Golanhöhen - Marc-Oliver Bischoff - E-Book

Golanhöhen E-Book

Marc-Oliver Bischoff

4,7

  • Herausgeber: GRAFIT
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Eine Frau aus der Vergangenheit, ein Kind ohne Zukunft und ein Kommissar am Limit Frankfurt, Golanhöhen: Hier im sozialen Brennpunkt stehen Selbstmorde auf der Tagesordnung. Doch als Gideon Richters Kripoteam zu einem Todesfall gerufen wird, spricht vieles gegen einen Suizid. Jennifer Baur hatte gerade zehn Jahre wegen Kindstötung abgesessen. Wieso sollte sie sich ausgerechnet jetzt, wieder in Freiheit, das Leben nehmen? Gideon hat allerdings Mühe, sich auf die Ermittlungen zu konzentrieren: Vor Kurzem Vater geworden, steht er dank durchwachter Nächte ziemlich neben sich. Aber der Schlafmangel erklärt nicht seine immer öfter vorkommenden Blackouts. Zusätzlich geht ihm der Fund einer im Müll entsorgten Babyleiche mehr an die Substanz, als er zugeben will. Er verliert seine Objektivität und trifft eine falsche Entscheidung zu viel ...

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Seitenzahl: 460

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Marc-Oliver Bischoff

Golanhöhen

Kriminalroman

Die Frankfurt-Trilogie von Marc-Oliver Bischoff:

Tödliche Fortsetzung. eISBN 978-3-89425-864-1

Die Voliere. eISBN 978-3-89425-887-0

Golanhöhen. eISBN 978-3-89425-176-5

Für Nicky

© 2015 by GRAFIT Verlag GmbH

Chemnitzer Str.31, 44139 Dortmund

Internet: http://www.grafit.de

E-Mail: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagfoto: Yunioshi / photocase.de

Marc-Oliver Bischoff wurde 1967 in Lemgo geboren und wuchs in einem kleinen Dorf am Stadtrand von München auf. Nach dem wirtschaftswissenschaftlichen Studium verschlug es ihn unter anderem nach Frankfurt, der Stadt, der er sich bis heute am meisten verbunden fühlt.

Zu schreiben begann er in Form eines Laufblogs, aus dem das Buch Lauf, du Sau wurde. Sein erster Kriminalroman Tödliche Fortsetzung wurde mit dem ›Friedrich-Glauser-Preis‹ in der Sparte ›Debüt‹ ausgezeichnet.

Marc-Oliver Bischoff lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Ludwigsburg bei Stuttgart und arbeitet als Technologieberater.

Ich bin nun ganz in deiner Macht. Laß mich nur erst das Kind noch tränken. Ich herzt es diese ganze Nacht; Sie nahmen mir’s, um mich zu kränken, Und sagen nun, ich hätt es umgebracht.

Gretchen in der ›Kerkerszene‹ in Faust: Der Tragödie Erster Teil von Johann Wolfgang von Goethe

Teil I

TOD

1

Diesmal ist es Gideon, der mit Thea im Jetta seines Vaters sitzt.

Gideon, der den Blackout hat.

Gideon, der noch am Unfallort stirbt.

Sie waren im Fun, der einzigen Disco in Usingen, im Herzen des Industriegebiets. Thea ist ziemlich hinüber, sie hat ein paar Bacardi-Cola intus, man sieht es an ihren glühenden Wangen und am Glanz in ihren Augen. Gideon ist stocknüchtern – im Gegensatz zu Simon ist er vernünftig: Wenn er fahren muss, trinkt er keinen Tropfen.

Thea schlägt vor, zum Waldzeltplatz in Eschbach zu fahren.

»Da gibt es lauschige Ecken und einen Kondomautomaten«, sagt sie mit einem anzüglichen Grinsen. Die Usinger Honoratioren haben dessen Aufstellung vor ein paar Monaten zähneknirschend gebilligt, nachdem kurz hintereinander zwei Sechzehnjährige aus der Konrad-Lorenz-Schule schwanger geworden sind.

Thea kurbelt das Fenster herunter, obwohl ihr T-Shirt so nass geschwitzt ist, dass er ihre, sich unter dem Stoff abzeichnenden, Brustwarzen sieht. Sie wird eine Erkältung kriegen, denkt er. Und sie sollte sich anschnallen.

An ihrem Hals baumelt eine silberne Eule, der Anhänger, den sein Bruder ihr geschenkt hat. Sie ist ganz verrückt nach Eulen.

Thea lacht ihr heiseres Betrunkenenlachen. Dabei legt sie ihm die Hand auf den Oberschenkel und sieht ihn auf eine Art von der Seite an, dass sein Körper ganz leicht wird und er Mühe hat, sich auf die Straße zu konzentrieren.

Aus den Tiefen ihrer Handtasche angelt sie ein Fläschchen Baileys. Sie fordert ihn auf zu trinken, aber Gideon schüttelt den Kopf. Thea leert die Flasche in einem Zug und wirft sie aus dem Fenster. Sie zündet sich eine Zigarette an. John Player Special aus einer schwarzen Packung. Gideon selbst raucht nicht, er kennt niemanden außer Thea, der diese Marke raucht, und er hat sie sagen hören, es gäbe sie nur an der Shell-Tankstelle in Bad Homburg. Aus den Lautsprechern dröhnt Black Hole Sun von Soundgarden, das letzte Lied auf dem Mixtape, das er ihr im kühlen Dunkel des Kellers zugesteckt hat; sie grölen den Text mit, während der Sommerwind ihre Haare zerzaust und den Schweißgeruch aus dem Wagen weht.

Ganz ohne Vorwarnung schlägt sie ihm mit derselben liebkosenden Hand ins Gesicht. »Sieh auf die Straße«, sagt sie, »sonst enden wir beide heute Nacht nicht auf dem Rasen, sondern darunter.«

Als ob sie die Zukunft sehen könnte. Ihr Atem riecht süß und alkoholisch; wenn sie sich nachher küssen, wird er den Baileys schmecken können. Gideon grinst blöde den Mittelstreifen an, der im Takt der Musik unter dem Wagenboden durchrast.

Der Blackout kommt ohne Vorankündigung – ganz unspektakulär in der lang gezogenen Rechtskurve einen halben Kilometer vor dem Ortsschild mit der Aufschrift Usingen i. T. / Stadtteil Eschbach. Es ist, als knipste jemand das Licht aus: alles verzehrende Dunkelheit, totale Stille, ein schwarzes Loch mitten im Taunus. Als er wieder zu sich kommt, rast im Lichtkegel die Borke eines Baumstammes mit über hundert Sachen auf sie zu. Thea kreischt, aber um die Katastrophe abzuwenden, ist es längst zu spät. Sie werden durchgeschüttelt, als würde ein Riese das Auto packen und wie ein Spielzeug durch die Luft schleudern. Ein ohrenbetäubender Knall, alles läuft in extremer Zeitlupe ab: Der Jetta bäumt sich hinten auf wie ein störrischer Gaul. Gideon hört das Aufheulen des Motors, er muss das Gaspedal bis zum Anschlag durchgedrückt haben. Seine Hände umkrampfen mit weißen Knöcheln das Lenkrad. Sein Schlüsselbein wird mit einem Vielfachen seines Körpergewichts gegen den Gurt gepresst und knickt ein. Die auf ihren Körper wirkenden Kräfte heben Thea aus ihrem Sitz, torpedoartig schießt sie mit dem Kopf voran durch die Windschutzscheibe, die sich wie Klarsichtfolie nach außen wölbt. Das Glas platzt, die messerscharfen Kanten schälen Thea die Haut vom Gesicht. Gideon wird aus dem Sitz geschleudert. Das Armaturenbrett stoppt die Bewegung, mit einem grellen Schmerz brechen beide Beine an den Kniegelenken, die Lenksäule rast auf ihn zu und bohrt sich mit einem Knirschen in seinen Brustkorb. Etwas Warmes schießt durch die Speiseröhre nach oben und ergießt sich in seinen Mund. Sein Körper wird von einer Welle aus Schmerz und Adrenalin überschwemmt. Das Letzte, was er von Thea sieht, sind ihre Glitzerpumps, die durch die blutverschmierte Windschutzscheibe nach draußen verschwinden. Er will ihren Namen rufen, aber seine Stimme erstickt in einem Gurgeln.

Ich hätte sie heute Morgen nicht küssen sollen, ist sein letzter Gedanke.

Mit diesem Kuss habe ich das Schicksal herausgefordert.

Er hört ein Wimmern.

Jemand ruft seinen Namen.

Eine Frauenstimme, aber es ist nicht Theas.

»Gideon!«

2

10.März, 2:10Uhr Mauerweg, Frankfurt Nordend

Er schnellte aus dem Bett hoch, schnappte nach Luft wie ein Ertrinkender, der in allerletzter Sekunde die Wasseroberfläche erreicht. Noras Hand lag auf seiner Schulter. Gideon keuchte, als wäre er drei Runden um den Block gerannt, sein Herz galoppierte in der Brust. Er fuhr sich durch die nassen Haare, der Pyjama war durchgeschwitzt. Orientierungslos sah er sich im Zimmer um: das Nachtlicht, das matt schimmernde Zifferblatt des Weckers, fluoreszierende Sterne an der Zimmerdecke. Sein Mund war trocken, die Zunge fühlte sich an wie ein Stück Pappe; er schüttelte den Kopf, als könne er das Echo des Traums auf diese Weise vertreiben. Das Baby lag im Bettchen und wimmerte. Gideon schlüpfte aus den Laken, nahm die winzige warme Hand seines Sohnes in seine und streichelte sie zärtlich mit dem Daumen. Das Wimmern des Babys verebbte, langsam ließ auch das Zittern in Gideons Händen nach. Er verließ das Schlafzimmer und schenkte sich in der Küche ein großes Glas Wasser ein. Nora kam ihm gähnend hinterher und schmiegte sich an ihn; er beugte sich hinunter und küsste sie aufs Haar.

