Goldstein - Volker Kutscher - E-Book

Goldstein E-Book

Volker Kutscher

4,8
9,99 €

Beschreibung

Ein jüdischer Gangster aus Brooklyn mischt Berlin auf Berlin 1931: Wirtschaftskrise, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen SA und Rotfront, Machtkampf unter den Ringvereinen. Gereon Rath bekommt den Auftrag, den US-Gangster Abraham »Abe« Goldstein zu beschatten. Aus einer Gefälligkeit für das Bureau of Investigation wird ein tödlicher Wettlauf. Rath langweilt sich auf seinem Beobachtungsposten im Hotel Excelsior und ahnt nicht, dass Goldstein sich längst frei und bewaffnet in der Stadt bewegt. Als der Unterweltboss Marlow Rath zu einer privaten Ermittlung zwingt, gerät er zwischen die Fronten des Bandenkriegs. Charly Ritter, seine Nochimmernicht-Verlobte, hat den Vorbereitungsdienst angetreten, und als sie eine junge Obdachlose, die ohne Fahrschein in der S-Bahn erwischt wurde, bei der Vernehmung entwischen lässt, berühren sich ihre Ermittlungen mit denen Gereons – und sie bekommen richtig Krach.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 899




Volker Kutscher

Goldstein

Gereon Raths dritter Fall

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Volker Kutscher

> Über dieses Buch

> Impressum

> Klimaneutraler Verlag

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

MottoErster Teil | Verbrechen1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. KapitelZweiter Teil | Strafe56. Kapitel57. Kapitel58. Kapitel59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. Kapitel73. Kapitel74. Kapitel75. Kapitel76. Kapitel77. Kapitel78. Kapitel79. Kapitel80. Kapitel81. Kapitel82. Kapitel83. Kapitel84. Kapitel85. Kapitel86. Kapitel87. Kapitel88. Kapitel89. Kapitel90. Kapitel91. Kapitel92. Kapitel93. Kapitel94. Kapitel95. Kapitel96. Kapitel97. Kapitel98. Kapitel99. Kapitel100. Kapitel101. Kapitel102. Kapitel103. Kapitel104. Kapitel105. Kapitel106. Kapitel107. Kapitel108. Kapitel109. Kapitel110. Kapitel111. Kapitel112. Kapitel113. Kapitel114. Kapitel115. Kapitel116. Kapitel117. Kapitel118. KapitelCoda | Fluchten119. KapitelGereon-Rath-Website
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God said to Abraham, »Kill me a son«

Abe says, »Man, you must be puttin’ me on«

God say, »No.« Abe say, »What?«

God say, »You can do what you want Abe, but

The next time you see me comin’ you better run«

Bob Dylan, Highway 61 revisited

Don’t know what I want but I know how to get it

The Sex Pistols, Anarchy in the u.k.

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Erster TeilVerbrechen

Samstag, 27. Juni, bis Samstag, 4. Juli 1931

 

 

 

 

Remota itaque iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?

Quia et latrocinia quid sunt nisi parva regna?

Augustinus, De civitate dei, liber iv

1

Es roch nach Holz und Leim und frischem Lack. Sie war allein mit der Dunkelheit und mit der Stille. Nur ihren Atem konnte sie hören und das leise Ticken der Uhr in ihrer Jackentasche. Schien wieder weg zu sein, der Mann, dennoch beschloss sie, noch eine Weile zu warten, und streckte sich, um Blut in Arme und Beine zu pumpen. Wenigstens hingen keine Kleiderbügel an der Stange. Durch den Türspalt drang ein wenig Licht, und sie holte die Uhr aus der Jacke. Kurz nach neun, eigentlich müsste der Nachtwächter seine Runde auch oben in der sechsten Etage nun bald beendet haben.

Die Antwort gab ihr das schleifende Geräusch des Aufzugs, das so laut durch die Dunkelheit dröhnte, dass sie zusammenzuckte. Es war so weit. Er war wieder auf dem Weg nach unten, und in den nächsten Stunden würde er sich nur noch um die Rollgitter vor den Türen und Schaufenstern kümmern und sich vergewissern, dass alles abgeschlossen war und niemand versuchte einzubrechen.

Alex öffnete den Schrank, behutsam und vorsichtig, und lugte durch den größer werdenden Spalt. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, sagte Benny immer. Die Leuchtreklamen draußen auf dem Tauentzien warfen so viel buntes Licht durch die Fenster, dass sie nicht einmal ihre Taschenlampe einschalten musste, sie konnte alles erkennen: das luxuriöse Schlafzimmer, das sie hier arrangiert hatten, ein Bett, so breit, dass eine ganze Familie darin hätte schlafen können, der Teppich so weich, dass ihre Füße darin versanken. Wenn sie da an den kratzigen Kokosläufer dachte, vor dem Bett, das sie sich mit Karl teilen musste, damals, als sie noch bei ihren Eltern wohnte, mit vier Leuten auf viel zu wenig Quadratmetern mit viel zu wenig Licht. Was aus Karl geworden sein mochte? Sie wusste nicht einmal, ob die Bullen überhaupt nach ihm gesucht hatten nach Beckmanns Tod. Sie hatte keine Sehnsucht nach ihrer Familie, ihren kleinen Bruder aber, den hätte sie schon gern noch einmal gesehen.

Alex fuhr herum, ihre Augen hatten eine Bewegung ausgemacht, irgendwo am Rand ihres Blickfelds, und dann erkannte sie den großen Spiegel der Frisierkommode und darin ein achtzehnjähriges Mädchen mit herausforderndem Blick, die Beine in schlabbrigen Hosen, die Haare von einer grob gewebten Leinenmütze zusammengehalten.

Sie zeigte ihrem Spiegelbild ein schiefes Grinsen. Am Ende der edel tapezierten Sperrholzplatte, die eine Schlafzimmerwand vorzutäuschen hatte, schaute Alex noch einmal um die Ecke. Eigentlich unnötig, der Nachtwächter machte erst morgen früh die nächste Runde durch die Verkaufsräume, gegen Ende seiner Schicht, das wussten sie von Kalli. Hier war keine Menschenseele. Das alles gehörte jetzt ihr für die nächsten Stunden, ihr und Benny. Sie mochte dieses Gefühl.

Alex fand sich problemlos zurecht, das unruhige Licht von draußen, das in ständig wechselnden Farben flackerte, reichte ihr vollauf. Vorhin, als es hier noch taghell war und alles voller Menschen, hatte sie sich die wichtigsten Dinge eingeprägt. Dahinten lagen die Türen zum südlichen Treppenhaus, und dort links, vorbei an der Wand aus Gardinenmustern, ging es zu den Rolltreppen.

Alles war still, der Verkehrslärm drang nur gedämpft und leise zu ihr, beinahe unwirklich, ein dumpfes Rauschen aus einer anderen Welt, die nichts zu tun hatte mit der verzauberten hier drinnen. Sie betrat den menschenleeren Gardinensaal, und auch der wirkte wie ein Märchenschloss, lange Vorhänge von der Decke bis zum Boden, Samt und Tüll und Seide. Schon als kleines Mädchen hatte sie hier gestanden und gestaunt, an der Hand ihrer Mutter, die, wie die kleine Alexandra bald merken sollte, nie zum Kaufen kam, sondern immer nur zum Gucken, zum Staunen und zum Träumen. Schau dir das gut an, hatte sie zu Alex gesagt, das können sich arme Proleten wie wir niemals leisten. Aber das Angucken können sie uns nicht verbieten.

Fürs Kaufen im reichen Westen hatte das Geld nie gereicht, auch in den besseren Zeiten nicht, als Vater noch Arbeit hatte und Mutter ihre Putzstelle. Selten genug waren sie überhaupt aus ihrem Boxhagener Kiez hinausgekommen, und wann denn schon einmal in den Westen? Ku’damm, KaDeWe und Tauentzien – für ihren Vater waren das nur Sinnbilder eines verschwenderischen Kapitalismus, der Westen ein Sündenbabel, das er mied wie der Teufel das Weihwasser. Ohne Mutters Drängen hätte der sture Alte sich nicht einmal zu den wenigen sommerlichen Besuchen im Zoo breitschlagen lassen. Aber dass man Proletenkindern die Wunder der Natur nicht vorenthalten durfte, das sah auch Emil Reinhold ein. Alex hatte nie Augen für die Kreaturen gehabt, die sich hinter den Gitterstäben quälten, schon bei den Eisbären hatte sie an den Rückweg gedacht, denn regelmäßig spazierte die ganze Familie Reinhold zu Fuß die Tauentzienstraße hinunter, bevor es am Wittenbergplatz in die U-Bahn und zurück in den Osten ging. Schon an den ersten Schaufenstern begann Emil Reinhold seine immergleiche Predigt über die Auswüchse des Kapitalismus, während Alex und ihre Mutter mit Blicken und Gedanken längst bei den Auslagen waren. Die KaDeWe-Schaufenster hatten Alex schon damals magisch angezogen. Auch in Mutters Augen hätte man längst verblasste Träume wieder glänzen sehen können, den Traum von einem besseren Leben zum Beispiel, von einem Leben, das ihr die Diktatur des Proletariats bestimmt nicht bieten würde. Vater hatte davon nie etwas bemerkt. Oder bemerken wollen. Er hatte weitergepredigt, und seine Söhne waren ihm aufmerksame Zuhörer, vor allem Karl, der alles immer so ernst nahm. Karl, der Proletenprinz, der aufrechte Kommunist. Und nun? Nun musste er sich genauso vor den Bullen verstecken wie seine kleine Schwester, die Diebin.

