• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Ratgeber
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

JA sagen zum Leben, egal was passiert. - Das schrägste Glücksbuch aller Zeiten.

Albert Espinosa entführt uns in die „gelbe Welt“: Gelb, weil während einer Chemotherapie die Haut gelb wird. Mit dreizehn erkrankt Espinosa an Knochenkrebs und kämpft die weiteren zehn Jahre tapfer dagegen an. Mit unerschütterlicher Energie und vor allem: Humor. Als sein Bein amputiert werden muss, veranstaltet er eine Abschiedsparty für das Bein. Auch ist er überzeugt, dass eine Glücksakte viel wichtiger ist als eine Krankenakte mit Fieberkurve. Weitere wertvolle Entdeckungen, die er während seines Klinikalltags macht – zum Teil auch schräge, ungewöhnliche Einsichten anderer „Todgeweihter“ – finden sich in diesem Buch. Keine Leidensgeschichte also, sondern ein leichtfüßiger Lebensbericht mit wundervollen Glücksregeln für jeden Tag.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 171


Aus dem Spanischen von Sonja Hagemann

Die spanische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel »El mundo amarillo. Si crees en los suenos, ellos se crearan« bei Grijalbo, Barcelona.

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1. Auflage

Deutsche Erstausgabe Mai 2013 © 2013 bei Wilhelm Goldmann Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München. © Albert Espinosa, 2008 © Random House Mondadori S.A., 2008 Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München Umschlagmotiv: FinePic, München Redaktion: Ralf Lay, Mönchengladbach SB · Herstellung: cb Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

eISBN: 978-3-641-10592-1V003

www.goldmann-verlag.de

www.randomhouse.de

Inhaltsverzeichnis

CopyrightVorwort: Achtung, in diesem Buch steckt Albert, wenn du erst mal damit anfängst, lässt es dich nie mehr los von Eloy AzorínMeine Inspiration
Autobiografie
Und was soll dieses Buch?So geht’s los … Die gelbe Welt
Woher stammt diese Welt?Was ist denn die gelbe Welt?
So geht’s weiter … Liste der Entdeckungen, die unsere Welt gelb gestalten
Die erste Entdeckung: Verluste sind positivDie zweite Entdeckung: Das Wort »Schmerz« existiert gar nichtDie dritte Entdeckung: Nach dreißig Minuten werden Probleme lösbarDie vierte Entdeckung: Stell jeden Tag fünf gute FragenDie fünfte Entdeckung: Zeig mir, wie du gehst, und ich sage dir, wie du lachstDie sechste Entdeckung: Wenn du krank bist, wird in deinem Leben alles kontrolliert und in deiner Krankenakte festgehalten – fürs Leben sollte es auch so etwas geben, eine LebensakteDie siebte Entdeckung: Sieben Tipps fürs GlücklichseinDie achte Entdeckung: Dein größtes Geheimnis verrät am meisten über dichDie neunte Entdeckung: Spitz die Lippen und pusteDie zehnte Entdeckung: Hab keine Angst vor dem Menschen, in den du dich verwandelt hastDie elfte Entdeckung: Finde heraus, was du dir gern ankuckst, und dann schau’s dir einfach anDie zwölfte Entdeckung: Fang ab sechs an zu zählenDie dreizehnte Entdeckung: Die Suche nach Süden und NordenDie vierzehnte Entdeckung: Hör dir mal zu, wenn du wütend bistDie fünfzehnte Entdeckung: Positiv wichsenDie sechzehnte Entdeckung: Das Schwierigste ist nicht, sich selbst zu akzeptieren, sondern alle anderenDie siebzehnte Entdeckung: Die Macht der GegensätzeDie achtzehnte Entdeckung: Zwanzig Minuten WinterschlafDie neunzehnte Entdeckung: Such auch außerhalb der Klinik nach deinen ZimmernachbarnDie zwanzigste Entdeckung: Lust auf ein REM mit mir?Die einundzwanzigste Entdeckung: Die Macht des ersten MalsDie zweiundzwanzigste Entdeckung: Ein Trick, um niemals wütend zu werdenDie dreiundzwanzigste Entdeckung: Ein toller Kniff, um herauszufinden, ob du jemanden liebstDreiundzwanzig Entdeckungen, um zwei Momente meines Lebens zu verbinden: mein vierzehntes und mein vierundzwanzigstes Lebensjahr
So wird gelebt … Die Gelben
Über die Gelben
1. Sprechen2. Umarmungen und Liebkosungen3. Schlafen und aufwachen4. Sich trennen
Wie kann man einen Gelben finden und erkennen?Der gelbe Fragenkatalog
1. Kann ein Familienmitglied ein Gelber sein?2. Können sich Gelbe in Freunde, Lebens- oder Sexualpartner verwandeln?3. Und wenn ich nun entdecke, dass jemand mein Gelber ist, diese Person aber gar nicht an Gelbe glaubt? Soll ich es ihr trotzdem sagen?4. Worüber redet man denn so mit einem Gelben?5. Habe ich als Mann mehr männliche oder weibliche Gelbe?6. Und wenn jetzt jemand so tut, als wäre er mein Gelber, in Wirklichkeit aber nur auf Umarmungen, Zärtlichkeit und das gemeinsame Schlafen aus ist?7. Und wenn ich das mit der Liste nicht hinbekomme? Und wenn ich gar keine Gelben habe? Ist das möglich?8. Was sind denn deine Zeichen?9. Muss ich vorher fragen, ob jemand mein Gelber sein will, oder kann ich ihn auch einfach so kennenlernen?10. Wenn ich zwei Gelbe habe, kann ich die dann einander vorstellen? Sind sie untereinander wohl auch gelb?11. Und was passiert jetzt mit meinen Freunden? Sind die nur noch zweite Wahl?12. Und wenn mein Partner nicht versteht, dass ich jetzt Gelbe habe?
Schlussbetrachtungen über die Gelben
1. Leg eine Liste mit allen Gelben an, denen du deiner Meinung nach schon begegnet bist2. Such nach deinen gelben Zeichen3. Such nach deinen Gelben und lass dich von ihnen finden4. Genieß die Zeit mit deinen Gelben5. Verlier sie, behalt sie, erneuere sie
Und zur Ruhe kommen … Das gelbe Ende
Ein gutes Ende
Ein letztes Wort noch

