Gott ist kein Christ - Desmond Tutu - E-Book

Gott ist kein Christ E-Book

Desmond Tutu

4,8

Beschreibung

Kraftvoll, leidenschaftlich und provokativ äußert sich Erzbischof Desmond Tutu zu kontroversen politischen, sozialen und religiösen Themen und zeigt, dass Religion und Gesellschaft in diesen schwierigen Zeiten untrennbar verknüpft sind. Das Buch resümiert Tutus lebenslanges Engagement für Vergebung und Gerechtigkeit, Toleranz und Respekt unter den Religionen und den Wert der Menschenrechte. Die Einführung des Herausgebers John Allen geht auf die bleibende Bedeutung der Worte Tutus ein. "Gott ist kein Christ" verdeutlicht, warum Desmond Tutu als einer der angesehensten, beliebtesten und entschiedensten Aktivisten für den Frieden gilt und warum die Welt Menschen wie ihn unbedingt braucht.

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Cover

Haupttitel

Inhalt

Über die Autoren

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Desmond Tutu

Gott ist kein Christ

Mein Engagement für Toleranz und GerechtigkeitAus dem Englischen übersetzt von Michael JosupeitHerausgegeben von John Allen

Patmos Verlag

Inhalt

Vorwort

Vorwort des Herausgebers

Anwalt für Toleranz und Respekt

Kapitel 1Gott ist eindeutig kein Christ

Plädoyers für interreligiöse Toleranz

Kapitel 2Ubuntu

Über das Wesen der menschlichen Gemeinschaft

Kapitel 3Keine Zukunft ohne Vergebung

Ein radikales Programm zur Versöhnung

Kapitel 4Wie sieht es mit der Gerechtigkeit aus?

Argumente für eine restaurative Gerechtigkeit

Kapitel 5Unsere wunderbare Verschiedenheit

Warum wir den Unterschied feiern sollten

Kapitel 6Alle, alle sind Gottes Kinder

Über die Einbeziehung von Schwulen und Lesben in Kirche und Gesellschaft

Der internationale Vorkämpfer für Gerechtigkeit

Kapitel 7Frieden ist erschwinglicher als Unterdrückung

Über die DemokratieAfrikaDemokratie und in Afrika

Kapitel 8Passt auf! Passt auf!

Über Hoffnung und Menschenrechte in Konfliktsituationen

Kapitel 9Unser Heil kommt von den Juden

Über den israelisch-palästinensischen Konflikt

Stimme der Sprachlosen in Südafrika

Kapitel 10Warum Schwarz?

Eine Verteidigung der schwarzen Theologie

Kapitel 11Ich stehe hier vor Ihnen

Warum Christen sich in die Politik einmischen müssen

Kapitel 12Zutiefst diabolisch

Appell an die Moral eines Mitchristen

Kapitel 13Unbiblisch, unchristlich, unmoralisch und böse

Wenn menschliche Gesetze mit dem Gesetz Gottes kollidieren

Südafrikas Gewissen

Kapitel 14Wir müssen den Scheinwerfer auf uns selbst richten

Über Hass, Rache und die Kultur der Gewalt

Kapitel 15Nichts zu eurer Beruhigung

Eine Kritik an Wegbegleitern und Freunden

Kapitel 16Was ist nur mit dir geschehen, Südafrika?

Der Preis der Freiheit ist die ewige Wachsamkeit

Anmerkungen

Gott segne unsere WeltBehüte unsere KinderLeite unsere FührerUnd gebe uns FriedenUm Jesu Christi willen.AmenDesmond Tutu, frei nach einem Gebet von Trevor Huddleston

Vorwort

Manche meiner Freunde werden skeptisch sein, wenn sie mich das sagen hören, aber von Natur aus bin ich ein Mensch, der die Konfrontation ablehnt. Während meines ganzen Lebens habe ich sehr bewusst versucht, meiner Mutter nachzueifern, die in unserer Familie als liebevolle »Trösterin der Bedrückten« bekannt war. Wenn ich jedoch sehe, dass unschuldige Menschen leiden, von den Reichen und Einflussreichen herumgestoßen werden, und wenn ich dann versuche – wie es der Prophet Jeremia formuliert –, meinen Mund zu halten, dann ist es, als ob das Wort Gottes wie ein Feuer in meiner Brust brennt. Ich fühle mich gezwungen, den Mund aufzumachen, manchmal sogar mit Gott darüber zu streiten, wie ein liebender Schöpfer zulassen kann, dass so etwas geschieht.

Als ich vor einiger Zeit meinen Rückzug aus dem öffentlichen Leben bekanntgab, sagte ich, dass ich das Tempo nun etwas herausnehmen und mehr Zeit dem Lesen und Schreiben, dem Beten und Nachdenken und meiner Familie widmen wolle. Außerdem äußerte ich, dass ich mich – abgesehen von einigen Aktivitäten, die mit meiner Stellung als Nobelpreisträger zusammenhängen und die ich weiterhin verfolgen werde – mehr aus der Öffentlichkeit zurückziehen und Journalisten auch keine weiteren Interviews geben werde.

Im Blick auf die Sammlung dessen, was ich in den letzten vierzig Jahren gesagt und geschrieben habe, habe ich erkannt, wie schwierig es für mich sein wird, den Mund zu halten (und mich daran erinnert, wie sexistisch meine Sprache war, als ich jung war!). Denn wenn ich das Leiden, den Schmerz und den Konflikt sehe und davon lese, die Gottes Volk immer noch ertragen muss, dann schreien seine Erfahrungen förmlich nach der leidenschaftlichen Einmischung von Menschen des Glaubens, die die Werte des Reiches Gottes vertreten.

