Gnade war gestern - Ingrid Sonnleitner - E-Book

Gnade war gestern E-Book

Ingrid Sonnleitner

0,0

Beschreibung

Ein Thriller, der einem keine Zeit zum Durchatmen lässt! Ende Mai wird Hans Albert nackt in einem Glashaus, nur mit einem Plastiksack über den Kopf gestülpt, tot aufgefunden. Kurze Zeit später geht ein Notruf bei der Polizei ein. Eine Wandergruppe entdeckt auf der Hofreitwiese neben einer Kapelle die nackte Leiche des Großbauern Helmut Huber. Einzige Gemeinsamkeit der Toten ein Plastiksack, der laut Gerichtsmedizin zum Erstickungstod führte. Inspektor Wurz und seine Kollegin Rodriquez stehen vor der Frage: War es ein Unfall? Ausgelöst durch eine erotische Asphyxie, die außer Kontrolle geraten war. Oder war es brutaler Mord? Noch während der laufenden Ermittlungen wird Wurz und seine Kollegin erneut zu einem weiteren Tatort gerufen. Was er dort zu sehen bekommt, lässt auch den an Grausamkeiten gewöhnten Inspektor das Blut in den Adern gefrieren. Dann das plötzliche Auftauchen einer rosa Mappe. Ein neues Rätsel für die Ermittler. Die Jagd beginnt, doch der Täter ist immer einen Schritt voraus. Gelingt es dem erfahrenen Inspektor und seiner Kollegin den Fall zu lösen, bevor ein weiterer Mord passiert?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Ingrid Sonnleitner

Gnade war gestern

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Inhaltsverzeichnis

Gnade war gestern ©

... sie schrie das „tot“ hysterisch in die Leitung ...

... ich zog mich am Stiegengeländer hoch ...

... für einen winzigen Augenblick ...

... das Plastik legt sich um seinen Mund ...

... die Augen eines Toten ...

... Blut sammelte sich zu einer kleinen Lacke ...

... er kann gar nicht tot sein ...

... langsam streift sie ihr Kleid ab ...

... Brandeisen, wie Relikte aus alten Tagen ...

... erschrocken springt sie auf ...

… es wäre richtig schön geworden ...

… langsam wird sie zum Kontrollfreak ...

… übrigens, die neue Frisur steht Ihnen gut ...

… „Bullshit!“, schreit sie laut ...

… eine stinknormale Wasserleiche ...

… rot wie eROTisch ...

… so wie der Hergott ihn schuf ...

… sorry, aber da war kein Anruf ...

… und haben Sie ihn umgebracht ...

… das hatte er nicht verdient ...

… fünfundzwanzig Jahre Blümchensex ...

… ihr Gesichtsfeld engt sich ein, sie wankt …

… ich habe nur gedacht, der spinnt, der Huber ...

… erinnert sie an Porzellan, kalt, tot ...

… wie habe ich ihn gehasst dafür ...

… wieder ruft sie Kathrins Namen, hofft ...

… die grausame Wahrheit wurde plastisch ...

… wir müssen das zu Ende bringen ...

… wussten die Kolleginnen von Kathrins Doppelleben ...

… du willst es doch auch, gib es zu ...

… gut möglich, dass es doch ein Auftragsmord war ...

… echte Tränen, gespielte Trauer ...

... eine Riesin beim Verhör...

… bis der Glanz darin verschwunden ist ...

… komm sei ein braves Mädchen ...

… sie liebt Daiquiri genauso wie Hemingway …

… Bondage war in aller Munde seit diesem Film ...

… sie hat es als „MESS“ bezeichnet …

… erraten, ‘ne Transe eben ...

… sie alle bewegen sich im Rhythmus zu Je t‘aime ...

… mal die Nase zu klein, die Haare zu kraus ...

… eine surreale Fröhlichkeit ...

… der V8-Motor seiner Corvette heulte auf ...

… eine Skurrilität, treten sie näher...

… wie in einer Geisterbahn liegt er da ...

… er zuckte zusammen als er den Toten sah ...

Impressum neobooks

Inhaltsverzeichnis

Gnade war gestern ©

   Doreen sitzt an ihrem Schreibtisch. Ungeduldig fingert sie aus der Brusttasche ihrer Jeansbluse einen Schlüssel heraus und steckt ihn in das Schloss der Schublade. Ein hohles Stöhnen ist zu hören, als sie diese langsam herauszieht. Sie sieht die rosa Mappe, lächelt. Legt sie auf den Tisch und streicht behutsam mit den Fingerspitzen der rechten Hand über die schwarze Seidenschleife. Löst das Band. Bald würde ein Weiß dieses Schwarz endgültig verbannen. Lose Fotos fallen beim Öffnen der Mappe heraus. Sie zieht ihre Augenbrauen hoch, das Lächeln friert ein. „Magdalena und Helmut, Hand in Hand! Wie romantisch“, sagt sie und kann die Wut in sich spüren. Mit dem Handrücken wischt sie eine Träne aus dem rechten Augenwinkel. Sie nimmt das Foto und reißt es in der Mitte entzwei und es fühlt sich besser als gut an.

