Verlag: Dressler Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Godspeed - Die Reise beginnt E-Book

Beth Revis  

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E-Book-Beschreibung Godspeed - Die Reise beginnt - Beth Revis

Die Welt von morgen - ein Thriller der Extra-Klasse. Die 17-jährige Amy ist einer der eingefrorenen Passagiere an Bord der "Godspeed". Sie und ihre Eltern sollen am Ende der Reise zu einem neuen Planeten wieder erweckt werden - 300 Jahre in der Zukunft. Doch Amys Kühlkasten wird zu früh abgeschaltet. Wollte jemand sie ermorden? Gewaltsam ins Leben zurückgerissen, findet sie sich in einer fremden Welt wieder, in der alle Menschen einem tyrannischen Anführer folgen. Nur einer widersteht: der rebellische Junior, der sich fast magisch angezogen fühlt von Amy. Gemeinsam versuchen die beiden, den schrecklichen Geheimnissen der "Godspeed" auf die Spur zu kommen. Doch kann Amy Junior trauen? Eine packende Gesellschaftsvision und ein fesselnder Pageturner um eine große Liebe, der Traum von Freiheit und tödliche Gefahren. Erster Band der Trilogie.

Meinungen über das E-Book Godspeed - Die Reise beginnt - Beth Revis

E-Book-Leseprobe Godspeed - Die Reise beginnt - Beth Revis

Für meine Eltern, die Wissenschaft in der Natur fandenund für meinen Mann, der Wissenschaft in der Technologie fandweil sie mich lieben, die ich Wissenschaft in der Fiktion fand.Dei gratia.

1

Amy

»Lass Mom als Erste gehen«, sagte Dad.

Mom wollte, dass ich als Erste ging. Ich schätze, weil sie Angst hatte, dass ich einfach weggehen und in mein Leben zurückkehren würde, sobald sie eingefroren waren, statt mich ebenfalls in einen dieser durchsichtigen Kästen zu legen. Aber Dad bestand darauf, dass Mom den Anfang machte.

»Amy muss sehen, wie es abläuft. Geh du zuerst und lass sie zusehen. Dann kann sie gehen und ich werde bei ihr sein. Ich komme dann als Letzter.«

»Geh du zuerst«, sagte Mom. »Ich gehe als Letzte.«

Aber der langen Rede kurzer Sinn – man muss dabei nackt sein, und keiner von beiden wollte, dass ich ihn nackt sah (nicht, dass ich scharf darauf gewesen wäre – igitt, bloß nicht), aber das gab den Ausschlag. Es war das Beste, wenn Mom die Erste war, weil wir die gleichen Körperteile haben und so.

Sie sah ohne ihre Klamotten ganz knochig aus. Ihre Schlüsselbeine stachen heraus; ihre Haut war so dünn wie die von alten Leuten und erinnerte mich an Reispapier, das zu stark mit Feuchtigkeitscreme eingeschmiert wurde. Ihr Bauch – den sie sonst immer unter ihrer Kleidung kaschierte – hing schlaff und faltig, was sie irgendwie noch verletzlicher und schwächer aussehen ließ.

Den Männern, die in dem Labor arbeiteten, schien die Nacktheit meiner Mutter genauso gleichgültig zu sein wie die Anwesenheit von mir und meinem Dad. Sie halfen ihr, sich in die durchsichtige Gefrierbox zu legen. Das Ding hätte ausgesehen wie ein Sarg, aber in Särgen gibt es Kissen und sie sehen entschieden gemütlicher aus. Diese Kryobox erinnerte eher an einen großen Schuhkarton.

»Es ist kalt«, sagte meine Mom. Ihr blasser weißer Körper lag flach auf dem Boden der Box.

»Sie werden nichts merken«, versicherte ihr einer der Techniker. Auf seinem Namensschild stand Ed.

Ich schaute weg, als der andere, Hassan, meiner Mutter die Infusionsnadeln verpasste. Eine in den linken Arm, in die Ellbogenbeuge, und eine in die rechte Hand, in die große Vene über den Fingerknöcheln.

»Entspannen Sie sich«, sagte Ed. Es war ein Befehl, kein mitfühlender Vorschlag.

Mom biss sich auf die Lippe.

Das Zeug in dem Infusionsbeutel floss nicht wie Wasser. Es war wie äußerst zähflüssiger Honig. Hassan quetschte den Beutel zusammen, damit es schneller durch den Schlauch und in die Vene lief. Es war leuchtend blau, so blau wie die Kornblumen, die Jason mir bei der Abschlussfeier geschenkt hatte.

Meine Mutter zischte vor Schmerz. Ed entfernte eine gelbe Plastikklammer vom Schlauch des leeren Infusionsbeutels an ihrem Ellbogen. Leuchtend rotes Blut schoss den Schlauch hinauf und in den Beutel. Moms Augen füllten sich mit Tränen. Der blaue Glibber der Infusion schimmerte durch die Venen meiner Mutter, als sich das Zeug in ihrem Arm hocharbeitete.

»Müssen warten, bis es das Herz erreicht«, sagte Ed und warf uns einen Blick zu. Dad ballte die Fäuste. Er ließ Mom nicht aus den Augen. Sie hatte die Augen zugekniffen, an ihren Wimpern hing je eine Träne.

Wieder quetschte Hassan den Beutel mit dem blauen Glibber. Ein dünnes Rinnsal Blut sickerte unter Moms Zähnen heraus, wo sie sich auf die Lippe biss.