»Wieder dieser scheußliche Albtraum?«

Er nickte stumm.

»Vielleicht solltest du doch mal mit einem Therapeuten reden.«

Natürlich wollte Nora vor allem, dass er mit ihr darüber sprach. Aber abgesehen davon, dass sie sich als Ehepaar zu nahestanden, um seine Therapeutin zu spielen, kannte Nora nur einen Teil der Geschichte, nämlich denjenigen, den Gideon ihr erzählt hatte. Und er hatte gute Gründe, ihr – und dem Rest der Welt – einige pikante Details zu verschweigen.

Gideon hatte keine Verwendung für eine Therapeutin. Er brauchte eher so etwas wie eine Entfernen-Taste für diesen nächtlichen Film in seinem Kopf. Den Film, in dem es diesmal nicht Simon war, sondern er, der mit Thea im weißen Jetta seines Vaters saß.

Der den Blackout am Steuer hatte.

Der noch am Unfallort starb.

3

13.März, 1:25Uhr Abfallumlageanlage der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH, Uhlfelder Straße, Osthafen

Julika Leszczyński war die Erste, die das tote Baby zu Gesicht bekam.

Leicht vornübergebeugt – und ihren Rückenschmerzen trotzend – behielt die einzige Frau unter sieben Männern das Förderband fest im Auge. Mit einer Geschwindigkeit von dreißig Zentimetern pro Sekunde transportierte es den Inhalt unzähliger Wertstofftonnen an ihr vorbei. Mit schlafwandlerischer Sicherheit fischte Julika Fremdstoffe zwischen den Joghurtbechern, Milchtüten und Aluminiumdeckeln heraus und ließ sie – sortiert nach Material und Qualität – in die Behälter fallen, die auf der gegenüberliegenden Seite bereitstanden. Gegen den Lärm in der fünfundzwanzig Meter hohen Halle steckten gelbe Lärmschutzstöpsel in ihren Ohren, auf dem Kopf trug sie eine weiße Schutzhaube. Den säuerlichen Geruch, der die Halle erfüllte, nahm sie gar nicht mehr wahr. Man stumpfte gegen alles ab, es war nur eine Frage der Zeit.

Die Müdigkeit steckte ihr in den Knochen. Seit sechs Jahren arbeitete sie Nachtschicht und jedes Jahr haftete ihr die Erschöpfung länger an.

Sie griff nach einem Frotteehandtuch. In den Stoff, in den eine dunkelbraune Flüssigkeit gesickert war, hatte der Eigentümer einen Gegenstand eingewickelt. Sobald Julika am Zipfel des Handtuchs zog, rollte der Gegenstand heraus und kullerte auf das Förderband. Sie blickte in ein Gesicht, kaum größer als eine Faust. Ein Auge war hell und leicht trübe, das andere geschlossen, als zwinkere ihr das kleine Gesicht zu, während es auf dem Förderband von ihr fortschaukelte. Sie beugte sich etwas weiter vor. Der Schmerz in ihrem Rücken loderte auf.

Offenbar eine Puppe. Puppen wurden von manchen Leuten in den Müll geworfen, Kinder nicht. Jedenfalls nicht in Frankfurt. Doch aus dem Bauch des vermeintlichen Spielzeugs ragte ein Stück Nabelschnur mit Schlingen, Knoten und dunklen Adern, wie ein armlanges, halb transparentes Stück Gartenschlauch. Wo bei einer Puppe die nackte Oberfläche braun-rosa glänzte, war diese hier beinahe rosig frisch und mit einer weißlich-gelben Kruste bedeckt, die an Zuckerglasur erinnerte. Drahtige schwarze Haare standen wirr vom Kopf ab. Zwischen den halb geöffneten Lippen ragte eine aufgequollene Zunge hervor.

In diesem Moment wurde Julika Leszczyński, die selbst vier Kinder zur Welt gebracht hatte, klar, dass tatsächlich jemand aus der reichen Stadt Frankfurt ein Baby in den Müll geworfen hatte.

»Julika?«

Jemand hatte ihren Namen gerufen. Wie in Trance blickte sie auf, während das tote Baby hinter der Klappe des Windsichters verschwand. Arthur Marczewsi sah sie halb erstaunt, halb verärgert an. Die Tragödie auf dem Förderband war ihm entgangen, nicht jedoch Julikas Innehalten. Immer mehr Joghurtbecher, Milchtüten und Aluminiumdeckel schaukelten unbeachtet an ihnen beiden vorbei. Der Anschiss des Betriebsleiters, der die Aktivitäten am Förderband auf dem Monitor in seinem Büro im Blick hatte, war nur noch eine Frage von Augenblicken.

Julika riss den Mund auf. Nichts – die Stimme versagte ihr den Dienst. Erst als Arthur sie anbrüllte, reagierte sie und schrie gellend auf.

Jemand drückte geistesgegenwärtig den Notknopf, der das Band abstellte. Schlagartig kam jede Bewegung in der Halle zum Stillstand.

Aber obwohl alle sie anstarrten, konnte Julika nicht aufhören zu schreien.

4

13.März, 2:25Uhr Mauerweg, Frankfurt Nordend

Jan-Hendrik Richter brüllte gegen die unerträglichen Schmerzen in seinem Unterleib an.

Wie ein Fisch auf dem Trockenen wand er sich, riss Augen und Mund auf und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Während diese Welle abflaute, schnappte er nach Luft. Er wusste, nach einer kurzen Ruhepause würde die nächste über ihn hinwegrollen. Jetzt, wo der Schmerz eine Weile in den Hintergrund trat, spürte er wieder, wie sich sein Magen verkrampfte. Dessen Inhalt bahnte sich den Weg nach oben und der säuerliche Geruch von Erbrochenem füllte die Luft. Die Übelkeit flaute ab. Einen winzigen Moment lang war sein Leben im Gleichgewicht und er glitt in einen unruhigen Schlaf.

Seit dreiundzwanzig Uhr ging das so, lediglich unterbrochen durch die kurzen Phasen, in denen seine Mutter ihn stillte oder in denen er sich von der Anstrengung mit einem Nickerchen erholte.

Koliken, hatte der Kinderarzt sie zu beruhigen versucht. Sie fingen bei den meisten männlichen Säuglingen mit drei Monaten an. Einige Wochen später, wenn der Verdauungstrakt warmgelaufen wäre, würde es sich geben. Wie viele weitere Wochen der Schlaflosigkeit und Nervenzerreißproben Jan-Hendrik seinen Eltern bescheren würde, vermochte der Kinderarzt nicht zu sagen.

Gideon fielen die Augen zu. Bis vor ein paar Stunden hatte er nicht geglaubt, dass man, mit einem Säugling auf der feuchtkalten Schulter und auf einem Hüpfball wippend, einschlafen konnte, aber nun wünschte er sich verzweifelt, vor Erschöpfung nicht einfach herunterzufallen. Davon würden ihn jedoch die Kopfschmerzen abhalten, die ihn seit einer Stunde quälten.

Gleichzeitig kämpfte er gegen seine rabenschwarzen Empfindungen, die wie ein Feuer im Windstoß aufflackerten, wenn sich Jan-Hendriks Geschrei während eines weiteren Krampfanfalls hochschaukelte. Und gegen das schlechte Gewissen, weil er wütend auf seinen Sohn war, obwohl dieser erst viereinhalb Monate alt und völlig schuldlos an der Situation war; mit seinem stundenlangen, sich über Wochen hinziehenden Geschrei hatte er Gideon so mürbe gemacht, dass er nahe daran war, die Nerven zu verlieren. Aber was würde Nora sagen, wenn sie ins Wohnzimmer käme und sähe, wie Gideon, ein mit allen Wassern gewaschener Polizist, vor seinem Söhnchen kapitulierte? Nora war selbst so manche Nacht einem Zusammenbruch nahe. Gideon konnte es sich nicht leisten, schwach zu sein, das war er Nora und sich selbst schuldig.

Seine Frau lag im Schlafzimmer nebenan und schnarchte. Sie hatte die erste Schicht übernommen, von elf bis zwei Uhr nachts. Gideon hatte darauf bestanden, sie abzulösen. Er wollte keiner von diesen typischen Wochenendvätern sein. Zur Besorgnis bestand eigentlich kein Anlass, da er in seiner Funktion als Leiter der fünften Mordkommission im Frankfurter Polizeipräsidium ohnehin fast jedes Wochenende Dienst hatte. Ihr dankbarer Blick, als er Jan-Hendrik um zwei Uhr nachts aus ihren Armen pflückte, bestätigte ihm, dass er das Richtige tat. Vielleicht konnte er sich noch eine Mütze Schlaf gönnen, sobald Nora das Baby um fünf wieder übernahm.

