fahrt: Und wie, bitte, machen wir das? Wie setzen wir diese Ziele um?

Schließlich wuchs mein Interesse angesichts der Milliardensummen, mit denen die Bioökonomie vorangetrieben wurde und wird. Wer und was steckt hinter dem Begriff: immer noch die Gentechnik, wie manche Umweltschützer unterstellen? Ein thematisches Sammelsurium? Oder tatsächlich, wie in den 1980ern, wieder die Suche nach einer zukunftsweisenden Form des Wirtschaftens, die den Begriff Ökologie im Sinne des gemeinsamen Haushaltens endlich ernst nimmt; zudem Forschung und Wissenschaft neu organisiert, sodass in einer Mischung aus Hightech, sozialer Einbindung und Demut vor der Natur zusammengedacht wird, was zusammengedacht gehört?

Denn wichtig wäre es, die Nutzung biologischer Ressourcen systemisch zu sehen; im »Nexus« also miteinander verbunden. Jeder Hektar Land kann schließlich nur einmal bewirtschaftet werden, für Wald, Getreide, Algen oder Fischteiche; für Nahrungsmittel, Energie, Textilien, Baumaterialien, chemische Grundstoffe oder Pharmazeutika; für Industriegebiete, Städte oder Naturschutzgebiete.

In diesem Sinne wäre die Bioökonomie der Überbau der Green Economy und nicht ein Teil von ihr. Und sie nähme übergreifende Fragen in Angriff: Wie werden alle Menschen ohne fossile Grundstoffe mit allem versorgt und auch noch gesund ernährt? Wie können die Sektoren und Branchen, Stadt und Land noch besser kooperieren, um Ressourcen klüger zu nutzen? Welche Rolle kann Technologie dabei spielen; vor allem: welche Technologie? Aber auch: Wo ist Technologie bloß das Ablenkungsmanöver, um einen radikaleren Wandel in Richtung einer verbrauchsärmeren Gesellschaft zu vermeiden? Tatsächlich steht die Bioökonomie im Zentrum der wichtigsten Frage, deren Bedeutung jeden Tag wächst: Wie geht die globale Gesellschaft mit dem begrenzten Land um, auf dem sie lebt, und wie mit der Natur insgesamt? Oder, pathetischer gesagt: Mit welcher Art des Wirtschaftens und Konsumierens bestellen wir den Garten Eden? Und: Wer entscheidet darüber? Entscheiden die Wissenschaftsministerien oder die Forschungsabteilungen von Monsanto, Nestlé, BP, Evonik und BASF? Sind es neue kalifornische oder baden-württembergische Biotech-Unternehmen? Regierungsagenturen in Malaysia? Globale Agrarspekulanten? Die Bill & Melinda Gates Foundation – oder Naturschützer? Großfarmer, Kleinbauern, Biobauern, Köhler in afrikanischen Wäldern? Die Hersteller von Biogasanlagen? Bioökonomieräte? Die Konsumenten, die Bürger? Einige dieser Menschen und Institutionen habe ich besucht, habe mit Beamten und Managern gesprochen, bei Wissenschafts- und NGO-Kongressen zugehört, mich in Firmenlaboren und Dörfern umgeschaut und Gutachten gelesen, um zumindest Ausschnitte des faszinierenden und komplexen Feldes zu erkunden.

Zunächst werde ich die Entwicklung der Bioökonomie-Politik erzählen. Im zweiten Kapitel geht es um einige ihrer wichtigsten technologischen Ansätze, im dritten um ihre aktuellen Antriebskräfte. Das vierte Kapitel diskutiert die umfängliche Kritik an dem Bioökonomie-Konzept; das fünfte schaut auf ihre Bedeutung für Entwicklungsländer. Kapitel sechs skizziert Gegenbilder zu den vorherrschenden technologie- und produktorientierten Konzepten. Danach sollen einige Synthesen aufgezeigt werden – und die strittigsten Zielkonflikte, die zu lösen Aufgabe der Bioökonomie-Politik wäre. Schließlich werden Ansätze für politische Regeln vorgestellt sowie die Frage, wer über sie entscheidet. Einige Kontroversen der Bioökonomie habe ich darüber hinaus in vier Streitgesprächen eingefangen: zur deutschen Bioökonomie-Politik, zur Synthetischen Biologie, zur Förderung von Kleinbauern in Entwicklungsländern und zum grünen Umbau der chemischen Industrie.

Eine Warnung vorab: Wo so viele unterschiedliche Dimensionen und Branchen, Länder und Disziplinen einbezogen sind, da geht es nicht ohne Mut zur Lücke. Leider kann man nicht mit jedem reden, nicht überall hinreisen. Viele Aspekte, von denen jeder Einzelne ein Buch wert gewesen wäre, sind deshalb nur kurz erwähnt; wichtige Länder wie Brasilien, wichtige Themen wie der Wald, die Tier- oder Fischzucht kommen kaum vor, und manchmal wird es etwas sprunghaft quer durch den Globus gehen. Ein derart breit übergreifendes Thema kann man überdies aus unzähligen Perspektiven betrachten. Mein Fokus ist die Politik und jener Teil der Wirtschaft, der bei aller Breite der Bioökonomie-Aktivitäten stets in ihrem Zentrum bleibt und mitten in großen Umbrüchen steht: die Landwirtschaft. Vieles an der Bioökonomie ist zudem in frühen Stadien der Forschung, die Politik ändert sich laufend. Es wird also in diesem Buch weniger Antworten geben als Fragen. Doch ich hoffe, es sind die richtigen; solche, die Anstöße für Debatten geben.

Green Economy, Blue Economy, Grünes Wachstum, Kreislaufwirtschaft, industrielle Ökologie: Es herrscht kein Mangel im Wettbewerb der Begriffe für den notwendigen Wandel in Richtung eines nachhaltigen Wirtschaftens. »Bioökonomie« aber holt uns, richtig verstanden, am konkretesten wieder auf den Boden runter, im wahrsten Sinne des Wortes.

1 DIE BIOMASSENBEWEGUNG

Eine politische Geschichte der Bioökonomie

Da steht er, der Rennwagen der Zukunft. Knallgelb und froschgrün, schnittige Heckspoiler, die kompakte Front gelackt wie ein Siegergrinsen. Im Dunkel des Ausstellungsraums in Berlin Mitte leuchten Scheinwerfer die geballte Kraft aus, die ein 2000 Kubikzentimeter-Hubraum verheißt. Nein, nach Öko sieht dieses Gefährt nicht aus, das von einem Journalistenpulk und gleich zwei Bundesministern umringt ist; der Forschungsministerin Johanna Wanka und dem Agrarminister Christian Schmidt. Bei so viel politischer Prominenz haben die Frontmänner des Reutlinger Rennstalls Four Motors persönlich die Präsentation ihres »Bio-Flitzers auf VW-Scirocco-Basis« übernommen. Thomas von Löwis, der Chef des süddeutschen Teams, und der rennbegeisterte Rapper Smudo von den Fantastischen Vier erklären abwechselnd, was in diesem Rennwagen steckt.

Biopolyamid zum Beispiel, daraus sind Ansaugrohr und Kraftstoffleitung gefertigt. Motorhaube, Heck und Türen wurden mit einem Verbundmaterial aus Naturfasern wie Flachs und Harz verstärkt. Auch Scheinwerfer und Motorteile enthalten thermoplastische Werkstoffe auf Pflanzenbasis. Smudo klappt die Motorhaube wieder zu und fährt fort: Im Vergleich mit Stahl und den üblichen fossilen Kunststoffen bringen die grünen Materialien das Gewicht des Rennwagens um 67 Kilo herunter. Das senkt den Spritverbrauch und damit CO2-Emissionen. Außerdem fährt dieser »Bioconcept-Car« mit Kraftstoff aus Rapsöl. Von null auf hundert in nur sechs Sekunden!