Vorwort: Achtung, in diesem Buch steckt Albert, wenn du erst mal damit anfängst, lässt es dich nie mehr los

Albert hat den Wissensdrang von Sherlock Holmes, sieht aber eher aus wie Watson. Er ist immer derart zerknautscht und verwuschelt, dass man denken könnte, er hätte diesen Look zu Hause sorgfältig vorbereitet. Selbst beim Thema »Eitelkeit« ist er irgendwie anders.

Eins seiner liebsten Hobbys ist das Zusehen. Die Augen der anderen sind Fenster, durch die er ungefragt eindringt und sich alle Informationen besorgt, die er braucht. Sein emotionales Gespür ist beinah unfehlbar, und er durchschaut Menschen mit derselben Leichtigkeit wie der Scanner an der Supermarktkasse den Strichcode. Und wenn er richtig liegt, weiß er mehr über dich als du selbst.

Albert ist schon mehrmals dem Tod von der Schippe gesprungen, deshalb strotzen seine Geschichten auch nur so vor Leben. Er ist hyperaktiv und schlägt sich lieber mal eine Nacht um die Ohren, als eine Erfahrung zu verpassen. Sein Verstand arbeitet in schwindelerregendem Tempo. Wenn du ihm irgendwas erzählen willst, dann muss deine Geschichte entweder sehr gut oder sehr kurz sein.

Aber verrat ihm lieber nichts über dich. Wenn du sein Interesse wecken willst, gib ihm stattdessen Gelegenheit, alles selbst zu entdecken. Das ist ein weiteres seiner Lieblingshobbys.

Er provoziert unheimlich gern, aber mit der Absicht, für Normalität zu sorgen. Ich sprach bei ihm für seinen letzten Film vor. Es ging um eine Szene in einem fiktiven Schwimmbad, ich hatte Albert gerade erst kennengelernt, und plötzlich schnallte er sich die Prothese ab. Das machte er mit solch unbefangener Selbstverständlichkeit, dass ich automatisch nach meinem Bein griff, um zu sehen, ob ich es vielleicht auch abnehmen konnte. Ich war total hysterisch, gab zwar vor, dass alles in Ordnung war, in Wirklichkeit machte mir der Anblick jedoch zu schaffen. Das entging Albert natürlich nicht, und dann sprach er plötzlich mit der gleichen Unbefangenheit, mit der er sich das Bein abgenommen hatte, über ein Thema, das in seinen Filmen und seinem Leben immer wieder eine große Rolle spielt: das Wichsen. Und da machte es sofort Klick. Nun war das Vorsprechen vergessen, ich dachte nicht mehr an sein Bein oder daran, dass er der Regisseur war, und quatschte stattdessen mit einem Kumpel, mit dem ich etwas gemeinsam hatte.