Jan-Hendrik regte sich wieder. Er zog die Beinchen an, seine winzigen Finger quetschten die Haut auf Gideons Schultern mit erstaunlicher Kraft zusammen, der Schmerz fuhr ihm bis in den Nacken. Gideon tätschelte dem Kind den Rücken, er ritt auf dem Hüpfball, erst sanft, dann heftiger, als wollte er ein wild gewordenes Pony zähmen; irgendwann würden sie beide in hohem Bogen von diesem Scheißball fliegen, durch das offene Fenster auf die Straße hinab. Das Schaukeln, das sonst wenigstens zeitweilig eine beruhigende Wirkung hatte, half diesmal kein bisschen. Gideon lief durch das Wohnzimmer, hin und zurück, ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Das Kind brüllte.

Gideon klopfte fester auf Jan-Hendriks Rücken. Keinerlei Wirkung. Vielleicht brauchte das Kind etwas zum Saugen? In der Küche gab es eine Plastikschale, in der Nora die frisch ausgekochten Schnuller aufbewahrte. Gideon ging den Flur entlang, betrat die kleine Küche, schaltete das Licht ein. Er legte sich den Säugling im Arm zurecht und fing an, Küchenutensilien zur Seite zu schieben, um an die Schüssel mit den Schnullern heranzukommen. In diesem Moment schaffte das Baby es irgendwie, sich mit einer Drehbewegung aus seinem Griff zu befreien. Es kippte über den Unterarm nach außen. Blitzschnell riss Gideon den rechten Arm herum und packte den fallenden Körper unter dem Bauch, dabei fielen die Gegenstände auf der Arbeitsplatte mit höllischem Poltern zu Boden. Teller mit Essensresten zerschellten, Geschirr schepperte metallisch, ein Topfdeckel kreiste über den Boden und kam mit einem letzten Vibrieren zum Stillstand. Die frisch desinfizierten Schnuller rollten unter den Esstisch und wälzten sich in Staubmäusen und Brotkrümeln.

Kopfüber und mucksmäuschenstill hing Jan-Hendrik im Griff seines Vaters. Gideon hielt ihn dicht vor sein Gesicht. Eine Welle von Gefühlen rollte gleichzeitig über ihn hinweg: Angst, Erleichterung, Wut. Hatte das Kind sich verletzt? Wenn es auf den Boden gefallen wäre – mit dem Kopf voran – nicht auszudenken!

Sein Sohn verzog das Gesicht und riss den Mund auf, im Begriff, eine neue Schreiattacke zu beginnen.

»Janni, bitte! Gib mir doch wenigstens zehn Minuten, um das Chaos hier aufzuräumen!«

Gebrüll.

»Janni! Halt bitte endlich den Mund!«

Etwas, von dem Gideon nicht wusste, dass es in ihm schlummerte, strebte aus seinem tiefsten Inneren an die Oberfläche. Das Bild seines Sohnes wurde undeutlich, als wäre in der Küche schlagartig dichter Nebel aufgezogen.

Das Nächste, was Gideon bewusst wahrnahm, war Jan-Hendrik auf einem gestreiften Frotteehandtuch am Boden. Hatte er das Kind dorthin gelegt? War es gefallen? Woher kam das Handtuch?

Gideon ging auf die Knie. In den Augen seines Sohnes lag pure Überraschung. Seine kleinen Finger griffen nach Gideons Gesicht.

Ihm liefen eiskalte Schauer über den Rücken. Er war sein Vater, seine Aufgabe war es, ihn zu beschützen.

Nora tauchte mit fragender Miene in der Küchentür auf. »Ich hab dich schreien hören. Was ist denn passiert?«

Gideons Gedanken rasten, er konnte sich nicht entscheiden, ob er ihr den Vorfall beichten, ob er sie damit beunruhigen sollte.

Jan-Hendrik wimmerte leise.

»Gideon?«

Er drückte ihr das Kind in die Arme, schob ein paar Scherben mit dem Fuß beiseite und ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. »Ich hab die Kontrolle verloren, Nora, es tut mir leid«, flüsterte er.

Sie musterte ihn unerträglich lange, dann zog sie sich ebenfalls einen Stuhl heran und nahm ihm gegenüber Platz. Sie unterzog das Baby einer oberflächlichen Begutachtung, dann knöpfte sie das Schlafanzugoberteil auf und gab Jan-Hendrik die Brust. Innerhalb einer Sekunde erfüllten wohlige Sauggeräusche den Raum. An Jan-Hendriks Handgelenk baumelte ein silbernes Kettchen mit einem Ankerherz-Anhänger.

Nora schloss die Augen. »Was meinst du denn?« Sie war noch gar nicht richtig wach, wie es schien.

»Vielleicht habe ich ihn fallen lassen. Ich kann mich nicht erinnern. Es ist, als hätte ich das Ganze ausgeblendet.«

»Gib mir mal die kleine Taschenlampe aus der Schublade.«

Gideon langte hinter sich und reichte sie ihr. Er bewunderte ihre Gelassenheit in Anbetracht der Umstände, auch wenn ihm das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht entgangen war.

Nora leuchtete mit der Lampe in Jan-Hendriks Augen. »Die Pupillen sehen normal aus. Ich beobachte ihn eine Weile. Jetzt kann ich sowieso nicht mehr schlafen. Mittags bin ich mit ihm beim Kinderarzt, der soll ihn mal ansehen.«

»Ich weiß nicht, was mit mir los ist, Nora. Ich dachte immer, mich kann nichts erschüttern.«

»So ein Kind bringt einen an seine Grenzen. Manchmal ist es einfach zu viel.«

Und manchmal gibt es Leute, die einen unentdeckten Gehirntumor haben, ausflippen und ihr Baby umbringen, schoss es Gideon durch den Kopf. Aber natürlich war das Unsinn. Er war übermüdet, er war überarbeitet. Irgendwann machte der Körper nicht mehr mit und schaltete ab. Alles andere war reine Panikmache.

Gideon ließ den Blick über Nora und ihren Sohn gleiten und war hingerissen von der unverdienten Ruhe und Schönheit des Bildes, das sich ihm bot – inmitten von Scherben und Verwüstung.

Nora öffnete die Augen. »Ich weiß, wie schwer es einem fällt, so etwas zuzugeben. Danke, dass du es mir gesagt hast. Warum gehst du nicht eine Runde um den Block? Das Wasserhäuschen an der Berger ist bestimmt die ganze Nacht offen. Ich glaube, ein bisschen Abstand täte dir gut.«

Nora schien seine Gedanken lesen zu können, lange bevor sie in seinen Gehirnwindungen entstanden. »Bist du sicher?«

»Geh los, bevor ich es mir anders überlege.«

Gideon küsste Nora. Sie schmeckte nach Schlaf; ihre Lippen waren spröde und gerade als sein Zunge anfing, sich so richtig wohlzufühlen, erinnerte ein schmerzhafter Tritt von Jan-Hendriks Fuß gegen seinen Oberschenkel ihn daran, wer in dieser kleinen Familie das Sagen hatte.

5

13.März, 3:50Uhr Berger Straße, Frankfurt Nordend

Das Wasserhäuschen an der Berger Straße, in direkter Nachbarschaft zum Ypsilon-Buchladen & Café, war eine Institution. Die Betreiber, ein schwules Pärchen, sahen aus, als hätte man sie erst vor Kurzem aus dem lokalen Hells Angels Chapter geworfen. Beide wurden Theo genannt, sie wohnten direkt über dem kleinen Kiosk, den sie vor eineinhalb Jahren von der alteingesessenen Inhaberin übernommen hatten. Weil sie selbst Nachteulen waren, nahmen sie es mit den Auflagen der Stadt hinsichtlich der Öffnungszeiten nicht so genau. So bekam man nach einem Klopfen an die Butzenfenster zu beinahe jeder Tages- und Nachtzeit etwas zu trinken, ein paar heiße Frankfurter oder hausgemachte heiße Buletten mit Senf – die besten im Nordend.

Draußen war es bitterkalt, weit unter dem Gefrierpunkt, trotzdem hielt sich vor der Scheibe ein kleines Grüppchen dick vermummter Kunden auf, die dampfenden Becher von Handschuhen umschlossen. Es wurde gelacht. Als Gideon eintraf, nickte man sich zur Begrüßung zu. Er studierte das von Hand beschriftete Holzschild am Fenster, das heißen Glühwein, 0.3 l für 1,30 €, anpries. Auf dem Tresen lag ein Stapel die taz und eine laminierte Preisliste; in einer Halterung an der Wand steckten ein Dutzend Underberg-Fläschchen. Das Fensterchen wurde nach oben geschoben. Der Geruch von Bratfett und Weihnachtsgewürzen waberte nach draußen.

»Was darf’s denn sein, Herr Kommissar?« Theo rückte die Pudelmütze zurecht, die seine Glatze vor der Kälte schützte, und wischte sich das Kondenswasser vom Schnauzer.

Gideon bestellte Tee und wenige Augenblicke später stand ein geblümter Pott mit einer dampfenden bernsteinfarbenen Flüssigkeit vor ihm.

»Die Polizei schläft wohl nie in dieser Stadt«, witzelte Theo.

