Gott ist ein Arschloch - Christian Kalwas - E-Book

Gott ist ein Arschloch E-Book

Christian Kalwas

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Beschreibung

"Stellen Sie sich vor, Sie wären allmächtig. Es ist nicht so, dass die Welt Ihnen offenstände - tatsächlich ständen Ihnen alle Welten offen. Alle möglichen Welten. Alle unmöglichen Welten. Sie sind der Master of 42, der Urgrund allen Seins, Sie sind der King of Karneval und hier ist Ihre Show. Sie können eine Welt erschaffen, in der die Menschen drei Arme haben, in der Kot nicht so stinkt und in der ein Penis rein mechanisch nicht in einen Anus passt, Sie können die Worte "Hier bin ich!" mit Sternen in den Himmel schreiben, eine Umwelt designen, in der es nicht nur um Fressen oder Gefressen werden geht und die Naturgesetze bestimmen – Himmel! - Sie können sogar ganz neue Naturgesetze erfinden. Sie designen ein funkelniegelnagelneues Universum, fangen bei null an und erschaffen Raum und Zeit. Jetzt mal ehrlich: Würden Sie eine Welt gestalten, in der Kamillentee derart eklig schmeckt? Nur weil er gesund ist?" In "Gott ist ein Arschloch - Intelligent Design. Eine Polemik" wird die Idee des Kreationismus ernst genommen und das Design der Schöpfung analysiert, eingeordnet und bewertet. Nach einem Rundgang durch die Gestaltung des Planeten, des Weltraums, der Natur, der Körperbauten, des Menschen, der Viren und der Morallehre kann es nur ein Ergebnis geben: Der Designer dieser Welt muss ein sadistisches Monster sein. Neben den satirischen und polemischen Kapiteln der einzelnen Aspekte dieser Schöpfung gibt es Zwischenkapitel, in denen die Geschichte, der Inhalt und die Widersprüche der "Intelligent-Design"-Bewegung aufgearbeitet werden und der Frage nachgegangen wird, warum dieses Thema zunehmend auch in Europa an Wichtigkeit gewinnt und das Arschloch nicht nur im Biblebelt der USA seine - man möchte fast sagen: - Spuren hinterlässt.

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Seitenzahl: 660

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Ähnliche


Inhalt

[Vorbemerkung: Zum Geleit]

[Kapitel 1: Von der Freiheit, intelligent zu designen]

[Kapitel 2: Von der Gefahr aus dem All]

[Kapitel 3: Von einem blauen Planeten]

[Zwischenbemerkung 1: Der Begriff Intelligent Design]

[Kapitel 4: Von der Krone von den Bäumen]

[Kapitel 5: Von der Lust, Aphrodite zu töten]

[Kapitel 6: Vom Hass auf den Hintereingang]

[Zwischenbemerkung 2: Die Wedge-Strategie]

[Kapitel 7: Von der Vererbung und der Beobachtung]

[Kapitel 8: Von der Natur der Natur]

[Kapitel 9: Vom Glauben und den verlorenen Schafen]

[Kapitel 10: Vom Gebet, dem großen Plan und den Details]

[Zwischenbemerkung 3: Die Deutsche Evangelische Allianz]

[Kapitel 11: Von falschen Spuren]

[Kapitel 12: Von Lügen: Wie die Seinen sein Design designen]

[Kapitel 13: Von Viren, Bakterien und der Rache der Evolution]

[Kapitel 14: Von der Blasphemie und der Apokalypse]

[Zwischenbemerkung 4: Das Kreuz mit dem Islam]

[Kapitel 15: Von der Seele: Der freie Wille ist von Sinnen]

[Kapitel 16: Von der Angst und dem schlechten Gewissen]

[Kapitel 17: Von Gedankenverbrechen und der Sintflut]

[Zwischenbemerkung 5: Die Verantwortung der Wissenschaft ]

[Kapitel 18: Von wegen von Wegen]

[Kapitel 19: Von erfüllten Voraussagen aus Bibel, Tora und Koran]

[Kapitel 20: Von der Gotteserfahrung und den Propheten]

[Kapitel 21: Vom Absolutheitsanspruch der Moral]

[Schlussbemerkung: Intoleranz

[Vorwort und Einführung: Kreationismus und Intelligent Design]

[Anhang]

Christian Kalwas

Gott ist ein Arschloch

Intelligent Design. Eine Polemik.

Warnhinweis für Kreationisten:Dieses Buch enthält Darstellungen, Zusammenhänge und Ideen, die unter Umständen darauf schließen lassen könnten, dass die Welt älter als 6000 Jahre, Homosexualität keine Krankheit und Evolution keine Verschwörung ist. Darüber hinaus enthält dieses Buch Ausdrucksweisen und eine Wortwahl, die für Anhänger des kreationistischen Gottes gegebenenfalls als beleidigend aufgefasst werden könnten. Es ist wirklich alles ganz furchtbar.

Warnhinweis für alle anderen:Dieses Buch enthält Kreationisten.

Für Opa

Vorbemerkung: Zum Geleit[1]

Der Gott, der Verehrung und Unterwerfung verlangt, gehört zu Recht gelästert.  (Wilhelm Gräb)

Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen, und mein Schwert soll Fleisch fressen, mit dem Blut der Erschlagenen und Gefangenen, von dem entblößten Haupt des Feindes (Gott, in: „Bibel“[2])

Möööp! (Gott, in: „Dogma“[3])

Sind Sie ein gläubiger Mensch? Sind Sie Muslim? Christ? Jude? Und Sie halten trotzdem dieses Buch in der Hand? Ein Buch, das schon im Titel Gott beschimpft? Dann gehören Sie wahrscheinlich nicht zur Zielgruppe dieses Textes. Vielleicht komme ich mit Ihrem Gott ganz gut klar. Aber das ist auch nicht weiter verwunderlich - der böse Gott, das ist immer der Gott der Anderen.

Ich kann Sie also beruhigen: Ihr Gott ist vielleicht kein Arschloch. Es gibt ihn zwar nicht und manche seiner Anhänger machen bestimmt Probleme – aber ein Arschloch im Sinne dieses Buches ist er nicht. Die Anhänger des Gottes, von dem hier die Rede sein soll, werden diesen Text wahrscheinlich nicht lesen. Das ist schade, denn genau diese Leute sind natürlich Zielgruppe meiner Gedanken, und so hoffe ich, dass genügend Atheisten, Agnostiker, liberale Christen, Muslime und Juden zu diesem Text greifen und sein Hauptargument verwenden werden, wenn sie irgendwann einmal die Freude haben sollten, sich mit Kreationisten auseinandersetzen zu müssen. Dieses Hauptargument ist die Theodizee, die, wie ich finde, im Lichte der Idee eines Intelligent Design eine ganz neue Tragweite erlangt. Sie macht den Gestalter zu einem Arschloch.

Wenn Sie bezüglich der Begriffe Intelligent Design, Kreationismus oder Theodizee also eine – sagen wir – Einführung suchen, so müssen Sie dieses Buch von hinten nehmen. Ganz am Ende steht das Vorwort. Und dort wird dann auch Licht.

Kapitel 1: Von der Freiheit, intelligent zu designen

In allen, auch den kleinsten Kreaturen, ja auch in ihren Gliedern scheinet und siehet man öffentlich Gottes Allmacht und Wundertaten. Denn welcher Mensch, wie gewaltig, weise und herrlich er auch ist, kann aus einer Feige einen Feigenbaum oder eine andere Feige machen?  (Martin Luther)

Und so zerbröselt der Keks nun mal! (Bruce Nolan[4])

Stellen Sie sich vor, Sie wären allmächtig.

Es ist nicht so, dass die Welt Ihnen offenstände - tatsächlich ständen Ihnen alle Welten offen. Alle möglichen Welten. Alle unmöglichen Welten. Sie sind der Master of 42[5], der Urgrund allen Seins, Sie sind der King of Karneval und hier ist Ihre Show. Sie können eine Welt erschaffen, in der die Menschen drei Arme haben, in der Kot nicht so stinkt und in der ein Penis rein mechanisch nicht in einen Anus passt, Sie können die Worte „Hier bin ich!“ mit Sternen in den Himmel schreiben, eine Umwelt designen, in der es nicht nur um Fressen oder Gefressen werden geht und die Naturgesetze bestimmen – Himmel! - Sie können sogar ganz neue Naturgesetze erfinden. Sie designen ein funkelniegelnagelneues Universum, fangen bei null an und erschaffen Raum und Zeit. Jetzt mal ehrlich: Würden Sie eine Welt gestalten, in der Kamillentee derart eklig schmeckt? Nur weil er gesund ist[6]?

Sie aber entscheiden sich, dass in Ihrer Schöpfung ein Penis sehr wohl in einen Anus passt und es noch dazu Menschen gibt, denen das Spaß macht. Und dann veröffentlichen Sie Bücher, in denen Sie klarstellen, dass Ihnen dies nicht gefällt, dass dies eine Sünde sei, vor allem, wenn es sich dabei um einen männlichen Anus handelt - und dass diese Menschen gefoltert und getötet werden müssen - Menschen, die Sie in Ihrer unendlichen Allmacht gerade eben noch genau so erschaffen haben.

Die Welt muss nicht perfekt sein. Ein paar kleine Fehler, ein paar Ungereimtheiten, hier und da eine kleine Schlamperei und vielleicht auch ein paar Bugs würde man ja jedem Gott zugestehen. So ein Gott ist auch nur ein Mensch, und wer mag schon Perfektion. Oder Perfektionisten.

Spätestens seit dem Film „Matrix 2“[7] wissen wir, dass eine perfekte Welt nicht funktioniert. Also kann man ruhig auch ein paar Fallstricke einbauen: unsichtbare Viren, ein paar Giftschlangen vielleicht, Heuschnupfen, Sünden, Spammails.

Wenn wir uns jedoch in diesem Universum umschauen, dann müssen wir eine Menge Nachsicht haben, um zu behaupten, dass es für die Krone der Schöpfung, den Menschen, lediglich nicht perfekt sei. Genaugenommen ist dieses Universum so weit von Perfektion entfernt, dass man fragen möchte: Was zur Hölle…? Sie haben alle denkbaren Möglichkeiten, nein, noch darüber hinaus: Sie haben alle undenkbaren Möglichkeiten, und was Sie hinbekommen, ist Tod, Leid und Angst. Das kann kein kleiner Fehlerteufel sein. Das ist kein falsches Deteil[8].