Rechts Magdalena: in weißen Leinenshorts mit Matrosenbluse, ihre langen, blonden Haare zu einem kunstvollen Flechtwerk aufgetürmt, ungetrübtes Glück, wie an einem Hochzeitstag.

Links: er, Helmut, ein Hüne von einem Mann, braungebrannt von der Feldarbeit, das karierte Hemd gleich einer zweiten Haut auf seinem Körper, lässt jeden Muskel erahnen. Er ist es, der Frauenherzen in Sekunden erobern konnte. Doreen knüllt sein Bild zusammen, katapultiert es in den Papierkorb. Zum wievielten Mal sie dieses Protokoll liest, sie weiß es nicht.

Spürt: Das Finale naht.

Protokoll: Magdalena Huber

Aufnahme: Dienstag, 2. Mai

An seinen Schritten konnte ich längst erkennen, wie er gelaunt war. Seine Stallstiefel polterten die Treppe herauf, traten gegen die angelehnte Schlafzimmertür und schon stand er im Zimmer, dazu dieser Blick. Ich wusste sofort, was wieder passieren würde. Sein Mund verzog sich zu diesem tetanischen Grinsen. Dabei riss er mir die Decke weg, packte mich an den Haaren, zerrte mich aus dem Bett.                                                                                      „Begrüßt man so seinen treuen Ehemann?“ Sein heißer Atem dicht an meinem Gesicht. Ich roch den Alkohol, blickte in seine Augen, die mich an die Augen eines Raubtieres erinnerten, das sein Opfer fixierte.                                                                                            „Ich habe versucht dich anzurufen“, sagte er und es klang beinahe sanft.                  „Magdalena, ich liebe dich doch und du, du hintergehst mich, betrügst mich.“                Dabei ließ er die Zunge ein paar Mal auf seinen Gaumen schnalzen, schüttelte seinen Kopf. „Nein, nein Magdalena, ich versteh dich einfach nicht. Warum machst du mir immer solchen Kummer? Du weißt doch, dass du ein böses Mädchen gewesen bist.“                    Sein Griff wurde fester und er bog meinen Kopf zurück in den Nacken.                            „Willst du wieder brav sein?“, fragte er mich und sein Blick wurde lauernd.                       „Ja, Helmut, ja ich will brav sein“, schrie ich, „bitte Helmut lass uns morgen darüber reden. Es ist spät und du bist sicher müde, musst dich ausruhen.“                                                     Ich wollte ihn besänftigen - und manchmal ist er darauf eingestiegen - aber diesmal ...

Protokoll - Aufnahmestopp: Klientin weint, ist nicht in der Lage weiterzusprechen.

Protokoll - Aufnahme

„Magdalena“, flüsterte er, den Mund dicht an meinem Ohr, und für eine Winzigkeit lockerte er dabei seinen Griff an meinen Haaren, „das würde ich liebend gerne, aber du weißt so gut wie ich, dass ich dich dafür bestrafen muss.“                                                                     Ich wusste es und ich wusste auch, dass er in diesem Zustand keine Gnade kannte. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da schleuderte er mich mit einer Wucht, die mir fast den Atem nahm, gegen die Wand. Hart schlug ich mit dem Kopf gegen den Heizkörper und spürte gleich darauf einen warmen Rinnsal über die Wange laufen. Mit dem Arm wischte ich mir über das Gesicht, die weißen Blümchen auf meinem Nachthemd färbten sich rot. Er torkelte durch das Zimmer, baute sich vor mir auf, breitbeinig, die Hände in seine Hüften gestützt, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt wie ein Torero vor seinem Stier, bereit zum Angriff. Seine Stimme hatte wieder diese gefährlich säuselnde Schattierung angenommen.                                                                                                                         „Dürfte dein liebender Ehemann jetzt vielleicht erfahren, wo du dich den ganzen Nachmittag herumgetrieben hast und warum Madam nicht ans Handy gegangen ist?“      „Ich habe im Garten gearbeitet und vergessen das Handy mitzunehmen“, sagte ich und versuchte ihn zu beruhigen.                                                                                                         „Bitte glaub mir Helmut, das ist die Wahrheit. Ich habe mir beim Gärtner Kräuter geholt und sie eingepflanzt.“                                                                                                                          „Sie war beim Gärtner und hat vergessen ihr Handy mitzunehmen“, äffte er mich nach.„Wozu, glaubst du, ist ein Handy gut? Ein Handy“, er schrie das Wort geradezu heraus, „ist dazu da, um es jederzeit in der Hand zu haben, aber wahrscheinlich hast du mit diesem Gärtner rumgevögelt, du Schlampe.“

Er zerrte mich vom Boden auf, fingerte aus seiner Hosentasche Handschellen und noch ehe ich die Situation erfasste und mich wehren konnte, war ich mit einer Hand an die Messingstange unseres Ehebettes gefesselt.

