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„Einer der kühnsten zeitgenössischen arabischen Autoren.” Syria Today.
„Wenn Gott auf der Seite von al-Qaida steht, bin ich bereit, mit dem Teufel zu paktieren“, sagt Haddads Erzähler und begibt sich auf der Suche nach seinem Sohn direkt in die Hölle: Mit Hilfe der Amerikaner und des syrischen Geheimdienstes lässt er sich in den Irak einschleusen, in dem drei Jahre nach dem Einmarsch der US-Truppen die Konflikte ihrem Höhepunkt entgegensieden. Täglich sind Dutzende von Toten, größtenteils Zivilisten, zu beklagen: Opfer von Vergeltungsschlägen rivalisierender Widerstands- und Konfessionsgruppen, Opfer von Entführungen marodierender Banden, aber auch Opfer christlicher Fanatiker innerhalb der Besatzungsarmee oder von Kopfgeldjägern, die ihre Suche nach dem al-Qaida-Führer al-Zarqawi als politische Razzien bemänteln. Im Schutze seiner eigenen Neutralität – als Atheist und ehemaliger Linksradikaler, der alle Ideologien hinter sich gelassen hat – wird Haddads Held wider Willen zum fassungslosen Zeugen all dessen, was passiert, wenn die Menschlichkeit vorgeschobenen Dogmen geopfert wird. Bis er den verzweifelten, selbstmörderischen Entschluss fasst, sich selbst entführen zu lassen, um endlich zu al-Qaida und damit zu seinem Sohn vorzudringen ...
Einfühlsam und genau schildert Haddad ein persönliches Drama vor dem Hintergrund der vielleicht größten politischen Tragödie unserer Zeit. Und er zeigt, dass, wo immer Gewalt herrscht, die Linie zwischen Opfern und Tätern quer durch alle Lager – und alle Konfessionen – verläuft.
„Haddad prangert die politische Kultur seines Landes und ihre verheerenden Auswirkungen auf das Leben der Bürger an.“ Deutschlandradio Kultur.
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2013
Fawwaz Haddad
Gottes blutiger Himmel
Roman
Aus dem Arabischenvon Günther Orth
Die Originalausgabe mit dem Titel
Djunud Allah
erschien 2011 bei Riad El-Rayyes Books, Beirut.
ISBN 978-3-8412-0557-5
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die deutsche Erstausgabe erschien 2013 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
Djunud Allah © Riad El-Rayyes Books S.A.R.L, Beirut Lebanon
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Innentitel
Inhaltsübersicht
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Impressum
Inhaltsübersicht
Erster Teil
Ein anderer Weg ins Paradies
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Zweiter Teil
Botschaften aus Bagdad
Die erste E-Mail
Die zweite E-Mail
Die dritte E-Mail
Die vierte E-Mail
Die fünfte E-Mail
Die sechste E-Mail
Die siebte E-Mail
Die achte E-Mail
Die neunte E-Mail
Die zehnte E-Mail
Die elfte E-Mail
Die zwölfte E-Mail
Die dreizehnte E-Mail
Die vierzehnte E-Mail
Die fünfzehnte E-Mail
Die sechzehnte E-Mail
Die siebzehnte E-Mail
Die achtzehnte E-Mail
Dritter Teil
Am Rande der Hölle
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Nachwort
Sehen und Verstehen, darauf beruht Erinnerung. Doch der Wunsch, etwas zu sehen, ist mir vergangen, und an die Stelle von Verstehen ist bei mir Blindheit, wenn nicht Schlimmeres getreten.
In einer Zeit, wie sie bedrückender nicht hätte sein können, zwangen mich ungewöhnliche Umstände zu einer Reise in den Irak – in ein Land voller Schmerz, belagert und hungrig, erniedrigt durch Besatzung, ein Land ohne Verstand, Gerechtigkeit und Gnade, ein Land von Betrug und Verrat, ein Land, in dem man aufgrund seiner Religion, seiner Konfession oder seines Namens entführt oder ermordet werden konnte.
Als ich zurückkam, wurde mir das Geschick zuteil, mein Gedächtnis zu verlieren. Vielleicht hatte es von sich aus ausgesetzt, möglicherweise hatte ich es aber auch darauf angelegt, nichts mehr zu wissen, wohl ahnend, dass es besser für mich war, mich in einen fernen Winkel zu verkriechen, an den weder Tatsachen noch Vermutungen vordringen konnten. Wenn ich also, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre und ohne bestimmte Absicht, tatsächlich den Willen hatte zu vergessen, dann in der Hoffnung auf Schutz und Geborgenheit.
Ich weiß dennoch, dass ich in einer düsteren Erinnerung gefangen bin, die wie eine Drohung über meinem Haupt schwebt. Was mir droht, weiß ich nicht, aber ich ahne, aus welcher Richtung die Gefahr kommt. Allerdings habe ich keinen Anlass, den Tod zu fürchten. Eher schon das Leben.