Das hat Methode.

Sie sind Sadist.

Der gute alte Deus absconditus[9], der verborgene Gott, dessen Wege unergründlich sind, und der sich den Menschen nicht in seiner Gesamtheit offenbart, ist, wie es scheint, nicht nur uns, den Menschen, verborgen. Ihm ist offensichtlich gleichsam selbst ein ganzes Stück seiner eigenen Schulbildung verborgen geblieben, vielleicht hat er zu oft geschwänzt. Oder er weiß, was er tut, ist aber ein furchtbar gemeiner Typ. Angesichts des Ergebnisses, das er hier abliefert, ist er jedenfalls entweder nicht allmächtig, oder, wenn er allmächtig ist, dann ist er nicht allwissend, aber wenn er allmächtig und allwissend ist, dann ist er auf keinen Fall besonders gut - schon gar nicht irgendwie[10].

Folgt man dem Argument des unbewegten Erstbewegers und kommt zu dem Schluss, dass alles eine Ursache haben und zudem diese erste Ursache ein Gott sein müsse, so ist damit natürlich absolut nichts über die Natur dieses Erstbewegers gesagt. Seit früher Kindheit und meinem ersten Religionsunterricht in der Grundschule habe ich das Bild im Kopf von einem kleinen Gott, einem Göttchen, das im Naturwissenschafts-Götzen-Unterricht hinten in der letzten Reihe sitzt und sich gerade meldet:

„Frau Athene“, sagt er, „Frau Athene, kommen Sie schnell. Ich hab´s! Ich hab´s! Ich habe ein Universum erschaffen, schauen Sie, es dehnt sich aus!“ So ein Universum ist halt auch ein sehr dehnbarer Begriff. Dabei ist ein Ausdehnen des Universums gar nicht schlimm. Alle sind sich einig, dass die einzige wirklich unangenehme Ausdehnung, die beobachtbar ist, Tim Wiese betrifft. Aber das tut jetzt nicht zur Sache. Jedenfalls:

Und Frau Athene kommt nach hinten, wirft einen Blick auf jene Schöpfung und sagt: „Ach, Jahwe, nein, schau mal auf die Tafel. Da steht: Ein Universum mit einer Gravitationskonstante von mindestens 8,2. Komm, schütte das hier in den Ausguss und fang noch mal neu an.“[11]

Wobei ich heute rückblickend davon ausgehe, dass ich als Grundschüler noch nicht die Wörter Gravitationskonstante oder Ausdehnung mitgedacht habe und diese erst später in die Vorstellung mit eingeflossen sind; tatsächlich hatte ich wohl nur das Bild vom ausgegossenen Universum im Kopf.

Manche Menschen aber ticken anders: Sie meinen, wenn es etwas außerhalb unserer Welt geben müsse, das der Grund für diese Welt sei, dann kann es bitteschön nur Gott sein. Und zwar ihr eigener, gefälligst, keinesfalls der Gott einer anderen Religion. Tatsächlich stecken in der von vielen Physikern häufig wiederholten Aussage: „Wir wissen nicht, wie das Universum begonnen hat" aber keinerlei andere Informationen über den Beginn des Universums, als die Feststellung, dass wir das eben nicht wissen. Vielleicht gibt es durchaus einen Schöpfer in einer höheren Dimension, vielleicht ist es auch eine natürliche Eigenschaft einer außerhalb unseres Kosmos befindlichen Großwetterfront, Universen zu erschaffen. Vielleicht gibt es einen interkosmischen Ochsen, ein höherdimensionales Rindvieh, dessen eigentümlichstes Charakteristikum es ist, dass in seinen Kuhfladen vierdimensionale Raumzeiten entstehen und wir sind nur das Ergebnis einer Magenverstimmung der heiligen Kuh. Dann wurden wir also in die Welt geschissen. Muslime könnten in diesem Fall froh sein, dass es sich nicht um eine höherdimensionale Sau handelt. Fragt man die Wissenschaft, so gibt es mehrere natürliche Möglichkeiten für die Entstehung unserer Welt – und sie lassen sich durchaus mathematisch beschreiben. In dem fabelhaften populärwissenschaftlichen Buch Der große Entwurf: Eine neue Erklärung des Universums[12] von Stephen Hawking beschreibt der Physiker auf Grundlage des modellabhängigen Realismus eine mögliche Interpretation der Vereinigung von Einsteins Relativitätstheorie mit der Quantenmechanik durch die M-Theorie. Unsere Welt ist demnach eine Realisation verschiedener möglicher Universen und nur im Rückblick geschichtlich beschreibbar, ohne am Anfang – dem Urknall – bereits determiniert gewesen zu sein. Genaugenommen ist es sogar eine Realisation aller möglicher Welten. Lawrence Krauss beschreibt in Ein Universum aus Nichts[13] sehr anschaulich die Übertragbarkeit von Quantenfluktuationen im Vakuum, bei denen Teilchen und Antiteilchenpaare entstehen[14], auf die Singularität des Urknalls.

Ja – aus dem Nichts kann ein Etwas entstehen.

Deal with it.

Das sind keine unfehlbaren Antworten auf die Frage nach der Entstehung des Universums, aber es sind mögliche Wege. Es sind mögliche Antworten.

Fragt man aber die Gläubigen, so gibt es nur eine mögliche Antwort: Einen planenden, intelligenten, weisen Gott, dem noch dazu im Allgemeinen die Attribute gut und allwissend zugeordnet werden. Das Nicht-Wissen der Wissenschaft wird zum Beweis umgedeutet, dass eine bestimmte, konkrete Ausformulierung der Weltenentstehung, nämlich die Schöpfung durch den eigenen Gott, wahr sein soll. Als ob der Satz „Ich weiß nicht, ob Michael ein Auto hat“ gleichbedeutend wäre mit der Aussage „Dann fährt Michael mit Sicherheit ein 1992 gebautes rotes Damenfahrrad mit 28er Felge und einer 5-Gang Kettenschaltung.“

Aber gehen wir einmal davon aus.

Nehmen wir es als gegeben hin, dass es einen unbewegten Erstbeweger tatsächlich geben müsse. Nehmen wir es hin, dass dies ein Gott sein müsse. Und nehmen wir es ebenfalls hin, dass er das Fahrrad mit Kettenschaltung ist, also Eigenschaften hat, die eine der diversen Religionen zutreffend beschreibt – etwa das Christentum, damit kenne ich mich am ehesten aus. Nehmen wir es hin, dass dieser Gott allwissend und allmächtig ist, und gut, und liebend, und -

Und nun stellen Sie sich vor - - -

Stellen Sie sich vor, Sie seien dieser Gott[15]. Betrachten Sie einmal ihr Werk und lassen Sie für einen Augenblick den entschuldigenden Gedanken fallen, dass diese Schöpfung am ersten Tag begonnen hat und sieben Tage dauerte, also folgerichtig ein Montagsprodukt ist[16].

Es muss wohl nicht extra erwähnt werden, dass Gott, dieser Gott, in seiner Allmacht und Allwissenheit viel allmächtiger und allwissender sein sollte als jeder Mensch. Sein göttlicher Geist, sein Intellekt und seine Vorstellungskraft müssen größer und mächtiger sein als der aller Menschen. Definitionsgemäß ist er erhabener als seine Schöpfung - und das nicht nur dann, wenn es sich um Andrea Fischer[17] handelt.

Stellen Sie sich vor, Sie seien dieser Gott. Schauen Sie sich um in Ihrer Schöpfung. Betrachten Sie Ihre Schöpfung. Aufmerksam. Kritisch. Fällt Ihnen etwas auf? Etwas ein? Haben Sie eine Idee, was man verbessern könnte?

Ich rede hier nicht von dem Ungemach, das auf der Welt ist, weil es Menschen gibt. Ich rede hier nicht von der menschlichen Willensfreiheit und den Folgen der Erbsünde, nicht davon, dass Menschen solche Blödmänner sind. Ich rede nicht vom Krieg in Gaza, nicht von Atomwaffen, nicht von Selbstmordattentätern und dem Bankensystem, nicht von Musik von Dieter Bohlen oder der idiotischen Idee, Rinder, Schweine und Vögel lebenslänglich in winzige Käfige zu stecken, mit Antibiotika vollzupumpen, zu mästen und das Ergebnis selbst zu essen. Ich rede von der Schöpfung. Als Ganzes. Ich rede von dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest: Gibt es nichts, was Sie verbessern würden?

Ich würde die Mücken abschaffen.

Was würden Sie?

Nun kann man behaupten, Mücken seien sicherlich für irgendetwas gut. Das stimmt natürlich, denn sie sind Teil der Nahrungskette. Aber vergessen wir nicht: Sie sind allmächtig – also Sie, der Leser, der sich Allmächtigkeit vorstellt, nicht sie, die Mücken. Also Sie sind allmächtig - kann man das nicht irgendwie anders regeln? Oder kann man nicht vielleicht gegebenenfalls wenigstens zumindest das Jucken verhindern[18]? Also wenn man ehrlich ist, sind die Mücken, so, wie wir sie in dieser Schöpfung vorfinden, wirklich nutzlos.

Dachse auch.

Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten – aber Sie sind nur ein Mensch. Wie wir eben festgestellt haben, sind Menschen in Ihrem Geist beschränkt; beschränkter jedenfalls als ein Gott. Und doch fällt uns ad hoc eine ganze Liste an Reklamationen ein, die wir anzuführen wüssten, wenn wir diese Schöpfung betrachten. Und ein „Das-könnte-man-besser-machen“ sollte nicht der erste Gedanke sein, der einem in den Sinn kommt, wenn man ein Geschöpf in einer perfekten Schöpfung ist. Es ist ein Gedanke, der Schönheitschirurgen beim Betrachten von Melanie Griffith oder Schauspieldozenten beim Betrachten von Mel Gibson Filmen vorbehalten bleiben sollte. Dennoch kann jeder Mensch in dieser Schöpfung sehr schnell all die gemachten Fehler erkennen. Wie kann ein beschränkter Geist in der Schöpfung geistvoller und schöpferischer sein, als der unbeschränkte Geist des Schöpfers jenes Geistes?