Er mag aussehen wie ein Dreißigjähriger, aber in Wirklichkeit durchlebt er seit fünfzehn Jahren seine zweite Pubertät, und daher stammen seine erfrischende Art und seine Reinheit. Und deshalb glaubt er auch weiterhin fest daran, dass man alles erreichen kann, was man sich erträumt.

Alberts Stärke liegt darin, dass er niemals aufgibt. Und wenn gar nichts mehr hilft, verlegt er sich aufs Feilschen: Er hat ein Bein und einen Lungenflügel gegen das Leben eingetauscht. Er hat gelernt zu verlieren, um zu gewinnen. Und er geht aus dem Verlust gestärkt hervor. Er legt los, saugt sich mit Leben voll und schreibt Theaterstücke, Filme, Serien, Romane … Und benutzt dabei gekonnt Humor, um uns ein Drama zu erzählen. Er führt die unmittelbare Realität mit unseren kühnsten Träumen zusammen, zeigt uns, dass es in Wirklichkeit nur emotionale Behinderungen gibt und wir in einer Gesellschaft leben, in der man Gefühle nicht teilt.

Albert spricht von einer Welt, die jeder von uns für sich erschaffen kann und die in der Farbe der Sonne erstrahlt: die gelbe Welt. Das ist ein warmer Ort, an dem Küsse zehn Minuten dauern, Unbekannte deine engsten Verbündeten werden, Körperkontakt keine sexuelle Konnotation haben muss und Zuneigung etwas so Alltägliches ist wie der Gang zum Bäcker. Angst verliert dort ihre Bedeutung, der Tod betrifft nicht immer nur andere, und das Wertvollste ist das Leben. In dieser Welt ist alles an seinem Platz, so wie es dir am besten gefällt.

Und davon handelt dieses Buch. Es geht darin um Dinge, die wir fühlen, aber nicht zum Ausdruck bringen, um die Angst vor Verlusten, darum, uns genau zu kennen und jede Sekunde des Tages zu schätzen und zu achten. Lang lebe Albert!

Eloy AzorínSchauspieler

Meine Inspiration

Gabriel Celaya war Ingenieur und Dichter. Ich bin Ingenieur und Drehbuchautor. Wir sind beide Linkshänder. Sein Gedicht »Autobiografie« hat etwas an sich, was mich packt, mir durch Mark und Bein geht. Das liegt wohl daran, dass er in diesem Gedicht seine Welt erschaffen hat. Seine Welt, die »Celaya-Welt«. Nichts fasziniert mich mehr als Menschen, die Welten erfinden.

Dieses Gedicht besteht aus vielen Verboten, Verboten, die ein Leben erschaffen. Verboten, die sein Leben bestimmt haben. Wenn wir all diese Verbote wegnähmen, dann würden wir dahinter sein Universum entdecken, wie er es sich vorgestellt hat. Wir haben hier also viele »Neins«, die wir beiseiteschieben müssen, um die »Jas« zu entdecken. Dieser Blick auf die Welt gefällt mir.

So wie Celaya in »Autobiografie« will auch ich dieses Buch in vier Bereiche unterteilen: »So geht’s los …«, »So geht’s weiter …«, »So wird gelebt …« sowie »Und zur Ruhe kommen …«. Diese vier Blöcke bilden seinem Gedicht nach unser Leben.

Falls ihr seine Verse noch nicht kennt, könnt ihr euch jetzt daran erfreuen:

Autobiografie

Fass den Löffel nicht mit links. Nimm die Ellbogen vom Tisch. Falt die Serviette ordentlich. So geht’s los.

Zieh die Wurzel aus dreitausenddreihundertdreizehn! Wo liegt Tanganjika? Wann kam Cervantes zur Welt? Wer tuschelt, bekommt eine Sechs. So geht’s weiter.

