Gold und Stein 1 - Heidi Rehn - kostenlos E-Book

Gold und Stein 1 E-Book

Heidi Rehn

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Beschreibung

Ein junges Mädchen, ein junger Mann und ein identisches Feuermal - Teil 1 des mittelalterlichen sechsteiligen Serials »Gold und Stein« von Heidi Rehn! Preußen, Mitte des 15. Jahrhunderts. Auf der Flucht vor den Deutschordensrittern gelangen die 17jährige Agnes und ihre Mutter Gunda nach Königsberg. Dort begegnet Agnes dem gleichaltrigen Caspar, zu dem sie sich sogleich hingezogen fühlt. Ihre Mutter lehnt Caspar jedoch entschieden ab, und auch Agnes ist verunsichert, gehört ihr Herz doch eigentlich bereits einem anderen. Ihre Verwirrung wächst, als sie an Caspars Nacken dasselbe Feuermal wie an dem ihren entdeckt. Was verbindet sie mit ihm? Plötzlich muss sie sich nicht nur zwischen zwei Männern, sondern auch zwischen zwei Müttern entscheiden ...

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EPUB

Seitenzahl: 72




Heidi Rehn

Gold und Stein1

Serial Teil 1

Knaur e-books

Inhaltsübersicht

WidmungMottoKartePrologErster Teil1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel
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Für Brinja und Milian

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Wir sehen die Dinge nicht, wie sie sind,

sondern wir sehen sie, wie wir sind.

(TALMUD)

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Prolog

Löbenicht (Königsberg) 9. Mai 1438

Es war da! Erschöpft fiel Gunda auf das Bett zurück. Nach dem ersten kraftvollen Schrei des Neugeborenen überrollte sie ein nie zuvor empfundenes Gefühl von Zärtlichkeit. Sie streckte die Arme aus, um das schleimverschmierte Bündel aus den Händen der Hebamme entgegenzunehmen. Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Was, wenn sich beim Anblick des Kindes die Alpträume der letzten Monate bewahrheiteten? Eine neuerliche Schmerzwelle erfasste ihren Leib. Jäh bäumte sie sich auf und stieß einen fürchterlichen Schrei aus. Im nächsten Moment krümmte es sie nach vorn. Sie meinte, von innen heraus zu zerreißen.

»Heilige Margareta, steh uns bei!« Hastig übergab die Hebamme Gerda Selege das Kind an Gundas Mutter Lore und eilte zurück zum Bett. Aufmerksam glitt ihr Blick über Gundas weiterhin stark aufgedunsenen Leib. Wesentlich unsanfter als beim ersten Mal zerrte sie die Achtzehnjährige auf den Gebärstuhl zurück, tastete sie ab, schüttelte ungläubig den Kopf. »Es ist noch nicht vorbei. Da kommt noch eins.«

Gunda begriff nicht. Warum fand dieser Alptraum kein Ende, seit so vielen Monaten nicht? Verwirrt strich sie sich das schweißnasse Haar aus der Stirn, schloss die Lider. Das Kind war da, das reichte. Jetzt wollte sie sich ausruhen, bevor sie der Wahrheit ins Auge sah.

Von neuem erfüllte ein eigenartiges Ziehen ihren Unterleib. Bald schon ging es wieder in jene kaum auszuhaltende Pein über, die binnen weniger Atemzüge den gesamten Körper erfasste. Ihr schwanden die Sinne. Eine schallende Maulschelle brachte sie ins Bewusstsein zurück.