»Das Zeug sorgt dafür, dass das Einfrieren funktioniert«, sagte Ed so beiläufig wie ein Bäcker, der gerade erklärt, wie Hefe Brot aufgehen lässt. »Ohne diese Masse würden sich in den Zellen Eiskristalle bilden, die die Zellwände sprengen. Das Zeug macht die Zellwände stärker, klar? Das Eis kann ihnen nichts anhaben.« Er warf einen Blick auf Mom. »Tut aber sauweh, wenn es reinfließt.«

Ihr Gesicht war blass, und sie lag in diesem Kasten und bewegte sich nicht, als könnte eine einzige Bewegung sie zerbrechen lassen. Sie sah aus, als wäre sie schon tot.

»Ich wollte, dass du das siehst«, flüsterte Dad. Er sah mich dabei nicht an – er starrte immer noch auf Mom hinunter. Er blinzelte nicht einmal.

»Wieso?«

»Damit du vorher weißt, wie es ist.«

Hassan knetete immer noch auf dem Beutel mit dem blauen Glibber herum. Einen kurzen Moment lang verdrehten sich die Augen meiner Mutter nach oben, und ich dachte, sie würde ohnmächtig, aber sie wurde es nicht.

»Gleich geschafft«, sagte Ed und betrachtete den Beutel mit Moms Blut. Der Fluss hatte nachgelassen.

Der einzige Laut im Raum war Hassans schweres Atmen, als er die Seiten des Glibberbeutels zusammendrückte. Und ein leises Geräusch von Mom, das sich anhörte wie ein sterbendes Kätzchen.

Ein mattblauer Schimmer funkelte in dem Schlauch, der in Moms Ellbogen führte.

»Okay, das reicht«, sagte Ed. »Jetzt ist alles in ihrem Blut.«

Hassan nahm die Infusionen ab. Mom stieß einen zittrigen Seufzer aus.

Dad zog mich vorwärts. So auf Mom herabzusehen, erinnerte mich daran, wie ich im letzten Jahr Großmutter in der Kirche angesehen hatte, als wir alle da waren, um Abschied zu nehmen, und als Mom gesagt hatte, dass sie jetzt an einem besseren Ort wäre, obwohl sie doch eigentlich nur meinte, dass sie tot war.

»Wie ist es?«, fragte ich.

»Nicht schlimm«, log Mom. Wenigstens konnte sie noch sprechen.

»Darf ich sie berühren?«, fragte ich Ed. Er zuckte mit den Schultern, also griff ich nach den Fingern ihrer linken Hand. Sie waren schon eiskalt. Und sie drückte nicht zurück.

»Können wir weitermachen?«, fragte Ed. Er schüttelte eine große Flasche mit Augentropfen.

Dad und ich traten zurück, aber nicht so weit, dass Mom das Gefühl bekäme, wir hätten sie in diesem eisigen Sarg alleingelassen. Ed zog Moms Augenlider hoch. Er hatte große, schwielige Finger; an den papierdünnen Lidern meiner Mutter wirkten sie wie grob behauene Baumstämme. Ein Tropfen einer gelben Flüssigkeit fiel in jedes ihrer grünen Augen. Ed machte es schnell – tropf, tropf –, dann drückte er ihre Augen zu. Sie machte sie nicht wieder auf.

Ich muss total geschockt ausgesehen haben, denn als Ed mich diesmal anschaute, unterbrach er seine Arbeit tatsächlich lange genug, um mir beruhigend zuzulächeln. »Damit sie nicht blind wird«, sagte er.

»Es ist okay«, sagte Mom aus ihrem Schuhkartonsarg. Doch obwohl ihre Augen zugeklebt waren, konnte ich die Tränen in ihrer Stimme hören.

»Schläuche«, sagte Ed, und Hassan reichte ihm ein Trio durchsichtiger Plastikschläuche. »Hören Sie.« Ed beugte sich dicht über Moms Gesicht. »Die müssen in Ihre Kehle. Das wird nicht angenehm. Versuchen Sie so zu tun, als würden Sie sie schlucken.«

Mom nickte und öffnete den Mund. Ed rammte ihr die Schläuche in den Hals. Mom würgte; es war eine heftige gewaltsame Bewegung, die in ihrem Bauch anfing und sich bis zu ihren trockenen, gesprungenen Lippen hocharbeitete.

Ich warf Dad einen Blick zu. Seine Augen waren hart und kalt.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie wieder ruhig dalag. Sie versuchte immer noch zu schlucken, weil sich ihre Halsmuskeln erst an die Schläuche gewöhnen mussten. Ed fädelte die Schläuche durch ein Loch im Deckel des Schuhkartonsargs, direkt über Moms Kopf. Hassan öffnete eine Schublade und zog ein Gewirr von Elektrokabeln heraus. Ein Bündel bunter Drähte stopfte er in den ersten Schlauch, ein langes schwarzes Kabel mit einer kleinen Box am Ende in den zweiten und schließlich ein kleines, viereckiges Stück Plastik, das aussah wie eine Solarzelle an einem Glasfaseroptik-Kabel in den dritten. Hassan stöpselte die ganzen Drähte an einen weißen Kasten an, den Ed über dem Loch im Deckel des Schuhkartons befestigte, der im Grunde nichts anderes war als eine aufwendige Lagerkiste, wie mir inzwischen klar geworden war.

»Verabschiede dich.« Ich schaute auf, überrascht von der Freundlichkeit der Stimme. Ed stand mit dem Rücken zu uns und tippte etwas in einen Computer; es war Hassan, der gesprochen hatte. Er nickte mir ermutigend zu.

