Gnadenlose Aida - Krinke Rehberg - E-Book + Hörbuch
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Gnadenlose Aida Hörbuch

Krinke Rehberg

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Beschreibung

EIN GNADENLOSER MORD AUF DEM ROTEN MEERWAS HAT DIE SAGENUMWOBENE KÖNIGIN VON SABA MIT DEM MORD AUF DER AIDAbella ZU TUN?Krimispannung auf der AIDAbella auf der Orientroute Auf der beliebten Orientroute von Mallorca nach Dubai wird an Bord der AIDAbella ein Passagier grausam erwürgt aufgefunden. Zur gleichen Zeit entdeckt in einem einfachen Hotel in der jordanischen Hafenstadt Akaba, dem letzten Stopp des Schiffes, ein Zimmermädchen ein weiteres Mordopfer.Kapitän Olsen ist gezwungen, im Roten Meer den saudiarabischen Kommissar Abdel Rahman an Bord zu nehmen, der zwischen beiden Morden einen Zusammenhang vermutet.Während der Kapitän sich um die Sicherheit von Passagieren und Besatzung sorgt, verfolgt der saudische Kommissar ein ganz eigenes Ziel. Als sich die 70-jährige Frieda Olsen, die Mutter des Kapitäns, in die Ermittlungen einmischt, spielt plötzlich die sagenumwobene Königin von Saba eine entscheidende Rolle in dem Fall.Es bleibt nur wenig Zeit den Mörder zu finden, bevor der Kapitän Olsen die Reise abbrechen muss, als ausgerechnet dann eine Person über Bord geht. Umso seltsamer, dass auf dem Schiff jedoch niemand vermisst wird.

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Zeit:7 Std. 22 min

Sprecher:Sebastian Stielke

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ISBN:978-39875-683-74

© 2022 Kampenwand Verlag

Raiffeisenstr. 4 · D-83377 Vachendorf

www.kampenwand-verlag.de

Text: Krinke Rehberg

Umschlagfotos: ©Oleg_Yakovlev/shutterstock, ©Busara/shutterstock, ©andrejs polivanovs/shutterstock, ©Gordan/shutterstock

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

AUCH WICHTIG!

Die Geschichte ist frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen und/oder realen Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dieses Buch steht in keinem Zusammenhang mit der AIDACruise und der Carnival Maritime GmbH.

Lediglich die Handlung spielt auf einem der AIDA Kreuzfahrtschiffe.

Für Sabine

Ohne sie wäre alles nix!

Prolog

Rache und Vergeltung sind die Erzfeinde von Gnade und Barmherzigkeit.

Ist die Gnade ein Geschenk Gottes, so ist die Vergeltung das Mitbringsel des Teufels. Schon der kleinste Funke reicht aus, um in der Seele ein loderndes Feuer zu entfachen. Eine Glut, von Wut genährt, breitet sich aus zu einem Flammenmeer, das man vergeblich mit Rachsucht zu löschen versucht.

Übrig bleibt verbrannter Seelenboden, auf dem kein Spross wächst, keine Wurzel Halt findet und nichts als trostlose Verbitterung und einsame Verdammnis gedeihen.

Denn das Seelenfeuer zu löschen, vermag nur die Gnade und um die Wunden zu heilen, braucht es Barmherzigkeit.

Doch hastet der Rachsüchtige mit Scheuklappen durch seine Welt und auch wenn ihm klar ist, dass sich Ölflecken nicht mit Öl und Rotweinflecken nicht mit Rotwein entfernen lassen, so versucht er gnadenlos, Blut mit Blut auszuwaschen.

Frieda Olsen

1

Ist das Ihr Ernst? Sind Sie sicher?«

Seiner Stimme hörte man das aufschäumende Adrenalin an.

Das anonyme Prepaid-Handy, das er extra für diese Anrufe hatte, klingelte nur alle paar Jahre. Er fasste sich an den kahlen Kopf. Diese Nachricht trieb ihm den Schweiß auf die Stirn. Konnte das tatsächlich wahr sein?

»Unser Mann in Kairo ist Experte und wir haben uns bisher jedesmal auf ihn verlassen können!«

»Gewiss, aber das hier ist etwas anderes!« Er spürte jeden einzelnen Herzschlag.

»So viel hat er noch nie verlangt!«

Die Gedanken rasten durch seinen Kopf. Es war unglaublich!

Eine echte Sensation! Nicht auszudenken, wenn es wahr wäre! Er hatte seiner Sammlung über den Mitarbeiter des ägyptischen Museums in Kairo bereits drei wertvolle und einzigartige Artefakte hinzufügen können.

Aber das?

Es wäre die ultimative Krönung seiner Sammlung! Eine Trophäe aus der Welt der Legenden.

Es ging um niemand Geringeres als die sagenumwobenste Frau der Weltgeschichte.

Jedes Museum würde es besitzen wollen. Sammler aus aller Welt wären bereit, dafür zu töten. Er hielt kurz inne und versuchte, kühl zu bleiben.

Sein Körper bebte.

Ja, auch er wäre unter Umständen bereit, dafür zu töten. Ach was, er wischte den Gedanken beiseite. Er musste nicht töten, er hatte Geld, viel Geld.

Er konnte kaufen. Ein Jammer, dass niemand es je zu Gesicht bekommen würde. Aber das war der Preis. Keine Frage, er musste es besitzen, koste es, was es wolle.