Hinter dem offenkundig Sinnlosen wie Ebola oder dem plötzlichen Kindstod einen höheren Plan zu vermuten grenzt schon ein wenig an Anmaßung – vor allem den Opfern von Ebola und den Eltern eines toten Kindes gegenüber. Schon Stendhal bemerkte: „Die einzige Entschuldigung Gottes [angesichts des Übels in der Welt] ist, dass er nicht existiert.“[19] Gehen wir nicht davon aus, dass Gott tatsächlich der kleine Schuljunge ist, den Athene gerade zurechtweist, sondern durchaus ein erhabener Gott, der weiß, was er mit seiner Allmacht anzufangen hat, dann bleiben nicht viele Antworten übrig auf die Frage, Was für eine Scheiße hast Du denn hier zusammengeschöpft?

Diese Fragestellung – Theodizee[20],[21] genannt – ist, in weniger vulgärer Sprache, bereits oft gestellt worden. Aber Leibniz´ Antworten lassen einen hier ratlos zurück – ist diese Welt, so wie wir sie erkennen, wirklich die beste aller möglichen Welten? Können wir uns nicht sogar als beschränkte Menschen eine bessere vorstellen? Welche Nachteile entstünden denn schon, wenn Staub die Eigenschaft hätte, nicht gar so dolle auf schwarzen Möbeln aufzufallen? Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit dem Schutz vor Allergien, weil der auffällige Schmutz die Menschen dazu bewegt, öfter zu putzen. Was sollen denn Allergien in einer perfekten Schöpfung. Und ist es nicht gerade die Beobachtbarkeit jener Perfektion der Schöpfung, die als Begründung für einen Schöpfer genannt wird?

Dies ist der Punkt, an dem Theodizee und Kreationismus sich berühren. Tatsächlich ist es ausgerechnet die Perfektion der Schöpfung, die das Fundament des Intelligent Design, des Kreationismus bildet. Irgendwie-Gut-Christen ziehen sich bei dieser Fragestellung gerne auf die menschliche Unkenntnis zurück: Als beschränktes, niederes Wesen könne man nicht wissen, welchen Sinn und Zweck ein uns unbekanntes höheres Wesen verfolge. Es sei arrogant und anmaßend, wenn ein Mensch seine eigene Idee von Perfektion mit der ihm unbekannten Perfektion eines perfekten Gottes zu vergleichen suche. Auf diesen rhetorischen Trick aber kann das Intelligent Design sich nicht zurückziehen. Die Beobachtbarkeit von Perfektion – in den Worten des Kreationismus: Nichtreduzierbare Komplexität – ist ja gerade die Kernaussage dieser Form des Fundamentalismus[22]. Dass die Perfektion der Welt beobachtbar sei, ist notwendige Bedingung für die Schlussfolgerung, es gäbe diesen kreationistischen Gott, der die Welt in sieben Tagen und in der heutigen Form erschaffen habe. Perfektion aber ist nicht teilbar: Es gibt keine halb-perfekte Welt, keine dreiviertel-perfekte Schöpfung – denn teilweise perfekt würde bedeuten: unperfekt. Nichtperfekt. Imperfekt. Defekt. Entweder das beschränkte Wesen Mensch kann Perfektion beobachten – dann könnten die Argumente nichtreduzierbarer Komplexität und das Zusammenpassen aller Systeme in der Schöpfung als Argument gelten[23] (und man müsste diese Welt als perfekte Folterkammer beschreiben, wie dieses Buch in den kommenden Kapiteln aufzeigen wird) – oder ein Mensch kann aufgrund seiner Beschränktheit die wahre Perfektion und den dahinterliegenden höheren Plan nicht erkennen – dann aber ist diese Perfektion grundsätzlich nicht beobachtbar und kann kein Argument sein, dass dieses höhere Arschloch überhaupt existiere. Tatsächlich beobachtbare Teilperfektion wäre im Kern nur die Beobachtung von Nicht-Perfektion, und damit eher das Ergebnis, das man bei einer Entwicklung der Welt, einer Evolution, erwarten würde, nicht bei einer Schöpfung.

Wenn wir uns vorstellen, wir wären dieser Gott, ist die Wahrheit aber noch schlimmer. Wir sind nicht gezwungen, diese Schöpfung zu nehmen und sie zu verbessern. Wir haben die Freiheit, intelligent zu designen. Von Grund auf. Von Grund auf bedeutet, dass wir uns keine Gedanken machen müssen, ob Mücken Teil der Nahrungskette sind und ob ein Abschaffen der Mücken diesbezüglich Probleme verursachen könnte. Wir sind es doch, die die Nahrungsketten schöpfen. Wir schöpfen Nahrungsketten ohne Mücken, punktum. Das ist, was Allmacht bedeutet. Wir haben die Macht, die Freiheit, alles zu tun. Von Grund auf. Wer beim Abschaffen der Mücken und beim Abschaffen von Staub auf die Konsequenzen hinweisen möchte, die dieses Abschaffen oder jenes Abschaffen haben könnte, der übersieht, was Allmacht bedeutet. Autarkie. Die Fähigkeit, die Welt wirklich schlau zu gestalten. Wir sind nicht gebunden an Naturgesetze oder Regeln, an Abhängigkeiten oder Notwendigkeiten. Wir müssen den Planeten Erde nicht in genau diesem Abstand zur Sonne kreisen lassen, damit das Wasser in flüssiger Form vorkommt. Wasser ist bei jenen Temperaturen flüssig, die wir als die Temperaturen bestimmen, in denen es flüssig sein soll[24]. Die Naturgesetze zu bestimmen heißt nicht, sie dergestalt einrichten zu können, in denen alles feinabgestimmt zueinander passt. Es heißt viel mehr, jegliche Kombination aus Werten und Gesetzen bestimmen zu können, die wir als zueinander passend definieren. Mücken sind da unser kleinstes Problem.

Wir können sogar Widersprüche in die Schöpfung schöpfen. In der Allmacht und Allwissenheit ist der Schöpfer einer Schöpfung unerschöpflich. Wenn Leid und Angst auch notwendig sind in der Natur, in der Evolution, um die Tiere und Menschen vorsichtig zu machen und achtsam – mit dem Nachteil, dass manche Menschen in manchen Situationen zu vorsichtig und zu achtsam sind, dass manche Kinder sich in der Dunkelheit fürchten oder dass man Brandblasen und Schmerzen erleidet, wenn einen das heiße Fett aus der Pfanne anspringt – Abhängigkeiten! – so ist dies in einer Schöpfung nicht der Fall. Leid, Angst und Schmerz sind nur in der Evolution sinnvolle Attribute. In einer Schöpfung mit Widersprüchen können Schmerzen dort auftreten, wo sie den Menschen sinnvoll vor Gefahren schützen, während sie gleichzeitig dort, wo sie nur Leid verursachen würden und somit störend sind, ausbleiben. Wir können die Welt so designen, dass solche inneren Widersprüche Normalität wären: In einer designten Welt gäbe es keine Naturwissenschaften, die die Entstehung der Welt oder den Aufbau des Lebens erklären könnte. In einer perfekten Welt würden wir uns gar nicht erst darüber wundern, dass die Dinge im Allgemeinen immer nach unten fallen, außer die wertvolle alte Blumenvase von Tante Ingrid, die sanft und vorsichtig in der Luft schwebt und nach unten gleitet, damit sie nicht kaputtgeht. Also die Vase, nicht die Ingrid. Das wäre normal. Das wäre schon immer so gewesen. Newton hätte dereinst herausgefunden, dass Materie sich reziprok proportional zum Quadrat des Abstandes anzieht[25] – außer, wenn diese Materie zerbrechlich ist. In einer perfekten Schöpfung besteht keine Notwendigkeit. Für gar nichts. Die Freiheit, intelligent zu designen ist die absolute Freiheit, absolut intelligent zu designen. Intelligentes Design sollte nun mal intelligent sein – und nicht bescheuert. Schließlich arbeitet unser Schöpfer ja nicht bei Volkswagen. Dem schlechten Design nach zu urteilen vielleicht höchstens bei KiK[26].

Genau dies wird auch postuliert im Kreationismus. Also nicht, dass Gott bei KiK arbeiten würde; aber die Perfektion der Schöpfung. Wenn von perfekten Systemen gesprochen wird, das perfekte Zusammenspiel zwischen Bienen und Blumen, das perfekte System des Auges oder des Flagellenmotors der Bakterien, so ist die dahintersteckende Aussage implizit: Diese Welt, diese Schöpfung sei perfekt. Die Perfektion der Systeme ist die Basis für den Kreationismus, die Intelligent-Design Bewegung, denn durch die Beobachtbarkeit der Perfektion in der Natur können wir auf einen Designer schließen. Aber bei der Freiheit, intelligent zu designen, ist diese Welt wirklich perfekt?

Wir würden Zeichen über Zeichen in die Schöpfung schöpfen. Die Kreationisten sind ganz scharf auf Zeichen und Hinweise. Es ist nicht möglich, im Internet nach dem Glykoprotein[27] Laminin[28] zu suchen, ohne auf kreationistische Webseiten zu geraten, die Laminin als Zeichen für einen Schöpfer feiern, nur weil dieses Protein in seiner schematischen Darstellung die Form eines Kreuzes besitzt. Wie vieles andere in der Natur auch. Würden wir, als allmächtiger, allwissender Schöpfer wirklich Zeichen und Hinweise in die Natur einbauen, die derart absurd schwach auf der Brust sind? Das ist, als würde McDonald´s eine Werbekampagne starten, indem sie winzige Aufkleber herstellen, auf denen zwei winzige, gelbe Kreise zu sehen sind, deren Ränder mit viel Fantasie an eine „M“ erinnern, und diese Aufkleber vornehmlich in gut gesicherten Atombunkern an versteckten Stellen hinkleben, hinter Türen mit der Aufschrift „nicht öffnen“, in Räumen mit defekten Lichtschaltern, die von einer Horde hungriger Vogelspinnen bewacht werden, um sicherzugehen, dass wirklich nur eingefleischte McDonald´s-Fans diese Aufkleber überhaupt entdecken, während allen anderen Menschen auch nur die reine Existenz der Mac-Burger gänzlich unbekannt bleibt. Was, wenn man darüber nachdenkt, im Grunde wohl tatsächlich absolut sinnvoll wäre, aber darum geht es jetzt nicht. Die Freiheit, intelligent zu designen ist die Freiheit, Perfektion zu designen, und dies beinhaltet – wenn schon, denn schon – auch ordentliche Zeichen, deren Existenz und Bedeutung nicht zu bestreiten sein können.