Alex hatte die Rolltreppen schon fast erreicht, da holte ein Geräusch die Gegenwart zurück, ein hartes Klack, viel näher und direkter als das in Watte gepackte Verkehrsrauschen. Sie hockte sich blitzschnell hinter zwei riesige Stoffballen und lauschte: Irgendetwas schlug da gegen Glas, ein Klackern und Kratzen an einem der Fenster. Sie versuchte, die Geräusche einzuordnen. Ein Flattern, dann ein Gurren. Als sie sich aus ihrem Versteck wagte, erkannte sie hinter der neonbunt leuchtenden Scheibe die Silhouetten zweier Tauben, die sich draußen auf dem Fenstersims breitgemacht hatten.

Dummes Huhn! Alex atmete tief durch, um ihr pochendes Herz zu beruhigen. Eben der Spiegel und jetzt das! Benny hätte sich kaputtgelacht, wenn er sie so gesehen hätte! Seit wann war sie so schreckhaft? Seit sie gemerkt hatte, dass ihr mehr an ihrem verkorksten Leben lag, als sie zugeben wollte?

Die Tauben stießen sich mit lautem Flügelschlag zurück in die Nacht, und Alex setzte ihren Weg fort. Mit jedem Schritt fühlte sie sich sicherer, die angespannte Nervosität, die sich beim stundenlangen Ausharren im Kleiderschrank angesammelt hatte, schmolz zusammen zu einem kleinen, wachen Kern tief in ihr drin, während sie die Wanderung durch das stille, nächtliche Kaufhaus immer mehr genoss. Es war, als sei alles in einen hundertjährigen Schlaf gefallen, und sie der einzige wache Mensch in diesem verzauberten Königreich. Das KaDeWe übertraf alle Warenhäuser, in denen sie sich bislang hatten einschließen lassen; Tietz sowieso, aber auch der riesige Karstadt am Hermannplatz verblasste gegen die Pracht am Tauentzien.

Sie hatte den Gardinensaal verlassen und war bei den Rolltreppen angekommen. Die metallenen Stufen standen unbeweglich und tot, als habe eine böse Fee hier alles eingefroren. Fünf Etagen musste sie hinunter zum vereinbarten Treffpunkt im Erdgeschoss. Die Tabakwaren, wie immer. Das war schon zu einer Art Ritual geworden. Bevor sie loszogen, deckten sie sich mit Zigaretten ein, mit Marken, die sie sich sonst niemals leisten konnten. Benny hatte eine Nase für guten Tabak.

Alex musste daran denken, wie sie ihn kennengelernt hatte, im Streit um eine Zigarettenkippe, die irgendein reicher Schnösel halb geraucht aufs Pflaster vor dem Bahnhof Zoo geworfen hatte. Irgendwann Anfang Februar, ein paar Wochen nur nach der Scheiße mit Beckmann, ein saukalter Tag; Alex hatte mittlerweile auch den letzten Rest des Geldes ausgegeben, das sie diesem Fettsack auf dem Weihnachtsmarkt abgeluchst hatte. Sie hatte Hunger. Und seit zwei Tagen keine mehr geraucht.

Im selben Moment hatten sie sich auf die noch brennende Zigarette gestürzt, Alex und dieser schmale, beinah zierliche blonde Junge, der zwar linkisch wirkte, aber äußerst geschickt zur Sache ging. Und dennoch hatte Alex schneller zugegriffen. Wie er sie angefunkelt hatte, als ihre Hand die Zigarette zuerst erreicht hatte! Und sie hatte gleich zurückgegiftet, so sehr lechzte ihr Körper nach dem bisschen Nikotin. Eigentlich ein Wunder, dass sie sich dann doch zusammengerauft und die Kippe geteilt hatten, wahrscheinlich waren es seine Augen, die Alex damals milde gestimmt hatten. Von Anfang an hatte sie das Gefühl gehabt, sich um den mageren Jungen mit dem traurigen Blick kümmern zu müssen, hatte beinah mütterliche Gefühle entwickelt für den noch nicht einmal Sechzehnjährigen, wenigstens aber die Gefühle einer großen Schwester, dabei war er es, der ihr in den folgenden Wochen zeigen sollte, wie man auf der Straße überlebte. Benny brachte ihr bei, wie man Brieftaschen aus fremden Jacken ziehen konnte, ohne dass es Ärger gab, wie man Türen aufschloss, zu denen man keinen Schlüssel besaß, wie man Autos fuhr, die einem nicht gehörten. Eine ganze Menge nützlicher Dinge für ein Mädchen, das am Abend nicht wusste, wovon es am nächsten Tag satt werden sollte.

Das ganze Frühjahr hatten sie sich zusammen durchgeschlagen, mit Taschendiebstählen, kleineren Einbrüchen, ein paar Aufträgen, die sie für Kalli erledigten, hatten von der Hand in den Mund gelebt. Bis sie die Sache mit den Kaufhäusern entdeckt hatten.

Das erste Mal, bei Tietz am Dönhoffplatz, hatte es sich einfach so ergeben, reiner Zufall. Alex und Benny waren eigentlich nur deshalb kurz vor Ladenschluss durch das Kaufhaus gebummelt, weil es draußen zu regnen begonnen hatte. Die Idee war dann wie von selbst zu ihnen gekommen, irgendwo aus heiterem Himmel, in jenem Moment, als die Angestellten begonnen hatten, die Kunden höflichst zu den Ausgängen zu bitten. Alex und Benny hatten nur einen Blick wechseln müssen, und die Sache war klar. Die nächsten Stunden hatten sie eng aneinandergedrückt in einem riesigen Schrankkoffer verbracht, bis alles um sie herum ruhig geworden war. Alle Knochen taten ihnen weh, als sie sich endlich wieder hinauswagten. Dass sie dann die Schmuckvitrinen leer räumten, hatte sich so ergeben, was sonst schon hätten sie mitgehen lassen sollen, ein Sofa kam wohl kaum infrage. Zwei kleine Koffer hatten sie füllen können, die sie in der Lederwarenabteilung besorgt hatten, gerade so viel, wie sie bequem tragen konnten, ohne aufzufallen. Als sie dann wieder raus waren durch ein Fenster auf den Hof und dann auf die Krausenstraße, hatte kein Mensch sie aufgehalten, niemand ihnen angesehen, was sie gerade getan hatten und was sie in ihren Koffern trugen. In aller Seelenruhe waren sie am Spittelmarkt in die nächste U-Bahn gestiegen. Auch die Leute in der Bahn hatten sie nicht weiter beachtet, diese beiden Jugendlichen mit ihren Koffern, die aussahen wie Straßenhändler, abgekämpft nach einem langen, erfolglosen Tag und auf dem Weg nach Hause.

Kalli hatte vielleicht Augen gemacht am nächsten Morgen. Und bereitwillig Kohle rausgerückt. So viel hatten sie ihm noch nie geliefert. Höchstens mal eine alte Taschenuhr, die sie einem Besoffenen abgenommen hatten, oder ein bisschen Krimskrams aus irgendwelchen Autos. Mit solchem Kleinkram hatten sie dann aufgehört nach der Sache bei Tietz. Brieftaschen in der U-Bahn abgreifen oder Betrunkene ausnehmen, das lohnte kaum und war immer ein Glücksspiel, die Kaufhausmasche brachte einfach mehr ein. Und war kinderleicht: einschließen lassen, möglichst viel Krempel aus den Vitrinen holen und dann nichts wie raus. Wenn die Nachtwächter die leer geräumten Vitrinen bemerkten, waren Alex und Benny längst über alle Berge. Vier Häuser hatten sie schon besucht auf diese Weise, und das letzte Mal, bei Karstadt, hatten sie richtig gute Ware raustragen können. Aber die beste Adresse der Stadt musste Kalli ihnen erst vorschlagen, selbst wären sie wohl nie darauf gekommen vor lauter Respekt: Im KaDeWe, da sei doch richtig was zu holen, hatte er gesagt, warum sie da denn nicht mal reingingen; der Laden werde auch nicht besser bewacht als Tietz oder Karstadt, garantiert, er kenne einen, der da arbeite.

Und nun war sie drin, stakste über Rolltreppen, die in ihrer Unbeweglichkeit schwergängiger wirkten als jede steinerne Treppe, Etage für Etage nach unten. Das Gefühl, das riesige KaDeWe ganz für sich zu haben, überwältigte Alex plötzlich mit Macht. Sie musste daran denken, wie sie bei Tietz zusammen mit Benny von Abteilung zu Abteilung gegangen war und wie sehr sie es genossen hatten, nun allein zu sein mit all diesen Schätzen. Sie hatten eine ganze Menge ausprobiert, sogar der Spielwarenabteilung einen Besuch abgestattet, ein bisschen verschämt zunächst, weil beide ihre kindliche Seite bei aller Vertrautheit voreinander meist verbargen, doch schon beim zweiten Kaufhaus – wieder Tietz, diesmal der am Alex – hatten sie sich zusammengerissen und gleich an die Arbeit gemacht.