Niemand ist unersetzlich, das gilt nicht zuletzt auch für mich, und was mir so kurz vor meinem achtzigsten Geburtstag Hoffnung und Zuversicht verleiht, ist die erstaunliche Leidenschaft für Gerechtigkeit und Frieden, die ich bei den Begegnungen mit und den Reden vor Abertausenden von jungen Menschen in der ganzen Welt erfahren habe, in diesen ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Wenn ich ihr Maß an Hingabe vor Augen habe, dann weiß ich, dass die Welt in guten Händen ist.

Desmond Tutu, April 2011

Vorwort des Herausgebers

Könnte man die Gründe, warum Desmond Tutu zu einem der bekanntesten Vertreter einer auf dem Glauben beruhenden sozialen Gerechtigkeit und einer religiösen Toleranz geworden ist, auf eine einzige, prägnante Aussage reduzieren, dann auf diese: seine leidenschaftliche und kompromisslose Entschlossenheit, die Wahrheit so zu sagen, wie er sie sieht.

In den frühen Jahren seines öffentlichen Lebens machte ihn sein Mut, sich in einer Zeit, in der die meisten politischen Leitfiguren Südafrikas im Gefängnis saßen, im Exil, verbannt oder aber der Folter ausgesetzt waren und ermordet wurden, erzürnt und furchtlos gegen die Apartheid auszusprechen, in den Augen der meisten schwarzen Südafrikaner zu einem Helden. Aber das machte ihn auch, wie Nelson Mandela später schrieb, zum »Staatsfeind Nummer 1« für die meisten Weißen – zum verhassten Objekt von Todesdrohungen und, wie erst im Nachhinein deutlich wurde, zu einer Reihe von Attentatsversuchen auf sein Leben.

Dies änderte sich nach der Freilassung Mandelas und dem Wandel zur Demokratie, als Tutu sowohl zu einem wachsamen Kritiker seiner Freunde als auch seiner ehemaligen Gegner im Kampf gegen die Apartheid wurde, wie er es bereits bei ihren Vorgängern in der Regierung war. Gleichzeitig nutzte er seine Referenzen aus der Anti-Apartheid-Zeit, um seinen Einsatz auf Afrika und die Welt auszuweiten, in Situationen von politischer Ungerechtigkeit und Unterdrückung, vom marxistischen Äthiopien und vom westlich ausgerichteten Zaire bis in den Nahen Osten und Panama, das unter Militärrecht stand.

Aber dort macht er nicht Halt: Die Werte, die die Grundlage seines Eintretens darstellten – vorgezeichnet durch seinen Glauben und von der Vision einer geeinten Menschheit, getragen vom afrikanischen Geist des Ubuntu (»Ein Mensch ist nur ein Mensch durch andere Menschen«) –, ließen ihn zu einem Vorkämpfer gegen die Intoleranz im Allgemeinen werden, der sich für eine interreligiöse Verständigung und Kooperation aussprach, gegen einen religiösen Fundamentalismus und gegen die Verfolgung von Minderheiten wie den Schwulen und Lesben. Seine Offenheit und Bereitwilligkeit, das zu benennen, was sich nach außen hin als Häresie darstellte, haben ihn zu einem bewunderten Vorbild und zu einem Blitzableiter bei Auseinandersetzungen werden lassen – einem Mann, der an einem Tag zu einem Held der Massen stilisiert wurde und am nächsten zur Auseinandersetzung mit einem mörderischen Mob gezwungen war.

Während der 35 Jahre seines Dienstes, die ich mitverfolgen konnte, in den Straßen und den Stadien Südafrikas – wo er die Stimmung der Menschen durch seine mitreißende Rhetorik einfing, die Wut in kreative Bahnen lenkte und die Gewaltbereitschaft dämpfte – oder in abgeschotteten Treffen mit Diktatoren, westlichen Staatslenkern oder Zionisten, die erbost waren, weil er sich mit den Palästinensern solidarisch fühlte, konnte ich erkennen, dass er gerade dann zur Hochform aufläuft, wenn er mit den härtesten, schwierigsten Situationen konfrontiert wird. Gerade dann, wenn man ihn auffordert, seine unpopulärsten Botschaften zu überbringen – manchmal gegenüber seinen Widersachern, mitunter aber auch gegenüber seinen Freunden –, bringt er seine Werte, seine Ideale und seinen Glauben am kraftvollsten und überzeugendsten zum Ausdruck.

Meine Hoffnung ist, dass dieser Band die ganze Persönlichkeit Desmond Tutus widerspiegelt. Als eine Folge von Texten, die eher ein Leben im Einsatz wiedergeben als die tiefen Gedanken eines Gelehrten, ist hier eine disparate Menge an Material zusammengeführt: Einwürfe aus dem Stegreif, Antworten auf die Fragen von Journalisten, Briefe, sowohl gekürzte als auch ausführliche Auszüge aus Reden, Predigten sowie anderen Schriften, die nur dort gekürzt und bearbeitet wurden, wo es nötig erschien.

John Allen

Anwalt für Toleranz und Respekt

Kapitel 1Gott ist eindeutig kein Christ

Plädoyers für interreligiöse Toleranz

Nichts versinnbildlicht Desmond Tutus Radikalismus (radikal hier in dem, wie er es zu sagen pflegt, ursprünglichen Sinn, zu den Wurzeln einer bestimmten Sache zu gelangen) besser, als seine Ansichten über die Beziehung seines Glaubens zu den Glaubensüberzeugungen anderer. Dieses Kapitel vereint Ausführungen, die er bei vier verschiedenen Gelegenheiten vorgetragen hat. Sie offenbaren eine erfrischende, inspirierende und ja, auch radikale Perspektive, die besonders für die Welt nach 9/11, dem 11. September 2001, von Bedeutung ist.