Daddy musste an meinem Arm rucken, damit ich mich Mom näherte. Dies war nicht das letzte Bild, das ich von ihr in Erinnerung behalten wollte. Gelbes Zeug verkrustete ihre Augen, Schläuche mit Kabeln steckten in ihrem Hals, und durch ihre Adern wurde himmelblauer Glibber gepumpt. Daddy küsste sie, und Mom versuchte, zu lächeln. Ich tätschelte ihre Schulter. Sie war eiskalt. Mom gurgelte mir etwas zu und ich beugte mich tiefer über sie. Drei Laute, eigentlich nur drei blubbernde Grunzer. Ich drückte Moms Arm. Ich wusste, die drei Worte, die sie durch die Schläuche pressen wollte, waren »Ich liebe dich«.

»Momma«, flüsterte ich und streichelte ihre papierdünne Haut. Seit ich sieben war, hatte ich sie nur noch Mom genannt.

»Okay, das war’s«, sagte Ed. Daddys Hand umfasste meinen Arm und er zog mich sanft weg. Ich riss mich los. Da änderte er seine Taktik, nahm meine Schultern und wirbelte mich herum. Er drückte mich an seine harte, muskulöse Brust, und diesmal wehrte ich mich nicht. Ed und Hassan hoben etwas an, das aussah wie die Krankenhausversion von einem Feuerwehrschlauch, und mit himmelblauem Glitzerkram versetztes Wasser flutete in den Schuhkartonsarg. Mom schnaufte, als es ihre Nase erreichte.

»Atmen Sie es einfach ein«, überschrie Ed das Rauschen der Flüssigkeit. »Entspannen Sie sich.«

Eine Ladung Luftblasen schoss durch das blaue Wasser und verdeckte ihr Gesicht. Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie dem Wasser verbieten, sie zu ertränken, doch einen Augenblick später gab sie auf. Die Flüssigkeit hatte sie bedeckt. Ed stellte die Zufuhr ab und die Wellen beruhigten sich. Das Wasser war still. So still wie sie.

Ed und Hassan legten den Schuhkartondeckel über Mom. Sie schoben die Box zur hinteren Wand, und erst als sie sie hinter einer kleinen Tür in der Wand verschwinden ließen, bemerkte ich die vielen anderen Türen in dieser Wand – wie in einer Leichenhalle. Sie legten einen Hebel um. Eine zischende Dampfwolke schoss zur Tür hinaus und der Vorgang des Schockgefrierens war abgeschlossen. Vor einem Moment war Mom noch da gewesen, und im nächsten Augenblick war alles, was sie ausgemacht hatte, eingefroren und erstarrt. Für die nächsten drei Jahrhunderte war sie so gut wie tot, bis jemand diese Tür öffnete und sie aufweckte.

»Jetzt das Mädchen?«, fragte Ed.

Ich trat vor und ballte die Hände zu Fäusten, damit sie nicht zu sehr zitterten.

»Nein«, sagte Dad.

Ohne auf Dads Antwort zu warten, bereiteten Ed und Hassan den nächsten Schuhkartonsarg vor. Ihnen war es egal, wer darin liegen würde; sie machten nur ihren Job.

»Was?«, fragte ich Dad.

»Ich gehe als Nächstes. Deine Mutter wäre damit nicht einverstanden – sie hat befürchtet, dass du einen Rückzieher machen und dich entscheiden könntest, nicht mitzukommen. Nun, ich will dir diese Möglichkeit geben. Ich gehe als Nächster. Und wenn du dann beschließt, wegzugehen und dich nicht einfrieren zu lassen, ist das in Ordnung. Ich habe deiner Tante und deinem Onkel Bescheid gesagt. Sie warten draußen und sie werden noch bis fünf da sein. Wenn ich eingefroren bin, kannst du einfach gehen. Mom und ich werden es nicht merken, jedenfalls nicht die nächsten paar Jahrhunderte, bis sie uns auftauen. Wenn du also lieber leben willst, statt dich einfrieren zu lassen, ist das okay für uns.«

»Aber, Dad, ich –«

»Nein, es wäre nicht fair, wenn wir dir Schuldgefühle einreden, damit du mitkommst. Es wird dir leichter fallen, deine Entscheidung zu treffen, wenn du uns dabei nicht ansehen musst.«

»Aber ich habe es dir versprochen. Und Mom.« Meine Stimme brach. Meine Augen brannten. Ich kniff sie zu. Trotzdem liefen mir zwei Tränen übers Gesicht.

»Das ist egal. Bei einer so wichtigen Sache ist ein Versprechen eine Nummer zu groß, um es unter allen Umständen einhalten zu müssen. Du musst diese Entscheidung selbst treffen – wenn du bleiben willst, kann ich es verstehen. Ich biete dir einen Ausweg.«

»Aber die brauchen dich doch gar nicht! Du könntest mit mir hierbleiben! Du bist doch gar nicht wichtig für die Mission – meine Güte, du bist beim Militär! Welchen Nutzen soll ein Einsatzanalytiker auf einem neuen Planeten haben? Du könntest hierbleiben, du könntest –«

Dad schüttelte den Kopf.

»– bei mir bleiben«, flüsterte ich, aber es hatte keinen Sinn, ihn zum Bleiben überreden zu wollen. Er hatte sich längst entschieden. Außerdem stimmte es nicht. Dad war die Nummer sechs in der Kommandokette, und auch wenn ihn das nicht zum Oberkommandierenden machte, war es doch ziemlich weit oben. Mom war auch wichtig; niemand war besser, wenn es um neue Genverbindungen ging, und sie brauchten sie, um Nutzpflanzen zu entwickeln, die auf dem neuen Planeten angebaut werden konnten.

Ich war die Einzige, die vollkommen überflüssig war.