Ich habe vor, in diesem Zustand zu verbleiben. Denn um nichts, was mir entgehen mag, ist es mir schade.
Ich verließ Bagdad als nahezu lebloser Körper in einem alten weißen Pick-up, auf dessen Ladefläche, abgedeckt mit einer blassbraunen, verschlissenen Plane, Sanitätsmaterial gepackt war. Mein Zustand war am Morgen noch halbwegs erträglich gewesen, hatte sich aber im Auto innerhalb weniger Stunden aufgrund der enormen Hitze und der Qual, die mir die Fliegen bereiteten, verschlechtert.
Ich stieg vom Beifahrersitz auf die Ladefläche um und legte mich unter die Plane auf eine dort befindliche altersschwache Trage. Ich spürte meine Energie und meine Widerstandskräfte schwinden. Alles Sichtbare um mich herum verblasste und begann sich in der Hitze aufzulösen. Eine einzige trostlose Farbe legte sich auf alles.
Das Auto rüttelte über die Straßen Bagdads, während ich, in den Worten des Fahrers, tapfer gegen den Tod ankämpfte – obwohl ich vor dem, wogegen ich angeblich kämpfte, bereits kapituliert hatte. Ich war zwar lebendig, aber in gewisser Weise auch schon tot. Mein Leben gab es nicht mehr. Und ich fühlte mich wohl, so tot zu sein, ich genoss das Nichtvorhandensein meines Lebens.
Ich hätte es schon damals als Wohltat empfunden, mein Gedächtnis zu löschen und es so zu versiegeln, dass auch nicht durch den kleinsten Spalt noch einmal der Horror und der Wahnsinn des von mir Erlebten Eingang in mein Bewusstsein fänden. Meine Schmerzen würden irgendwann aufhören, wenn nur mein Erinnerungsvermögen seine Zugänge verschlösse. Ich wäre nicht einmal neugierig zu erfahren, was ich erlebt hatte, ich lebte in Frieden, ich sähe nicht wieder und wieder die grauenhaften Bilder, die schon beim leichtesten Aufblitzen gnadenlose Erinnerungen verhießen, die bedrückender waren als der Tod, den ich mir wünschte, um ihnen zu entkommen.
Permanent vorbeirasende Militärkonvois brachten den Verkehr immer wieder zum Stillstand. Ich lag auf dem Rücken, und meinen trüben Blick durchzuckten blitzartig Aussetzer wie Messerstiche in den Kopf. Weit oben erschien mir durch Risse in der Stoffplane ein bedrohlich dräuender Himmel, der alles mit Anspannung und Trostlosigkeit zudeckte, und in meinen Ohren hämmerte eine dröhnende Stille voll glimmender Hitze. Am Heck des Autos, auf dem ich lag, gab die Plane den Blick auf eine von Transparenten gesäumte Straße frei, welche ein ums andere Mal vom Tod eines Menschen kündeten. Manche Namen waren in Weiß auf schwarzen Stoff geschrieben, andere in schwarzer Schrift auf weißen Stoff. Tote, so weit das Auge reichte, jeder von ihnen als Märtyrer betitelt. Ich war im Land der Märtyrer.
Mich überkam das Gefühl eines mal rasch, mal langsam sich nähernden Todes, ich spürte ihn in mir, ich sah ihn in der Luft und den Staubwolken, er kreiste über mir wie ein anschwellender fester Schatten, der sich des Raumes und des Atems bemächtigte. Etwas würde gleich passieren, etwas lauerte, jeden Moment würde eine ohrenbetäubende Explosion alles Sichtbare hinwegfegen, nur Rauch und Trümmer würden bleiben, Schrott, Ruß, brennende Überreste, blutende Körper, Fleischfetzen und Knochenteile, Blutrot würde anstelle des grellen Lichts treten. Es waren nur Visionen, aber sie waren intensiver als jede Tatsache.
Wir gelangten erst aus Bagdad und seinen Vorstädten hinaus, nachdem wir an zahlreichen amerikanischen und irakischen Kontrollposten angehalten und uns an Betonbarrieren vorbeigeschoben hatten. Wir fuhren durch Straßen, auf deren Gehwegen sich Männer und Jungen jeden Alters drängten, aber keine Frauen. Die Feuchtigkeit und der Gestank von aufgetürmtem Müll und offenen Abwasserkanälen erschwerten das Atmen. Das Dröhnen der Autos vermischte sich mit dem Lärm aus Kassettenrekordern, den Rufen fliegender Händler, die auf offenen Handkarren Essen verkauften, und denen von Kindern, die an Ständen Limonade, Naschwerk, Süßigkeiten, Zigaretten, Socken und CDs mit Tanzliedern, Korangesängen und Anleitungen zu frommen Riten ebenso feilboten wie Videos von Hinrichtungen und Anschlägen.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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