1

Bei dem ersten Text handelt es sich um einen Auszug aus einer Predigt in der Kirche St. Martin in the Fields am Trafalgar Square, London, während eines Treffens der Führer der Anglikanischen Kirchen in der Welt, nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges. Darin verweist er auf die Schriften des Christentums als Basis seines Handelns.1

Es ist doch bemerkenswert, dass Jesus im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter keine einfache Antwort auf die Frage liefert: Wer ist denn mein Nächster? (Lukas 10,29). Sicher hätte er eine Liste jener Personen aufzählen können, die der Schriftgelehrte liebte wie sich selbst, so wie es das Gesetz forderte. Er tat es nicht. Stattdessen erzählt er eine Geschichte. Fast scheint es so, als ob Jesus unter anderem darauf hinweisen wollte, dass das Leben doch ein wenig komplizierter ist; es besitzt zu viele Ambivalenzen, ist zu mehrdeutig, um immer gleich eine einfache und vereinfachende Antwort zu ermöglichen.

Das ist eine große Gnade, denn in Zeiten wie diesen, die wir jetzt erleben – Zeiten der Veränderung, in denen viele der gewohnten Grenzsteine versetzt wurden oder ganz einfach verschwunden sind – sind die Menschen verunsichert; sie sehnen sich nach unzweideutigen, einfachen Antworten. Wir sind anscheinend verängstigt durch die Unterschiede im ethnischen Bereich, in den religiösen Glaubensüberzeugungen, in politischen und ideologischen Anschauungen. Wir legen eine Ungeduld an den Tag, bei allem und jedem, der oder das uns suggeriert, es könnte noch eine andere Perspektive, einen anderen Weg geben, eine Sache zu betrachten, eine andere Antwort, die es lohnt zu entdecken. Es herrscht eine Sehnsucht nach der Geborgenheit im Schoß einer sicheren Gleichheit, und so schließen wir den Fremden und den Ausländer aus. Wir halten bei jenen nach einer Sicherheit Ausschau, die uns mit Antworten versorgen, die unangreifbar sein müssen, weil es niemandem erlaubt ist, davon abzuweichen, sie infrage zu stellen. Es besteht ein Verlangen nach Homogenität und gleichzeitig eine Allergie gegen das Unterschiedliche, das Andere.

Nun scheint Jesus dem Schriftgelehrten zu sagen: »He! Das Leben ist wesentlich bereichernder, wenn du versuchst, die Bedeutung deines Glaubens herauszuarbeiten, anstatt in der Routine weiterzuleben, mit ihren vorgefertigten Antworten aus zweiter Hand, die ein unveränderliches Paradigma einer veränderlichen, unbeständigen, verwirrenden und doch faszinierenden Welt überstülpen.« Unser Glaube, unsere Erkenntnis, dass Gott das Sagen hat, muss uns bereit machen, Risiken auf uns zu nehmen, wagemutig und innovativ zu sein; ja, sich zu trauen, dort zu gehen, wo die Engel sich fürchten, einen Fuß hinzusetzen.

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Diese Rede stammt ebenfalls von einem Forum in Großbritannien; Tutu richtete sie an führende Persönlichkeiten verschiedener Religionen während einer Reise nach Birmingham.

Es gibt die Geschichte über einen Betrunkenen, der die Straße überquerte, einen Fußgänger ansprach und ihn fragte: »Tschulligung, wo is die anere Straaßenseide?« Der Fußgänger, leicht verwirrt, antwortete: »Die Seite da drüben natürlich!« Darauf der Betrunkene: »Komischsch. Aals ich da drübn war, ham sie mir gesagt, die wär hiier.« Wo die andere Seite der Straße ist, hängt ganz davon ab, wo wir uns gerade befinden. Unsere Perspektive unterscheidet sich von unserem Umfeld, den Dingen, die uns bei unserer Entwicklung behilflich waren; und Religion ist einer der mächtigsten unter diesen formenden Einflüssen, die uns dabei helfen festzulegen, wie wir und was wir von der Wirklichkeit wahrnehmen und wie wir in unserem speziellen Kontext agieren.

Mein erster Punkt scheint auffallend einfach zu sein: Die Umstände unserer Geburt und unserer geographischen Beheimatung bestimmen zu einem wesentlichen Teil darüber, welchem Glauben wir angehören. Die Chancen stehen sehr gut, dass Sie ein Muslim sind, wenn Sie in Pakistan geboren wurden, oder ein Hindu, wenn Ihre Geburt in Indien stattfand, oder ein Schintoist, wenn es Japan war, und ein Christ, wenn Sie in Italien auf die Welt kamen. Ich weiß nicht, welches Fazit sich daraus ziehen lässt – vielleicht, dass wir nicht zu schnell der Versuchung erliegen sollten, daraus exklusive und dogmatische Ansprüche für ein Monopol der Wahrheit unseres partikulären Glaubens zu folgern. Wie leicht hätten Sie ein Anhänger des Glaubens sein können, den Sie jetzt gering schätzen, wenn Sie hier statt dort geboren wären.