»Wieviele Personen wissen davon?«

»Schwer zu sagen bei so einem Fundstück.«

Sein Gesprächspartner holte hörbar Luft. »Ich schätze, der Kreis der Eingeweihten ist sehr klein.«

»Bin ich der Erste?«

»Ja, da bin ich mir sicher! Niemand zahlt so gut wie Sie!«

Der Händler grinste verschlagen. Die Provision, die er kassieren würde, war ein Vermögen. Er war sich des einmaligen Wertes seiner Ware durchaus bewusst und hatte die Chance, eine wahnsinnige Summe zu fordern, wohl überlegt ergriffen.

»Und Sie wissen ja, unser Mann in Kairo handelt nicht!«

»Bei der Summe komme ich persönlich nach Kairo!«

Natürlich waren fünf Millionen Dollar irrwitzig viel Geld für ein zweieinhalb Zentimeter großes Steinsiegel. Andererseits war es unbezahlbar und auf dem internationalen Kunstmarkt ein Vielfaches wert.

»Kunstschätze dieser Art werden über Jordanien aus Ägypten heraus geschmuggelt. Und ich denke, Sie würden dort zu sehr auffallen. Ich kann das, wie üblich, für Sie erledigen.«

Vielleicht hatte er doch zu hoch gepokert, dachte der Händler. Vier Millionen aufzuschlagen war, gelinde gesagt, frech und gewagt. Am anderen Ende der Leitung herrschte Stille.

»Sind Sie noch dran?«

»Ich google gerade!«, kam prompt die Antwort.

Der Köder war ausgeworfen und wie er seinen Kunden einschätzte, würde er zugreifen.

Diese privaten Antiquitätensammler hatten Geld im Überfluss und sahen das Horten von Kunstschätzen als persönlichen Erfolg.

Als eine Art Trophäe, die in privaten Safes der Welt vorenthalten wurde. Was kümmerte es ihn. Für ihn war die Gelegenheit gekommen, auf die er lange gewartet hatte. Er hörte das Atmen am anderen Ende der Leitung.

Geld bedeutete Macht und der unrechtmäßige Besitz kunsthistorischen Kulturerbes war eine ekstatische Steigerung dieses Machtgefühls.

»Ich komme persönlich!« Der Tonfall ließ keinen Raum für Widerspruch.

»Als Kreuzfahrttourist getarnt, werde ich unseren Mann in Jordanien treffen. Die Bezahlung erfolgt vor Ort in bar.«

Der Plan war einfach und bot eine Portion Abenteuer, die er schon lange nicht mehr verspürt hatte.

Diesmal würde er nicht einfach nur kaufen. Nein, er würde vor Ort in Jordanien unter vier Augen mit einem Händler ein Geschäft abwickeln. Das war das Leben eines modernen Grabräubers. Ein Abenteuer, das man mit Geld nicht kaufen konnte und der Stoff für einen Indiana-Jones-Film mit ihm als Hauptdarsteller.

Ja, er ging ein Risiko ein, aber weshalb eigentlich nicht? Je mehr er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm die Idee. Seine Frau, die einzige Tochter eines der größten Ölmagnaten Texas, war seine engste Vertraute und gemeinsam hatten sie in den letzten Jahrzehnten eine beträchtliche Anzahl illegal erworbener Kunstwerke angehäuft.

Hinter einer Geheimtür im Keller befanden sich Schätze im Wert von zig Millionen Dollar.

Regelmäßig besuchten sie ihr privates Museum und stießen mit einem Glas Dom Perignon auf neu eingetroffene Stücke an.

Selbstverständlich war seine Frau Vorsitzende des Fördervereins vom Städtischen Museum und eine sechsstellige Spendensumme wurde jährlich von seinem Privatkonto abgebucht.

Er konnte es kaum erwarten, ihr die Neuigkeit mitzuteilen.

»Überlegen Sie es sich nochmal. Das könnte gefährlich werden!«, versuchte der Anrufer es ein letztes Mal. Wenn sein Kunde die Übergabe selbst durchführte, wäre sein Gewinn futsch.

Dann bräuchte er einen neuen Plan.

»Das nehme ich persönlich in die Hand. Kreuzfahrttouristen werden kaum kontrolliert und es gibt genügend Wege, so ein kleines Artefakt unbemerkt außer Landes zu bringen. Kein Zollbeamter der Welt würde erkennen, um welch kostbares Stück es sich handelt.«

Der Amerikaner war fest entschlossen.

»Keine Widerrede. So machen wir’s!« Mit diesen Worten legte er auf.

Die Aufregung wollte sich nicht legen und er genoss das Gefühl der Vorfreude auf einen der größten Schätze der Menschheit.

Er schenkte sich einen LOUIS XIII Cognac ein. Die Flasche kostete 8000 Dollar und war extra für solche Momente.

Die bernsteinfarbene Flüssigkeit im vorgewärmten Cognacglas schwenkend, ließ er sich in den weichen Le Corbusier Ledersessel fallen.

Bevor er nippte, murmelte er voller Ehrfurcht: »Die Königin von Saba!«

2

Ab Akaba in Jordanien müsste sich eine Gelegenheit bieten. Dann haben wir vier Seetage vor uns!« Der Mann, Mitte 50 und mit viel zu blassem Gesicht, saß mit hängenden Schultern im Stuhl und hatte die Füße ausgestreckt. Seine Stimme klang entschlossen.

Die mallorquinische Sonne bescherte auch im Oktober schon um 10 Uhr morgens Temperaturen wie im Inneren eines Atommeilers. Von der Terrasse des ›Melia Palma Marina‹-Cafés hatte man einen direkten Blick auf den Hafen von Palma.