»Hiergeblieben!«, knurrte Gerda. »Was du dir eingebrockt hast, badest du gefälligst auch aus.«

Sie setzte ihr einen Becher an die Lippen, schob mit den Fingerkuppen einige Körner zwischen Gundas Zähnen hindurch und nötigte sie anschließend zum Trinken. Der Sud schmeckte mindestens so bitter wie die Körner. Angeekelt verzog Gunda das Gesicht. Gerda zeigte kein Erbarmen, kippte ihr den Rest des widerwärtigen Gebräus in den Mund. Kaum hatte Gunda den letzten Schluck hinuntergewürgt, machte sich die Hebamme bereits an ihrem Unterleib zu schaffen. Ein seifiger, zugleich würziger Geruch nach Koriander durchzog den Raum. Voller Entsetzen spürte Gunda, wie Gerda mit dem Kraut an ihren Schamlippen entlangrieb, mit den Fingern den Muttermund bearbeitete. Sie begann, sich zu wehren, presste die Schenkel zusammen. Die erfahrene Geburtshelferin war stärker als sie und spreizte ihr energisch die Beine auseinander. Gunda erstarrte.

Nicht!, wollte sie rufen, brachte jedoch keinen Ton heraus. Ein dunkelbärtiges Gesicht schob sich ihr vor Augen. Sie meinte, würgen zu müssen, so deutlich hatte sie den sauren Atem ihres Peinigers in der Nase, spürte das garstige Reiben seines Lederwamses auf der Haut, hörte sein widerliches Keuchen in den Ohren. Wie damals fuhr ihr auch jetzt wieder ein stechender Schmerz von unten her in den Leib. Die Qual nahm kein Ende. Heilige Mutter Gottes, flehte sie, hab Erbarmen mit mir armer Sünderin! Von neuem verlor sie die Besinnung. Dieses Mal klatschte Gerda ihr einen Schwall eiskalten Wassers ins Gesicht. »So leicht machst du dich nicht davon!«

Wieder erfasste die Woge Gundas Leib. Ein zweites Mal wollte sie sich vor der Hebamme keine Blöße geben. Sie biss sich auf die Lippen, drückte und presste, wie Gerda sie geheißen hatte. Ihre Beine zitterten. Der Rand des hölzernen Gebärstuhls bohrte sich in ihr Gesäß. Feucht klebte ihr das Leinenhemd auf der Brust. Sie fror und schwitzte gleichzeitig. Die Augen zu schließen, wagte sie nicht mehr. Die bärtige Fratze sollte nicht zurückkehren.

Eine halbe Ewigkeit schien vergangen, bis das Auf und Ab der Schmerzen nachließ. Wie ein Pfropfen aus dem Weinschlauch entlud sich endlich die schwere Last aus Gundas Bauch. Nass rann es ihr die Innenseiten der Schenkel hinab. Ein letzter, schmerzvoller Schub folgte, eine blutige Masse klatschte zu Boden. Dann war es vorbei.

Kaum nahm Gunda den empörten Aufschrei wahr, mit dem auch das zweite Kind seinen Schreck über die Ankunft in der kalten Welt zum Besten gab. Das zärtliche Gefühl in ihrem Busen blieb allerdings aus. Ein wenig zu eilig übergab die Hebamme das Kleine der wartenden Magd. Lore half ihr, es hinter dem Vorhang zu baden und zu wickeln. Das Nächste, was Gunda wahrnahm, war, wie Lore ihr sanft über den Kopf strich. Aufmunternd lächelte sie, wiegte ein Kind auf ihrem Arm. »Ist das nicht schön? Von jeder Sorte eins: ein Mädchen und ein Junge.«

Verwirrt starrte Gunda sie an. Wie konnte die Mutter sich freuen? Hatte sie vergessen, was geschehen war? Trug Lore nicht selbst entsetzlich schwer an den Folgen jenes schrecklichen Überfalls? Gundas Blick streifte die Narbe, die das vertraute Antlitz der Mutter seither am Kinn verunstaltete. Für alle Ewigkeit hatten die wüsten Peiniger sich damit in ihre Erinnerung eingeschrieben. Übelkeit stieg in Gundas Kehle auf.