Wir sind allmächtig. Wir fangen bei null an. Wir können ein Universum from the scratch neu aufbauen, einen Planeten von Grund auf designen wie die Bewohner Magratheas, das ganze Leben der Welt erschaffen und den Menschen als Krönung. Wir arbeiten vom großen Ganzen bis ins Deteil[29], kümmern uns um Galaxienhaufen und den großen Attraktor bis zur DNS und dem Aufbau der Proteine um alle Angelegenheiten, die diese Schöpfung so mit sich bringt und feiern unser Werk ab Werk. Und wir haben dabei viel mehr als sieben Tage Zeit – nicht einmal daran sind wir gebunden. Wenn wir wollen, können wir uns viel mehr Zeit nehmen, niemand macht uns die Vorgabe, uns an irgendeinen Termin zu halten. Wenn wir es in sieben Tagen schaffen – prima. Wenn nicht, dann steht halt hinterher in den Büchern „Im ersten Jahr schuf Gott…“ – oder „Im ersten Jahrhundert schuf Gott…“ – niemand wird uns hier Vorwürfe machen. Wobei sich die Frage sowieso stellt, warum ein allmächtiger Gott sieben Tage brauchen soll. Er ist allmächtig, wäre hier nicht ein etwas zügigeres Abarbeiten so einer Wald- und Wiesenschöpfung möglich gewesen?

Aber sei es drum. Wir haben Zeit. Wir erschaffen sie erst noch[30].

Sie sind der Schöpfer. Sie sind allmächtig. Sie designen die ganze Welt. Ihr Wille ist es, eine perfekte Welt für die Krone der Schöpfung zu gestalten. Sie machen Licht. Sie planen das Sonnensystem und die ganze Galaxie, Sie planen den Planeten, die Natur und darin den Menschen nach Ihrem Bilde. Aus dem Nichts. Sie sprechen diese Welt in ihre Existenz. Die Perfektion ist Ihr Beweis. Jede Sonnenblume, die sich zur Sonne dreht, jeder Flagellenmotor von Bakterien, jedes Auge, die Ozonschicht und die Feinabstimmung der Naturgesetze seien Ihr Manifest.

Sie sind allmächtig. Sie fangen bei null an, in der Dunkelheit, Sie machen Licht und sehen, dass es gut ist. Mit dem vorhandenen Schund geben wir uns nicht ab, wir booten das Universum neu.

Kapitel 2: Von der Gefahr aus dem All

Zwei Dinge sind unendlich… (Einstein)

Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist. (Douglas Adams)

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 4000 vor Christus. Genesis Universum, oder genesis ned? Wenn nicht, werden wir es nun kennenlernen.

Groß ist es geworden, dieses Universum. Wirklich groß. Also – also wirklich groß. Vor allem im Vergleich mit allen anderen Universen. Vielleicht wollen Sie, der Schöpfer, ja irgendetwas kompensieren[31].

Der Mensch, so ist es geschrieben, soll die Krone der Schöpfung sein. Das oberste Gut. Das beseelte Tier, das, worum es geht. Nach seinem Bilde wurde er geschaffen und bei den Menschen wirft Gott ein Auge, schaut, was sie tun, wenn sie nackt sind, lässt sie in den Himmel, wenn sie den rechten Glauben haben und ist verärgert, wenn sie zweifeln. Oder denken. Der liebe Gott richtet über eine Frau, wenn sie sich nach 20 Jahren Ehe von einem gewalttätigen Ehemann scheiden lässt und er achtet peinlich genau darauf, welche unmoralischen Gedanken ein Mensch so hat. Denn schon so mancher Gedanke ist eine Sünde, und der Sünder - der Sünder kommt nicht in den Himmel.

Dafür ist der Himmel jetzt allerdings doch ganz schön geräumig geworden. Und für den Menschen, die Krone, wirklich kein Zuhause.

Milliarden von Galaxien und in jeder Galaxie Milliarden Sterne, unvorstellbare Weiten dazwischen und an vielen Orten nichts. Wirklich nichts. Gar nichts[32]. Das beste Vakuum, das Menschen im Labor herstellen können, mit den modernsten Maschinen und einem riesigen Aufwand, dieses beste Vakuum mit weniger Molekülen darin, als man messen kann, ist immer noch abertausend mal dichter als der Raum zwischen den Galaxien: Man kann, wenn man ein Lichtstrahl ist, ewig lang durch dieses Vakuum reisen, ohne auch nur einem Elektron zu begegnen. Beides, die Größe dieses Weltraums und die Leere seiner Voids[33] sind für Menschen nicht vorstellbar. Und das müssen sie auch gar nicht. Ein derart großes und leeres Gebilde ist nämlich an und für sich zu nichts nutze. Schlimmer noch als Dachse. Wenn es dem Schöpfer um seine Krone geht, dann hat er hier mächtig übertrieben. Wahrscheinlich wollte er ein wenig aufschneiden und zeigen, was er so kann, aber am Ende des Tages hätte doch eigentlich eine Milchstraße gereicht. Schon die können wir weder gebrauchen noch in Gänze begreifen.

Fundamentalistische Religiöse sagen: Alles sei perfekt. Es gäbe Tiere und Pflanzen und alles hinge miteinander zusammen, die Bienen bestäuben die Blumen und sorgen damit für einen Augenschmaus und für Honig noch dazu, die Welt biete uns Sonne und Schatten und Schönheit und Nahrung. Wir werden in den folgenden Kapiteln noch darauf eingehen. Das Zusammenpassen aller kleinen Rädchen sei ein Beweis für Gott. Wer sonst könnte sich so etwas ausdenken? Kann es durch Zufall entstanden sein? Alles, was wir betrachten, sieht sinnvoll aus, und alles scheint für den Menschen gemacht zu sein. Der Mensch, als oberstes Schöpfungsgeschöpf sei das Ziel Gottes gewesen, und alles, einfach alles ist so eingerichtet, dass es perfekt in ein Universum für die Menschheit passe.

Also –

Also alles, außer dieses Universum selbst, würde man anmerken wollen[34]. Dieses Universum selbst ist für Menschen mörderisch. Irgendwann wird die Menschheit den Planeten Erde verlassen müssen und das All erobern. Spätestens wenn die Sonne explodiert, müssen wir hier weg. Doch nicht erst dann: Die Gefahr, dass die Menschen von der Erde fliehen müssen, ist schon vorher riesengroß.

Was die Menschheit dann vorfinden wird, wenn sie die Erde verlassen muss, ist allerdings nicht unbedingt ein Paradies. Es ist nicht nur, dass alles da oben so verdammt weit weg ist. Das ganze Universum wirkt tatsächlich überhaupt nicht so, als seien wir da eingeladen. Das Universum ist menschenfeindlich, wenn man sich geistig auf die Reise begibt, weg von den gemäßigten Zonen Nordamerikas und Europas, wo es fast überall fließend Wasser gibt und Supermärkte mit Tiefkühlpizza. Schon ein paar Kilometer nördlich ist es zu kalt. Ein paar Kilometer südlich ist es zu warm. Fragen Sie mal die Bewohner der Steppe, wie perfekt er seine Welt findet. Und dann schauen wir verdutzt in den Himmel und stellen fest:

Es ist verdammt kalt im All. Ganz furchtbar brrr!

Dagegen ist die Arktis ein Ofen. Bevor wir, wenn wir einst die Erde verlassen müssen, ein neues Zuhause finden, müssen wir erst mal durch die Kälte. Und das ist nicht irgendeine Kälte. Es ist die absolute Kälte[35]. In 99,999 Prozent der Orte des Weltalls sterben die Menschen sofort. Sofort! Es ist so kalt und so luftleer und so verstrahlt, dass ein Mensch dort schneller ableben würde, als er denken könnte „Hui, ich sterbe“. In den restlichen wenigen Promille der Orte stirbt der Mensch auch, nur nicht sofort, sondern erst nach wenigen Sekunden. Immerhin. Orte wie der Mars sind selten, und da man dort mindestens eine halbe Sekunde lebt, bis der Körper schlappmacht, ist das bereits das reinste Paradies. Fragen Sie Douglas Quaid.

Wenn Gott ein Universum erschaffen hat, das für den Menschen gemacht ist, in dem alles aufeinander abgestimmt ist, in dem aber die Menschheit irgendwann von der Erde weg muss – wirklich muss, es ist keine Frage ob, sondern nur wann – dann hat er hier aber eine echt böse Falle eingebaut. Bis zum Mars ist es ein ewig weiter Weg. Und dieser Weg ist ebenso unergründlich wie die anderen Wege des Herrn: Wir brauchen meterdicke Isolationswände gegen die herrschende Strahlung[36], enorme Energiemengen für die Wärme und mindestens ein paar Pflanzen für die Luft. Die Reise zum Mars wird in den letzten Jahren im Fernsehen immer wieder thematisiert, und es klingt mitunter so, als wären wir, die Menschen, demnächst bereits dort, aber die enormen Schwierigkeiten einer solchen Reise für nur wenige Astronauten sind ungleich höher als bei den Apollo-Missionen zum Mond. Eine Umsiedlung auch nur eines etwas größeren Teiles der Weltbevölkerung ist momentan geradezu undenkbar. Wir brauchen Zeit. Sehr viel Zeit, denn die Entfernung schon zu diesem, unserem nächsten kosmischen Nachbarn ist kaum vorstellbar.

Die erste Möglichkeit, einen tatsächlich erdähnlichen Planeten zu finden, ist umso vieles weiter weg als der Mars, dass jeder Vergleich absurd ist – abgesehen davon, dass ein solcher Planet bisher nicht gefunden wurde[37], sind alleine die statistischen Abstände zwischen solchen Planeten so fern von der menschlichen Vorstellungskraft, im Verhältnis sehr viel weiter weg als die Strecke für ein Bakterium von New York zum Uranus wäre. Bakterien – immerhin – haben gewisse Möglichkeiten, eine solche Reise durch das Weltall gegebenenfalls zu überleben. Wir nicht.

Aber müssen wir wirklich weg von der Erde?