„Ich ermögliche dir ein sorgenfreies Leben, schinde mich ab Tag für Tag und Madam vögelt mit dem Gärtner rum. Ich werde dir noch Manieren beibringen.“

Er öffnete den Gürtel, zog ihn aus den Schlaufen, faltete ihn genau in der Mitte und ließ ihn ein paar Mal in seiner linken Hand aufklatschen.

„Bitte glaub mir, ich belüge dich nicht, ich kenne den Mann doch gar nicht näher, habe nur diese Kräuter gekauft von ihm“, flüsterte ich, meine Stimme versagte. Es war die Angst, die meinen Körper, mein Gehirn lähmte, die Angst vor den nächsten Minuten, vor den Schlägen mit dem Gürtel.

Mit beiden Händen zerriss er mein Nachthemd. Gleich darauf prasselten Schläge auf meinen nackten Körper. Er schlug wie in Trance auf mich ein. Ich lag da wie ein Stück Fleisch, ließ es geschehen, hatte nicht mehr die Kraft, mich zu wehren. Endlich, ich hatte jeden Zeitbegriff verloren, ließ er den Gürtel fallen, warf mich aufs Bett und befahl mir mich umzudrehen. Jeglichen Willens gebrochen ließ ich alles über mich ergehen, wollte nur, dass es irgendwann aufhörte, dieser Schmerz aufhörte, der meinen Körper wie ein Schwert durchbohrte, als er in mich eindrang. Ich zählte im Geiste die Zeit, bis er ejakulierte. Meist war es bei acht vorbei, aber diesmal, ich war bei neunzehn angekommen, seine Kraft schien sich mit jedem Stoß zu verdoppeln. Er atmete schwer, ein letzter Stoß, dann ließ er ab von mir.

„So, mein Liebling, das war Lektion Nummer eins“, sagte er und torkelte aus dem Schlafzimmer, die Stiegen hinunter. Ich hörte die Eingangstür ins Schloss fallen. Verzweifelt versuchte ich mich zu befreien. Mein Handgelenk, mein ganzer Körper schmerzte, war rot, blutete an manchen Stellen. „Lektion Nummer eins“, diese Worte breiteten sich aus in meinem Kopf, hallten wider. Ich wurde panisch. Was hatte er sich in seinem kranken Gehirn nur wieder ausgedacht? Meistens ließ er nach so einer Züchtigung, wie er es nannte, ab von mir, legte sich samt Kleidung und Stiefeln ins Bett und schlief seinen Rausch aus. Manchmal ging das Spiel von vorne los, bis mein Unterleib taub war. „Lektion Nummer eins“, fiel mir wieder ein. Ich riss an der Handschelle, bis der Knöchel blutig war. Es war zwecklos. Dieses verdammte Ding, ich musste mich befreien. Der Baldachin war meine Rettung. Ich kletterte auf das Bett, das Nachthemd hing an mir, wie ein Mantel, dem man vergessen hatte Knöpfe anzunähen. Mit der linken Hand riss ich das Stoffzelt herunter, die rechte schnellte nach oben – geschafft! Ich war frei. Ein einziger Gedanke hämmerte in meinem Kopf:

„Magdalena, du musst von hier verschwinden, bevor er dich totschlägt.“

Tot, ja genau, aber ich wollte noch nicht tot sein, war zu jung mit meinen zweiundzwanzig Jahren. Ich drehte mich um. Wollte nicht tot sein. Er stand in der Tür, mit offenem Hosenbund, den Reißverschluss bis zur Hälfte hochgezogen, hatte mich beobachtet. Ohne ein Wort zu sagen, kam er auf mich zu. Ich riss die Augen auf, konnte nicht glauben, was er da in den Händen hielt. Flucht, meine letzte Chance. Wollte nicht tot sein.

„Magdalena, es wird Zeit, hau ab, endlich, hau ab aus diesem Zimmer, sonst ...“

Zu spät, er hatte mich an der Handschelle zu fassen bekommen. Ein Ruck, der Schmerz am Handgelenk - und ich landete wieder auf diesem vermaledeiten Himmelbett. Er drückte mir den Stiefel in den Rücken. Ich bettelte ihn an:

„Helmut, nein, tu es nicht! Ich werde alles machen, dass du wieder zufrieden bist mit mir. Nein, Helmut, bitte! Ich werde ganz brav sein.“

„Du verdammtes Luder, du wirst lernen, was passiert, wenn man einen Huberbauern betrügt.“