Entwickelt haben Materialforscher der Hochschule Hannover den ökoavantgardistischen »Scirocco«. Die Bundesregierung förderte das Projekt über ihre Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe, damit an diesem Prototypen ökologisch integre Baustoffe für das »Auto der Zukunft« erprobt würden. Theoretisch, erklären Smudo und von Löwis, könnten heute schon 60 Prozent eines jeden Serienfahrzeugs aus Materialien gefertigt werden, deren Grundstoffe auf dem Acker gewachsen sind. Von solch erdigen Ursprüngen weit entfernt, stellen sich Wanka und Schmidt in Positur für die Fotografen. Klick!

Man kann das Foto, das die beiden Minister mit dem »biobasierten Prunkstück« zeigt, auf verschiedene Weise betrachten. Für die Förderer der Bioökonomie, die sich im Sommer 2014 in Berlin versammelt haben, ist es ein Sinnbild für grenzenlose technische Innovationsfähigkeit. Donnerwetter, selbst so ein Geschoss kriegen wir heute bio hin! Wirtschaftswachstum auf der Basis eines durch Züchtung optimierten Pflanzenwachstums und deutschen Erfindergeistes: Das gilt hier als Formel 1 der Nachhaltigkeit. Auch mit Fortschritten wie diesem soll die »Große Transformation« zu einer klima- und ressourcenfreundlichen Gesellschaft weltweit gelingen. Und Deutschland bleibt Exportweltmeister.

Man kann das Bild aber auch ganz anders sehen: als Nachhaltigkeitsselbstbetrug. Aha, dasselbe in Grün. Um den Status quo der Konsumkultur – größer, weiter, schneller, mehr – noch einmal verlängern zu können, wird die Ausbeutung der ohnehin strapazierten Natur womöglich noch weiter verschärft. Es reicht aber doch nicht, nur ein bisschen nachhaltiger zu produzieren und einzukaufen. Biositze, Biotüren, Bioauspuff, Biosprit, toller Fortschritt – wenn er in Biobussen und -zügen als Teil einer umfassenden umweltpolitischen Wende geschieht, die weg vom Auto auf deutlich verbesserte öffentliche Verkehrssysteme zielt!

Unbeabsichtigt wird die politische Inszenierung also zum Symbol für die Kontroverse, die mehr und mehr in den Mittelpunkt der politischen Debatten gerät: Ist grünes Wachstum die Lösung? Wer oder was soll wachsen? Wie sonst sähe eine ökologisch verträgliche Zukunft aus? Oder noch einfacher: was ist nachhaltig; was ist grün? Es ist eine Debatte, die immer komplexer wird, aber auch unausweichlich. Denn grün: Das sind ja, zumindest rhetorisch, heute irgendwie alle. Eines der zugleich chancenreichen wie bedrohlichen Streitfelder dieser Debatte ist die Bioökonomie. Als gigantisches Technologieprojekt handelt sie zugleich davon, wie gut oder schlecht der Mensch seine Rolle als globaler Gärtner spielt.

Diese Rolle haben ihm der Klimaforscher Paul Crutzen und sein Koautor Christian Schwägerl zugeschrieben, und ihrem Begriff ist der Titel dieses Buch entlehnt.1 »Anthropozän«: So beschrieb Crutzen jene Ära, in der kein Baum, Vogel oder Fisch, keine Mikrobe auf diesem Planeten mehr lebt und keine Wolke mehr fliegt, ohne von der allgegenwärtigen Spezies beeinflusst zu werden. Mit medizinischen Fortschritten und dem daraus resultierenden Bevölkerungswachstum, mit Agrar-, Informations- und Produktionstechnologien haben die Menschen in den letzten beiden Jahrhunderten beschleunigt ihren Ausgriff auch auf die letzten Wälder und Meere erweitert.

»Nature is over«, entschied einmal das TIME Magazine. Das stimmt natürlich nicht, denn Homo sapiens wird die Natur niemals beherrschen; er ist ja selbst ein Teil von ihr. Und doch muss er sie heute im globalen Maßstab managen. Er tut es ohnehin, bewusst oder unbewusst, geplant oder ungeplant, egal, ob er pflanzt, isst, Straßen oder Häuser baut oder Blumen in einer Vase arrangiert. Mit seinen Wirtschafts-, Konsum- und Ernährungsweisen bestimmt er mehr denn je über die Gestalt der ökologischen Systeme. Dabei kann er der Hüter ihrer Vielfalt werden – oder ihr Ausbeuter bleiben und damit um kurzfristiger Interessen willen seine eigenen Existenzgrundlagen wie die zahlloser anderer Lebewesen gefährden.

Derzeit erweist sich das vorherrschende, weltweit ausgreifende Wirtschaftssystem als zerstörerisch und der globale Gärtner als »Verbündeter der Wüste« (Carl Amery)2. Wie also legen wir den Weltgarten so neu an, dass er jeden einzelnen Erdenbürger gut ernähren und mit allem versorgen, sich aber zugleich immer neu regenerieren kann? Als Großplantage und Rohstofflager für Designer-Pflanzen; daneben vielleicht hübsche Rückzugsräume, ein bisschen echte oder rekonstruierte Wildnis? Schaffen wir »künstliches Leben«, künstliche Äcker, ganz neue Landschaften und Ökosysteme? Rekonstruieren wir die alten, vertrauten; ein globales Puzzle vielfältiger Agrikulturen? Machen wir aus den Städten grüne Paradiese »guten Lebens« durch Urban Gardening? Die Bioökonomie steht im Mittelpunkt all dieser Zukunftsfragen.

Ihr Kernziel sei, die »wissensbasierte Erzeugung und Nutzung nachwachsender Ressourcen, um Produkte, Verfahren und Dienstleistungen in allen wirtschaftlichen Sektoren im Rahmen eines zukunftsfähigen Wirtschaftssystems bereitzustellen«,3 so lautet die offizielle Definition der Bundesregierung. Alles was wächst und lebt, soll mit Hilfe einer Vielzahl neuer Technologien besser erforscht und effizienter, intelligenter, gesünder, mit neuen Eigenschaften und Vorteilen für die Verbraucher genutzt werden. Dabei will die Bioökonomie zugleich die ökologisch schädlichen Folgen des Wirtschaftens begrenzen, ja beseitigen. Ihr Ziel ist es, fossile Rohstoffe zu ersetzen. Und das heißt auch: riskante Agrargifte und Ressourcen zu sparen, die Ernährung verantwortungsvoll zu verändern, dem Klimawandel entgegenzuwirken, Ackerbau und Viehzucht tief greifend umzugestalten.

Das Thema ist nicht neu, doch es gewinnt an Fahrt: Erstmals diskutieren bei der Konferenz 2014 in Berlin 500 Vertreter der Energie- und der Agrarbranche, kleiner und riesiger Chemie- und Nahrungsmittelunternehmen, Beamte, Umweltschützer und vor allem Wissenschaftler vor einer breiteren Öffentlichkeit darüber, wie man eine solche Wirtschaftsstrategie zur Entfaltung bringen kann. Beim Global Forum for Agriculture, einem internationalen Agrargipfel, den die Bundesregierung jedes Jahr am Rande der Grünen Woche veranstaltet, verabschieden Anfang 2015 70 Agrarminister ein Communiqué, in dem sie die Bioökonomie als Entwicklungsmodell begrüßen.4 Und sie wird immer höher gehängt: Im Herbst 2015 lädt der Bioökonomierat, ein Beratungs-Think-Tank, den die Regierung berufen hat, unter der Schirmherrschaft der Kanzlerin die Welt zum ersten internationalen Bioökonomie-Kongress (Global Bioeconomy Summit) ein. Die über 700 Gäste reichen von Regierungsvertretern über den päpstlichen Gesandten bis zum chinesischen Genforscher, dessen Institut Schweine für die Herstellung von Medikamenten klont.