Dad ging hinter den Vorhang, um sich auszuziehen, und als er wieder hervorkam, erlaubten ihm Ed und Hassan, sich auf dem Weg zur Gefrierkammer mit einem Handtuch zu bedecken. Als er sich in den Kasten legte, nahmen sie es ihm aber wieder weg. Ich zwang mich, ihm nur ins Gesicht zu sehen, um es für uns beide nicht noch schlimmer zu machen. Sein Gesicht war schmerzverzerrt, ein Ausdruck, den ich bei Dad nie zuvor gesehen hatte. Da bekam ich noch mehr Angst und meine Zweifel wuchsen. Ich sah zu, wie sie die beiden Infusionen legten. Ich sah zu, wie sie seine Augen versiegelten. Ich versuchte, mich in mich selbst zurückzuziehen, die entsetzten Schreie zu unterdrücken, die in meinem Kopf herumhallten, und aufrecht stehen zu bleiben, mit einer Wirbelsäule aus Eisen und einem Gesicht aus Stein. Als sie ihm die Schläuche in den Hals rammten, drückte Dad meine Hand, nur einmal ganz fest. Da brach ich zusammen, innerlich und äußerlich.

Bevor sie seine Box mit der blauen Flüssigkeit füllten, hob Dad die Hand, den kleinen Finger zu mir gestreckt. Ich schlang meinen eigenen kleinen Finger um seinen. Ich weiß, dass er mir auf diese Weise versichern wollte, dass alles okay war. Fast hätte ich es ihm geglaubt.

Ich schluchzte so sehr, als sie seine Kryobox fluteten, dass ich nicht sehen konnte, wie sein Gesicht unter der Flüssigkeit verschwand. Dann senkten sie den Deckel ab, stießen ihn in seine Leichenhallen-Kühlkammer, und durch die Ritzen quoll eine weiße Dampfwolke.

»Kann ich ihn sehen?«, fragte ich.

Ed und Hassan sahen sich an. Hassan zuckte mit den Schultern. Ed drückte den Hebel der kleinen Tür wieder herunter und zog den durchsichtigen Schuhkartonsarg heraus.

Und da war Dad. Die schimmernde Flüssigkeit war zum Klotz gefroren, und ich wusste, dass Dad es ebenfalls war. Ich legte eine Hand auf das Glas und wünschte, es gäbe einen Weg, seine Wärme durch das Eis zu fühlen, aber ich riss sie schnell wieder weg. Das Glas war so kalt, dass es brannte. In dem kleinen elektrischen Kästchen, das Hassan am Deckel angeschlossen hatte, blinkten grüne Lichter.

Er sah unter dem Eis nicht mehr aus wie mein Dad.

»Und?«, sagte Ed. »Machst du es auch oder willst du auf die Party verzichten?« Er schob Dads Schuhkartonsarg zurück in sein kleines Fach in der Wand.

Als ich Ed ansah, waren meine Augen so voller Tränen, dass sein Gesicht verschwamm und er fast aussah wie ein Zyklop. »Ich …«

Mein Blick wanderte zum Ausgang, vorbei an all dem Gefrierkram auf der anderen Seite des Raums. Hinter der Tür waren meine Tante und mein Onkel, die ich liebte, mit denen ich glücklich leben konnte. Und da war Jason. Und Rebecca und Heather und Robyn und all meine anderen Freunde. Und die Berge, die Blumen und der Himmel. Die Erde. Hinter dieser Tür war die Erde. Und das Leben.

Aber mein Blick wurde zu den kleinen Türchen in der Wand zurückgezogen. Hinter diesen Türen waren meine Momma und mein Dad.

Ich weinte beim Ausziehen. Der einzige Junge, der mich bisher nackt gesehen hatte, war Jason; nur dieses eine Mal, als ich erfuhr, dass ich alles auf der Erde hinter mir lassen würde, einschließlich ihm. Ich hasste den Gedanken, dass die letzten Typen, die mich auf diesem Planeten nackt sahen, Ed und Hassan waren. Ich versuchte, mich mit Händen und Armen zu bedecken, aber die beiden zogen sie weg, um mir die Infusionen anzulegen.

Und, oh Gott, es war viel schlimmer, als es bei Mom ausgesehen hatte. Oh, Gott. Oh, Gott. Es war kalt, aber gleichzeitig brannte es auch. Ich spürte, wie sich meine Muskeln verkrampften, als der blaue Glibber in mein Blut floss. Mein Herz wollte schlagen, wollte gegen meinen Brustkorb hämmern, aber der blaue Glibber ließ es genau das Gegenteil tun und laaaangsamer werden, sodass es statt klopfklopfklopf nur noch klopf … klopf … machte

… klopf …

… klopf …

Ed riss meine Lider auf. Plopp! Kaltes gelbes Zeug lief in meine Augen und verklebte sie wie Kaugummi. Plopp!

Jetzt war ich blind.

Einer von beiden, vermutlich Hassan, tippte mir aufs Kinn, und ich öffnete gehorsam den Mund. Anscheinend nicht weit genug, denn die Schläuche rammten meine Zähne. Ich machte den Mund weiter auf.

Und dann wurden mir die Schläuche mit Wucht in den Hals gestopft. Sie fühlten sich nicht so biegsam an, wie sie ausgesehen hatten; eher wie ein eingefetteter Besenstiel, den sie mir in die Kehle stießen. Ich würgte und würgte. Ich schmeckte außer dem Plastik der Schläuche noch Galle und Kupfer.

»Einfach schlucken!«, schrie mir Ed ins Ohr. »Entspann dich!«

Leicht gesagt.

Ein paar Augenblicke später, nachdem es überstanden war, kribbelte es in meinem Magen. Ich spürte, wie an den Kabeln in mir gezupft und gezogen wurde, als Hassan die kleine schwarze Box mit der Außenseite meines eigenen Schuhkartonsargs verband.