Ein dichtender Ingenieur, finden Sie das etwa normal? Kultur ist doch nur Zier, und Geschäft ist Geschäft. Wenn du dieses Mädchen weiter triffst, dann lass dich hier nicht mehr blicken. So wird gelebt.

Sei nicht so verrückt. Sei höflich. Sei korrekt. Trink nicht. Rauch nicht. Huste nicht. Atme nicht. Genau, nicht einmal atmen! Nein sagen zu jedem Nein und zur Ruhe kommen: sterben.

Gabriel Celaya

Und was soll dieses Buch?

Ich wollte immer schon von der gelben Welt erzählen, von meinem kleinen Reich, der Welt, in der ich lebe. Wenn du irgendwann einen meiner Filme siehst, eins von meinen Drehbüchern liest oder eine meiner Figuren unter die Lupe nimmst, dann wirst du darin etwas von dieser gelben Welt entdecken. Und das ist die Welt, die mich glücklich macht. Die Welt, in der ich gern lebe.

Ich wollte immer schon ein Buch schreiben, aber mir wurden nur Titel wie »Den Krebs überwinden« oder »Wie man den Krebs besiegt« angeboten. Etwas in der Art hat mich aber nicht interessiert. Gegen Krebs hilft kein Buch, meinen Freunden aus dem Krankenhaus und allen, die mit dieser Krankheit kämpfen, würde so ein Titel ja wie Hohn vorkommen. Es gibt keine »Anti-Krebs-Tipps«, keine geheime Strategie. Du musst dich auf deine Stärke besinnen, den Kampf aufnehmen und dich dabei führen lassen.

Deshalb fand ich es viel interessanter, ein Buch darüber zu schreiben, was der Krebs mich gelehrt hat – und wie man das auf das tägliche Leben anwenden kann. Und das will ich mit den Glücksgeheimnissen aus der gelben Welt versuchen.

Für mich ist der Krebs etwas sehr Lebendiges, und man kann im Kampf gegen ihn so viel lernen, so viele Erkenntnisse gewinnen. Dann wird man irgendwann geheilt und kehrt in sein Leben zurück, wo man diese Lektionen anwenden kann.

Das hier ist kein Selbsthilfebuch, an so was glaube ich eigentlich nicht. Es handelt sich einfach um ein Buch, in dem ich Erfahrungen zusammentrage, die mir etwas gebracht haben.

Und es ist vor allem ein Buch, in dem ich von den »Gelben« rede, von dem Konzept, das dahintersteckt. Ich hoffe und wünsche mir, dass du dich nach der Lektüre dieser Seiten aufmachst, deine Gelben zu suchen. Das wäre für mich die schönste Belohnung.

Jetzt ist Sommer, wenn auch kein sehr warmer. Es ist Nacht, aber keine sehr dunkle. Ich trage meine Prothese (die für den Hausgebrauch), trinke eine kalte Cola und weiß, dass es nun an der Zeit ist, diese gelbe Welt zu Papier zu bringen.

Und später ist dann Ende September (während ich den Text Korrektur lese). Es ist kalt, es regnet, und ich stecke mitten im Dreh zum Kurzfilm »Destination Ireland« von Carlos Alfayate. Ich spüre, wie die Zeit rennt und die Geburt meines Buches immer näher rückt. Und ich hoffe, dass dieser Text uns als Gelbe vereint.

Albert Espinosa

So geht’s los …

Die gelbe Welt

Fass den Löffel nicht mit links. Nimm die Ellbogen vom Tisch. Falt die Serviette ordentlich. So geht’s los.

Gabriel Celaya

Woher stammt diese Welt?

Ganz einfach, sie entstand im Krebs. »Krebs« – das Wort gefällt mir. Mir gefällt sogar das Wort »Tumor«. Das klingt vielleicht makaber, aber mein Leben ist mit diesen beiden Wörtern eben eng verknüpft. Mir ist es nie schwergefallen, über Krebs, Tumoren oder Osteosarkome zu sprechen. Ich bin mit diesen Begriffen aufgewachsen und sage sie gern laut, posaune sie in alle Welt hinaus. Solange du sie nicht aussprichst, sie nicht in dein Leben mit einschließt, kannst du deine Erkrankung auch nicht akzeptieren.

