Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem. - Camilla Läckberg - E-Book
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Beschreibung

Camilla Läckbergs erster Psychothriller: raffiniert, abgründig, brillant

Faye und Jack sind das absolute Traumpaar. Sie haben das erfolgreichste Unternehmen Stockholms aufgebaut, wohnen in einem luxuriösen Apartment und sind umgeben von den Reichen und Schönen. Die gemeinsame Tochter Julienne ist die Krönung ihres Glücks.

Doch der Schein trügt. Fayes Leben dreht sich nur noch um den verzweifelten Versuch, Jack zu gefallen. Seine Verachtung ist in jeder seiner Gesten spürbar. Was verbirgt ihr einst liebevoller Mann vor ihr? Als Jack und Julienne von einem Bootstrip nicht zurückkehren und die Polizei eine Blutlache im Apartment entdeckt, fällt der Verdacht schnell auf Jack. Hat er seine eigene Tochter ermordet? Nichts in Fayes Leben ist mehr so, wie sie es kannte ...

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Seitenzahl:0


Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.

Die Autorin

Camilla Läckberg, Jahrgang 1974, stammt aus Fjällbacka. Von ihrer mittlerweile zehnbändigen Fjällbacka-Krimireihe wurden weltweit über 23 Millionen Exemplare verkauft, sie ist Schwedens erfolgreichste Autorin. Mit ihrem Unternehmen »Invest In Her« fördert sie Projekte junger Frauen. Camilla Läckberg lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Stockholm.

Das Buch

Faye und Jack sind das absolute Traumpaar. Sie haben das erfolgreichste Unternehmen Stockholms aufgebaut, wohnen in einem luxuriösen Apartment und sind umgeben von den Reichen und Schönen. Die gemeinsame Tochter Julienne ist die Krönung ihres Glücks. Doch der Schein trügt. Fayes Leben dreht sich nur noch um den verzweifelten Versuch, Jack zu gefallen. Seine Verachtung ist in jeder seiner Gesten spürbar. Als Jack und Julienne von einem Bootstrip nicht zurückkehren und die Polizei eine Blutlache im Apartment entdeckt, fällt der Verdacht schnell auf Jack. Hat er seine eigene Tochter getötet? Nichts in Fayes Leben ist mehr so, wie sie es kannte ...

Camilla Läckberg

Golden Cage. Trau ihm nicht. Trau niemandem.

Aus dem Schwedischen von Katrin Frey

Ullstein

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Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel En bur av guld bei Forum, Stockholm.

List ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

ISBN 978-3-8437-2047-2

© 2019 Camilla Läckberg© der deutschsprachigen Ausgabe2019 Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: zero-media.net, MünchenUmschlagmotiv: © arcangel / Jayne SzekelyAutorenfoto: © Magnus RagnvidAlle Rechte vorbehaltenE-Book Konvertierung powered by pepyrus.com

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Inhalt

Titelei

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Anhang

Danke

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Teil 1

Widmung

Für Christina

Teil 1

»Könnte sie nicht einfach nur verletzt sein?«, fragte Faye.Sie senkte den Blick, konnte ihnen nicht in die Augen sehen.Kurzes Zögern. Dann ein bedauerndes Räuspern.»Es ist sehr viel Blut. Für so einen zarten Körper. Ich möchte aber keine Spekulationen anstellen, bevor sich nicht ein Rechtsmediziner einen Eindruck verschafft hat.«Faye nickte. Sie bekam einen Plastikbecher mit Wasser gereicht, den sie zum Mund führte, zitterte aber so heftig, dass ihr das Wasser am Kinn hinunterlief und auf die Bluse tropfte. Die blonde Polizistin mit den freundlichen blauen Augen beugte sich nach vorn und gab ihr eine Papierserviette.Bedächtig tupfte sie sich ab. Das Wasser würde hässliche Flecken auf ihrer Seidenbluse hinterlassen. Nicht dass das jetzt noch eine Rolle gespielt hätte.»Besteht kein Zweifel? Überhaupt kein Zweifel?«Die Polizistin warf ihrem Kollegen einen Blick zu und schüttelte dann den Kopf. Sie wählte ihre Worte mit Bedacht: »Es ist so, wie ich gesagt habe: Was wir am Tatort gefunden haben, muss sich ein Arzt anschauen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt deutet alles darauf hin, dass Ihr Exmann Jack Ihre Tochter getötet hat.«Faye schloss die Augen und unterdrückte ein Schluchzen.

Julienne schlief endlich. Ihr Haar lag ausgebreitet auf dem rosa Kissen. Sie atmete ruhig. Faye strich ihr über die Wange. Ganz vorsichtig, um sie nicht zu wecken.

Jack würde heute Abend von einer Geschäftsreise aus London zurückkehren. Oder war es Hamburg? Faye wusste es nicht mehr. Er würde müde und gestresst sein, wenn er nach Hause kam, aber sie würde dafür sorgen, dass er sich entspannte.

Leise schloss sie die Schlafzimmertür, damit Julienne nicht wach wurde, ging auf Zehenspitzen in den Eingangsbereich und überprüfte, ob die Wohnungstür abgeschlossen war. In der Küche strich sie mit der Hand über die Arbeitsfläche. Drei Meter weißer Marmor. Carrara natürlich. Leider furchtbar unpraktisch, weil der poröse Marmor alles aufsaugte wie ein Schwamm und bereits hässliche Flecken hatte. Etwas Praktischeres wäre jedoch für Jack nicht infrage gekommen. Die Küche in der Wohnung im Narvaväg hatte eine knappe Million Kronen gekostet, und es war an nichts gespart worden.

Faye nahm eine Flasche Amarone aus dem Regal und stellte ein Weinglas auf die Platte. Das Geräusch eines Weinglases, das auf Marmor trifft, und dann das Gluckern von Wein – das war die Essenz ihrer Abende, wenn Jack nicht da war. Sorgfältig vermied sie es, Rotweinflecken auf dem weißen Marmor zu hinterlassen, und führte das Glas mit geschlossenen Augen zum Mund.

Sie dimmte das Licht und ging in den Flur, wo die Schwarz-Weiß-Fotos von ihr, Julienne und Jack hingen. Sie waren von Kate Gabor, der inoffiziellen Hoffotografin der Kronprinzessin. Jedes Jahr machte sie bezaubernde Bilder von königlichen Enkelkindern, die in blütenweißen Kleidern im Herbstlaub herumtollten. Sie und Jack hatten sich für Sommerbilder entschieden. Spielerisch entspannt in sanfter Brandung. Julienne zwischen ihnen, ihr blondes Haar flatterte im Wind. Sie in einem schlichten Baumwollkleid von Armani, Jack in Hemd und hochgekrempelter Hose von Hugo Boss, Julienne in einem Spitzenkleidchen aus der Kinderkollektion von Stella McCartney. Kurz bevor die Fotos aufgenommen wurden, hatten sie sich gestritten. Sie wusste nicht mehr, worüber, erinnerte sich nur noch, dass es ihre Schuld gewesen war. Aber auf den Porträts war von der Unstimmigkeit nichts zu sehen.

Faye ging die Treppe hinauf. Vor der Tür zu Jacks Arbeitszimmer zögerte sie, doch dann stieß sie sie trotzdem auf. Der Raum lag in einem Turm mit Aussicht in alle Richtungen. Eine einzigartige architektonische Lösung in einem einzigartigen Objekt, hatte der Makler gesagt, als er ihnen vor fünf Jahren die Wohnung zeigte. Sie war damals schwanger mit Julienne und hatte den Kopf voller strahlender Hoffnungen für die Zukunft.