Ja. Das Universum ist so eingerichtet, dass die Gefahr, die aus dem All kommt, eine Flucht unumgänglich machen wird. Die Dinosaurier konnten es nicht – und wir können es auch nicht. Und wenn Gott dieses Universum schon so baut, dass von überall Gefahren für die Erde lauern, könnte er dann nicht wenigstens so lieb sein, einen mehr oder weniger passenden Fluchtort bereitzuhalten, der erreichbar wäre? Gott aber will uns offenkundig leiden sehen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Wenn er die Welt so geschaffen hat, dass tatsächlich er verantwortlich ist für die sogenannte Perfektion, wie es die Kreationisten behaupten, dann ist er auch verantwortlich für das Ungemach. Welcher intelligente Designer denkt sich schon ein Universum aus, das für die Krone seiner Schöpfung so tödlich ist? Erst sorgt er dafür, dass der Mensch bloß nicht vom Affen abstammt – obwohl dieser Twist in der Schöpfung so einfach gewesen wäre, alle grundlegen Eigenschaften waren schon da, er hätte den Menschen einfach daraus weiterentwickeln können. Aber nein, der Mensch musste ja unbedingt etwas Besonderes sein und wird separat geschöpft. Dann sorgt er dafür, dass die Leute dieser Spezies, seine Lieblings-Buddys, sein Ebenbild, auf jeden Fall und unausweichlich untergehen, aussterben und vernichtet werden – wie jede x-beliebige andere Spezies zuvor, denn über 99 Prozent[38] alle Tierarten die je gelebt haben, sind ausgestorben. Und er denkt dabei nicht einmal an sein eigenes Konzept, die Arche[39]?

Der Mars ist kein Zufluchtsort. Der ist viel zu klein. Also – also nicht nur zu klein für all die Menschen, er ist sogar zu klein, um eine Atmosphäre zu halten. Das kann keine Dauerlösung sein, und dann noch nicht mal eine, die schnell zu verwirklichen wäre. Jede auch nur theoretische Idee eines Terraformings[40] des Mars ist, abgesehen von Ideen in utopischen Pseudo-Dokumentationen, auch für nur mittelfristige Planungen der nächsten Jahrhunderte völlig ausgeschlossen. Und wenn die Menschheit soweit wäre, den Mars in eine auch nur teilweise lebensfreundliche Umwelt zu verwandeln, würde das dauern. Für eine schnelle Umsiedlung der Menschheit im Falle einer akuten Gefahr steht der Mars trotz fortschreitender Technik noch für unabsehbare Zeit nicht zur Verfügung. Wenn wir von der Erde fliehen müssen, dann woanders hin. Es gibt aber kein erreichbares Woandershin. Man könnte noch versuchen, die Venus abzukühlen, aber daran sind schon die Römer gescheitert.

Wäre ein süßer, kleiner Zweitplanet mit Wasser und einer Atmosphäre irgendwo in der Nähe nicht eine wirklich freundliche Geste gewesen, wo uns doch der erste so augenscheinlich irgendwann um die Ohren fliegen wird? Ein netter Ersatz, mit etwas Grün, mit ein wenig Magnetfeld und vielleicht ohne Mücken? Wäre das nicht was, ein schöner Zweitplanet, im Angesicht der Gefahren?

Von denen hat das Universum reichlich. Überall dort, wo nicht nichts ist, überall dort, wo der Mensch nicht sofort und gleich stirbt, wenn er sich dort aufhält, überall dort, wo etwas ist, da ist Gefahr. Von Wegen Feinabstimmung der Naturkonstanten. Im Weltraum ist kein menschliches Leben möglich. Dieses Universum ist nicht das schöne, lauschige Plätzchen in einer klaren, warmen Maiennacht mit einem Mädchen im Park. Im Universum geht es hart zur Sache. Supernovae[41] explodieren mit mehr Energie, als unsere Sonne in ihrem gesamten Leben abstrahlen wird. Schwarze Löcher[42] fressen alles auf, was auch nur grob in ihre Nähe kommt – und „Nähe“ bezeichnet hier Abstände, die weiter sind als von Oldenbüttel zum Sternensystem Alpha Centauri. Allein die Gefahren, die unser eigenes Sonnensystem für uns bereithält, spotten jeder Beschreibung.

Überall um uns herum wimmelt es nur so von Meteoriten, Asteroiden und sonstigen Gesteinsgeschossen, nicht wenige davon sind potenziell in der Lage, die Menschheit und die meisten anderen Lebewesen auf einen Schlag auszulöschen. Es ist bei anderen Tierarten geschehen und es wird wieder geschehen – die Frage ist nur wann. Ob die Menschen dann in der Lage sein werden, etwas dagegen zu tun oder vom Planeten in ausreichender Menge zu fliehen?

Sonnenstürme brechen regelmäßig aus – meistens ärgern sie nur unsere Kommunikationssysteme, aber niemand kann sagen, wie schlimm so ein Sonnensturm einmal werden kann. Bereits 2012 entging die Erde nur knapp einem solchen Ereignis – einem Sonnensturm, der laut NASA[43] das Leben auf der Welt bis heute komplett verändert hätte und die Menschheit zurück in die Steinzeit gebombt hätte. Und ja, ich weiß. 2012. Maya. Kalender. Ende der Welt. Aber hey – der Sturm hat uns ja nicht getroffen. Hätte er aber, wenn er nur zwei, drei Stunden eher ausgebrochen wäre[44]. Hat er aber nicht, der Mayakalender ging vor.

Was Sorge machen kann, ist die Tatsache, dass auch dieser 2012er Sonnensturm nicht die Obergrenze in der Stärke solcher Stürme darstellt, sondern dass physikalisch leicht ein noch dramatisch schlimmerer Sonnensturm die Erde treffen kann, bei dessen Auftreten wir uns als Menschen nicht mehr nur Sorgen um unsere Computer und Kommunikation machen müssten, sondern um alles was kreucht und fleucht. Die Wahrscheinlichkeit auf einen solchen Sturm liegt bei 12%.[45] Diese Quote liegt höher als ein Gewinn eines Turnierspieles der englischen Nationalmannschaft durch Elfmeterschießen.

Es gibt Gammablitze, die das gesamte Leben auf der Erde in einer Millisekunde auslöschen können – in diesem Falle wäre eine Flucht sogar gänzlich unmöglich, denn ein solches Ereignis würde ohne jede Vorwarnung kommen. Gammablitze entstehen (wahrscheinlich[46]) durch Hypernovae, besonders große Supernovae, oder durch Neutronensterne und sind – man möchte sagen: Gott sei Dank – stark gerichtet. Bei ihrer Entstehung enthalten sie mehr Energie in nur wenigen Sekunden, als unsere Sonne in ihrer gesamten Existenz produziert hat und noch produzieren wird, und sowmit eine unvorstellbar große Leistung von einigen abermiliiarden Watt. Von ihrer Quelle aus schießen sie nicht in alle Richtungen, sondern fokussiert wie ein Laserstrahl nach, nennen wir es der Einfachheit halber: oben und unten. Wohl dem Planeten, der nicht in diesem Fokus haust. Das Perfide an diesen Gammablitzen ist, dass sie aus allen Richtungen kommen können und über sehr – sehr! – weite Entfernungen gefährlich bleiben – alles, was zu nahe ist, würde die Menschheit zerstören. Während die Erde sich für die Zerstörung durch eine Supernova schon – im kosmischen Maßstab – recht nah, nämlich weniger als 100 Lichtjahre an der explodierenden Sonne aufhalten muss – was bereits eine kaum vorstellbare Entfernung ist -, kann unsere Welt also durch einen, bei einer weit entfernten Hypernova entstehenden Gammablitz zerstört werden, dessen Ursprung bis zu mehrere tausend Lichtjahre entfernt ist. Tatsächlich bergen Gammaraybursts, deren Ursprung weiter weg ist, deutlich mehr Gefahren: Schrieb ich oben noch, dass die Abstrahlrichtung in der Entstehung sehr fokssiert ist, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Zwar werden sie bei ihrer Entstehung sehr gebündelt an den Polen der Hypernova abgestrahlt und bewegen sich daher wie ein Strahl nur in diese zwei Richtungen, nämlich genau nördlich und südlich fort – im Gegensatz zu einer Explosion, die sich kugelförmig in alle Richtungen ausbreitet; die Breite dieses fokussierten Strahls nimmt allerdings mit wachsender Entfernung deutlich zu. Ähnlich wie bei einem Laserpoiter, dessen Laser man sehr fokussiert in einem halben Meter an der Wand sieht, und der, wenn man ihn vier oder fünf Meter auf die gegenüberliegenden Wand des Zimmers richtet einen deutlich dickeren Lichtpunkt erzeugt, so verbreitert sich auch ein Gammarayburst zunehmend, weil sich die kleinsten Abweichungen in der Parallelität der Strahlen über große Entfernungen multiplizieren. Am Ende der Reichweite, in der Gammablitze gefährlich sind, können sie so Durchmesser von zehn oder sogar fünfzig Lichtjahren haben – ein Vielfaches unseres Sonnensystems. Tatsächlich werden Gammablitze als eine der möglichen Lösungen des Fermi-Paradoxons genannt: Vielleicht sehen wir Menschen mit unseren Teleskopen deswegen nirgendwo im Weltraum Anzeichen für andere Zivilisationen, weil alle entstehenden Zivilisationen regelmäßig durch Gammablitze ausgelöscht werden, bevor sie sich hinreichend in der Milchstraße ausbreiten, sich schützen und / oder durch elektromagnetische Kommunikation bemerkbar machen können. Zu allem Überfluss können auch noch weiter entfernte Gammablitze bei einem Auftreffen auf die Erde ein langsames Massensterben verursachen, indem sie die Ozonschicht zerstören und das Aussterben in der Folge nicht direkt durch den Blitz selbst, sondern langsam durch die nunmehr eindringende tödliche Strahlung unserer eigenen Sonne verursacht wird. Nun muss ein Planet schon viel Pech haben, um genau in einen solchen, gerichteten Blitz zu geraten – aber immerhin: Zumindest einmal, am Ende des Ordoviziums[47], hat es ein solches Ereignis wahrscheinlich gegeben. Unangenehm. Vor allem für die Leute am Ende des Ordoviziums. Und wenn Sie denken, die Ausrichtung eines solchen Gammablitzes genau auf die Erde sei wegen der Größe des Weltraums und der geringen Größe der Erde sehr unwahrscheinlich, dann haben Sie recht. Allerdings sollten Sie nicht allzu beruhigt sein. Die Rotationsachse des Wolf-Rayet-Sterns WR104 und seines Begleiters – die Richtung also, in die ein Gammablitz abstrahlen würde – zeigt tatsächlich in Richtung Erde[48]. Ob ein solches Ereignis wirklich stattfinden wird und wie die Auswirkungen sind, ist unklar – es gibt zu viele Variablen und Möglichkeiten, als dass die Astronomie hierzu abschließende Erkenntnisse liefern könnte. Aber zumindest ist WR104 ein Hinweis darauf, dass ein Gammablitz, der in Richtung Erde zielt, keinesfalls unmöglich ist. Und: WR104 ist Stern, den wir entdeckt haben. Wie viele auf die Erde zielende Rotationsachsen wir nicht entdeckt haben, können wir nicht wissen. Wollen wir schnell das Thema wechseln.