Deshalb finde ich es wichtig, in diesem ersten Kapitel über den Krebs zu sprechen, denn in den darauffolgenden benutze ich die Lehren des Krebses, um das Leben durchzustehen. Also konzentriere ich mich erst einmal auf diese Krankheit und darauf, wie es mir mit ihr ergangen ist.

Ich war vierzehn, als ich zum ersten Mal ins Krankenhaus kam. Damals hatte man bei mir ein Osteosarkom im linken Bein entdeckt. Also hab ich die Schule und meine gewohnte Umgebung hinter mir gelassen und im Krankenhaus ein neues Leben angefangen.

Ich war zehn Jahre lang krebskrank, von meinem vierzehnten bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr. Das heißt nicht, dass ich auch die ganzen zehn Jahre im Krankenhaus verbracht habe, aber ich bin während dieser Zeit immer wieder in verschiedenen Kliniken gewesen, um von vier Krebserkrankungen geheilt zu werden: Bein, Bein (das gleiche wie beim ersten Mal), Lunge und Leber.

Unterwegs habe ich einen Unterschenkel, einen Lungenflügel und ein Stück Leber eingebüßt. Aber an dieser Stelle muss ich auch dazusagen, dass ich mit dem Krebs glücklich war. Diese Zeit gehört zu den schönsten meines Lebens.

Die beiden Wörter so nebeneinander, »Krebs« und »glücklich«, mögen manche schockieren. Aber so war es eben. Der Krebs hat mir etwas ganz Konkretes weggenommen: ein Bein, einen Lungenflügel, ein Stück Leber. Aber er hat mir auch viel mit auf den Weg gegeben, was ich allein nie herausgefunden hätte.

Was kann uns der Krebs schenken? In meinen Augen ist das eine ellenlange Liste: Er lehrt dich, wer du bist und wie die Menschen in deiner Umgebung sind, er zeigt dir deine Grenzen auf und hilft dir vor allem, die Angst vor dem Tod zu überwinden. Das ist vielleicht am allerwichtigsten.

Eines Tages war ich geheilt. Ich war vierundzwanzig, und plötzlich eröffnete man mir, dass ich nicht mehr zurück ins Krankenhaus müsste. Ich war wie erstarrt. Es war einfach seltsam. Was ich im Leben am besten beherrschte, war doch der Kampf gegen den Krebs, und auf einmal hieß es, ich sei geheilt. Meine Verwunderung (oder Betäubung) dauerte sechs Stunden an, und dann bin ich vor Freude fast ausgeflippt – keine weiteren Klinikaufenthalte, keine Röntgenaufnahmen (ich glaube, das waren bei mir über zweihundertfünfzig), kein Blutabnehmen, keine Untersuchungen mehr. Es war, als sei ein Traum in Erfüllung gegangen. Das war absolut unglaublich.

Ich hätte gedacht, dass ich nach ein paar Monaten längst nicht mehr an den Krebs denken würde. Ich würde zur »Normalität« zurückkehren, und der Krebs wäre nur eine Phase meines Lebens gewesen. Aber stattdessen lief es ganz anders (vergessen habe ich ihn nämlich nie), und ich hätte nie geahnt, wie nützlich mir die Lehren dieser Krankheit im Alltag sein würden.

Das ist auf jeden Fall das große Vermächtnis des Krebses. Es sind Lehren (um sie irgendwie zu nennen, obwohl mir »Entdeckungen« eigentlich besser gefällt), durch die man das Dasein einfacher und glücklicher gestalten kann.

In diesem Buch erkläre ich also, wie man auf das tägliche Leben anwenden kann, was ich während meiner Krebserkrankung gelernt habe. Ja, genau, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, könnte so auch der Titel des Buches lauten: »Wie man durch Krebs das Leben übersteht«. Vielleicht wäre das ja auch ein geeigneter Untertitel. Komisch, sonst versprechen Krebsbücher genau das Gegenteil. Aber unser Dasein ist eben paradox, und ich liebe Widersprüche. Ich möchte gern klarstellen, dass es sich um eine Sammlung ganz persönlicher Erkenntnisse handelt, die ich durch den Krebs gewonnen habe, und einiger Entdeckungen, die krebskranke Freunde mir mit auf den Weg gegeben haben.