Sie liebte das Turmzimmer. Aufgrund seines Schnitts und des Lichts, das durch die Fenster fiel, hatte sie hier das Gefühl zu fliegen. Wenn es, so wie jetzt, draußen dunkel war, umschlossen die gewölbten Wände sie wie ein Kokon.

Genau wie den Rest der Wohnung hatte sie dieses Zimmer allein eingerichtet. Sie hatte die Tapete, die Bücherregale, den Schreibtisch, die Fotografien und die Kunstwerke an den Wänden ausgesucht. Und Jack liebte das Ergebnis. Ihren guten Geschmack stellte er nie infrage, und außerdem erfüllte es ihn mit maßlosem Stolz, wenn Gäste nach der Nummer ihres Innenarchitekten fragten.

In diesen Augenblicken gönnte er ihr den Glanz.

Während alle anderen Räume modern eingerichtet waren, hell und luftig, wirkte Jacks Arbeitszimmer männlicher. Sie hatte mehr Arbeit hineingesteckt als in Juliennes Kinderzimmer und alle anderen Räume zusammen. Jack würde unheimlich viel Zeit hier verbringen und wichtige Entscheidungen fällen, die die Zukunft ihrer Familie bestimmten. Ihm hier, direkt unter den Wolken, einen Zufluchtsort zu erschaffen war das Mindeste, was sie für ihn tun konnte.

Zufrieden fuhr sie mit der Hand über Jacks massiven Schreibtisch. Es war ein altehrwürdiges Möbelstück, das sie bei Bukowskis ersteigert und das einst Ingmar Bergman gehört hatte. Jack war kein großer Bergman-Kenner, er bevorzugte Actionfilme mit Jackie Chan oder Komödien mit Ben Stiller, aber genau wie sie wusste er Möbel mit Geschichte zu schätzen.

Wenn sie Gäste in der Wohnung herumführten, schlug er zweimal mit der flachen Hand auf die Tischplatte und erzählte wie nebenbei, dass der schöne Tisch einst im Haus des weltberühmten Regisseurs gestanden habe. Faye lächelte dann jedes Mal, denn immer, wenn er diese Worte sagte, trafen sich ihre Blicke. Der Tisch war nur eins von tausend Dingen in ihrem Leben, die sie teilten. Diese vertrauten Blicke, die unwichtigen und die wichtigen Momente, auf denen eine Beziehung aufbaute.

Sie ließ sich auf den Stuhl vor dem Computer sinken, drehte sich darauf und sah aus dem Fenster. Draußen fiel Schnee und verwandelte sich auf der Straße da unten in Matsch. Als sie sich nach vorn beugte und hinuntersah, konnte sie ein Auto sehen, das sich durch den dunklen Februarabend kämpfte. An der Banérgata bog der Fahrer ab und verschwand in Richtung Innenstadt. Einen Augenblick lang vergaß sie, was sie hier gewollt hatte, warum sie in Jacks Arbeitszimmer saß. Viel zu leicht verlor sie sich in der Dunkelheit und ließ sich von den sachte fallenden Schneeflocken hypnotisieren, die sich durch die Schwärze bohrten.

Faye kniff die Augen zusammen, setzte sich aufrecht hin und drehte den Stuhl zurück vor den großen Apple-Bildschirm, den sie mit einer Bewegung der Maus zum Leben erweckte. Sie fragte sich, wo Jack das Mousepad gelassen hatte, das sie ihm zu Weihnachten geschenkt hatte, das mit dem Foto von ihr und Julienne darauf. Stattdessen benutzte er jetzt ein hässliches Blaues von Nordea. Ein Weihnachtsgeschenk für die privaten Bankkunden.

Das Kennwort kannte sie. Julienne 2010. Wenigstens als Bildschirmschoner hatte er nicht Nordea, sondern Schnappschüsse von ihr und Julienne in Marbella. Sie lagen im flachen Wasser, und Faye hielt die Tochter mit ausgestreckten Armen in die Höhe, Richtung Himmel. Beide lachten, aber Fayes Lächeln war nur zu erahnen, weil sie auf dem Rücken lag und ihr langes Haar um das Gesicht schwamm. Juliennes strahlend blaue Augen schauten direkt in die Kamera und durch die Linse hindurch. In die blauen Augen von Jack.

Faye ging näher an den Bildschirm heran und ließ den Blick über ihren braun gebrannten Körper schweifen, der im Salzwasser glänzte. Obwohl die Entbindung erst einige Monate zurückgelegen hatte, war sie in besserer Form gewesen als jetzt. Der Bauch war flach. Die Arme dünn. Die Oberschenkel schlank und fest. Jetzt, gut drei Jahre später, wog sie fast zehn Kilo mehr als damals in Spanien. Vielleicht sogar fünfzehn. Sie traute sich schon lange nicht mehr auf die Waage.

Sie riss den Blick von ihrem Körper auf dem Bildschirm los und gab »Porno« ein. In chronologischer Reihenfolge erschien ein Link nach dem anderen. Mit Leichtigkeit konnte sie die sexuellen Fantasien verfolgen, die Jack in den vergangenen Monaten umgetrieben hatten. Wie ein Nachschlagewerk seiner Geilheit. Sexuelle Fantasien für Dummis.

Am 26. Oktober hatte er sich zwei Videos angesehen. »Russian teen gets slammed by big cock« und »Skinny teen brutally hammered«. Man konnte sagen, was man wollte, aber die Filmtitel der Pornobranche waren wenigstens konkret. Keine Umschreibungen. Es wurde erst gar nicht der Versuch unternommen, diskret zu verschleiern, was geliefert werden sollte. Was derjenige, der vor dem Bildschirm saß, haben wollte. Ein direkter Dialog, offene und ehrliche Kommunikation.

Jack guckte Pornos, seit sie ihn kannte, und wenn sie allein war, sah sie sich manchmal selbst welche an. Sie verachtete diejenigen unter ihren Freundinnen, die behaupteten, ihre Männer würden nie auf die Idee kommen, einen Porno zu sehen. Wenn die wüssten.

Früher hatte Jacks Pornokonsum keinen Einfluss auf ihr Liebesleben gehabt. Beides hatte nebeneinander existiert. Mittlerweile näherte er sich ihr nicht mehr, suchte aber immer noch Befriedigung bei »Skinny teen brutally hammered«.

Mit jedem Clip verkrampfte sich ihr Bauch mehr. Die Mädchen waren jung, mager und unterwürfig. Jack hatte immer eine Vorliebe für junge und dünne Mädchen gehabt. Nicht er hatte sich verändert, sondern sie. Und standen nicht die meisten Männer auf solche Frauen? Für Älterwerden und Gewichtszunahme war in Östermalm kein Platz. Zumindest nicht, wenn es um Frauen ging.

Im letzten Monat hatte Jack ein und denselben Film sieben, acht Mal gesehen. »Young petite schoolgirl brutally fucked by her teacher«. Faye drückte auf Play. Ein junges Mädchen im kurzen karierten Rock, weißer Bluse, Krawatte, Kniestrümpfen und Pippi-Langstrumpf-Zöpfen hat Probleme in der Schule. Die größten Schwierigkeiten bereitet ihr das Fach Biologie. Besorgte, verantwortungsvolle Eltern engagieren einen Nachhilfelehrer und lassen ihre Tochter allein zu Hause. Es klingelt. Ein Mann um die vierzig im Tweedjacket mit Flicken an den Ellbogen und Aktentasche in der Hand steht vor der Tür. Sie gehen in eine helle Küche. Das Mädchen holt seine Schulbücher und schlägt sie auf. Sie gehen die Muskulatur des Menschen durch.