Er versenkte das Brandeisen in meiner Arschbacke. Ein trockenes Zischen war zu hören, als hätte jemand ein Streichholz angezündet, doch statt des üblichen Schwefelgeruches stank es nach verbranntem Fleisch. Der Schmerz durchbohrte mich gleich einem Pfeil. Ich hörte einen Schrei aus weiter Ferne, meinen Schrei, und plötzlich war sie da, diese undurchdringliche Schwärze, die mich einhüllte. Ich wollte nicht tot sein. War zu jung. Der Morgen dämmerte bereits, vor dem Fenster das Gezwitscher der Vögel. Ich lag im Bett auf dem Rücken, er neben mir. Fragmente des Nachthemds klebten an meinen Wunden, an seinen Initialen, an meinem Hinterteil. Und mit einem Mal war sie wieder da, die Erinnerung. Behutsam tastete ich mich vor, zu der Stelle, wo er mich wie ein Stück Vieh als sein Eigentum markiert hatte. Zuckte zurück, es tat einfach nur weh, mir war zum Heulen und mein Hass hatte eine Größe erreicht, die zu messen unmöglich war. Sein Schnarchen neben mir, ich setzte mich auf, griff nach dem Polster - ihn einfach auf sein Gesicht drücken, bis er nicht mehr atmete. Wie immer hatte ich nicht die Kraft dazu, weder die Kraft, ihn zu verlassen, noch die Kraft, ihn einfach umzubringen. Es wäre ein Leichtes gewesen, ihm im Schlaf das Tranchiermesser in die Brust zu stoßen. Wie oft habe ich mit offenen Augen neben ihm im Bett gelegen, habe diese Szene durchgespielt. Habe eingestochen auf ihn, seine Kehle aufgeschlitzt, zugesehen, wie er verblutete. Vielleicht wäre es als Notwehr durchgegangen, aber würde man mir glauben? Dem Mädel aus der Stadt, das sich an den reichen Bauern rangemacht hatte?

Ich ging ins Bad, hatte Angst vor der Wahrheit. Meine Hände wurden feucht, ich schwitzte, dann riss ich mit einem Ruck das Nachthemd vom Körper, drehte die gebrandmarkte Stelle dem Spiegel zu. Die Initialen HH, Helmut Huber, in sich verschlungen, spielerisch, beinahe anmutig, schrien mir entgegen, fleischig rot, die Wundränder schwärzlich-braun versengt, für immer gezeichnet. Nachdem ich mich verarztet und die Stelle, wo er in mich eingedrungen war, dick eingecremt hatte, zog ich mir einen frischen Pyjama an und legte mich wieder ins Bett. Natürlich dachte ich an Flucht - ständig waren diese sechs Buchstaben in meinem Gehirn, blinkten wie die Leuchtreklame an einer Bordelltür. Aber wohin? Und seine Prophezeiung, dass es keinen Ort auf dieser verfickten Erde gebe, wo er mich nicht finden würde, was ungefähr einer Verurteilung am elektrischen Stuhl gleichkam. Am nächsten Tag versuchte er mich mit einem Strauß roter Rosen zu beeindrucken. Es waren über hundert. Er kniete vor mir nieder, bat mich um Verzeihung zum - ich weiß es nicht mehr - wievielten Mal, küsste mich auf die Stirn, drückte mir diesen Blumenstrauß in die Hand und verließ pfeifend das Haus.

Ich hasste Rosen und ich hasste ihn.

Dabei begann alles wie in einem Schnulzenroman, vor vier Jahren bei diesem Dorfkirtag. Eigentlich versuchte ich solche Veranstaltungen zu ignorieren, aber Hanna, meine einzige, beste Freundin, hatte es geschafft, hatte mich überredet sie zu diesem Gaudium zu begleiten. Wieder hatte ich ja gesagt, brachte ein Nein nicht über meine Lippen, bereute es. Plötzlich stand er vor mir, er, von dem alle schwärmten, der Huberbauer, der reichste Bauer im Lande, und ausgerechnet er holte mich zum Tanzen. Natürlich war ich stolz, schritt mit geschwellter Brust an seiner Seite auf die Tanzfläche. Helmut umgarnte mich, war aufmerksam, überhäufte mich mit Geschenken. Und ich war verliebt, das erste Mal in meinem Leben, unsterblich, gab seinem Drängen nach, ihn zu heiraten. Sogar meine Zukunftspläne habe ich für ihn begraben. Wollte den Kindern in der Volksschule erzählen, wie gut Gott zu den Menschen sei und dass er immer für sie da sei. Alles Lüge.