Geräusche. Der Schlauch.

»Keine Ahnung, wieso sich jemand darauf einlässt«, sagte Hassan.

Stille.

Metallische Töne – der Schlauch, der aufgedreht wurde. Kalte, eiskalte Flüssigkeit platschte auf meine Oberschenkel. Ich wollte die Hände bewegen, um mich da unten zu bedecken, aber mein Körper war zäh wie Sirup.

»Weiß nicht«, sagte Ed. »Hier sind die Dinge auch nicht gerade rosig. Seit der ersten Wirtschaftskrise klappt doch gar nichts mehr, ganz zu schweigen von der zweiten. Die Sofortmaßnahmen sollten doch für neue Arbeitsplätze sorgen, oder? Aber wir haben gerade mal diesen Job gekriegt, der wieder vorbei ist, sobald die alle eingefroren sind.«

Wieder Stille. Die Flüssigkeit lief jetzt über meine Knie und verbreitete Kälte an Körperteilen, die bisher noch warm gewesen waren – meine Kniekehlen, unter den Armen, unter den Brüsten.

»Aber sein Leben dafür herzugeben, lohnt sich nicht, nicht bei dem, was dafür gezahlt wird.«

Ed schnaubte. »Was sie zahlen? Die zahlen den Lohn eines ganzen Lebens, in einem einzigen Scheck.«

»Das nützt dir gar nichts auf einem Raumschiff, das erst in dreihundertundeinem Jahr landet.«

Mir blieb das Herz stehen. Dreihundert … und einem? Nein – das ist falsch. Es sind genau dreihundert Jahre. Nicht dreihundertundeins.

»So viel Geld kann einer Familie wieder auf die Beine helfen. Das macht schon einen Unterschied.«

»Was für einen Unterschied?«, fragte Hassan.

»Ob man überlebt oder nicht. Es ist nicht mehr so wie zu unserer Kinderzeit. Mir ist egal, was der Präsident sagt, aber mit Haushaltskürzungen kriegen die diese Verschuldung nicht in den Griff.«

Was quasseln die da? Wen interessieren die Staatsverschuldung und Arbeitsplätze? Los, redet wieder über das zusätzliche Jahr!

»Darüber nachdenken sollte man schon«, fuhr Ed fort. »Alle Möglichkeiten durchgehen. Wieso haben die den Start schon wieder verschoben?«

Die Flüssigkeit schwappte gegen meine Ohren, als der Schuhkarton volllief. Ich hob den Kopf. Verschoben? Wieso verschoben? Ich versuchte, trotz der Schläuche zu sprechen, aber sie füllten meinen Mund, hielten meine Zunge fest und erstickten meine Worte.

»Keine Ahnung. Es hat irgendwas mit dem Treibstoff und der Auswertung der Proben zu tun. Ich frag mich nur, wieso sie uns trotzdem termingerecht mit dem Einfrieren weitermachen lassen.«

Das Gefriermittel stieg jetzt schnell. Ich drehte den Kopf, um mit dem rechten Ohr weiter zuhören zu können.

»Das stört doch keinen«, sagte Ed. »Die jedenfalls nicht – die verschlafen das alles. Es heißt, dass das Schiff dreihundert Jahre braucht, um den anderen Planeten zu erreichen – da ist ein Jahr mehr oder weniger doch egal.«

Ich wollte mich aufsetzen. Meine Muskeln waren hart und verkrampft, aber ich kämpfte. Ich versuchte, wieder zu sprechen, einen Laut von mir zu geben, irgendeinen, aber die Flüssigkeit schwappte mir übers Gesicht.

»Entspann dich«, sagte Ed laut und sehr dicht an meinem Ohr.

Ich schüttelte den Kopf. Wieso begriffen die das nicht? Ein Jahr mehr oder weniger machte einen Riesenunterschied! Es war ein Jahr mehr, das ich mit Jason verbringen konnte, ein weiteres Jahr zum Leben! Ich hatte mich für dreihundert Jahre verpflichtet … nicht für dreihundertundeins!

Sanfte Hände – Hassans? – drückten mich unter die Flüssigkeit. Ich hielt den Atem an. Ich versuchte, mich aufzurichten. Ich wollte mein Jahr! Mein letztes Jahr – ein weiteres Jahr!

»Atme die Flüssigkeit ein!« Eds Stimme klang gedämpft, fast unhörbar unter dem Schwappen. Ich wollte den Kopf schütteln, aber als sich meine Halsmuskeln anspannten, rebellierte meine Lunge, und die eiskalte Kryo-Flüssigkeit strömte durch meine Nase, an den Schläuchen vorbei und in meinen Körper.

Ich spürte die Endgültigkeit, als der Deckel mich in meinem Schneewittchensarg einschloss.

Während einer der beiden mich in mein Kühlfach schob, stellte ich mir vor, dass hinter dieser Tür schon mein Märchenprinz wartete, der mich wachküssen würde, damit wir noch ein ganzes weiteres Jahr hatten, das wir gemeinsam verbringen konnten.

Es ertönte ein klick, klick, brrr von irgendwelchen technischen Geräten, und ich wusste, dass das Schockgefrieren jeden Augenblick passieren würde und dass mein Leben dann nicht mehr war als eine Dampfwolke, die durch die Ritzen in der Tür meines Kühlfachs entwich.

Und ich dachte: Wenigstens werde ich schlafen. Ich werde die nächsten dreihundertundein Jahre einfach vergessen.

Und dann dachte ich: Das wird schön sein.