Halb rechts eröffnete sich ihnen der Blick auf den Porto Pi, dem Anleger für die Kreuzfahrtschiffe. Morgen würde die AIDAbella von hier aus nach Dubai starten. Der klassische Bug, verziert mit Kussmund und Auge mit gewelltem Lidstrich, hinterließ beim flüchtigen Hinsehen den Eindruck, als würde ein liebestolles Seemonster im Hafen an Land krabbeln wollen.

Und der Grund dieser Reise war Liebe. Liebe und Hass. Nie zuvor war ihm so deutlich bewusst, wie nah diese beiden Gefühle beieinander standen.

»Denkst du, dass es ein guter Plan ist?«, gab die Frau ihm gegenüber zu bedenken. Sie nippte an einer Tasse Kaffee und blickte gedankenverloren über die breite Avenida de Gabriel Roca, die von einem mit Palmen gesäumten Grünstreifen geteilt wurde.

Vorbeifahrende Autos, hupende Roller, Touristen, fliegende Händler und die Geräusche des Hafens brandeten gleichmäßig wie Wellen aus Lärm heran.

Elf Jahre waren seit jener Nacht vergangen und nicht ein einziges Mal hatte sie in dieser Zeit nicht daran denken können. Immer und immer wieder hielt sie sich die Sinnlosigkeit vor Augen und dachte darüber nach, ob sie es hätte verhindern können.

Sie wusste genau, dass es nie wieder so wie früher würde. Die Tür zurück war für immer verschlossen und der Zustand, in den sie in dieser Nacht hineingestoßen worden war, war zur bitteren Normalität geworden.

»Wir haben das doch besprochen.« Seine Zähne blitzen kurz auf, als er von einer Scheibe Toast abbiß.

»Und bis Akaba …?«

»Bis Akaba verhalten wir uns unauffällig. Ein Schiff wie die AIDAbella hat überall Augen und Ohren!«

Sie nickte abwesend.

»Ich muss jetzt allein sein!«, sagte sie, ging die paar Schritte zum Ende der Caféterrasse und entschied spontan, nach links zu gehen.

Sie drehte sich nicht noch einmal um und in Erinnerungen gefangen, reifte auch in ihr die Gewissheit, dass es ein guter Plan war.

Was auch immer danach sein würde, es war ihr egal.

3

Bis kurz nach Mitternacht war die Lounge gut besucht gewesen. Die 252 Meter lange AIDAbella hatte vor Nabq den Lotsen an Bord genommen, der sie sicher durch die Meerenge von Tiran führen sollte. Die nur knapp fünf Kilometer breite Wasserstraße teilte das Rote Meer vom Golf von Akaba. Westlich erhob sich der geschichtsträchtige Sinai und östlich versperrte die Insel Tiran jegliche Durchfahrt. Eine Passage, die von Seeleuten ganz besonderes Geschick forderte. Einen Tag zuvor wurden auf dem Hinweg nach Akaba einige Schiffswracks gesichtet, die in dieser Meerenge ihr Schicksal gefunden hatten. Die beeindruckenden Untiefen waren sogar von Bord des Kreuzfahrtschiffes mit bloßem Auge zu erkennen gewesen.

Nur die Grafton- und die Enterprisepassage waren tief genug, um von großen Schiffen befahren zu werden.

Herrschten im Golf von Akaba noch Meerestiefen von weit über 1000 Metern, so türmte sich in der Meerenge ein unterirdisches Gebirge auf und gipfelte in vier riesigen Korallenriffen.

Durch diesen enormen Höhenunterschied gab es keinen ungehinderten Wasseraustausch zwischen dem Golf von Akaba und dem Roten Meer, wodurch Temperaturen und Salzgehalt anstiegen und gefährliche Strömungen verursachten.

Dies war der Grund für eine einzigartige Meeresfauna.

Nicht umsonst war das Gebiet um Sharm el Sheikh eines der beliebtesten Tauchgebiete der Welt.

Der Lotse steuerte die AIDAbella sicher durch die 260 Meter tiefe Enterprisepassage.

An Steuerbord blinkten die Lichter der ägyptischen Touristenhochburg Sharm el Sheikh, wohingegen die Insel Tiran an Backbord im Dunkeln lag.

Nach und nach verließen die schaulustigen Urlauber die Lounge und begaben sich in ihre Kabinen.

In der Ferne türmte sich eine dunkle Wolkenwand auf und Blitze erhellten den Horizont.

Es war zwei Uhr nachts und auf dem Schiff herrschte endlich Ruhe. Clemens Witt saß allein in der Lounge.

Eine kleine Rotweinflasche mit Schraubverschluss und der Blick auf das Rote Meer, das schwarz vor ihm lag, waren sein kleines Stück vom Glück.

Er war das erste Mal in Jordanien gewesen und die Eindrücke der alten arabischen Stadt waren so vielfältig wie stundenlanges Zappen durch 500 Fernsehkanäle.

Jede Ecke hatte eine andere Geschichte erzählt. Hier hatten einst Kreuzritter, Mamelukken und sogar der berühmte Sultan Saladin gekämpft.

Heute war Akaba Jordaniens einzige Hafenstadt und ihre Geschichte eng mit dem berühmten Lawrence von Arabien verbunden.

Der berüchtigte Offizier, Archäologe und Geheimagent hatte die Beduinenstämme in einem Gewaltritt quer durch die Wüste Nefal geführt, um die Hafenstadt von der Landseite aus einzunehmen. Zu der Zeit bildete Akaba die südlichste Spitze des riesigen Osmanischen Reiches und alle Kanonen waren auf die See ausgerichtet gewesen, da es undenkbar schien, von der Landseite angegriffen zu werden.