»Wenn ich dir einen Muskel nenne, zeigst du ihn mir an deinem Körper, okay?«, sagt der Nachhilfelehrer mit dunkler Stimme.

Das Mädchen macht große Augen, nickt und schürzt die Lippen. Zwei Muskeln schafft sie. Als er nach dem Gluteus maximus fragt, dem großen Gesäßmuskel, zieht sie ihren Rock ein Stück hoch, sodass die Kante ihres Höschens sichtbar wird, und zeigt auf ihre Leiste. Der Nachhilfelehrer schüttelt lächelnd den Kopf.

»Stell dich hin, dann zeige ich ihn dir«, sagt er.

Sie schiebt ihren Stuhl zurück und stellt sich hin. Er fährt mit seiner großen Hand von der Kniekehle langsam hinauf und unter den Rock. Er zieht den Rock noch höher und zieht das Höschen zur Seite. Schiebt einen Finger darunter. Das Mädchen stöhnt. Ein perfektes Pornostöhnen. Trotzdem mit einem Hauch von verblüffter Unschuld und schlechtem Gewissen. Ein Eingeständnis, das dem Betrachter signalisieren soll: Sie weiß, dass sie etwas Verbotenes tut. Aber sie kann es nicht lassen. Die Versuchung ist zu groß, um ihr zu widerstehen.

Er dringt mit seinem Finger einige Male in sie ein. Dann legt er sie bäuchlings auf den Tisch und nimmt sie. Sie schreit, stöhnt, krallt sich an die Tischplatte. Bettelt um mehr. Am Ende fordert er sie auf, ihre Brille wieder aufzusetzen – die ihr bei der harten Nummer heruntergerutscht ist –, bevor er ihr ins Gesicht ejakuliert. Mit vor Genuss verzerrtem Gesicht und halb geöffnetem Mund nimmt das Schulmädchen das Sperma in Empfang.

Nirgendwo wird so deutlich wie in Pornofilmen, welch hohen Wert Männer ihrem eigenen Sperma beimessen. Andächtige und begierige Frauen mit halb geöffneten Mündern werden damit beschenkt.

Mithilfe einiger Mausklicks auf dem hässlichen Nordea-Pad fuhr Faye den Computer hinunter. Wenn Jack genau das wollte, sollte er es bekommen.

Sie rückte mit dem widerwillig knarrenden Stuhl zurück und stand auf. Draußen war es jetzt pechschwarz. Der leichte Schneefall hatte aufgehört. Sie nahm ihr Weinglas mit und verließ den Raum.

In ihrem begehbaren Kleiderschrank hatte Faye alles, was sie brauchte. Sie sah auf die Uhr. Halb zehn. Jacks Flieger landete gleich, bald würde er im Taxi sitzen. Da er selbstverständlich den Arlanda-VIP-Service gebucht hatte, würde er auf dem Flughafen nicht lange brauchen.

Sie duschte schnell und rasierte die kurzen Stoppeln ab, die auf ihrem Venushügel nachgewachsen waren. Sie wusch sich am ganzen Körper und schminkte sich, aber nicht wie sonst, sondern etwas schlampiger und jugendlicher. Schmierte sich massenhaft Rouge auf die Wangen, trug zu viel Wimperntusche und als Tüpfelchen auf dem i Lippenstift in Kaugummirosa auf, den sie ganz hinten in ihrem Make-up-Kasten entdeckt und vermutlich bei irgendeinem Event als Werbegeschenk bekommen hatte.

Jack würde nicht sie bekommen – nicht Faye, seine Frau, die Mutter seines Kindes –, sondern eine Jüngere und Unschuldigere, ein unberührtes Mädchen. Genau das brauchte er.

Sie suchte sich eine von Jacks schmaleren grauen Krawatten aus und band sie sich achtlos um den Hals. Setzte eine Lesebrille auf, die sie versteckte, wenn sie Besuch hatten, weil sie sich für sie schämte. Rechteckig, schwarz, Dolce & Gabbana. Faye begutachtete das Ergebnis im Spiegel. Sie sah zehn Jahre jünger aus. Ungefähr so wie zu der Zeit, als sie aus Fjällbacka weggegangen war.

Sie war niemandes Frau. Niemandes Mutter. Perfekt.

Auf Zehenspitzen ging Faye in Juliennes Zimmer, um sich eins ihrer Notizbücher und einen Bleistift mit einem rosa Puschel zu holen. Als sie Julienne im Schlaf vor sich hin murmeln hörte, blieb sie stehen. Wachte sie auf? Nein, kurz darauf atmete sie wieder ruhig.

Sie ging in die Küche, um ihr Weinglas aufzufüllen, zog dann aber die Schublade mit Juliennes Plastikgeschirr heraus und schenkte den Rotwein in einen großen Hello-Kitty-Becher mit Deckel und Trinkhalm. Perfekt.

Als sich der Schlüssel im Schloss drehte, blätterte sie im Economist. Jack bestand darauf, dass das Wochenmagazin sichtbar herumlag, aber sie war die Einzige, die es wirklich las.

Jack stellte seine Reisetasche ab, zog sich die Schuhe aus und steckte die Schuhspanner aus Zedernholz hinein, die verhinderten, dass seine handgenähten italienischen Schuhe aus weichem Leder die Form verloren. Faye gab keinen Ton von sich. Im Gegensatz zu ihrem diskreten Lipgloss von Lancôme fühlte sich der rosa Lippenstift klebrig an und verströmte einen synthetischen Geruch.

Leise öffnete Jack die Kühlschranktür. Noch immer hatte er sie nicht entdeckt. Fast lautlos ging er durch die Küche, wahrscheinlich nahm er an, sie und Julienne würden schlafen.

Sie beobachtete ihn von ihrem Platz im dunklen Wohnzimmer. Wie eine Fremde, die durchs Fenster hineinschaute, beobachtete sie ihren Mann ohne sein Wissen. Jack war sonst immer auf der Hut. Jetzt bewegte er sich anders. Entspannter, fast nachlässig. Sein normalerweise so stattlicher Körper war ein wenig in sich zusammengesunken, nicht viel, aber da sie ihn so gut kannte, bemerkte sie den Unterschied. Sein Gesicht war glatter ohne die Sorgenfalte, die sich mittlerweile so oft zwischen den Brauen zeigte, auch in geselligen Situationen, die so eng mit seiner Karriere und ihrer Zukunft verknüpft waren und in denen ein Lachen oder Gläserklirren sich in einem Millionengeschäft am nächsten Tag niederschlagen konnten.

Sie wusste noch, wie Jack als junger Mann gewesen war, als sie sich kennenlernten.

Der freche Blick, sein fröhliches Lachen, die Hände, die sie ständig berühren mussten, weil er nicht genug von ihr bekam.

Das Kühlschranklicht ließ sein Gesicht aufleuchten, und sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Sie liebte ihn. Liebte seinen breiten Rücken. Liebte seine großen Hände, die nun nach der Saftpackung griffen und sie zum Mund führten. Bald würden sie auf ihrem Körper und in ihr sein. Oh Gott, wie sie sich danach sehnte.

Vielleicht trieb die Sehnsucht ihren Körper dazu, sich zu bewegen, denn plötzlich wandte er sein Gesicht der blank geputzten Ofenscheibe zu und sah ihr Spiegelbild. Er zuckte zusammen und drehte sich um. Die Saftpackung hielt er noch in der Hand, auf halbem Weg zum Mund.

Er stellte sie auf die Kücheninsel.

»Du bist wach?«, fragte er verwundert. Die Falte zwischen den wohlgeformten Augenbrauen war wieder da.

Faye antwortete nicht, sie stand einfach auf und ging ein paar Schritte auf ihn zu. Sein Blick erforschte ihren Körper. Auf diese Weise hatte er sie schon lange nicht mehr angesehen.