»Das Verbrechen auch nicht, Theo«, konterte Gideon, gesellte sich zu der Gruppe und prostete den anderen Männern zu. Offensichtlich saß ihm der Schreck noch gehörig in den Knochen. Seine Hand zitterte so stark, dass er eine ganze Weile warten musste, bis er den ersten Schluck nehmen konnte.

Der heiße Tee tat gut und vertrieb die Anspannung, die er von zu Hause mitgebracht hatte.

»Wie alt?«, wollte einer der Männer wissen, ein Schwarzer mit Drahtbrille und Rastalocken unter einer riesigen selbst gestrickten Wollmütze.

»Vierunddreißig«, antwortete Gideon mit hochgezogener Augenbraue.

Der andere lachte. »Ich meine dein Kind, wie alt ist es?«

»Viereinhalb Monate«, sagte Gideon völlig überrumpelt.

»Da sind die Koliken am schlimmsten.«

Gideon sah den Mann überrascht an. Die anderen im Kreis stellten sich vor – nicht etwa mit ihren Namen, sondern mit dem ihrer Kinder sowie deren Alter: Liam – drei Monate, Joshua – ein halbes Jahr, Filip – »mit F, einem L und einem P« – zehn Monate. Handys wurden herumgereicht, Bilder gezeigt. Es stellte sich heraus, dass alle vor ihren Frauen und den schreienden Sprösslingen geflüchtet waren. Und sich hier seit Wochen regelmäßig nachts trafen. Eine Art Trinkhallen-Selbsthilfegruppe für übernächtigte Väter. Gideon fragte sich, was die Partnerinnen wohl von diesen Zusammenkünften halten würden, wenn sie davon Wind bekämen. Als er offen zugab, seine Frau habe ihn hergeschickt, wurde ihm die Bewunderung der Versammelten zuteil.

Gerade als er die Tasse geleert hatte, klingelte sein Handy. Er musste nicht aufs Display schauen, um zu wissen, wer dran war. Nur der Kriminaldauerdienst besaß die Unverfrorenheit, ihn zu dieser Uhrzeit anzurufen.

»Kollege Richter?«

Die rauchige Stimme von Jasmin Rückert – die Neue aus dem K 40 / Staatsschutz. Sie verdiente sich im KDD die Sporen.

»Sorry, dass ich Sie aus dem Bett klingle, aber Ihre Anwesenheit ist erforderlich.«

»Was ist denn passiert?«

»Wir haben einen Leichenfund in der Recyclinganlage der FES im Osthafen.« Im Hintergrund Geräusche wie aus einem Callcenter.

»Männlich, weiblich, jung, alt?«

Rückert zögerte. »Ich denke, Sie sollten gleich hinfahren und es sich selbst ansehen.«

Ihre Geheimnistuerei irritierte Gideon. Normalerweise bekam man vom KDD auf eine sachliche Frage eine sachliche Antwort. »Ist das etwa ein Staatsgeheimnis?«

»Es – handelt sich um ein Baby, männlich. Sie haben in einem Müllsack einen toten Säugling gefunden.«

Gideon erstarrte. Rückert wusste, dass er erst vor Kurzem Vater geworden war, auf der Glückwunschkarte hatte sich auch ihre Unterschrift befunden. Und Verbrechen an Kindern verschlugen selbst den Polizisten der Frankfurter Kripo, wo man sich für besonders abgebrüht hielt, zuweilen die Sprache.

Gideon lieh sich einen Kugelschreiber, um die Adresse zu notieren. Der Osthafen war keine Gegend, in der er sich besonders gut auskannte, schon gar nicht, seit man im Rahmen des EZB-Neubaus das gesamte Viertel einer gewaltigen Umgestaltung unterzogen hatte.

»Kollege Kühnast ist informiert?«

»Der kommt als Nächster dran, Sie waren der Erste auf meiner Liste. Den Rest der Crew schicke ich auch gleich los.«

»Vergessen Sie Keitel nicht, es ist hilfreich, wenn einer von der Staatsanwaltschaft direkt vor Ort ist. Ich bin gleich da.«

»Grüße an Ihre Frau.«

Gideon bedankte sich artig.

Vor dem Wasserhäuschen war es totenstill. Alle Augen waren auf ihn gerichtet.

»Morgen steht’s in der Zeitung«, sagte Gideon lakonisch, nahm einen letzten Schluck Tee und trabte los, in Richtung Mauerweg. Mit der Bewegung und der in seine Lungen strömenden kalten Luft schien auch der letzte Rest Anspannung von ihm abzufallen. Wenn er ehrlich war, empfand er Erleichterung, dass er nicht mehr zurück nach Hause musste. Dass sein Job es ihm erlaubte, dem Gefühl des Ausgeliefertseins im Leben eines frischgebackenen Familienvaters wenigstens für ein paar Stunden zu entrinnen.

Die Scheiben des Zafira waren mit einer dicken Eisschicht überzogen. Der Winter hatte dieses Jahr beschlossen, spät zu kommen und dafür etwas länger als erwartet zu bleiben. Und wenn man den Aussagen der Meteorologen Glauben schenken durfte, würde das Wetter noch eine Weile so bleiben. Fluchend – weil er die Handschuhe am Wasserhäuschen vergessen hatte und der Eiskratzer unauffindbar war – schabte Gideon das Eis mit der Kundenkarte eines Baby-Großmarktes aus seinem Portemonnaie von der Windschutzscheibe.

6

13.März, 4:20Uhr Frankfurt Osthafen

Der Silo zur Lagerung von Baustoffen ragte wie eine startbereite Rakete linker Hand in den Nachthimmel auf. Am rechten Seitenfenster des Zafira rauschte das Schild der Kneipe Zur Insel vorbei. Tagsüber vertilgten Lkw-Fahrer dort an Resopaltischen Schnitzelbrötchen, während sie sich an der Glut des Kanonenofens in der Mitte des Raums wärmten; jetzt lag der Laden wie ausgestorben da.

Der Hessische Rundfunk berichtete über den schweren Unfall am Wochenende, bei dem ein Reisebus voller Ausflügler die Mittelplanke der A 6 durchbrochen hatte und mit einem entgegenkommenden Lkw zusammengestoßen war. Der Transporter hatte irgendeine leicht brennbare Flüssigkeit geladen, beide Fahrzeuge waren bis auf das Gerippe ausgebrannt, über vierzig Tote hatte die Feuerwehr aus den Wracks gezogen – die meisten davon bis zur Unkenntlichkeit verkohlt.

Während er der getragenen Stimme des Moderators lauschte, sah Gideon die Straße vor sich, gesäumt von Industriehallen, hinter deren meterhohen Toren sich riesige Schrottberge türmten. In einem Moment war er ganz bei sich, im nächsten hatte er die Orientierung verloren. Er fuhr den Wagen rechts ran und stieg bei laufendem Motor aus. Das durfte er keinem erzählen: Er hatte sich im Osthafen verfahren! Er drehte sich einmal um die eigene Achse, konnte aber keinen hilfreichen Orientierungspunkt finden. Frustriert hieb er mit der Faust auf das Dach des Zafira. Das eiskalte Metall brannte auf der Haut. Sein Handy klingelte.

»Wo steckst du?«, fragte Kühnast.

»Keine Ahnung, Günther, irgendwo im Hafen. Das … Navi hat mich falsch geleitet.«

Kühnast ließ sich mit seiner Antwort Zeit, vermutlich versuchte er zu verstehen, wieso Gideon Richter sich in Frankfurt auf ein Navigationssystem verlassen musste. »Ich hab deinen Wagen an der Schmickstraße in die falsche Richtung abbiegen sehen. Dreh einfach um, nach der Querstraße fünfzig Meter geradeaus, dann kommt linker Hand die Einfahrt zur FES.«

Wenige Augenblicke später passierte Gideon das Einfahrtstor der Abfallsortieranlage. Auf dem Streifenwagen der Kollegen vom fünften Revier, die als Erste zum Fundort der Leiche geholt worden waren, rotierte stumm ein Blaulicht, das Rolltor der dahinter befindlichen Halle war hochgefahren, damit der Sprinter des Rechtsmedizinischen Instituts hineinfahren konnte. Gideon fühlte sich beobachtet: Der stilisierte Goethekopf des Universitätslogos an der Seitenwand des Transporters schien ihn unentwegt im Blick zu behalten. Als habe er Gideon durchschaut.

An der Hallenmauer parkte der rostige Passat seines Kollegen von der MK 5, Günther Kühnast. Während Gideon über den Vorplatz rollte, leuchteten hinter ihm Scheinwerfer auf, aus der gleichen Richtung kündigte das satte Röhren von vierhundertfünfzig Pferdestärken das Eintreffen von Dr.Gaetano Chiazza an. Der Leiter des Rechtsmedizinischen Instituts fuhr mit seinem Alfa Romeo 8C Spider auf den Hof – mit offenem Verdeck und einer Fellmütze auf dem Kopf.

Gideon stellte den Wagen ab und stieg aus. Chiazza, der mit seinen schulterlangen Haaren, dem dunklen Teint und den teuren Schuhen wie der italienische Schnulzensänger Albano Power aussah, eilte mit dynamischen Schritten auf die Halle zu – an ihm vorbei. Wenn Gideon richtig gesehen hatte, waren seine Wimpern und Augenbrauen mit Eiskristallen überzogen.