Meine ersten Prügel verdiente ich mir an meinem Geburtstagsfest, das er für mich arrangierte. Ich trank Bruderschaft mit seinem besten Freund, dachte mir nichts dabei und auch Helmut applaudierte, lachte mir zu. Als alle Gäste gegangen waren, schrie er mich an, warf mir vor, dass ich mich wie eine Hure benommen, mich seinem Freund an den Hals geworfen und ihn vor sämtlichen Gästen blamiert hätte. Er zerrte mich an den Haaren in die Küche und schlug mir mit solcher Wucht ins Gesicht und auf die Brust, dass ich zu Boden taumelte. Vergewaltigte mich am kalten Fliesenboden. Vom eigenen Ehemann vergewaltigt, das ging nicht in meinen Kopf. Er hätte doch nur was sagen brauchen - ich heiratete ihn doch, weil ich ihn liebte. Vier Jahre ist das her. Die Verwandlung vom ritterlichen Ehemann zum Despoten, unberechenbar, gleich einem Tsunami im Indischen Ozean. Vier Jahre Martyrium, ein Entkommen unmöglich. Immer wieder bat er mich um Verzeihung, schwor mit erhobener Hand, gerade so, als lege er einen Eid ab im Gerichtssaal, in Therapie zu gehen. Ich verzieh ihm, redete mir ein: Aber dieses Mal, dieses Mal schaffen wir es. Er war ein Blender und ich ohne Schutzschild.

Doreen legt die Mappe aus den Händen. Trommelt mit den Fingern auf den Tisch.

„Genau das ist die wunde Stelle“, denkt Doreen, „diese Schwäche, diese Ohnmacht, dieses ewige Verzeihen - die gilt es zu kitten.“ Sie steht auf, geht in die Küche, dreht den Hahn auf, lässt Wasser in den Teekessel rinnen, summt dazu die Tonleiter. Das Pfeifen des Teekessels unterbricht sie. Ein Ritual, das ihre aufgewühlte Seele beruhigt, ihre Gedanken klar werden lässt. Noch während sie die brodelnde Flüssigkeit in die Schale gießt, weiß sie, was zu tun ist.

... sie schrie das „tot“ hysterisch in die Leitung ...

   Der schrille Klingelton des Telefons war unüberhörbar, auch für Andreas Wurz, der verwirrt aus dem Sessel hochfuhr. Er musste kurz eingenickt sein, denn seit seine Schwester mit Florian nach der Trennung von ihrem Mann wieder in das Elternhaus eingezogen war, wo er, Wurz, mit seiner Mutter wohnte, war an Schlafen nicht mehr zu denken. Das seien die Dreimonatskoliken beim Neugeborenen, da müssten sie durch, hatte die nette Oberärztin zu ihnen gesagt, als er mit weit überhöhter Geschwindigkeit ins Kinderspital gerast war, weil sein Neffe wieder einmal aus voller Kehle geschrien hatte und mit nichts auf der Welt zu beruhigen war. So ging das Nacht für Nacht und er hatte in Erwägung gezogen irgendwann einmal im Büro zu kampieren, einmal auszuschlafen.

„Chefinspektor Wurz“, meldete er sich und seine Stimme hatte diesen kratzigen Unterton, als hätte er die Nacht in seinem Stammlokal verbracht.                                                        „Ja, hier Frau Wieser, Herr Inspektor, äh ich mein‘ Herr Chefinspektor, Sie müssen kommen, jetzt gleich! Da bei mir im Glashaus sitzt ein Mann auf einem Sessel, ohne Gewand, nur mit einem Plastiksack über dem Kopf. Bitte kommen Sie schnell in die Laurentgasse 14. Haben Sie gehört? Der schaut echt gruselig aus. Der rührt sich nimmer, ich glaube, der ist tot.“ Sie schrie das „tot“ hysterisch in die Leitung und Wurz entfernte instinktiv den Hörer von seiner Ohrmuschel.                                                                             „Bin schon unterwegs“, sagte Wurz, „und nichts anfassen, haben Sie gehört?“

Er nahm seine Jacke vom Haken, lief durch das Büro und forderte seinen Kollegen Jäger auf zum Einsatzort mitzukommen. Es war sein erster Einsatz seit der Beförderung zum Chefinspektor und dieser Einsatz würde alles andere als angenehm werden, sollte sich herausstellen, dass das Opfer wirklich verblichen war. Vorsichtshalber verständigte er die Spurensicherung, die beinahe gleichzeitig mit Wurz am Tatort eintraf. Die Besitzerin dieses Grundstückes hatte sich am Gartentor platziert und winkte ihnen.