Die Unwegbarkeit der Wüste bedeutete einen natürlichen Schutz. Das war mittlerweile über 100 Jahre her und die vielen Geschichten über die Stadt sortierten sich in Clemens Kopf wie von selbst zu einer historischen Chronologie.

»Birkenweg, Esmarchstrasse, Wilhelmsplatz, Burgstrasse …«, murmelte er vor sich hin. Das war der Weg, den er gemeinsam mit seinem Therapeuten erarbeitet hatte, um sich zurück in die Realität zu holen.

Das Aufzählen der Straßen, in denen er bisher gelebt hatte. Es war ein Ausweg, den er über die letzten Jahre ununterbrochen geübt und perfektioniert hatte. Es klappte. Die Jahreszahlen und Bilder verschwanden aus seinem Kopf.

Clemens Witt schraubte die kleine Flasche auf und schenkte sich, wie jeden Abend, die gleiche Menge ein. Er hatte ein wenig Glück verdient und endlich keimte Zuversicht in ihm. Sein Blick blieb an dem orangefarbenen Teppich mit dem gepunkteten Kreismuster hängen.

Das Muster breitete sich in seinem Kopf aus. Sieben konzentrische Kreise aus dunkelorangenen Punkten, wobei der äußere Kreis mit dem nächsten verschmolz. In wenigen Sekunden würde er ganz automatisch die Anzahl der Punkte errechnet haben.

Die Teppiche auf der AIDAbella hatten allesamt etwas Hypnotisches.

Der Kreis war ein zentrales Stilmittel in diesen Mustern. Er überlegte, ob irgendeine mathematische Absicht dahinter steckte, versuchte aber, diesen Gedanken zu unterdrücken. »Birkenweg, Esmarchstrasse …«

Er vernahm hinter seinem Rücken ein Geräusch und drehte sich in seinem Sessel zum Eingang. Jemand in einem Kapuzenbademantel hatte die Lounge betreten.

»Guten Abend«, grüßte er.

Die Person sah sich gründlich um. Er konnte das Gesicht in der abgedunkelten Lounge nicht erkennen und es interessierte ihn auch nicht. Er war wegen der Aussicht hier, es war sein kleines Stück vom Glück. Jede Nacht hatte er bis in die frühen Morgenstunden hier in der abgedunkelten Lounge mit Blick über den Bug gesessen. Dies war die ultimative Essenz einer Aussicht. Nichts lenkte von der dunklen Meeresoberfläche, die irgendwo in der Ferne unsichtbar mit dem Horizont verschmolz, ab. Vereinzelte Lichter, Bojen und Leuchttürme fügten sich wie Sterne am Firmament ein. Diese pure Aussicht auf die Nacht brachte Frieden in seine Gedanken. Auch wenn diese Stille jeweils nur von kurzer Dauer war, so tat sie ihm gut, es war sein persönlicher Akku. Er hatte sich den ersten Tag an Bord genauestens umgesehen. Die meisten Menschen, die nachts in der Lounge saßen, hatten ein Getränk dabei. Deswegen hatte er sich die kleine Flasche Rotwein besorgt und jeden Abend einen Schluck eingeschenkt, nur, um ihn später wieder in die Flasche zurück zu schütten.

Sich eingliedern, einer Gemeinschaft angehören, eine Menschenmenge aushalten, das hatte er gelernt und konnte es hier umsetzen. Er war so weit, ja, er konnte das. Sein eigenes Glück kam zurück zu ihm.

Im nächsten Moment spürte er etwas um seinen Hals, das ihm die Kehle zuschnürte.

Das Weinglas fiel dumpf zu Boden.

Panisch schlug er um sich, versuchte, den Ring zu lösen. Vergebens. Der Druck war gleichmäßig und von ungeahnter Kraft. Seine Schreie verendeten stumm wie die eines Fisches an Land.

Clemens Witt starrte seinen Mörder an. Und jetzt erst begriff er, dass er ermordet wurde. Jemand wollte ihm das Leben nehmen und sah dabei zu, wie er elendig erstickte.

Er sah in dem Blick seines Mörders weder Mitleid noch Anteilnahme, eher eine boshafte Neugier. Das letzte, was Clemens Witt wahrnahm, war der dunkle Rotweinfleck, der die konzentrischen Kreise im Teppichmuster störte und die mathematische Ordnung sträflich unterbrach.

Dann wurde es schwarz. So schwarz wie das Rote Meer bei Nacht.

Lautlos und ohne Hast verschwand der Mörder in der nächtlichen Einsamkeit des Kreuzfahrtschiffes.

Ein paar Minuten später kehrte die Person im Bademantel zurück in die Lounge und ging zielstrebig auf Clemens Witt zu. Beim Anblick der Leiche setzte bei ihr ein rasender Herzschlag ein.

Das pochende Blut drang bis in den Kopf.

Die Halsschlagader pulsierte. Sie spürte keine Erlösung, keine Genugtuung, nur das rasende Herz im Brustkorb.

Clemens Witt lebloser Körper kauerte zusammengesunken in dem Cocktailsessel und am Horizont entlud sich ein greller Blitz.

Den Blick auf die nächtliche See gerichtet, leuchtete für einen kurzen Augenblick eine grotesk anmutende Zufriedenheit in ihrem Gesicht auf und sie flüsterte:

»Er hat ja nicht einmal geblutet.«

4

Frieda Olsen zog die gewachste Zahnseide zwischen ihren Backenzähnen hin und her. Dann fühlte sie mit der Zunge nach.

»Perfekt!«, sagte sie zufrieden zu ihrem Spiegelbild.