»Komm her«, sagte sie sanft, mit heller Stimme.

Jack machte den Kühlschrank zu, die Küche lag wieder im Dunkeln, aber die Lichter der Stadt spendeten ausreichend Helligkeit. Er ging um die Kücheninsel herum, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu küssen. Sie drehte jedoch das Gesicht weg und drückte ihn auf einen Stuhl. Jetzt bestimmte sie. Als er die Hand nach ihrem Rock ausstreckte, schlug sie sie weg. Nur um sie in der nächsten Sekunde in ihre Kniekehle zu legen. Sie zog ihren Rock hoch, damit er ihr Spitzenhöschen sah, hoffte, dass er es wiedererkannte. Früher hatte sie es oft getragen. Als sie jung gewesen war. Und unschuldig.

Seine Hand wanderte nach oben, und sie konnte es sich nicht verkneifen zu stöhnen. Anstatt das Höschen wie im Film zur Seite zu ziehen, zerriss er es. Sie stöhnte erneut, diesmal lauter, lehnte sich über den Tisch und machte ein Hohlkreuz, während er seine Hose aufknöpfte und sie zusammen mit der Unterhose fallen ließ. Er packte sie an den Haaren und drückte sie noch weiter nach vorne. Beugte sich mit seinem ganzen Gewicht über sie, und als er sie fest in den Nacken biss, roch sie eine Mischung aus Orangensaft und dem Whisky, den er im Flugzeug getrunken hatte. Ruppig stieß er ihre Füße auseinander, stellte sich hinter sie und drang in sie ein.

Jack vögelte sie hart und aggressiv, und bei jedem Stoß schnitt sich die Tischkante in ihren Bauch. Er tat ihr ein bisschen weh, aber der Schmerz war befreiend, denn dank ihm konnte sie alles andere vergessen und sich nur auf den Genuss konzentrieren.

Sie gehörte ihm. Ihre Lust gehörte ihm. Ihr Körper gehörte ihm.

»Sag Bescheid, wenn du kommst«, stöhnte sie mit der Wange auf der nackten Tischplatte, auf der ihr Lippenstift klebrige Spuren hinterlassen hatte.

»Jetzt«, keuchte Jack.

Sie kniete sich vor ihn. Schwer atmend steckte er ihr seinen Schwanz in den weit geöffneten Mund. Umfasste mit beiden Händen ihren Hinterkopf und presste ihn ihr noch tiefer hinein. Sie kämpfte gegen den Würgereiz an und bemühte sich, nicht den Kopf wegzudrehen. Sich einfach hingeben. Sich einfach immer hingeben.

Faye sah die Szene aus dem Pornofilm vor sich, und als Jack kam, hatte er zu ihrer Freude den gleichen Gesichtsausdruck wie der Lehrer in dem Moment, als er das unschuldige Mädchen in Besitz nahm.

»Willkommen zu Hause, Liebling«, sagte sie mit gequältem Lächeln.

Es war eines der letzten Male in ihrer Ehe gewesen, dass sie gevögelt hatten.

Stockholm Sommer 2001

Die ersten Wochen in Stockholm waren einsam gewesen. Zwei Jahre nach dem Abitur hatte ich Fjällbacka hinter mir gelassen. Sowohl geistig als auch körperlich. Ich konnte der klaustrophobischen Enge des Städtchens gar nicht schnell genug entkommen. Mit seinen idyllischen Gassen und den neugierigen Blicken, die mir keine Ruhe ließen, raubte es mir die Luft zum Atmen. Im Gepäck hatte ich fünfzehntausend Kronen und ein Einserzeugnis.

Am liebsten hätte ich mich schon zwei Jahre zuvor aus dem Staub gemacht. Aber es hatte länger als erwartet gedauert, die praktischen Dinge zu regeln. Das Haus zu verkaufen, auszumisten und all die Gespenster zu verjagen, die mir zu Leibe rückten.

Die Erinnerungen taten schrecklich weh. In meinem Elternhaus sah ich sie immer vor mir: Sebastian. Mama. Und nicht zuletzt Papa. In Fjällbacka war mir nichts geblieben. Außer Klatsch. Und Tod.

Niemand war damals für mich da gewesen. Genau wie jetzt. Deshalb packte ich meinen Koffer und stieg in den Zug nach Stockholm, ohne mich umzusehen.

Und schwor mir, nie wieder zurückzukommen.

Am Centralen, dem Stockholmer Zentralbahnhof, warf ich meine SIM-Karte in einen Papierkorb. Nun kamen die Schatten aus der Vergangenheit nicht mehr an mich heran. Niemand würde mich bedrohen und verfolgen.

Den Sommer über mietete ich ein Zimmer in einer Wohnung, die im selben Gebäude wie Fältöversten lag, das hässliche Einkaufszentrum, über das die Bewohner von Östermalm die Nase rümpfen. Dann beklagen sie sich über die »Sozis, die unser schönes Östermalm kaputt gemacht haben«. Aber von solchen Dingen hatte ich damals noch keine Ahnung. Ich war an Ica Hedemyrs in Tanum gewöhnt und fand Fältöversten schick.

Ich liebte Stockholm auf Anhieb. Vom Fenster im sechsten Stock betrachtete ich die schönen Fassaden in der Umgebung, die grünen Parks, die tollen Autos und dachte, eines Tages werde ich mit Mann, drei perfekten Kindern und Hund in einem dieser prächtigen Häuser aus dem neunzehnten Jahrhundert wohnen.

Mein Mann würde Künstler sein. Oder Schriftsteller. Oder Musiker. So anders als mein Vater wie nur möglich. Kultiviert, intellektuell und weltgewandt. Er würde gut riechen und sich gut anziehen. Im Umgang mit anderen würde er ein wenig schwierig sein, aber bei mir nie, weil ich die Einzige wäre, die ihn verstand.

In diesen ersten langen, hellen Nächten spazierte ich durch die Straßen von Stockholm. Sah Prügeleien in den schmaleren Gassen, wenn die Kneipen schlossen. Hörte Menschen schreien, weinen, lachen. Streifenwagen, die mit heulenden Sirenen an Orte rasten, wo Gefahren abgewendet oder Leben gerettet werden mussten. Erstaunt betrachtete ich in der City die Prostituierten mit der Achtzigerjahre-Schminke und den hohen Stiefeln, teigiger Haut und Einstichstellen, die sie unter langärmligen Blusen und Pullis zu verbergen versuchten. Ich fragte sie nach Zigaretten und malte mir ihre Leben aus. Die Freiheit, wenn man am Boden war. Keine Gefahr mehr, noch tiefer in der Scheiße zu landen. Ich spielte mit dem Gedanken, mich selbst dort hinzustellen, um am eigenen Leib zu erfahren, wie es sich anfühlte, wer die Männer waren, die sich in ihren Volvos mit den Kindersitzen auf der Rückbank und den Ersatzwindeln und den Feuchttüchern im Handschuhfach ein bisschen schmutzige Nähe kauften.

In dieser Zeit fing mein Leben richtig an. Die Vergangenheit hing an mir wie eine Fußfessel. Hielt mich zurück, störte und behinderte mich. Trotzdem vibrierte jede Zelle meines Körpers vor Neugier. Ich gegen den Rest der Welt, das war mein Gefühl. Weit weg von zu Hause, in einer Stadt, von der ich mein Leben lang geträumt hatte. Ich hatte mich nicht nur weggewünscht. Ich hatte mich hierher gewünscht. Allmählich machte ich Stockholm zu meiner Stadt. Sie erfüllte mich mit der Hoffnung, meine Wunden könnten heilen und ich könnte vergessen.