Die große Halle im Erdgeschoss öffnete sich vor ihr, das Treppensteigen hatte ein Ende. Um zu den Tabakwaren zu gelangen, musste sie quer durch die Herrenmoden, durch eine Allee aus Schaufensterpuppen. Die Wachsgesichter blickten arrogant und unbeweglich auf sie herab, genau wie die Schnösel, die diese edlen Klamotten draußen wirklich trugen und vor Dünkel kaum laufen konnten. Alex hasste diese Sorte Männer, und sie fand Gefallen an dem Gedanken, dass es vielleicht ja genau diese Herrenreiter waren, die hier standen, allesamt verzaubert und dazu verflucht, den Rest ihres Lebens versteinert im KaDeWe herumzustehen: der Preis dafür, immer die neueste Mode tragen zu dürfen. Am Ende der Schaufensterpuppenarmee konnte sie die Holzvertäfelung und die Regale der Tabakwarenabteilung schon ahnen.

Benny schien noch nicht da zu sein. Sie versuchte, in dem dünnen Licht, das von draußen hereinflackerte, etwas zu erkennen. Und dann erstarrte sie mitten in der Bewegung und blieb stehen, weil sie glaubte, dass eine der Puppen sich bewegt hatte, ganz hinten, am Ende des Spaliers. Sie schaute genau hin, doch da stand alles so still wie eh und je. Irgendeine rote Leuchtreklame blinkte draußen und ließ hier drinnen die Schatten tanzen, das war alles. Jedenfalls stand da kein Nachtwächter zwischen den Puppen, keine einzige Schirmmütze in der Reihe, nur lässige Fedoras, spießige Bowler und elegante Zylinder. Alex ging weiter, ihr Herz hämmerte immer noch, es schien ihr, als müsse man den Herzschlag in der Stille hören können. Die Puppe, die sie so erschreckt hatte, stand ganz am Ende der Reihe, genau vor dem Durchgang zu den Tabakwaren, und Alex streckte ihr die Zunge heraus.

Die Schaufensterpuppe neigte ihren Oberkörper leicht nach vorn, und Alex zuckte der Schreck wie ein elektrischer Schlag bis in die Fingerspitzen.

»Herrreinspaziert, meine Dame«, sagte die Puppe mit einem operettenhaften ungarischen Akzent, »nur nicht so schüchtern!«

»Sag mal, spinnst du? Soll ich ’n Herzschlag kriegen?« Alex boxte gegen die schneeweiße Hemdbrust.

»Nicht so schreckhaft, bittscheen!« Benny verbeugte sich, nahm dabei den Zylinder ab und winkte sie durch die Tür wie ein Jahrmarktbudenbesitzer, der um sein Publikum buhlt. »Treten Sie doch ein, meine Dame! Und keine Scheu vor den Preisen. Bei uns kaufen hoch und niedrich, Arsch und Friedrich!«

»Mensch, du bist ’ne Marke«, sagte Alex und musste jetzt doch grinsen. »Siehst aus wie’n Zirkusdirektor in der Ausbildung!« Sie bereute ihre Worte sofort, als sie sein Gesicht sah. Er hatte Staunen erwartet, Bewunderung, Beifall – jedenfalls keinen Witz auf seine Kosten.

»Ich dachte, wo wir schon mal hier sind, werfen wir uns in Schale«, sagte er, bemüht, sich die Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

»Sieht verdammt elegant aus«, sagte Alex schnell. »Hab dich noch nie in so was gesehen.«

»Wie auch? Im Leben von unsereinem ist so was nicht vorgesehen. Und jetzt trag ich’s doch!« Benny öffnete eine Segeltuchtasche. »Ich hab dir auch was besorgt, oben bei den Damenmoden«, sagte er und holte ein rotes Seidenkleid heraus. »Was meinst du?«

»Wir sollten bei Schmuck bleiben«, sagte Alex, »Klamotten wird Kalli doch nicht los.«

»Nur mal anziehen.« Er wedelte mit der roten Seide.

»Jetzt?«

»Ist ein Abendkleid, und wir haben doch Abend.«

Benny hielt ihr das Kleid hin, und Alex schaute auf den dunkelrot schillernden Stoff.

»Ist das nicht ein bisschen zu … edel?«

»Die Frage ist, ob es dir gefällt.«

Der Stoff fühlte sich gut an, wie er durch ihre Hand floss. Alex hielt das Kleid an und begutachtete sich in einem der Spiegel an den Wandpfeilern. Die Größe stimmte jedenfalls, und es gefiel ihr auch. So viel Gespür hätte sie Benny gar nicht zugetraut, er hatte sich noch nie etwas zum Anziehen gekauft, nicht die kleinste Kleinigkeit, nicht einmal von dem Geld, das Kalli ihnen zuletzt gegeben hatte und das für ein halbes Dutzend neue Anzüge gereicht hätte. Dass sie selbst sich davon einen neuen Mantel zugelegt hatte, war ihm erst nach Tagen aufgefallen.

Benny betrachtete sie schweigend. Er zog eine silbrige Blechdose aus der Innentasche und fingerte eine Zigarette heraus. Manoli privat, eine Sechspfennigmarke. So lächerlich sah er in dem feinen Zwirn wirklich nicht aus, dachte sie, es war einfach ungewohnt, sie kannte ihn nur in groben Leinenhosen und seiner abgewetzten Lederjacke.

»Auch eine?«, fragte er und hielt ihr die Dose hin, doch Alex schüttelte den Kopf.

»Nur ’nen Zug«, sagte sie.

Benny zündete die Zigarette an und reichte sie gleich weiter. Alex nahm zwei tiefe Züge und gab sie zurück.

»Sieht gut aus«, sagte er und zog Handschuhe und einen kleinen Hut aus der Tasche. »Solltest du mal anziehen.«

Alex zögerte nur eine halbe Sekunde, dann nahm sie die Sachen mit hinter einen Wandpfeiler und zog sich um. Das Kleid saß tatsächlich wie angegossen. Sie streifte die Handschuhe über und setzte den Hut auf. Ihr Herz klopfte, so etwas Feines hatte sie noch nie getragen. Sie fühlte sich gut in dem Kleid und gleichzeitig unsicher, ein seltsames Gefühl. So ähnlich musste es auch Benny gehen; die blöde Bemerkung vorhin hätte sie sich wirklich schenken können.

»Täterätää«, trompetete sie und zeigte sich.

Als sie Bennys Staunen bemerkte, fühlte sie sich gleich besser. Der Junge, der sonst nie die Klappe halten konnte, sagte keinen Ton, kam nur schweigend näher und schaute sie an, von oben bis unten, und sie wusste, dass er beeindruckt war. Wie elegant seine Bewegungen wirkten in diesen Klamotten, vor allem jetzt, als er sich leicht vor ihr verbeugte.

»Tanzt du mit mir?«, fragte er.

Alex lachte. »Hörst du irgendwo Musik?«

»Ja«, sagte er, nahm ihre rechte Hand und umfasste ihre linke Schulter, »du nicht?« Er begann eine kleine Melodie zu summen und Alex langsam im Dreivierteltakt hin und her zu wiegen.

»Ich kann doch gar nicht tanzen.«

»Überlass das nur mir.«

Und dann begann er sich zu drehen und riss Alex mit. Sein Griff war fest, sie überließ sich ganz seinen Bewegungen und dem Takt seines Liedes, und es ging wirklich wie von allein. Die Schaufensterschnösel mit ihren arroganten Gesichtern wirbelten vorüber, die Regale und Kleiderständer, das bunte Licht, das vom Tauentzien durch die Fenster blinkte, und als sie wieder anhielten, stellte Alex fest, dass sie durch die halbe Etage getanzt waren. Ein wenig schwindlig war ihr, und sie war außer Atem, aber eigentlich fühlte sie sich gut.

»Wo hast du denn das gelernt?«, fragte sie. Benny erstaunte sie immer wieder, dieser magere Junge mit dem kindlichen Gesicht, das manchmal so erwachsen und ernst wirken konnte, dass es sie erschreckte.

»Im Heim, die Küchenmädchen haben schon mal miteinander getanzt, wenn die Nonnen nicht aufpassten, die haben mir das gezeigt. – Gefällt’s dir?«

Sie nickte, und Benny packte sie wieder, wirbelte weiter mit ihr, diesmal in die andere Richtung. Alex war selig. Wenn ihr Vater wüsste, dass sie an solch bürgerlichem Firlefanz wie Wiener Walzer Gefallen fand, er würde seine missratene Tochter wahrscheinlich noch mehr verfluchen und verdammen, als er das ohnehin schon tat.

Als sie wieder bei den Tabakwaren angekommen waren, musste sie sich erst einmal festhalten an ihm, allein hätte sie nicht stehen können.