In der Halle herrschte Fassungslosigkeit aufseiten der Angestellten und Geschäftigkeit bei den Polizeikollegen. Von Deissen aus der Tatortgruppe im K 33 waren nur die Beine in einem weißen Schutzoverall zu sehen, die obere Hälfte steckte im Windsichter. Dabei handelte es sich, wie Gideon von einem Mitarbeiter erklärt wurde, um eine Vorrichtung zur Abscheidung leichter Abfälle, dem Förderband direkt nachgelagert, auf dem Julika Leszczyński den Babyleichnam entdeckt hatte.

Aus den Schleifspuren im Staub am Boden schlussfolgerte Gideon, dass jemand einen Bürostuhl an die Hallenwand gerückt hatte, der in dieser mit groben Maschinen überfrachteten Halle seltsam deplatziert wirkte. Darauf Platz genommen hatte eine robuste Mittfünfzigerin. Ihr Damenbart kam unter der weißen Schutzhaube besonders gut zur Geltung. Mit zitternden Fingern sog sie an einer Zigarette, als stünde ihre Exekution bevor. Ein etwa gleich alter Mann mit Schnauzer tätschelte ihre Schulter, während er an einem Plastikbecher mit Kaffee nippte.

Jemand hob die Klappe des Windsichters an, sodass sich Deissen rückwärts hinausschieben konnte. Er kletterte über die auf dem Band liegenden Verpackungen und landete direkt vor Gideons Füßen. Deissen umwehte der säuerliche Geruch von Abfall. An seinem Ärmel klebte der Deckel eines Joghurtbechers, den Gideon abzupfte und aufs Förderband zurücklegte.

»Ich komm nicht ran. Ich kann den Körper sehen, aber die müssen die Maschine komplett auseinandernehmen, um den Leichnam einigermaßen unversehrt zu bergen.«

»Wisst ihr schon irgendwas? Woher das Kind kommt, zum Beispiel?«

»Der Betriebsleiter steht dort drüben. Der kann dir diese Frage sicher beantworten.«

»Auf welche Fragen kannst du mir denn im Moment schon eine Antwort geben?«, wollte Gideon wissen.

»Es handelt sich um einen männlichen Säugling, höchstens ein paar Tage alt, ziemlich intakt, ein paar kleinere Abschürfungen, aber sonst ist alles dran.« Deissen hielt Gideon sein Handy hin, mit dem er eine provisorische Aufnahme gemacht hatte. Gideons Herz drohte bei dem Anblick stillzustehen.

»Na ja, ich denke, einen Suizid können wir ausschließen.«

»Sehr witzig«, murmelte Gideon.

»Es gibt Fingerabdrücke. Ob die in der Kartei sind, wird sich zeigen. Wir werden alle Säcke der Fuhre einsammeln, soweit möglich. Mit ein bisschen Glück können wir denjenigen identifizieren, in dem der Leichnam transportiert wurde.«

»Meinst du, das Kind hat … noch gelebt, als es in den Sack gesteckt wurde?«

»Ich hoffe nicht«, raunte Deissen. »Ich kriege auch so schon Albträume von dem Anblick.«

Der Betriebsleiter entpuppte sich als ein hagerer Mann mit gleichgültigem Blick, der alle paar Minuten auf die Uhr sah.

»Der Müllsack, in dem das Baby angeliefert wurde – können Sie sagen, woher der stammt?«

»Das war die Montagsfuhre. Bonames, Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach, Harheim, Kalbach, Niederursel, Berkersheim, Frankfurter Berg.«

»Genauer kann man das nicht eingrenzen?«

»Leider nein«, bedauerte der Betriebsleiter.

»Kann man davon ausgehen, dass sich die Sachen, die gemeinsam auf dem Band liegen, im selben Sack befanden?«

»Mit gewissen Varianzen ja. Die Materialien werden aber von Frau Leszczyński und ihren Kollegen durchgesehen, da fehlt schon einiges, wenn es im Windsichter ankommt.«

Der Mann prüfte die Uhrzeit. »Wie lange werden Sie denn ungefähr brauchen?« Seine Stimme klang flehentlich.

Gideon hätte es kommen sehen müssen: Er würde genauso reagieren wie des Öfteren in den letzten Wochen. Vermutlich eine Folge des konstanten Schlafmangels, denn noch vor ein paar Monaten hätte ihn eine solche Situation kaum auf die Palme gebracht. Er spürte einen heiligen Zorn aufsteigen auf diesen Anzug tragenden Trottel, der in seinem Leben ganz offensichtlich den Blick auf die Prioritäten verloren hatte. Der sich weigerte zu verstehen, dass hier eine Mutter ihr Baby getötet und wie den letzten Dreck in den Müll geworfen hatte. Die ihm die Chance genommen hatte, aufzuwachsen, zur Schule zu gehen, Freunde zu gewinnen. Und dass die Aufklärung eines solchen Verbrechens wichtiger war als die Frage, ob sein Scheißförderband eine halbe Stunde früher oder später wieder anlief.

»Das kann schon eine ganze Weile dauern«, erwiderte Gideon mit einem kalten Lächeln.

Schon wieder sah der Kerl auf die Uhr und seufzte demonstrativ: »Wissen Sie, wie viel jede Minute kostet, in der diese Anlage stillsteht?«

Gideon zuckte mit den Schultern.

»Mehr als Sie im Monat verdienen.«

»Haben Sie Kinder?«

»Ich?« Der Betriebsleiter sah ihn verwirrt an.

Gideon sah demonstrativ nach links und rechts. »Ist hier sonst noch jemand?«

»Eine Tochter – Laura – und einen Sohn – Julius.«

»Nehmen wir mal an, Ihre Tochter Laura – wie alt ist die?«

»Vierzehn«, antwortete der Betriebsleiter zögernd.

»Also angenommen, Ihre Tochter würde von einem Sexualstraftäter entführt, vergewaltigt und getötet und die Leiche dann im Müll entsorgt.«

»Was?«

»Und wir würden hier die Einzelteile finden: Torso, Arme, Beine, Lauras abgetrennten Kopf« – an dieser Stelle baute Gideon eine Kunstpause ein – »dann würden Sie doch sicher auch Wert drauf legen, dass wir alle verfügbaren Spuren gründlich auswerten. Dass wir keine Rücksicht auf ökonomische Sachzwänge nehmen. Oder?«

»Ich … äh …«

»Lassen Sie uns unseren Job machen. Die Frankfurter Entsorgungsbetriebe werden schon nicht gleich Konkurs anmelden müssen.«

Der Betriebsleiter setzte zu einer erneuten Prüfung seiner Uhr an.

Gideon packte ihn am Handgelenk und drückte zu. »Wenn Sie noch einmal in meiner Anwesenheit auf die Uhr sehen, dann sorge ich dafür, dass Ihre Scheißanlage die nächsten drei Tage stillsteht. Haben wir uns verstanden?«

»Lassen Sie meine Hand los«, forderte der Betriebsleiter mit gepresster Stimme.

»Ob wir uns verstanden haben?«

Der Betriebsleiter holte Luft und nickte. Sobald Gideon sein Handgelenk freigegeben hatte, stapfte er wütend davon.

Gideon holte sein Handy aus der Tasche und verfasste eine SMS an seine Frau. Sie sollte aus der Tatsache, dass er nach dem Besuch des Wasserhäuschens nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war, nicht die falschen Schlüsse ziehen.

7

13.März, 9:45Uhr Polizeipräsidium Frankfurt, Büro von Edwin Rosenthal

Edwin Rosenthal, Personalreferent in der Abteilung V3 – Personal, Aus- und Fortbildung –, schob die Akte über seinen Schreibtisch. Gideon nahm sie entgegen und öffnete sie. Die Endvierzigerin auf dem Foto, ein wenig füllig, mütterlich, mit dichten dunklen Augenbrauen, offensichtlich blond gefärbten Haaren und einem Tick zu viel Rot auf den Lippen, lächelte ihn an.

Gideon studierte ihren Lebenslauf. Am Ende stutzte er. »Ausgezeichnete Referenzen. Aber sie war ein halbes Jahr lang krankgeschrieben?«

»Wegen eines akuten Erschöpfungszustandes. Frau Nick hatte einige familiäre Probleme zu bewältigen. Dazu die anhaltende berufliche Überlastung. Sie hatte einen Zusammenbruch während einer harten Vernehmung. Nach einer Psychotherapie im ZPD fühlt sie sich nun fit genug, um den Wiedereinstieg zu wagen. Stufenweise.«

Gideon seufzte. »Tut mir leid, ich glaube nicht, dass Frau Nick zu uns passt.«

»Aus welchem Grund, wenn ich fragen darf?«

»Herr Rosenthal«, Gideon hielt seinem festen Blick stand, »die MK 5 steht unangefochten an der Spitze der Ermittlungsstatistik in der K 11, sogar in der ganzen Kriminaldirektion, soweit ich weiß.«

»Stand«, hakte der Referent ein. »Seit ihr im Stammteam nur noch zu zweit seid, seid ihr etwas abgerutscht.«

»Und damit wir wieder an die Spitze kommen, kann ich in mein Team nur die Besten aufnehmen. Hier geht es um Kapitaldelikte, nicht darum, Tickets für Falschparker auszustellen. Um den Anforderungen an eine Mordkommission gerecht zu werden, brauche ich hoch qualifiziertes Personal.«