Braune Zwerge, die das Sonnensystem aus dem Gleichgewicht bringen können, würden alles zerstören und die Erde in die Sonne oder aus dem Sonnensystem schleudern, so sie in die Nähe geraten. Man soll sich durch den Ausdruck „Zwerg“ nicht täuschen lassen: Diese Zwerge sind größer als alle Planeten unseres Sonnensystems, größer als alle Planeten überhaupt. Im Grunde sind es Sonnen, die allerdings im Gegensatz zu Roten Zwergen knapp weniger Masse haben, als zum Zünden der Kernfusion in ihrem Inneren benötigt würde und daher nur sehr schlecht beobachtet werden können – sie leuchten nicht, und niemand weiß, ob und wievielte Braune Zwerge sich gegenwärtig auf Kollisionskurs befinden. Massereich sind sie dennoch: Durchschnittlich etwa das 50-fache der Jupitermasse, und schon der Jupiter erreicht etwas mehr als das 300-fache der Erdmasse. Da in diesem Universum nur Massen Massen bewegen, wäre ein Zusammentreffen eines Braunen Zwerges mit unserem Sonnensystem sehr unerquicklich für die leichten Planeten wie Merkur, Venus, Mars – und Erde. Wohlgemerkt: Dieser Zwerg muss nicht mit der Erde kollidieren wie ein Asteroid, um alles zu zerstören. Es reicht, wenn er die Saturnbahn kreuzt. Ob es dem Herrn dabei nun beliebt, unseren Planeten aus dem Sonnensystem heraus in die Kälte zu schleudern oder in die Sonne hinein, bleibt abzuwarten – aber das, jedenfalls, werden ein paar aufregende letzte Tage der Welt, wenn die Sonne immer näherkommt, es immer heißer wird, die Ozeane verdampfen und man schließlich verbrennt. Dies gehört zu den Dingen, die man einfach gerne verdrängt, nicht wahrhaben möchte oder nicht darüber nachdenken will, so wie: Die Inhalte von Chicken-Nuggets. Oder das eine Mal, als man völlig betrunken in der Kneipe diese Frau angequatscht hat mit diesem völlig absurden Spruch, der – hach!

Wie die Astrophysical Journal Letters[49] berichten, hat ein solcher Fast-Zusammenstoß mit einem noch etwas massereicheren Kandidaten zur Zerstörung der Welt, nämlich einem Roten Zwerg[50] vor etwa 70.000 Jahren stattgefunden, als ein Scholz genanntes Objekt mitten durch die Oortsche Wolke flog – nur sehr knapp entfernt genug, um die Planetenbahnen nicht nachhaltig zu stören, sondern nur ein paar Gesteinstrümmer in das Sonnensystem hineinzuschleudern. Ich wusste immer, dass von einem Scholz nur Gefahren ausgehen können.

Und dann die Rotation unserer Galaxie: Wir bewegen uns mit unserem Sonnensystem regelmäßig an Orten innerhalb unserer Milchstraße vorbei, die für uns potenziell lebensgefährlich sind. Supernovae, explodierende Sonnen, Doppelsternsysteme mit Ausreißern und Flüchtlingen, die, einmal in unserer Nähe, das Leben unmöglich machen würden. Riesensonnen, so heiß, dass sie selbst bei mittleren Abständen tödlich wirken. Und unsere gesamte Galaxie kollidiert bereits jetzt mit unserer Nachbargalaxie Andromeda. Andromeda ist tatsächlich eine ganze Galaxie mit Milliarden Sternen, ebenso groß wie unsere Milchstraße, und nicht nur ein einzelner Stern – da muss man Hallo Spencer[51] leider widersprechen - was unausweichlich zu enormen Verwerfungen führen wird. Ja. Es ist keine Frage. Die Menschheit wird, wenn sie überleben will, irgendwann den Planeten Erde verlassen müssen.

Unser Universum ist – aus der Sicht der Menschen – kein Ort, an dem man sein möchte, und unser Planet ist nicht freischwebend in einem Meer des Friedens. Wenn der Grund für die Schöpfung wir, die Krone der Schöpfung, die Menschheit sein soll, dann sind wir hier ganz schön hereingelegt worden. Wenn man sich ein Auto kauft, mit allen Schikanen und jedem Luxus, fühlt man sich ja auch veräppelt, wenn ausgerechnet der Fahrersitz aus Stroh ist und beim geringsten Unfall Feuer fängt, während der Sicherheitsgurt in genau jenem Moment sich nicht mehr lösen lässt. Unser Planet ist kein Eldorado, das Leben schenkt inmitten eines Weltalls des Friedens. Er ist eine Falle, die eine Flucht verunmöglicht in einem All, das erbarmungslos zuschlägt.

Dieses Universum bietet beides: Es bietet die permanente Gefahr, dass es die Erde zerstören könnte – neben den Gefahren, die es dazu auch noch auf der Erde selbst gibt – und es bietet die absolute Unmöglichkeit der Flucht. Die Weite des Alls ist für uns wie eine Grenze, und die ist strikter, als es die Grenze der DDR je war. Allen StarTrek-Fantasien und Sternreise-Romanen zum Trotz. Wir werden noch auf unabsehbare Zeit keinerlei Versuch unternehmen können, diesen Planeten zu verlassen. Geht man von der Idee aus, dass Gott alles gestaltet habe und selbst für die kleinsten funktionierenden Systeme verantwortlich ist, dann kommt man bezüglich des Universums um die Erkenntnis nicht herum: Er mag im Deteil[52] an viele Kleinigkeiten gedacht haben, im großen Maßstab aber hat er gepfuscht. Der Schöpfer hat eine Folterkammer erschaffen. Er will uns foltern. Die Menschheit wird untergehen – dieses Universum ist einfach nicht gemacht für uns. Nun stellt dies in den Religionen keinen Widerspruch zur Schöpfung dar – wenn man von einer Apokalypse ausgeht, von der viele Kreationisten ausgehen, kann man hier nur feststellen, dass bereits alles dafür vorbereitet ist. Dann aber hat Gott von Anfang an die Zerstörung seiner Schöpfung im Sinn gehabt, die Menschheit hatte keine Chance und sollte auch nie eine haben und die Prüfung, das Leben, war keine Prüfung, sondern ein Hinterhalt.

Oder das Leben ist für die Menschen nicht die Prüfung, sondern diese haben wir schon hinter uns. Dies hier ist in Wirklichkeit bereits die Hölle.

Aber lassen Sie uns froh sein, dass es wenigstens nicht der Himmel ist. Denn der ist kalt, riesig, verstrahlt, gefährlich und lebensfeindlich.

Kapitel 3: Von einem blauen Planeten

 Vielleicht ist diese Welt die Hölle eines anderen Planeten[53].  (Aldous Huxley)

„Oh... Bosta!“ (bis zu 100.000 Männer, Frauen und Kinder, Lissabon, 1755)

Was hat der Herr eigentlich gegen rund?

Wenn Sie sich noch immer vorstellen, Sie wären allmächtig – hätten Sie den Planeten eierförmig und die Umlaufbahn um die Sonne wie eine Ellipse gestaltet? Mit all den Folgen, die das für eine Spezies wie den Menschen und für die ganze Natur hat, eine Natur, die auf eine gewisse Stabilität der Umweltbedingungen angewiesen ist?

Eierförmig ist der Planet und elliptisch ist die Umlaufbahn aufgrund von Naturgesetzen, die wir doch selbst erst erschaffen haben. Warum also lassen wir uns von solchen Kleinigkeiten aus dem Takt bringen?

Aber mal davon abgesehen: Diesen Planeten als einen zu beschreiben, der für den Menschen geschaffen sei – das ist, gelinde gesagt, absurd. Würde man den Auftrag haben, einen fiesen, kleinen, gemeinen Popelplaneten zu erschaffen, der so ziemlich alles hat, um das Leben für die Krone der Schöpfung so unangenehm wie möglich zu gestalten, dann wäre die Erde eine prima Betastudie. Dieser Planet ist für das Leben im Allgemeinen, für menschliches Leben aber im Besonderen nicht nur nicht perfekt. Im Gegenteil müsste man bei genauerer Betrachtung eigentlich feststellen, dass dieser Planet höheres Leben mehr schlecht als Recht zulässt und man höchstens behaupten kann, dass er es zumindest nicht sofort zerstört.

Unser Planet. Erde. Schon der Name ist komisch gewählt – die Erde. Die „Wasser“ wäre treffender, wie Isaac Asimov bemerkte, denn unsere Heimat besteht aus mehr Meer als aus Land.

Und im Meer kann der Mensch nicht überleben. Das ist jetzt blöd organisiert, denn wir werden schließlich immer mehr – gemäß unserem Auftrag „Seid fruchtbar und mehret euch und reget euch auf Erden“[54] – und ja, ich rege mich. Auf. Das hier soll Perfektion sein? Wie wäre es denn dann mal mit ein paar Kiemen? Vielleicht könnte Herbert Grönemeyer dann singen? Aber darum geht es nicht. Es geht darum:

Es ist ja nicht einmal Süßwasser, was da so über unseren Heimatplaneten schwappt, es ist untrinkbares Salzwasser. Es ist versetzt mit allen möglichen unbrauchbaren Stoffen, die dafür sorgen, dass wir verdursten, wenn wir davon trinken. Salzwasser ist schlimmer als Kamillentee. Wenn wir es trinken, müssen all unsere Körperzellen das Wasser, das sie schon haben, dazu benutzen, die vielen zusätzlichen Salze abzutransportieren. Auch ist unsere Haut nicht dafür gemacht, sich länger als ein paar Stunden in diesem Wasser aufzuhalten und sogar, wenn man dieses viele Wasser mal genießen möchte, wenn man in Cuxhaven mal baden gehen will, ist in dem Moment bestimmt grad Ebbe.

Tatsächlich besteht der größte Teil der Oberfläche unseres Planeten aus Wasser, alle Landmassen zusammen kommen auf weniger als 30%[55].