Anfang Juli fuhr meine Vermieterin, eine pensionierte Lehrerin, zu ihren Enkelkindern nach Norrland.

»Kein Besuch!«, sagte sie streng, bevor sie die Tür hinter sich schloss.

»Kein Besuch«, antwortete ich brav.

An dem Abend schminkte ich mich und trank hochprozentigen Alkohol. Gin und Whisky. Kirsberry und Amarula. Es schmeckte widerlich, aber das war mir egal, ich hatte es auf den Rausch abgesehen, den Rausch, der Vergessen versprach und sich warm im Körper ausbreitete.

Nachdem ich mir Mut angetrunken hatte, zog ich ein Baumwollkleid an und spazierte zum Stureplan. Nach einem gewissen Zögern ließ ich mich vor einer netten Bar an einem Tisch nieder. Gesichter, die ich nur aus dem Fernsehen kannte, zogen an mir vorüber. Lachend und betrunken. Vom Alkohol und vom Sommer.

Gegen Mitternacht reihte ich mich in die Schlange vor einem Club auf der anderen Straßenseite ein. Die Stimmung war angespannt, und ich war mir nicht sicher, ob ich hineinkommen würde. So gut ich konnte, imitierte ich die anderen. Verhielt mich wie sie, obwohl ich später begriff, dass sie auch Touristen gewesen sein mussten. Genauso verloren wie ich, aber mit aufgemaltem Mut.

Hinter mir hörte ich Gelächter. Zwei Typen in meinem Alter gingen an der Schlange vorbei zu den Türstehern. Ein Nicken und ein Händedruck. Alle Blicke ruhten neidisch und fasziniert auf ihnen. Stundenlange Vorbereitung und Gekicher über einem Glas Rosé, um sich hinter einem Tau den Arsch abzufrieren. Wenn es auch so einfach hätte sein können. Wenn man nur jemand gewesen wäre.

Im Gegensatz zu mir waren die beiden Jungs Personen, die gesehen und respektiert wurden. Die dazugehörten. Sie waren jemand. In diesem Moment beschloss ich, auch jemand zu werden.

Genau da drehte sich einer der Typen um und musterte neugierig die Menschenmenge, die er soeben hinter sich gelassen hatte. Unsere Blicke trafen sich.

Ich sah weg und kramte in meiner Handtasche nach einer Zigarette. Ich wollte keinen dummen Eindruck machen, wollte nicht, dass man mir ansah, was ich war. Ein Landei bei seinem ersten Clubbesuch in der Hauptstadt. Besoffen von gestohlenem Gin und Amarula. Im nächsten Augenblick stand er vor mir. Die Haare abrasiert, die Augen blau und freundlich. Leicht abstehende Ohren. Er trug ein beiges Hemd und eine dunkle Jeans.

»Wie heißt du?«

»Matilda«, antwortete ich.

Wie ich diesen Namen hasste. Den Namen, der zu einem anderen Leben und einer anderen Person gehörte. Einer Person, die ich nicht mehr war. Zu jemandem, den ich zurückgelassen hatte, als ich in den Zug nach Stockholm stieg.

»Ich heiße Viktor. Bist du allein hier?«

Ich antwortete nicht.

»Geh nach vorn«, sagte er.

»Ich stehe nicht auf der Liste«, murmelte ich.

»Ich auch nicht.«

Ein blitzendes Lächeln. Ich löste mich aus der Schlange. Viel zu spärlich bekleidete Mädchen und Jungs mit zu viel Wachs im Haar warfen mir neidische Blicke hinterher.

»Sie gehört zu mir.«

Der Fleischberg vor dem Eingang hob das Tau. »Willkommen.«

Im Gedränge nahm Viktor meine Hand und zog mich mit sich in die Dunkelheit. Dunkle Silhouetten, flackernde Lichter in verschiedenen Farben, wummernde Bässe, umschlungene und tanzende Leiber. Wir stellten uns ans Ende eines langen Tresens, und Viktor begrüßte den Barkeeper.

»Was willst du trinken?«, fragte er.

Den eklig süßen Geschmack des Likörs noch auf der Zunge, antwortete ich: »Bier.«

»Gut. Ich mag Mädchen, die Bier trinken. Das hat Klasse.«

»Klasse?«

»Ja. Finde ich irgendwie gut. Bodenständig.«

Er drückte mir ein Heineken in die Hand. Stieß mit mir an. Ich lächelte und trank einen Schluck.

»Was ist dein größter Traum, Matilda?«

»Jemand werden«, sagte ich. Ohne Bedenkzeit.

»Du bist doch schon jemand.«

»Jemand anders.«

»Ich habe den Eindruck, du bist ganz in Ordnung.«

Viktor tänzelte ein paar Schritte zur Seite und wiegte rhythmisch den Kopf.

»Wovon träumst du denn?«

»Musik.«

»Bist du Musiker?«

Ich musste mich nach vorn beugen und laut sprechen, damit er mich hörte.

»DJ. Aber heute Abend habe ich frei. Morgen lege ich auf. Dann stehe ich da oben.«

Ich sah in die Richtung, in die sein Finger zeigte. Auf einem kleinen Podest an der Wand stand der Typ, mit dem Viktor gekommen war, und wippte zur Musik. Eine Weile später kam er zu uns. Stellte sich vor. Axel wirkte nett und harmlos.

»Schön, dich kennenzulernen, Matilda.« Er gab mir die Hand.

Mir fiel auf, wie sehr sie sich von den Jungs in meiner Heimat unterschieden. Sie waren so höflich. Und eloquent. Axel bestellte sich etwas zu trinken und verschwand. Viktor und ich prosteten uns noch einmal zu. Mein Bier war fast leer.

»Bevor ich morgen auflege, glühen wir mit ein paar Freunden vor. Willst du nicht auch vorbeikommen?«

»Vielleicht.« Ich sah ihn nachdenklich an. »Wieso hast du mich eigentlich mit reingenommen?«

Ich trank demonstrativ den letzten Schluck aus meiner Flasche. Hoffte, dass er mir noch eins bestellen würde. Was er auch tat. Eins für mich und eins für ihn. Dann beantwortete er meine Frage. Seine blauen Augen leuchteten im Dunkeln.

»Weil du süß bist. Und einsam aussahst. Bereust du es?«

»Nein, gar nicht.«

Er angelte eine Schachtel Marlboro aus der Hosentasche und gab mir eine Zigarette. Ich hatte nichts dagegen, dann hielten meine eigenen länger. Von den Fünfzehntausend, die nach Abbezahlung des Kredits und aller anderen Kosten vom Hausverkauf übrig geblieben waren, war nicht mehr viel da.

Als er mir Feuer gab, berührten sich unsere Hände. Seine Hand war warm und gebräunt. Ich vermisste sie sofort.

»Du hast traurige Augen. Weißt du das?« Er nahm einen tiefen Zug.

»Was meinst du damit?«

»Du scheinst Trauer mit dir herumzutragen. Ich mag das. Menschen, die immer gut gelaunt sind, langweilen mich. Wir sind nicht dazu gemacht, ständig glücklich zu sein. Es würde Stillstand bedeuten.«

Ich antwortete nicht. War mir nicht sicher, ob er mich auf den Arm nahm.

Plötzlich drehte sich alles. Ich beschloss, ein Souvenir mitzunehmen, legte die Hand um seinen Hinterkopf und zog ihn an mich. Die Geste wirkte offenbar selbstbewusster, als ich es tatsächlich war. Unsere Lippen trafen aufeinander. Er schmeckte nach Bier und Marlboro und küsste gut. Weich, aber intensiv.