Sie bürstete ihr schulterlanges, kastanienbraunes Haar, das den gleichen Farbton wie ihre Augen hatte. All ihre Freundinnen beneideten sie um diese offenbar genetisch bedingte Haarpracht. Auch ihre Mutter hatte noch im hohen Alter volles, dunkles Haar gehabt. Frieda hatte immer ein gesundes Leben geführt, nicht ganz frei von Alkohol und Zigaretten auf zahlreichen Feiern, aber niemals im Alltag!

Dank eines gesunden Speiseplans und ausreichend Bewegung besaß sie die Figur einer jungen Frau, allerdings fühlte sie sich nicht mehr jung.

Oftmals wollten vor allem die Knie nicht so schnell die Treppe hoch wie früher. Obwohl sie die letzte Nacht wegen des Gewitters unruhig geschlafen hatte, war sie, wie die letzten 70 Jahre auch, um halb acht Uhr bereits auf den Beinen. Für heute war herrliches Wetter vorhergesagt mit Temperaturen bis zu 32 Grad. Das war ihr persönlich zwar zu heiß, aber es gab genügend schattige Plätze auf der AIDAbella. Auch wenn sie bis zur Geburt ihres Sohnes lediglich zwei Jahre in ihrem Beruf als Krankenschwester gearbeitet hatte, wusste sie um die Gefahr eines Hitzeschlags oder auch Sonnenbrandes.

Der junge Rechtsanwalt, der ihr Herz im Sturm erobert hatte, versprach ihr ein gutes Leben. Ohne Zweifel, gut hatte sie es mit Jörg gehabt. Ja, es war gut gewesen, nicht nur in finanzieller Hinsicht, allerdings weit entfernt von leidenschaftlich oder aufregend. Sie sah ihr Spiegelbild an und runzelte die Stirn, um zu kontrollieren, ob die Falten tiefer wurden.

Frieda nahm sich nicht als 70-jährige Frau wahr, aber das ging wahrscheinlich allen so. Das eigene Bild verzerrte sich mit der Zeit. Es war immer wieder erstaunlich, dass zwischen einem Foto und dem eigenen Spiegelbild so ein eklatanter Unterschied bestand.

Auf einem Foto erkannte sie die Rentnerin, im eigenen Spiegelbild dagegen nicht. Die Jahre waren viel zu schnell vergangen und jetzt tat sie alles, um noch so viel wie möglich zu erleben. Sie hatte keine Zeit, einem Leben nachzutrauern, das sie vielleicht hätte haben können.

Jörg war in der Küche umgekippt, während sie ein Bad genommen hatte. Wäre sie etwas früher hinunter gekommen, hätte sie ihn vielleicht retten können. Damit musste sie leben. Es hatte einige Monate gedauert, ihr Leben als Witwe neu zu strukturieren. Sie war Jörg eine gute Ehefrau und Klaas eine gute Mutter gewesen, obwohl das Ablegen der Mutterrolle ihr noch heute schwerfiel. Ihre Ehe hatte ihr letzten Endes ihren Sohn und ihre jetzige Unabhängigkeit beschert. Sie fühlte, dass sie noch eine Zukunft hatte. Jeder Tag zählte und in Friedas Innerstem köchelte eine ungestillte Abenteuerlust auf kleiner Flamme vor sich hin. Wie diese Abenteuer aussehen würden, wusste sie nicht. Außer regelmäßigen Kreuzfahrten und einigen älteren Herren, die sich als Partner anboten, verliefen die ersten Jahre nach Jörgs Tod ereignislos. Sie genoss ihre neu entdeckte Unabhängigkeit und hatte vor einem Jahr die Ausbildung zur Mediatorin abgeschlossen.

Ihr pragmatisches Denken, die Gelassenheit, die ihre Lebenserfahrung mit sich brachte und ihre Fähigkeit, Emotionen bei Auseinandersetzungen auszublenden, waren optimale Voraussetzungen dafür. Im Gegensatz zu den anderen Kursteilnehmern ging es ihr nicht um den Broterwerb, sondern um ihre persönliche Fortbildung.

Es hatte ihr Freude bereitet, abends vor Fachliteratur zu sitzen und sich mit Psychologie zu befassen. Irgendwann würde sie dieses Wissen anwenden können. Schließlich war sie ERST 70.

Die geräumige Suite 8101 am Bug auf Deck 8 mit dem privaten Sonnendeck war mittlerweile so etwas wie ihr zweites Zuhause geworden. Seitdem Klaas vor zwei Jahren zum Kapitän der AIDAbella ernannt worden war, befuhr sie an der Seite ihres Sohnes die sieben Weltmeere. Allerdings bestand sie darauf, für die Kosten ihrer Kreuzfahrten selbst aufzukommen, obwohl Klaas mehrfach protestiert hatte. Zum einen wollte sie sich nicht von ihrem Sohn aushalten lassen, zum anderen hatte sie Jörgs Kanzlei ein Jahr nach seinem Tod für eine stattliche Summe verkauft.

Im Grunde genommen hatte sich ihr Leben mit dem Tod ihres Mannes kaum verändert. Jörg war jeden Tag um 6 Uhr 30 aus dem Haus gegangen und abends nach 21 Uhr zurückgekehrt.

Er war Deutschlands berühmtester Strafverteidiger und Chef von mehreren Dutzend Mitarbeitern gewesen.