Gerda brachte ihr den zweiten Säugling ans Bett. Ihre Miene war abweisend. »Zwillinge sind es. Du weißt, was das heißt. Noch ist Zeit. Dein Mann muss nichts erfahren. Soll ich mich um eins von ihnen kümmern? Mir kannst du trauen. Ich werde rasch jemanden finden, der sich um das arme Würmchen kümmert. Am besten nehme ich wohl das Mädchen.«

Knapp nickte sie zu dem Bündel, das Lore in Armen hielt. Ängstlich drückte die das Mädchen enger gegen die Brust. Gerda reichte den Jungen an Gunda, half ihr, den gierig schnappenden Mund des Kleinen um die Brustwarze zu schließen. Trotz der Nähe vermisste Gunda das Aufflammen von Wärme in ihrem Leib. Sollte eine Mutter nicht etwas empfinden, wenn sie ihr Kind zum ersten Mal am Busen nährte? Während der Kleine zu saugen begann, besah sie sich mit Bangen sein rotes Gesichtchen. Einen kurzen Moment öffnete er die Augen. Gunda meinte, das Herz zerspringe ihr, so vorwurfsvoll erschien ihr der Blick. Die Nase des Jungen war winzig. Dennoch hatte sie bereits einen eindeutigen Höcker gleich unterhalb der Wurzel. Die Kerbe am Kinn und die Form der Augen bewiesen Gunda jedoch rasch etwas, was sie kaum zu hoffen gewagt hatte. Behutsam drehte sie das Köpfchen, besah sich den Nacken. Ein längliches Feuermal zog sich dort entlang. Genau wie bei Gernot! Mit einem befreiten Aufschluchzen sank sie ins Kissen, kostete endlich das glucksende Saugen des Kleinen an ihrer Brust aus. Das dunkelbärtige Ungeheuer löste sich in Nebel auf.

»Überlässt du mir also das Mädchen?« Gerdas Frage riss sie in die Wirklichkeit zurück. Da war noch ein Kind! Wie gern hätte sie das nun, da mit dem Jungen alles klar war, vergessen. Die Hebamme hatte recht. Ein Kind war genug. Die Zwillingsgeburt warf nur neue Schwierigkeiten auf. Widerwillig schob sie sich in den Kissen hoch. Gerda machte sich bereits an Lores Armen zu schaffen. Die Mutter aber wollte ihr das Bündel nicht geben.

»Gunda, Kind!«, flehte sie. »Sag doch etwas! Mach dich nicht unglücklich! Auch das hier ist dein Kind. Wir finden schon einen Weg, Kelletat alles zu erklären.«

Lores Hinweis versetzte Gunda einen Stich. An ihren Gemahl wollte sie jetzt nicht denken. Vielleicht blieb ihr das Glück hold, und er merkte nichts von der Ähnlichkeit des Jungen mit Gernot. So gut kannte der Böttchermeister aus dem Löbenicht den Kaufmannssohn aus der Altstadt glücklicherweise nicht. Außerdem hieß es, Männer schauten sich Kinder selten genauer an. Die Nachricht, einen Sohn zu haben, würde ihn in einen Freudentaumel versetzen.

Leider aber war da noch das Mädchen. Bei ihm drohte von neuem die Gefahr, dass der Alptraum wahr wurde und der Samen des stinkenden Hundes ihren Leib befruchtet hatte. Immerhin hatte das Mädchen zuerst das Licht der Welt erblickt, wie auch ihre grausame Schändung vor der verbotenen Nacht mit Gernot gelegen hatte. Seltsam, dass sie vorhin ausgerechnet für dieses Kind die ungeahnte Zärtlichkeit empfunden hatte. Ein Schauer überfiel sie. Gerdas Angebot war verlockend. Noch war es leicht, das erste Kind zu vergessen. Nie würde jemand erfahren, dass sie an diesem Tag mehr als einen Jungen geboren hatte. Die Vorstellung gefiel ihr. Doch da war noch etwas, eine eigenartige Unruhe, ein beklemmendes Gefühl. Immer würde es da sein, wenn der Kleine an ihr saugte, wenn ein Mädchen ihren Weg kreuzte. Für einen Moment schloss sie die Augen, horchte in sich hinein. Es half nichts. Sie musste den Blick wagen, auch wenn damit alles zu spät sein würde.