»Sollen wir zu mir gehen?«, fragte er.

Jack sass in seinem dunkelblauen Bademantel am Küchentisch und las Dagens Industri. Als Faye in die Küche kam, sah er nicht einmal auf, aber das kannte sie von ihm, wenn er gestresst war. In Anbetracht der Verantwortung, die er in der Firma trug, und der vielen Stunden, die er im Büro verbrachte, hatte er es sich verdient, wenigstens am Wochenende morgens in Ruhe gelassen zu werden.

Die vierhundert Quadratmeter große Wohnung, die das Ergebnis einer Zusammenlegung von vier Wohnungen war, wirkte beklemmend, wenn Jack seine Ruhe brauchte. Faye wusste noch immer nicht, wie sie sich an solchen Tagen verhalten sollte.

Auf der Heimfahrt von Lidingö, wo Julienne eine Freundin aus dem Kindergarten besuchte, hatte sie sich darauf gefreut, den Vormittag gemeinsam mit Jack zu verbringen. Zu zweit. Sich im Bett verkriechen, irgendeine Fernsehsendung einschalten und über deren Banalität und Vulgarität lästern. Sie wollte wissen, was Jack in der Woche erlebt hatte. Hand in Hand mit ihm durch den Djurgården spazieren.

Plaudern wie früher.

Sie räumte die Reste von ihrem und Juliennes Frühstück ab. Die Cornflakes in der Sauermilch waren matschig geworden. Sie hasste sowohl die aufgeweichten Frühstücksflocken als auch den säuerlichen Geruch und musste ein leichtes Würgen unterdrücken, während sie den Tisch abwischte.

Die Kücheninsel war voller Krümel, und auf der Kante balancierte ein halb aufgegessenes Brot, das nur deshalb nicht hinunterfiel, weil es mit der gebutterten Seite nach unten lag.

»Könntest du nicht wenigstens versuchen, hier Klarschiff zu machen, bevor du die Wohnung verlässt?«, fragte Jack, ohne von der Zeitung aufzublicken. »Wir werden doch wohl nicht auch noch am Wochenende eine Putzfrau brauchen?«

»Entschuldige.« Faye schluckte den Kloß im Hals hinunter und wischte die Arbeitsfläche mit einem Schwammtuch ab. »Julienne hatte es eilig. Sie hat furchtbar geschrien.«

Jack brummte und las weiter. Er war frisch geduscht, hatte bereits seine Laufrunde absolviert und roch nach Armani Code, dem Eau de Toilette, das er bereits getragen hatte, als sie sich kennenlernten. Julienne war enttäuscht gewesen, weil sie ihren Papa nicht mehr getroffen hatte, aber er hatte sich bereits auf den Weg gemacht, als sie noch schlief, und war nicht zurückgekommen, bevor Faye sie zu ihrer Freundin brachte. Es war ein chaotischer Morgen gewesen. Keine der vier Frühstücksalternativen, die Faye Julienne angeboten hatte, waren ihr genehm gewesen, und das Anziehen hatte sich zu einem mühsamen und schweißtreibenden Marathon entwickelt.

Aber die Arbeitsfläche war jetzt immerhin sauber. Die Hinterlassenschaften der Schlacht waren beseitigt.

Faye legte den Lappen ins Spülbecken und betrachtete Jack. Obwohl er groß, durchtrainiert und erfolgreich war und viel Verantwortung trug, ja, obwohl er also über alle Attribute eines tollen Mannes verfügte, war er in vielerlei Hinsicht noch ein kleiner Junge. Sie war die Einzige, die ihn wirklich kannte.

Egal, was passierte, Faye würde ihn immer lieben.

»Du musst dir bald die Haare schneiden lassen, Liebling.«

Sie streckte die Hand aus und ließ ein paar feuchte Strähnen durch ihre Finger gleiten, bevor er den Kopf wegdrehte.

»Keine Zeit. Diese Expansion ist kompliziert und erfordert meine volle Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu dir kann ich nicht ständig zum Friseur rennen.«

Faye setzte sich neben ihn. Legte die Hände in den Schoß. Versuchte sich zu erinnern, wann sie zuletzt einen Haarschnitt bekommen hatte.

»Möchtest du darüber reden?«

»Worüber?«

»Compare.«

Langsam wanderte sein Blick von der Zeitung zu Faye. Seufzend schüttelte er den Kopf. Sie ärgerte sich, dass sie etwas gesagt hatte. Ärgerte sich, dass sie nicht einfach weiter die Krümel von der Arbeitsplatte gewischt hatte. Trotzdem nahm sie erneut Anlauf.

»Früher wolltest du…«

Jack zuckte zusammen und ließ die Zeitung sinken. Als ihm der einige Millimeter zu lange Pony ins Gesicht fiel, warf er irritiert den Kopf zur Seite. Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe lesen? Und machte einfach sauber. War schlank und schön und aufmunternd. Er hatte die ganze Woche gearbeitet. So wie sie ihn kannte, würde er sich in seinem Turmzimmer verschanzen und weiterarbeiten. Ihr und Julienne zuliebe. Damit sie es gut hatten. Denn das war ihr gemeinsames Ziel. Nicht seins. Sondern ihres.

»Was sollte das bringen? Du hast doch von den Geschäften keine Ahnung mehr. Solche Dinge veralten rasant. Man kann sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen.«

Faye fummelte an ihrem Ehering herum. Drehte ihn immer wieder um den Finger.

Wenn sie geschwiegen hätte, wäre dieser Vormittag, von dem sie träumte, möglich gewesen. Aber sie hatte alles mit einer blöden Frage kaputt gemacht. Wider besseres Wissen.

»Weißt du überhaupt, wie der schwedische Wirtschaftsminister heißt?«, fragte er.

»Mikael Damberg«, antwortete sie instinktiv. Instinktiv und korrekt.

Als sie Jacks Blick sah, bereute sie es. Warum konnte sie nicht einfach den Mund halten?

»Okay. Es tritt bald ein neues Gesetz in Kraft. Welches?«

Sie wusste es genau. Trotzdem schüttelte sie langsam den Kopf.

»Das war ja klar«, sagte Jack. »Wir Anbieter sind ab jetzt verpflichtet, unseren Kunden einen Monat im Voraus mitzuteilen, dass ihre Verträge ablaufen. Früher sind die Fristen einfach verstrichen. Ist dir bewusst, was das bedeutet?«

Natürlich war es ihr bewusst. Sie hätte sogar beziffern können, was es für Compare bedeutete. Aber sie liebte ihn. Sie saß in einer Küche für eine Million Kronen mit ihrem Mann, der ein kleiner Junge im Körper eines Mannes war, ein Mann, den nur sie kannte und den sie über alles liebte. Deshalb schüttelte sie den Kopf. Anstatt zu sagen, dass die Leasando AG, ein kleiner Stromanbieter unter dem Dach von Compare, ungefähr zwanzig Prozent ihrer Kunden verlieren würde, deren Stromverträge früher einfach weitergelaufen wären. Über den Daumen gepeilt, würde die Firma fünfhundert Millionen weniger Jahresumsatz machen. Und zweihundert Millionen weniger Gewinn.

Sie schüttelte nur den Kopf.

Fingerte an ihrem Ehering.

»Du hast eben keine Ahnung«, sagte Jack schließlich. »Kann ich jetzt weiterlesen?«

Er hob die Zeitung. Wandte sich wieder der Welt aus Zahlen, Aktienkursen, Neuemissionen und Übernahmen zu, der sie drei Jahre ihres Lebens gewidmet hatte, bevor sie die Handelshochschule abbrach. Jack zuliebe. Der Firma zuliebe. Der Familie zuliebe.