Auch Hochschulen, Bundesländer wie Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg sowie einige Regionen schreiben sich die Bioökonomie bereits auf die Fahnen. Nicht nur in Deutschland, auch in Finnland, den Niederlanden, Italien, Frankreich, der Europäischen Union, ja in aller Welt von Südamerika bis Südafrika gebe es eine »stürmische Entwicklung der Bioökonomie-Politiken«, sagt Joachim von Braun vom Bioökonomierat. Die Unterschiede sind zwar erheblich. Länder wie Brasilien oder USA mit ihren gigantischen Flächen haben völlig andere Voraussetzungen als Europas häufig kleingliedrige Landschaften. Asiatische Regierungen wie die Malaysias wollen mit dem Aufbau einer Biotech-Produktion vor allem im medizinischen Bereich den Weg vom Agrarland zum Industrieland schaffen; Kanada will seine Wälder noch produktiver nutzen und Skandinavier die Wertschöpfung ihrer Agrar- und Zellstoffindustrien steigern oder aus dem Meer noch mehr herausholen. Das gemeinsame Ziel aber sei, sagt von Braun, die »Biologisierung der Volkswirtschaft«. Bis Mitte des Jahrhunderts sollten 50 Prozent der Produkte auf biologischer Grundlage erzeugt werden. Diese Form des Wirtschaftens werde nicht weniger als »Mensch und Natur neu in Einklang bringen«.

In einer »umfassenden Neugestaltung des Wirtschaftssystems« soll eine ganze Vielzahl von Schlüsselbranchen rundum erneuert werden: Land- und Forstwirtschaft, Energie, Chemie- und Nahrungsmittelindustrie. Laut jüngsten Zahlen des agrarwissenschaftlichen Beratergremiums der Europäischen Union, SCAR, arbeiten in der EU in allen Bereichen der Bioökonomie rund 19 Millionen Menschen.5 Zwei Billionen Euro setzten ihre Branchen schon heute jedes Jahr um, behauptet die Kommission.6 Zwar ist diese Zahl womöglich bewusst hoch angesetzt, um das Thema aufzuwerten: »Da wird noch jeder Getränkekastenlieferant mitgezählt«, frotzelt Benedikt Härlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Doch sie zeigt die Breite des angestrebten Wandels, und auch einige Kritiker sehen »das neue große Ding« auf sich zukommen. Es herrsche »Goldgräberstimmung«, meinen etwa die Nichtregierungsorganisationen, die im »Forum Umwelt und Entwicklung« versammelt sind.7

Gemessen an einer so hohen Rhetorik wirkt die Konkretion weiterer »biobasierter« Produkte, die man in Berlin neben dem Bio-Rennwagen in Augenschein nehmen kann, noch etwas impressionistisch. Da wird ein Fahrrad aus Moso-Bambus, Hanffasern, Buchenholz und Kork vorgestellt. Dübel für die Bauindustrie sind aus Rhizinusöl, ein Föhn aus Biokunststoff. Bei der Modenschau »Milk & Sugar« führen junge Textil-Startups Klamotten aus Bananen-, Bambus- und Eukalyptus-Fasern vor, oder Kleiderstoffe aus Milcheiweiß, das aus nicht mehr verkehrsfähiger Rohmilch gewonnen wurde. Biotechnologen bauen aus nicht genießbarer Ziegenmilch reißfeste und dehnbare Spinnseide nach, um Fäden für OP-Nähte oder Textilien zu erzeugen. Farben kommen aus Mikroalgen, ein goldschimmerndes Hightech-Garn aus Weizenstroh, Sonnenbrillengestelle aus Holz.

Man fühlt sich an eine moderne Variante der mittelalterlichen Dreifelderwirtschaft erinnert. Damals war neben dem Getreide ein Teil des Ackers reserviert, um das Pferd als Energieträger zu füttern; auf einem anderen wurden Fasern zum Weben angebaut. Wird also die Primärwirtschaft, die lange aus dem Bewusstsein gedrängte Urproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse, auch in ihrer Bedeutung für die Volkswirtschaft wieder primär? Zurück zu den Wurzeln – jetzt aber mit neuen Mitteln?

Doch die Perspektiven der Bioökonomie reichen weiter. Auf pflanzlicher Grundlage sollen »bioraffiniert« Kraftstoffe für Fahr- und Flugzeuge entwickelt werden, die Erdöl vielleicht doch noch mit geringeren Emissionen ersetzen können. Grüne Baumaterialien, zum Beispiel aus dem von Natur aus faserverstärkten Holz, sollen global wachsende Städte klimafreundlich errichten, neue biotechnologische Verfahren und Materialien Umweltschäden und sozialer Ausbeutung in den Warenströmen der Weltgesellschaft entgegenwirken. Ein Gerbstoff zum Beispiel, der aus Olivenblättern gewonnen und optimiert wurde, könnte das hochgiftige Chrom ersetzen und künftig verhindern, dass die Armen in der Leder- und Schuhindustrie Bangladeschs weiter an Lungenschäden, Hautkrankheiten und Krebs erkranken. Diesen Wandel in Richtung einer Wirtschaftsweise, die von der Mobilität bis zur Ernährung »Nachhaltigkeit und Wachstum versöhne«, gelte es »zu beschleunigen und in der Breite zu verankern«, kündigt die Forschungsministerin Johanna Wanka an.

Schon die Event-Location »E-Werk«, ein früheres Umspannwerk der Hauptstadt, unterstreicht die Botschaft des Ministeriums: Das fossile Zeitalter lassen wir hinter uns. Bisher gründet unser Wohlstand auf Kohle, Gas und vor allem Erdöl. Doch künftig sollen sich alle Ressourcen- und Energiequellen erneuerbar wandeln. Wind und Photovoltaik werden dabei zwar die wichtigste Rolle spielen, doch auch Biomasse wird bedeutsam bleiben. Derzeit leistet sie in Deutschland mit 61 Prozent den größten Beitrag zur Endenergie aus erneuerbaren Quellen. Der hohe Anteil ergibt sich daraus, dass 87 Prozent der regenerativen Wärme aus Biomasse kommt, vor allem aus Holz. Beim Verkehr liefern Pflanzen sogar 91 Prozent der erneuerbaren Energie.8 Auch bei Materialien für Bau oder Kleidung setzt die Bundesregierung stärker auf biogene Ressourcen. Und in der chemischen Industrie: Da werden in Deutschland immer noch 71 Prozent der Grundstoffe aus Naphta und Erdölderivaten und 14 Prozent aus Erdgas erzeugt, und nur 13 Prozent stammen aus nachwachsenden Rohstoffen. Mit der Energiewende soll also nach dem Willen der Bundesregierung zugleich eine Chemiewende, eine stoffliche Wende, auch eine Agrar- und Ernährungswende gestaltet werden. Und nicht nur im eigenen Land, sondern in weltweitem Handels- und Technologieaustausch.

»Peak Everything«: Die zentrale Herausforderung der Bioökonomie

Wie dringlich der Abschied von den fossilen Energieträgern ist, das muss man nach dem klima- und nachhaltigkeitspolitischen Schlüsseljahr 2015 kaum mehr beschreiben. Der G7-Gipfel, die neuen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen, das UN-Klimaschutzabkommen: Nach Jahrzehnten, die viele politische Abkommen und Initiativen brachten und dennoch ökologischen Rückschritt, standen die großen Umweltkrisen mit gleich mehreren Großkonferenzen ganz oben auf der politischen Agenda.

Allem voran der Klimawandel, der immer noch im Futur beschrieben wird, dabei ist er längst bitter erfahrene Gegenwart. Ohne Ausnahme liegen die globalen Temperaturen seit den 1980er Jahren jeweils über dem Durchschnitt der Vorjahre. Ob in Pakistan, Indien oder Mosambik, ob in Kalifornien oder an der Elbe: In vielen Regionen erleben die Menschen Jahrhundertstürme, Jahrhundertdürren, Jahrhundertfluten in immer kürzeren Abständen. An die alten Bauernregeln kann man sich nicht mehr halten, weil saisonale Rhythmen wie Regenzeiten und Temperaturschwankungen von Indien bis Irland unberechenbar geworden sind. Auch Konflikte um schwindende Wasserressourcen sind bereits Realität. Viele Wissenschaftler sehen uns auf dem Weg zu einer Drei- oder Vier-Grad-Anarchie.