Und dann wuusch! Das Blitzgefrieren erfüllte die winzige Kammer. Ich war im Eis. Ich war Eis.

Ich bin Eis.

Aber wenn ich Eis bin, wieso weiß ich es? Ich sollte doch schlafen; ich sollte Jason und das Leben und die Erde für die nächsten dreihundertundein Jahre vergessen. Es sind schon vor mir Leute eingefroren worden und von denen war niemand bei Bewusstsein. Das Gehirn ist eingefroren; es kann nicht wach sein.

Ich hatte schon von Komapatienten gelesen, die für eine Operation narkotisiert worden waren und trotzdem alles gespürt haben.

Ich hoffe nur – ich bete –, dass mir so was nicht passiert. Ich kann nicht dreihundertundein Jahr wach sein. Das überlebe ich nicht.

Vielleicht träume ich schon. Ich habe mein ganzes Leben in einem halbstündigen Nickerchen geträumt. Vielleicht bin ich noch in dem Stadium zwischen dem Eingefroren- und dem Wachsein und das alles ist nur ein Traum. Vielleicht haben wir die Erde noch gar nicht verlassen. Vielleicht sitze ich noch in dem Jahr fest, bevor das Raumschiff startet, und träume einen Traum, aus dem ich nicht aufwachen kann.

Vielleicht habe ich noch dreihundertundein Jahre vor mir.

Vielleicht schlafe ich noch gar nicht. Jedenfalls nicht richtig.

Vielleicht, vielleicht, vielleicht.

Ich weiß nur eines mit Sicherheit.

Ich will mein Jahr wiederhaben.

2

Junior

Die Tür ist abgeschlossen.

»Also das«, sage ich zum leeren Raum, »ist interessant.«

Auf der Godspeed schließt niemand eine Tür ab. Das ist nicht nötig. Die Godspeed ist nicht klein – als sie vor zweieinhalb Jahrhunderten zu ihrer Reise aufbrach, war sie das größte jemals gebaute Raumschiff –, aber sie ist auch nicht so riesig, dass wir nicht alle die Enge der Metallwände spüren, die uns umgeben. Die Privatsphäre ist unser wertvollster Besitz und niemand – wirklich niemand – würde jemals die Privatsphäre eines anderen verletzen.

Und das macht die verschlossene Tür so mysteriös. Wieso sollte man eine Tür abschließen, durch die ohnehin nie einer gehen würde?

Eigentlich sollte ich nicht überrascht sein. Eine verschlossene Tür ist typisch für den Ältesten.

Unwillkürlich presse ich die Lippen aufeinander. Was das Schlimmste ist? Ich weiß, dass diese Tür wegen mir verschlossen ist. Dies ist das Regentendeck, und der Älteste und ich, der aktuelle und der zukünftige Herrscher über das Schiff, sind die Einzigen, die hier Zutritt haben.

»Aufmachen!«, schreie ich und schlage gegen die Tür.

Weil ich weiß – genau weiß –, dass meine Chance hinter dieser Tür liegt. Als der Älteste ins Technikdeck gerufen wurde, um die Maschine zu inspizieren, ist er zuerst in seine Kammer geeilt, hat eine kleine Box geholt, ist damit den ganzen Weg zur Luke gelaufen, ist dann umgekehrt und hat die Box wieder zurückgebracht. Und die Tür verschlossen. Was immer in dieser Box ist, muss wichtig sein und etwas mit dem Schiff zu tun haben. Es muss also etwas sein, über das ich als zukünftiger Regent des Schiffs Bescheid wissen sollte.

Das ist wieder etwas, das der Älteste vor mir geheim hält. Ich wünschte, er würde endlich anfangen, mir etwas beizubringen, statt mir noch mehr unnützen Unterricht und langweilige Berichte aufzudrücken.

Wenn ich diese Box hätte, könnte ich ihm beweisen, dass ich … was? Ich weiß ja nicht mal, was drin ist. Aber was immer es ist, ich weiß, dass es ihn veranlasst hat, viel mehr Zeit als sonst auf dem Technikdeck zu verbringen. Da muss es ein ernstes Problem geben, eins, das den Ältesten stärker beunruhigt, als ich es je bei ihm gesehen habe.

Und wenn er mir nur eine einzige Chance geben würde, könnte ich vielleicht helfen.

Ich trete gegen die Tür und lasse mich dagegen fallen. Vor drei Jahren, als ich mit meiner Ausbildung begann, war es mir vollkommen egal, ob der Älteste mich so unterrichtet, wie er sollte. Ich war nur froh, endlich vom Versorgerdeck wegzukommen. Ich heiße Junior und bin tatsächlich der jüngste Mensch auf dem Schiff, und da ich in den Zwischenjahren geboren wurde, war schon immer klar, dass ich der Älteste der Generation sein werde, die nach mir geboren wird. Bei den Bauern, die außer ihrer Arbeit nichts interessiert, habe ich mich nie wohlgefühlt. Beim Ältesten einzuziehen, fühlte sich an wie eine Erlösung.

Aber jetzt bin ich sechzehn und das ewige Lernen hängt mir zum Hals raus. Es wird Zeit, dass ich endlich ein richtiger Anführer werde, ob es dem Ältesten passt oder nicht.

Und jetzt muss ich mich einer verschlossenen Tür geschlagen geben. Kein Wunder, dass der Älteste keinen Sinn darin sieht, mir etwas beizubringen.

Ich hämmere meinen Kopf gegen die Wand und treffe eine etwas erhabene quadratische Metallplatte. Den biometrischen Scanner. Ich hatte immer angenommen, dass mit ihm das Licht im Großen Raum geregelt wird. Die meisten biometrischen Scanner haben irgendeine Funktion, die mit dem Schiff zu tun hat, wie etwa das Einschalten des Lichts, irgendwelche Elektronik oder das Öffnen von Türen.