Sie spülte den Lappen unter dem Wasserhahn aus und klaubte die matschigen Cornflakes und die Brotkrümel zusammen, die sich im Ausguss angesammelt hatten, und warf sie in den Mülleimer. Hinter sich hörte sie Jack mit der Zeitung rascheln. Um ihn nicht zu stören, klappte sie leise den Unterschrank zu.

Stockholm Sommer 2001

Viktor Blom hatte ein hellbraunes Muttermal im Nacken und einen breiten, sonnengebräunten Rücken. Er schlief tief, und ich hatte alle Zeit der Welt, mir ihn und das Zimmer, in dem wir lagen, anzuschauen. Vor dem Fenster hingen keine Vorhänge, und abgesehen vom Doppelbett gab es nur einen Stuhl voller getragener Kleidung. Die Sonne warf tanzende Lichtreflexe auf die kahlen weißen Wände.

Meine nackten Beine waren in ein feuchtes und schmutziges Laken gewickelt. Ich strampelte es von mir, wickelte es mir dann wie ein Handtuch um den Leib und öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür. Die sparsam möblierte Maisonettewohnung, in der Viktor und Axel den Sommer über wohnten, lag im Erdgeschoss und im ersten Stock in der Brantingsgata in Gärdet. Es gehörte ein kleiner Garten dazu, in dem ein Tisch, Holzstühle und ein schwarzer Kugelgrill standen. Die leere Fanta-Dose auf dem Tisch war voller Kippen.

Aus Axels Zimmer war lautes Schnarchen zu hören. Im Erdgeschoss waren das Wohnzimmer und die Küche. Ich ging hinunter, kochte Kaffee und kramte Zigaretten aus meiner Handtasche, die ich im Flur hatte fallen lassen. Dann setzte ich mich mit einem Becher Kaffee und den Zigaretten in den Garten.

Vor mir erstreckte sich der Tessinpark. Die Sonne stand noch nicht hoch am Himmel und blendete mich.

Ich wollte nicht anstrengend und anhänglich sein. Viktor hatte bestimmt nur so gesagt, dass er mich beim Vorglühen am Abend dabeihaben wollte. Um mit mir zu schlafen. Unter Alkoholeinfluss hatte ich schon weitaus großspurigere Versprechungen zu hören bekommen. Viktor hatte offenbar Spaß mit mir gehabt. Und ich mit ihm. Aber es war besser, es dabei zu belassen. Ich drückte meine Zigarette auf der Fanta-Dose aus und stand auf, um meine Sachen zu holen. In dem Moment ging hinter mir die Tür auf.

»Da bist du ja«, sagte Viktor schlaftrunken. »Hast du eine Zigarette für mich?«

Ich gab ihm eine. Er setzte sich auf den Stuhl, auf dem ich gesessen hatte, und blinzelte in die Sonne. Ich setzte mich neben ihn.

»Ich wollte gerade gehen«, sagte ich.

Ich machte mich auf den erleichterten Gesichtsausdruck gefasst. Die Dankbarkeit dafür, dass ich keine von diesen klammernden Bräuten war, die nicht kapierten, wann es Zeit war, sich zu verabschieden.

Doch Viktor überraschte mich.

»Gehen?«, entfuhr es ihm. »Warum denn?«

»Ich wohne ja nicht hier.«

»Und?«

»Du und Axel wollt doch bestimmt eure Ruhe haben. Ich habe schon begriffen, dass es eine einmalige Sache war und du zu tun hast. Auf keinen Fall will ich die Klette sein, die nicht weiß, wann man gehen muss.«

Viktor ließ seinen Blick über den Tessinpark schweifen. Ich unterdrückte den Impuls, ihm über die ultrakurzen Stoppeln auf seinem rasierten Schädel zu streichen. Auf einem Foto in seinem Zimmer hatte ich ihn mit kräftigen blonden Locken gesehen. Er saß immer noch schweigend da, und ich glaubte für einen Moment, ihn durchschaut zu haben. Als wäre er genau wie alle anderen.

Schließlich sagte er: »Ich weiß nicht, wie dich die Typen da, wo du herkommst, behandelt haben, aber ich finde dich schön. Du bist anders, irgendwie echt. Wenn du gehen willst, kannst du es selbstverständlich tun, aber ich für meinen Teil würde mich freuen, wenn du noch ein bisschen bleibst. Ich wollte uns gerade Saft und Croissants bei 7‑Eleven kaufen gehen, mich dann mit dir in die Sonne legen und irgendwann Pizza bestellen.«

»Okay.« Die Antwort kam, bevor ich nachdenken konnte.

Eine Wespe flog an meinem Gesicht vorbei. Ich fegte sie weg, vor Wespen hatte ich nie Angst gehabt. Es gab so viel beängstigendere Dinge.

»›Okay‹? Im Ernst? Mit was für Typen bist du sonst zusammen?«

»Die Typen in meiner Heimat sind wahrscheinlich … Ich weiß nicht. Sie wollen Sex, und dann soll man gehen. Am Tag danach haben sie meistens wichtigere Dinge zu tun.«

Die Blicke erwähnte ich nicht. Die Worte. Die Schande, die ich mit mir herumschleppte, obwohl es nicht meine eigene war. Meinen Körper jedem anzubieten, der ihn haben wollte, war nichts im Vergleich zu allem anderen.

Viktor schirmte seine Augen mit der Hand von der Sonne ab.

»Wie lange lebst du schon in Stockholm?«

»Seit einem Monat.«

»Herzlich willkommen.«

»Danke.«

Gegen sieben Uhr abends füllte sich die Wohnung. Die meisten Leute waren ein paar Jahre älter als ich, und anfangs fühlte ich mich ein wenig verloren. Viktor verschwand in der Menge, ich landete mit Axel am Gartentisch. Ich nippte an irgendeinem alkoholischen Getränk und rauchte Zigaretten, während er Geschichten von seiner und Viktors Interrailreise im vergangenen Sommer erzählte, die mich zum Lachen brachten. Zwei Mädchen kamen in den Garten. Julia hatte langes braunes Haar und grüne Augen und trug ein schönes dunkelblaues Kleid. Sara hatte einen Jeansrock und ein weißes Top an, und ihr blondes Haar war zu einem lockeren Knoten hochgesteckt.

»Ich habe so schreckliche Angst vor dem Herbst.« Julia beugte sich nach vorn. »Eigentlich will ich alles hinschmeißen oder zumindest ein Sabbatjahr einlegen, aber mein Vater verbietet es mir. Er wird sauer, sobald ich das Thema anspreche. Gott, wie ich Lund hasse.«

»Du Arme.« Sara formte Rauchringe.

»Ich wünschte, meine Noten wären gut genug für die Handelshochschule, aber was soll’s. Heute Abend amüsieren wir uns.«

Julia streckte den Rücken und sah mich an, als hätte sie meine Anwesenheit gerade erst bemerkt.

»Was machst du?«

Ich räusperte mich. Atmete etwas Rauch aus. Hatte keine Lust, jemandem, den ich zum ersten Mal sah, von meinen Plänen zu erzählen.

»Im Moment nicht viel.«

»Wie schön. Willst du denn studieren?«

Da ich mich in Stockholm für mehrere Studiengänge beworben hatte, nickte ich. Mein beängstigender Kontostand ging mir durch den Kopf.

»Habe ich zumindest vor. Es dauert noch eine Weile, bis ich von denen höre«, sagte ich.

»Woher kennst du Axel?«

Sara, das andere Mädchen, hatte die Frage gestellt und mit einer Kopfbewegung in seine Richtung gedeutet.