»Prima«, sagte sie, immer noch außer Atem, »hätten wir früher schon mal machen sollen. Ich hab zu wenig Übung.«

»Vielleicht sollten wir einmal richtig tanzen gehen. So richtig schnieke, mein ich, in ’nem Tanzpalast am Ku’damm …«

Alex lachte. »Wenn zwei wie wir da auftauchen, werfen die uns doch gleich wieder raus!«

»Wir müssen uns nur richtig anziehen. So wie jetzt.« Benny machte eine Pause, als fiele es ihm schwer, den nächsten Satz auszusprechen, als müssten die Worte erst ein paar Hindernisse überwinden. »Du bist wunderschön, Alex«, sagte er schließlich, und es klang, als habe er das schon lange sagen wollen. Seine Fingerspitzen berührten ihre Wange, und Alex erschrak über die unerwartete und ungewohnte zärtliche Berührung. Sie zuckte ein wenig zusammen, doch er schien das nicht zu bemerken, er schloss die Augen und näherte sich ihrem Gesicht. Erst als seine Lippen ihren Mund berührten, reagierte sie. Sie schob ihn zurück, sanft, aber energisch.

»Benny! Das geht nicht …«, sagte sie.

»Wieso nicht?« Er schaute sie an und schien es nicht zu verstehen. Verstehen zu wollen.

»Ich weiß nicht. Du bist doch erst fünfzehn.« Scheiße, Alex, sei nett zu ihm! »Versteh mich nicht falsch, ich mag dich. Du bist mein Freund.«

»Warum kann ich dich nicht küssen?«

Er schaute so trotzig und traurig, sie konnte nicht anders, sie nahm ihn in den Arm und streichelte ihm über den Kopf. »Ich mag dich, Benny. Aber … das geht doch jetzt nicht. Ausgerechnet jetzt. Wir haben zu tun.«

»Stimmt«, sagte er. »Lass uns mit dem Blödsinn aufhören.«

Er ließ sie los und packte die zweite Segeltuchtasche aus, in die er seine alten Klamotten gestopft hatte. Sie sah ihm an, dass sie ihn verletzt hatte. Schon das zweite Mal heute Abend, und diesmal tiefer, viel tiefer als beim ersten Mal. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen, und sie ließ ihn in dem Glauben, sie habe nichts gemerkt. Die verzauberte Stimmung war jedenfalls im Eimer. Eben waren sie noch über das Kaufhausparkett geschwebt, jetzt wirkten sie in ihrer Abendgarderobe wie zwei Kinder, die heimlich im Kleiderschrank ihrer Eltern gewühlt hatten. So jedenfalls dachte Alex, und so fühlte sie sich auch. Benny schien es ähnlich zu gehen. Er hatte es eilig, wieder in seine alten Klamotten zu steigen, und auch Alex ging zurück zu dem Wandpfeiler, hinter dem sie ihre Sachen liegen gelassen hatte, und zog sich um. Benny hatte seine Tasche schon geschultert und erwartete sie. »Nun aber an die Arbeit«, sagte er und reichte ihr die zweite Tasche. Wortlos machten sie sich auf den Weg.

Die Schmuckabteilung lag ebenfalls im Erdgeschoss. Das Glas der Vitrinen schimmerte im Halbdunkel, als sie den Saal betraten. Alex spürte, wie ihre Anspannung wieder zunahm. Die wertvollsten Sachen lagerten natürlich im Tresor, davon stellten sie in den Verkaufsräumen nur Duplikate aus. Die protzigen Klunker ließen Alex und Benny deshalb immer links liegen und packten stattdessen die einfachen Stücke ein, die garantiert echt waren, unscheinbare Ringe, Armreife und Ohrringe, vor allem aber Uhren, jede Menge Uhren, vergoldete Taschenuhren und edle Armbanduhren, für Uhren zahlte Kalli immer gutes Geld.

Benny zog seine Lederjacke aus und wickelte sie um den Arm. »Alex«, sagte er, »ich versprech dir, in zwei, drei Jahren hab ich so was nicht mehr nötig, dann trag ich den ganzen Tag feine Anzüge und fahr ein Auto und wohn in ’nem schicken Haus mit Dienern und so. Und dann frag ich dich noch mal, ob du mit mir tanzen gehen willst.«

Sie schaute ihn an, er machte ein entschlossenes Gesicht. Bevor sie etwas erwidern konnte, schlug er zu, und das Glas splitterte. Das Klirren erschien Alex jedes Mal so laut, als müsse die ganze Stadt davon aus den Betten fallen, aber nie war etwas passiert.

Dennoch beeilten sie sich, sprachen kein Wort mehr, machten nur noch ihre Arbeit. Alex begann, Armbanduhren aus der zersplitterten Vitrine zu klauben und in die Tasche zu stopfen, während Benny die Scherben aus dem Leder seiner Jacke schüttelte und seinen Ellbogen für die nächste Vitrine präparierte. Das zweite Klirren kam Alex schon nicht mehr so laut vor. Sie passte auf, dass sie nicht allzu viele Scherben zusammen mit den Uhren in die Tasche stopfte. Bei der nächsten Vitrine wurde das schwieriger, hier lagen kleinkarätige Brillantringe auf dem Samt zwischen den Glassplittern. Alex achtete so auf die kleinen Splitter, dass sie die scharfe Kante der Scheibe, die noch im Messingrahmen steckte, völlig übersah. Sie fluchte, als sie sich in den Handrücken schnitt.

Benny kam herüber und schaute sich die Sache an. Die Wunde blutete ordentlich, er riss einen Stoffstreifen aus seinem Hemd, den er um ihre Hand wickelte. Dabei sagte er kein Wort. Die dritte Vitrine, die er gerade geöffnet hatte, leerte er selbst und half ihr dann bei den kleinen Ringen. Mit ihrer bandagierten Hand war Alex keine große Hilfe mehr.

»Scheiße«, fluchte sie noch einmal. »Tut mir leid.«

»Nicht so schlimm, wir …« Benny brach den Satz ab und hielt inne, den Mund noch geöffnet, als sei er mitten im Sprechen zu Stein geworden. »Psst«, flüsterte er. »Hast du das auch gehört?«

Alex zuckte die Achseln.

Doch dann hörte auch sie ein Geräusch, das nichts Gutes verhieß.

Irgendwo im Gebäude war eine Tür zugeschlagen.

»Der ist schon wieder unterwegs«, flüsterte sie. »Das kann doch nicht sein. Der muss draußen gerade seine Runde machen, der geht doch nicht wieder durch die Verkaufsräume.«

»Darauf würde ich es nicht ankommen lassen«, meinte Benny und grabschte noch eine Handvoll Ringe aus der Vitrine. »Vielleicht waren wir zu laut. Lass uns abhauen mit dem, was wir haben.«

Er schloss die beiden Segeltuchtaschen und nahm die schwerere, Alex schulterte die andere, dann liefen sie los, sie vorneweg, weil sie sich hier am besten auskannte. Am Tauentzien waren jetzt Unmengen von Nachtschwärmern unterwegs, die Fenster und Türen dort alle vergittert, um nächtliche Schaufensterbummler nicht in Versuchung zu führen. Sie mussten durch einen der hinteren Lagerräume oder durch ein Bürofenster auf den Wirtschaftshof gelangen, und von dort auf die Ansbacher Straße. Dann nur noch unter die Leute mischen und mit der nächsten U-Bahn zurück in den Osten. So wie immer.

Da passierte etwas, das ihre Pläne komplett über den Haufen warf. Die Tür zum südlichen Treppenhaus öffnete sich und ließ einen Lichtkeil in die Verkaufsetage fallen. Alex machte instinktiv einen Ausfallschritt und zog Benny mit hinter eine Wand, an der Unmengen seidener Krawatten drapiert waren. Sie meinte, eine Uniform in der Tür gesehen zu haben. Nicht das Rot-Braun der KaDeWe-Nachtwächter, mit dem sie gerechnet hatte, sondern das dunkle Blau der preußischen Polizei.

Und nun hörten sie die Männer hereinkommen. Es musste ein ganzer Trupp Schupos sein. Alex schaute Benny an, und der formte mit seinen Lippen lautlos ein Wort, das sie am liebsten laut hinausgeschrien hätte: Scheiße.

Nun also doch Richtung Tauentzien, sie hatten keine andere Wahl, an den Blauen kamen sie nicht vorbei. Was zum Teufel machten die überhaupt hier? Alex gab Benny ein Zeichen mit dem Kopf und ging voran. Leicht gebeugt, die Deckung der Regale und Kleiderständer nutzend, arbeiteten sie sich durch das Halbdunkel, vergrößerten den Abstand zu den Blauen.

»Polizei«, hörten sie jemanden rufen. »Wir wissen, dass Sie hier sind. Ergeben Sie sich. Sie können nicht entkommen.«

Und plötzlich fing es an zu flackern. Nur für ein paar Augenblicke zuckte das Licht, dann war es taghell. Alex duckte sich noch tiefer hinter das Regal, das sie gerade passierten, und lugte um die Ecke. Sah nicht gut aus. Die Schupos hatten sich in mehrere Trupps aufgeteilt und durchkämmten nun systematisch die ganze Etage.

Sie schaute Benny an, der hob ratlos die Schultern. Nicht mehr viel Zeit, sie mussten etwas tun. Da, die Fahrstühle! Ein paar Meter links von ihnen, nur der mittlere stand im Erdgeschoss! Alex deutete auf die pompös verzierten Fahrstuhltüren, und Benny nickte. Die einzige Chance, die sie hatten, die einzige Möglichkeit, sich einen kleinen Vorsprung zu erarbeiten, ein bisschen Zeit zu gewinnen für einen neuen Fluchtplan. Sie machten sich ganz klein und robbten an einem langen Kleiderständer voller Golfhosen vorbei. Jetzt waren die Fahrstühle zum Greifen nah. Leider nicht ganz. Um den Knopf drücken zu können, müssten sie sich aus ihrer Deckung wagen.