Aber selbst auf Land kann man nicht unbedingt behaupten, dass der Mensch wirklich willkommen wäre. Ein überwiegender Teil der Landflächen ist zu kalt, zu heiß, zu hoch, zu steinig, zu gefährlich, zu trocken, zu feucht, zu giftig, zu sandig oder zu steil, als dass dort Menschen leben könnten, und ein noch kleinerer Teil ist landwirtschaftlich nutzbar. Tatsächlich sind es, wenn man von der ganzen Erde ausgeht, nur wenige Prozent der Fläche auf der die Menschen[56] – oftmals nur mit Ach und Krach – leben können. Da sind die nur halbwegs bewohnbaren Steppen und die Tundra schon mit eingerechnet, und Bayern auch. Alles in allem ist dies hier ein erstaunlich nutzloser Planet.

Aber es ist der einzige, den wir haben.

Wenn es doch nur ein kleinwenig mehr Wasser gäbe.

Also nicht: Meerwasser. Mehr Wasser! Und zwar Trinkwasser. Die Reserven hier sind, so sie nicht im Eis gebunden sind, recht gering. Um nicht zu sagen erschreckend wenig. Die Problematik des fehlenden Trinkwassers ist vielen nicht so bewusst wie die Endlichkeit der Ölreserven, und das ist einfach zu und zu komisch – immerhin hat Wasser im Allgemeinen ja ein viel besseres Image als Öl. Vielleicht wegen der weiten Sicht auf See, oder weil es bei uns stets aus der Leitung kommt, haben sich viele Menschen diese Krux noch gar nicht so richtig bewusst gemacht – aber es fehlt, das Wasser, und zwar so ziemlich überall[57]. Wasserwiederaufbereitung ist sündhaft teuer und kompliziert, und die Menge an Frischwasser auf der Welt ist bei einer steigenden Weltbevölkerung erstaunlich knapp. Viele dursten jetzt schon, und diese Leute werden das Fehlen des Wassers unter Umständen gar nicht einfach zu und zu komisch finden. Dieses Problem wird sich in Zukunft exponentiell steigern. Eigentlich macht die Erde eher den Eindruck, als seien die Menschen hier gar nicht vorgesehen. Schon gar nicht so viele. Wenn man wie im letzten Kapitel erneut aus Europa, aus Amerika einmal einen Blick hinauswirft, stellt man fest, wie schwer das Leben sein kann – nicht nur im Weltraum, sondern hier auf Erden. Und da die Kreationisten ja gerne auch in Entwicklungsländern missionieren, kann ich mir die Situation geradezu bildhaft vorstellen, wie der Herr Missionar zu einem Kind, das gerade verdurstet, hingeht und sagt: Schau dich doch nur mal um! Wie perfekt der Herr alles eingerichtet hat, wie paradiesisch diese Welt ist, alles passt zueinander und ist wie für den Menschen geschaffen…! Wobei dies zynisch klingen mag, aber nicht so gemeint ist, denn es ist Realität – tatsächlich arbeiten evangelikale Missionare momentan mit Vorliebe in den ärmsten Regionen der Welt und fundamentalistische Ideen breiten sich gerade auf der Südhalbkugel zurzeit noch schneller aus als hier in Europa.

Überhaupt sind die Ressourcen auf unserem Planeten recht stark begrenzt. Die vollen Supermarktregale und die funktionierende Stromversorgung in der westlichen Welt lassen schnell vergessen, dass einige wichtige Ressourcen hier langsam echt knapp werden – und was für Folgen das haben wird. Für jede Plastiktüte, die wir wegwerfen, wurde Öl[58] verbraucht, und Öl ist für sehr viel mehr Dinge notwendig als nur das Autofahren. Ohne Öl wird es keine Tabletten mehr geben, keine Dichtungen für Rohre, keine elektrischen Anlagen, Isolationsstoffe und keine Petrochemie. Letztere ist die Grundlage für Farben und Lacke, Arzneimittel, Wasch- und Reinigungsmittel und einiges mehr. Sogar Karl-Theodor zu Guttenberg macht sich schon Sorgen um seine Frisur.

Auch die sogenannten Seltenen Erden zeichnen sich nicht nur dadurch aus, dass wir sie unbedingt brauchen für vieles, was wir im Alltag benutzen – von Computern bis zum Telefon, vom Elektroherd bis zum Radio – sondern vor allem dadurch, dass sie ihren Namen absolut zurecht tragen: Sie sind verdammt selten.

Es ist sicher nicht notwendig, dass wir hier eine vollständige Liste machen mit Dingen, die auf unserem Planeten wirklich knapp werden – wer interessiert ist an der Frage, was es alles schon jetzt nicht mehr gibt und was demnächst ausverkauft sein wird, der schaue in die entsprechenden Statistiken der UNO, bei Greenpeace, beim B.U.N.D. und anderen entsprechenden Quellen. Nein, was die Ressourcen angeht, ist die Erde nicht gerade reich. Wir sind zu viele, verbrauchen zu viel und haben zu wenig. Das Leid der Menschen ist schon heute unerträglich. Schaut man aus Europa und den USA heraus, stellt man schnell fest, was für ein widerlicher Drecksplanet die Erde sein kann. Von den Unannehmlichkeiten, die uns dieser Planet darüber hinaus noch bietet mal ganz zu schweigen.

Auch hier, wo wir fließend Wasser und Tiefkühlpizza haben, ist das Leben alles andere als optimal. Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, wo keine Gefahr droht. Erdbeben gibt es fast überall, und ihre Folgen sind für einen perfekten Planeten nicht ohne.

Haben Sie einmal Bilder von verschütteten Menschen, von zerquetschten Gliedmaßen und abgerissenen Körperteilen gesehen? Nicht, dass wir uns falsch verstehen – das sind keine Folgen menschlicher Sünde, von Kriegen, Terror oder Unfällen. Es sind die Folgen von Geschehnissen, für die alleine der Planet verantwortlich ist. Ein perfekter Planet muss keine Erdbeben haben, sie bringen keine Vorteile und sind in einem Design von Grund auf an sogar unnötig. Und doch töten Erdbeben Jahr für Jahr bis zu 320.000 Menschen[59], und zwar auf undenkbar grausame Art und Weise. Für viele andere, die nicht tot, sondern nur verletzt und verstümmelt sind, ist es ebenfalls eine furchtbare Katastrophe. Es muss nicht jedes Mal ein Atomkraftwerk in die Luft fliegen, um schrecklich zu sein. Wie viele Leute verlieren Jahr für Jahr ihr Haus, ihr Eigentum und einzigen Besitz, und haben noch jahrelang an den Folgen eines einzigen Bebens zu leiden.

Aus geologischer Sicht sind Erdbeben natürlich eine sinnvolle Sache, sie sind das Ergebnis plattentektonischer Verschiebungen – und die Plattentektonik ist, mehr als man denkt, verantwortlich für das Gedeihen des Lebens auf der Welt. Aber eben nur im Kontext eines wissenschaftlichen Weltbildes, nur, wenn man die Evolution und die Geologie versteht. Durch die Plattentektonik wird der sogenannte große Kohlenstoffkreislauf[60] in Gang gehalten, und ohne diesen wäre Leben auf der Erde unmöglich, weil der Planet in einer Höllenhitze verschmoren würde. Dann wäre hier niemand, der sich fragen würde, warum es Erdbeben gibt.

In einer geschaffenen Welt, in einer Welt, die von einem Schöpfer ein gutes Design bekommen hat, sind Erdbeben allerdings nicht notwendig. Nun könnten einige Halbkreationisten[61] natürlich auf den Gedanken kommen zu argumentieren, dass der Schöpfer um die Notwendigkeit von Erdbeben für die Entstehung und den Erhalt des Lebens wusste. Einige Opfer jedes Jahr sind nun mal notwendig für den großen Plan, für das große Ganze. Gott hat also die Plattentektonik entworfen und damit Erdbeben als unausweichliches Übel in Kauf genommen, um den Menschen letzten Endes das Dasein zu ermöglichen. Er konnte gar nicht anders.

Aber ist er nicht allmächtig? Ist Gott gezwungen, solche Kompromisse einzugehen? Schöpfte er wirklich sieben Tage so vor sich hin, nur um dann festzustellen:

„Och nööö, jetzt ist so viel CO2 in der Luft. Wir brauchen eine Plattentektonik, um das in den Griff zu bekommen. Verdammter Mist[62], dann gibt’s ab und an Erdbeben. Aber naja, irgendwas ist ja immer…“

Er konnte Eva aus einer Rippe und Adam aus dem Nichts schöpfen, einfach, indem er sie in die Existenz sprach, aber er konnte den Kohlenstoff nicht einfach verhindern? Oder unschädlich machen? Und deswegen leiden heute Hunderttausende regelmäßig an den Folgen von Erdbeben? Dies ist, wenn man die Idee des Intelligent Design ernst nimmt, die Schlussfolgerung.

Und was ist mit anderen Naturkatastrophen, etwa mit Tsunamis und Hochwasser, die keinesfalls immer auf Vorgänge zurückzuführen sind, die den Erhalt des Lebens gewährleisten? Tsunamis entstehen nicht nur durch Unterwasserbeben, sondern auch durch Erdrutsche und andere Katastrophen, die nichts mit dem Kohlenstoffkreislauf zu tun haben[63]. Wofür sind diese gut? Ertrinkende Menschen, Menschen, die in Fluten durch mitgeschwemmte Trümmer zerquetscht werden, sind auf diesem Planeten keine Seltenheit, nicht nur in Zeiten der Sintflut. Wer sich im Angesicht der Gefahren auf diesem Planeten – Hurrikane, Lawinen, Strudel – wirklich einen „perfekten“ Planeten vorstellt, sollte sich einmal mit den Opfern solcher Ereignisse unterhalten. Ein perfekt für den Menschen ineinanderpassendes System ist dieser Planet jedenfalls nicht. Oder man argumentiert als Kreationist damit, dass diese Naturkatastrophen Strafen für Sünder seien. Wenn man dies allerdings ernsthaft in Erwägung zieht, sollte man daran denken, dass solche Vorfälle regelmäßig alle möglichen Regionen treffen und Menschen aller Religionen töten. Statistisch ist keine Bevorzugung bestimmter Gebiete und Glaubensrichtungen festzustellen. Außerdem sterben bei solchen Ereignissen regelmäßig auch Babys, Kinder, Jungfrauen und nicht zu vergessen Tiere auf qualvolle Weise. Was also bringt den gütigen Schöpfer von Allem und Jedem dazu, uns dieser ständigen Folter auszusetzen? Hat er damit erst angefangen, nachdem Eva sich von der Schlange verführen ließ – und war demnach dies alles für den Erhalt des Planeten vorher noch nicht notwendig – oder war diese Folter von Anfang an Teil seines Konzepts?