Ich drehe mich um und drücke den Daumen auf den Scanner. »Junior /Ältester Zugang gewährt«, verkündet die freundliche Computerstimme. Als Junior habe ich dieselbe Sicherheitsfreigabe wie der Älteste.

»Kommando?«, fragt der Computer.

Das ist merkwürdig. Normalerweise öffnen sich Türen automatisch, sobald der Zugang gewährt ist. Was für ein Kommando sollte eine Tür denn noch brauchen?

»Äh, öffnen?«, sage ich unsicher.

Doch die Tür vom Zimmer des Ältesten zischt nicht auf, wie ich erwartet habe. Stattdessen bewegt sich die Decke. Ich fahre erschrocken herum und das Herz schlägt mir bis zum Hals. Über mir teilt sich die Metalldecke in zwei Hälften, die sich langsam senken, und zum Vorschein kommt –

Ein Fenster.

Mit Blick nach draußen.

Auf die Sterne.

Ich weiß, dass es Luken im Schiff gibt, aber der Älteste hat sie mir nie gezeigt und auch nicht den gigantischen Antrieb des Schiffs oder irgendwelche Aufzeichnungen aus der Zeit vor der Seuche. Ich wusste nicht einmal, dass die Metalldecke über dem Großen Raum ein Fenster ins Universum verbirgt.

Ich habe die Sterne noch nie zuvor gesehen.

Und ich wusste nicht, wie wunderschön sie sind.

Vor mir erstreckt sich das gesamte Universum. Es ist riesig. Die Sterne funkeln. Es sind so unglaublich viele. Es sind weiße Punkte am Himmel mit einem Hauch von Farbe – überwiegend Rot- und Gelbtöne, aber auch Blau und Grün. Jetzt, wo ich all die Sterne sehe, kann ich mir zum ersten Mal tatsächlich vorstellen, wie wir landen. Ich sehe es genau vor mir: Das Schiff dockt zum ersten Mal an, in der Nacht, ohne Mondschein oder Wolken am Himmel, und bevor wir uns daranmachen, eine neue Welt zu erschaffen, halten wir inne und starren hinauf zu den Sternen.

»Zugang widerrufen«, sagt die angenehme Computerstimme. »Schirm schließen.«

Schirm schließen? Wieso?

Über mir funkeln die Sterne.

Und dann bricht das Fenster zum Universum. Ein dünner Riss entsteht genau in der Mitte des Fensters und wird zu einem immer breiteren Spalt.

Ein rumpelndes Geräusch erfüllt den Großen Raum. Mein Kopf bewegt sich auf der Suche nach etwas, an dem ich mich festhalten kann, hektisch von links nach rechts und von rechts nach links. Aber da ist nichts – der Große Raum ist einfach ein großer leerer Raum. Wieso ist mir noch nie aufgefallen, wie nutzlos ein Raum ist, in dem man sich nicht festhalten kann? Er ist riesig, klar, aber es ist nichts drin, abgesehen von den Wänden, den Türen und dem Boden. Nichts, was mich vor einem zerbrochenen Fenster zum Universum bewahren könnte. Meine Tunika lastet schwer auf meinen Schultern und klebt an meinem Schweiß, aber ich kann nur daran denken, wie wenig Schutz der Stoff mir vor dem Weltall bieten wird.

Ich werde sterben.

Ich werde ins Universum hinausgesaugt werden.

Implosion.

Tod.

Doch dann kommt mir ein anderer Gedanke: der Rest des Schiffs. Wenn das Regentendeck betroffen ist, wird das All nicht nur mich hinaussaugen – es wird durch das Regentendeck fegen, ins Technikdeck vordringen und dann ins darunterliegende Versorgerdeck. Sie werden alle sterben. Alle. Jeder einzelne Mensch an Bord des Schiffs.

Ich rase los und meine Füße schlittern über den gefliesten Boden. (Einen kurzen Augenblick versuchen meine Füße, auf die Falltür zuzusteuern; die Falltür, die ins Leben und die Freiheit führt, aber ich ignoriere meine Füße. Sie wollen mich nur am Leben halten; der Rest des Schiffs ist ihnen egal.) Ich werfe mich auf den großen roten Alarmknopf über der Falltür. Der Boden bebt, als sich das Regentendeck vom Rest des Schiffs abschottet.

Ich schaue hinauf zur Decke, hinauf ins freiliegende Universum.

Hinauf in den Tod.

3

Amy

Der Präsident nannte es den »Inbegriff des amerikanischen Traums«.

Dad nannte es die unheilige Verbindung von Wirtschaft und Regierung.

Aber in Wirklichkeit hatte Amerika einfach aufgegeben. Sich verdrückt, um sich dem weltweiten Finanzmarkt zu unterwerfen. Einem multinationalen Zusammenschluss mit nur einem einzigen Ziel: Profit. Dazu gehörte eine globale medizinische Versorgung mit einem Monopol auf Impfstoffe. Eine gemeinsame Währung, um weltweit Zinsen kassieren zu können.

Sowie die finanziellen Mittel, um eine sorgsam ausgewählte Gruppe von Wissenschaftlern und Militärs auf die erste Reise durchs Universum zu schicken, mit der Mission, weitere natürliche Ressourcen zu finden – und daraus natürlich noch mehr Profit zu schlagen.

Das war die Antwort auf die Träume meiner Eltern.

Und mein schlimmster Albtraum.