Da hörte Alex eine Männerstimme ganz in der Nähe. »Die haben hier schon gewütet. Schaut euch das mal an! Hoffentlich sind die nicht schon weg.«

»Die sind noch irgendwo im Haus, das spüre ich«, sagte ein anderer.

Alex lauschte gebannt. Die Blauen hatten die kaputten Vitrinen entdeckt, das würde sie einen Moment ablenken. Jetzt oder nie! Sie holte tief Luft, bevor sie, immer noch in der Hocke, an die Wand trat und ihren Arm lang machte, um den Knopf zu drücken.

Mit einem leisen Pling glitt die Tür auf.

Nicht leise genug.

»Halt, Polizei!«, rief jemand. »Heben Sie die Hände und zeigen Sie sich!«

Alex zog Benny in den offenen Fahrstuhl und drückte schnell einen der oberen Knöpfe. Wenigstens wusste sie, wie diese Dinger funktionierten, Wertheim sei Dank. Die Blauen kamen schon um die Ecke, ihr Anführer rief noch einmal etwas von wegen »Stehenbleiben«, da endlich schloss sich die Tür, und der Aufzug fuhr nach oben. Gott sei Dank! Erst einmal hoch, erst einmal Abstand gewinnen zu ihren Verfolgern. Bis die Bullen einen der anderen Aufzüge ins Erdgeschoss geholt hätten, dürfte etwas Zeit vergehen.

Sie schaute Benny an. Endlich konnten sie wieder reden.

»Scheiße«, sagte er, »was machen die Bullen denn hier?«

»Vielleicht haben wir irgendwo den Alarm ausgelöst.«

»Kommt mir eher so vor, als hätten die uns erwartet. Als hätten die nur drauf gewartet, uns in flagranti zu erwischen.«

»Erst mal müssen die uns kriegen.«

»Stimmt.« Benny grinste sie an. »Im Weglaufen bist du verdammt gut, Alex, das wusste ich schon immer. Aber wo hast du gelernt, einen Fahrstuhl zu bedienen?«

»Bei Wertheim war ein Liftboy scharf auf mich.«

Er knuffte sie in die Seite und lachte, dabei hatte sie gar keinen Scherz gemacht. Die Affäre mit dem hartnäckigen Verehrer hätte sie fast ihre Stelle gekostet. Die Stelle, die sie dann ein halbes Jahr später ohnehin verloren hatte.

Der Aufzug hielt, die Tür öffnete sich und zeigte eine Fünf an der Wand gegenüber.

»Bitte aussteigen, die Herrschaften«, sagte Alex.

»Sollen wir nicht lieber noch einen höher?«

»Ja, aber über die Treppe. Dann suchen die Bullen erst mal in der falschen Etage.«

Benny nickte. »Am besten, wir trennen uns. Du ein Stockwerk nach oben, ich eins nach unten?«

»Trennen?«

»Das mit den Bullen ist mir nicht geheuer«, sagte Benny. »Keine Ahnung, wie viele hier rumschwirren, wir müssen sie auseinanderziehen, dann haben wir eine Chance.«

Er klang wie ein General vor der Schlacht. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, Alex hätte gelacht.

»Auseinanderziehen, schön«, sagte sie. »Und dann?«

Benny zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Irgendwie hier raus. Ein paar Möglichkeiten wird es doch geben in so einem großen Haus.«

»Gut. Wann treffen wir uns?«

»Erst wenn wir draußen sind. Märchenbrunnen. Jede volle Stunde.«

Alex nickte. »Na, dann viel Glück«, sagte sie. »Wir sehen uns draußen.« Sie schaute ihn noch einmal an, dann rannte sie die Treppen zur sechsten Etage hinauf. Alex hörte ihre Schritte und Bennys Schritte, die sich immer weiter entfernten. Oben angekommen machte sie vor der Fahrstuhltür kurz halt und überlegte wohin. Wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit, wann der Nachtwächter auch in der sechsten Etage die Beleuchtung anwarf. Aber noch war es dunkel. Alex machte zum ersten Mal an diesem Abend Gebrauch von ihrer Taschenlampe und leuchtete die Anzeigenuhren über den Aufzügen an. Der ganz rechts hatte sich schon in Bewegung gesetzt und passierte gerade die zweite Etage. Sie waren also im Anmarsch. Keine Zeit zu verlieren.

Alex stürzte in die Verkaufsetage, auf der Suche nach einem anderen Fluchtweg oder wenigstens einem Versteck. Der Lichtkegel ihrer Taschenlampe wanderte über rot-weiße Bodenfliesen und leere Glasbuffets. Die Imbisshalle des KaDeWe, das Herz der neuen Lebensmittelabteilung. Vorbei an Regalen voller Marmeladengläser durchquerte Alex die Etage. Und dann ging es plötzlich nicht mehr weiter. Alex suchte einen Durchgang in der weiß getünchten Sperrholzwand, die mit so vielen Regalen zugestellt war, dass ihr provisorischer Charakter kaum auffiel. Hinter einer Verkaufstheke fand sie schließlich eine kleine, unscheinbare Tür, nur ein simples Bartschloss, das leicht zu öffnen war. Sie schlüpfte hindurch und schloss die Tür wieder. Gleich dahinter versperrte ein Bretterstapel den Weg, überhaupt sah alles nach Baustelle aus. Welche Produkte hier einmal verkauft werden sollten, war nicht zu erkennen, die meisten Regale mussten erst noch zusammengezimmert werden. Alex durchquerte den Raum und fand eine Tür, hinter der eine Treppe nach oben führte.

Sie wusste nicht wohin, sie wusste nur eines: Sie durfte ihren Verfolgern nicht in die Hände fallen, um keinen Preis. Seit sie auf der Straße lebte, war das ihre wichtigste Regel: Lass dich niemals von den Bullen erwischen! Immer noch, seit einem halben Jahr nun schon, hatte sie eine Heidenangst, die Polizei könnte sie aufgabeln und womöglich für Beckmanns Tod verantwortlich machen. Oder noch schlimmer: könnte sie in die Mangel nehmen und herausfinden, dass Karl es war, der diesen Scheiß-Nazi erschossen hatte. Dass seine Schwester daneben gestanden und alles gesehen hatte. Und an allem schuld war. Das glaubte Alex jedenfalls manchmal: dass sie ihren Bruder überhaupt erst zum Mörder gemacht hatte. Und dann wieder protestierte alles in ihr dagegen, denn ohne diesen ganzen Rotfrontmist hätte Karl überhaupt keine Knarre besessen und gar nicht erst auf Beckmann schießen können.

Aber er hatte eine gehabt. Und er hatte geschossen.

Alex schaltete die Lampe aus und lauschte. Stimmen, kein Zweifel. Stimmen, die lauter wurden. Sie waren oben. Natürlich durchkämmten die Bullen auch die sechste Etage, so blöd waren die nicht, sich von dem Aufzug in der fünften täuschen zu lassen. Es flackerte, und dann ging auch hier oben das Licht an. Alex zog sich instinktiv in das dunkle Treppenhaus zurück, auch wenn die Baustellenabsperrung sie vor Blicken schützte. Vorerst jedenfalls. Was die Passanten unten auf der Straße wohl denken mochten, wenn im KaDeWe kurz vor Mitternacht alle Etagen plötzlich taghell leuchteten?

Alex schulterte ihre Tasche und stieg die schmale dunkle Treppe nach oben. Bloß weg hier, bevor die Bullen die Sperrholzwand entdeckten und auf die Idee kamen, dahinterzuschauen. Sie stieg durch zwei dunkle Dachgeschosse, dann stand sie vor einer verschlossenen Tür, die für ihren Dietrich ebenfalls kein Problem darstellte. Ein kalter Wind blies ihr entgegen, und sie fand sich draußen wieder, auf dem Dachgarten hoch über der Stadt. Dort drüben ragte die Gedächtniskirche dunkel aus dem Häusermeer und dem Licht, das in allen Farben aus den Straßenschluchten leuchtete. Der Verkehrslärm drang plötzlich wieder laut und klar an ihr Ohr, nicht so gedämpft wie im Gebäude. Ein Autohupen erinnerte sie daran, dass da unten das Leben wartete und die Freiheit. Nur wie dorthin kommen? Der Wind wehte Alex kalt ins Gesicht, als wolle er sie spüren lassen, dass sie sich auf fremdes Terrain gewagt hatte. Die Wunde in ihrer Hand pochte immer mehr. Alex beugte sich über die Brüstung der Dachterrasse und schaute nach unten. Der Schriftzug KaDeWe leuchtete in die Nacht und warf sein Neonlicht auf ein steiles, von Fenstern und Gauben durchbrochenes Dach. Keine Möglichkeit, irgendwie runterzukommen. Sie konnte nur beten, dass die Bullen nicht auf die Idee kamen, hier oben zu suchen. Aber wer war schon so dämlich, aufs Dach zu flüchten? Nun ja, Alexandra Reinhold war so dämlich, aber das konnten die Bullen schließlich nicht wissen.