Mein zweiter Punkt lautet: Beleidigen wir nicht die Anhänger anderer Glaubensrichtungen, indem wir suggerieren, wie es auch manchmal geschehen ist, dass, wenn Sie zum Beispiel als Christ geboren wurden, die Anhänger anderer Glaubensüberzeugungen letztendlich auch Christen sind, es aber nur nicht wissen. Wir müssen sie als das anerkennen, was sie in all ihrer Integrität sind, inklusive ihres Glaubens, an dem sie mit Bedacht festhalten. Wir müssen sie als diejenigen willkommen heißen und respektieren, die sie sind, und respektvoll auf ihrem heiligen Boden unterwegs sein, im metaphorischen und im wörtlichen Sinn. Wir müssen an unserem jeweiligen und besonderen Glauben unbeirrt festhalten, und nicht so tun, als ob alle Religionen gleich wären, denn das sind sie offensichtlich nicht. Wir müssen bereit sein, voneinander zu lernen, und nicht beanspruchen, dass wir allein im Besitz der ganzen Wahrheit sind und Gott gewissermaßen in der Tasche haben.

Wir sollten in Demut und Freude anerkennen, dass die übernatürliche und göttliche Wirklichkeit, die wir alle in der einen oder anderen Form verehren, unsere jeweiligen Denk- und Vorstellungskategorien transzendiert, und dass das Göttliche – wie es auch immer genannt, wahrgenommen und empfangen wird – unendlich ist, während wir immer endlich sein werden; wir werden das Göttliche niemals endgültig begreifen. Darum sollten wir darauf bedacht sein, unsere Erkenntnisse miteinander zu teilen und willens zu lernen, zum Beispiel von den Techniken des spirituellen Lebens, die in anderen Religionen als unserer Religion vorhanden sind. Es ist interessant, dass die meisten Religionen einen transzendenten Bezugspunkt besitzen, ein Mysterium tremendum, das sich zu erkennen gibt, indem es sich selbst der Menschheit offenbart; die transzendente Wirklichkeit barmherzig ist und sich kümmert; die Menschen irgendwie Geschöpfe dieser höchsten, überweltlichen Wirklichkeit sind, mit einer Bestimmung, die auf ein ewiges Leben hofft, das in einer engen Verbindung mit dem Göttlichen gelebt wird, entweder völlig darin aufgehend, ohne Unterschied zwischen Geschöpf und Schöpfer, zwischen dem Göttlichen und dem Menschen, oder aber in einer wundervollen Vertrautheit, die jedoch die Unterscheidung zwischen diesen beiden Ordnungen der Wirklichkeit beibehält.

Wenn wir die klassischen Schriften der unterschiedlichen Religionen zu den Themen Gebet, Meditation und Mystik durchlesen, dann werden wir grundlegende Konvergenzen finden, und das ist etwas, das uns erfreuen kann. Es gibt genug Dinge, die dafür sorgen, dass wir uns trennen; lassen Sie uns das feiern, was uns vereint, was uns allen gemeinsam ist.

Es ist gut zu wissen, dass Gott (gemäß der christlichen Tradition) uns alle nach seinem Bild geschaffen hat (nicht nur die Christen). Dadurch hat er uns allen einen unendlichen Wert verliehen. Es ist gut zu wissen, dass Gott mit der gesamten Menschheit einen Bund geschlossen hat, was in dem Bund zum Ausdruck kommt, den er mit Noah geschlossen hat, als Gott versprach, dass er seine Schöpfung kein zweites Mal durch Wasser zerstören werde. Wir können uns gewiss darüber freuen, dass das ewige Wort, der Logos Gottes, jeden erleuchtet – nicht nur Christen, sondern jeden, der in diese Welt kommt. Dass das, was wir den Geist Gottes nennen, keine christliche Domäne ist, denn der Geist Gottes existierte bereits lange, bevor es Christen gab, er inspirierte und erzog Frauen und Männer in den Wegen der Heiligkeit, brachte sie zur Reife, ließ das jeweils Beste in allen reif werden.

Wir haben Recht und Ehre unseres Gottes nicht im Blick, wenn wir zum Beispiel leugnen, dass Mahatma Gandhi eine wirklich große Seele war, ein heiliger Mann, der seinen Weg mit Gott ging. Unser Gott wäre viel zu klein, wenn er nicht auch der Gott Gandhis wäre: Wenn Gott Einer ist, wie wir glauben, dann ist er der einzige Gott aller seiner Menschen, ganz gleich, ob sie ihn als solchen anerkennen oder nicht. Gott hat es nicht nötig, dass wir ihn beschützen. Aber für viele unter uns ist es notwendig, unser Bild von Gott zu vertiefen und auszuweiten. Es wird oft, beinahe scherzhaft, gesagt, dass Gott den Menschen nach seinem eigenen Bild erschuf und dass der Mensch diese Würdigung zurückgab, indem er Gott seine engstirnigen Vorurteile und Ausschließlichkeitsansprüche, seine Schwächen und angeborenen Eigenarten aufbürdete. Gott bleibt Gott, ganz gleich, ob er Verehrer hat oder nicht.

Die Konferenz in Birmingham, zu der ich eingeladen wurde, ist eine christliche Veranstaltung, und wir werden den Anspruch hervorheben, dass Christus einzigartig und der Retter dieser Welt ist, in der Hoffnung, dass wir unsere Glaubensüberzeugungen auf eine Art und Weise leben werden, die tatsächlich eine Empfehlung für unseren Glauben ist. Aber viel zu oft konterkariert unser Handeln unser Bekenntnis. Wir sollen den Gott der Liebe verkünden, aber wir haben uns als Christen schuldig gemacht, weil wir Hass und Misstrauen gesät haben. Wir loben den, den wir den Fürst des Friedens nennen, und doch haben wir als Christen mehr Kriege geführt, als wir im Gedächtnis behalten können. Wir haben für uns in Anspruch genommen, eine Gemeinschaft der Barmherzigkeit, der Fürsorge und des Teilens zu sein, aber als Christen billigen wir oft sozio-politische Systeme, die dem zutiefst widersprechen, in denen die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden und wo wir anscheinend einen mörderischen Konkurrenzkampf gutheißen, so unbarmherzig, dass er eigentlich nur in den Urwald passt.