»Frau Nick ist bestens qualifiziert. Sie hat trotz ihres Arbeitspensums und ihrer privaten Probleme viele Weiterbildungsmaßnahmen absolviert, ihre Beurteilungsprotokolle weisen nur beste Noten aus.«

»Dann habe ich mich falsch ausgedrückt. Ich brauche qualifizierte und belastbare Mitarbeiter. Wenn ein Mord oder eine Entführung aufzuklären ist, sieht niemand auf die Uhr. Das muss ich Ihnen nicht erklären. Was soll ich mit jemandem, der nur Teilzeit arbeitet? Und den ich ständig wie ein rohes Ei behandeln muss? Wie soll ich das den anderen Kollegen vermitteln?«

»Niemand erwartet, dass Sie Frau Nick mit Samthandschuhen anfassen. Während der Wiedereingliederung ist sie sicher noch nicht zu hundert Prozent einsetzbar, aber danach werden Sie ein – wie Sie es zu Recht erwarten – qualifiziertes, belastbares und vor allem erfolgreiches Teammitglied erhalten.«

Gideon lehnte sich zurück, verschränkte die Hände im Nacken und schloss mit einem Stoßseufzer die Augen. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut geht.«

»Und ich kann mir nicht vorstellen, wie Sie die Mutter des verstorbenen Babys mit nur zwei Planstellen finden wollen. Sie haben Personal angefordert, ich biete Ihnen Frau Nick an. Eine Chance hat sie auf jeden Fall verdient, wie ich finde.«

Gideon öffnete wieder die Augen. »Habe ich denn überhaupt die Wahl?«

Rosenthal lächelte. »Man hat immer eine Wahl. Es kommt nur drauf an, wie man zu den Alternativen steht.«

Gideon nahm die Mappe vom Tisch. »Darf ich die mitnehmen, um sie in Ruhe durchzuarbeiten?«

»Bitte. Aber lassen Sie die Unterlagen nicht offen auf dem Schreibtisch herumliegen.«

Gideon erhob sich, schob den Stuhl an den Tisch. Kurz bevor er Rosenthals Büro verließ, ergriff dieser nochmals das Wort. »Das hätte ich fast vergessen: Strobel – klingelt da was bei Ihnen?«

Der Name sagte Gideon auf Anhieb gar nichts.

»Herr Strobel ist einer der Betriebsleiter in der Abfallumlageanlage der FES.«

Gideon wusste, was jetzt kommen würde.

»Er hat sich über Sie beschwert. Sie hätten ihm gedroht.«

»Glauben Sie das etwa?«

Rosenthal setzte ein angedeutetes Lächeln auf. »Natürlich nicht. Die Mitarbeiter der Frankfurter Polizei sind allzeit höflich und zuvorkommend. Vor allem wichtigen Zeugen gegenüber.«

Gideon wahrte sein Pokerface. Vor Rosenthal würde er sich keine Blöße geben.

»Der Form halber mussten wir die Beschwerde erfassen. Möglicherweise wird sich ein Kollege der Revision mit Ihnen in Verbindung setzen.« Rosenthal räusperte sich und murmelte: »Ebenfalls der Form halber, fürchte ich.«

Da Gideon selbst einige Jahre in der Revision verbracht hatte, drohte ihm aus dieser Richtung keine Gefahr. Das wusste Rosenthal ebenso gut wie er.

»Wann bekomme ich bezüglich Frau Nick Bescheid?«

»Reicht Ihnen morgen Mittag?«, schlug Gideon vor.

Rosenthal war einverstanden. In diesem Moment klingelte Gideons Handy. Es war Günther Kühnast. Er hatte den Raum für die Teamsitzung für dreizehn Uhr gebucht.

8

13.März, 13:05Uhr Polizeipräsidium Frankfurt, Besprechungsraum im 4.Obergeschoss

Ein gutes Dutzend Menschen quetschte sich in das enge Besprechungszimmer: Neben den festen und temporären Mitgliedern der Mordkommission hatten sich hier Deissen von der Tatortgruppe, Gideons Chef Franz Demant und Peter Kußmaul eingefunden, der stellvertretende Pressesprecher, der bei öffentlichkeitswirksamen Delikten gerne Einblick in die laufenden Ermittlungen nahm.

Der Beamer projizierte eine Stadtteilkarte von Frankfurt an die Leinwand. Kühnast hieb auf die Tastatur des Laptops ein und die Stadtteile Bonames, Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach, Harheim, Kalbach, Niederursel, Berkersheim und Frankfurter Berg wurden gelb markiert.

»Die Leiche eines höchstens achtundvierzig Stunden alten männlichen Säuglings wurde im Verpackungsmüll im Osthafen entdeckt, eingewickelt in dieses Handtuch.« Er hob vom Besprechungstisch eine transparente Plastiktüte auf, die ein fleckiges Handtuch enthielt. »Der Abfall stammt aus der Montagsleerung, die diese Stadtteile abdeckt.«

Mit einem Laserpointer umkreiste Kühnast die betroffenen Gegenden.

»Wir konnten den Transportsack inzwischen ausfindig machen und einer Gruppe von zehn Fuhren zuordnen.«

Kühnast tippte ein weiteres Mal und fünf der acht Stadtteile leuchteten rot auf. Bonames, Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach, Harheim und Kalbach. Kühnast nahm Platz, damit Deissen von der Tatortgruppe die Präsentation weiterführte. Auf der Leinwand erschienen einige Dutzend Verpackungen, ordentlich aufgereiht, jede mit einer Nummer versehen.

»Wir haben entdeckt, dass die meisten Verpackungen, die in unmittelbarer Nähe des Leichnams auf dem Band lagen, von derselben Supermarktkette stammen. Ein sehr großer Teil wurde im Netto-Discounter erworben, wie an den Preisschildern und teilweise auch an den Markennamen ersichtlich.«

Eine Dose Ravioli erschien vergrößert, das Klebeetikett zeigte deutlich den Namen des Unternehmens.

»Leider kann man nicht direkt auf eine einzelne Filiale schließen. Außer in Kalbach gibt es in allen genannten Stadtteilen einen Netto-Markt.«

Nun waren noch die Stadtteile Bonames, Nieder-Eschbach, Nieder-Erlenbach und Harheim grün markiert.

»Was uns zuerst einmal nicht weiterbringt, denn unser Täter oder unsere Täterin könnte ja auch aus einem anderen Stadtteil mit dem Auto dorthin zum Einkaufen gefahren sein.«

»Ziemlich unwahrscheinlich«, warf Gideon ein. »Erstens: Meine Einkäufe tätige ich üblicherweise in dem Stadtteil, in dem ich lebe, oder irgendwo auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause. Es sei denn, ich suche etwas sehr Spezielles, Feinkost zum Beispiel. Und solche speziellen Lebensmittel finde ich, ohne jemanden beleidigen zu wollen, nicht beim Discounter.«

»Es heißt doch ›Feinkost Albrecht‹«, witzelte Deissen.

Gideon ignorierte das einsetzende Gelächter und fuhr fort. »Entweder befindet sich der Laden also in der Nähe des Wohn- oder des Arbeitsortes. Zweitens: Wer kauft bei Netto ein? Das ist ein Billigladen, es kann also gut sein, dass die Täterin gar kein Auto besitzt, sondern zu Fuß zum Einkaufen geht.«

Kühnast protestierte. »Meine Frau kauft auch bei Netto ein.«

»Oliver, habt ihr eine Liste der Produkte, die da auf dem Bild zu sehen sind?«

Deissen hantierte am Laptop herum, es erschien eine nummerierte Auflistung. Gideon studierte die Bezeichnungen. Fertigpizzen, Dosengerichte, Süßigkeiten, Softdrinks, alles Billigmarken, keine Markenprodukte, kaum Obst und Gemüse.

»Wie ich das sehe, lässt das schon einen Schluss auf die – sagen wir mal – soziale Schicht zu.«

»Vorausgesetzt, es ist kein Zufall, dass diese Gegenstände alle dicht beieinanderliegen«, gab Deissen zu bedenken.

»Fingerabdrücke?«, fragte Gideon.

»Zu stark verwischt.«

Gideon bedankte sich bei dem Kollegen von der Tatortgruppe, der in der ersten Reihe Platz nahm. Er selbst stellte sich vor die Leinwand, die nun wieder die markierten Stadtteile im Frankfurter Norden zeigte. Im Raum herrschte konzentriertes Schweigen.

Vor ihm auf dem Tisch lag das in einer Plastiktüte verstaute Frotteehandtuch. Das Beweisstück übte eine düstere Anziehungskraft auf ihn aus. Er konnte nicht umhin, es anzustarren und dabei an ein anderes Handtuch zu denken, auf dem Jan-Hendrik in dieser Nacht auf dem Boden seiner Küche gelegen hatte.

»Gideon?«

Gideon blickte verwirrt auf. Alle Augen im Raum waren auf ihn gerichtet. Er wandte sich dem Stadtplan zu. »Hat Chiazza sich schon wegen eines Obduktionstermins gemeldet?«

Kühnast verneinte. Es könne etwas dauern. Wegen des Unfalls auf der A 6 stapelten sich die Leichen auf dem Hauptfriedhof, weil in der Rechtsmedizin nicht genug Platz war.