„Gott sei Dank, dass Sie da sind. Da hinten, da in meinem Glashaus, da sitzt der, angebunden auf meinem Gartensessel. Ich habe immer zu meinem Mann gesagt, dass da drüben“, und sie deutete mit dem Zeigefinger in Richtung Nachbarhaus, „die Sünde regiert. Eine Schande ist es und nicht einmal der Herr Bürgermeister hat diesem Treiben Einhalt geboten. Aber wahrscheinlich zählt er selber zu den Stammkunden. Zutrauen würde ich ihm das, der ist ja mittlerweile schon das dritte Mal geschieden. Das ist nicht normal, oder? Was sagen Sie, Herr Inspektor?“                                                                                                „Nun mal langsam, Frau Wieser, wir wollen nicht voreilige Schlüsse ziehen. Wenn Sie jetzt so nett wären und uns zu ihrem Glashaus führen würden.“

Es war für Anfang Mai ziemlich warm und diese feuchte Schwüle, die sich im Glashaus bildete, trug das ihre dazu bei, dass Wurz beim Öffnen der Glastür dieser unverwechselbare Geruch, süßlich wie Moschus, vermischt mit alterndem Fleisch, in die Nase stieg. Wer ihn einmal gerochen hatte, der würde ihn nie wieder vergessen, dachte Wurz und seine Bewunderung galt den Gerichtsmedizinern. Hinter einem Elefantenfußbaum, der fast bis zur Decke reichte, entdeckte Wurz den Leichnam. Gefesselt an diesen grünen Gartensessel, nackt, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, mit einem Plastiksack darüber. Wurz streifte sich die weißen Latexhandschuhe über, ging zum Opfer, griff unters Kinn und hob den Kopf einige Zentimeter an. Es war kein schöner Anblick, der sich ihm bot, die Blasenbildung hatte bereits eingesetzt, das Gesicht war aufgedunsen, die Augen quollen aus ihren Höhlen und die Zunge ragte wie eine Knackwurst aus dem Mund. Die von der Spurensicherung machten Fotos und unweigerlich musste Wurz an Hollywood denken, an die Oscarverleihung, an das Blitzlichtgewitter.

„Schaut mir nach einem Sexualdelikt aus“, sagte Doktor Leiner, der Gerichtsmediziner, und begann mit der Untersuchung der Leiche.                                                                      „Zwischen den Stricken siehst du eine grünliche Verfärbung am Bauch sowie zwischen Nacken und Schulterblättern, das hat mit der Flüssigkeitsansammlung zu tun. Interessant ist, dass Hoden und Penis mit einem Kabelbinder abgebunden wurden. Soll angeblich für eine besonders starke Erektion sorgen. Und was ich noch sagen wollte: Striemen am ganzen Körper könnten von Schlägen mit einem Gürtel oder ähnlicher Gerätschaft entstanden sein.“ Er durchtrennte die Stricke am Oberkörper, lehnte das Opfer nach vorne und zeigte dem Polizisten die dunklen Streifen.                                                                     „Gut möglich, dass es ein Unfall gewesen ist, beim Herbeiführen einer erotischen Asphyxie, wobei diese sexuelle Vorliebe öfters außer Kontrolle gerät und das Opfer daran erstickt."

„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, sagte Wurz, „für mich sieht das eher nach einer Inszenierung aus. Die Frage ist nur, warum gerade in diesem Glashaus die Leiche entsorgt wurde? Möglich, dass er dieser Sadomaso-Szene ein Mahnmal setzen wollte. Kannst du mir vielleicht etwas über den Zeitpunkt des Todes sagen?“

„Vor ungefähr sechsunddreißig Stunden, plus minus, nachdem sich die Leichenstarre vollständig aufgelöst hat.“ Leiner hob den Arm des Toten und ließ ihn fallen, um seiner Aussage Glaubwürdigkeit zu verleihen.                                                                                  „Aber morgen Vormittag sind wir schlauer, da kann ich dir sogar sagen, was er zuletzt gegessen und wann er zuletzt sein Rektum entleert hat.“ Wurz nickte, so genau wollte er das überhaupt nicht wissen. Er ging weiter zu den Leuten in den weißen Overalls.

„Schon irgendwas herausgefunden über die sechs Ws?“

„Mit Wer, Warum, Was, Wann und Wie können wir nicht dienen, für den Rest, das Wo, dafür hätten wir einen Vorschlag“, sagte einer der Männer, lachte und deutete mit beiden Zeigefingern auf den Toten im Gartensessel.

„Danke, Kollegen, das war sehr hilfreich.“

Wurz nahm scherzhalber sein blaues Heftchen aus der Jackentasche, tat so, als würde er sich etwas notieren und verließ anschließend das Glashaus durch die Seitentür, um dieser Wieser, die sicher irgendwo vor dem Haupteingang auf ihn lauerte, zu entkommen. Das Grundstück konnte praktisch jeder betreten, da es nicht eingezäunt und im hinteren Teil über einen Forstweg gut und bei Nacht durch das Dickicht ungesehen erreichbar war. Er würde den Leuten von der Spurensicherung sagen, dass sie diesen Teil des Gartens besonders genau auf Fuß- und Reifenspuren untersuchen sollten. Gut vorstellbar, dass der Mörder mit seinem Opfer von dort gekommen war. Jetzt hingegen wollte er diesem Nachbarhaus, diesem sündigen, einen Besuch abstatten.                                                Neben der Eingangstür, beim Klingelknopf, befand sich ein Türschild, dessen Buchstaben von zu langer Sonneneinstrahlung beinahe verblasst und somit kaum leserlich waren. Wurz tastete sein Jackett ab, war auf der Suche nach seiner Lesebrille, die seit seinem fünfundvierzigsten Geburtstag ein Must-have geworden war. Er wurde fündig, setzte sie auf und nun war es ein Leichtes, die Schrift auszumachen: „Swinger-Club: Donnerstag bis Sonntag von 14 Uhr bis 4 Uhr“. Er schaute auf seine Jacques-Lemans, ein Erbstück seines Vaters, und stellte fest, dass zwar Donnerstag war, aber erst kurz vor Mittag.                   Trotzdem drückte er den Klingelknopf. Kein Laut drang nach außen. Wurz versuchte es nochmals, ließ seinen Zeigefinger am Knopf, läutete Sturm.