Um sie noch abzuwenden, fordert der Weltklimarat IPCC nicht mehr nur, CO2-Emissionen zu vermeiden, sondern der Atmosphäre sogar Kohlenstoff zu entziehen. Den größten Teil der Vorräte an fossilen Energieträgern müsse die Menschheit dort lassen, wo die Evolution sie deponiert hat: im Boden. Daran halten sich bislang zwar nicht mal die Staaten, die es sich leisten können, wie die USA oder Kanada. Im Gegenteil: Dort ist seit Jahren ein neuer fossiler Industrialisierungsrausch in Gang. Doch dass Öl und Gas mit gigantischem Aufwand aus dem Meeresgrund gepresst, aus tiefen Gesteinsschichten gesprengt, mit Helikoptern aus den entlegensten Dschungeln geholt oder in den Naturschutzgründen der Arktis gesucht werden muss, zeigt, dass der Peak Oil mit höchster Wahrscheinlichkeit hinter uns liegt. Selbst wenn jetzt der neue Klimavertrag von Paris die Kehrtwende einleitet: Noch setzen sich die unmittelbaren Umweltzerstörungen durch das Erdöl fort. Auch deshalb muss sich die Suche nach Alternativen zu den fossilen Quellen beschleunigen.

Das will die Bioökonomie, und es ist besonders heraufordernd bei dem innersten Stamm, der sie trägt: der Landwirtschaft. Wie sehr sie im Zentrum aller Krisen steht, bekam die Weltgemeinschaft 2007 zu spüren. Damals stiegen die Preise für Nahrungsmittel in unerwartete Höhen auch aus dem Grund, dass der hohe Ölpreis, niedrige Lagerbestände und Dürren in mehreren Weltregionen zusammentrafen. Kunstdünger und Agrarchemie auf fossiler Grundlage, energieintensive Landmaschinen: Alles wurde teurer. Regelrechte Hungerrevolten von Mexiko über Ägypten bis nach Indien rückten die Feldarbeit nach jahrzehntelanger urbaner Naturvergessenheit wieder ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Weltweit leiden zudem Bauern unter dem Klimawandel, aber die Agrarproduktion ist zugleich einer seiner wichtigsten Treiber. Mehr als ein Drittel der Treibhausgas-Emissionen gehen auf die Landwirtschaft und die Entwaldung zurück. Laut der Welternährungsorganisation FAO sind die Emissionen vom Acker allein zwischen 2000 und 2010 von 4,7 Milliarden Tonnen sogenannter CO2-Äquivalente um 14 Prozent auf 5,3 Milliarden Tonnen im Jahr 2011 gestiegen9 und seither immer weiter. Der Klimawandel sei »die Summe aller Fehler«, so hat es die indische Umweltschützerin Sunita Narain einmal formuliert, die Komplexität erfassend und doch ganz einfach. In der Landbewirtschaftung konnte man die Folgen dieser Fehler schon materiell in Augenschein nehmen und messen, lange bevor die unsichtbaren Zusammenhänge des Treibhauseffektes verstanden und offiziell anerkannt wurden. Es waren und sind Fehler wie die Entwaldung, der Mais- und Sojarausch für eine hochkonzentrierte Tierzucht, die Trockenlegung der Moore oder die Übernutzung der Böden, die an manchen Orten bis zu 16-mal schneller erodieren, als sie sich wieder erneuern können.

Und ein Gipfel nach dem anderen rückt näher: Peak Phosphor, Peak Boden, Peak Wasser, Peak Agrarland. Peak Forest: Auch Wälder schrumpfen noch immer, allein im Jahr 2014 gingen 18 Millionen Hektar verloren10 und damit ihre Fähigkeit, zu kühlen, Tausenden von Arten einen Lebensraum zu bieten und Wasser zu speichern. Bei vielen Ressourcen des Planeten sind die Grenzen überschritten. Der »Earth Overshoot Day«,11 zu deutsch: »Erdüberlastungstag«, an dem die Menschheit die ökologisch vertretbare Menge an Wasser, Biodiversität oder fossiler Energie in Anspruch genommen hat, wurde 2014 bereits im August markiert und 2015 wieder ein paar Tage früher. 795 Millionen Erdbewohner haben nicht genug zu essen; ja wahrscheinlich sind es mehr, denn die FAO hat ihre Schätzungen seit 2011 auch durch neue Berechnungsgrundlagen gesenkt. Mit welchen Anbaumethoden und Produkten, in welchen Versorgungsstrukturen sollen die ländliche Bevölkerung und die wachsende Zahl anspruchsvoller Städter von China bis Mexiko ernährt werden?

Für diese Herausforderungen wollen die Visionäre der Bioökonomie Lösungen finden, und zwar so, dass alle Wechselwirkungen gesehen werden: Der Mensch soll die Natur nachhaltig nutzen und dabei gleichzeitig Klima und Umwelt schützen. Der Fokus bei den Auswegen der Bioökonomie liegt auf neuen Technologien (Kapitel 2). So sollen Hochschulen und Saatgutkonzerne neue Sorten von Nahrungspflanzen entwickeln, die anspruchslos auf salzigen, trockenen oder verarmten Böden gedeihen. Die Landwirtschaft richten sie mit »Präzisionsfarming« neu aus, »Nutraceuticals« sollen Lebensmittel gezielt mit Nährstoffen anreichern. Andere Forscher experimentieren mit einer vegetarischen Ernährung, die nach richtigem Fleisch schmeckt.

Zudem wird weltweit mit Bioraffinerien experimentiert. Ähnlich wie Ölraffinerien, wandeln sie jedoch Feldfrüchte wie Mais, Weizen oder Zuckerrübe, dazu Abfälle in niedermolekulare Kohlenwasserstoffe um. Daraus werden Aromen für die Nahrungsmittelindustrie, Pflanzenfasern für Dämmstoffe, Möbel oder Kleidung, Ausgangsstoffe für Medikamente, die Kunststoff- und Plastikproduktion und andere Bereiche der Chemieindustrie zusammengebaut, und wie nebenbei soll zugleich CO2-frei Energie entstehen. Auch daran, dass diese Vision sich verwirklicht, arbeiten die Pflanzenzüchter im Vorfeld mit. Bei ihrer Suche nach den besten Sorten wählen sie nicht mehr nur die ertragreichsten aus, sondern Eigenschaften, die der späteren Verarbeitung nützen. Was die Natur nicht schon selbst im Repertoire hat, das soll auf biotechnologischem Wege von einer Art auf eine andere übertragen oder mit Methoden der »Synthetischen Biologie« im Labor optimiert werden.

Als Helfer für die »industrielle Biotechnologie« werden überdies die kleinsten Lebensformen entdeckt und zielstrebig umgebaut. Mikrobiologen erobern immer mehr Hefe-, Bakterien- und Pilzstämme und ihre Fähigkeiten wie einen neuen Kontinent. Solche Mikroorganismen sollen alles können: Insekten aus dem Feld verscheuchen, dem Boden oder dem menschlichen Darm mehr Abwehrkräfte verleihen, vergiftete Gelände sanieren oder Kohlehydrate in Treibstoff verwandeln. Beim »Pharming« will man billige Medikamente in Nutzpflanzen herstellen, aus Mikroalgen eine ganze Palette von Grundstoffen für die Chemie- und Ernährungsindustrie entwickeln. So umfasst die Bioökonomie – in den Ländern jeweils unterschiedlich gewichtet – alle Facetten der Biotechnologie und der Gentechnik: Die »rote« Biotechnologie im Bereich der Medizin; sie ist am weitesten fortgeschritten. Die »weiße« Biotechnologie, welche die Herstellung industrieller Produkte vielfältig optimieren soll. Schließlich die »grüne« Biotechnologie, also ihren Einsatz in der Pflanzenzucht. Die Bioökonomie reiche, sagte der belgische Bioökonomie-Forscher Erik Mathijs bei der Vorstellung des SCAR-Reports der EU in Brüssel, »von Parmaschinken bis Abfall, von Mais bis Mikroorganismus«.