3

Tutus ausführlichste theologische Darlegung im Blick auf eine religionsübergreifende Toleranz findet sich in einem Vortrag vor Christen, den er 1992 in Erinnerung an den römisch-katholischen Erzbischof von Kapstadt, Stephen Naidoo, hielt, mit dem er in den achtziger Jahren eng zusammengearbeitet hatte, um die Konflikte in dieser Stadt zu entschärfen.

Viele Christen glauben, dass sie ihr Mandat für einen Ausschließlichkeitsanspruch aus der Bibel ableiten können. Jesus hat gesagt, niemand kommt zum Vater außer durch ihn, und in der Apostelgeschichte können wir nachlesen, wie verkündigt wird, dass es keinen anderen Namen unter dem Himmel gibt, in dem wir gerettet werden können (Joh 14,6; Apg 4,12). Diese Abschnitte scheinen kategorisch genug zu sein, um jede Diskussion überflüssig zu machen. Aber ist das alles, was die Bibel sagt, also an keiner Stelle etwas über die Offenheit und Universalität, und erscheint die Exklusivität angemessen, angesichts der menschlichen Geschichte und Entwicklung?

Glücklicherweise finden sich für diejenigen, die sagen, dass das Christentum keinen exklusiven und proprietären Anspruch auf Gott hat, als ob Gott tatsächlich ein Christ wäre, reichlich biblische Belege, die ihre Haltung unterstützen. So ordnet das Johannesevangelium, in dem Jesus sagt, er sei der einzige Zugangsweg zum Vater, ihm bereits ganz am Anfang einen wesentlich universelleren und überraschenderen Anspruch zu: als das Licht, das alle erleuchtet, nicht nur die Christen (Joh 1,9). Im Brief an die Römer betont Paulus, dass jeder als unter die Sünde verdammt vor Gott dasteht – Juden und Heiden (Röm 3,9). Diese Aussage, die eine zentrale Stellung in der Lehre einnimmt, die er vermitteln will, findet sich in einem Brief, der das Hauptaugenmerk auf das Wunder von Gottes bedingungslosem Freispruch aller richtet. Gottes Gnade, die uns durch Jesus Christus freigebig zu Teil wird, wäre nicht vertretbar, wenn es im Blick auf die Sünde keine Universalität gäbe. Bei der Sünde geht es, so Paulus, um ein vorsätzliches Zuwiderhandeln gegen das Gesetz Gottes. Das Problem ist dabei nicht der Jude, der die Thora empfangen hat und sie andauernd verletzt. Wie sieht es mit dem Nichtjuden aus, dem Heiden, der eines göttlichen Gesetzes, das er brechen könnte und damit verdientermaßen unter dem göttlichen Urteil stehen würde, beraubt zu sein scheint? Wenn er kein Gesetz empfangen hat, dann kann er ja offensichtlich nicht des Fehlverhaltens gegenüber Gott für schuldig befunden werden. Paulus führt dazu aus, auch der Nichtjude habe ebenfalls ein Gesetz erhalten, das in seinem Gewissen wohnt (Röm 2,15). Jedes menschliche Geschöpf Gottes besitzt die Fähigkeit, etwas von Gott zu wissen, und zwar aufgrund der Hinweise, die Gott in seiner Hände Werk hinterlassen hat (Röm 1,18-20). Das ist die Basis für die natürliche Theologie und für das Naturrecht. Immanuel Kant sprach in diesem Zusammenhang vom kategorischen Imperativ. Jedes menschliche Geschöpf besitzt einen Sensor dafür, dass manche Dinge getan werden sollten, andere Dinge dagegen nicht. Hier handelt es sich um ein universelles Phänomen – unterschiedlich ist dabei nur der Inhalt des Naturrechts. Paulus und Barnabas benutzten diese Argumentation bei ihrer Auseinandersetzung in Lystra, wo man sie für Götter hielt (Apg 14,15-17). In seiner Rede auf dem Areopag redet Paulus davon, dass Gott die gesamte Menschheit aus einem Ursprung geschaffen hat und er in jeden das Verlangen, den Hunger nach göttlichen Dingen hineingelegt hat, sodass wir alle nach Gott suchen und ihn vielleicht auch finden. Und er fügt hinzu, dass Gott nicht fern von uns ist, da alle (nicht nur Christen) in ihm leben, sich bewegen und ihr Sein haben (Apg 17,22-31). Paulus, der hier zu Heiden spricht, erklärt, dass alle Menschen Gottes Nachkommen sind.

Ein wichtiges hermeneutisches Prinzip fordert uns dazu auf, biblische Texte nicht isoliert und ohne ihren Kontext zu betrachten, sondern die Bibel zu nutzen, um die Bibel zu interpretieren, um sicherzustellen, dass unsere Interpretation durch eine Exegese aus der Bibel herausgelesen wird und nicht, aufgrund unserer besonderen Vorlieben, in die Bibel hinein. Ein ähnliches Prinzip verweist darauf, nachzuforschen, ob unsere Aussagen im Einklang mit der Offenbarung stehen, die Gott über sich selber, endgültig und umfassend (wie Christen glauben) in Jesus Christus gegeben hat.