Jörg und sie verband nicht nur die Liebe zu ihrem Sohn Klaas, sondern auch Friedas unerklärliche Neigung, Strafakten zu lesen. Auch wenn es verboten war, schließlich unterstand Jörg der anwaltlichen Schweigepflicht, so verschlang sie doch allabendlich die Straf- und Ermittlungsakten, die er mit nach Hause brachte.

Diese Akten waren ihre Krimis zum Mitfiebern. Er hielt große Stücke auf ihre Meinung zu einem Fall, auch wenn ihn das nicht in seiner anwaltlichen Tätigkeit beeinflusste. Schließlich war für ihn die Frage einer Schuld nicht von Belang. Er hatte immer versucht, das bestmögliche Urteil für seinen Mandanten zu erwirken.

Wenn Frieda ehrlich war, vermisste sie die Strafakten mehr als Jörg. Sie hatte es mit Krimis und Thrillern versucht, doch das war nicht das gleiche. Nach dem Lesen von Polizeiakten und Obduktionsberichten waren ihr Kriminalromane zu trivial.

Sie besaß einige Mietshäuser, die ein fürstliches Jahreseinkommen generierten. Letzten Endes war all das irgendwann einmal für Klaas gedacht. In den ihr verbleibenden Jahren würde sie das Vermögen nicht ausgeben können. Wenn Klaas nur endlich einmal heiraten und eine Familie gründen würde!

Ihr Blick wanderte durch die elegante Suite zu den großen, bodentiefen Fenstern auf das Meer hinaus. Das Rote Meer breitete sich wie ein dunkelblauer Läufer vor ihr aus.

Natürlich war die Suite 8101 nicht preiswert, aber wann sollte sie ihr Geld ausgeben, wenn nicht jetzt?

Sie genoss außerdem einige Vorzüge auf dem Schiff. Jeder der Crew kannte sie als Frau Olsen, die Mutter des Kapitäns.

Gestern Nachmittag war sie auf dem König Hussein Flughafen in Akaba gelandet und bereits erwartet worden. Klaas hatte einen Shuttle Service geschickt. Am Flughafen hatte kein geringerer als Klaas Erster Nautischer Offizier, Frank Jahnke, auf Frieda gewartet. Sie kannte Jahnke schon von vielen anderen Reisen und war erfreut über den herzlichen Empfang gewesen.

Frieda hatte, sehr zum Missfallen ihres Sohnes, die Angewohnheit, ihre Landgänge auf eigene Faust zu gestalten und nahm fast nie an den geführten Ausflügen teil.

Meistens verhandelte sie mit den Taxifahrern am Pier und ließ sich die jeweilige Stadt von einem Einheimischen zeigen. Das sei das echte Leben, betonte sie immer wieder und so sehr Klaas auch intervenierte, ließ sie sich diese Abenteuer nicht nehmen.

Die jetzige Reise hatte sie ursprünglich ab Mallorca gebucht, aber in letzter Minute hatte sich Ruth, ihre Nachbarin zuhause in Kiel, den Fuß verstaucht. Bis die Krankenkasse eine Hilfskraft organisiert hatte, war es Frieda gewesen, die die ersten Tage für sie sorgte, ihre Einkäufe erledigte, den Müll hinaus brachte und vor allem den kleinen Yorkshireterrier Hugo ausführte.

Für Frieda war diese Nachbarschaftshilfe selbstverständlich, auch wenn es in diesem Fall bedeutet hatte, dass sie ihre Kreuzfahrt erst eine Woche später antreten konnte.

Frieda warf ein leichtes Leinentuch über die kurzärmelige Bluse, setzte ihre Sonnenbrille ins Haar und griff nach ihrer kleinen Bordhandtasche.

Ein Geschenk von Ruth. An Bord benötige sie schließlich keine große Handtasche, sondern eine kleine, praktische für Handy, Taschentücher und Sonnencreme.

Und natürlich ihr Schweizer Taschenmesser, das einzige Erbstück von ihrem Vater. Es war von 1910 mit einem Griff aus geschwärztem Eichenholz und hatte eine Klinge, einen Dosenöffner und einen Schraubenzieher.

Jörg hatte es zu ihrem dreißigsten Hochzeitstag von einem Schmied restaurieren lassen. Eigentlich gehörte es als Sammlerstück in eine Vitrine, aber Frieda führte es grundsätzlich mit sich.

Beim Verlassen der Kabine sah sie über den Bug hinweg und bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Sie hätte es eigentlich bemerken müssen. Das Schiff fuhr nicht. Sie hörte und fühlte zwar das leise und sonore Brummen der knapp 49.000 PS, die im Bauch der AIDAbella arbeiteten, aber das Schiff machte keine Fahrt voraus.

In der Ferne konnte sie ein blinkendes Schiff der Küstenwache erkennen, das sich schnell näherte. Was wollte die Polizei auf der AIDAbella?

Sie beobachtete, wie das Schiff, dessen Bug durch die sanften Wellen des Roten Meeres schnitt und die Gischt hochspritzen ließ, längsseits ging.

Frieda spürte ein feines Kribbeln im Nacken.

Sie änderte ihren Plan und verzichtete auf das reichhaltige Frühstücksbuffet, um auf direktem Weg zur Brücke zu gehen.

5

Auf Deck 3 stand Staffkapitän Grundberg, als das Außenschott geöffnet wurde, über das normalerweise der Lotse an Bord kam.

Die AIDAbella hielt die aktuelle Position in Küstennähe außerhalb der 12 Meilen Zone vor der saudischen Hafenstadt Duba.

Es herrschte kaum Wellengang, sodass eine Gangway ausgefahren wurde, um drei Männer an Bord zu nehmen.