Von der Gentechnik-Promotion zum nachhaltigen Ressourcenmanagement

Dabei erweist sich die Bioökonomie als eine Art Begriffschamäleon, das sich, getrieben vom Innovationsstreben privater Industrien, öffentlicher Wissenschaftsorganisationen und staatlicher Forschungs- und Wirtschaftslenkung, immer wieder an wechselnde Vorgaben anpasst. Ohne Bezug zur Vorgeschichte aus den 1980er Jahren definierten die Genetiker Juan Enriquez-Cabot und Rodrigo Martinez die Bioökonomie in den 1990ern bei einem Kongress in den USA erstmals ganz neu als »Bereich der Wirtschaft, der neues biologisches Wissen zu kommerziellen und industriellen Zwecken nutzt«. Der Name des Unternehmens, das Enriquez betrieb, spiegelt, wie sehr das biotechnologische Denken damals vorherrschte: »Biotechonomy«. 2004 nahm die EU-Kommission diesen Anstoß auf. Die Fortschritte der Lebenswissenschaften ließen die Vorhersage Wirklichkeit werden, »dass dies das Jahrhundert der Biotechnologie sein wird«, heißt es in Papieren aus jenem Jahr. Der neue Titel Bioökonomie überdeckte auch die in Europa so ungeliebte grüne Gentechnik-Forschung. Kritikern galt er deshalb als trojanisches Pferd für die umstrittenen »Life Sciences«. Zudem hatte gerade die »Wissensgesellschaft« politische Konjunktur. Im September 2005 legte daher der damalige Wissenschafts- und Forschungskommissar Janez Potočnik ein erstes Grundsatzpapier zur »Knowledge Based Bioeconomy« vor.12 Der »wissensbasierten Bioökonomie«.

Die »Kölner Erklärung« zur Bioökonomie, die auf einer Konferenz unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2007 formuliert wurde, trieb das Projekt weiter voran.13 Geradezu schwärmerisch wurde vor allem der industriellen Biotechnologie bei diesem Treffen am Rhein ein weltweites Umsatzvolumen von rund 300 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 und damit transformierender Einfluss auf ein Drittel der gesamten industriellen Produktion prophezeit. Seither gewinnt die Bioökonomie unaufhaltsam an Bedeutung, obgleich von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, »sozusagen klammheimlich«, wie der damalige Programmdirektor in der Generaldirektion Forschung und Spiritus Rector der Bioökonomie, Christian Patermann, in einem Aufsatz schreibt.14 Im EU-Rahmenprogramm von 2007 erhob Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Bioökonomie zu einem der zehn großen Forschungsthemen, mit 7 Milliarden Euro wurde sie unterstützt. Ein Jahr später wurde sie eines von sechs Kernprojekten seiner Initiative zur Förderung fortschrittlicher europäischer »Leitmärkte«. 2009 verlieh ihr die OECD mit einem großen Strategieentwurf Rückenwind und erklärte sie, nicht zuletzt unter dem Eindruck der Öl- und Nahrungsmittelpreiskrise der beiden Vorjahre, zum »Motor für eine ökologisch nachhaltige Produktion«.15 Im Jahr darauf unterstrich die Organisation der mächtigsten Wirtschaftsstaaten mit einer Tagung von Genomforschern und Bioinformatikern in Montpellier noch einmal ihre Hoffnung, dass ihre Disziplinen als »Schrittmacher einer effizienten Bioökonomie dienen« könnten. Modifiziert und optimiert werden sollten nach ihren Vorstellungen die Genome von Pflanzen und Tieren – und auch von Menschen, um Krankheiten zu bekämpfen und vorzubeugen.

Wenig später wurde in Jülich das erste bioökonomische Forschungszentrum in Europa gegründet. Getragen wird dieses »Bioeconomy Science Center« von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, den Universitäten Bonn und Düsseldorf und dem Forschungszentrum Jülich.16 Gemeinsam mit einer Vielzahl weiterer Forschungsinstitute arbeiten sie nach eigenem Bekunden an »nachhaltigen« Lösungen für die »großen Herausforderungen unserer Zeit«. Im Jülicher BioSC fließen die Arbeiten diverser Forschungs-Plattformen zusammen, etwa das Portfolio »Sustainable Bioeconomy« der Helmholtz-Gemeinschaft. Gleich fünf Helmholtz-Zentren wurden da mit einem Fraunhofer Institut, sieben Universitäten und dem Deutschen Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig zusammengeführt, »um das Biomassegeschäft wirtschaftlich, ökologisch und sozial nachhaltig zu gestalten«. 13,5 Millionen Euro steuert Helmholtz bei, alle anderen deckeln auf. Außerdem gibt es den Cluster für Industrielle Biotechnologie CLIB 2021, eine grenzüberschreitende Kooperation zwischen Nordrhein-Westfalen, Flandern und den Niederlanden; die Pflanzengenomforschung GABI, die mikrobiologische Genomforschung GenoMIK, das Deutsche Pflanzen Phänotypisierungs-Netzwerk, das Agrarkompetenzzentrum CropSense – sowie zahlreiche weitere europäische Technologieplattformen, Forschergruppen, Graduiertenkollegs und Industrieprojekte.

Auf der EU-Ebene zählt die 2014 gewählte neue Kommission die Bioökonomie dann erneut zu einer der sechs »Großen Herausforderungen« für die Union und macht sie zum wichtigen Fördergebiet. Sie wird als eine Schlüsselstrategie gesehen, um die Ziele der Leitinitiativen »Innovationsunion« und »Ressourcenschonendes Europa« zu verwirklichen. Wie hoch die Summen insgesamt sind, die für den Wandel zur biobasierten Wirtschaft aufgebracht werden sollen, ist kaum zu erfassen. Denn dazu gehören Budgets für die Biotechnologie-, Ernährungs-, Material- und Agrarforschung, und teilweise spekulieren Politiker und Unternehmen auch auf die Subventionstöpfe der Gemeinsamen Agrarpolitik und des EU-Strukturfonds. Allein aus dem neuen Forschungs- und Innovationsprogramm »Horizon 2020« werden ausdrücklich auf die Bioökonomie bezogene Forschungs- und Innovationsprojekte mit 3,8 Milliarden Euro finanziert. Dieses Programm wurde, wie auf EU-Ebene üblich, im engen Schulterschluss mit Industrievertretern geplant.

Dass die Bioökonomie auch in Deutschland zunächst in engster Abstimmung mit der Industrie und dabei unter Ausschluss breiterer gesellschaftlicher Kreise gefördert wurde, wird vor allem an der Auseinandersetzung um den »Bioökonomierat« deutlich. 2009 beriefen die damalige Forschungsministerin Annette Schavan und Agrarministerin Ilse Aigner erstmals dieses Beratungsgremium. Ein Jahr später folgten sie mit der »Nationalen Forschungsstrategie Bioökonomie 2030«17 weitgehend seinen Empfehlungen. Für sechs Jahre stellte die Bundesregierung 2,4 Milliarden Euro für Bioökonomie-Projekte zur Verfügung, unter anderem als Teil der Hightech-Strategie. Davon verwaltet das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zwei Drittel, ein Drittel das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). 1,1 Milliarden sind für die Ernährungssicherung und Herstellung gesunder und sicherer Lebensmittel vorgesehen, 511 Millionen Euro für Energieträger auf der Basis von Biomasse, 800 Millionen für die Nutzung nachwachsender Rohstoffe für industrielle Zwecke. Auch in Deutschland kommen noch Gelder für die Biotechnologie- und Agrarforschung hinzu.

Beherrscht wurde der Rat18 seinerzeit von Institutionen mit starken ökonomischen Eigeninteressen. Vertreter der BASF saßen darin, der KWS SaaT AG und der DOW-AgroSciences LLC, neben dem Deutschen Bauern- und Waldbesitzerverband und teils industrienahen Forschungsinstituten. Angesiedelt hatte man das Gremium bei der Deutschen Akademie für Technikwissenschaft (acatech), die als nationale Wissenschaftsakademie Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beraten und den Wissenstransfer zwischen Forschungsinstituten und Wirtschaft unterstützen will. Umweltorganisationen, Entwicklungsorganisationen oder Ethiker waren nicht vertreten – und darüber not amused, dass in ihren Augen Forscher die Kriterien zur Förderung ihrer eigenen Institutionen zuschnitten.