Was ich hier versucht habe zu sagen, ist, dass der Text: »Niemand kommt zum Vater außer durch mich« nicht nur im Bezug auf den fleischgewordenen Logos interpretiert werden darf, denn es gab auch den präexistenten Logos, wie uns das Johannesevangelium deutlich macht (Joh 1,1). Das würde dann bedeuten, der Logos hat auch in seiner Existenz vor der Inkarnation die Menschen zur Erkenntnis Gottes geführt, ein Offenbarungshandeln, das dem Christentum vorausgeht. Wird nicht an den Hebräern deutlich, dass Gott zu verschiedenen Zeiten und auf unterschiedliche Art und Weise in der Vergangenheit durch die Propheten zu den Vätern gesprochen hat (Hebr 1,1)?

Ist das nicht der Fall, dann müssen wir weitere unangenehme Fragen stellen. Wessen göttliche Gesetze gelten, wo die Gesetze des christlichen Gottes es nicht tun? Welches Schicksal erlitten dann diejenigen, die lebten, bevor Jesus auf diese Welt kam? Besaßen sie überhaupt keine Erkenntnis über Gott? Wie konnten sie für etwas zur Rechenschaft gezogen werden, das sie überhaupt nicht kannten? Wie konnte man von ihnen erwarten, etwas durch Jesus Christus von Gott zu wissen, lange bevor Jesus Christus lebte? Jesus selbst hielt sich an das Gesetz und die Propheten – jenen Teil der Bibel, den wir das Alte Testament nennen – als maßgebliche Autorität. Das heißt, als Quelle der Offenbarung des Willens Gottes zu bestimmten Aspekten, so zum Beispiel, als Jesus hinsichtlich der Unauflöslichkeit der Ehe auf die Schöpfungserzählung zurückgreift (Mt 19,3-6). Er zitiert es zustimmend, wenn er diejenigen, die mit ihrem Ruf nach der Beachtung äußerlicher religiöser Bräuche eine pharisäische Grundhaltung an den Tag legen, dazu auffordert, zu entdecken, was die Aussage »Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer« bedeutet (Mt 12,7). Wie können die, die vor Jesus Christus gelebt haben, zur Erkenntnis Gottes gelangt sein, die hier ja durch ihre Vertrautheit mit dem göttlichen Willen bezeugt wird, wenn wir nicht akzeptieren, dass der Logos vor seiner Inkarnation bereits in Gottes Welt wirkte, lange bevor das Christentum das Licht dieser Welt erblickt hat?

Gott ist eindeutig kein Christ. Seine Fürsorge gilt allen seinen Kindern. Es gibt eine jüdische Erzählung, in der es heißt, dass bald nach dem Untergang der Ägypter im Roten Meer, noch während die Israeliten dieses Ereignis feierten, Gott zu ihnen sprach und sie mahnte: »Wie könnt ihr feiern, während meine Kinder ertrunken sind?«

Die Bibel lässt die Position derjenigen, die für das Christentum radikale Exklusivansprüche vertreten, noch unhaltbarer werden, wenn wir weitere Fragen stellen. Was ist mit Abraham? Hatte er eine Begegnung mit Gott, als er sich entschloss, sein Volk zu verlassen, um an einen unbekannten Ort zu ziehen? War das ein Hirngespinst, oder hat er wirklich einen Auftrag dazu empfangen? Die Existenz des Volkes Israel, letztlich auch die Existenz der christlichen Kirche und unsere Heilsgeschichte, zeigen mehr als deutlich, dass er keiner Illusion aufsaß. Und wie sieht es mit Moses aus? Ist er Gott am brennenden Dornbusch wirklich begegnet und hat er dort die Anweisung erhalten, zum Pharao zu gehen, oder nicht? Es scheint, dass diese Theophanie authentisch war, denn der Exodus hat sich ereignet und Gott gab seinem Volk die Thora, und er hat sie vierzig Jahre lang in der Wüste begleitet und sie dann in das verheißene Land gebracht. Wenn all das geschehen ist, welcher Gott war dann dafür verantwortlich, wenn nicht der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus? Wir behaupten als Monotheisten, dass es möglich war – wie in den Erzählungen über Abraham und Moses –, eine authentische religiöse Erfahrung zu machen, in der Menschen Gott begegneten, lange bevor es den christlichen Glauben gab. Das muss bedeuten, dass die Menschen irgendwie in der Lage waren, vielleicht auf eine undurchschaubare, aber auf jeden Fall der göttlichen Gnade zu verdankende Art und Weise, zu Gott zu kommen und eine echte und tiefe Beziehung zu Gott zu haben, viele Jahrhunderte vor der Ankunft Christi.

Dass Christen kein Monopol auf Gott haben, ist eine fast banale Feststellung. Sonst müssten wir die tiefen religiösen und ethischen Wahrheiten, die von solchen Persönlichkeiten wie Ezechiel, Jesaja und Jeremia dargelegt wurden, als Täuschung und Einbildung ablehnen; wir wären dann zum Beispiel bereit, die Lieder vom »leidenden Gottesknecht« über Bord zu werfen. Und wie hätte Jesus den Anspruch erheben können, dass er gekommen sei, um das, was in den nicht-christlichen Schriften und im Leben einer nicht-christlichen Gemeinschaft verkündigt und vorhergesagt wurde, zu erfüllen und nicht aufzuheben?