Zwei von ihnen trugen khakifarbene Uniformen mit dem Emblem des saudischen Königshauses am Hemdsärmel, eine goldene Krone und zwei gekreuzte Schwerter unter einer Palme. Beide trugen ein schwarzes Barré mit dem gleichen Emblem in Gold sowie ein Holster am Gürtel, in dem eine Pistole steckte.

Der offensichtlich ranghöhere Dritte war in Zivil gekleidet. In Saudi Arabien war dies ein weißer bodenlanger Quamis, der saudische Kaftan, mit Knopfleiste und Kragen.

Das kantige Gesicht wurde von einer weißen Kufyia eingerahmt, dem traditionellen Kopftuch der Saudis. Gehalten wurde es von einem schwarzen Stirnband.

Kommissar Abdel Rahman war Anfang fünfzig und sein wacher Blick wurde von einer großen Sonnenbrille verdeckt.

Die Offiziere der AIDAbella, die der Kapitän zur Begrüßung abgestellt hatte, salutierten. Sie waren vom Kapitän über das Wesen der saudischen Polizei informiert worden. Die Behörde für öffentliche Sicherheit, auf arabisch kurz As-surta, unterstand, wie jede andere saudische Behörde, dem Königshaus. Die Polizei war, ähnlich wie in Europa, in verschiedene Zuständigkeiten aufgeteilt.

Diese Beamten gehörten zu der Behörde, die mit der Kriminalpolizei in Europa gleichzusetzen war.

Der dunkle Parkettboden auf Deck 3 glänzte im Licht der eingelassenen Deckenspots und die gesamte Wand bedeckte eine Fototapete mit dem Motiv einer holländischen Häuserzeile an einem Kanal. Alle paar Meter standen schwarze Poller vor dieser Tapete, die den Eindruck verstärkten, dass man sich an den Grachten von Amsterdam befand.

Abdel Rahman mochte diese riesigen, schwimmenden Hotels nicht. Er hatte das Gefühl, sich in einem brummenden Hochhaus mit Aussicht auf das Wasser zu befinden. Ein Schiff sollte die Verbindung zwischen dem Menschen und dem Element Wasser sein.

Die Besatzung sollte Respekt vor den Naturgewalten haben und die eigene Bedeutungslosigkeit erkennen.

So hatte er es als kleiner Junge von seinem Großvater gelernt. Damals, als Duba noch eine verschlafene Hafenstadt war. Er hatte früh gelernt, ein Boot zu steuern. Das typische Holzboot mit dem spitz aufragenden Bug seines Großvaters hatte seine Kinderaugen stets zum Leuchten gebracht.

›Abdel, höre, was dein Großvater zu sagen hat!‹ So begannen die Lehrstunden an Bord und er hatte aufgepasst und zugehört. Das Meer zu beobachten, die Spuren in den Wellen zu lesen und dem Wind zu lauschen, das hatte er gelernt. ›Allah hat dir fünf Sinne gegeben. Nutze sie, sonst beschämst du Allah und seinen Propheten Mohammed!‹

Diese Weisheiten hatten den kleinen Jungen von damals zu einem besonnenen Kommissar gemacht, von dem es hieß, er sei einer der Besten. Nur er selbst wusste, dass das nicht mehr stimmte. Polizeiarbeit war nichts anderes, als das Meer und die Wellen zu beobachten. Kleinste Strudel, Wirbel, Strömungen oder aufschäumende Gischt waren Zeichen, die es zu deuten galt, um geduldig auf einen Barrakuda oder Thunfisch zu warten.

Denn nur wer wusste, wann und wo er einen Köder auslegen musste, machte einen guten Fang.

All das hatte seinen Sohn nicht schützen können. Rahman dachte an Jamal. Er wäre gestern 30 geworden. In seiner Erinnerung sah er seinen Sohn nie in glücklichen Zeiten. So oft er auch versuchte, sich an Jamal als Baby oder Kleinkind zu erinnern, immer schob sich das Bild des von einer Maschinenpistole durchlöcherten Körpers vor seine Augen.

Es war ein heißer Morgen gewesen, ein paar Kilometer westlich von Al Kharkhir, einer saudischen Grenzstadt zum Jemen, als das kleine Grenzkommando seines Sohnes in ihren Fahrzeugen einige Beduinen mit ihren Tieren stoppte. Die Grenze zum Jemen war mit Stacheldraht geschützt, um den Zustrom schiitischer Rebellen abzuwehren. Der Streit um die Grenzanlagen dauerte bereits seit dem Saudi-Jemenitischen Krieg von 1934 an. Erst im Jahre 2000 wurde eine 40 Kilometer breite Schutzzone errichtet, um den Nomaden in diesem Korridor ihre traditionellen Routen nicht zu versperren.

Beide Seiten hatten das Recht, auf ihrem Territorium die Bewaffnung und Fahrzeuge einzuschränken.

Tiere jedoch waren davon ausgenommen und es gab zahlreiche Stämme, die ihre Herden für Waffenschmuggel nutzten.

Saudi Arabien und der Jemen vereinbarten, innerhalb dieser Zone nur leicht bewaffnete Patrouillen einzusetzen. Diese Vereinbarung hatte mit dem erneuten Krieg Saudi-Arabiens gegen den Jemen seit 2015 ein Ende gefunden.

Inmitten dieser Allianzen aus Ländern wie Saudi-Arabien, Ägypten, die Emirate, Marokko, Sudan, Jordanien und sogar westlichen Nationen wie Frankreich oder die USA, wurden die Grenzpatrouillen wie kleine Figuren auf einem Spielbrett hin und her geschoben und wenn es sein musste, auch geopfert. Jamal und seine Patrouille hatten keine Chance gehabt.