Auch über ihre Kreise hinaus stieß die verkürzte Perspektive auf ein derart weit reichendes und brisantes Themenfeld zunehmend auf Kritik. In Teilen des Forschungsministeriums wie in anderen Ressorts der Regierung wurde das Beratungsverfahren, das Entscheidungen über Milliardensummen beeinflusste, als Konklave einer selbst ernannten Agrar- und Technologie-Elite gescholten. Auch Parlamentarier und Naturschutzverbände erhoben Einspruch dagegen, dass Interessenzirkel wichtige Zukunftsfragen unter sich erörtern wollten. Die Kritik zeigte Wirkung. In ihrer Folge wurde der Bioökonomierat weitestgehend neu besetzt, das Begriffschamäleon nahm neue Farben an.

Mit nur noch einzelnen Konzernvertretern sind jetzt Wissenschaftler aus mittelständischen Biotechnologie-Firmen etwa gleichauf. Mitglieder sind außerdem, um nur einige zu nennen: der Botaniker Johannes Vogel, der als origineller und umtriebiger Leiter des Berliner Naturkundemuseums ein Auge auf die Biodiversität hat. Ulrich Hamm, Experte für Agrar- und Lebensmittelmarketing an der ökologisch orientierten Agrarfakultät der Universität Kassel-Witzenhausen, sitzt jetzt im Bioökonomierat; ebenso Daniel Barben, ein Politikwissenschaftler, der in Klagenfurt zu Wechselwirkungen zwischen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen forscht. Lucia Reisch wurde ebenfalls neu berufen. Die Wirtschaftswissenschaftlerin beschäftigt sich an der Copenhagen Business School mit der Nachhaltigkeit von Produktionssystemen und dem entsprechenden Konsumverhalten und ist auch in zahlreichen anderen Beratungsgremien der Bundesregierung vertreten. Den Vorsitz des Rates bildet eine Doppelspitze: die Mikrobiologin Christine Lang, sie ist Chefin der mittelständischen Biotech-Firma ORGANOBALANCE, und der Agrarökonom Joachim von Braun. Er war Gründungsdirektor des Zentrums für Entwicklungsforschung in Bonn und sieben Jahre lang Generaldirektor des International Food Policy Research Institutes in Washington. Als global renommierter Experte für politische und ökonomische Fragen der Welternährung gehört er auch dem Präsidium der Welthungerhilfe an.

So ist jetzt im Bioökonomierat eine deutlich breitere Mischung unabhängiger Geister aus unterschiedlichen Disziplinen mit vielen Perspektiven, Interessen und Zielen versammelt. Man könnte noch immer anmahnen, dass die für die Bioökonomie wichtige Kommunalpolitik fehlt und dass auch kein Pionier der praktischen Bioökonomie im Rat sitzt. Die Kontroversen bei den Sitzungen spiegeln aber viel eher als vorher neben den wissenschaftlichen auch gesellschaftliche Debatten, und darüber hinaus will man »den gesellschaftlichen Dialog« fördern. Und so muss es wohl sein, wenn das Bundesforschungsministerium BMBF, wie es 2014 in seinem »Wegweiser Bioökonomie« heißt, »Kompetenzen für eine systemische Betrachtung der Bioökonomie aufbauen, die Natur- und Technikwissenschaften mit Erkenntnissen aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften« verknüpfen und »die Ergebnisse … in eine kohärente Bioökonomie-Politik einfließen« lassen will.19

Mancher fragt sich jetzt, ob ein solcher Komplexitätsgrad nicht vermessen sei, überfordernd oder verwässernd. Doch gerade die Zusammenschau sieht das Ratsmitglied Lucia Reisch zu Recht als zwingend. Damit die »Rückkopplung des Wirtschaftens an Boden und Wälder« gelingt, gelte es, alle Bereiche in den Blick zu nehmen, bei denen grüne Ressourcen eine Rolle spielen.

Auf der politischen Ebene ist man nun in der Bioökonomie auch jenseits des BMBFs um einen »systemischen Ansatz« bemüht. Kurz vor der Bundestagswahl, im Sommer 2013, stellten die damalige CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner gemeinsam mit ihrer Forschungskollegin im Kabinett Johanna Wanka die »Nationale Politikstrategie für die Bioökonomie« vor.20 Sie wird nicht mehr allein von diesen beiden Ressorts getragen, sondern von gleich sechs Ministerien. Wenn man in die Abteilungen hineinlauscht, dann gibt es zwar gute Gründe, zu bezweifeln, ob die damit angestrebte Kohärenz zwischen Forschungs-, Agrar-, Umwelt-, Wirtschafts-, Entwicklungs- und Außenpolitik plus dem Bundeskanzleramt gelingt. Eine »gemeinsame Vision« werde »noch nicht richtig gelebt«, sagt der zuständige Abteilungsleiter aus dem Agrarministerium. Immerhin liegen die Widersprüche und Konflikte zumindest auf dem Tisch, wenn sich zum Beispiel der Agrarminister immer wieder mit finanzieller Unterstützung für den Export von Fleisch und Milchprodukten aus deutschen Landen in alle Welt starkmacht – während das Umweltministerium die anhaltend überhöhten Stickstoff-Emissionen anprangert, die eben diese Fleischproduktion mit sich bringt. Oder wenn sich Forschung (pro) und Umwelt (contra) über die Gentechnik streiten.

In der Europäischen Union zeichnet sich ebenfalls ein Wandel ab. Dort stehen nun Nachhaltigkeit, die Förderung der Regionen und eine Rolle als grüner Teil der Kreislaufwirtschaft im Mittelpunkt der Bioökonomie-Förderung. Ein zentrales Förderinstrument der EU-Kommission ist die 2014 gegründete, öffentlich-private Partnerschaft zwischen Union und Industrie namens Bio-Based Industries Joint Undertaking (BBI); auf Deutsch heißt sie »GUBBI«.21 Eine Milliarde Euro fließen aus dem EU-Haushalt in dieses »Gemeinsame Unternehmen Biobasierte Industriezweige«. Industriepartner ist das »Bio-Based Industries Consortium (BIC). 48 große und vor allem kleinere europäische Firmen aus unterschiedlichen Sektoren haben in dieser Gesellschaft ihrerseits mehr als 2,7 Milliarden Euro für die Finanzierung von Bioökonomie-Innovationen innerhalb der nächsten zehn Jahre zugesagt. Als »assoziierte« Mitglieder nehmen zugleich zahlreiche Universitäten, aber auch die Verbände der Pflanzenschützer und Biotechnologie-Firmen Einfluss darauf, welche Projekte im BBI gefördert werden können. Diese sollen dazu beitragen, die »Landnutzung und Nahrungsmittelsicherheit durch eine nachhaltige, ressourceneffiziente und weitgehend abfallfreie Nutzung von Europas nachwachsenden Ressourcen für industrielle Verfahren zu optimieren«. Innovationen sollen bei Biokraftstoffen neuer Generationen, Chemie, Materialien, Futtermitteln und Energieversorgung mobilisiert werden. Zugleich will man den Firmen mit den Finanzspritzen Brücken über das »Tal des Todes« bauen. So nennt man jene Investitionslücke, die oft dazu führt, dass Forschungserfolge nicht praktisch umgesetzt werden. Größere Demonstrationsanlagen der Bioökonomie würden meist eher außerhalb Europas in den USA oder in Asien gebaut, hatten die Unternehmen kritisiert. Sie sprachen vom »welkenden Pflänzchen« – und wurden in Brüssel erhört. Jetzt wolle man »die Investitionen nach Europa holen«, sagt der geschäftsführende Direktor des BCI, Dirk Carrez. (Zu weiteren Motiven: Kapitel 3)

Teufel versus Beelzebub: Wie nachhaltig ist die Bioökonomie?