Zimmernachbarn sind dabei ganz besonders wichtig. Und wir Jungen mit Krebs, die Haarigen, wie wir uns nannten, hatten einen Pakt, einen Lebenspakt: Wir teilten unter uns das Leben derjenigen auf, die starben. Das war eine schöne, unvergessliche Abmachung, irgendwie wollten wir durch die anderen weiterleben und ihnen beim Kampf gegen die Krankheit beistehen.

In unseren Augen hatte jeder der Verstorbenen den Krebs ein wenig geschwächt, sodass die Überlebenden es leichter haben würden, ihn zu besiegen. Während meiner zehn Jahre Krebs fielen mir drei Komma sieben Leben zu. An diesem Buch schreiben also vier Komma sieben Personen mit (die drei Komma sieben fremden Leben und ich selbst). Diese drei Komma sieben Leben werde ich nie vergessen, und ich werde immer versuchen, ihnen Ehre zu machen. Auch wenn das gar nicht so einfach ist, ein einziges Leben ist schon schwer, stell dir mal vor, wie das erst mit vier Komma sieben wird!

Gut, so weit also zu mir und dem Krebs. Es gefällt mir, wie ich das zusammengefasst habe, ich bin zufrieden. Der Anfang ist gemacht. Dann mal weiter mit der gelben Welt.

Was ist denn die gelbe Welt?

Das fragst du dich sicher schon, seit du dieses Buch im Laden entdeckt hast (ich stelle es mir gelb vor, mal sehen, was der Verlag daraus macht, vielleicht wird es ja eher bräunlich oder orange) oder es dir vielleicht nach einer Radiosendung über »die Gelben« zugelegt hast.

Als »gelbe Welt« bezeichne ich eine Art, zu leben und das Leben zu sehen. Es geht darum, an den Lektionen zu wachsen, die man in guten und schlechten Zeiten lernt. Die gelbe Welt besteht aus Entdeckungen, vor allem gelben Entdeckungen, die ihr den Namen geben. Aber dazu kommen wir später noch, nur Geduld.

Eins kann ich euch allerdings schon verraten, dass es in diesem Universum nämlich keine Regeln gibt. Sonst bestimmen Regeln immer alles, meine gelbe Welt jedoch nicht. Ich mag keine Regeln, also will ich die in meinem kleinen Reich auch nicht haben, das würde ja vorn und hinten nicht passen. Regeln finde ich eigentlich überflüssig, die bringen gar nichts und sind nur dazu da, gebrochen zu werden. Für mich ist im Leben nichts heilig, und es gibt auch keine absolute Wahrheit. Manches wird zwar als sakrosankt und unumstößlich hingestellt, aber daran glaube ich einfach nicht. Alles hat doch zwei Seiten, kann ganz unterschiedlich aufgefasst werden.

Die gelbe Welt ist für mich die Wirklichkeit. Was man uns im Film, im Kino zeigt, setzt sich doch nur aus Klischees zusammen, an denen nichts Wahres dran ist, und trotzdem glauben wir mit der Zeit, dass so die Realität aussieht. Da geht es zum Beispiel um Liebe, aber irgendwann verliebst du dich selbst, und dann ist das gar nicht wie im Kino. Es wird Leinwandsex gezeigt, und dann hast du irgendwann Sex, und der ist auch ganz anders. Uns wird sogar vorgemacht, wie man eine Beziehung beendet. Wie oft hat schon jemand seinen Partner ins Café bestellt, um filmreif mit ihm Schluss zu machen, aber so läuft das eben nicht. Es funktioniert nicht, weil die Sache im Kino nach fünf Minuten gegessen ist, und du brauchst dafür sechs Stunden, machst am Ende aber gar nicht Schluss, sondern lässt dich darauf ein, zu heiraten oder ein Kind zu kriegen.

Und ich glaube auch nicht an diese Schlagwörter, mit denen man eine Generation definiert. Ich empfinde mich weder zur Generation X noch zur Generation iPod gehörig, und noch viel weniger komme ich mir metro- oder übersexuell vor.

Wie ich mich fühle? Gelb (und das ist etwas ganz Individuelles ohne jedes Kollektiv). Ich bin gelb, für irgendjemand anderen bin ich ein Gelber. Aber dazu kommen wir später noch.