Gideon gähnte ausgiebig und vergaß dabei, die Hand vor den Mund zu halten. Dann hatte er den Faden verloren. »Sorry, wie war das?«

Die Anwesenden beobachteten das Schauspiel verwundert. Einige wechselten vielsagende Blicke. Kühnast wiederholte seine Ausführungen über den Unfall und die derzeitigen Platzprobleme der Rechtsmedizin.

»Sonst noch was?«

»Der Aufruf an die Bevölkerung zur Mithilfe ist vor einer halben Stunde rausgegangen«, sagte Kußmaul. »Und die üblichen Verdächtigen haben auch schon angerufen.« Er verdrehte die Augen.

Die Sitzung wurde von Gideon beendet, der Besprechungsraum leerte sich. Kühnast gesellte sich zu ihm an die Leinwand.

»Schlimm?«, wollte Gideon wissen, der nicht viel Fantasie brauchte, um Kühnasts Gesichtsausdruck zu deuten.

»Sagen wir mal, du hattest schon bessere Tage.«

»Tut mir leid, ich bin ziemlich durch den Wind. Und mein Arbeitstag bräuchte achtundvierzig Stunden. Wie habt ihr das mit zwei Kindern geschafft? Ich werde schon mit einem nicht fertig.«

»Frag mich nicht, Gideon«, lachte Kühnast, »aber es gab Tage, an denen ich mich gefragt habe, welcher Teufel mich geritten hat, Kinder in die Welt zu setzen.«

Gideon nickte müde, als ob ihm genau das Gleiche durch den Kopf ginge.

»Kriegen wir bald Verstärkung?«

»Ich prüfe Alternativen.«

Kühnast sah ihn skeptisch an. »Wir brauchen dringend jemanden. Silke steigt mir aufs Dach, weil ich keinen Abend vor halb zehn zu Hause bin. Dabei hatten wir bis jetzt nicht mal einen akuten Fall.«

»Tut mir leid, Günther. Wie gesagt: Ich bin dran.«

In diesem Moment wirkte Kühnast ungeheuer niedergeschlagen. Gideon vermutete, er hatte diese Ankündigung in den fünfundzwanzig Jahren seiner Polizeikarriere schon mehrmals gehört. So schlecht es ihm selbst auch gehen mochte, Kühnast ein wenig aufzurichten, war ihm ein Bedürfnis.

»Heute Abend gehst du früher nach Hause und widmest dich deiner Familie.«

Kühnasts Gang zur Tür wirkte auf Gideon gleich viel beschwingter.

»Und Günther«, gab er ihm mit auf den Weg, »ich wäre froh, wenn du vorher noch alle Geburten der letzten achtundvierzig, nein besser zweiundsiebzig Stunden durchchecken könntest: Krankenhäuser, Geburtshäuser, Hebammen. Und alle eingegangenen Notrufe, die irgendwas mit Babys und Geburten zu tun haben. Ich versuche inzwischen, Keitel zu überreden, die Obduktion vorzuziehen.«

Kühnasts gute Laune zerplatzte wie eine Seifenblase.

9

13.März, 22:40Uhr Mauerweg, Frankfurt Nordend

Nora saß am Computer und beantwortete E-Mails. Neben ihr – unter einem hellblauen Himmel in einem Kinderbettchen auf Rollen – schlief Jan-Hendrik mit halb offenem Mund. In dieser Wiege hatte sie selbst als Baby geschlafen, so wie zuvor schon ihr Vater, der Verleger Wilfried Winter, und dessen Vater, ihr Großvater Arthur.

Gideon, der noch seinen Anorak trug, küsste Nora in den Nacken. Sie umfasste seinen Hals und strich ihm übers Haar.

»Im Kühlschrank ist noch etwas zu essen, falls du Hunger hast«, flüsterte sie.

Er hatte sich gerade mit einem Bier an den Esstisch gesetzt, als Nora sich zu ihm gesellte. Sie hatte dunkle Schatten unter den Augen. Wenn Gideon ehrlich war, kannte er seine Frau seit Monaten eigentlich gar nicht anders als übermüdet.

Als könnte sie seine Gedanken lesen, gähnte sie herzhaft. Gideon ließ sich davon anstecken.

»Schlimm heute?«, wollte sie wissen.

»Wir haben ein Neugeborenes gefunden. Vielleicht hat die Mutter es getötet.«

Nora nahm nach einem kurzen Zögern einen Schluck von seinem Bier. »O je.«

»Vor einem halben Jahr hätte mich das weniger mitgenommen. Aber wenn man selbst Kinder hat, kriegt man eine verdammt dünne Haut. Als Deissen den Säugling aus dem Windsichter rausgeholt hat, war ich den Tränen nahe. Und das ging allen so, die in der Halle standen. Sogar Keitel war ziemlich einsilbig und wenn der kein harter Hund ist, dann kenne ich keinen.«

Er nahm einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Der bittere Hopfen vertrieb vorübergehend die Bitterkeit anderer Art, die schon den ganzen Tag in seiner Kehle saß.

»Was sind das für Menschen, die so etwas tun? Du als ehemalige Polizeipsychologin kannst mir das sicher erklären.«

»Urteilst du da nicht ein bisschen vorschnell? Vielleicht hat sie es gar nicht getötet.«

»Deissens Wortlaut war: ›Einen Suizid können wir ausschließen.‹«

»Dass dem in so einer Situation noch nach Witzen zumute war.«

»Das habe ich ihm sinngemäß auch gesagt.«

Nora strich sich eine blonde Strähne hinters Ohr. »Diese Frauen – meistens sind es die Mütter, die ihre Kinder innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden nach der Geburt töten, ganz selten Großmütter oder die Väter – verdrängen oft schon die Schwangerschaft. Sie deuten die Vorgänge in ihrem Körper ziemlich fantasievoll um. Blähungen, zu viel gegessen, die Periode ist aus irgendwelchen seltsamen Gründen ausgeblieben. Wenn dann die Wehen einsetzen und das Kind kommt, sind nicht wenige überrascht – und völlig überfordert. Viele geben an, sie hätten sich gefühlt, als würden sie bei der Geburt völlig unbeteiligt zuschauen.«

»Dann bringen sie das Kind einfach um?«

»Die Frauen stehen in dieser Situation unter wahnsinnigem Stress. Ihre Hormone spielen verrückt. Da ist plötzlich ein Wesen, zu dem sie keinerlei Bindung aufgebaut haben, etwas Monströses. Manche fürchten, vom Partner verlassen zu werden. Oder dass die Eltern sie vor die Tür setzen. Dass sie den Arbeitsplatz verlieren, den sie nach langem Suchen ergattert haben. Dann finden sie keinen anderen Ausweg aus ihrem Lebensdilemma, als das ›Monster‹ zu töten oder es auszusetzen. Was oft auf das gleiche Ergebnis hinausläuft.«

»Was ist denn mit Babyklappen? Wurden die nicht genau dafür eingeführt?«

»Solche Frauen sind emotional überhaupt nicht in der Lage, Hilfsangebote anzunehmen, und kaum zu einer logischen Entscheidung fähig. Außerdem sind sie völlig auf sich allein gestellt.«

»Die leben doch nicht auf einer Insel. Irgendjemand aus dem Freundeskreis muss doch bemerken, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Und Hilfe anbieten.«

Nora nickte. »Das ist das Rätselhafte an der Sache. Bekannte und Verwandte nehmen die unglaubwürdigen Ausreden oft ohne Skepsis hin. Solange niemand von dem Problem weiß, es ignoriert beziehungsweise verdrängt, kann auch niemand unterstützend eingreifen.«

»Wir vermuten, die Frau lebt in irgendeinem der Sozialbauviertel im Norden.«

»Dass ihr da mal nicht auf dem Holzweg seid. Das ist kein Hartz-IV-Phänomen. Solche Kindstötungen kommen in jedem sozialen Umfeld vor. Die Frau kann genauso gut im Westend wohnen.«

»Das macht es uns nicht leichter.« Gideon stürzte den letzten Rest Bier herunter und erhob sich. »Gibt es sonst noch was, das ich wissen sollte? Was den Kreis der Verdächtigen einschränkt?«

Nora zog den Gürtel ihres Morgenrocks enger. »Nicht wenige Frauen, die ihre Neugeborenen töten, sind als Kind sexuell missbraucht worden. Und – das klingt jetzt vielleicht ein wenig klischeehaft und wird die Eingrenzung kaum erleichtern – ihr sucht, wenn man der Statistik glauben darf, nach einer eher korpulenten Frau.«

»Und warum das?«

»Weil es einer übergewichtigen Frau wesentlich leichter fällt, ihre Schwangerschaft zu verbergen. Vor anderen wie auch vor sich selbst.«

»Ein wehrloses Kind zu töten und wegzuwerfen wie Müll, ist wirklich das Allerletzte. Da geht mir jegliches Verständnis ab. Das sehen die anderen übrigens genauso.« Gideon stellte die leere Bierflasche in eine Stofftragetasche. »Ich werde heute nicht alt. Wenn Janni wieder die ganze Nacht schreit, brauche ich das bisschen Schlaf, das ich noch bekommen kann.«

Nora stand einfach nur da und beobachtete ihn. Es dauerte eine ganze Weile, bis er bemerkte, dass sie auf etwas zu warten schien. Er wusste nur nicht auf was.

Über ihrer Oberlippe bildeten sich feine Schweißperlen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie kurz vor einem Wutausbruch stand.