Trotz des politischen Wandels, den das Bioökonomie-Projekt durchlaufen hat, vom Fokus auf Biotechnologie und der schieren Substitution fossiler Quellen zum Bemühen um ein globales Ressourcenmanagement: Viele Kritiker sehen die Bioökonomie noch immer als Teil des Problems (Kapitel 4). Denn was in den neuen, nachdenklicheren Papieren des Bioökonomierates, der Bundesregierung und auch der EU-Kommission steht, ist eine Sache – eine andere aber ist die Realität der Märkte und durchsetzungsfähiger ökonomischer Interessen, vor allem des globalen Agrobusiness, aber auch anderer Industrien und Forschungsinstitute. Diese werden von Räten und Regierungen öffentlich kaum thematisiert. So löst, was für die Verfechter der Bioökonomie den weitsichtigen Durchbruch ins postfossile Zeitalter verheißt, vor allem bei Umwelt- und Entwicklungsorganisationen und auch bei vielen Wissenschaftlern noch immer erhebliche Befürchtungen aus. Biomasse sei keineswegs vorbehaltlos »der Stoff, aus dem die Zukunft wächst«, heißt es in einem kritischen Kommentar der Welthungerhilfe.22

Das liegt vor allem an den Erfahrungen mit dem ersten praktischen bioökonomischen Großversuch: Biosprit. Dessen Einführung mit pauschalen Beimischungsquoten brachte fatale Folgen mit sich: ökologisch und ästhetisch verheerende Mais- und Rapswüsten, galoppierende Pachtpreise für Ackerland, die Kleinbauern ausbooten, Landnahmen von Brandenburg bis Mosambik, den Aufschub einer ernsthaften Verkehrswende. Der Teufel wurde mit dem Beelzebub ausgetrieben, ohne dass die Klimabilanz entscheidend verbessert worden wäre. Seither hat die schöne Vorsilbe »bio« ihre Unschuld verloren. Schmerzhaft mussten gerade viele Partei-Grüne im Biospritrausch ihren Irrtum erkennen: Ökologische Zerstörung gibt es auch im Namen der Nachhaltigkeit. Im »Bodenatlas« wird bioökonomischen Ansätzen eine kategorische Absage erteilt: »Diese Wachstumsstrategie würde alle Gerechtigkeits-, Biodiversitäts- und Klimaziele zunichte machen, auf die sich die Regierungen in den letzten Jahrzehnten verständigt haben«.23

Einige Umwelt und Entwicklungsorganisationen halten sie überdies für die Ummäntelung einer langfristigen Einführung neuer gentechnischer Verfahren. Tatsächlich drucksen Regierung und Bioökonomierat bei diesem Thema bislang herum. In anderen Ländern werden neue Gentechnik-Methoden offensiv vorangetrieben und in den USA auch offen debattiert. Dort gibt es bereits Streit um Genome Editing und die Synthetische Biologie. Bei dieser Fortschreibung gentechnischer Verfahren werden Algen und Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere neu konzipiert. Kritiker laufen dagegen Sturm: Eine Bioökonomie, die diese Richtung einschlage, verstärke die fatale Entwicklung, das Lebendige zum Material zu degradieren. »Totalitär« drohe die Bioökonomie die Natur und sämtliche Industrien zu beherrschen, befürchtet hierzulande Franz-Theo Gottwald von der Schweisfurth Stiftung. Er hat gemeinsam mit der Spiegel-Journalistin Anita Krätzer 2014 ein Buch über die Bioökonomie veröffentlicht, für beide ist sie »ein Irrweg«.24

Tatsächlich werden in der Bioökonomie grundlegende Fragen aufgeworfen: Wie gehen wir mit dem Leben um? Welche Natur wollen wir? Oder: Welche Natur brauchen wir? so der Titel einer Aufsatzsammlung, in der eine Vielzahl von Autoren eine »anthropologische Grundproblematik des 21. Jahrhunderts« zur Debatte stellt.25 Das Nachdenken über Funktionalisierung und Machbarkeit, über plurale Blicke auf eine romantisierte, künstliche, ursprüngliche oder authentische, in jedem Fall gestaltete »Natur« und unsere Beziehungen zu ihr wird mit den ökologischen Engpässen zunehmend zum Politikum, das auch die Wirtschaft ereilt. Dabei werde in der propagierten Bioökonomie bisher weitgehend die »lange Tradition« fortgesetzt, »mit Ingenieurskunst und technischem Fortschritt all die Probleme lösen zu wollen, die aus technischem Fortschritt und einem verengten Verständnis von Natur und Umwelt resultieren«, meint Steffi Ober, forschungspolitische Referentin beim Naturschutzbund Deutschland (NABU). Die Hightech-Blütenträume würden der eigentlichen Herausforderung nicht gerecht: ein grundlegend anderes Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu entwickeln, in dem weniger verbraucht wird.

Begriffsgrabbing: Wie die Bioökonomie mal gedacht war

Ein solches Wirtschaftsmodell käme auch der Vorstellung näher, die dem ursprünglichen Wegbereiter einer Bioökonomie, Nicholas Georgescu-Roegen26, schon vor mehr als vierzig Jahren vorschwebte. Dieser rumänische Wirtschaftswissenschaftler und Mathematiker, ein Schüler Schumpeters, stritt dafür, dass sich alle Formen der Produktion in biophysische Grenzen fügen müssten. Doch bei den Neo-Bioökonomen sucht man seinen Namen meist vergeblich. Auch die »Steady State Economy« des Amerikaners Herman Daly,27 dessen Wirtschaftskonzept sich vom Wachstum verabschiedet und nach einem Zustand des Gleichgewichtes sucht, kommt so gut wie nirgends vor. Ob blind für seine Geschichte oder mit Absicht haben die Innovations-Bioökonomen den sympathisch klingenden Begriff einfach gekapert, mit der Bedeutung als Wachstumsmotor neu aufgeladen – und zumindest in dieser Hinsicht glatt in sein Gegenteil verkehrt.

»Jeder heute neu gebaute Cadillac verkürzt die Lebenschancen künftiger Generationen.« Diesen Satz schrieb Georgescu-Roegen 1971, ein Jahr, bevor der Club of Rome sein folgenreiches Buch Die Grenzen des Wachstums veröffentlichte. Den Cadillac von damals hätte der Rumäne heute vermutlich durch einen SUV ersetzt. Doch auch der Bioconcept-Car als Metapher für grünes Wachstum fiele bei diesem ökologischen Vordenker durch, denn er verstand Bioökonomie ganz anders. Georgescu-Roegen, der bis zu seinem Tod im Jahr 1994 an der Vanderbilt-Universität in Nashville forschte, machte sich mit seiner Wirtschaftstheorie der Selbstbegrenzung schon damals zu einem Außenseiter seiner Zunft – so wie es Wachstumskritiker in der Mainstream-Wissenschaft und auch bei den Mainstream-Bioökonomen bis heute tun.

Georgescu-Roegen machte darauf aufmerksam, welch grundlegende Bedeutung die Energie für die Volkswirtschaft hat; unter anderem, indem er die Gesetze der Thermodynamik auf wirtschaftliche Prozesse anwandte. Am bedeutsamsten schien ihm der zweite Hauptsatz. Er besagt, dass die Konzentration der Energie in einem geschlossenen System unweigerlich immer mehr abnimmt. Entsprechend wird jener Anteil der Energie größer, der nicht mehr genutzt werden kann. Dieses Phänomen namens Entropie kann man am Beispiel einer Tasse Kaffee verdeutlichen: Kühlt sie ab, scheint ihre Wärme verschwunden. Doch tatsächlich ist sie im Raum verteilt und nur nicht mehr zugänglich. In ähnlicher Weise sei alles Wirtschaften entropisch, befand Georgescu-Roegen, und der Verlust beschleunige sich dramatisch, seit der Einsatz fossiler Rohstoffe den Prozess der Industrialisierung beschleunigt habe. Durch Verbrennen würden Kohle, Öl und Gas in nicht verfügbare Energie umgewandelt, und zwar, weil sie endlich seien, für immer. Diese physikalischen Tatsachen blende die gängige, wachstumsorientierte Wirtschaftswissenschaft zukunftsblind aus.

Von der Energie übertrug Georgescu-Roegen seine Entropie-These auch auf die Welt der Stoffe und Materialien. Eisen rostet, Textilien oder Reifen verschleißen. Deshalb war der Ökonom davon überzeugt: »Es ist unmöglich, Stoffe komplett zu recyceln.« Damit werde Entropie höchstens verzögert. Der gesamte Wirtschaftsprozess sei kein Kreislauf, wie es die meisten Theorien behaupten. Er bestehe »aus der kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall, oder, um einen geläufigen Begriff zu verwenden, in Umweltverschmutzung«.