„Swinger-Club“, murmelte er vor sich her.

Einmal hatte er so einen Club besucht und es ekelte ihn nachher irgendwie, das mit dem „Jeder mit Jedem“. Zugegeben, es hatte ihn erregt und das Motto „Spaß steht immer an vorderster Stelle“ hatte ihn angesprochen. Obendrein diese Fleischberge, die sich am Boden suhlten, ihn an Schweine im Schlamm erinnerten und ein Zuordnen der Geschlechtsteile zu seinem Besitzer unmöglich machten, hatten überhaupt nichts mehr mit den sexy und äußerst hübschen Frauen auf der Willkommensseite der Website zu tun. Wurz fand es einfach nur widerlich, war enttäuscht, hatte das Thema „Swinger-Club“ aus seinem Gedächtnis verscheucht. Sein Zeigefinger drückte noch immer den Klingelknopf, als sich endlich das kleine Fensterchen in der Tür öffnete. Er musste sich auf die Zehen stellen, um ihr mit seinen Einsachtundsechzig in die Augen sehen zu können.

„Was wollen Sie hier? Sind Sie verrückt geworden? Haben Sie nicht unsere Öffnungszeiten gelesen?“, plärrte ihm eine Frauenstimme entgegen. „Wir haben geschlossen!“

Gerade in dem Moment, als sie das Fenster wieder schließen wollte, hielt er ihr die Polizeimarke vor das Gesicht.

„Wurz, Kriminalpolizei, ich hätte da ein paar Fragen an Sie. Können wir das drinnen besprechen?“

„Wurz“, erwiderte sie, als sie die Tür öffnete, musterte ihn von den Haaren bis zu seinen Schuhspitzen und ihre Silikonbrüste wippten gefährlich nahe vor seinem Gesicht auf und ab. Der Flur war mit einer schwachen Glühbirne beleuchtet und er hatte Mühe, sich zurechtzufinden. Es erforderte sein gesamtes akrobatisches Geschick, um nicht die Stufen hinunterzustolpern. Sie erreichten die Bar, die ebenso spärlich beleuchtet war wie der Eingang, und er nahm Platz auf einem dieser Hocker. Stand bei dem Gedanken, dass hier erst vor kurzem ein nackter Hinterteil gesessen hatte, möglicherweise noch Spermaspuren auf dem Kunstleder waren, wieder auf und wischte sich ein paar Mal mit der Handfläche über die Hose.                                                                                                                      „Was will denn die Polizei bei uns?“, fragte sie misstrauisch. „Bei uns hat alles seine Ordnung, wir bezahlen rechtzeitig die Steuern und unsere Kunden sind total zufrieden. Und sauber ist es auch“, sagte sie mit Bestimmtheit. „Darauf schau ich schon, dass immer die Bettlaken frisch sind und die Handtücher.“

Wurz fokussierte sie. Mitte fünfzig, dachte er, vielleicht älter. Schwer zu schätzen bei dieser schummrigen Beleuchtung. Er sah in ihr Gesicht, in ihre Augen, die unruhig flackerten. Sah ihre schmierigen Haare, wasserstoffblond, die ihr in Strähnen ins Gesicht fielen, das fleckige Kleid, die Brüste, zu aufdringlich, zu synthetisch und seine Nackenhärchen stellten sich bei der Vorstellung, sich hier vergnügen zu müssen, auf. Er zückte sein blaues Heftchen, stellte die üblichen Fragen und notierte sich hin und wieder etwas darin. Natürlich hatte sie nichts gehört und gesehen schon gar nichts. Sie sei hinter der Bar gestanden, habe sich um die Gäste gekümmert. Natürlich. Wurz wollte gerade dieses Etablissement verlassen, da polterte jemand die Treppe herunter.

„Kundschaft um die Zeit?“ Der Mann lachte laut auf, ging hinter die Theke, goss sich ein Glas Whisky ein und leerte es in einem Zug.