Und wie kann jemand auch nur hoffen, das Neue Testament zu verstehen – und damit das Christentum – ohne das Alte Testament? Wie könnte die Typologie des Neuen Testaments ihre Gültigkeit besitzen, zum Beispiel dort, wo Jesus als der zweite Adam beschrieben wird, als unser Passah, als der Sohn Davids, als der Messias, als der Fels, wenn wir nicht zugestehen, dass diese Ankündigungen, diese Vorahnungen in der alten Zeit, aus den authentischen Begegnungen mit dem Göttlichen hervorgingen? Und wie sollte es für Gott möglich sein, menschliche Wesen, alle menschlichen Wesen, nach seinem Bild erschaffen zu haben und sie nicht mit einem Sinn, einem Bewusstsein für seine Wahrheit, seine Schönheit und seine Güte ausgestattet zu haben? Wenn man das Gegenteil behauptet, dann wird damit das Vermögen des Schöpfers infrage gestellt. Die Bibel bezeugt anscheinend die realistische Position: Alle menschlichen Geschöpfe Gottes besitzen in gewissem Sinn einen göttlichen Hunger, wie er uns aus dem berühmtem Ausspruch des Heiligen Augustinus entgegentritt: »Du hast uns zu dir hin geschaffen, und ruhelos ist unser Herz so lange, bis es ausruhen kann in Dir.«

Sind wir erst einmal durch die Last der Beweise dazu genötigt, dass sich Gott vielleicht doch auf irgendeine Art und Weise dem jüdischen Volk geoffenbart hat und es diesem Volk irgendwie möglich war, zu Gott zu kommen, dann ist es nahezu unmöglich, dies als eine einmalige Ausnahme hinzustellen. Immerhin waren diese Menschen in der Lage, Nicht-Israeliten als von Gott berufen zu bezeichnen, so zum Beispiel, wenn Jesaja Assyrien »Gottes Knüppel« nennt, um seinen Zorn über sein störrisches Volk zu beschreiben, oder wenn er Kyros, einen heidnische nicht-israelitischen König, als Jahwes Auserwählten, Jahwes Gesalbten (Messias) bezeichnet (Jes 10,5; 45,1-4). Es wäre schwer, den Anklagen eines Amos oder eines Jeremia, die sie gegen heidnische Nationen erhoben, einen Sinn abzugewinnen, wenn sie nicht dadurch einen Sinn erhielten, dass sie ebenfalls in der Reichweite Jahwes waren und auch von ihnen erwartet wurde, die Forderungen Jahwes zu kennen! Es muss einfach vernünftiger sein, zu behaupten, dass Gott für seine menschlichen Geschöpfe zugänglich war – und ist – und die Menschen bereits vor dem christlichen Zeitalter echte Begegnungen mit diesem Gott hatten. Dies macht der Güte, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit Gottes sicher mehr Ehre als die entgegengesetzte Position.

Gott ausschließlich für die Christen in Beschlag zu nehmen bedeutet, Gott zu klein zu machen, und das ist im wahrsten Sinn des Wortes blasphemisch. Gott ist größer als das Christentum, und er kümmert sich nicht nur um die Christen. Er tut das, und wenn auch nur aus dem einfachen Grund, dass die Christen ziemlich spät auf der Weltbühne aufgetaucht sind. Gott war sogar schon vor der Schöpfung da, und das ist eine ziemlich lange Zeit.

Wenn die Liebe Gottes auf die Christen beschränkt ist, welches Schicksal müssen dann all die erleiden, die vor Christus existierten? Sind sie zu ewiger Verdammnis verurteilt, ohne eigene Schuld, denn so wäre es, wenn die exklusive Position bis zu ihrer logischen Konsequenz durchgehalten wird? Wenn dies der Fall wäre, würden wir uns in einer vollkommen unhaltbaren Situation befinden, mit einem Gott, der sich einer bizarren Gerechtigkeit schuldig machen würde. Es ist akzeptabler und steht im Einklang mit dem, was Gott von seinem Wesen in Jesus Christus offenbart hat und es widerspricht auch nicht unserem moralischen Empfinden, wenn wir davon sprechen, dass Gott auch jene akzeptiert, die mithilfe der besten ihnen zur Verfügung stehenden Lichtquellen leben, die durch die nobelsten Ideale geleitet werden, die sie wahrnehmen können. Es stellt keine Entehrung Gottes dar, wenn wir behaupten, dass alle Wahrheit, aller Sinn für Schönheit, alles Bewusstsein von und Verlangen nach Güte aus einer Quelle stammt, und diese Quelle ist Gott, der nicht begrenzt ist auf einen Ort, eine Zeit oder ein Volk.

Mein Gott, und ich hoffe auch ihr Gott, sitzt nicht ängstlich in einer Ecke und wartet darauf, dass eine grundlegende religiöse Wahrheit oder eine bahnbrechende wissenschaftliche Entdeckung von einem Nicht-Christen bekannt wird. Gott freut sich, wenn seine menschlichen Geschöpfe, ungeachtet ihrer Rasse, ihrer Kultur, ihres Geschlechtes oder ihres religiösen Glaubens, belebende Fortschritte in der Wissenschaft, der Kunst, der Musik, der Ethik, der Philosophie und dem Recht machen, indem sie zunehmend in der Lage sind, die Wahrheit, die Schönheit und die Güte wahrzunehmen, die von ihm ausgeht. Und wir sollten ebenfalls in diesen göttlichen Jubel mit einstimmen und uns darüber freuen, dass es solche wunderbaren Menschen wie Sokrates, Aristoteles, Herodot, Hippokrates, Konfuzius und andere gegeben hat. Ist es nicht offensichtlich, dass Christen kein Monopol auf die Tugend, die intellektuellen Fähigkeiten, auf ästhetische Begabungen besitzen? Und, o Wunder, es tut nichts zur Sache. Wird Gott dadurch entehrt, dass Mahatma Gandhi ein Hindu war? Sollten wir nicht lieber froh darüber sein, dass da eine große Seele war, die andere mit ihrer Lehre des Satyagraha2 inspirierte, die auch den Christen Martin Luther King Jr. bei seinem Kampf für die Bürgerrechte inspirierte? Müssen wir uns wirklich so der Lächerlichkeit preisgeben, indem wir behaupten, dass das, was Mahatma Gandhi getan hat, zwar gut war, aber es noch besser hätte sein können, wenn er ein Christ gewesen wäre? Welchen Beweis haben wir dafür, dass Christen besser sind? Ist oft nicht gerade der Beweis des Gegenteils so erdrückend?