Mensch, du blöde Kuh, schimpfte sie mit sich selbst, da haste dich ja schön in die Falle treiben lassen!

Nein, sie musste wieder zurück, musste irgendwie an den Bullen vorbei und nach unten, ganz nach unten und raus. Fragte sich nur wie. Alex kehrte um, ging zurück ins Treppenhaus, blieb einen Moment stehen und lauschte, nachdem sie die Tür geschlossen hatte. Nichts zu hören, immer noch alles dunkel. Erst als sie wirklich sicher war, dass die Luft rein war, stieg sie die dunkle Treppe langsam hinab, Stufe für Stufe, und öffnete unten die Tür, die zurück ins Licht führte. Die Stimmen waren nicht mehr zu hören. Ob die Bullen sich wieder verdrückt hatten? Auf der Baustelle jedenfalls war niemand zu sehen. Komisch, dass die hier nicht nachguckten. Aber das Licht hatten sie brennen lassen. Alex wunderte sich. Sie schlich so leise wie möglich bis zur Sperrholzwand und lugte durch einen schmalen Spalt.

Mist! Da an den Aufzügen stand ein Blauer.

Die Bullen mussten sich gar nicht die Arbeit machen und alles durchkämmen, es reichte, dass sie alle Abgänge bewachten.

Alex zog sich zurück in den hinteren Teil der Baustelle. Vorsichtig öffnete sie eines der Fenster auf der Westseite und erschrak, wie laut der Lärm von draußen plötzlich wurde. Hoffentlich hörte man das nicht bis zu den Aufzügen. Sie streckte ihren Kopf in die Nachtluft, die nach Benzin und Regenwolken roch, und spähte hinaus. In gut vier Metern Tiefe erkannte sie die Galerie, die sich in der fünften Etage fast um das ganze Gebäude zog, dahinter gähnte der Abgrund der Passauer Straße. Sie könnte sich ans Fenstersims hängen, so weit wie möglich hinunterhangeln und dann springen. Das war zu schaffen. Als sie noch überlegte, was sie mit solch einer waghalsigen Aktion gewonnen hätte, entdeckte sie eine Gestalt, die sich unten auf der Galerie in eine Fensternische drückte.

Benny.

Den armen Kerl hatten die Bullen inzwischen also auch schon nach draußen getrieben. Er bemerkte sie nicht, hing geduckt in seinem Versteck und hielt die Tür im Blick. Alex schloss das Fenster wieder. Verdammt! Wie sollten sie aus dieser Sache jemals heil herauskommen?

Die Schnittwunde in ihrer Hand fing wieder an zu pochen. Was für ein Scheißtag! Nur raus hier, endlich raus! Alex öffnete eine Tür an der Südseite der Verkaufsetage, auch hier war es dunkel. Sie lauschte in die Dunkelheit, und erst als sie sicher war, keine Schritte zu hören und keine Stimmen, knipste sie die Taschenlampe wieder an und erkannte einen langen Korridor in dem unruhig nervösen Lichtkegel. Ein Bürotrakt, alles neu, die Wände rochen nach frischem Putz. Langsam schritt sie den Gang hinunter, ignorierte die Türen zu beiden Seiten, dort hinten ging es links herum, vielleicht war um die Ecke noch ein Treppenhaus. Alex knipste die Lampe aus, bevor sie um die Ecke bog, sie hatte einen schwachen Lichtschein bemerkt. Nur ein Fenster am Ende des Ganges, durch das ein müdes, dünnes Licht ins Gebäude fiel. Draußen erkannte sie eine Brandmauer, hier musste es zum Wirtschaftshof hinausgehen. Wunderbar, Fräulein Reinhold, alles wie geplant, leider nur ein paar Etagen zu hoch!

Inzwischen hatte es zu regnen begonnen. Alex wünschte nichts sehnlicher, als jetzt in diesem Regen zu stehen, mitten im Regen, der ihnen schon so viele Sommertage vermiest hatte. Sie starrte durch das Fenster in den Regen und schickte ein Stoßgebet los. Lieber Gott, wenn du da irgendwo sein solltest und mich hörst, lass mich hier rauskommen, ganz gleich wie, lass mich nur hier rauskommen, und ich zahle jeden Preis, ich geh sogar in die Kirche. Sie schloss die Augen, um ihrem Gebet Nachdruck zu verleihen, und lauschte auf das Prasseln des Regens. Irgendetwas an diesem Geräusch ließ sie stutzen und das Fenster öffnen. Der Regen machte einen ungeheuren Lärm, und zwischendurch klang es, als würde jemand mit einem Hammer auf einen kleinen Amboss schlagen, immer und immer wieder. Alex steckte ihren Kopf durch das geöffnete Fenster und glaubte zu träumen. In diesem Moment war sie fest davon überzeugt, dass sie das allein ihrem Gebet zu verdanken hatte.

Eine Feuertreppe!

Eiserne Stufen führten nach unten in den Hof, Etage für Etage. Alex packte ihre Taschenlampe ein und schulterte die Tasche. Dann trat sie auf den Gitterrost und schaute vorsichtig nach unten. Eine ganze Armada von Last- und Lieferwagen parkte da unten fein säuberlich in Reih und Glied, ansonsten war der Hof leer, weit und breit keine blaue Uniform. Die Feuerleiter hatten die Bullen nicht auf der Rechnung, wie es aussah, die hatten sie schlicht und einfach übersehen.

Alex umfasste den nasskalten Handlauf und begann, die wacklige Stahltreppe hinabzusteigen, langsam, Schritt für Schritt, dabei immer den Hof und die Fenster im Blick. Der Wind wehte ihr den Regen ins Gesicht, das Stahlgerüst wackelte und quietschte unter ihren Schritten, doch Meter für Meter kam sie dem Boden näher. Es war kein starker Regen, dennoch war sie im Nu pitschnass, der Verband durchgeweicht, und ihre Tasche wurde von Minute zu Minute schwerer.

Dann endlich stand sie unten. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Wenn sie doch Benny von der Feuertreppe erzählen könnte! Hoffentlich hatte er genauso viel Glück wie sie. Im Schutz der Lieferwagen, die hier akkurat Seite an Seite parkten, arbeitete sie sich langsam zur Einfahrt vor, die auf die Passauer Straße führte. Das Tor war verschlossen, damit hatte sie gerechnet. Alex packte die Sperrhaken aus, sie zitterte ein wenig und brauchte etwas länger als sonst, aber auch das Schloss in dem großen Eisentor war nicht besonders schwierig zu knacken.

Das Tor quietschte, als sie es bewegte. Sie öffnete es vorsichtig und nur einen schmalen Spalt, gerade groß genug, dass sie hindurchschlüpfen konnte.

Und dann stand sie draußen! Auf der Straße, in Freiheit! Noch nie hatte sie den Verkehrslärm auf dem Tauentzien so gern gehört, sie atmete die Luft, als wäre es eine andere als die da drinnen, als könne sie jetzt überhaupt erst wieder richtig atmen nach einem viel zu langen Tauchgang. Der Regen hatte aufgehört. Auf der Passauer Straße war nicht viel los, ein paar eilige Fußgänger, die gerade ihre Schirme zuklappten, zwei, drei Autos, die durch die Pfützen spritzten, niemand, der ihr Beachtung schenkte. Sie legte den Kopf in den Nacken und warf einen Blick auf die Kaufhausfassade, die hier an der Passauer Straße von der großen Leuchtreklame gekrönt wurde. Festlich, beinahe weihnachtlich wirkte es, das nächtliche, leuchtende Kaufhaus. Alex musste an Benny denken, der irgendwo in diesem riesigen Kasten nach einem Ausweg suchte, und im selben Moment sah sie ihn auch, oben auf dem Stahlgeländer der Galerie herumturnen. Was zum Teufel machte er da? Schien sich jedenfalls nicht weit von seinem Versteck wegbewegt zu haben, in dem sie ihn vor ein paar Minuten entdeckt hatte.

Er stieg vollends hinüber und stand nun auf dem Sims der Galerie, der höchstens einen Fuß breit sein mochte, und hielt sich mit beiden Händen außen am Geländer fest. Alex stockte der Atem. Er wollte doch wohl nicht klettern mit der schweren Tasche auf dem Rücken? Aber es sah ganz danach aus. Blitzschnell ging Benny in die Hocke, stützte sich mit beiden Händen auf den Sims und ließ seinen Körper langsam nach unten, bis er da hing, mit baumelnden Beinen, ein schwarzer Schatten, direkt vor einem der erleuchteten schmalen Fenster. Seine Füße waren doch viel zu weit entfernt vom nächsten Fenstersims, da kam er niemals runter, was hatte er vor? Alex hörte einen kurzen Schreckensseufzer und drehte sich um. Da stand ein dünner Mann mit Nickelbrille und steifem Hut und hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt.

Oben über dem Geländer erschien jetzt die Silhouette eines Schupos, der Stern auf dem Tschako blitzte kurz auf im Licht. Jetzt wusste Alex, warum Benny außen an der Galerie hing: Er hatte sich verstecken wollen, die Fassade war seine letzte Zuflucht. Doch der Blaue musste ihn schon gesehen haben; er beugte sich jedenfalls über das Geländer und suchte den Sims ab, so als wisse er, dass da jemand sein müsse. Und dann näherte er sich der Stelle, an der Benny hing.