„Darf man fragen, wer der junge Mann ist?“

„Das ist mein Sohn, der Fredi, der hilft mir ein bisschen im Club, macht den Türlsteher. Ja, in der heutigen Zeit kann man nicht gleich jeden hereinlassen. Bei uns hat alles seine Ordnung und unsere Gäste sind alte Bekannte. „Wir“, und sie zeigte mit dem Zeigefinger auf sich und ihren Sohn, „waren den ganzen Abend da im Club, also, Herr Inspektor, da müssen Sie schon woanders nach dem Mörder suchen. Sie werden es nicht glauben, aber es gibt genug Perverse, die frei herumlaufen. Aber jetzt auf Wiedersehen, Herr Inspektor, ich muss noch die Laken tauschen, bevor die ersten Gäste kommen.“

Und zu Fredi gewandt: „Geh sei so lieb und begleite den Herrn Inspektor zur Tür.“

„Und Sie haben wirklich nichts gehört und nichts gesehen, wo sie doch der Türsteher sind? Zu diesem Glashaus ist es ja quasi ein Katzensprung.“

„Wie meine Mutter gesagt hat, Ihren Mörder müssen Sie sich schon woanders suchen. Also dann, Herr Oberinspektor, auf Nimmerwiedersehen.“

Er alleine lachte über seinen Witz, öffnete die Eingangstür, mimte einen Kratzfuß und Wurz war froh wieder die Sonne zu sehen, frische Luft einatmen zu können. Er fuhr ins Kommissariat, wollte die Vermisstenmeldungen durchschauen, nach Hinweisen stöbern. Keine zehn Minuten waren vergangen, seit er sich vor den Bildschirm gesetzt und die Anzeigen verschwundener Personen der letzten Monate durchgeschaut hatte, als er auf das Foto von einem gewissen Hans Albert stieß. Er klickte auf den Namen, die Datei öffnete sich.

ALBERT Hans

ALBERT Hans ist seit 5. Mai von seiner Wohnadresse in Schwinbach/Listgasse 7 abgängig. Er hat am Morgen pünktlich um 7:30 das Haus verlassen und ist in die Arbeit gefahren. Seine Spur verliert sich, nachdem er um 12:00 das Schulgebäude verlassen hat. Er ist nicht mehr an seine Wohnadresse zurückgekehrt.

Familienname

ALBERT

Vorname

Hans

Geburtsdatum

04.05.1965

Staatsangehörigkeit

Österreich

Abgängig seit

05.05.2017

Sonstiges

Personenbeschreibung:

167 cm groß, mittelgewichtig, kurzes dunkelbraunes Haar, Teilglatze, braune Augen, volle Lippen

Wurz scrollte weiter, betrachtete das Foto, rief sich die männliche Leiche im Glashaus wieder ins Gedächtnis. Er druckte sich die Personenbeschreibung aus und fuhr damit in die Gerichtsmedizin. Leiner hatte gerade die Leiche vom Glashaus vor sich am Seziertisch liegen, als er eintrat. Nie würde er sich daran gewöhnen, an diesen süßlichen Geruch, vermischt mit Desinfektionsmittel.

„Grüß dich Andreas, du bist zu früh. Ich muss dich enttäuschen, ich habe den Kerl gerade erst aus der Kühlbox geholt. Aber eines kann ich dir mit Sicherheit sagen, der ist erstickt in diesem Plastikbeutel. Weil siehst, die Totenflecken sind tiefviolett und das sagt uns, dass er zu wenig Sauerstoff im Blut und Gewebe hatte. Wir werden das aber noch im Labor nachprüfen lassen. Ob es jetzt ein Unfall oder ein geplanter Mord war, das musst du herausfinden und ich wünsche dir viel Spaß in der Sadomaso-Szene. Soll ja ziemlich heiß her gehen dort.“                                                                                                                    Wurz ignorierte die sarkastische Bemerkung des Mediziners, zerrte den Zettel aus seiner Jackentasche, strich ihn glatt und überreichte ihn Leiner.

„Na, was sagst du dazu. Ich glaub, das ist der Tote. Wird seit dem fünften Mai vermisst.“ Beide betrachteten das Foto, hielten es neben das Gesicht der Leiche.

„Eindeutig“, sagte Wurz, „ich werde gleich mal zu dieser Adresse fahren. Seine Frau hat ihn nämlich als vermisst gemeldet.“ Mit den Gedanken bereits in dieser kleinen Vorstadtsiedlung, murmelte er ein „Ciao, Franz, wir telefonieren!“, und verließ das Gebäude

Wurz hatte die Adresse in sein Navi eingegeben und vor dem Einfamilienhaus Listgasse 7 meldete die monotone Stimme aus dem Gerät: „Sie haben Ihr Ziel erreicht!“ Er atmete noch einmal tief durch, ehe er anläutete, räusperte sich und strich seine Haare glatt. Das tat er immer. Es war zu so einer Art Ritual geworden beim Überbringen schlechter Nachrichten.