Und mit Albträumen kenne ich mich aus, wenn man bedenkt, dass ich schon länger schlafe, als ich gelebt habe.

Ich hoffe. Was, wenn ich das hier in dem kurzen Zeitraum träume, als Ed die Kryotür geschlossen und Hassan auf den Knopf gedrückt hat, um mich einzufrieren? Was dann?

Es ist ein komischer Schlaf. Niemals richtig wach, aber dennoch irgendwie bei Bewusstsein in einem zu stillen Körper.

Die Träume durchstreifen meine Erinnerungen.

Das Einzige, was verhindert, dass mich die Albträume in den Wahnsinn treiben, ist die Hoffnung, dass es unmöglich noch weitere hundert Jahre dauern kann, bis ich aufwache.

Keine hundert Jahre. Keine dreihundert. Keine dreihundertundeins. Bitte nicht, Gott.

Manchmal kommt es mir vor, als wären schon tausend Jahre vergangen; manchmal fühlt es sich aber auch an, als hätte ich nur ein paar Augenblicke geschlafen. Meistens fühle ich mich halb wach, halb schlafend, so wie früher, wenn ich versucht habe, bis mittags zu schlafen. Mir war klar, dass ich eigentlich aufstehen sollte, aber dann schossen mir plötzlich Gedanken durch den Kopf, und ich wusste genau, dass ich nicht erneut einschlafen würde. Und selbst wenn ich dann für ein paar Minuten wieder in einem Traum versunken bin, war ich die meiste Zeit doch wach und hatte nur die Augen geschlossen.

Ja, genau so ist der Kryoschlaf.

Manchmal glaube ich, dass etwas nicht stimmt. Ich dürfte nicht so wach sein. Aber dann erkenne ich, dass ich nur einen Moment lang wach bin, und kaum habe ich das gemerkt, tauche ich schon wieder in den nächsten Traum ein.

Meistens träume ich von der Erde. Wahrscheinlich, weil ich eigentlich gern dort geblieben wäre.

Eine Blumenwiese; der Geruch von Matsch und Regen. Eine Brise … Aber eigentlich keine richtige Brise, sondern nur die Erinnerung an eine Brise, eine Erinnerung in einem Traum, der mein gefrorenes Gehirn zu ersticken droht.

Die Erde. Ich klammere mich an meine Gedanken an die Erde. Ich mag die Träume nicht. Sie sind zu sehr wie Sterben. Es sind nur Träume, aber ich habe keine Kontrolle über sie; ich verliere mich in ihnen, und ich habe schon zu viel verloren, um sie auch den Rest von mir übernehmen zu lassen.

Der Druck auf meinem kleinen Finger, als ich Dads Finger umschlungen habe, und die Worte seines Vorschlags, dass ich bei meiner Tante und meinem Onkel bleiben könnte. Diese Schwere in meiner Brust, als ich es in Erwägung gezogen habe, wirklich überlegt habe, ob ich es tun soll. Ich verdränge diese Erinnerung wieder. Das ist vor Jahrhunderten geschehen, und jetzt ist es zu spät, es zu bedauern. Denn bei der ersten bemannten interstellaren Forschungsmission dabei zu sein, war alles, was meine Eltern jemals wollten, und niemals von ihnen getrennt zu sein, war alles, was ich wollte.

Und ich schätze, jetzt spielt es keine Rolle mehr, dass ich ein Leben auf der Erde hatte, dass ich die Erde geliebt habe. Denn mittlerweile sind alle meine Freunde alt geworden und gestorben, während ich hier in meinem eisigen Schlaf liege. Auch Jason hat sein Leben gelebt, ist alt geworden, und vielleicht hat er geheiratet und Kinder bekommen, aber das ist jetzt egal, weil er längst tot ist. Gott, seine Urenkel könnten in meinem Alter sein.

Regentropfen auf meiner Haut, aber es ist hell und sonnig und der Himmel blau. Und Jason ist da, und wir küssen uns beinahe, aber dann verändert sich alles, und wir sind auf der Party, auf der wir uns kennengelernt haben, denn so sind Träume, sie verbinden Erinnerungen und Momente, aber sie sind nie real, und deswegen hasse ich sie so sehr.

4

Junior

Ein knarrendes Geräusch zwingt mich, zum zerbrochenen Fenster hochzusehen, wo sich die Scheibe jetzt in zwei gleich große Hälften geteilt hat. Wieso bin ich noch nicht tot?

Glas bricht nicht so, nicht in einer perfekt geraden Linie.

Und… das ist nicht die schwarze Leere des Weltalls hinter dem Glas.

Das ist Metall. Eine Metalldecke hinter dem Fenster?

Die beiden Hälften des Fensters gleiten abwärts und die Sterne mit ihnen. Aber das ist… unmöglich. Die Sterne sollen doch an ihrem Platz bleiben und dürfen sich nicht mit dem Fenster bewegen.

Moment mal… Das… das ist gar kein Fenster. Es ist– also eigentlich habe ich keine Ahnung, was es ist. Die Decke des Großen Raums hat eine Kuppelform und die Metallabdeckung hat sich etwa in Brusthöhe entlang der Wand aufgefaltet. Das Fenster– das , das ich für ein Fenster gehalten habe– besteht in Wirklichkeit aus den beiden Hälften eines riesigen Schirms aus Metall und Glas, übersät mit funkelnden Lichtern, und bewegt werden sie durch hydraulische Arme, deren Knarren nicht zu überhören ist. Die beiden Hälften liegen etwa auf Schulterhöhe an den Seiten der Kuppel und dahinter taucht die wahre Decke des Regentendecks auf. Noch mehr Metall. Noch mehr glattes, leeres, sternenfreies Metall.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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