Sie wurden einfach niedergeschossen.

Als man ihre Leichen in der Wüste fand, waren sie ausgetrocknet und von Aasfressern angenagt. Den Anblick seines toten Sohnes würde Rahman niemals vergessen.

Er schüttelte sich und verscheuchte die Bilder aus seinem Kopf.

Er stand immer noch vor der Amsterdamfototapete und das AIDA-Empfangskommittee sah ihn erwartungsvoll an. Offenbar hatten sie ihm eine Frage gestellt. Er nickte und streifte seine Quamis glatt. Er würde im Büro die Grachten und Kanäle von Amsterdam auf Google Maps suchen, um zu sehen, ob sie ein ähnlich schönes Bild abgaben wie der Lotus Park von Duba, eine künstlich angelegte Pieranlage in Form von Lotusblüten, die schon vom Himmel aus das Auge des Propheten erfreute.

Einer der Offiziere verbeugte sich knapp und sagte, dass der Kapitän sie bereits erwarte und jeder auf dem Schiff zur vollen Kooperation bereit sei. Rahman nickte mit ernster Miene und signalisierte durch eine knappe Handbewegung, dass er folgen würde.

Die beiden Polizisten bildeten die Nachhut, während das saudische Polizeiboot längsseits der AIDAbella in Position ging und wartete.

Die wenigen Gäste, die zu dieser frühen Stunde unterwegs waren, drängten sich geschlossen an Deck und bestaunten das Schiff der saudischen Küstenwache mit einer Mischung aus Abenteuerlust und lauernder Gefahr. Schnell sprach sich herum, dass saudische Polizisten und ein Scheich an Bord gekommen waren. Zudem war die Lounge gesperrt und wenn der Kapitän das Schiff stoppte, um die Polizei des Hoheitsgewässers an Bord zu holen, dann musste mehr als nur ein Taschendiebstahl passiert sein. Entweder wurde jemand vermisst oder war an Bord zu Tode gekommen.

Sie nahmen von Deck 3 die Crew-Lifte zu Deck 11. Von den Fahrstühlen führte ein Gang in den Gästebereich. Wo eben noch Wände aus kargem, weißen Stahl waren, schmückten nun vertäfelte Wände, Fototapeten und blankpolierte Holzgeländer den Flur. Sie durchquerten das Fitnessstudio und Jahnke öffnete mit seinem Daumenabdruck die Sicherheitstür zur Brücke.

Durch zwei Büros hindurch gelangten sie schließlich auf den geräumigen Kommandostand der AIDAbella.

Auf zwei riesigen Konsolen blinkten und leuchteten Radarschirme, Navigationsinstrumente und eine ganze Batterie an Kontrolllämpchen. Die nach innen geneigten, großen Scheiben ermöglichten den freien Blick über den Bug auf das Rote Meer, das still und blau vor ihnen lag. Die Scheibenwischer waren von beeindruckender Größe und das stabile Gestänge ließ erahnen, was diese bei Sturm zu leisten hatten.

Kapitän Klaas Olsen begrüßte die saudischen Polizisten standesgemäß.

Er salutierte in seiner blauen Uniform mit den vier Streifen am Ärmel. Alle drei erwiderten den Gruß. Das Gesicht des Kapitäns war sonnengebräunt. Seine blauen Augen und die blonden Haare gaben ihm ein skandinavisches Aussehen. »Kann ich Ihnen Tee oder Kaffee anbieten?«

Klaas zeigte auf die rückwärtige Wand, die eine voll ausgestattete Küchenzeile beherbergte.

Kommissar Rahman deutete ein Lächeln an, bevor er abwehrend die Hand hob.

»Mein Name ist Abdel Rahman und ich komme von der Behörde für internationale Sicherheit. Im Namen des Königs Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud danke ich Ihnen für Ihre Gastfreundschaft an Bord, auch wenn die Umstände wenig erfreulich sind.«

Seine Stimme war fest und kräftig. Klaas erkannte sofort, dass er es gewohnt war, Anweisungen zu geben.

Kommissar Rahman nickte Klaas freundlich, aber bestimmt, zu.

»Bitte danken Sie dem Königshaus für seine Hilfe. Meine Besatzung und ich werden Ihnen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln behilflich sein.« Klaas wusste, wie wichtig es in arabischen Ländern war, Höflichkeiten auszutauschen.

Es war Bestandteil des Begrüßungsrituals, wie in Deutschland das Händeschütteln oder in Amerika das obligatorisches ›nice to meet you‹.

»Wir haben bereits das Videomaterial der letzten Nacht gesichert«, wandte sich Klaas an den Kommissar.

»Sie können es in unserer Sicherheitszentrale ansehen.«

Rahman nickte, nahm sein Handy heraus und wählte das AIDA-Netzwerk aus. Er reichte es dem Kapitän mit den Worten: »Das Passwort, bitte!«

Klaas war dieses Verhalten nicht neu. Auch Lotsen, die an Bord kamen, loggten sich ins schiffseigene W-Lan ein.

Er nahm das Handy des Kommissars, gab das Offizierspasswort ein und drückte auf Enter.

Rahman bedankte sich mit einem Nicken.

»Ist die Leiche noch am Tatort?«

»Aber natürlich!«, versicherte Klaas. »Ich werde Sie begleiten und bitte im Interesse unserer Gäste um eine diskrete Untersuchung.« Kapitän Olsen sah den Kommissar direkt an. »Soweit das der Rahmen der Untersuchungen zulässt.«, fügte er an.