Georgescu-Roegens Kritiker, allen voran die Schule des russisch-belgischen Physiko-Chemikers Ilya Prigogine, warfen ihm einen Denkfehler vor: Physik und Wirtschaft seien ganz unterschiedliche Sphären, deshalb könne man die Entropie-Gesetze der einen nicht ohne Weiteres auf die andere anwenden. Sie beschrieben die Fähigkeit von Systemen, aus Unordnung neue Ordnung zu erzeugen und dadurch Entropie in »Negentropie« zu verwandeln. Manches hat Georgescu-Roegen später auch selbst relativiert. Gleichwohl hielt er am Kern seiner Theorien fest, dass das Wachstum der Weltbevölkerung in Verbindung mit der Ausbreitung einer konsumistischen Wirtschaft eine grenzenlose Maximierung der Entropie-Erzeugung bewirke, die auf die Dauer zerstörerisch sei und künftigen Generationen die Lebensgrundlagen raube. Auch der 2013 vorgelegte Schlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestages »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität«28 nimmt darauf Bezug: »Rohstoffe tendieren – teils beschleunigt durch wirtschaftliche Prozesse – zu einer immer stärkeren räumlichen Verteilung«, schreiben die Abgeordneten. »Vollständiges Recycling ist daher nicht möglich.«

Für Georgescu-Roegen waren also Ökonomie und Ökologie nicht zu versöhnen – jedenfalls nicht, solange immer mehr Menschen mit Kohle und Öl nicht erneuerbare Energiequellen verheizen. Deshalb plädierte er für eine stärkere Bevölkerungskontrolle – und für die Nutzung der Sonnenenergie, auch in Form von Holz und Pflanzen. Diese nachwachsenden Rohstoffen wären in einer konsequenten Kreislaufwirtschaft zwar theoretisch ohne Grenzen nutzbar, raisonnierte Georgescu-Roegen, doch praktisch könne man auch sie auf begrenzten Böden nicht unendlich vermehren. Deshalb trage die Menschheit Verantwortung dafür, die Entropie-Zunahme merklich zu verlangsamen – einerseits durch Ökolandbau, andererseits durch den Verzicht auf Mode, Luxuskonsum und Autos, »die von null auf hundert beschleunigen, noch bevor der Zigarettenanzünder glüht«.29

Welche Technik, welche Agrikultur, welche Natur?

Überhaupt scheint die Dringlichkeit der Entwicklungen Ideen, die in den 1970er Jahren eher am Rand der Gesellschaft entwickelt wurden, ganz allmählich in den Mainstream zu treiben. Seinerzeit machte sich auch ein Zeitgenosse Georgescu-Roegens, der amerikanische Technikphilosoph Lewis Mumford, Gedanken über sinnvolle Innovationen in einer »Biotechnics Economy«. Diese strebt statt nach permanentem Wachstum nach einem Gleichgewichtszustand zwischen begrenzten Ressourcen und Bedürfnissen – und nach einer Fülle (»Plenitude«), wie sie die Natur beständig hervorbringen kann. Eine Vielfalt ihr entlehnter »Biotechnics« sah Mumford im Gegensatz zu einer Technikforschung, die zum Diener der konsumistischen Verschwendungswirtschaft wird oder hermetisch in den eigenen wissenschaftlichen Ritualen verharrt. Er schrieb: »Alles Denken, das diesen Namen verdient, muss jetzt ökologisch sein, in dem Sinne, dass es die Komplexität des Organischen wertschätzt und nutzt; dass es zudem jeden Wandel nicht nur den Bedürfnissen des Menschen oder einer einzigen Generation anpasst, sondern allen organischen Partnern und jedem Teil des Lebensraumes.«30

In diesem Sinne sehen auch Kritiker Chancen in der Bioökonomie. So arbeiten immer mehr Experten gemeinsam mit Bauern in aller Welt an ganz neuen Formen, die Erträge in der Landwirtschaft zu steigern und zugleich Ressourcen wie Wald, Boden und Wasser wieder aufzubauen (Kapitel 6). In ihrem Mittelpunkt steht nicht nur das Bemühen, die Erträge zu erhöhen, sondern der Wunsch, die Vielfalt der Agrikulturen und mit ihnen den sozialen Zusammenhalt ländlicher Gemeinschaften zu erhalten. Andere Ökologen suchen nach einer regional unterschiedlich geprägten Stoffstromwirtschaft, in der sich die Produktion von Energie, Wärme und Materialien auf eine Vielfalt neuer Anbausysteme gründet. Auch eine grüne Chemie beginnt, unzählige Pflanzen jenseits der normierten Alleskönner Zucker, Mais und Raps zu untersuchen. Sie könnte neue Vielfalt – und damit Schönheit – auf dem Acker schaffen und zugleich Technologien, um sie dezentral zu nutzen.

»The road not taken«, so ist ein ikonisches Gedicht des amerikanischen Poeten Robert Frost überschrieben, eine Reflektion über das Gewicht und die Schicksalhaftigkeit von Entscheidungen an den Weggabelungen des Lebens, und besonders die letzte Strophe reflektiert den Mut, dabei Neues zu wagen:

» I shall be telling this with a sigh

Somewhere ages and ages hence:

Two roads diverged in a wood, and I —

I took the one less traveled by

And that has made all the difference …«

Auf Deutsch:

» Dies alles sage ich, mit einem Ach darin, dereinst

und irgendwo nach Jahr und Jahr und Jahr:

Im Wald, da war ein Weg, der Weg lief auseinander, und ich –

ich schlug den einen ein, den weniger begangnen

und dieses war der ganze Unterschied.«

Wie der Wanderer in diesen Zeilen, so steht die heutige Gesellschaft vor der Weggabelung: Welchen Pfad der Bioökonomie wollen wir wählen? Den eines mit – auch umstrittenen – Technologien beflügelten, von Experten entwickelten »grünen« Wirtschaftswachstums, wie es in den offiziellen Bioökonomie-Strategien teilweise noch immer anklingt? Oder die »Plenitude«: ein Wachstum der Vielfalt innerhalb biophysischer Grenzen, das auf Agrikulturen gründet, bei denen die Gesellschaft mitreden? Oder sind die beiden Pfade der Bioökonomie gar nicht so unvereinbar? Könnten sie sich hinter der Biegung immer wieder kreuzen oder parallel verlaufen?

Bei der Bioökonomie geht es wie bei der Energie- und der Agrarwende und eng mit ihnen verbunden um einen Strukturwandel und damit einen Machtkampf zwischen alten und neuen Industrien, Technik-Dominanz und gesellschaftlicher Erneuerung, Dezentralität und globalen Einheitslösungen. So lautet die entscheidende Frage: Wer hat wie viel Macht und Einfluss, darüber zu bestimmen? Und da gibt es bei der Bioökonomie noch eine Menge Leerstellen. Denn vieles, was ihre Protagonisten verheißen, wird erst noch in seinen Grundlagen erkundet oder in frühen Stadien erprobt. Und besonders in der Forschungs- und Technologiepolitik, welche die Optionen für unterschiedliche Zukünfte so elementar vorbestimmt, sind die Einflussmöglichkeiten höchst ungleich verteilt. Da handeln Politik, Wissenschaft und Industrie vieles hinter den Kulissen bereits aus, ehe andere gesellschaftliche Gruppen Einfluss nehmen können.

Die Leerstellen zu füllen und mehr Biowirtschaftsdemokratie zu wagen, ist die zentrale Herausforderung. Wenn das nicht gelingt, wird auch die Transformation nicht gelingen, die Klima- und Ressourcenschutz vereint. Und der Publizist Mathias Greffrath bekommt Recht: »Es gibt nicht nur einen Peak Oil, einen Peak Soil, einen Peak Water, es gibt auch einen Peak Democracy.«31

2 MEHR MIT WENIGER

Laborbesuche: Bioökonomie als technologische Verheißung