Und müssen wir nicht immer wieder daran erinnert werden, dass der Glaube, dem wir angehören, weit öfter eine Sache des Zufalls und der Geographie ist und nicht der persönlichen Entscheidung? Wenn wir in Ägypten geboren wären, noch vor der christlichen Ära, dann hätten wir vielleicht als Verehrer von Isis gelebt, und wenn wir nicht in Südafrika, sondern in Indien auf die Welt gekommen wären, dann hätten wir mit ziemlicher Sicherheit als Hindu statt als Christ geendet. Es ist besorgniserregend, wenn so viel von den Launen des Schicksals abhängen soll, sofern es uns nicht maßvoller und weniger dogmatisch in unseren Ansprüchen werden lässt. Es kann nicht Gottes Wille sein, dass Menschen Christen werden, um dann scheinbar die Wetten offensichtlich geballt gegen sie laufen zu lassen und sie obendrein auch noch für ihr Versagen zu bestrafen. Ein solcher Gott ist mir zu pervers, um ihn anzubeten. Ich bin froh darüber, dass der Gott, den ich anbete, ganz anders ist.

Wir dürfen nicht den Fehler begehen, andere Glaubensüberzeugungen aufgrund ihrer weniger anziehenden Bestandteile oder Anhänger zu beurteilen. Denn es ist genauso möglich, dies bei den Christen zu tun, indem man zum Beispiel die Kreuzzüge anführt, die Gräueltaten des Holocaust oder die Exzesse der Apartheid. Aber wir wissen, dass dies äußerst unfair wäre, weil sie für uns Verirrungen, Verfälschungen und Abweichungen darstellen. Was ist mit Franz von Assisi, Mutter Teresa, Albert Schweitzer und all den anderen wundervollen und schönen Menschen und Dingen, die ebenfalls zum Christentum dazugehören? Wir sollten andere Glaubensüberzeugungen von ihrem Besten und Hervorragendsten her beurteilen, von daher, wie sie sich selbst definieren – und nicht die Pappkameraden abschießen wollen, die wir selber aufgestellt haben. Viele Christen wären erstaunt, wenn sie die sublimen Ebenen der Spiritualität kennen lernen würden, die in anderen Religionen erreicht werden, wie in den besten Beispielen des Sufismus und seiner Mystik, oder dem profunden Wissen über die Meditation und die Stille, das sich im Buddhismus findet. Es ist eine Geringschätzung Gottes, diese und andere Religionen als Irrglauben abzustempeln, was sie offensichtlich nicht sind. Wir machen uns damit ziemlich lächerlich, und unseren Glauben und unseren Gott, den wir angeblich verkünden, bringen wir damit in Misskredit. Ich bin großen Vertretern und Anhängern anderer Glaubensüberzeugungen begegnet und habe großen Respekt vor ihnen und möchte meine Schuhe ausziehen, wenn ich auf ihrem heiligen Boden stehe. Ich habe keinen Zweifel, dass der Dalai Lama zu diesen Menschen gehört, und man kann nur beeindruckt sein von seiner tiefen Abgeklärtheit und von der fundamentalen Ehrfurcht, die die Buddhisten gegenüber dem Leben erweisen und die sie zu Vegetariern macht, die sich jeder Art des Tötens enthalten und sie dazu nötigt, einen anderen mit einer tiefen Verbeugung zu grüßen, wenn sie sagen: »Der Gott in mir grüßt den Gott in dir« – ein Gruß, den wir Christen uns umso mehr zu eigen machen können, weil wir glauben, dass jeder Christ ein Tempel des Heiligen Geistes ist, ein Gottes-Träger.

Das Eingeständnis, dass andere Glaubensüberzeugungen respektiert werden müssen und dass sie ganz offensichtlich grundlegende religiöse Wahrheiten verkünden, bedeutet nun nicht dasselbe, als wenn wir sagen, dass alle Religionen das Gleiche sind. Sie sind es ganz offensichtlich nicht. Wir als Christen müssen die Wahrheiten unseres Glaubens offen, wahrhaftig und kompromisslos verkünden und wir müssen – höflich, aber unmissverständlich – dazu stehen, dass wir glauben, dass alle religiösen Wahrheiten und jede religiöse Sehnsucht ihre endgültige Erfüllung in Jesus Christus finden. Aber wir müssen anderen auch das Recht zugestehen, ihre Religion anzubieten, in der Hoffnung, dass die innere Anziehungskraft und letztgültige Wahrheit des Christentums das sein werden, was es für andere anziehend macht. Dass sie, wenn sie sehen, welche Wirkung das Christentum auf den Charakter und das Leben seiner Anhänger hat, ihrerseits Christen werden wollen, so wie in den ersten Tagen die Heiden nicht so sehr durch die Predigt, sondern durch das, was sie vom Leben der Christen wahrnahmen, angezogen wurden – und was sie schließlich verwundert ausrufen ließ: »Seht nur, wie lieb sie einander haben!«

Mir ist keine große Religion bekannt, bei der es heißt, dass die Menschen eine andere Bestimmung haben, als in einer ununterbrochenen Gemeinschaft mit dem Göttlichen zu sein, wie auch immer das definiert sein mag, ob das summum bonum