Alex hätte fliehen müssen, aber sie konnte nicht, sie stand auf der Passauer Straße wie festgewachsen.

»Die Polente ist ja schon bei ihm«, hörte Alex den Nickelbrillenmann sagen. »Warum so’n Selbstmörder sich auch ausgerechnet das KaDeWe aussucht!«

Alex hätte am liebsten etwas geantwortet, aber sie schwieg. Sie konnte nicht genau erkennen, was da oben geschah, nur dass der Schupo jetzt bei Benny war und ebenfalls übers Geländer geklettert war. Wollte er ihm hinaufhelfen? Aber der Blaue machte keinerlei Anstalten, sich zu bücken, er blieb stehen, hatte nur den Kopf nach unten gebeugt, als würde er sich mit Benny unterhalten. Auch Benny schien etwas zu sagen, doch Alex verstand kein Wort.

Dann hörte sie Benny kurz aufschreien und zuckte zusammen. Verließen ihn schon die Kräfte? Das konnte doch nicht sein! Ergib dich, dachte sie, hat keinen Zweck mehr, kletter wieder hoch und lass dich festnehmen. Der Bulle hatte seinen Kopf immer noch nach unten gebeugt, und im Schein der Werbeleuchten konnte Alex für einen kurzen Moment sein Gesicht erkennen, das aussah wie eine wütende Fratze. Was war da los? Hatte Benny sein loses Mundwerk mal wieder nicht halten können? Noch einmal hörte sie ihn schreien, ein langgezogener Schrei, anders als vorhin, verzweifelter. Jetzt klang er wie der Junge, der er noch war, nicht wie der Mann, der er sein wollte.

Alex hielt ihren Kopf schräg, dass der Nacken schmerzte, und konnte doch nicht weggucken. Warum ließ er jetzt los mit der Rechten, wie wollte er sich denn halten, mit nur noch einer Hand, dazu die schwere Tasche geschultert? Sie starrte und starrte und konnte nicht glauben, was sie sah. Bis sie schließlich doch verstand und nicht verstehen wollte.

Kein Schrei, kein Mucks, vollkommen lautlos fiel er durch die Nacht. Sie wollte nicht glauben, dass das Benny war, dieser stumme Körper, der da dem Boden entgegenstürzte.

Sie hörte erst wieder etwas, als sein Körper aufschlug. Ein Klatschen, wie ein Sack Kartoffeln, der vom Laster gefallen ist, und gleichzeitig ein Knacken.

Dann war alles ruhig.

Die Starre, in der sie den Sturz miterlebt hatte, unfähig sich zu rühren, auch nur zu blinzeln, löste sich endlich wieder. Da lag Benny, keine zehn Meter von ihr, seltsam verkrümmt, und rührte sich nicht. Alex lief los und hockte sich zu ihm hin. Kaum Blut zu sehen, seltsamerweise. Bennys Augen waren geschlossen. Über ihr keuchte jemand; der Nickelbrillenmann war herangekommen und glotzte.

Alex fauchte ihn an. »Nun holen Sie schon einen Krankenwagen!«

Der Mann zuckte die Achseln, eher hilflos als fragend, und machte sich vom Acker.

Alex beugte sich zu Benny, sie hörte ein röchelndes Atmen.

Er lebte noch! Wusste sie es doch!

Sie kniete sich aufs Pflaster, nahm seinen Kopf auf ihre Knie und streichelte ihm durch die Haare. Er schlug die Augen auf, sein Atem wurde schneller und pfeifender.

»Alex«, sagte er, als er sie erkannte.

»Du darfst nicht reden, gleich kommt der Krankenwagen, dann helfen sie dir.«

»Tut mir leid, Alex. Ich hab’s verbockt.«

»Quatsch nicht!«

»Konnte … konnte mich nicht mehr halten, der hat mir auf die Finger getreten.«

Es gab ein pfeifendes Geräusch, als Benny versuchte Luft zu holen. Das Sprechen fiel ihm immer schwerer.

»Nicht so viel reden, Benny, nicht so viel reden.«

»Du musst hier weg … die kriegen dich sonst. Sind ganz üble Kerle …«

Sie schaute nach oben, der Schupo stand immer noch da und glotzte herab, erklärte einem Kollegen irgendetwas und zeigte auf sie, zeigte auf Alex und Benny unten auf der Passauer Straße. Der andere Schupo begann, auf seinen Kollegen einzureden, schien ihn zu beschimpfen. Das konnte die Sache auch nicht ungeschehen machen.

Wieder holte Benny Luft, und wieder pfiff seine Lunge, Alex schaute ihn an, ein Schwall Blut quoll aus seinem Mund.

»Benny!« Sie schrie ihn an. »Halt durch, Mensch, halt durch!«

»Alex.« Er versuchte zu lächeln. »Du gehst irgendwann mit mir tanzen, versprochen?«

»Versprochen«, sagte sie und spürte, wie ihre Tränen zu fließen begannen. Seine Atemzüge folgten in immer kürzeren Abständen, noch einmal kam ein Schwall dunkles Blut aus seinem Mund, Alex wischte es ab mit ihrem Ärmel. Benny schaute sie an, schaute sie die ganze Zeit an, mit einer Wehmut im Blick, als nehme er Abschied. Dann schloss er die Augen.

»Nein«, sagte Alex, »nicht aufgeben, hörst du, nicht aufgeben! Der Krankenwagen ist gleich hier.«

Benny öffnete die Augen nicht mehr. Das pfeifende Atmen wurde immer hektischer, und plötzlich setzte es aus, als habe jemand ein Gerät abgeschaltet. »Nein«, schrie Alex, »nein! Du kannst doch nicht einfach sterben! Du darfst nicht!«

Sie brüllte ihn an, doch sie wusste, er konnte sie nicht mehr hören. Langsam sackte sein Kopf zurück auf das Gehwegpflaster.

Alex schaute sich um. Ein paar Schaulustige waren vom Tauentzien herübergekommen. Der Nickelbrillenmann war noch nicht wieder aufgetaucht, auch kein Krankenwagen. Aber dafür traten aus einer unscheinbaren Seitentür des KaDeWe ein paar Uniformierte.

Sie schluckte ihre Tränen runter und rannte los.

»Halten Sie den Jungen fest! Das ist einer von ihnen!«

Alex drehte sich nicht um, sie wusste auch so, dass sie jetzt gejagt wurde. Sie musste sich die Passanten vom Leibe halten, pöbelte eine elegante Dame beiseite, die ins Schaufenstergitter fiel, und rannte auf die Menschenmasse zu, die sich den Tauentzien hinunterwälzte. Da irgendwo untertauchen und dann weg. Eine Trillerpfeife schrillte hinter ihr, und dann rief jemand.

»Halt! Stehen bleiben! Polizei!«

Sie rannte weiter, quer über den Gehweg auf die Tauentzienstraße, vorbei an hupenden Autos, ein Taxi hielt mit quietschenden Bremsen, der Fahrer schimpfte, doch Alex hörte gar nicht hin. Nach dem, was Benny passiert war, fürchtete sie plötzlich um ihr Leben. Sie hechtete kurz vor einer Straßenbahn, deren Fahrer die Warnglocke tönen ließ, über den Mittelstreifen und rannte weiter, in die gleiche Richtung wie die Elektrische, die gemütlich ostwärts zockelte. Ihr Blick fiel auf das Warnschild, das ein Aufspringen während der Fahrt strengstens untersagte. Sie überlegte nur einen kurzen Moment, beschleunigte und sprang auf die Plattform, drängte sich hinein in den Wagen, versuchte, einen Blick durch die Fenster auf der anderen Seite zu erhaschen, die von den Fahrgästen größtenteils verdeckt wurden. Da standen sie, ihre Verfolger. Zwei Blaue warteten darauf, dass die Straßenbahn, die nun schon zur Kurve um den U-Bahnhof Wittenbergplatz ansetzte, den Weg endlich wieder freigab. Alex drängelte sich weiter in den Wagen, nicht auf das Geschimpfe der Leute achtend. Sie schaute auf das Linienschild. Die Sechs. Fuhr nach Schöneberg. Nicht ganz ihre Richtung, aber wenn sie schon am Wittenbergplatz wieder ausstiege, würden die Bullen sie womöglich noch entdecken. Die Elektrische hielt, und in die Menschenmenge kam Bewegung. Es stiegen mehr aus als ein, Alex musste sehen, wie ihre Deckung mehr und mehr schrumpfte. Immer wieder schaute sie aus dem Fenster, doch sie konnte keine blaue Uniform entdecken. Als letzter Fahrgast stieg ein dicker Mann zu, dem sie gleich auf die Pelle rückte. Während sie sich hinter dem Dicken versteckte, hielt sie die Türen im Auge. Nicht dass im letzten Augenblick noch ein Blauer aufsprang. Doch dann bimmelte es, und die Bahn setzte sich wieder in Bewegung. Mit jedem Meter nahm die Elektrische mehr Fahrt auf, mit jedem Meter löste sich Alex’ Anspannung. Sie hatte die Bullen abgehängt!