Es ist ja gerade die Behauptung des Intelligent Design, dass alle Systeme die beobachtbar seien, perfekt funktionieren würden[64]. Die funktionieren aber nur dann perfekt, wenn man die Vernichtung von Leben als Ziel definiert. Auf einem Planeten ohne Ziel, ohne Sinn mag dies eine Beobachtung sein, die einen nicht weiter in Erstaunen versetzt. Auf einem Planeten, der intelligent designt wurde aber muss man sich schon diese Frage stellen: Gab es nach dem Sündenfall hier massive Umbaumaßnahmen, um Tiere und Menschen zu ärgern – das richtige Wort wäre eigentlich: quälen - oder wäre die Schöpfung auch ohne den Sündenfall derart deutlich zum Töten ausgelegt? Denn im ersten Fall laufen die Argumente des Intelligent Design ins Leere, weil sie sich nicht mehr auf die tatsächlichen Beobachtungen beziehen und somit nicht mehr sind als ein Glaube – was das Intelligent Design ja ausdrücklich zu widerlegen sucht. Im zweiten Fall sticht das Argument des Kreationismus von vornherein nicht mehr.

Ich habe hier bisher ja keinesfalls alle Arten von Naturkatastrophen aufgeführt, der Leser sei gerne eingeladen, seine eigene Fantasie und die Erinnerung an die letzte Tagesschau zu bemühen. Möglichkeiten zur Qual bietet dieser perfekte Planet auf jeden Fall genug. Alles spielt tatsächlich perfekt ineinander – wenn man eine perfekte Folterkammer für einen möglichst großen Teil der Menschheit zum Ziel hat. Nehmen wir nur einmal die regelmäßigen Vulkanausbrüche als Beispiel.

Im Inneren der Erde wabert glutflüssiges Gestein hin und her, frisst sich ab und an an verschiedenen Stellen bis zur Erdoberfläche durch und tritt dort aus. Dass dort Tiere und Menschen und gegebenenfalls ganze Städte begraben werden, sich mikroskopisch feiner Staub über große Flächen ausbreitet, die zu einem qualvollen Tod führen, wenn man sie einatmet, ist dem Herren natürlich egal. Manchmal will so ein Arschloch es eben auch richtig knallen lassen[65]. Dann verteilt sich Asche über die Welt bis in höchste Atmosphärenschichten. Es kann sich soviel Kraft anstauen, dass glühend heiße Gesteinsbrocken noch kilometerweit entfernt niederregnen. All diese Folgen und das Leid durch Vulkanausbrüche kann sich der Leser selbst vorstellen, ausmalen und auf sich wirken lassen. Aber es kommt noch etwas dazu.

Vulkanausbrüche – wie auch Blitze – lenken unseren Blick auf ein noch grundsätzlicheres Problem in dieser Schöpfung. Durch Vulkanausbrüche und Blitze können durch die entstehende Hitze Feuer ausbrechen. Nun hält man dies vielleicht zunächst nicht für etwas Besonderes und manch ein Raucher wird im Gegenteil der Meinung sein, er genieße die Existenz von Feuer. Aber warum genau bricht auf dieser Welt immer und überall so leicht Feuer aus?

Die Antwort ist einfach: Des Sauerstoffs wegen. Das ganze System des Lebens auf diesem Planeten basiert auf Sauerstoff. Und das ist nicht unbedingt die beste Idee eines Designers. Im Gegenteil. Sauerstoff ist ein hochaggressives Gas, das andere Elemente angreift und zerstört[66]. Ein wenig Sauerstoff in der Atmosphäre zu haben wäre vielleicht ganz gut, aber in dieser Schöpfung spielt Sauerstoff eine viel zu entscheidende Rolle. Die Zellen höherer Lebewesen nutzen den Sauerstoff, um ihren Stoffwechsel zu beschleunigen, aber durch genau dieses System altert die Zelle und wird langsam zerstört – Atemzug für Atemzug. Chemisch wäre die Umwandlung von Nährstoffen in Energie auch anders zu lösen gewesen, aber der Designer entscheidet sich für Sauerstoff. Dieses Grundprinzip erfordert es nun, dass in jeder Zelle Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden müssen, die dafür sorgen, dass der Abbau der Nährstoffe langsam und stetig voranschreitet – Sauerstoff ist so aggressiv, dass es sonst zu einer Zerstörung der Zelle kommen würde, besonders in Gegenwart von Wasser. Gleichzeitig greift der Sauerstoff alles an, was mit Luft in Berührung kommt, und zum Ausgleich sorgt es sogar, wie oben beschrieben, für eine übertrieben große Brandgefahr auf dem gesamten Planeten. Weniger Sauerstoff, weniger Brände, weniger Zellgift, weniger Leid, weniger Mutation, weniger Evolution, mehr Effizienz. Es ist wirklich ein saurer Stoff, auf den dieses Design basiert.

Nein, das Leben in dieser Schöpfung auf das Fundament dieser Substanz zu stellen war keine gute Entscheidung des Designers. Es fällt Lebewesen wie uns Menschen zunächst vielleicht schwer, den Sauerstoff, den wir so dringend benötigen und der uns wie ein Lebenselixier vorkommt, als etwas Schlechtes zu begreifen – immerhin sind wir dergestalt designt und layoutet[67] – aber objektiv betrachtet ist dies bei all den entstehenden Gefahren und Folgen die schlechteste Idee, die ein Designer haben konnte. Oder die beste Idee, wenn er absichtlich und willentlich unnötiges Leid für alle seine Lebewesen im Sinn hatte. Und dafür spricht einiges:

Es sind auch nicht nur die ewigen Katastrophen und die Feuer, die diesen Planeten zur Hölle machen. Radioaktive Strahlung in Gesteinen, unsichtbar und unmerklich – und tödlich – gibt es an viel zu vielen Orten der Welt. Und es steht gemeinhin nicht einmal ein Hinweisschild in der Nähe, welches einem sagen könnte, dass an dieser Stelle der Welt bitte keine Menschen leben sollten. Oder wenigstens nur Ungläubige. Ganze Städte sind auf Gesteinsschichten errichtet, die Gefahren bergen, sei es in der Art einer höchst ungesunden Strahlung oder einer Erdbebenverwerfungszone. Und wo die Erde nicht ordentlich mitspielt, finden Wirbelstürme statt oder das Land ist unfruchtbar. Wenn es einen Plan für diesen Planeten gibt, dann ist es ein Todesplan.

Und dies keinesfalls nur im lokalen Maßstab. Auch global bietet die Erde kein beständiges, schönes Plätzchen für die Krone der göttlichen Schöpfung. Das Klima auf unserem Planeten ist alles andere als stabil – und das schon seit Milliarden Jahren und ganz ohne Zutun der Menschheit. Sicherlich ist es an dieser Stelle nur ein kleines Sahnehäubchen, dass Gott uns Menschen dergestalt geschaffen hat, dass wir wie blöd auf Öl und andere fossile Brennstoffe abfahren und es uns angewöhnt haben, sie zu verbrennen, als gäbe es kein Morgen. Ein wenig mehr Vorsicht oder Umsichtigkeit hätte er hier schon in die Masse der Menschen hineinschöpfen können. Also in die Gehirnmasse. Aber ganz unabhängig von unserem eigenen Einwirken in das Klimageschehen ist dieses nicht so sonnig-halbklar-mitteltemperiert wie unsere Wetter-App auf dem Handy es uns morgens stets prophezeit. Auch ohne menschliches Zutun schwankt das Klima auf der Welt zwischen arschkalt und höllenheiß, und der Mensch ist nicht dahingehend designt, solche Temperaturen auszuhalten. Wir leben momentan in einer kurzen Zeit eines gemäßigten Klimas, geologisch gesprochen in einer der wenigen Warmperioden innerhalb einer Eiszeit[68]. Alles andere wäre auch nichts für uns.

Es wird nicht so bleiben. Viel zu abhängig ist unser Klima von den unterschiedlichsten Variablen. Vom mittleren Abstand zur Sonne in einem Jahr – welcher sich stetig verändert – über das Kohlendioxid in der Luft bis zur Neigung der Erdachse, welche ebenfalls in Bewegung ist und die Lage der Kontinente spielen vielerlei Faktoren zusammen, die das Klima unseres Planeten verändern. Wir leben diesbezüglich auf Messers Schneide, und haben vom gütigen Schöpfer nicht einmal ein Gespür für diese Wackelangelegenheit mitbekommen – wir verschlimmern die Situation durch unser Handeln nur noch mehr[69].

Der Golfstrom ist Teil der globalen thermohalinen Zirkulation und transportiert Wärmeenergie vom Äquator nach Europa. Ohne diesen Wärmeaustausch auf dem Planeten wären große Teile der Nordhalbkugel gefroren. Man könnte ein solches System wie das System eines Designers bewerten, wenn es nur nicht so instabil wäre. Ursache und Motor für die Strömung sind die Unterschiede im Salzgehalt und damit in der Dichte von unterschiedlich temperiertem Wasser. Wird nun die Erde ein wenig wärmer und schmelzen Eismassen an den Polen nur ein kleinwenig, so ergießt sich eine Menge Süßwasser ausgerechnet an jene Stellen der Erde, die den Golfstrom in Gang halten; ein Abbruch der Ströme kann mitunter sehr plötzlich in einem Zeitraum von 10-15 Jahren passieren. Änderungen in der Strömungsgeschwindigkeit und den Richtungen der verschiedenen weltweiten Ströme hat es zu jeder Zeit in der Geschichte des Planeten gegeben und in seiner Folge kam es immer wieder zu Eiszeiten, Hitzeperioden und Klimaveränderungen. Das System ist ausgeklügelt – wenn man nur den Moment betrachtet. Im großen Maßstab hingegen ist dieses System höchst störanfällig und auch kleine Veränderungen haben gegebenenfalls große Wirkungen, wie bei einer Stricknadel, die man auf ihrer Spitze balancieren lässt, und die auf jeden noch so kleinen Windhauch massiv reagiert. Das schöne, mitteltemperierte Klima, das wir Menschen für so stabil halten, existiert seit wenigen 1000 Jahren. Und um die Sache ein wenig spannender zu machen, hat der Herr gleich noch auf Messers Schneide stehende Todesfallen mit eingebaut. Zum Beispiel Methan[70].