»Ich habe Viktor, falls ihr wisst, wer das ist, gestern in der Buddha Bar kennengelernt.«

»Hast du hier übernachtet?«

Ich nickte.

Schweigend rauchten sie ihre Zigaretten auf und verschwanden in der Wohnung.

»Julia und Viktor waren mal zusammen«, sagte Axel, nachdem sie gegangen waren.

»Was heißt mal?«

»Bis vor ungefähr drei Monaten. Sie sehen sich heute zum ersten Mal, seit sie aus Lund zurück ist.«

Julia und Sara kamen mit in die Buddha Bar. Sie wichen Viktor nicht von der Seite und warfen mir böse Blicke zu. Mit steigendem Alkoholpegel ärgerte ich mich zunehmend.

Viktor machte eine Pause vom Plattenspieler und kam zu mir und Axel. Ich schlang ihm die Arme um den Hals und sah in Julias zusammengekniffene Augen. Er küsste mich, und ich biss ihn sanft in die Unterlippe. Als es Zeit für ihn wurde, auf das DJ‑Podest zurückzukehren, fragte er mich, ob ich ihn begleiten wollte. Er hatte den Arm um meine Taille gelegt, als wir uns unseren Weg durch die Menge bahnten. Da er ständig von Leuten aufgehalten wurde, die sich mit ihm unterhalten wollten, brauchten wir lange. Schließlich waren wir oben. Viktor setzte den Kopfhörer auf, drehte an irgendwelchen Reglern und wippte zur Musik.

Ich tat das Gleiche. Dann nahm ich seine Hand und zog sie unter mein Kleid und zwischen meine Beine. Ich trug keinen Slip.

»Kommst du heute Abend mit zu mir?«, fragte er.

»Ja. Wenn du willst?«

Er warf mir einen so intensiven Blick zu, dass er nicht antworten musste.

»Was wollen wir machen?«, fragte ich schelmisch.

Viktor lachte und legte ein neues Lied auf.

Das Gefühl war fantastisch. Ich war jetzt frei. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte. Konnte sein, wer ich wollte. Ohne dass die Vergangenheit alles um mich herum und alles in mir drin versaute. Ohne all jene, die mich hinuntergezogen hatten. Stück für Stück verwandelte ich mich in jemand anders.

Ich schaute auf die tanzenden Menschen, schloss die Augen und dachte an Fjällbacka. An die Neugierde, die Blicke, die mich ständig verfolgt hatten, an diese klebrige, schwere Mischung aus Faszination und Mitleid, die mir die Luft zum Atmen geraubt hatte. Hier wusste niemand Bescheid. Hier sah mir niemand etwas an. Mein Platz war hier. In Stockholm.

»Ich muss aufs Klo«, brüllte ich.

»Okay. Ich mache in zehn Minuten Schluss. Wollen wir uns am Ausgang treffen?«

Ich nickte und ging zur Damentoilette. Stellte mich hinten an und lächelte beim Gedanken, dass Viktor nur mir gehörte. Das Wummern der Musik auf der Tanzfläche ließ die Wände erzittern.

Ich betrachtete mein Spiegelbild. Mein Haar war blonder als sonst, und ich kam mir sommerlich gebräunt und frisch vor. Fand, dass ich älter aussah als noch vor einigen Wochen. Vor dem Waschbecken sprühte sich ein Mädchen Spray aus einer rosa Dose aufs Haar. Es verströmte einen ebenso süßen wie stechenden Geruch, der aber einen angenehmen Kontrast zum Dunst aus Schweiß, Alkohol und verrauchten Klamotten bildete.

Hinter mir ging die Tür auf, und für einen Augenblick wurde die Musik lauter.

Ich spürte, dass mir jemand auf die Schulter klopfte, und drehte mich um. Erkannte Julia gerade noch, bevor mir das Getränk ins Gesicht klatschte. Ein Eiswürfel prallte gegen meine Stirn, fiel zu Boden und flutschte weg. Meine Augen brannten, und ich musste vor Fassungslosigkeit und Schmerz kräftig die Augen zusammenkneifen.

»Was soll der Scheiß?«, schrie ich. Dann wich ich einen Schritt zurück.

»Du kleine Provinzschlampe.« Julia machte auf dem Absatz kehrt und verschwand.

Ein paar andere Mädchen lachten. Mit einem Papierhandtuch wischte ich mir das Gesicht ab. Die Demütigung kribbelte in meinem Körper wie ein Schwarm Insekten. Ich fühlte wieder mein altes Ich. Das Ich, das den Kopf einzog und das Licht scheute. Das unter der Last viel zu vieler Geheimnisse zusammenzubrechen drohte.

Dann richtete ich mich auf und sah in den Spiegel. Nie wieder.

Eine Woche später bekam ich einen Brief. Ich hatte einen Studienplatz in Betriebswirtschaft an der Handelshochschule bekommen. Ich fand Julias Adresse heraus, kopierte die Zusage und steckte sie mit einem Foto, das Viktor mit dem Selbstauslöser von mir auf allen vieren und ihm selbst mit genussvoll verzerrtem Gesicht dahinter gemacht hatte, in einen Briefumschlag. Als ich ihn in den Briefkasten von Julias Eltern steckte, hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: Nie wieder würde mich jemand demütigen.

Einen Monat später schrieb ich mich unter meinem zweiten Vornamen, den ich von der Autorin des Lieblingsbuchs meiner Mutter hatte, an der Handelshochschule ein. Matilda gab es nicht mehr. Ich war jetzt Faye.

Hinter Faye hastete eine Kellnerin vorbei, die mit Sicherheit zu einem der dickbäuchigen Männer an den anderen Tischen wollte. Dieser Typ Mann hatte es immer eilig. Was angesichts der Tatsache, dass sie alle aussahen, als wären sie nur noch ein Geschnetzeltes à la Rydberg vom Herzinfarkt entfernt, nicht verwunderlich war.

Sie musterte Alice, die sich gerade ihr gegenüber niedergelassen hatte. Seit Faye sie und die anderen Oberschichtfrauen aus ihrem Freundeskreis kannte, nannte sie sie nur die Glucken, weil ihre Hauptaufgabe darin zu bestehen schien, ihren Männern Eier zu legen. Sie sollten sich darauf konzentrieren, Nachwuchs hervorzubringen und die verzogene Brut dann mit ihren Gucci-Flügeln zu behüten. Wenn die Bälger dann in ihre sorgsam ausgesuchten Kindergärten gingen, war es an der Zeit, sich angemessene Interessen zuzulegen: Yoga. Maniküre. Festliche Abendessen. Dafür sorgen, dass die Putzfrau den Haushalt in Schuss hielt. Eine Armada von Kindermädchen koordinieren. Sein eigenes Gewicht unter Kontrolle behalten. Möglichst gar nichts wiegen. Feucht und willig sein. Und, das Wichtigste überhaupt: lernen, ein Auge zuzudrücken, wenn ihre Männer mit achtlos in die Hose gestecktem Hemd spätnachts von einem »Geschäftsessen« nach Hause kamen.

Anfangs hatte sie sich über die Glucken lustig gemacht. Über ihre schlechte Allgemeinbildung, das nicht vorhandene Interesse an den wirklich wichtigen Dingen im Leben und ihre Ambitionen, die mit Valentinos aktueller Handtaschenkollektion befriedigt und mit der Frage, ob man in den Winterferien in Sankt Moritz Skifahren oder lieber auf die Malediven fliegen sollte, vollkommen ausgelastet waren. Doch Jack wollte, dass sie »gute Verbindungen« zu ihnen aufrechterhielt. Vor allem zu Henriks Frau Alice. Deswegen traf sie sich regelmäßig mit den Glucken.