Mit einem Mal spürte sie die Wunde in ihrer Hand wieder pochen. Das Blut war bereits durch den provisorischen Verband gesickert. Den Verband, den Benny ihr angelegt hatte. Vor einer Stunde vielleicht, länger konnte das kaum her sein. Die Trauer überfiel sie so plötzlich wie ein wildes Tier, das unsichtbar in einem dunklen Gebüsch gelauert hatte. Die Tränen schossen ihr in die Augen, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, und sie fing so hemmungslos an zu weinen, wie sie seit Jahren nicht mehr geweint hatte.

Erst als sie sich wieder beruhigt hatte und die Tränen mit dem Ärmel abwischte, merkte sie, dass alle im Wagen sie anstarrten.

»Was gibt’s denn da zu glotzen?«, fauchte sie, und die Leute, die eben noch mitleidig geguckt hatten, rückten von ihr ab.

2

Das hatte man nun davon, wenn man pünktlich war: Man durfte warten. Rath betrachtete abwechselnd die Bilder an der Wand und seine Fingernägel. Auf seinem Jackett entdeckte er einen kleinen Fettfleck. Den grauen Anzug trug er schon viel zu lang; hätte er gewusst, dass die Häuptlinge ihn heute sehen wollten, hätte er den braunen angezogen, der war frisch gereinigt. Wenigstens waren seine Fingernägel sauber.

Renate Greulich hämmerte weiter auf ihre Schreibmaschine ein, als säße sie allein im Raum.

»Doktor Weiß ist noch im Gespräch. Nehmen Sie doch bitte einen Moment Platz.« Das war alles, was die Sekretärin bislang gesagt hatte, und Rath hatte Platz genommen. Und gewartet.

Er fühlte sich wie im Wartezimmer eines Arztes. Eines Arztes, der irgendeine unerfreuliche Diagnose stellen wird, und man weiß nicht genau welche, nur dass sie unerfreulich sein wird. Wenn die Bosse ihn zu sich bestellten, gab es meistens Ärger. Auch wenn Rath sich beim besten Willen nicht daran erinnern konnte, in den letzten Wochen gegen irgendwelche Dienstvorschriften verstoßen zu haben, seit einer Woche war er überhaupt erst wieder im Dienst nach zwei Wochen Sommerurlaub, ein paar Tage Köln, eine Woche Ostsee mit Charly. Beides hätte er sich besser erspart. Hätten sie sich besser erspart.

Das Telefon klingelte, und Renate Greulich hob ab. »Jawohl, Herr Doktor«, sagte sie und griff zielsicher nach einem Aktenordner auf ihrem Schreibtisch. Ohne ein weiteres Wort verschwand sie damit durch die gepolsterte Tür nach hinten.

Rath blickte der Sekretärin hinterher und schnappte sich eine Zeitung vom Beistelltisch, jetzt fühlte er sich endgültig wie bei einem Arztbesuch. Er blätterte lustlos durch die große Politik, Reparationsstreit, Sparmaßnahmen, bis er an einer Schlagzeile im Lokalteil hängen blieb.

Nächtliche Verbrecherjagd im KaDeWe. Jugendlicher Einbrecher stürzt in den Tod.

Der Fall, den Gennat heute Morgen im Konferenzraum angesprochen hatte, zwei Juwelendiebe, am Wochenende auf frischer Tat im Kaufhaus des Westens ertappt, einer hatte sich als Fassadenkletterer versucht und seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlt, ein junger Bursche, höchstens sechzehn, siebzehn Jahre alt, sie hatten ihn noch nicht identifiziert. Der Komplize war mit einem Teil der Beute entkommen.

So wie sich der Artikel las, konnte man beinah meinen, die Polizei habe den Jungen zu Tode gehetzt. Dass es nicht gerade den Gesetzen entsprach, sich in einem Kaufhaus einschließen zu lassen, um dort die Schmuckvitrinen auszuräumen, darüber verlor die Zeitung keine Silbe.

Die Tür zum Allerheiligsten öffnete sich wieder, doch nicht die Greulich kam heraus, sondern ein Schupo, ein Polizist wie aus dem Bilderbuch, den Tschako unter den Arm geklemmt, die blaue Uniform frisch gebügelt und tadellos sauber, ohne jeden Fussel. Der Mann wusste offenbar, wie man dem Polizeivizepräsidenten gegenüberzutreten hatte. Rath legte die Zeitung über den Fettfleck auf seinem Anzug. Der Schupo grüßte mit einem Kopfnicken.

»Wie ist denn die Stimmung da drinnen?«, fragte Rath.

»Geht so.« Der Schupo zeigte auf die Zeitung. »Haben Sie die Kritiken vom Wochenende schon gelesen?«

»Bin gerade dabei.«

»Dann können Sie sich die Laune von Doktor Weiß ja in etwa vorstellen.« Der Schupo hob die Schultern, als sei er eine Erklärung schuldig. »Ich habe diesen unglückseligen Einsatz im KaDeWe vorgestern Abend geleitet«, sagte er.

»Übel«, entfuhr es Rath.

»Übel ist gar kein Ausdruck. Das ist ein Albtraum.«

»Glauben Sie mir, ich weiß, wie Sie sich fühlen. Ich kann Ihnen nur raten, nehmen Sie sich die Sache nicht zu sehr zu Herzen; es ist nicht Ihre Schuld, solche Dinge passieren im Polizeialltag.«

»Klingt schön, wie Sie das so sagen. Aber zur Mordkommission muss ich trotzdem.« Der Schupo setzte seinen Tschako auf. »Weswegen hat man Sie denn herzitiert?«

»Wenn ich das nur wüsste«, sagte Rath.

Der Blaue tippte zum Abschied kurz an den Schirm. »Wird so schlimm schon nicht werden«, sagte er und verschwand auf dem Gang.

Kurz darauf erschien Renate Greulich wieder auf der Bildfläche und bat Rath hinein. Der Vizepolizeipräsident saß hinter seinem Schreibtisch und notierte etwas in eine Kladde. Seiner Miene war nicht anzusehen, um was es ging.

»Herr Kommissar, nehmen Sie doch bitte Platz«, sagte er, ohne aufzublicken.

Rath setzte sich und schaute aus dem Fenster, während Weiß in aller Seelenruhe seine Notizen beendete. Draußen leuchtete der Baukran des Alexanderhauses in der Sonne und ließ ein ganzes Bündel Moniereisen wie schwerelos durch die Luft schweben. Endlich klappte Weiß seine Kladde zu und schaute Rath durch dicke Brillengläser an. Wie ein Oberstudienrat den Prüfling anschaut, bevor er die erste Frage stellt, dachte Rath.

»Herr Kommissar, Sie haben doch einen Bruder in den Vereinigten Staaten, nicht wahr?«

Rath hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit dieser Frage. »Wie bitte, Herr Vizepräsident?«

»Wenn ich richtig informiert bin, lebt Ihr Bruder Severin Rath in Amerika …«

»Das stimmt, aber …«

»… und Sie haben ihn dort auch schon einmal besucht …«

Woher hatte Weiß diese Information? Kein Mensch wusste von dieser Reise, nicht einmal Engelbert Rath, sein Vater, der Kriminaldirektor, dem man sonst wenig verheimlichen konnte. Drei Monate lang hatte Gereon sich im Frühjahr 1923 in den USA aufgehalten und seinen Bruder gesucht, seine Eltern hatten ihn auf einem Auslandssemester in Prag geglaubt – dank der Briefe, die Paul von dort verschickt hatte. »Sie sind erstaunlich gut informiert«, sagte Rath, als er Fassung und Sprache wiedergewonnen hatte.

»Das gehört zu meinen Aufgaben«, erwiderte Weiß, und es klang überhaupt nicht ironisch. »Herr Kommissar, haben Sie schon einmal etwas vom Bureau of Investigation gehört?«

»Die amerikanische Bundespolizei …«

Weiß schien mit Raths Antwort zufrieden zu sein. Er nickte kaum merklich und schlug eine dünne Aktenmappe auf. »Ich habe einen Auftrag für Sie, Herr Kommissar«, sagte er schließlich. »Einen Sonderauftrag, bei dem eine gewisse Kenntnis US-amerikanischer Gepflogenheiten durchaus von Vorteil sein kann. Wie gut ist Ihr Englisch?«

Rath zuckte die Achseln. »Ganz ordentlich, denke ich. Die Amis haben mich jedenfalls verstanden und ich sie.«

Worauf, zum Teufel, wollte der Vipoprä hinaus?

Weiß schob die Mappe über den Tisch. »Das hier kam vor wenigen Tagen über den Ticker«, sagte er. Rath überflog die erste Seite. Abraham Goldstein, place of birth: Brooklyn,NY. Ein Steckbrief. »Die amerikanischen Kollegen haben uns das gekabelt«, fuhr Weiß fort, »weil sie uns vor diesem Mann warnen wollen. Das Bureau hält ihn für das Mitglied eines New Yorker Gangstersyndikats.«

»Schön. Und was geht uns das an?«

Weiß zog die Augenbrauen hoch, bevor er antwortete. »Abraham Goldstein, Spitzname Handsome Abe, ist auf dem Weg nach Berlin. Gestern Abend ist er in Bremerhaven durch den Zoll.«

»Wenn das so ein schlimmer Junge ist, warum lassen die Amis ihn dann einfach ausreisen?«