»Der Arzt hat Entwarnung gegeben.«

Gideon hatte keinen Schimmer, wovon Nora redete.

»Der Kinderarzt, Gideon. Jan ist nicht heruntergefallen und du hast ihn nicht geschüttelt. Mit seiner Wirbelsäule und dem Kopf ist alles in Ordnung. Er hat ihn geschallt. Und du erinnerst dich wirklich an rein gar nichts?«

Gideon wurde heiß und kalt zugleich. Immer wieder hatte er sich tagsüber vorgenommen, Nora anzurufen, um das Ergebnis der Untersuchung zu erfahren, aber ständig war eine Besprechung oder ein wichtiges Telefonat dazwischengekommen. Irgendwann hatte er es schlicht vergessen.

»Tut mir leid, Nora. Ich wollte mich melden. Aber du kannst dir nicht vorstellen, was heute im Präsidium los war.«

Ihr Lächeln war kalt, die Sprache ihrer Augen eindeutig: Es hätte dich nur einen Anruf gekostet.

10

14.März, 4:20Uhr Ben-Gurion-Ring, Frankfurt Nieder-Eschbach

War es ein Wunder, dass Rita Kempfer sich wie gerädert und gevierteilt fühlte? Die zweite Nacht in Folge konnten der alte Köhler und seine dreißig Jahre jüngere Freundin in der Wohnung darunter sich stundenlang nicht entscheiden, ob sie lieber lautstark vögeln oder sich umso geräuschvoller Schimpfworte und Einrichtungsgegenstände an den Kopf werfen wollten.

Sodom und Gomorrha.

Dass Menschen wie Rita, die Zeitungen austrugen, statt sich vom Sozialamt durchfüttern zu lassen, um viertel nach vier aufstehen mussten und daher ihren Schlaf brauchten, kümmerte solche Typen einen Scheißdreck. Rita ärgerte sich über ihre gestrige Unentschlossenheit; sie hätte doch die Polizei rufen sollen. Stattdessen hatte sie noch Hartmut beruhigt, der irgendwann meinte, wenn nicht bald Ruhe einkehrte, würde er raufgehen und der Schlampe höchstpersönlich den Schädel einschlagen.

Im Dunkeln ertastete sie ihre Hausschlappen auf dem eiskalten Boden. Sie reckte sich, dann verließ sie das gemütliche Bett, wankte schlaftrunken ins Badezimmer. Hartmut drehte sich zur Seite, furzte geräuschvoll unter der Decke und schnarchte weiter.

Immerfort müssen Männer Geräusche von sich geben, dachte Rita, während sie die Zähne putzte. Sie furzen, rülpsen, ziehen die Nase hoch und merken es selbst nicht einmal. Und wer gezwungen war, sich anzuhören, was Hartmut von sich gab, wenn er sich auf ihr abstrampelte, wer mal in das Fell auf seinem Rücken gegriffen hatte, konnte keinen Zweifel daran haben, dass der Mensch vom Affen abstammte.

Rita musterte ihre Krähenfüße im Spiegel. Bald siehst du aus wie deine Mutter.

Drei Putzstellen während der Woche und die Zeitung am Samstag forderten ihren Tribut. Zusammen mit den paar Kröten, die Hartmut seit seinem Bandscheibenvorfall von der Berufsgenossenschaft erhielt, kamen sie gerade so über die Runden. Was vor allem daran lag, dass die Miete in diesem Wohnsilo so günstig war. Auch der einzige Grund dafür, dass sie es so lange in dieser asozialen Umgebung aushielten, in der kein Tag ohne Prügeleien auf dem Spielplatz, Martinshorn und flackerndes Blaulicht verging. Wo man besser die Türen schloss und den Fernseher lauter drehte, wenn es im Hausflur Geschrei gab.

Rita gähnte ausgiebig, während die Nespresso-Maschine den Kaffee ausspuckte. Hartmut hatte sie ihr zu Weihnachten geschenkt. Bald darauf schwante beiden, dass das schicke ferrarirote Teil nur deshalb so günstig gewesen war, weil die Kapseln mit dem Kaffeepulver umso teurer verkauft wurden. Das ganze Leben war ein riesiger Beschiss. Zurück zum Filterkaffee wollten sie nun auch nicht mehr. Also tranken sie weniger Kaffee. Und das war ja auch gesünder so.

Sie löschte das Licht in der kleinen Küche, schlüpfte in die Lederjacke, steckte die Mofaschlüssel ein. Mit dem Helm in der Hand betrat sie das Treppenhaus und zog so geräuschlos wie möglich die Tür hinter sich zu.

Von unten wehte ein eisiger Hauch herauf. Jemand hatte die Eingangstür des Hauses offen gelassen. Oder zum millionsten Mal in diesem Jahr die Scheibe eingetreten. Bevor die Hausverwaltung das Schild mit der Aufschrift TÜR IMMER GESCHLOSSEN HALTEN!!! noch mehr vergrößerte, konnte sie die Tür genauso gut mit Latten vernageln. Niemand hier fühlte sich für irgendetwas verantwortlich.

Rita lauschte. Natürlich war um diese Zeit noch niemand auf den Beinen. Sie klappte den Kragen gegen die Kälte hoch. Sechs Stockwerke hatte sie vor sich, besser runter als rauf; den Aufzug mied sie, der war seit Neujahr zwei Mal stecken geblieben. Ein Treppenabsatz, noch einer, die Schultern hochgezogen, den Blick auf die Stufen vor sich gerichtet. Ein Stockwerk tiefer hob sie den Blick. Köhlers Wohnungstür stand offen. Nicht einen Spalt, sondern sperrangelweit; ebenso wie gestern am späten Abend, als sie noch mal runtergegangen war, um Getränke aus dem Keller zu holen. Sie ging nicht gern, schon gar nicht nach Einbruch der Dunkelheit. Aber Hartmut hatte Rücken und wenn sie Sprudel trinken wollte, musste sie selbst runtergehen oder mit Leitungswasser vorliebnehmen, das aussah wie Rostbrühe und schmeckte wie eine Senkgrube. Dass der Wagen, auf dem sie die Kästen üblicherweise hinauftransportierte – im Aufzug, während sie selbst das Treppenhaus nahm –, offensichtlich geklaut worden war, trug nicht zur Verbesserung ihrer Laune bei.

Sie hatte sich gestern wegen der Tür nichts gedacht. Köhlers Freundin hatte vielleicht gerade den Müll runtergebracht. Oder die Post geholt. Oder bespaßte gegen Bares einen Türken im Erdgeschoss. Den Alten selbst hatte Rita schon seit Tagen nicht mehr gesehen, der war bestimmt wieder auf Sauftour, auch wenn er neuerdings einen auf ›heiliger Mann‹ machte. Klar sollte die Tür zum Treppenhaus nicht offen stehen, vor allem, wenn niemand in der Wohnung war. Aber bei dieser Frau wunderte einen nichts, die war nicht ganz klar im Kopf.

Manchmal fragte Rita Kempfer sich, ob es das Haus war, das die Bewohner so veränderte. Wie in diesem Film von dem Hotel in den verschneiten Bergen, in dem der Schriftsteller seine Familie umbringen will. Das Hotel verkörperte das Böse. Vielleicht war ja auch diese Bruchbude am Ben-Gurion-Ring böse? Böse heruntergekommen auf jeden Fall. Rita lachte leise über das gelungene Wortspiel.

Es passte zu Köhlers Tussi, dass sie die Tür offen stehen ließ, während sie im Haus unterwegs war. Sie war eine von denen, die einem ums Verrecken nicht in die Augen sahen. Ob sie mit dem alten Knacker beim Vögeln auch immer zur Seite guckte? Wenn Rita ehrlich war, machte sie es bei Hartmut ähnlich. Wohin war ihr Blick gerichtet? An die Decke? Hatte sie die Augen vor Wonne geschlossen? Ganz sicher nicht, so was machten Leute im Kino, aber nicht auf den Golanhöhen. Hier wurde auch nicht ›Liebe gemacht‹, sondern ›gefickt‹. Vorwiegend Mütter wurden gefickt, wie man dem Gegröle der Pimpfe auf dem Fußballplatz entnehmen konnte.

Bleib beim Thema, ermahnte sie sich. Köhlers Tür steht seit einem halben Tag offen, und das ist nicht normal. Erwartete man von ihr, dass sie etwas unternahm? Rita knetete nervös den Kinngurt des Motorradhelms. Nach wie vor schien sie das einzige menschliche Wesen im Treppenhaus zu sein.

Was dieser Köhler und seine Freundin treiben, geht dich nichts an. In fünfzehn Minuten musst du die ersten Zeitungen einwerfen und bei den eisigen Temperaturen braucht die Schrottkiste bestimmt ein Dutzend Anläufe, bis sie anspringt.

In die gähnende Schwärze hinter der Wohnungstür zu blicken, war so, als würde man in ein offenes Grab schauen. Irgendwie schien es dort noch kälter zu sein als im Treppenhaus. Aber es gelang Rita nicht, den Blick abzuwenden.

Geh rauf, hol Hartmut aus den Federn und frag ihn, was zu tun ist. Mit etwas Glück würde er sie nur anschreien. Wenn sie Pech hatte, fing sie sich eine und kam zu spät zur Arbeit. Nein, diese Entscheidung konnte sie nur alleine treffen.